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Die Flusspiraten des Mississippi 36

die-flusspiraten-des-mississippiFriedrich Gerstäcker
Die Flusspiraten des Mississippi
Aus dem Waldleben Amerikas

36. Die Entscheidung

Adele schritt rasch ihrem schwarzen Begleiter voran, und sie erreichten in demselben Augenblick die Frontstreet, als der Richter von Porrel Abschied genommen hatte und die Elmstreet hinauf seinem Haus zu­eilen wollte. Obwohl er die junge Dame nun freilich lieber gemieden hätte, so ging das doch nicht an. Sie hatte ihn schon gesehen und kam rasch auf ihn zu. Da blieb sie plötzlich stehen und schaute die Straße zum Ufer hinunter. Scipio starrte ebenfalls dorthin und schlug die Hände in lauter Verwunderung zusammen. Als der Squire ihrem Blick mit den Augen folgte, sah er eben noch, wie dicht am Ufer ein Pferd mit seinem Reiter zusammenbrach und dieser weit hinweggeschleudert wurde. Von allen Seiten eilten Menschen herbei, ihm beizustehen. Der Mann aber, ob­wohl von dem gewaltigen Sturz etwas betäubt, raffte sich doch schnell wieder auf und warf den Blick scheu im Kreis umher. Dort aber musste er wohlbekannte Gesichter sehen, denn Dayton bemerkte, wie er dem einen die Hand reichte und ein paar Worte mit ihm wechselte und wie dieser dann auf die Stelle deutete, wo er selber stand.

Dayton erschrak, es lag etwas Unheimliches in dem Benehmen des Reiters, der nicht einmal nach dem gestürzten Tier zurückschaute, son­dern nur weiterstrebte, als ob er etwas Entsetzliches hinter sich wisse, vor dem er fliehen müsse.

Der Richter ging ihm ein paar Schritte entgegen und blieb, als er ihn erkannte, wie festgewurzelt stehen. Es war Peter, bleich und mit Blut be­deckt, die Kleider zerrissen und beschmutzt, ohne Hut und das Haar wirr um den Kopf hängend. Die kaum geheilte Narbe auf der Wange glühte. Dayton hätte ihn kaum wiedererkannt.

»Captain Kelly«, stöhnte der Mann, als er ihn jetzt erreichte und den Blick scheu zurückwarf, ob auch der, dem die Worte galten, sie allein vernähme. »Rettet Euch – die Insel ist genommen.«

»Bist du rasend?«, rief der Richter und trat entsetzt zurück, »rasend oder trunken?«

»Gift und Verdammnis!«, zischte der Narbige durch die zusammengebis­senen Zähne, »ich wollte, ich wäre es und spräche eine Lüge. Ein Dampf­boot landete dort heute Morgen. Bei allen tausend Teufeln, da unten kommt es schon um die Spitze, ich habe Euren Fuchs totgeritten, und trotz­dem sind sie schon so dicht hinter mir.«

»Alles verloren?«, rief Dayton und sah den Unglücksboten mit stierem Blick an.

»Alles!«, stöhnte dieser.

»Und Georgine?«, fragte der Captain.

»Sie verließ heute vor Tag in Eurer Jolle die Insel!«

»Allmächtiger Gott, Dayton, was ist dir? Du bist totenbleich«, rief die in diesem Augenblick herbeieilende Adele. »Die ganze Stadt scheint in Aufruhr zu sein. Mr. Cook und Tom Barnwell sollen verhaftet sein – eine Menge fremder Menschen ziehen bewaffnet durch die Straßen.«

»Fort von hier, Adele«, sagte der Richter und bemühte sich, ruhig zu bleiben. »Fort – dies ist nicht dein Platz – Scipio, geleite sie wieder nach Hause. Ja, was ist das?«

Die Erde schien plötzlich von den donnernden Hufen heransprengen­der Pferde zu beben – die Straße herunter stürmte es in wilder Eile. Reiter auf Reiter jagte heran, die Frontstreet herunter und über den Platz hin, dem Gefängnis zu. Es waren die Hinterwäldler, in Jagdhemden und Mokassins, die langen Büchsen auf der Schulter, die Messer an der Seite.

Wie ein Ungewitter stürmten sie herbei, der gehende Jagdruf, scharf hinaustönend wie der Schlachtschrei der Indianer, sammelte sie auf dem freien Platz vor den Häusern, und ganz Helena schien sich jetzt um sie sammeln zu wollen.

