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Felsenherz der Trapper – Teil 12.5

Felsenherz der Trapper
Selbsterlebtes aus den Indianergebieten erzählt von Kapitän William Käbler
Erstveröffentlichung im Verlag moderner Lektüre GmbH, Berlin, 1922
Band 12
Die beiden Trumms
Fünftes Kapitel

Die Felsblöcke in den Kakteen

Die beiden Trumms waren kaum auf dem Dünenkamm angelangt und hatten gerade ihre Maulesel durch einen kurzen Befehl sich hinter der sandigen Anhöhe niederlegen lassen, als der erste Blitz des nahenden Gewitters ihnen schon drei Apachenspäher zeigte, die die Gasse vorsichtig im Schritt entlangkamen.

Der zweite Blitz gab ihnen dann genügend Licht, zwei gut gezielte Kugeln anzubringen. Die Trumms waren ja nun von anderem Schlag als ihr Landsmann Felsenherz. Sie schonten keinen Indianer. Ihnen galt nur ein Gesetz – das der Wildnis. Auge um Auge, Zahn um Zahn!

Und so sanken drüben denn zwei der Späher mit Kopfschüssen lautlos von den Mustangs. Der Dritte riss seinen Gaul herum und jagte davon. Ihm folgten die reiterlosen Tiere ebenfalls in Karriere.

»So!«, meinte Jobb. »Zwei Rotfelle weniger! Robb, wie denkst du eigentlich über das Verschwinden der beiden Reiter?«

»Ich denke, dass du besser den abgeschossenen Lauf deiner Büchse laden und nicht unnötiges Zeug reden solltest!«, knurrte der ältere Trumm. »Wo die beiden geblieben sind, wird Felsenherz schon rauskriegen. Der ist doch so ein wenig klüger als wir, mein lieber Jobb!«

Felsenherz hatte derweil etwa hundert Meter hinter dem Dünenkamm mithilfe einer fünften Fackel herausgesunden, dass die kaum sichtbare Spur der beiden Pferde mit ihren umwickelten Hufen in eine tiefe, aber schmale Ausbuchtung der Gasse einbog und hier im äußersten Winkel dieser Abzweigung plötzlich aufhörte.

Gerade hier zog sich eine Bodenwelle nach Norden hin, und hier wuchsen die Kakteen besonders hoch hinter dieser Bodenwelle, an deren Fuße vielleicht mehr Feuchtigkeit vorhanden war, die das Gedeihen der Pflanzen gefördert hatte.

Felsenherz vernahm jetzt außer dem Grollen des Gewitters auch die beiden Schüsse der Trumms, die fraglos den Apachen gegolten hatten.

Dann zuckte ein ganzes Bündel von Blitzen auf, das für mehrere Sekunden die Umgegend taghell erleuchtete.

So konnte der blonde Trapper denn auch eine Wahrnehmung machen, die höchst eigenartig war. Dort, wo die undeutliche Fährte der beiden Reiter ein Ende hatte, dort also, wo Felsenherz jetzt mit seiner soeben erloschenen fünften Fackel am Boden kniete, gab es am Rande des Kakteenfeldes drei große Stauden, die völlig verdorrt waren. Und unter diesen Stauden erblickte er beim Schein der elektrischen Entladungen eine Fortsetzung der so schwer erkennbaren Fährte unter den Stauden im Sand, wo doch ein Pferdehuf nur hätte hingelangen können, wenn – wenn die Stauden vorher entfernt worden waren.

Felsenherz lächelte flüchtig. Er war hier fraglos einem wichtigen Geheimnis auf der Spur!

Dann fasste er vorsichtig die Wurzel der einen Staude an und konnte den ganzen Busch mühelos herausziehen.

Genau so war dies bei den anderen beiden Stauden möglich, die unterhalb der Bodenwelle nach Osten hin standen.

