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Dämonische Reisen in alle Welt – Kapitel II, Teil 7

Johann Konrad Friederich
Dämonische Reisen in alle Welt
Nach einem französischen Manuskript bearbeitet, 1847.

Kapitel II, Teil 7

Unaufgehalten schritten Asmodi und sein Begleiter durch die dreifachen Spaliere, welche die infernalische Leibwache des Groß­satans bildeten, und die, als Asmodi an ihnen vorüberging, ihre Gewehre, aus großen zwei- und dreizackigen Ofen-, Mist- und Heugabeln bestehend, präsentierten, wozu fünfhundert höllische Trommelschläger einen Parademarsch auf ihren, mit aus Wuchererhäuten gegerbten Fellen überzogenen Trommeln schlugen, deren Kasten von glühendem Erz waren. Nur einen schwachen Begriff kann man sich von dem durch sie verursachten Lärmen machen, wenn man sich denkt, dass die Berührung jedes einzelnen Schlägels auf solchem Fell dem Knall von tausend zugleich ausgelösten Vierundzwanzigpfündern gleichkommt.

Abwechselnd ntit diesen Tambours spielte die Janitscharenmusik der großsatanischen Garden die beliebtesten Melodien höllischer Spontinis, Rossinis, Bellinis, Donizettis usw., und ber Lärm, den sie machten, stand vollkom­men im Verhältnis zu dem der Trommelschläger.

Endlich traten unter einem dreimaligen, wirklich teuflisch don­nernden Lebehoch Asmodi und sein Gast in den prächtig dekorierten Prunksaal des Pandämoniums, wo Papa Großsatan an einem Ende desselben hoch erhaben auf einem Schädelthron saß, dessen Baldachin auf künstlich von Armensünderknochen geformten Säulen ruhte.

Über ihm schwebte die aus seinem Haupt entsprungend Sünde.

Zu seiner Linken saß die Hexe von Endor im Gala­kleid nach dem neuesten Pariser Modeschnitt geformt, und rechts und links um das erhabene Paar standen in gehöriger Rangordnung sämtliche Großfürsten und Großteufel der Hölle und unterhielten sich zum Teil mit den höllischen Prinzessinnen undd Hofdamen. Zunächst dem Thron saß Beelzebub, der Erste nach dem Großsatan, dessen pestilenzialischer Hauch nicht selten die teuflischen Nasen selbst inkommodierte. Leviathan, Belphegor und Astaroth, als Großräte des Reichs, umgaben ebenfalls den Thron. Dann sah man in ihrer Nähe den stolzen König der bösen Geister, den Aschmedai, der dem weisen Salomon schon so verteufelte Streiche spielte. Er schmunzelte und schwänzelte mit der Judith, welche das Amt der Oberhofmeisterin versah. Unfern von ihm machte der Höllenfürst Duma der Prinzessin Sataniella, des Großsatans ältestes Töchterchen, den Hof. Ein wenig weiter links stand Luzifer, der besondere Beschützer der Marksschreier und Beutelschneider, und unterhielt sich vertraulich mit der Prinzessin Diavolina. Der grobsinnliche Fürst Belial koste mit der dritten Schwester Cornalina, der auch der schmutzigste aller Teufel, der Mammon, den Hof von der Linken machte. Der Verführer Samuel war von einem ganzen Schock höllischer Hoffräulein umringt, und der Intrigen- und Schikanenteufel Flagel, Großprotektor der Rabulisten, Rechtsverdreher und Prozesskrämer, von dem so mancher Richter und Advokat besessen ist, hatte wenigstens ein halbes Hundert überreifer Hexen um sich. Aber am tollsten ging es in der Nähe des Barbatos, dem Zwietrachtteufel, her. Ein ganzes Heer von Furien mit Schlangenhaaren umgab ihn. Der blutdürstige und wollüstige Moloch mit dem gekrönten Kalbskopf schien in einem Winkel auf neue Teufeleien zu sinnen. Mephistopheles kokettierte hinter des Großsatans Rücken mit der Endor, Chemor , der Moabiter Abgott, stand ihm eifersüchtig zur Seite. Außer diesem und noch anderen Großteufeln, welche das Ministerien, den Staatsrat und die Pairskammer des Reichs bildeten, waren noch unzählige Teufel und Teufelchen niederen Ranges gegenwärtig, hatten sich im höllischen Hofgalakostüm eingefunden und bildeten einen weiten Halbkreis. Da waren der Hoffahrts- und Hochmutsteufel, der Neidteufel, der Faulteufel, der Ränketeufel, der Prachtteufel, der Kabalenteufel, der Kuppelteufel größtenteils mit glühenden Kammerherrnschlüsseln dekoriert. Die Raub-, Sauf- und Mordteufel trugen höllische Generalsuniformen. Die Wucher- und Geizteufel erschienen als geheime Kommerzienräte, die Spekulation- und Sorgenteufel als Hofbankiers. Die Teufel der Heuchelei und der Scheinheiligkeit trugen Jesuitengewänder und lange Talare. Der politische Teufel, der diplomatische und der des Ehrgeizes waren in dünne, durchsichtige, angeblich aus Menschenwohl ge­webte Gewändern gehüllt. Der Lottoteufel, der Spielteufel und der Wollustteufel tragen Schafspelze. Ein ganz kleines, aber sehr rühriges Teufelchen machte sich gewaltig wichtig und besonders viel mit den infernalischen Schönen und dem Ehe- und Hausteufel zu schaffen. Es war dies das drollig aufgeputzte Modeteufelchen.