Adele schmiegte sich ängstlich an den Richter. James war der Anführer der Schar, und sein Befehl sandte einen Teil der Reiter hinauf und hinab in die Stadt.

Der Squire stand regungslos, von tausend auf ihn eindrängenden Ge­fühlen bestürmt. Dort, fast neben ihm, lag das Boot, das ihn der Rettung entgegenführen konnte. Die Schornsteine qualmten, das Öffnen der Ven­tile, die den Dampf mit wildem Rauschen ins Freie ließen, bewies deutlich die Ungeduld des Ingenieurs. Die schnellen Schläge der Glocke mahnten zur Abfahrt. Bolivar drängte sich in diesem Augenblick zu ihm hin.

»Massa«, flüsterte er leise, »der Kapitän vom Dampfer lässt Euch sagen, er müsse fort – er könne nicht länger warten.«

»Ha – Squire Dayton!«, rief James Lively, dessen Blick, durch das lichte Kleid der jungen Dame angezogen, den Richter erkannte. Er ritt noch das Pferd, das ihm Adele gebracht hatte, und sein Schenkeldruck trieb es rasch dem Platz zu, wo Dayton stand.

»Squire!«, sagte er hier, während er rasch von seinem schnaubenden Tier herabsprang und tief errötend die junge Dame grüßte. »Squire, es sind heute Morgen wunderliche Dinge in Helena vorgegangen. Wir hatten die Nachbarn aufgeboten, dem Gesetz, wo es Hilfe braucht, beizustehen. Cook eilte zu diesem Zweck voraus, und wie ich jetzt höre, ist er verhaftet worden.«

»Mr. Lively«, sagte der Squire, und sein Herz klopfte, als ob es ihm die Brust zersprengen wollte – nur Zeit jetzt gewinnen, nur wenige Minuten Zeit. »Cooks wilder Hitzkopf hatte sich allein das zuzuschreiben. Ich musste ihn fast mehr noch seiner eigenen Sicherheit wegen verhaften lassen als eines anderen Grundes wegen. Das alles hat sich jetzt jedoch erledigt, und da nun auch nichts weiter vorliegt, will ich selbst hinauf­gehen und ihn in Freiheit setzen.«

»Möchte kaum nötig sein, Sir«, sagte lächelnd der junge Hinterwäldler, »Vater ist dorthin aufgebrochen und wird ihn wohl mitbringen – wahr­haftig, ich glaube, dort kommen sie schon.« Er richtete sich rasch auf, und in der Tat sprengten eben einzelne Reiter, mit Cook und Tom Barnwell in ihrer Mitte, vom Platz her die Straße heran. Der Squire beugte sich schnell zu seinem Diener hinüber.

»Bolivar«, flüsterte er, »hinauf, und bringe Mrs. Dayton hin aufs Boot! Leben und Freiheit hängen von deiner Eile ab.«

»Squire, wir haben eben den Grauen Bären gestürmt«, wandte sich James wieder an diesen, »aber das Nest ist leer! Unser Geheimnis ist ver­raten – die Bande hat …«

Ein lauter Ruf des Entsetzens, den Bolivar in Furcht und Staunen aus­stieß, unterbrach ihn. Der Schwarze, schon im Begriff, den ihm gegebenen Befehl zu erfüllen, hatte aber auch Ursache, zurückzuschrecken, denn dicht vor ihm, den alten schwarzen Filzhut abgeworfen, das bleiche Ge­sicht von dunklen Locken wirr umgeben, stand ein Knabe und hob lang­sam die Hand gegen den Richter auf.

»Georgine!«, stöhnte der Piratenhäuptling, und das Blut wich aus seinen Wangen.

»Dayton«, bat Adele in Todesangst, »was um Himmels willen ficht dich an – was bedeutet dies alles?«

»Hahahaha!«, lachte mit schneidendem Hohn Georgine und richtete sich stolz hoch – sie hielt in diesem Augenblick Adele, die sie früher noch nicht gesehen hatte, für des Richters Gattin. »Richard Kelly, der Mörder, fürchtet, die eine seiner Frauen zu begrüßen, weil die andere danebensteht. Herbei ihr Leute, herbei!«

»Wahnsinnige!«, rief Dayton und ergriff rasch ihren Arm.

