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John Sinclair Classics Band 6

Jason Dark (Helmut Rellergerd)
John Sinclair Classics
Band 6
Friedhof der Vampire

Grusel, Heftroman, Bastei, Köln, 21. 11. 2017, 66 Seiten, 1,80 Euro, Titelbild: Ballestar
Dieser Roman erschien erstmals am 07. 05. 1974 als Gespenster-Krimi Band 34.
www.john-sinclair.de
Kurzinhalt:
Geisterjäger John Sinclair ist nach Bradbury gekommen, wo er im nahe gelegenen Sumpf ein altes, mysteriöses Gasthaus untersuchen will. Als der Konstabler von Bradbury dies hört, warnt er den Scotland Yard-lnspektor.

»Sir, dort hausen Gespenster, Dämonen, Vampire. Niemand von uns traut sich nur in die Nähe des Gasthauses. Es ist viel zu gefährlich. Nachts kommen die Kreaturen aus ihren Särgen und schweben über dem Sumpf. Sie glauben mir nicht, wie?«

John zuckt nur mit den Schultern. »Die Menschen erzählen viel. Aber Sie haben meine Neugier geweckt, Konstabler. Ich werde mir dieses verlassene Gasthaus mal ansehen.«

»Um Himmels willen, Sir. Sie laufen in den Tod!«

Leseprobe:

Mit einer entschlossenen Bewegung schob John Sinclair den dunkelroten Vorhang zur Seite.

»Kommen Sie ruhig näher, junger Mann«, sagte eine kichernde Stimme.

Der Raum, den John Sinclair betrat, wurde durch rote Glühbirnen nur schwach erhellt. Das Zimmer hatte keine Fenster, und es roch muffig.

Die Alte mit der kichernden Stimme hockte hinter einem Tisch. Vor sich hatte sie eine Glaskugel stehen, die sie mit ihren gichtgekrümmten Fingern umklammert hielt. Langsam trat John Sinclair näher.

Die Alte murmelte Beschwörungs­formeln. Ihre strichdünnen Lippen bewegten sich kaum, während sie die Kugel anstarrte, die plötzlich zu leuch­ten anfing.

»Ich sehe«, flüsterte die Alte, »einen Mann. Er liegt in einem Sarg. Ja, ich kann es ganz deutlich erkennen. Da, schauen Sie selbst in die Kugel, junger Mann.«

John Sinclair beugte sich über die magische Kugel.

Was er sah, ließ ihm einen kalten Schauer über den Rücken rieseln. Die Alte hatte recht. In den unergründli­chen Tiefen der Kugel war ein Sarg zu erkennen. Ein Mann lag darin.

Dieser Mann war er selbst! Plötzlich war das Bild verschwun­den.

John Sinclair spürte, dass er schweißnass war. Mit dem Handrü­cken wischte er sich über die Stirn. Er hob den Kopf und sah der Alten in die Augen.

»Manchmal ist es nicht gut, wenn man die Zukunft kennt«, sagte die Wahrsagerin leise. »Aber die Men­schen, die zu mir kommen, wollen einen Blick in die Zukunft werfen. Und deshalb darf sich niemand hinterher beschweren.«

»Das hatte ich auch nicht vor«, er­widerte John. »Ich bin sogar froh, dass ich gesehen habe, was mich erwartet. So kann ich mich besser darauf ein­stellen.«

»Seinem Schicksal kann keiner ent­gehen«, bemerkte die Alte düster.

John kniff die Augen zusammen und starrte die Wahrsagerin an.

»Woher haben Sie die Kunst, in die Zukunft zu sehen?«

Die Alte lächelte geheimnisvoll. »Dies zu verraten, das wäre mein Tod. Auch einem Inspektor von Scotland Yard kann ich es nicht sagen.«

»Das wissen Sie also auch schon.« »Mir bleibt nichts verborgen.« John beschloss, seinen Besuch hier abzubrechen.

»Was habe ich zu zahlen?« »Nichts.«

»Warum nicht?«

»Ich will einem Todgeweihten nicht noch Geld abnehmen«, sagte die Alte mit dunkler Stimme. »Das, was Sie in der Kugel gesehen haben, wird in spä­testens einem Jahr geschehen. Nutzen Sie diese Zeit. Machen Sie Urlaub, tun Sie etwas, was Ihnen Spaß macht, denn bald wird Sie der Tod holen.«

»Da habe ich auch noch ein Wört­chen mitzureden«, erwiderte John leichthin.