Dann waren noch … doch wer das ganze Heer der Teufel aufzählen wollte, würde in alle Ewigkeit nicht fertig. Er müsste denn selbst Teufel oder wenigstens höllischer Zeremonienmeister sein, der ebenfalls an des Großsatans Hof nicht fehlte und spanisches Grandenkostüm aus den Zeiten Philipps II. trug.

Als nun Asmodi mit seinem Begleiter in den endlosen, mit Millionen Lichtern aller möglichen Farben beleuchteten Saal trat, da erhoben sich alle von ihren Sitzen und ließen ein dreimaliges Vivat, von einem dreifachen Höllentusch begleitet, erschallen und hießen die Eintretenden höflichst willkommen. Selbst Papa Großsatan warf ihnen einen freundlichen, grinsenden Nicker zu und rückte die dreifach gehörnte Krone ein sperrig. Als sich der Bewillkommnungstumult etwas gelegt hatte, bat der Hinkende um das Wort und erhielt es.

Auf einen Wink des Oberzeremonienmeisters waren alle mäuschenstill, und Asmodi begann.

»Meine spitz- und hochgeöhrte, krumm- und gradgehörnte, kurz- und langgeschweifte, scharf beklaute und bekrallte hochansehnliche Herren Ober- und Unterteufel, vielgeliebte Confratres und Pairs des Reichs! Da ich seit beinahe anderthalb hundert Jahren nicht die Ehre hatte, dieser hochansehnlichen Versammlung beizuwohnen, wegen Hindernissen, die Ihnen alle wohl bekannt sind, so kann ich kaum meine infernalische Rührung verbergen, alles noch vollkommen in demselben Zustand anzutreffen, wie es sonst war. Noch ist der fatale Geist der Neuerungen, der Revolutionen und Rebellionen nicht bis zur Hölle gedrungen und wird auch hoffentlich nimmermehr dahin dringen. Ohne mich selbst loben oder überschätzen zu wollen, bin ich doch fest überzeugt, dass Sie mich bei Ihren hochwichtigen teuflischen Verrichtungen gar manchmal vermisst haben werden. (Ein Hört, hört ließ sich bei diesen Worten von vielen Seiten vernehmen.) Hier habe ich die Ehre, Ihnen meinen Befreier, den Erdemagogen und Erweltreformator Michel vorzustellen, der sich durch meine Befreiung um das gesamte Höllenreich hochverdient gemacht hat, auch für die Zukunft noch viel verspricht, weshalb ich es wage, Eure Großsatanische Majestät um eine gnädige Belohnung für denselben untertänigst zu bitten.«

Nicht mehr wie billig, dass man solche Verdienste belohne, ließ sich nun Papa Großsatan von seinem Thron herab vernehmen: »Man bringe mir die Ordensinsignien des Großkreuzspinnenordens an der Glutkette.«

Zwei höllische Hofpagen, schön behörnt und beschweift, brachten schnell auf einem blutroten Kissen, was der mächtige Gebieter begehrte. Der Oberhofzeremonienmeister nahm Michel bei der Hand, führte ihn an die Stufen des Thrones, hieß ihn niederknien und die liebenswürdige Endor hing ihm höchst dürrhändig das Ordens­zeichen um, worauf ihm Großsatan höchst eigenkrallig unter dem donnernden Jubelgeschrei der Versammlung den Ritterschlag auf den salva venia Poder mit der Spitze seines Schweifes erteilte. Michel war nun unter die Zahl der Kreuzspinnenordensritter aufgenommen und empfing die bei dieser Gelegenheit üblichen Glückwünsche von sämtlichen Groß-, Ober- und Unterteufeln.