»Zurück von mir!«, schrie aber das junge Weib in wilder Wut. »Wahn­sinnig? Ja, ich bin wahnsinnig, aber du – du hast mich dazu gemacht. Her­bei, ihr Farmer, herbei, ihr Männer von Helena, herbei! Der, der hier vor euch steht als Richter und Squire, der, der jahrelang in eurer Mitte gelebt hat – wie sich die Schlange im stillen Haus, in der Nähe der Menschen ihr Nest sucht.

»Georgine!«, rief Dayton entsetzt.

»… ist Kelly! Der Häuptling der Piraten! Der Herr jener Räuberinsel! Und ich – ich bin sein Weib!«

Der schwache Körper konnte die Aufregung, den Schmerz, die Wut nicht länger mehr ertragen, bewusstlos sank Georgine zurück und wäre zu Boden gestürzt, hätte nicht James sie in seinen Armen aufgefangen.

Dayton stand starr und regungslos da, er hatte die Worte, die sein Todesurteil sprachen, gehört wie einer, der einem fernen Ton lauscht. So­lange der Blick Georgines auf ihm haftete, war er nicht imstande, sich zu regen. Jetzt aber durchzuckte ihn wie mit wilder, zündender Glut das Bewusstsein der Gefahr, in der er schwebte. Jetzt war jede Verstellung zwecklos, der letzte Augenblick erschienen, die Maske gefallen.

»Fasst den Räuber – lasst ihn nicht entkommen!«, schrie es von allen Sei­ten, und Adele trat unwillkürlich erschrocken von ihm zurück. James aber, der ihm Nächststehende, wurde dadurch, dass er Georgine hielt, am Vor­springen gehindert und war auch durch das Überraschende und Fürchter­liche dieser Anklage so betäubt, dass er kaum wusste, ob er wache oder träume. Während aber jetzt von allen Seiten Männer herbeieilten, Farmer und Bootsleute, die bis dahin offen getragenen oder verborgenen Waffen gezogen, riss Kelly zwei kleine Doppelpistolen aus den Taschen.

»Verloren!«, schrie er mit heiserer Stimme, »verloren, und verdammt! Herbei denn, Piraten, herbei! Schart euch um euren Anführer!« Und die ersten Angreifer, die ihm entgegenstürmten, fielen, von den nur zu sicher gezielten Kugeln durchbohrt. Die Nachfolgenden fuhren überrascht zu­rück, denn rechts und links tauchten Feinde auf, auch hinter ihnen knallten Pistolenschüsse und blitzten Messer, und für einen Augenblick wussten sie nicht, wer Freund und Feind war, gegen wen sie kämpfen sollten.

Das Signal war gegeben, in allen Teilen der Stadt wurde es beantwor­tet. Aus den Straßen kamen eilenden Laufes wilde, trotzige Gestalten – die Boote spien sie aus, mit Büchsen, Äxten und Messern. Besonders auf dem kleinen Segelboot, das dicht vor dem Dampfboot lag, wurde es leben­dig, und Cotton und Sander, von jubelnden Piraten gefolgt, sprangen an Land.

Der Kapitän der Van Buren sah erstaunt die plötzlich überall auf­tauchenden Scharen und fürchtete nicht mit Unrecht für die Sicherheit seines Bootes. Rasch gab er den Befehl, die Taue zu kappen und die Plan­ken einzuziehen, während die Klingel des Lotsen den Ingenieur zum Be­reitsein mahnte. Wohl kam ebenso schnell die Antwort zurück, und die Matrosen sprangen an ihre Plätze, aber es war zu spät.

»An Bord, Boys!«, schrie die donnernde Stimme des Piratenhäuptlings, »entert das Dampfboot – an Bord!«

Die Matrosen, die sich schon niedergebeugt hatten, die Planken zu fassen und einzuziehen, wurden von den bereits an Bord befindlichen Piraten rasch zur Seite gestoßen. Im nächsten Augenblick stürzten von allen Richtungen her dunkle Gestalten über die Bretter. An den Seiten des Bootes und aus Kähnen kletterten sie herauf, und während noch ein Teil der Verbrecher am Ufer Front gegen die jetzt vorstürmenden Far­mer machten, bemächtigten sich andere des ganzen Dampfbootes, rannten auf das Deck hinauf und eröffneten von hier aus ein tödliches Feuer gegen die mehr und mehr sie umzingelnden Verfolger.