Er nickte der Alten zu und verließ das kleine Steinhaus.

Draußen empfing ihn das lärmende Treiben des Jahrmarktes. John schüt­telte den Kopf. Es war schon eine Schnapsidee von ihm gewesen, so mir nichts, dir nichts die Wahrsagerin zu besuchen. Seit Tagen gab es in London nur einen Gesprächsstoff. Eben diese Alte. Da war es ganz natürlich, dass sich John Sinclair, der von Berufs wegen mit rätselhaften Kriminalfällen zu tun hatte, sich diese Frau einmal ansah.

Als John Sinclair seinen Bentley er­reichte, hatte er die Sache schon wieder vergessen.

Jedoch sollte er schon bald sehr deutlich daran erinnert werden …

 

 

»Wann sind wir eigentlich in Brad­bury?«, fragte Charles Mannering den Zugschaffner, der müde durch die fast leeren Wagen schlich.

Der Schaffner kramte umständ­lich eine Nickelbrille aus der Tasche, klemmte sie sich auf die Nase und suchte in dem Fahrplan herum.

»In genau sechzehn Minuten«, erwi­derte er nach einer Weile.

»Danke sehr.«

Der Schaffner verzog sich.

Charles Mannering blickte aus dem Fenster. Wo er hinsah – nur öde, trostlose Sumpflandschaft. Jetzt, bei Beginn der Dämmerung, sah alles noch schlimmer aus. Die kahlen Äste der Krüppelbäume wirkten wie Totenfin­ger, die anklagend gegen den wolken­verhangenen Himmel wiesen.

Nebel kam auf. In Schwaden zog er über den Boden, machte den Sumpf noch unheimlicher.

Charles Mannering saß ganz allein in dem Wagen. Er hatte das Gefühl, als einziger Reisender in dem Bummelzug zu hocken, der noch von einer alten Dampflok ächzend durch die Land­schaft gezogen wurde.

Mannering war Künstler. Er hatte sich der naiven Malerei verschrieben und malte hauptsächlich Landschaf­ten. Er hatte schon auf mancher Aus­stellung einen Preis erzielt und konnte von seinen Bildern einigermaßen leben.

Mannering trug einen Cordanzug und ein kariertes Hemd. Er hatte dun­kelbraunes Haar.

Der Zug verlangsamte seine Ge­schwindigkeit. Die ersten Häuser von Bradbury huschten an den Fenstern vorüber.

Dann hielt die altersschwache Lok schnaufend auf dem kleinen Bahnhof.

Der Maler holte seinen Koffer aus dem Gepäcknetz und stieg aus. Eine Minute später fuhr der Zug weiter.

Charles Mannering blieb auf dem menschenleeren Bahnsteig zurück. Langsam wandte der Maler den Kopf. Wo er hinsah, Nebel. Er hatte sich noch mehr verdichtet.

Charles Mannering fröstelte. Er nahm seinen Koffer und betrat das Bahnhofsgebäude.

Eine grün gestrichene Bank und ein Fahrkartenautomat waren alles, was der Maler entdeckte.

Vor dem Schalter hing das Schild »Geschlossen«.

Charles zuckte die Schultern und verließ auf der anderen Seite das Bahn­hofsgebäude.

Bradbury war ein abgeschiedenes Dorf. Niedrige, windschiefe Häuser standen links und rechts neben der Hauptstraße. Aus einigen Fenstern fiel schwacher Lichtschein nach draußen.

Charles Mannering machte sich auf die Suche nach einem Gasthaus. Er war kaum zehn Meter gegangen, als ihn Hufgetrappel aufhorchen ließ.

Der Maler blieb stehen.

Ein leichter Buggy, der von einem Pferd gezogen wurde, schälte sich aus dem Nebel.

Mannering war erstaunt. Wer fuhr denn heutzutage noch mit einer Kutsche herum? Aber hier, so abgeschieden auf dem Land, war die Zeit wohl stehen geblieben. Jedenfalls galt das für man­che Bereiche.

»He, Sie!«, rief Mannering dem Mann auf dem Kutschbock zu und sprang auf die Fahrbahn.

»Brrr.« Der Mann zügelte das Pferd. Charles musste ein paar Schritte zurückspringen.