Als diese Zeremonie beendet war, wurde auf einen Wink des Großsatans das Zeichen zum Aufbruch zur Tafel durch schmetternde Posaunen gegeben. Die infernalische Majestät ergriff die Dame Endor bei der Hand und eröffnete den endlofen Zug, bei dem jeder der Geladenen ein Prinzesschen oder Herrchen zur Tafel führte. Unserem Michel wurde die Auszeichnung, die gar nicht hässliche Prinzessin Sataniella zu führen und bei Tisch neben derselben Platz nehmen zu dürfen. Er hatte sich einer sehr geist­reichen Unterhaltung zu erfreuen.

Keine irdische Feder vermag es, die Speisen alle zu nennen und zu beschreiben, die hier aufgetragen wurden, und von denen sich auch die erfahrenen Leckermäuler der Wiener und Pariser Hof- und Gutschmecker keinen Begriff machen können, ebenso wenig wie die feinsten Weinzungen von den hier statt Nektar servierten brennenden Getränken.

Nur eines pechschwarzen Ragouts, aus dem im Rauchfang der Hölle zum Teil seit Jahrtausenden aufbewahrten Pöckelfleisch vott Menschenschindern und Wüterichen, wie eines Sylla, Tiberius, Nero, Ludwig XI., Ali-Pascha,

Robespierre, Marat, Couthon, Fouquier, Thionville, Collot d’Herbois, Carriers usw. zubereitet, und eines großen schwarzen Höllenbockbraten, mit Zungen von Verleumdern und Meineidigen gespickt, will ich als Satans Leibgerichte erwähnen, die nur bei ganz außerordentlichen Gelegenheiten auf der großsatanischen Tafel erschienen und sämtlichen Teufeln ganz besonders mundeten. Auch an Toasts fehlte es hier ebenso wenig als bei einem englischen Lordmayors- oder irischen Repealschmaus oder einem der auf tausenderlei Veranlassungen gegebenen deutschen Festessen.

Zuerst geruhte Großsatan selbst ein siebenfaches Vivat allen denen auszubringen, die sich die Beförderung und Bevölkerung seines Reiches angelegen sein lassen, gleichviel von welcher Farbe und Partei sie auch immer sein mochten, Stockaristokraten oder ultraradikale Bluthunde, Royalisten oder Jacobiner, Servile oder Afterliberale, spanische und französische Carlisten oder Republikaner, Legitimisten oder Demagogen, Carbonari oder Kommunisten, Jesuiten oder Pietisten, Rongisten oder Licht- und Nachtfreunde, das galt ihm alles gleich, wenn sie nur die Bevölkerung seines Reiches vermehrten und dessen Ruhm förderten.

Nach diesem Generaltoast, der sich des ungeteiltesten Beifalls aller Gäste, Michel ausgenommen, zu erfreuen hatte, wurden noch unzählige besondere Toaste ausgebracht. Namentlich war es Barbatos, der Zwietrachtteufel, der gar manche Deputierte der französischen, deutschen, englischen, belgischen, griechischen etc. Kam­mern, von den verschiedensten Schattierungen sowie auch allerlei Minister, den Agitator O’Connel, den alten Mehemed-Ali, den Lamenais, den Cormenin, den Hengstenberg , die Pfarrer Eber­hard, Ronge, Ezersky, den Kerbler und Dowiat, kurz, alles durcheinander, englische, französische und deutsche Journalisten und Zeitungsredakteure, Rezensenten, Kritikaster und Advokaten und na­mentlich auch die ganz freie Presse hochleben ließ. Hierzu blies nnn die großsatanische Hofkapelle allerliebste infernalische Tusche, und zum Nachtisch wurden allerlei teuflische Schelmenlieder, bald in Chorus, bald von Solostimmen, vorgetragen.

