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Marshal Crown – Band 35

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Windnacht

Ilkiran Korva
Windnacht

Es regnete.
Es regnete in Strömen.
Es floss aus den dunklen Wolken, die die frühe Dämmerung bis fast in die Mittagszeit vorverlegt hatten und die für niemanden einen Sonnenstrahl durchließen. Es ließ die Straßengullys überlaufen und verwandelte den schmalen Gehweg neben der Straße in ein Pfützenmeer, unübersichtlich und morastig.
Das würde ein weiter Heimweg werden, und ein unangenehmer dazu! Dane platschte fluchend durch ein besonders unergründlich tiefes Wasserloch. In der abendlichen Dunkelheit hatte er nicht erkennen können, wie abgründig diese Lache wirklich war. Und nun lief es ihm über den Rand der halbhohen schwarzen Lederstiefel, während die Windböen ihm von vorne die Regentropfen beharrlich unter den Mantel drückten.
Es war deprimierend, einfach nur deprimierend! Er grummelte missgestimmt vor sich hin, während er darauf wartete, dass sich die Nässe weiter ihren Weg unter seine Kleiderschichten bahnte.
Ein eilig sehr nah am Straßenrand vorbeifahrendes Auto mit grellgelbem Werbeaufdruck auf der Beifahrerseite hatte ihn dem Anschein nach nicht bemerkt und hätte ihn beinahe gestreift. Dane gelang es gerade noch rechtzeitig, zur Seite zu springen, um dem unvorsichtigen Fahrer auszuweichen. Den herausgehaltenen Daumen hatte der Fahrer ebenfalls übersehen in der Dunkelheit auf der Landstraße. Und so blieb Dane nichts anderes übrig, als zu Fuß auf dem Randstreifen weiterzugehen bis zu seiner Wohnung.
Ärgerlich zeigte er den Rücklichtern den ausgestreckten Mittelfinger, bis sie hinter der nächsten Kurve verschwunden waren.
Der Kerl hätte ihn doch wirklich mitnehmen können, die zwei Kilometer! Wer lässt schon einen Fußgänger in einem solch winddurchpeitschten Unwetter neben der Straße weitertrotten, ohne wenigstens Halt zu machen und zu fragen, ob er es denn noch weit hätte … Dane erprobte mit Eifer in Gedanken seinen Wortschatz von Beschimpfungen an dem rücksichtslosen Fahrer, obwohl er wusste, dass er froh darüber sein könne, von ihm nicht angefahren worden zu sein.
Soll dieser verfluchte Sturm doch die Dachziegel von den Dächern tragen, wenn das Auto durchs nächste Dorf fährt! Es von der Straße drücken mit seinen Windböen und dem Fahrer einen losgerissenen Ast aufs Dach werfen, dass es sich durchbiegt … Er verwünschte den Fahrer aus tiefstem Herzen, während er missmutig weiter durch den zähen Schlamm stapfte, mit dem der holprige Pfad neben der Straße bedeckt war.
Abgerissene Äste lagen herum und wollten überklettert werden im Dunkel. Die Bäume schwankten und beugten sich unter den Windstößen zu ihm nieder, knarrend und ächzend.
Sehnsuchtsvolle Gedanken richteten sich an den Gemütlichkeit verbreitenden Kamin in seiner Wohnung und drängten die Kälte ein wenig zurück.
Dane wickelte den langen Wollmantel um den Körper und kämpfte sich weiter. Der dicke Stoff des Mantels zog sich schwer über die Schultern hinab, kleine Bäche hatten den Weg unter den Kragen gefunden und rannen widerlich kitzelnd über Rücken und Brust. Das Leinenhemd darunter klebte auf der Haut und löste ein unangenehmes Schaudern aus.
