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Die Flusspiraten des Mississippi 33

die-flusspiraten-des-mississippiFriedrich Gerstäcker
Die Flusspiraten des Mississippi
Aus dem Waldleben Amerikas

33. Squire Dayton beschließt, aus Helena zu fliehen.

Squire Dayton war, während sich das übrige Volk zerstreute, mit Porrel und einem Teil seiner Verbündeten zurückgeblieben und stand, die Arme verschränkt, mitten auf dem breiten Platz, der Mrs. Breidelfords Haus von dem Gefängnis trennte. Er wusste recht gut, dass sich jetzt – viel­leicht heute noch – nicht allein sein Schicksal, sondern auch das seiner ganzen Bande entscheiden musste. Tollkühne Pläne waren es, die für den Augenblick sein Hirn durchkreuzten. Sollte er hier der Gefahr ausgesetzt bleiben, verraten und vielleicht überrascht und gefangen zu wer­den? Sein Blick schweifte wild über die wogenden Menschenmassen hin. Oder sollte er sich – der Macht, die er jetzt um sich versammelt sah, ver­trauend – im letzten entscheidenden Streich den Feinden entgegenwerfen? Noch war ihm Zeit gegeben, das, was er an Schätzen angehäuft hatte, in Sicher­heit zu bringen. Der nächste Augenblick vernichtete vielleicht schon alle Hoffnungen und Pläne.

Porrel, der eben erst von Sinkville eingetroffene Verbündete, mochte ahnen, was in seinem Kopf vorging. Er schritt auf ihn zu, blieb wenige Sekunden neben ihm stehen und flüsterte, indem er seine Schulter berührte: »Nun, Sir, beschließt rasch, was Ihr tun wollt, unsere Augenblicke sind gezählt.«

»Wisst Ihr?«, fragte Dayton.

»Ich weiß alles«, entgegnete mürrisch der Advokat. »Sander, der Euch oben im Grauen Bären sehnsüchtig erwartet, hat mir wenigstens das Wichtigste mitgeteilt.«

»Wo ist Simrow?«, fragte der Squire rasch, »habt Ihr nichts von ihm ge­sehen?«

»Die Pest über den Burschen«, rief Porrel, »ich habe ihm nie getraut!«

Dayton sah ihn überrascht und misstrauisch an.

»Wahrscheinlich spielte er ein falsches Spiel«, fuhr Porrel, ohne den Blick zu beachten, fort. »Soviel ist gewiss, er hatte sich, als der alte Ben­wick kaum begraben war, bedeutender Kapitalien ganz gegen seinen Auftrag bemächtigt und wollte damit fliehen. Ein paar Männer setzten ihm nach, holten ihn ein und schossen ihn glücklicherweise gleich nie­der.«

»Und das Testament?«, fragte Dayton zähneknirschend.

»Man soll allerlei darüber munkeln«, grollte der Sinkviller, »ich glaube, es wird das Beste sein, wenn wir uns nicht weiter um die Sache bemühen.«

»Sind denn alle Teufel heute auf einmal losgelassen?«, rief der Richter, mit dem Fuß aufstampfend. »Mord und Tod! Es ist ja fast, als ob uns das Schicksal selbst zum letzten entscheidenden Schritt treiben wollte.«

»Verzögert den wenigstens so lange wie möglich«, warnte Porrel, »denn, wenn der misslingt, sind wir natürlich verloren, weil es eben der Letzte war.«