Noch war man mit dem Dessert nicht fertig, als ein Flügeladjutant und Ordonnanzteufel seiner höllischen Majestät die An­kunft eines neuen Transports Verdammter meldete. Se. Majestät geruhten zu befehlen, dass man die Konduitenlisten dieser Ankömmlinge allerhöchst demselben sogleich vorlegen solle, indem sie sofort über das Schicksal derselben verfügen wolle, um das Ende des Gastmahls zu würzen.

Der Flügeladjutant nahm ein braungeräuchertes Pergament aus der Écharpe und las:

»Nr. l. Ein Mitglied des englischen Unterhauses, das sich durch die Bestechung der faulen Flecken wählen und wiederwählen ließ, und dann seine Stimme um schnödes Gold dem verkaufte, der ihm am meisten bot, und so das Wohl des Volkes und der Regierung verschacherte.«

»Auf den Kreuzglührost mit dem Patron, wo schon fast die Hälfte der Mitglieder aller Schattierungen der Kammern aller sogenannten konstitutionellen Staaten braten, die ihre Stimmen, ihr Gewissen und ihre Überzeugung dem eigenen Interesse opferten. Er wird alle 24 Stunden 23 und eine halbe geröstet«, donnerte Großsatan.

»Nr. 2. Ein Wucherer, der nie weniger als 50 von 100, und wenn es anging, 200 von 100 per Monat von den Be­drängten nahm, die ihm in die Hände fielen, und denen er oft statt baren Geldes drei Viertel des Betrages in verlegener und schlechter Ware gab und sie zum zehnfachen Wert anrechnete; sodann seinen unglücklichen Schuldnern, die ihn zu bezahlen nicht imstande waren, das letzte Stroh vom Lager und das letzte Hemd vom Leib nehmen ließ, sie samt ihren Familien auf das Unerbittlichste dem Hunger preisgab, ja die so barbarischen als stupiden Gesetze des sich so hochzivilisiert nennenden Europas benutzend, Familienväter, die mit saurem Schweiß und großer Mühe Frau und Kinder ernährten, in das Schuldgefängnis werfen ließ, wenn er glaubte, durch dieses Mittel noch etwas herauspressen zu können.«1

»Wird, nachdem er mit glühenden Kneipen geschunden und seine zum Trommelfell für unsere Leibgarde gegerbte Haut in unserem Arsenal deponiert ist, jede Stunde dreimal in dem großen, glühenden Milchkessel zu Brei verrührt, dann in dem Kühlkessel wieder hergestellt, um immer wieder von Neuem und für alle Ewigkeiten gesotten, gerührt und wiederhergestellt zu werden.«

»Nr. 3. Ein Lotteriekollekteur, der die nehmlichen Nummern eines Loses hundertmall verkaufte und falsch stempelte.«

»In das glühend stachlige Höllenrad mit ihm, um unaufhörlich darinnen gedreht zu werden.«

»Nr. 4. Ein Advokat, der immer von beiden Parteien zu nehmen gewohnt war, und mit den Herren Confratres seiner Geg­ner Konferenzen hielt, wie sich die Prozesse am besten in die Länge ziehen ließen, und man den Klienten, welchen man diese Konferenzen teuer berechnen, den letzten Groschen abnehmen könne.«

»Hat mit glühenden Federn und mit seinem eigenen, siedend zu machenden Herzblut sämtliche schlechte Gesetze, mit denen seit 3000 Jahren die Welt beglückt wurde, und die noch alle in den kommenden Jahrhunderten gegeben werden, abzuschreiben, und das Abgeschriebene täglich brühheiß zu verschlucken.«

»Nr. 5. Ein Richter, der sich bestechen ließ, und das Recht für schnödes Geld, Geschenke, Liebkosungen schamloser Weiber usw. verkaufte und verdrehte.«

»Auf den großen Bratspieß mit ihm, an dem schon viele Tausende seinesgleichen rösten, mit seinem eigenen Fett begossen und tausendmal in jeder Stunde bis in alle Ewigkeit umgedreht«, diktierte Großsatan.

