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Marshal Crown Band 37

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Liebe

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Meine Frau und ich waren schon seit mehr als zwanzig Jahren verheiratet. Es gab gute und weniger gute Zeiten, was aber meiner Meinung nach auch normal ist. Keine Beziehung ist perfekt und unsere war es vermutlich auch nicht. Kinder waren uns verwehrt geblieben. Damit musste allerdings mehr meine Frau kämpfen als ich. Meine Rolle war natürlich die des Ernährers und ich gab alles, um dieser gerecht zu werden. Mein Beruf als Buchhalter mochte sicherlich kein sehr spannender sein. Zumindest für Außenstehende. Denn ich war Teil einer Agentur und wir hatten nur einen einzigen Kunden: den vermutlich größten Gangsterboss der Vereinigten Staaten von Amerika. Meine Stärke war nicht nur die Diskretion, die so ein Beruf mit sich bringen musste, sondern meine Veranlagungstechniken. Steueroasen waren dabei nur ein kleiner Teil. Ich hatte ein riesiges, sehr undurchsichtiges Geflecht aus Scheinstrukturen in ganz Europa geschaffen. Die Finanzbehörde mochte vielleicht noch Panama kennen, aber Länder wie Zypern, Liechtenstein, Österreich oder kleine Bereiche der Welt mit Zugang zum chinesischen Markt fanden die Witzfiguren noch nicht einmal auf einer Landkarte.

Das Bildungssystem hierzulande ist ja dafür berühmt, neben den Staaten keine anderen Länder zu erwähnen.

Meine Person hatte aber Verwandte in Europa und daher auch beste Verbindungen. Leider waren diese Menschen schon alt und starben vor einiger Zeit, doch das Geflecht arbeitete schon mehr oder weniger von alleine.

Doch genau dieses Genie an mir hatte mich in meine Misere gebracht. Eines Nachts bekamen meine liebe Frau und ich ungebetenen Besuch. Diese Männer waren von der unfreundlichen Sorte und stellten sich auch so vor.

Mit heftigen Schlägen wurden wir aus unserem Bett getreten, dann fesselte man unsere Hände, wir saßen Rücken an Rücken und Taschenlampen blendeten uns.

Die Stimmen kannte ich aber. Sie versuchten zwar, sich zu verstellen, doch mit ihnen hatte ich viel zu oft zu tun gehabt. Die Ermittler der Steuerbehörde zogen also neue Saiten auf.

Keine Verhöre oder unterschwellige Drohungen mehr. Man kam direkt zur Sache. Noch bevor man mir eine Frage stellte, prügelten sie mir aber die Scheiße aus dem Körper. Frustbewältigung nehme ich einmal an. Weil ich ihnen allen über bin.

Einschüchtern konnte ich niemanden, dessen war ich mir sehr wohl bewusst. Mit nur einem Meter und fünfundsechzig Zentimeter Größe, Glatze und kleinem Bierbauch konnte ich selbst Kinder nicht erschrecken. Wollte ich aber auch nie. Immer unauffällig bleiben war die Devise. Nicht gierig werden die zweite. Schließlich bezahlte mich die Organisation fürstlich, musste man auch mal lobend erwähnen. Außerdem bekam ich genau mit, was mit Menschen passierte, die mehr und mehr wollten. Also so genau nicht, doch man sah sie einfach nie mehr wieder und man musste kein Genie sein, um sich vorstellen zu können, was die Mafia mit Dieben machte.

Jetzt hatten also Eindringlinge mir so hart in die Fresse geschlagen, dass ich mein Blut schmecken konnte und sogar einen Zahn ausspuckte. Die Fronten waren geklärt, denn einer der Männer redete nun zu mir.

»Gut aufpassen, du Wichser! Wir kennen uns, wir wissen, wer du bist und was du machst. Wir wissen von dem Geld, welches erst gewaschen und transferiert werden muss. Du wirst es besorgen oder wir schneiden dein kleines Weibchen in Scheiben. Kapiert?«

Mann, nicht mal den Behörden kann man heutzutage vertrauen. Überall Verbrecher, die einem übel mitspielten. Welche Wahl hatte ich in meiner aktuellen Situation? Meine Nase war gebrochen, meine Frau weinte bitterlich hinter meinem Rücken und vor meinem Gesicht fuchtelte ein maskierter Typ mit einer Waffe herum.

