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Romantruhe-Western Band 19

Hal Warner
Romantruhe-Western Band 19
Im Diggercamp wird abgerechnet

Western, Paperback, Romantruhe, Kerpen-Türnich, Oktober 2017, 70 Seiten, 4,95 Euro, Titelbild: Firuz Askin
www.romantruhe.de

Kurzinhalt:
Ein gewissenloser Dreckskerl hatte Roy Mitchells Girl eiskalt niedergeschossen und ihr junges Leben ausgelöscht.

An Louisas Grab legte Roy mit brennendem Herzen einen Schwur ab: Er würde ihren Mörder Tom Garrett jagen und stellen – irgendwo in einem Diggercamp. Denn es war das Geschäft dieses Hundesohnes, den Diggern ihr mühsam erarbeitetes Gold abzuluchsen.

Das nächste Diggercamp trug den Namen Pell Mell. Doch schon auf dem Weg dorthin sollte eine Menge mehr passieren, als Roy jemals erwartet hätte …

Leseprobe

Roy sprang in den Sattel und jagte den Hengst durch das verschneite Bergtal.

Noch immer krachten Schüsse. Deutlich konnte Roy zwei Gewehre unterscheiden. Das eine war zweifellos eine Sharps.

Als die Sharps zum dritten Mal ohrenbetäubend krachte, erreichte Roy einen bewaldeten Kamm im Norden des Tals. Er zügelte seinen Grauen, spähte in die Mulde unter sich und sah dort einen weißen Mann und eine Frau, die sich gegen Indianer zur Wehr setzten.

Sie kauerten hinter einem niedrigen Felsklotz. ln der Nähe standen ihre an einen Strauch gebundenen Pferde, die erregt an den Halteleinen zerrten.

Die Frau hielt ein Gewehr umklammert. Vorsichtig hielt sie Ausschau nach dem Indianer, der am Rand der Mulde in Deckung lag. Ihr Begleiter schien verwundet zu sein.

Soeben schoss der Indianer wieder. Ein weißlicher Rauchpilz stieg hoch und zerflatterte. Die Kugel pfiff über die Weißen hinweg und traf einen Baum, der unter der Erschütterung seine Schneelast abwarf. Die Pferde wieherten erschrocken.

Roy zog seinen Spencer-Karabiner aus dem Scabbard und visierte den halb von Büschen verdeckten Roten an. Aber die Entfernung war zu groß für einen Treffer. Er ließ das Gewehr wieder sinken, schwang sich aus dem Sattel und schlich geduckt nach unten.

Jetzt erklang das Peitschen einer Winchester. Die Frau hatte also auf den Indianer gefeuert.

Roy lief weiter. Der Lärm übertönte das Knirschen des Schnees unter seinen Stiefeln. Der Indianer blickte kein einziges Mal nach hinten. Er fühlte sich sicher und war offenbar ganz versessen darauf, die weiße Frau und die Pferde der Weißen zu erbeuten.

Er sah und hörte nichts von dem Gegner, der sich immer näher an ihn heranpirschte.

Roy hatte die Spencer entsichert. Mit dem Lauf teilte er vorsichtig das entlaubte Geäst eines Busches und spähte nach vorn.

Der Indianer war nun dicht vor ihm. Er hatte die Sharps nachgeladen, hob den Schaft an die Wange und zielte in die Mulde hinab.

»Lass fallen, Rothaut!«

Der Anruf ließ den Indianer erschrocken herumwirbeln. Sein dunkles Gesicht verzerrte sich vor Wut. Die fast dollargroße Mündung der Sharps beschrieb eine kreisende Bewegung, und dann krachte es auch schon.

Die Kugel fegte an Roy vorbei durchs Gebüsch, während er selbst feuerte.

Der Rote krümmte sich getroffen zusammen und stürzte in den Schnee, wobei er die Sharps unter sich begrub.

Das Echo des Schusses verrollte wie Kanonendonner in fernen Bergtälern.

»Hallo, Madam!«, rief Roy. »Es besteht keine Gefahr mehr.«

Die Frau richtete sich ein wenig auf und zielte mit dem Gewehr auf ihn. Mit unruhigen Augen blickte sie ihm entgegen. Ihr Gesicht war bleich.

»Was ist mit dem Indianer?«, fragte sie.

»Der liegt da hinten und wird niemandem mehr gefährlich.« Roy wies über die Schulter.

Dann stieg er die Mulde hinab und betrachtete die Frau, die nun das Gewehr sinken ließ und sich ganz erhob.