Nr. 6. Ein Jude, der sich reich geschachert, indem er fünftausend arme Teufel betrog.«

»In den großen Schmelztigel mit ihm, in dem er zu Me­tall geschmolzen, dann in den Kühlkessel geworfen wieder zum Juden wird, um immer wieder von Neuem eingeschmolzen zu werden. Diese Operation ist sechzigmal in jeder Stunde in alle Ewigkeit vorzunehmen.«

»Nr. 7. Ein geschickter Arzt, der einem Neffen und dessen Geschenken zu lieb den zu beerbenden reichen Oheim 20 Jahre zu früh sterben ließ.«

»Diesem wird jede Stunde ein Maßlöffel voll von der siedend glühend-abführenden Höllenmixtur eingeschüttet, und neben­bei muss er täglich dreißig von seinen eigenen Rezepten verschlingen.«

»Nr. 8. Eine etwas magere Opernsängerin und zwei Opern­tänzerinnen der großen Oper zu Paris, die etwas zu viel geliebt, getrillert und entrechatiert haben.«

»Bah, denen wird mein allergnädigster Pardon großmühig zuteil. Die Erste ist als geheime Kammersängerin bei mir angestellt, und die beiden anderen werden bei außerordentlichen Gelegenheiten im Ballett tanzen.«

Die Endor machte ein verdrießliches Gesicht, und Michel murmelte vor sich hin: »Das Volk findet doch überall Protektion, selbst in der Hölle!«

»Nr. 9. Ein Premierminister und zwei Bischöfe, die …«

»Genng für jetzt!«, fiel Großsatan dem Berichterstatter ins Wort, »man wird mir den Rest morgen beim Frühstück rapportieren. Es ist Zeit, dass der Tanz beginne.«

Seine infernalische Majestät gab nun das Zeichen zum Auf­bruch, und alle Gäste erhoben sich zumal vom Tisch, und Papa Großsatan eröffnete den Ball mit einer Polonaise an der Endor Hand.

Hierauf kamen höllische Walzer, Galloppaden, Polkas, Mazurkas usw. an die Reihe, und man tanzte und bankettierte noch, als es auf Erden schon zu tagen begann.

Asmodi, der auch nicht übel hinkend mitgehopft hatte, erinnerte nun den Michel, dass es wohl Zeit zum Aufbruch sei.

Großsatan hatte sich schon bald nach Mitternacht samt der Endor zur Ruhe begeben.

Beide schlichen sich nach dem Brauch in den Pariser Salons, um alles Aufsehen zu vermeiden, unbemerkt davon.

Als sie das Allerhöllichste verlassen hatten, machte Asmodi im Vorübergehen seinen Gefährten auf mehrere Straforte aufmerksam, an denen Verdammte verschiedener Gattung ihre Strafen abzubüßen hatten. Zuerst zeigte er ihm eine große vergitterte Höhle, in der man nur eine geringe Anzahl Sträflinge wahrnahm, die mit blutroten Schürzen und hochgestreiften Hemdsärmeln von derselben Farbe unaufhörlich mit dem Schlachten schwarzer Böcke beschäftigt waren, in deren Eingeweiden wühlten und dabei bis an den Nabel in siedendem Blut wateten.

»Was haben denn diese Herren pexiert?«, fragte Michel neugierig.

»Das waren auf Erden große Eroberer und sind deshalb hier zu Hofschlächtern für die großsatanische Küche avanciert, wo sie die beste Gelegenheit haben, unaufhörlich schlachten und im Blut baden zu können. Unter ihnen siehst du Sesostris, Alexander den Großen, Attila, die Geisel Gottes genannt, Ferdinand Cortez, Pizarro, Karl den Großen, Dschingis Khan, Thomas Kulikan, Herzog Alba, Ludwig XIV., Napoleon usw.«

»Was zum Henker auch Napoleon hier?«, rief Michel erstaunt.

»Nicht mehr wie billig; denn in seinem Leben schlachtete er schon recht artig für unsere Hofküche«, antwortete Asmodi. »Was ihn aber hauptsächlich hierher brachte, ist die Ermordung Palms, Enghiens und der Offiziere von Schills Korps.«

»Und wer zum Henker sind denn diese hier dicht neben den Eroberern, in dem mit bepechten Zwirnsfäden vergitterten Behäl­ter, so krumm zusammengekauerten, klapperdürren Pickelheringe?«, fragte Michel weiter.