Sie meinten noch, die Ernsthaftigkeit ihrer Absichten unter Beweis stellen zu wollen. Ganz ehrlich, ich hätte es wirklich nicht gebraucht, da ich genau wusste, was Sache war. Trotzdem schnitten sie meiner Frau ein Ohr ab. Zuvor hatten sie ihr einen Knebel verpasst, damit sie nicht zu laut schrie und Zeugen auf unsere Situation aufmerksam wurden. Ihr Wimmern brach mir das Herz. Diese Hilflosigkeit. Man sollte doch seine Frau beschützen, und nun war ich an sie gefesselt und diese Bastarde schnitten ihr das Ohr ab!

»Also, wir machen hier keine Witze. Scheiben, verstanden? Das Geld, heute Mittag in dieser Wohnung. Die ganze Kohle. Zehn Millionen Dollar. Dann kannst du mit deiner Schlampe wieder in Ruhe leben.«

Was für Aussichten! Ich sollte also bloß zehn Millionen vom brutalsten Gangster Nordamerikas stehlen. Dann würde mir auch nichts geschehen. Ganz genau. Zum Glück war meine liebe Frau bewusstlos geworden. Der Schmerz war zu schlimm für sie. Die Angst auch.

Man schnitt mir die Fesseln los, ich durfte mich waschen, damit wenigstens kein Blut zu sehen war, und mir einen Anzug anziehen. Die Uhr zeigte drei Uhr morgens.

»Jetzt raus mir dir! Wir warten! Hier, ein Handy. Wenn du uns verpfeifst, dann war es das. Wir können alles mithören. Wir sind jetzt deine Bosse.«

Ansichtssache, aber in diesem Moment vermutlich ganz nah an der Wahrheit.

So landete ich eigentlich noch mitten in der Nacht auf der Straße und musste mir überlegen, wie ich diesen kleinen Diebstahl bewerkstelligen sollte. Zuerst entschied ich mich dafür, irgendwoher Kaffee zu bekommen, um dann meine Gedanken zu sammeln. Man hatte mir gnädigerweise mein Auto gelassen, also war ich mobil. Somit fuhr ich zu einem bekannten Fast-Food-Lokal. Alles spielt sich in dieser schnellen Zeit bei solchen Lokalen ab. Hier muss man dann auch schnell überlegen, wie die Zukunft aussehen sollte. Aktuell konnte ich sie mir gerade mal in verschiedenen Schwarzstufen ausmalen. Wirklich viel Licht am Ende des Tunnels sah ich leider nicht.

Um diese gottlose Zeit war auch hier nicht viel los. Meinen Wagen stellte ich am Parkplatz ab, weit hinten, um ja nicht aufzufallen.

Wie holt man sich das Geld aus dem Safe, ohne gleich erschossen zu werden? Eigentlich war dies meine dringlichste Sorge. Danach kam aber schon der nächste Punkt. Wieso sollten die Typen mich und meine Frau am Leben lassen? Damit ich dann durch die Folter des Bosses verrate, wo er suchen muss? Eher unwahrscheinlich. Wie eine Ratte im Labyrinth kam ich mir vor, nur mit dem Unterschied, dass an beiden Ausgängen keine Belohnung, sondern eine Kugel wartete. All diese Jahre harter Arbeit, mein Lebenswerk sozusagen, stand vor dem Aus. Als Dank würde ich dann so oder so in einem Sarg enden. Konnte aber auch ein Fluss oder Teich sein. Ein Fass mit Säure, da waren die Jungs immer sehr kreativ. Habe ich gehört, natürlich war ich niemals dabei. Geschichten bleiben einem rasch im Gedächtnis, überhaupt, wenn sie schrecklicher Natur waren. Ich musste aber aus den Köpfen der Menschen raus.

Jetzt war natürlich noch niemand in der Firma, der Safe war unbewacht. Da ich ein braver und loyaler Soldat war, hatte auch nur ich den Schlüssel. Die Typen von der Behörde hatten ihre Hausaufgaben gemacht, so viel war sicher.