Ein neuer Blitz zeigte dann dem blonden Trapper, dass die folgenden Stauden in der so entstandenen Bresche ebenfalls verdorrt waren. Auch sie waren mit den Wurzeln nur lose in den Sand eingedrückt worden.

Nachdem er noch acht Stauden so herausgezogen und hinter sich geworfen hatte, enthüllte ihm ein abermaliger Blitz einen schmalen Pfad, der am Fuß der Bodenwelle in nördlicher Richtung weiterlief.

Er befahl seinem Braunen nun, sich niederzulegen. Das edle Tier gehorchte sogleich. Dann kroch er den zwischen den teilweise mannshohen Büschen sich hinschlängelnden Pfad rasch entlang. Nach etwa dreihundert Metern tauchte eine jener Felsinseln auf, die scheinbar unzugänglich über die Kakteen hinauswuchsen. Diese wirre Masse von Steinblöcken hatte eine Höhe von gut zehn Metern und eine Ausdehnung vou mindestens zwanzig Meter. Der Pfad endete zwischen zwei enormen Felsblöcken, hinter denen ein dritter lag, den man nach links umgehen konnte.

Als der Trapper so weit vorgedrungen war, hörte er plötzlich ein meckerndes Lachen und dann eine helle Fistelstimme, die auf Englisch sagte: »Die drei Buschklepper uud die Mescalero werden sich nun schön die Köpfe zerbrechen, wo wir geblieben sind! Ja, ja, der lange Hilpray traf Euch gerade zur rechten Zeit, Miss! Sonst wäret Ihr jetzt wohl in den Händen der drei Weißen, die es so eilig hatten, uns einzuholen.«

Felsenherz begriff sofort, welche Bedeutung diese Sätze hatten. Der lange Hilpray war ihm ja vom Hörensagen genügend bekannt. Er war ein Trapper, der stets allein jagte, eine Art Sonderling, wie es so viele im Wilden Westen gibt. Und dieser Hilpray hatte ihn und die Trumms für Buschklepper aus der Entfernung gehalten! Aber – wer war die Miss, der Hilpray zufällig begegnet war und die er hier mit in sein Versteck genommen hatte?

Eine Miss – ein Mädchen? Was hatte ein Mädchen hier allein in der Wildnis zu tun?

Da – eine andere, helle, klangvolle Stimme.

»Mister Hilpray, wie soll ich Euch nur danken, dass Ihr Euch meiner sofort in so hochherziger Weise angenommen habt? Ich war ja bereits so erschöpft von der Verfolgung durch die Apachen, dass ich in der nächsten Minute bewusstlos aus dem Sattel gesunken wäre. Dabei bin ich wahrlich kein zimperliches Frauenzimmer. Nein, im Gegenteil, ich bin so in der Wildnis groß geworden und später erst hat mein Vater mich als meine Mutter und meine Geschwister von den Shoshone oben im Felsengebirge hingemordet worden waren, nach San Francsico gebracht, wo ich zuletzt Turnlehrerin war. Ich bin sehr sportgeübt, schieße recht gut und reite noch besser. Nun, da ich Euch schon so viel von mir erzählt habe, sollt Ihr auch den Restt wissen. Ich habe meinen Namen bisher verschwiegen, und dazu hatte ich besondere Grund. Kennt Ihr vielleicht den Namen Fred Summer?«

»Und ob ich den kenne! Der alte Summer haust ja da drüben jenseits der Llano in einem versteckt liegenden Blockhaus und ist sozusagen mein nächster Nachbar. Seid Ihr etwa seine Tochter, Miss?«

»Ja – das bin ich! Die Tochter des berüchtigten Fred Summer, der in seiner Jugend der schlimmste Pferdedieb und Buschklepper am Missouri war, dann aber durch meine Mutter auf dem rechten Weg gebracht wurde und seine Verfehlungen durch ehrliche Arbeit gesühnt hat! Heute ist er ein alter Mann mit schlohweißem Haar, der nur noch eine Liebe kennt: die zu mir, seinem einzigen Kind!«