»Seid außer Sorge«, entgegnete finster der Richter, »wir haben bisher zu trefflich gebaut, um uns jetzt, Wahnsinnigen gleich, das Sparrwerk selber über den Köpfen einzureißen. Ich habe einen Plan entworfen, der uns nicht allein Freiheit, sondern auch Rache sichert. Vor allen Dingen müssen wir aber die unseren, die sich noch oben im Grauen Bären auf­halten, in Sicherheit bringen. Wohl ahne ich, wer der Rasende war, der am Tag der Entscheidung durch einen solchen Mord uns alle der größten Gefahr aussetzte, doch dürfen wir die Kameraden nicht verderben lassen, und dorthin wird sich die bis jetzt nur mühsam gedämmte Rache des Vol­kes zuerst Bahn brechen. Eilt also schnell hinauf und schickt mir alle, die man hier in Helena nicht kennt, augenblicklich herunter. Sander aber mit Thorby und noch einigen anderen, die ich dort vermute, mögen gleich das oberhalb des Grauen Bären liegende und für sie bestimmte Boot nehmen und so rasch wie möglich mit der Strömung unterhalb Helena antreiben.«

»Was aber, zum Donnerwetter, habt Ihr vor?«, fragte Porrel ärgerlich. »Tut doch nicht so verdammt geheimnisvoll und schießt einmal los. Wie kann ich denn sonst wissen, wie ich zu handeln habe?«

»Die Sache soll für Euch alle gar kein Geheimnis mehr sein«, entgegnete der Anführer. »Wollten wir jetzt, in offenem Ansturm, das Dampfboot, das gerade an der Landung liegt, nehmen, so würde uns natürlich die ganze Bevölkerung von Helena nicht daran hindern können. Ich selbst verstehe ein Dampfboot zu führen, und die ‚Van Buren’ ist auch schnell genug, um jeder Verfolgung zu spotten.«

»Weshalb greifen wir denn da nicht zu?«, sagte Porrel, »wo böte sich eine bessere Gelegenheit?«

»Wir wären vielleicht imstande, uns selbst zu retten«, fuhr Dayton, den Einwurf nicht beachtend, fort. »Dürften es aber nicht wagen, an der Insel zu halten. Das Land wäre augenblicklich in Aufruhr, und Ihr wisst recht gut, dass bei dem jetzigen Wasserstand fast keine Stunde vergeht, in der nicht Dampfboote hier vorbeikommen, die wir dann sofort auf den Fer­sen hätten. Nicht allein unsere ganze, mühsam angesammelte Beute wäre in dem Fall verloren, nein, auch unser Leben mehr als gefährdet. Wir müssen daher sichergehen.«

»Aber wie das?«, fragte Porrel gespannt.

»Einfach genug«, erwiderte Dayton. »Die Existenz der Insel ist den Far­mern verraten. Wie ein Lauffeuer fliegt jetzt die ihnen noch fabelhaft scheinende Kunde von Mund zu Mund. Leugnen können wir es nicht mehr und ebenso wenig den Sturm aufhalten, der sich noch heute dort hinwenden wird. Ein einziges Mittel gibt es nur, den Todesstreich, der uns droht, nicht allein abzuwenden, sondern auch auf die Feinde zurück­zuführen. In wenigen Stunden werden wir Hunderte von berittenen Waldleuten hier in der Stadt sehen. Dieser Cotton hat das ganze Land gegen uns in Aufruhr gebracht, und offenen Kampf hier in Helena dürfen wir nur als letztes Mittel wagen. Sie werden jetzt ungesäumt gegen die Insel aufbrechen wollen. Bleiben wir zurück, so erregen wir nicht allein Ver­dacht, sondern teilen auch zugleich unsere Kräfte, also müssen wir sie scheinbar begleiten und unterstützen. Einen Boten habe ich vor etwa einer Viertelstunde schon abgeschickt, der setzt die Insulaner von unserem Plan in Kenntnis. Wir selbst aber, mit allen kampffähigen Männern des Countys, ziehen mit dem United-States-Paketboot gegen die Insel. In etwa zwei Stunden landet es hier auf seiner Fahrt von Memphis nach Napoleon und muss mir als Richter zu diesem Zweck, wo es die Sicherheit des ganzen Staates gilt, zu Diensten stehen. Meine wackeren Backwoods­men würden auch gar nicht anstehen, den Kapitän des Paketbootes zu zwingen, sollte der wirklich geneigt sein, Schwierigkeiten zu machen.«

Porrel nickte lächelnd.