Georgine, wenn auch für den Augenblick von ihren Gefühlen und der Aufregung betäubt, raffte sich jetzt wieder auf. James aber sah sich kaum von seiner Last befreit, als er auf Adele zusprang und sie rasch aus dem Getümmel, wo ihr Leben ja von allen Seiten bedroht war, herausführte. Hier traf er glücklicherweise Cäsar und Nancy, die gerade im Begriff gewesen waren, mit Koffern und Schachteln der Van Buren zuzueilen, und übergab ihnen das arme Mädchen, das nach dem eben Erlebten wil­lenlos alles mit sich geschehen ließ.

Dann aber sammelte auch der wohlbekannte, scharf ausgestoßene Jagd­ruf die seinen, mit denen er sich, von Cook, Smart und dem Virginier unterstützt, in wildem Ansturm auf die Feinde warf. Diese, von allen Seiten bedrängt, behielten natürlich keine Zeit, die abgeschossenen Ge­wehre wieder zu laden, und suchten die Angreifer nun mit Messern und Büchsenkolben zurückzudrängen. Dabei zogen sie sich nach und nach auf das Boot zurück. Der Raum, den sie verteidigen mussten, wurde immer kleiner, das Gewehrfeuer vorn Boot aus immer vernichtender, und fast alle Farmer waren verwundet, während Kelly, in der Linken sein breites Bowiemesser, in der Rechten den Lauf einer abgebrochenen Büchse, Tod und Verderben um sich her verbreitete.

Oben auf dem Deck stand Sander und jubelte, während er sein Ge­wehr zwischen die am Ufer kämpfenden Farmer abschoss.

»Hurra, Boys! Kommt an Bord – Anker gelichtet, der Freiheit entgegen!« Aus einem inzwischen rasch in den Fluss hinausgeruderten Boot sprang ein Mann und schwang sich auf das Steuer der Van Buren.

»An Bord!«, schrie Kelly, »an Bord, ihr Leute, kappt die Taue!«

»Hierher – Ihr Rächer – hierher!«, rief eine weibliche Stimme, und Georgine, den Tomahawk eines der Gestürzten in der Rechten, sprang auf die Kämpfenden zu.

James, dessen Absicht es jetzt war, die Planke zu gewinnen, damit er denen, die am Ufer standen, den Rückzug zum Dampfboot abschneiden und den Piratenführer womöglich lebend fangen könne, sprang in das Wasser und wollte das Boot schwimmend erreichen, da trafen ihn zwei Kugeln, und er versank in den Fluten. Cook warf sich indessen, von Mills und Smart unterstützt, auf den Kern der Kämpfenden, wo Kelly die seinen antrieb, auf das Boot zu flüchten, während er selbst ihren Rück­zug decken wollte.

Der Virginier hatte sich indessen besonders Kelly zum Angriff aus­ersehen.

»Teufel!«, schrie er und warf sich ihm mit keckem Sprung entgegen, »die Stunde der Vergeltung ist gekommen, fahre zur Hölle!« Und mit seinem Messer führte er einen Streich nach dem Piraten, der sein Schicksal sicher besiegelt hätte. Doch Bolivar fiel dem Mann in den Arm, umfasste ihn und schlug ihm mit der Faust so gewaltig gegen die Stirn, dass Mills bewusstlos hintenüberstürzte. Kelly sprang auf die Planke – die Taue waren gekappt, das Boot lag frei, und die Schaufelräder fingen an, sich zu drehen. Ein Kolbenschlag warf Jonathan Smart, der überdies auf dem durch Blut schlüpfrig gewordenen Holz ausglitt, in den Fluss hinunter. Der Piraten­führer schien gerettet!

Da drang ein gehender Schrei an sein Ohr.

»Mein sei die Rache!« Und Georgine, in wilder, alles um sich her vergessender Wut, stürzte sich ihm mit funkelnden Augen entgegen. Fast unwillkürlich zuckte Kellys Hand empor, und das Bowiemesser drang im nächsten Augenblick in die Schul­ter des Weibes – Georgine war zu Tode getroffen, aber fallend ergriff sie die Knie des Verräters. Während sich dieser bemühte, das gefährdete Gleichgewicht zu bewahren, sprang Cook vor, schlug den Schwarzen zu Boden, deckte sich gegen den nach ihm geführten Hieb eines der Verbrecher, ergriff mit der Linken den Piratenführer und stieß ihm sein breites Messer in die Brust. Eine Kugel streifte seine Schulter, aber er wankte und wich nicht. Als die Planke von dem zurückgleitenden Boot in den Fluss stürzte und alle in dem hoch aufschlagenden Wasser versanken, hielt er sich krampfhaft an Kelly geklammert und musste zusammen mit dem Leichnam ans Ufer gezogen werden.