Mein Kaffee schmeckte auf einmal schal, die Luft schien immer dünner zu werden. Die Panik begann nach mir zu greifen, meine Hände zitterten und Schweiß stand auf meiner Stirn. Viele Menschen wehren sich gegen Angst, denn sie macht einen angeblich blind. Kopflos möchte man sagen, doch ich würde dies nicht nur im übertragenen Sinn bald sein.

Da sah ich auf einmal alles ganz klar vor mir. So und nicht anders, doch ob ich es bis Mittag schaffen würde?

Das Getränk ließ ich stehen und ging schnell zu meinem Wagen. Es galt jetzt, den Plan in die Tat umzusetzen, und ich hatte nur eine Chance.

 

Das Geld würde erst in zwei Tagen abgeholt werden, doch wenn es einfach aus dem Safe verschwand, bekamen sie schneller Wind. Tarnen und Täuschen, also machte ich mich auf die Suche in einer Mall.

Nach meinem Einkauf fuhr ich zu dem zweiten Ort auf meiner Liste. Diese befand sich in meinem Kopf, deswegen konnte man mir auch niemals etwas nachweisen. Dem Boss damit aber auch nicht. Wie ein früherer Mafioso aus der Zeit der Prohibition hatte ich ein unglaubliches Gedächtnis. Alle Konten, Firmen und Strukturen von Stiftungen hatte ich alleine in meinem Kopf. Geregelt wurde es über die gute alte Post. Natürlich dauerte die Abwicklung damit länger, aber dieses Geld war so und so langfristig veranlagt. Der Staat hatte sich solche Mühe gegeben, Computer und Telefone abzuhören. Doch das Briefgeheimnis war noch immer heilig. Man muss natürlich mit der Zeit gehen, aber nicht immer.

Was ich mir auch immer gut merken konnte, waren Gesichter und Stimmen. Also musste ich nun noch mal eben zu einem Computer und Drucker. In der Bibliothek würde ich alles finden, doch die öffnete erst in ein paar Stunden. Somit fuhr ich zu meinem Zielpunkt Nummer zwei. Dort hatte ich genug zu tun, danach konnte ich zur Bibliothek.

 

Genau so lief es auch. Mein Telefon blieb stumm, die Mistkerle hatten also noch keinen Verdacht geschöpft. Ich erledigte alles, was ich erledigen musste, und war nun bereit, diesen überheblichen Wir sind die Besten-Typen eine Lektion zu erteilen, die sie nie wieder vergessen würden.

Alles lief nach Plan. Die Informationen waren ausgedruckt, das Geld hatte ich ohne Probleme aus dem Safe entnommen. Es wurde nicht bewacht, weil nur ich davon wusste. Es sollte ja von mir veranlagt werden. Natürlich wusste der Boss auch davon, aber sonst eben niemand. Ganz schön misstrauisch, diese Verbrecher. Mein neues Handy läutete.

»Willst du deine Frau noch lebend sehen? Wo ist das Geld, du Arschloch?!«, schrie die vertraute Stimme in das Telefon.

Oh mein Freund, ich weiß, wer du bist. Ganz genau sogar. Schnell versicherte ich ihm, dass ich meine Frau wiedersehen wollte. Ein Lachen. Das Blut in meinen Adern gefror.

»Dann beeil dich mal lieber. Wir sehen alles, nicht vergessen!«

Nein, ich würde dies nicht vergessen. Keine Sorge.

 

Als es nun schon dreizehn Uhr war, die Deadline mehr als eine Stunde überschritten, wurden die Geiselnehmer nervös. Ihr Anführer ging hektisch auf und ab, versuchte immer wieder, diesen Buchmacher zu erreichen, doch das Handy war tot. Hatte man ihn etwa erwischt? War alles umsonst gewesen? Natürlich bestand diese Möglichkeit, aber im Grunde war der kleine, fette Arsch ja nicht unfähig.

»Die Polizei meldet gerade ein brennendes Auto. In einer Seitengasse. Rate mal, welches Kennzeichen«, sagte ein anderer Kidnapper.

»Scheiße. Weg hier, irgendetwas ist schiefgelaufen.«

Kaltherzig blickte er auf die wimmernde Frau hinab.