»So dampfen wir rasch zur Insel hinunter«, fuhr Dayton, schon in der Begeisterung des Kampfes, freudig fort. »Dort ordne ich die Scharen, die unseren unter die Farmer gemischt und in ihrem Rücken, bis wir unser Fort in Sicht haben, hinter dem die Freunde des Zeichens harren. Langes Zögern dulden die Hinterwäldler nicht, in ihrem tollen Mut werden sie blind darauf losstürmen wollen. Dann aber brechen die Insulaner von allen Seiten hervor, wir fallen den überraschten Gegnern in die Flanke, und in dem dichten Unterholz unserer Verbaue, auch von denen angegrif­fen, die sie bis dahin als die ihren betrachtet, werden sie nicht einmal mehr wissen, gegen wen sie sich verteidigen, wen sie bekämpfen sollen. Haben wir dann gesiegt, und der Sieg muss unter diesen Umständen ganz leicht sein, dann schaffen wir unsere Schätze auf das dort liegende, auf unser Dampfboot und fahren dann in den Golf von Mexiko.«

»Der Plan ist vortrefflich!«, rief Porrel, »die hitzköpfigen Hinterwäldler gehen unbedingt in die Falle, aber weshalb haltet Ihr da noch Cook und den anderen, den Bootsmann, gefangen? Das wird böses Blut machen.«

»Sie hätten mir durch ihre Hitze den ganzen Plan verdorben«, sagte Dayton. »Eilt nur jetzt hinauf zum Grauen Bären, dass wir die unseren früh genug zurückziehen, und nachher bleibt uns noch immer Zeit, die Gefangenen zu befreien – wenn das überhaupt nötig ist. Vielleicht sind wir sogar imstande, aufzubrechen, ehe sie alle hier eintreffen, desto leich­tere Arbeit haben wir dann. Auf jeden Fall müssen wir versuchen, einen von ihnen, den jungen James Lively, hierher zu bekommen, ehe er uns die ganze wilde Schar auf den Hals hetzt und vielleicht auch mehr sieht, als gerade nötig ist. Er ist in dem kleinen, dem Grauen Bären gegenüber­liegenden Kieferndickicht versteckt, um das ihm verdächtige Haus zu be­obachten. Bringt ihn, wenn möglich, im Guten her. Geht aber das nicht, nun, dann eben mit Gewalt. Es ist derselbe, dessen Messer in dem Haus der Ermordeten gefunden wurde.«

»Gut!«, sagte Porrel und rieb sich freudig die Hände, »vortrefflich, da gibt es doch endlich einmal ein ordentliches Dreinschlagen, wo man nicht mehr freundlich zu tun braucht. Tod und Teufel, das Leben hatte ich satt. Nun weiß man doch, woran man ist, und braucht nicht mehr in steter Angst und Sorge zu leben. Also, goodbye, meinen Auftrag richte ich aus. Sorgt Ihr nun auch dafür, dass wir, wenn das Paketboot kommt, die unseren alle beisammenhaben.«

Und rasch eilte er die Straße hinunter, wo er bald ein paar seiner Freunde zu sich rief und mit ihnen um die Ecke der nächsten Gasse ver­schwand.

Der Squire schritt indessen langsam und sinnend seinem Haus zu.

»Wer war der Knabe, der da eben das Haus verließ?”, fragte Squire Dayton, als er in die Tür trat und, auf der Schwelle stehend, nach einem jungen Burschen zurücksah, der jetzt flüchtigen Laufes die Straße hin­untereilte. »Was wollte er, und von woher kommt er?«