Während das Boot eilig vom Land abstieß, war plötzlich ein lauter Schrei vom menschengedrängten Deck zu hören. Aller Augen richteten sich dorthin.

Der alte, ebenfalls aus zwei tiefen Wunden blutende Lively, der seinen Sohn James gerade ans Ufer gezogen hatte, rief er­staunt aus: »Flawes – bei Gott!« Im nächsten Augenblick stürzten aber auch schon zwei fest zusammengeklammerte Gestalten von der nicht unbeträchtlichen Höhe des Decks herab in den aufgewühlten Strom, während von allen Seiten Boote abstießen, die wütenden Kämpfer aufzunehmen.

Kaum hatte aber die Van Buren die Landung verlassen, als die Black Hawk, das Deck mit Soldaten gefüllt, unter dem raschen Anschlagen der Glocke heranfuhr.

»Feuert, dass die Kessel rot werden, Boys«, rief Kapitän Colburn vom Deck herunter, »den Burschen da vorn müssen wir einholen – hurra für Old Kentucky!«

Rasch an den weiter oben liegenden Flatbooten vorbei glitt die Black Hawk, wie der Vogel, dessen Namen sie trug. Die Feuerleute schürten mit ihren mächtigen Eisenstangen die Glut, die Soldaten und Mannschaf­ten trugen Holz und Kohlen herbei, und die Maschine gab ihr Äußerstes. Aber die Black Hawk war ein altes, die Van Buren dagegen ein neues und fast das schnellste Boot des Mississippi. Wie ein Pfeil schoss sie eine kurze Strecke den Strom hinauf, dann fiel ihr Bug vor der Flut ab. Von Helena aus konnte man das von Menschen überfüllte Deck sehen, und lau­ter Jubel scholl von dort herüber. Mit ungewöhnlicher Schnelligkeit durch­schnitt das Boot die Flut. Der Dampf jagte die Räder in rasendem Wirbel­schwung um ihre Achsen, die Piraten schleppten Fett und Öl herbei und schütteten es unter die Kessel, während sich zwei Männer an die Ventile hängten, um selbst der kleinsten Menge Dampf den Ausgang zu verweh­ren. Es galt ja, nicht allein dem Feind zu entgehen, sondern einen ausreichenden Vorsprung zu gewinnen, um nicht Gefahr von anderen Booten fürchten zu müssen.

Aber wo war der Mann, der diese zuchtlose Schar hätte in Ordnung halten können? Wer verstand die Leitung dieser Maschinen, um die Sicher­heit ihrer Kraft zu bestimmen? Nur wilde Flucht war der Gedanke der Piraten.

Die Maschine arbeitete, Holz lag noch an Bord, die Kessel glühten, vorn am Bug zischte der gelbe Schaum empor, und weit zurück hatten sie schon die Verfolger gelassen. Fast war die Landspitze erreicht, die sie ihren Blicken entzog, und dort vor ihnen lag der weite ruhige Strom, der sie der Freiheit entgegenführen sollte. Noch leuchtete die Sonne hoch am Himmel, und wenn sie unterging, wenn dunkle Nacht … Da ließ ein gewaltiger Stoß das stolze Boot erbeben! Weißer, siedender Qualm quoll aus den Seiten des Decks, zerrissene Menschenleiber und Bootstrümmer wurden emporgeschleudert und stürzten nach kurzem schauerlichem Flug schwerfällig auf die Wasserfläche nieder. Das halbe Boot war im Fluss verschwunden, aber verzweifelt kämpften noch viele Männer mit den Wogen, während die Black Hawk heranbrauste.