Er hing an diesem Kleidungsstück, es repräsentierte seine Liebhaberei, eigentlich seinen gesamten Lebensstil. Denn er zählte sich zur Mittelalterszene und beteiligte sich nicht nur aktiv an den unzähligen Märkten und Festspielen, sondern frönte seiner Liebe auch im Privaten. Aber Mittelalter darzustellen, oder in dieser anspruchslosen Welt zu leben – das waren zwei verschiedene Dinge, wie es sich ihm gerade wieder aufdrängte. Und einmal mehr fragte sich der triefende, mit gesenktem Kopf durch die Sturzbäche dahinschlurfende junge Mann, ob er es denn mit seiner Liebhaberei nicht ein wenig übertreibe.
Dieser Heimweg war eben wirklich wie der ganze Tag. Kalt, nass und deprimierend. Es waren ziemlich trübe Gedanken, die allerdings den Vorteil hatten, den Rückweg erheblich zu verkürzen.
Mit einem letzten Stolpern über einen der herumliegenden Äste kämpfte er sich gegen die Windböen die unbeleuchtete Hauseinfahrt hinauf, die zu dem Anwesen führte, in dem er wohnte. Die Besitzer waren oft auf Reisen, und daher hatte er seine relative Ruhe. Für ihn ein Grund, dazubleiben, trotz der langen Wege.

Als Dane mit steifen Fingern nach dem Haustürschlüssel suchte, wanderte ein misstrauischer Blick zum Dach hinauf. Aber dort hatte sich nichts gelöst, die Gebäude wurden gut gepflegt und das Haus war gerade erst renoviert worden vor ein paar Jahren, einschließlich eines neuen Daches. Auch die mächtigen Bäume, die es auf beiden Seiten flankierten und weiter hinten in einen größeren Wald übergingen, wirkten stark und auf ihre eigentümlich schwankende Art beständig.
Warum sollte ausgerechnet jetzt einer von ihnen dem Unwetter nicht standhalten können? Stürme gab es doch ständig, wenngleich sie auch jedes Jahr heftiger wurden …
Endlich sprang die Haustür auf und einer der ungestümeren Windstöße trieb Dane ins Innere. Er war erleichtert, zu Hause angekommen zu sein, endlich geschützt vor den Regengüssen.
Nasstriefende Beklommenheit wandelte sich nach einem heißen Bad in kerzenflackerndes Behagen.
Mit einem kleinen Seufzer der Erleichterung sah Dane sich in seinem Reich um.
Er krallte sich mit nackten Zehen wohlig in den hochflorigen Teppich, dessen weiche Fasern verspielt an den Fußsohlen kitzelten, und genoss den Anblick des schnell entzündeten Holzfeuers im offenen Kamin. Die lodernden Flammen strahlten schon nach kurzer Zeit ihre Wärme ab, die von Dane aufgesogen wurde, um die Erinnerung an den scheußlichen Heimweg zu vertreiben. Sie ließen ihn fast die tobenden Elemente draußen, außerhalb der schützenden Hauswände, vergessen.
Es war warm und sein Sessel stand vor dem Feuer und wartete auf ihn.
Welch ein Luxus!
Die Flammen verlangten bald nach neuem Holz, und Dane legte ein dickes Stück Eiche auf. Es würde lange brennen und in immer wechselndem Spiel die Schatten der wenigen Möbel über den Parkettboden jagen, sie über den Teppich treiben, um sie letztendlich an den Wänden hoch zu hetzen.
Draußen heulte sich der Wind durch die Bäume und um die Hausecken herum.
Für diese Nacht war eine Sturmwarnung gegeben worden, erinnerte sich Dane, als er ein Glas Rotwein einschenkte, um seine inzwischen gehobene Stimmung zu vervollständigen. Dazu summte er ein paar Takte seiner bevorzugten Musikgruppe. Es waren mittelalterliche Melodien, selbstverständlich, mit modernen Instrumenten unterlegt. Vor allem die mitreißenden Trommelstücke hatten es ihm angetan, gewöhnlich, aber dieser Abend verlangte nach ruhiger Musik, die seine Stimmung aufgriff, die entspannend wirkte und nicht nach seinen bevorzugten schnellen Rhythmen.
So stellte er sein Glas auf den niedrigen Tisch und glitt lautlos zur Musikanlage. Flinke Finger bewegten sich zwischen den CDs, holten eine nach der anderen hervor, nur um sie ein wenig unzufrieden wieder an ihren Platz zurückzuschieben.