»Das ist jetzt blöd für dich.«

Damit schoss er ihr zweimal in den Kopf. Knochenstücke, Gehirn und Blut verteilten sich im Schlafzimmer. Der erste Schuss war schon tödlich gewesen und sie spürte den zweiten nicht mehr.

Wütend verließen die Männer das Haus, der Wagen parkte eine Straße weiter und sie fuhren davon. Keiner redete und sie wirkten sehr angespannt.

 

»Sind Sie sicher? Er ist im Mittelpunkt einer Ermittlung gegen das organisierte Verbrechen!«, brüllte er ungehalten ins Telefon.

Drei Tage waren vergangen, die Frau war noch nicht gefunden worden. Kein Wunder, immerhin hatte sie keine Angehörigen. Die Kugeln in ihrem Kopf würden den Polizisten auch nicht weiterhelfen. Er war ja mehr oder weniger selbst vom Fach. Man hatte ihn den Marshals zugeteilt, die ihn dann wieder zur Steuerbehörde. Damit würde er unauffällig wirken und konnte der Mafia dort wehtun, wo es am schmerzhaftesten war. Bei ihrem Geld.

Wären seine Spielschulden nicht gewesen, er hätte einen passablen Cop abgegeben. Doch diese Möglichkeit war sein Ticket in die Freiheit. Aber der verdammte Bücherwurm musste es ja vermasseln.

»Sie haben nur einen Finger gefunden. Vermutlich eine Nachricht der Mafia. Wer an ihr Geld will, wird in kleine Teile zerschnitten«, erklärte ihm eine Stimme am Telefon.

 

Ich musste ein wenig lachen. Vorsichtig streichelte ich über meinen Verband. Es fühlte sich tatsächlich noch immer so an, als wäre der Finger da. Man muss eben manchmal Opfer bringen. Doch jetzt ging es in ein neues Leben.

Eigentlich wollte ich mich schon lange von meiner Frau trennen. Vor Jahren mietete ich mir eine Garage, wo ich meine Prämien für gute Leistung hortete. Natürlich hätte ich niemals Geld von der Mafia gestohlen. Habe ich ja nun auch nicht. Denken sie zumindest. Die Garage bunkerte einhunderttausend Dollar und einen neuen Reisepass. Einen aus Österreich, den ich mir vor sechs Monaten zugelegt hatte. Er war praktisch echt und hatte mich auch ein kleines Vermögen gekostet.

Durch die netten Männer in meinem Schlafzimmer war ich aber nun zum Handeln gezwungen. Ich holte den Pass und das Geld, danach druckte ich mir alle Informationen von meinem USB-Stick aus, die ich über diese Ermittler hatte. Einer war ein Marshal, dachte wohl, er kann mich hinters Licht führen. Seine Stimme hatte ich erkannt. Dem Safe entnahm ich das Geld und deponierte als kleine Nachricht die Namen dieser Geiselnehmer.

Es würde so aussehen, als hätte sie einer verpfiffen und wäre mit dem Geld verschwunden. Was ja auch richtig war. Mein »Tod« allerdings sah für beide Seiten so aus, als hätte mich die jeweils andere Seite zum Schweigen bringen wollen. War ja auch irgendwo richtig.

Ich selbst saß nun auf einem Kreuzfahrtschiff, Kurs Europa. Auf Flügen würde ich keine zehn Millionen transportieren können, aber auf Schiffen nahm man es nicht so genau. Die Tickets hatte ich ja schon, weil ich mir einen Blanko-Gutschein besorgt hatte. Mein Glück konnte ich kaum fassen, ließ mir nun Cocktails schmecken und freute mich auf ein neues Leben in Wien. Dort gab es noch das eine oder andere Konto, welches nur ich kannte. Darauf lagen noch kleine Reserven für den Fall einer Flucht. Solche Depots hatte ich auch in der Schweiz oder Liechtenstein. Nun gut, genau genommen hatte ich doch ab und zu was abgezweigt. Aber wirklich nie viel. Denn wenn man zu gierig ist, dann wird man erwischt.

Dumm ist es nur für meine arme Frau gelaufen. Verdient hatte sie es ja nun nicht.

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