»Ich weiß nicht, Massa«, sagte Nancy, die ihrem Herrn zugleich einen eben für ihn eingetroffenen Brief überreichte. »Noch gar nicht so lange ist es her, da kam er herein, ging zu Missus hinauf, blieb ein paar Augen­blicke oben und wäre dann beinahe die Treppe wieder hinuntergefallen. Unten setzte er sich auf die Stufen da hin und weinte, als ob ihm das Herz brechen wollte. Weil ich mich vor ihm fürchtete, schickte ich den neuen Schwarzen zu ihm, den Massa gestern mitgebracht hat. Von dem wollte der Bursche aber gar nichts wissen, steckte den Kopf fest unter die Arme. Er schämte sich wahrscheinlich, weil er weinte – und rührte und regte sich nicht. Erst als Bolivar wieder fort war, stand er auf, drückte sich den Hut fast bis in die Augen hinein und verließ rasch das Haus; keine zwei Minuten, ehe Massa kam.«

»Sind die Damen oben?«, fragte Squire Dayton jetzt, ohne des fremden Burschen weiter zu gedenken.

»Miss Adele ist zu Mrs. Smart gegangen«, erwiderte Nancy, »Missus ist aber oben, soll ich …«

»Lass nur«, sagte der Squire und stieg langsam die Stufen hinauf. »Kommt jemand und fragt nach mir, so mag er hier im Zimmer warten. Ich bin gleich wieder unten.«

Der Friedensrichter Helenas, der blutige Piratenhäuptling des Missis­sippi, betrat das Zimmer seiner braven, unschuldigen Frau, die keine Ahnung hatte, welche Verbrechen der Mann verübt, der ihr Liebe gelogen und sie an sich zu fesseln gewusst hatte.

Das Zimmer war leer – Hedwig saß während Adeles Abwesenheit oben am Bett der armen Marie. Dayton aber blieb an der Tür stehen und ließ die Blicke sinnend in dem kleinen friedlichen Raum umherschweifen, wo er alles, alles besaß, was ihn zum Glücklichsten der Menschen hätte machen können, alles, was das Herz eines braven, rechtlichen Mannes mit Stolz erfüllen musste. Aber der Ehrgeiz hatte sein Denken vergiftet, kalte Berechnungen allein leiteten seine Handlungen. Wohl gibt es Tausende, wie er war – Menschen, die ebenso kalt und entsetzlich in das Leben eingreifen und alles andere rücksichtslos mit Füßen treten, wenn sie nur für sich jede Lust, jede Befriedigung ihrer Wünsche erlangen können; aber der kecke, tollkühne Mut fehlt ihnen, den der Piratenhäuptling besaß.

Sie strecken die behandschuhten Finger vorsichtig aus, dass sie nirgends anstoßen, und nur dann, wenn sie sich völlig unbeachtet wissen, zeigen sie ihr wahres Gesicht. Und die Welt ehrt sie – das Gesetz schützt sie, denn es ist gegen sie ja nichts bekannt geworden«. Aber dennoch flu­chen ihnen zahllose Unglückliche, die sie elend gemacht haben, die Verwün­schungen der Witwen und Waisen heften sich an ihre Sohlen, und Schätze und Reichtümer, in verzweiflungsvoller Stunde an fromme Stiftungen hinausgeschleudert, können nicht die feige Angst der letzten Augenblicke betäuben.

Anders war es mit dem Anführer der gesetzlosen Schar. Seine Rech­nung mit der Welt hatte er abgeschlossen und ruhig sein Fazit gezogen. Er scheute weder den Tod, noch achtete er das Leben, deshalb aber war er gerade so entsetzlich, so fürchterlich geworden, denn die Gesetze der Menschen konnten ihn nicht mehr schrecken, Glaube und Schwur ihn nicht mehr binden. Fest und bestimmt ging er seinen verbrecherischen Weg. Wie auf dem Brett die Schachfiguren, so stellte und benutzte er die Menschen zu seinen Zwecken und Plänen – nur dann besorgt um sie, wenn ihr Verlust ihm selber schaden konnte.

Und jetzt, als er so dastand, schweiften seine Blicke, anfangs fast ge­dankenlos, über den kleinen, freundlichen Raum hin, in dem er sich befand. Mehr und mehr aber hafteten sie an einzelnen Gegenständen. Die Gegen­wart erzwang sich den Eintritt in sein Herz, und zum ersten Mal vielleicht seit langer Zeit durchzuckte ihn ein Gedanke an das, was er sein könnte, an das, was er war. Hier – hier wohnten Liebe und Treue, hier atmete ein Wesen, das nur für ihn da war – und er?