Sie war jünger, als er zuerst angenommen hatte. Höchstens dreiundzwanzig. Ihr Gesicht wurde von großen, blauen Augen beherrscht, die den hochgewachsenen Mann forschend musterten.

»Die Sache wäre sicher schlecht für uns ausgegangen«, sagte sie erleichtert. »Vielen Dank, Mister …«

»Mitchell, Roy Mitchell«, sagte er grinsend.

»Ich heiße Judy Cash. Das hier ist mein Bruder Johnny.« Sie wies auf den jungen Burschen, der neben dem Felsen im Schnee hockte und ein Stöhnen unterdrückte. Johnny war blond wie seine Schwester, ziemlich groß und schlank.

»Hat der Indianer Sie angeschossen?«, erkundigte sich Roy.

»Nein, ich trage das Blei schon seit gestern mit mir herum«, ächzte Johnny Cash. Er biß die Zähne zusammen und verzog das Gesicht.

»Es geht ihm nicht gut«, erklärte Judy. »Er hat eine Kugel in der Hüfte.«

»Und wie hat er die eingefangen?«

»Banditen hatten uns verfolgt. Wir waren in der Adlerschlucht und wollten nach Bannack. Mit einigen Beuteln Gold.«

»Man hat euch also überfallen und ausgeraubt?«

Judy Cash nickte seufzend. »Ich weiß nicht, was jetzt werden soll.«

»Auf alle Fälle müssen Sie sich den Gedanken aus dem Kopf schlagen, nach Bannack zu reiten. Das hält Ihr Bruder nicht durch.«

»Wohin sollen wir sonst?«

»Irgendwo südlich von hier liegt Pell Mell, ein Goldgräberlager. Vielleicht gibt es dort einen Doc.«

»Sie würden mit uns kommen?«

»Warum nicht?«, antwortete Roy. »Pell Mell ist ohnehin mein Ziel.«

»Ich wollte nie wieder ein Goldcamp sehen«, erwiderte das Mädchen seltsam bitter.

»Das müssen Sie aber in Kauf nehmen, wenn Sie Ihren Bruder retten wollen. Er muss so schnell wie möglich in ein Bett und von einem Doc behandelt werden. Der Weg nach Bannack ist zu weit.

 Wenn Kälte in seine Wunde kommt, ist er erledigt.«

 

*

 

Wenig später ritten sie nach Süden. Ringsum war das zerrissene Land der Ruby-Berge. Nackt und grau ragten die Felsen aus dem Schnee, unter dem sich die Büsche bogen. Dazwischen erhoben sich wie Totenarme die winterkahlen Bäume.

Johnny Cash war im Sattel zusammengesunken. Er krallte sich in der Pferdemähne fest, um nicht herunterzustürzen. Sein Gesicht glühte im Fieber.

»Wir müssen rasten«, sagte Judy mit einem sorgenvollen Blick auf ihren Bruder.

»Hier?«, runzelte Roy die Stirn. »Das hat keinen Sinn, fürchte ich. Wir müssen weiter.«

»Aber er kann doch nicht mehr …«

»Er muss! Ja, er muss durchhalten. Ich werde ihn festbinden.«

Roy Mitchell holte Riemen aus seiner Satteltasche und band damit den Verwundeten auf seinem Pferd fest. Dann übernahm er wieder die Führung.

Nicht viel später machte er eine Entdeckung. Es war eine Blockhütte, die links auf dem Hang stand. Er machte Judy darauf aufmerksam und trieb dann seinen Grauen auf die Hütte zu.

Als er die Hütte über einen völlig verschneiten Pfad erreichte und zurückblickte, sah er, dass ihm das Geschwisterpaar dichtauf folgte.

Johnny Cash hing über dem Pferdehals und sah sterbenselend aus. Judy hielt sein Tier am Zügel. Roy stieg ab und band den Grauen und die anderen Pferde an die mit Flechten und Moos bewachsenen Douglasfichten, deren Wipfel sich im Wind wiegten und knarrend aneinanderrieben. Dann stieß er die Tür der Hütte auf.

»Niemand hier?«, fragte Judy. Sie war ebenfalls abgestiegen und löste die Stricke, die Johnny auf dem Pferd hielten.

»Nein. Der Mann, der die Hütte gebaut hat, muss sie bereits vor längerer Zeit verlassen haben.«

Roy hob den Verwundeten vom Pferd und schleppte ihn in die Hütte, wo er ihn auf eine Pritsche legte, auf der noch eine alte Decke lag.