Dane seufzte verhalten. Das Bild des Autos, das ihn auf seinem Heimweg beinahe angefahren hätte, stand plötzlich wieder vor seinen Augen.
Wie konnte man bei diesem Wetter nur so schnell und so nahe am Straßenrand fahren?
Knurrend schüttelte er die Erinnerung aus seinem Kopf. Ein Funken Verärgerung blieb.
Endlich hielten die Finger inne, eine schmucklose CD-Hülle zwischen sich. Dane überlegte.
War das nicht die CD, die ein guter Freund ihm gebrannt hatte mit dem Hinweis, sie sei etwas für besondere Stunden? Ein sehr guter Freund, mit dem er häufig auf die zahlreichen Mittelaltertreffen fuhr, und der ähnlich wie er selbst fast nur dafür lebte.
Nach einem kurzen Moment des Zögerns entschied er sich dafür, dass nun der Zeitpunkt gekommen war, dieser Empfehlung zu folgen und legte sie auf. Die Anlage war eines der wenigen Zugeständnisse an die moderne Lebensweise, die er sich gönnte. Nachdem er eine mittlere Lautstärke eingestellt hatte, zog er sich in seinen Sessel zurück, streckte die Füße dem Feuer entgegen, das gefüllte Glas in der Hand.
Die ersten zarten Klänge durchwoben die Luft. Klar, fast gläsern schoben sich die Flöten in das Heulen des Sturmes, drängten das Brausen der aufgewühlten Luft in den Hintergrund. Dane lauschte und genoss. Die Töne umwarben ihn, trugen ihn mit sich, hoben ihn in einen blauen Himmel mit kleinen weißen Sommerwolken. Leise Perkussion unterlegte die Flöten, trieb die Wolken umeinander. Es wurde warm. Dane zog sich das Leinenhemd über den Kopf und ließ es achtlos auf den Boden neben sich fallen. Aber auch in seinem lockeren T-Shirt fühlte er die auf seinen Körper einwirkende Hitze. Hatte er wirklich soviel Holz aufgelegt, oder stieg ihm bereits der Wein zu Kopf?
Das Schlagzeug bestimmte nun den Hauptrhythmus, drängte die zarten Flöten ins Abseits. Deren Melodie wurde stattdessen von einer Gitarre übernommen, unterstützt von dem hart einsetzenden Bass, der die leiseren Flöten vor sich herhetzte. Die Sommerwolken zerrissen, in der Ferne baute sich eine graue Mauer mit vorgewölbten ausgefransten Rändern auf.
Ein wenig benommen erhob sich Dane und öffnete das Fenster einen Spalt weit, um ein wenig frische Luft in den Raum hereinzulassen. Auf der Stelle erfüllte das Brausen des Sturmes das Zimmer und vereinigte sich mit dem treibenden Bass. Eine plötzliche Böe riss dem überraschten Mann den Griff aus den Händen, der Fensterflügel sprang vollständig auf und schlug gegen die Wand. Eine Topfpflanze fiel hinab, zerschellte auf dem Boden.
Dane starrte nach draußen und hielt sein erhitztes Gesicht den regennassen Winden entgegen. Die feuchtkalte Luft, die ihm entgegenschlug, roch schwer nach Erde und sich zersetzendem Laub, sie kündigte den nahen Winter an. Vor dem Haus schwankten die mächtigen Buchen, an den dicken Ästen wurde gezogen und gedrückt. Widerwillig ließen sie sich die ungewohnte Bewegung aufnötigen, ächzten und stöhnten unter dem ihnen auferlegten Zwang. Trommelwirbel hetzten. Die Gitarren wurden schneller, überschlugen sich, gaben auf. Bass und das harte Treiben des Schlagzeugs blieben.
Dane rang nach Luft, das offene Fenster brachte keine Erleichterung, ihm war immer noch heiß, so heiß, als hätte er sich heillos überanstrengt. Verunsichert wischte er sich die Schweißtropfen von der Stirn. Was geschah mit ihm?