Die Sonne schien warm und freundlich in das trauliche Gemach. Die finsteren Nebelschatten hatte sie überwunden und spielte jetzt in fun­kelnder Luft mit den Staubkörnchen, die der Schritt des finsteren Mannes aufgewirbelt hatte, legte sich über die bunten Farben des Teppichs hin, dem sie noch weit höheren Glanz verlieh, und drang in alle Winkel und Ecken. Auch über den weich gepolsterten Stuhl der Hausfrau und ihren kleinen zierlichen Mahagoninähtisch, das Strickkörbchen und den klei­nen eingespannten Stickrahmen glitt ein heller Schimmer. Ein Zauber lag über dem Ganzen, der nicht beschrieben, nur gefühlt und empfunden werden konnte.

Und in diesem Kreis häuslicher Geborgenheit und Ruhe stand die dunkle ernste Gestalt des Mannes. Sein Blick aber, der immer wilder und ängstlicher den Raum überflog, haftete endlich, fast unwillkürlich, an dem Bild seiner Frau, das neben dem seinen dort drüben hing. Das war ihr sanftes Gesicht, das mit freundlichem Lächeln zu ihm herüberblickte, das waren die treuen Augen, die ihm damals Liebe geschworen, und diesen Schwur hatte Hedwig nie gebrochen – und er?

Starr und regungslos verharrte Dayton, seine Hände krampfhaft ge­ballt. Alles um ihn her schien sich plötzlich im tollen, wirren Kreis mit ihm zu drehen.

»Hedwig – Hedwig!«, stöhnte er und barg das Gesicht verzweifelt in den Händen.

Da vernahm er auf der Treppe leichte Schritte. Seine Züge nahmen wieder den starren Ernst an, nur die Augen lagen noch glanzlos in ihren Höhlen, und seine Wangen waren bleich und gefurcht.

»Georg!«, rief die junge Frau, als sie in die Tür trat und freudig erstaunt den fern geglaubten Gatten erkannte. »Georg – Gott sei gedankt, dass du wieder bei mir bist. Ach, Georg, ich kann dir gar nicht sagen, wie beengt mir das Herz war, als du heute von mir gingst.«

»Närrisches Kind«, sagte der Squire, und ein mattes Lächeln zuckte um seine Lippen, »musst dir nicht unnötige Sorgen um mich machen. Es gibt Leid genug in der Welt – wir sollten es nicht an den Haaren herbei­ziehen.«

»Tu ich denn das?«, flüsterte Hedwig, »schau nur einmal, Georg, wie bleich und angegriffen du aussiehst. Habe ich da nicht Ursache, besorgt zu sein?«

Sie zog ihn vor den breiten Spiegel, der zwischen den beiden Fenstern befestigt war, und Daytons Blick fiel auf das Glas. Rasch aber wandte er sich ab – sein eigenes Gesicht neben dem ihren – der Gegensatz war zu fürchterlich. Da wurden rasche Hufschläge auf der Straße laut.

Mrs. Day­ton wandte sich unwillkürlich dorthin, und beide riefen im selben Mo­ment gleich überrascht aus: »Adele!«

Wohl hatten sie Ursache, erstaunt zu sein, denn auf schnaubendem Rappen, das Sonnenbonnet mit der Linken haltend, indes sie mit der Rechten die Zügel des feurigen Hengstes regierte, galoppierte Adele vor­bei und verschwand auch schon in der nächsten, dem oberen Teil des Flussufers zuführenden Straße.