»Das waren auf Erden ganz wohlhabende und ehrsame Schneiderlein, oder um mit dem Zeitgeist fortzugehen, Kleidermachermeister, und sind jetzt zu großsatanischen Hof- und Leib­schneidern avanciert. Sie müssen die kleine und große Garderobe für unseren infernalischen Hof mit glühenden Scheren zuschneiden und mit detto Nadeln nähen, während sie auf glühenden Nadel­spitzen sitzen. Und dies alles, weil sie ihren Kunden in der Ober­welt das Tuch stahlen. Die du dort in jenem Winkel sitzen siehst, sind …«

»Für heute lass es gut sein«, fiel Michel seinem hinkenden Freund ins Wort, sich durch so viele höllische Schwulitäten ganz unbehaglich fühlend, und nach der Oberwelt zurücksehnend. »Es muss auf Erden schon hoch am Tag sein, und ich fühle mich ge­waltig beklommen.«

»Mir auch recht«, erwiderte Asmodi, »ich behalte mir das Vergnügen vor, dir die übrigen höllischen Raritäten, Kuriositäten, Merkwürdigkeiten und Geheimnisse ein anderes Mal zu zeigen, die dich nicht wenig in Erstaunen setzen werden, da du hier so manche Gesellschaft und Individuen finden wirst, die ihr dort oben alle in Abrahams Schoß glaubt. Du wirst Wahrheiten und Mysterien entdecken, von denen sich eure Historienfabrikanten nichts träumen ließen, und die gar manchen Nimbus, Heiligenschein und irdische Größe verwischen werden. Doch das Weitere bei dei­nem nächsten Höllenbesuch. Und wohin nun?«

»Wo es etwas Interessantes zu sehen gibt«

»Da müssen wir in die drei Reiche, Großbritannien genannt, da geht es jetzt toll genug zu, besonders in Irland.«

»Wohlan, so lass uns dahin eilen.«

»Wir müssen den Weg durch den Hekla nehmen, das ist wenigstens der Nächste …«

Unsere Höllenreisenden entfuhren wenig Minuten darauf dem Krater des Hekla und eilten von da nach Altengland.

Show 1 footnote

  1. Es ist in der Tat unbegreiflich, wie man in so vielen und namentlich in den sogenannten größeren konstitutionellen Staaten noch eben so unsinnige als dem Staat selbst verderbliche Gesetze bestehen lassen kann. Es ist, als wolle man absichtlich den Ruin und das Elend des ärmeren Teils der Bevölkerung und somit den des Landes befördern, wozu besonders noch die enormen Verfassungs- und andere Kosten einer barbarischen Gesetzgebung kommen, welche gewissenlose und schurkische Schergen einer schlechten Justiz so weiten Spielraum lassen und so herrliche Gelegenheit zum Prellen geben. Namentlich lassen England und Frankreich, diese von der Unwissenheit so hochgerühmten Länder der Freiheit, alles zu wünschen übrig. Wie ganz anders ist es in dieser Hinsicht in Preußen, das man so gerne als das Land des unbedingten Absolutismus verschreit, während in keinem Land die persönliche Freiheit und Eigentum mehr von Willkür geschützt sind, als gerade hier. O, ihr Großkreischer und Schwatzmäuler so mancher konstitutioneller Kammern! Statt eure Lungen stundenlang mit dem unsinnigsten politischen und unpolitischen Gewäsch zu ermüden und die kostbare Zeit der Sitzungen wochenlang mit Wortstreitereinen über den Ausdruck in einer Adresse, mit Erörterungen und Eifersüchteleien über Absichten dieses oder jenes Staates, die demselben im Traum nie einfielen, hinzubringen, wendet diese teure Zeit vorerst und vor allem dazu an, eine bessere, vernünfigere und menschlichere Gesetzgebung, namentlich auch für die Ziviljustiz, die eine wahre Verarmungsanstalt ist, und der Kriminaljustiz in die Hände arbeitet, zu schaffen. Dies ist, was vor allem nottut. »Schlechte Gesetze sind die schrecklichsten Tyrannen«, hat Börne, der einzige wahre Liberale, den ich kennenlenrte, und der es um der Sache willen war, so wahr als gewiss gesagt. Woher das namenlose Elend der unteren Klassen in England, Frankreich, Belgien …? Die Kostbarkeit der Gerichtsbarkeit macht, dass sie für den Armen so gut wie gar nicht vorhanden ist. Der vom Reichen und Bemittelten Betrogene und Geprellte kann unter den vorhandenen Umständen weder an Klage noch an Recht denken, er verliert schnell das Wenige, was er noch hat, und kann dann nicht weiter, ist völlig ruiniert. Und dies nennt man Zivilisation!

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