»Entschuldigen Sie bitte, aber kön­nen Sie mir sagen, wo ich das nächste Gasthaus finde?«, fragte der Maler den Fahrer des Buggys.

Der Mann auf dem Bock beugte sich Charles Mannering entgegen.

Unwillkürlich wich der Maler zu­rück.

Der Mann hatte nur ein Auge, das andere war durch eine schwarze Klappe verdeckt.

Er grinste und entblößte eine Reihe nikotingelber Zähne.

»Sie können mit mir kommen«, sagte er mit einer Reibeisenstimme. »Ich fahre nach Deadwood Corner.«

»Deadwood Corner?«, wiederholte Charles Mannering.

»Es ist ein Gasthof. Gar nicht weit von hier. Ich bin dort Hausknecht. Sie werden sich bestimmt bei uns wohlfüh­len. Kommen Sie.«

»Tja, warum nicht?«

Charles Mannering warf seinen Kof­fer auf die Ladefläche und kletterte auf den Bock.

Der Fahrer knallte mit den Zügeln, und das Pferd setzte sich langsam in Bewegung.

Charles Mannering hatte Zeit, sich den Einäugigen näher anzusehen.

Der Mann war gedrungen. Riesige Muskelpakete drohten fast die Leinen­jacke zu sprengen. Charles Mannering schien es, als habe sein neuer Bekann­ter keinen Hals. Der Kopf saß direkt auf den Schultern. Außerdem hatte der Mann ein wirklich hässliches Gesicht. Die Nase war ein Fleischklumpen, und die Oberlippe sprang vor.

»Wie sind die Zimmer denn so in eurem Hotel?«, fragte der Maler.

»Gut«, lautete die einsilbige Ant­wort.

Charles Mannering zuckte die Schultern und schwieg.

Irgendwann bogen sie von der Straße auf einen schmalen Feldweg ab.

Der Weg führte mitten durch den Sumpf. Rechts und links gluckste das Wasser, und ab und zu hörte Charles Mannering schmatzende Laute. Ir­gendwo quakten Frösche. Manchmal tauchten auch ein paar Bäume aus der milchigen Nebelsuppe auf, und Charles Mannering hatte immer das Gefühl, als würden die kahlen Äste nach ihm greifen und ihn ins Moor ziehen wollen.

Der Fahrer lenkte den Buggy so sicher durch die gefährliche Gegend, als befände er sich auf einer breiten Straße.

>Wie weit ist es denn noch?«, wollte Charles wissen.

»Wir sind gleich da«, knurrte der Hässliche.

Er hatte nicht gelogen. Wenige Mi­nuten später sah Charles Mannering einige Lichter durch den Nebel blin­ken. Der Pfad wurde auch ein wenig breiter, und schließlich hielt der Buggy vor Deadwood Corner.

Charles Mannering nahm seinen Koffer und sprang vom Bock.

Von dem Haus selbst sah er nicht viel, jedoch glaubte er zu erkennen, dass es ziemlich groß war.

Knarrend öffnete sich eine Tür. Gel­ber Lichtschein fiel nach draußen.

Charles Mannering sah eine Gestalt im Türrahmen stehen.

Eine weibliche Gestalt.

Personen:

  • John Sinclair, Inspektor bei Scotland Yard
  • Wahrsager
  • Charles Mannering, Künstler, Inspektor
  • Buggyfahrer
  • Grace Winlow, Wirtin, Wahrsagerin
  • Vampire
  • Gil Dexter, Generalvertreter eines Waschmittelkonzerns
  • Lilian Dexter, dessen Ehefrau
  • Jim Burns, Konstabler
  • Sir James Powell, Superintendent
  • Carl Hutchinson, Mystery Club
  • Dawson, Kassierer
  • Al Jordan, Bankräuber
  • Vince Tucker, Bankräuber
  • Filialleiter Bankhaus Cobbs & Neal
  • Mrs. Jordan, Mutter von Al Jordan

Orte:

  • Bradbury
  • Deadwood Corner, Gasthof
  • London

Quellen:

  • Jason Dark: John Sinclair Classics. Geisterjäger John Sinclair. Band 6. Bastei Verlag. Köln. 21. 11. 2017
  • Thomas König: Geisterwaldkatalog.Band 1. BoD. Norderstedt. Mai 2000

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