In Helena stieg, als man von dort aus die Explosion des Piratenbootes sah, aus hundert Kehlen ein Jubelruf und mischte sich mit dem Angst­schrei und Todesröcheln der Verbrecher. Die Feinde waren vernichtet, die Insel war von der Black Hawk gestürmt, und was nicht im Kampf den Tod gefunden hatte, wurde gefesselt an Bord gebracht. An der Landung von Helena aber suchten weinende Frauen und Mädchen unter den To­ten ihre Verwandten und Freunde, und ernste Männer trugen die ver­wundeten Kameraden in die nächsten Häuser hinauf.

Wer aber waren die beiden, die noch immer miteinander ringend aus dem Wasser gezogen worden waren? Das Volk sammelte sich um sie, und manche wollten mit Hand anlegen und die Feinde trennen. Tom Barnwell, der eine von ihnen, hatte aber sein Opfer zu fest und sicher gepackt, und wenn auch dieses in verzweifelter Wut gegen ihn ankämpfte und Nägel und Zähne in das Fleisch seines überlegenen Siegers schlug, so schien der die Wunden kaum zu fühlen, viel weniger zu beachten.

»Zurück!«, rief er, »gleicher Kampf und einer gegen einen. Der hier ist mein – bei dieser rechten Hand habe ich es geschworen.«

»Hallo, Tom«, rief ihn hier ein Bekannter an, »will ihm die Beine ein bisschen heben, dass er es bequemer hat.«

»Zurück da, Bredshaw – zurück!«, schrie aber der junge Bootsmann, »hinaufschleifen will ich ihn, wenn die Bestie nicht mehr gehen kann, aber kein Mann soll weiter Hand an ihn legen.«

Der Bootsmann schleppte sein Opfer die Straße hinauf zum Haus des Richters. Einige Männer folgten ihm, aber er sah sie nicht, nur vorwärts – vorwärts – vorwärts strebte er. »Marie, ich bringe ihn dir – ich bringe ihn dir«, stieß er mit zusammengebissenen Zähnen hervor. Jetzt erreichte er das Haus, niemand war in dem Vorsaal, die Haustür nur angelehnt. Adele aber hatte, selbst kaum stark genug, sich aufrecht zu halten, die über den Kampf zu Tode erschrockene Hedwig hinauf in ihr Zimmer geführt, da sie das Grässlichste noch nicht hören, noch nicht erfahren sollte. Unten aber in dem kleinen kühlen Gemach, das man erst heute der Kranken angewiesen hatte, an dem Lager, auf dem eine bleiche Mädchengestalt ausgestreckt lag, standen zwei Frauen, Mrs. Smart und Nancy, und der Ersteren liefen, während sie mit gefalteten Händen vor sich niedersah, die hellen Tränen über die Wangen hinunter, indes Nancy zu Füßen des Bettes kauerte, die großen dunklen Augen fest und ängstlich auf die Tote gerichtet.

»Ich bringe ihn, Marie – ich bringe ihn!«, schallte die wilde Stimme des Rasenden in das Zimmer der Toten. Und mit gewaltigem Griff, dem selbst der in verzweifelter Angst sich sträubende Verbrecher nicht widerstehen konnte, riss er den Verräter in den schmalen Hausgang und in die erste offene Tür, die er erreichte.

Mrs. Smart und Nancy stießen einen Schrei der Angst und Über­raschung aus, und Tom, der den Verbrecher nachschleppte, starrte ver­wundert umher. Sein Blick flog über die beiden entsetzt zu ihm aufsehen­den Frauen, über das ganze Gemach, über die dicht verhangenen Fenster hin, durch die nur hier und da ein einzelner schimmernder Strahl hinein­drang. Es war, als ob er jemanden suche und sich doch fürchtete, nach ihm zu fragen. Da sah er das Bett, das in der dunklen Ecke stand.

Der Bootsmann zuckte, wie von einer Kugel getroffen, zusammen. Er sah nichts mehr als jene blasse, rührende Gestalt. Der Griff seiner Hand ließ fast unbewusst nach, Sander aber, den vielleicht nie wiederkehrenden Augenblick zur Flucht benutzend, schlüpfte unbeachtet rasch aus der Tür und ins Freie.

Tom sah ihn nicht mehr, er trat auf das Bett zu und schaute lange still und ernst in das liebe bleiche Gesicht. Viele, viele Minuten stand er so. Kein Laut entfuhr seinen Lippen, kein Seufzer seiner Brust, und die Frauen wagten kaum zu atmen, sie konnten es nicht übers Herz bringen, ihn zu stören.