»Nun sehe einer das tolle Mädchen an«, sagte endlich Mrs. Dayton, während der Squire im ersten Augenblick fast unwillkürlich einen raschen Schritt zur Tür getan hatte, als ob er Adele zurückhalten wollte, jetzt aber langsam wieder zum Fenster trat. »Kein Pferd ist ihr zu wild und unbän­dig, sie muss es besteigen. Was sie nur wieder vorhaben mag? Sie wird es so lange treiben, bis sie einmal wirklich Schaden nimmt.«

Der Richter stützte die Hand auf das Fensterbrett und blickte sinnend in die Richtung, welche die Reiterin genommen hatte. Was wollte Adele dort? Weshalb trieb sie ihr Pferd zu so wilder Eile an? War etwas vorgefallen, was ihn selbst bedrohte?

»Dayton!«, rief seine Frau, die sich jetzt zu ihm umwandte, »du siehst totenbleich aus, fehlt dir etwas?«

»Mir?«, fragte der Squire und beugte sich mit einem gezwungenen Lä­cheln zu ihr nieder, »mir? Was soll mir fehlen, du wunderliches Kind? Nur den Kopf habe ich voll von all dem Lärm und Treiben dieser guten Stadt. Mir wird dieses wilde, ruhelose Leben nachgerade verhasst.«

»Ach, Georg!«, flüsterte die junge Frau, »wie oft ist es mein heißer, inni­ger Wunsch gewesen, dass du dieses Leben wirklich aufgeben möchtest. Sieh, du bist hier geachtet und geehrt, bist der Erste in dieser Stadt, und ich kann begreifen, dass der Ehrgeiz einen Teil an dem Herzen des Man­nes haben muss, aber deine Gesundheit leidet, deine Kräfte reiben sich auf. Ärger, mühevolle Arbeiten und Pflichten rauben dir jede Ruhe, halten nächtelang den Schlaf von deinen Augen. Ach, wenn du dich losreißen könntest von all diesem Schaffen und Treiben, wenn dir das Herz deines Weibes genügte …«

Sie barg den Kopf an seiner Brust, und er hielt sie fest umschlungen. Ein wunderbares Gefühl überkam ihn. Seine Züge verloren das Finstere und Starre – seine Blicke hingen mit einem neu belebten Glanz an seiner Frau, und bunte, freundliche Bilder waren es, die plötzlich an seinem Innern vorüberglitten. Noch war es Zeit – noch war der letzte entscheidende Schritt nicht getan – noch hatte ihn das Verderben nicht ganz umschlossen.

Er beugte sich nieder zu ihr. »Hedwig!«, flüsterte er, und sein Arm zog sie fester an sich.

Da läutete draußen die Glocke der Van Buren. Das Boot rüstete sich zur Abfahrt. In kaum einer Viertelstunde würde es den Landungsplatz verlassen. In wenigen Tagen konnte er in Louisville sein. Floh er von dort aus unter fremdem Namen nach irgendeinem der östlichen Hafen­plätze, so war es unmöglich, ihn zu verfolgen. Der nächste Monat schon sähe ihn frei, auf offenem Meer, er wäre gerettet!

»Hedwig«, flüsterte er, und die Erregung drohte fast ihn zu ersticken. Seine Lippen zitterten. »Hedwig, ich bin deiner unwert – aber ich muss fort – fort von hier, oder ich bin verloren. Doch jetzt, jetzt ist es noch Zeit, noch ist Rettung möglich. Hörst du den Klang jener Glocke? Nur Minuten noch, und das Boot, das sie trägt, braust dem Norden zu. Jetzt, jetzt ist es mir noch möglich, mich loszureißen von allem, was mich bin­det – in der nächsten Stunde wäre es vielleicht zu spät. Willst du mich ret­ten, Hedwig – retten vor mir selbst und aus diesem Gewirr, das mich zu erdrücken droht?«

»Du willst fort, Georg?«, rief seine Frau und blickte erstaunt zu ihm auf, »wir sollen alles verlassen? Ohne Abschied hier von allen scheiden, die uns lieben?«

»Alles – alles musst du verlassen, wenn du mich liebst, wenn du mich retten willst«, drängte ihr Gatte. »An deinen Lippen hängt jetzt mein Ge­schick – Tod oder Leben bindet sich an diesen Spruch. Hedwig, du ahnst nicht, wie glücklich, wie elend du mich mit wenigen Worten machen kannst.«

»Und Adele?«, fragte Mrs. Dayton schon halb besiegt.