»Ah – Fred Summer – Fred Summer!«, meinte der lange Hilpray. »Wie seltsam doch das Schicksal manchmal alte Bekannte wieder zusammenführt, Miss! Dass dort am Big Salt Creek ein Master Summer wohnt, weiß ich ja längst. Aber dass dieser menschenscheue Greis, der jeder Begegnung mit Europäern ausweicht, jener selbe Fred ist, der mir mal das Leben rettete, – wer hätte das gedacht! – Entschuldigt schon, Miss, aber weshalb in aller Welt habt Ihr jetzt nur dieses ungeheure Wagnis unternommen und seid so allein von Frisco …«

Lydia Summer unterbrach ihn.

»Oh – so allein war ich zunächst nicht. Ich hatte mich einem Auswandererzug angeschlossen, fer hinab nach Westarizona wollte. Erst seit einer Woche bin ich allein auf mich angewiesen. Was den Grund meines abenteuerlichen Rittes zu meinem Vater angeht, so hat es damit folgende Bewandtnis. Mein Vater hatte mir stets sorgfältig seine unglückselige Vergangenheit verheimlicht. Vor zwei Monaten schickte er dann durch zwei bekannte Westmänner, die jahrelang bei uns verkehrten, als wir noch oben im Felsengebirge lebten, einen Beutel Goldstaub und einen Brief, in dem er mir seine wilde Jugend offenbarte und zugleich von mir Abschied nahm, da er merkte, dass seine Kräfte immer mehr nachließen. Als ich dieses Schreiben gelesen hatte, waren die beiden Trumms bereits wieder in die Wildnis unterwegs. Sie blieben nur ganz kurze Zeit bei mir, denn sie fühlen sich in einer Stadt nicht recht wohl und fürchteten fraglos auch, ich könnte sie bitten, dass sie mich mitnehmen sollten. Ich hatte ihnen noch einen bereits fertigen Brief an meinen Vater ansgehändigt. Wie ich dann das Schreiben meines Vaters nochmals überflogen hatte, überkam mich die Sehnsucht nach ihm. Ich wollte ihm beweisen, dass ich ihn noch genau so liebte wie bisher, traf schnell meinem Reisevorbereitungen und verließ Frisco. So, Master Hilpray, nun wisst Ihr alles …«

»Ja – und nun freue ich mich doppelt, dass ich an Fred Summers Tochter das gutmachen konnte, was er einst für mich getan hatte, Miss! Wir werden hier in meinem Versteck jetzt so lange bleiben, bis die drei Buschklepper und die verdammten Mescalero sich gegenseitig die Hälse aufgeschnitten haben oder mit langer Nase abgezogen sind. Hier vermutet uns niemand, hier sind wir ganz sicher. Vorhin die beiden Schüsse sind übrigens der beste Beweis dafür, dass die Buschklepper und die Apachen bereits aneinandergeraten sind. Ich werde jetzt mal nachschauen, wie es draußen steht. Das Gewitter scheint nach Westen abzuziehen. Schade, dass es keinen Regen gegeben hat. Na – Wasser für uns und die Pferde haben wir noch für drei Tage. Inzwischen werden die Banditen draußen längst verschwunden sein. Noch eins, Miss. Die beiden Trumms kenne ich persönlich. Und jetzt, wo Ihr mir sagtet, sie seien in Frisco gewesen und hätten einen Brief an Euren Vater zu bestellen, ist mir eingefallen, dass zwei der Buschklepper recht klein waren. Vielleicht habe ich infolge der weiten Entfernung gar die beiden Trumms für Desperados gehalten! Das wäre ein Spaß! Jedenfalls will ich dies jetzt mal feststellen. Entschuldigt mich also, Miss. Ich bin nach einer halben Stunde wieder hier.«