Johnny hatte die Besinnung verloren. Er stöhnte in der Ohnmacht, und seine Zähne schlugen klappernd aufeinander.

Auch Roy fror erbärmlich. Die Nässe hatte sogar seine dicke Mackinawjacke an einigen Stellen durchdrungen. Er blickte sich in der Hütte um und stellte zufrieden fest, dass neben dem primitiven Herd im Hintergrund Holzkloben aufgeschichtet waren.

»Machen Sie Feuer«, sagte er zu Judy, die mit einem Sattelpacken zur Tür hereinkam. »Ich hole inzwischen die Sättel und Packtaschen.«

Er ging hinaus und sattelte die Pferde ab.

Als er die Hütte wieder betrat, brannte es im Herd. Angenehme Wärme breitete sich aus.

Roy und das Mädchen blickten sich an.

»Haben Sie trockenes Zeug?«, fragte er.

»In meiner Satteltasche.«

»Dann ziehen Sie sich um, sonst erkälten Sie sich.« Ohne auf eine Antwort zu warten, verließ Roy die Hütte und blieb draußen stehen, bis sich die Tür hinter ihm öffnete und Judy Cash ihm sagte, dass er wieder hereinkommen konnte.

Sie hatte ihren Mantel abgelegt und ihr durchnässtes Reisekostüm gegen ein schlichtes Wollkleid vertauscht, in dem sie sehr weiblich wirkte.

Roy ging zum Feuer und wärmte sich die Hände. Danach trat er zu Johnny und entkleidete ihn.

Der Bursche hatte viel Blut verloren. Die Kugel steckte in seiner linken Hüfte, und Roy wusste sofort, dass nur ein Doc sie entfernen konnte.

»Sieht nicht schön aus«, sagte er zu Judy. »Aber ich glaube, er hat keine innere Verletzung.« Und nach einer kleinen Pause fragte er. »Wissen Sie überhaupt, wer die Kerle waren, die euch überfallen haben?«

»Nein. Sie waren maskiert. Johnny hat zum Revolver gegriffen, als sie gestern Mittag an unser Feuer kamen. Aber einer dieser Schufte war schneller als er. Die beiden haben dann unsere Satteltaschen geplündert.«

Sie seufzte und holte heißes Wasser vom Herd. Roy nahm ein sauberes Hemd aus seiner Satteltasche und riss es in Streifen, um Verbandszeug zu haben.

Später saß Judy an der Seite ihres Bruders und blickte auf Roy, der sein Gewehr trockenrieb und einfettete.

Sie kannte ihn noch kaum, aber sie glaubte zu wissen, dass sie ihm vertrauen konnte.

»Ich bin froh, dass Sie uns geholfen haben«, sagte sie. »Wer weiß, was sonst aus mir und meinem Bruder geworden wäre. Ich kann Ihnen nicht genug danken, Mr. Mitchell!«

»Danken Sie besser dem Zufall, der uns zusammengeführt hat«, erwiderte er. »Und sparen Sie sich den Mister. Nennen Sie mich einfach Roy.«

Er erhob sich von dem Schemel neben dem Herd, stellte die Spencer an die Wand und trat an das einzige kleine Fenster seitlich der Tür.

Der Wind stöhnte noch immer in den Bäumen, hatte aber etwas nachgelassen. Auch die Schneeflocken wirbelten nicht mehr so dicht. Die Talsohle war gut zu erkennen.

»Das Wetter bessert sich«, sagte Roy, als er seinen Entschluss gefasst hatte. »Ich werde nach Pell Mell reiten und Hilfe holen.«

Ein Anflug von Bitterkeit überschattete das Gesicht des hübschen Mädchens.

»Ich habe nicht mal Geld, um den Doc bezahlen zu können.«

»Machen Sie sich deswegen keine Sorgen«, meinte Roy lächelnd. »Wenn es in Pell Mell einen Doc gibt, wird er Johnny helfen. Alles Weitere wird sich finden.«

Er machte sich zum Aufbruch bereit.

»Wann werden Sie zurückkommen?«, fragte Judy.

»Vielleicht schon in zwei Stunden. In diese Goldgräbersiedlung kann es nicht mehr weit sein. Sorgen Sie dafür, dass Ihr Bruder inzwischen nicht aufsteht.«

Veröffentlichung der Leseprobe mit freundlicher Genehmigung des Verlages