»Sie bleibt hier, ihr mag das Haus gehören und alles, was wir zurück­lassen. Ich habe genug für uns und führe dich dem Überfluss entgegen.«

»Aber jetzt, Georg? Wie soll ich alles packen und besorgen, was nur – du lieber Gott, es ist ja gar nicht möglich, ich brauchte wenigstens acht Tage, ehe ich daran denken könnte.«

»Hedwig, willst du mir folgen?«, rief der Mann, und seine Stimme, sein ganzer Körper zitterte vor wilder, innerer Bewegung, »noch kannst du mich dem Leben erhalten – ja, Hedwig, mein Leben vielleicht hängt von dir ab. Willst du mir folgen, oder- mich allein in die Welt hinausstoßen?«

»Georg!«, rief Mrs. Dayton erschrocken. Ihr Blick hing angstvoll an dem geliebten Gatten. »Georg, um Gottes willen, was redest du da für Worte? Dich allein hinausstoßen? Heiliger Gott, wenn du mich lieb hast, sprich – was ist geschehen?«

»Ich muss fort«, flüsterte der Richter, und sein Blick wandte sich erschüt­tert von ihr ab, »die fürchterlichste Gefahr schwebt über meinem Kopf. Du, du allein kannst mich jetzt noch retten. Willst du mir folgen, Hed­wig?«

»In den Tod, Georg, wohin du mich führst«, rief sie aus und warf sich an seine Brust, »in Mangel und Elend, nur nicht – nur nicht getrennt von dir!«

Einige Minuten hielten sie sich so fest umschlungen, dann richtete sich der Squire langsam auf und flüsterte: »Dank, Geliebte, Dank, aber jetzt eile. Das Wenige, was du mitnehmen musst, kann bald geordnet sein. Ich selbst schicke indessen Bolivar voraus und lasse den Kapitän der Van Buren bitten, noch wenige Minuten auf uns zu warten. Cäsar und Nancy mögen indessen hinuntertragen, was du ihnen gibst, und die nächste Stunde finde uns fern von hier, neuem Leben, neuer Freiheit entgegeneilend.«

Er trat jetzt rasch an seinen Sekretär, aus dem er mehrere versiegelte Briefe und Pakete nahm und in den Kamin warf.

»So«, sagte er, »diese Papiere mag die Glut zerstören, und hiermit reiße ich mich von der Ver­gangenheit los. Diese Brieftasche bewahre du mir, sie enthält, was ich an eigenem Vermögen mein nennen kann. Jetzt muss ich dich für wenige Mi­nuten verlassen, noch bleiben Anordnungen zu treffen, die ich nicht versäumen darf. Du aber rüste dich schnell, und bald, bald kehre ich zu dir zurück, um mich nie wieder von dir zu trennen.«

Noch einen Kuss drückte er auf ihre Lippen, schob sie dann sanft von sich und verließ rasch das Zimmer, während Hedwig, die kaum wusste, ob sie wache und das Ganze nicht ein wirrer Traum gewesen sei, die wenigen Gegenstände, deren sie auf einer Reise bedurfte, in einen kleinen Koffer packte und dann mit tränenverdunkelten Augen den kurzen Ab­schiedsgruß an Adele schrieb. Mit ängstlich klopfendem Herzen harrte sie jetzt auf die Rückkehr des Gatten, um Helena und alles, was ihr sonst noch hier durch einen längeren Aufenthalt lieb geworden war, für immer zu verlassen.

Der fremde Schwarze verließ indessen, ein kleines wohlverschlossenes Mahagonikästchen unter dem Arm tragend, das Haus und schritt dem Dampfboot zu, während auf diesem die Glocke das zweite Signal zur baldigen Abfahrt läutete.

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