Der Baum vor ihm verneigte sich, fast erreichten die untersten Äste den Boden. Der stampfende Rhythmus beschleunigte sich, steigerte sich nach ein paar Takten in ein wildes Jagen. Äste schnellten im Sturm nach oben, Holz knirschte, riss, blieb an einigen Fasern hängen und bewegte sich hilflos hin und her. Windspiel.
Wie in einem Traum gefangen, beugte Dane sich nach vorne, wollte das herabhängende Stück Holz genauer ansehen, konnte es nicht glauben. Einer der stärksten Äste dieser alten Buche war abgerissen worden wie ein dürres Blatt. Unfassbar. Beängstigend.
Und der Sturm schien noch zuzunehmen, er brüllte wie ein lebendiges Wesen – oder war das die Musik gewesen?
Der Blick zur Anlage lenkte Danes Aufmerksamkeit von der Außenwelt ab, für einen Moment zu lang. Als er sich wieder umdrehte, um das Fenster zu schließen, schwankte die Buche bedenklich in seine Richtung, beugte sich, zögerte ein wenig, verharrte … Dann knirschte sich das Reißen des Baumstammes in Danes entsetztes Gesicht. Tosen schwoll zu einem Brüllen an, bedrohlich und trommelfellzerreißend. Die Äste kratzten an der Hauswand, rissen einen Teil der Dachrinne mit und verhakten sich im Fensterrahmen, bevor die mächtige Buche zum Stillstand kam. Dane stand immer noch im geöffneten Fenster, vor Schrecken erstarrt. Vor sich die fast kahlgefegten Äste, ein undurchdringliches Gewirr, schwarz, schwankend, ihre Arme nach ihm ausstreckend, als wollten sie ihn ergreifen und mit sich ziehen, hinaus in das tobende Dunkel.
»Verdammt, das darf doch nicht wahr sein … hoffentlich hält die Mauer das aus …Warum gerade dann, wenn kein Mensch außer mir zu Hause ist?!« Die gemurmelten, immer noch recht fassungslosen Sätze begleiteten seine schrittweise Flucht nach hinten in Richtung Telefon.
Anrufen. Irgendjemanden, eine Firma, die sich den Schaden ansehen käme, die Mauer abstützte, ihm sagte, dass es nicht so schlimm sei, nur ein Sturm, wenn auch ein ziemlich heftiger … Das Telefon war nicht funktionsfähig. Handy! Nur wo?
Mit zittrigen Fingern durchwühlte Dane seine durchnässten Sachen. Er hatte es doch dabei gehabt, heute, sogar damit telefoniert, wo war das Ding nur geblieben? Und wen sollte er eigentlich anrufen? Kein Mensch würde herauskommen bei diesem Wetter, viel zu gefährlich …

Ein wenig ernüchterter drehte er sich zu dem offenstehenden Fenster um, schaute den beiden Flügeln zu, wie sie gegen die Wand schlugen. Das Glas war noch heil, nur die Topfpflanze würde wohl einen neuen Keramiktopf brauchen.
Draußen schüttelten sich die Schatten wie Tiere, vom Licht des Kaminfeuers bizarr beleuchtet. Ein Luftzug wirbelte durch den Raum, umwehte den fröstelnden Dane, der gerade mit einem weiteren Glas Wein seiner schwächlichen Fassung gut zuzureden versuchte.
Kalt.
Trotz des Feuers.
Es regnete ins Zimmer.
Der Parkettboden wurde nass.
Das Fenster musste geschlossen werden.
Und morgen würde alles vorbei sein. Nur ein umgestürzter Baum, nur ein Sturm. Nichts weiter.
»Ich schließe nun dieses verdammte Fenster!« Die Schritte sollten energisch aussehen, auch wenn er alleine war und niemand ihm zusehen konnte. Sich von einem stärkeren Wind Furcht einjagen zu lassen, hatte er denn den alten Erzählungen auf seinen Mittelalterevents zu versunken gelauscht? Einen sich sträubenden Fensterflügel in der Hand kam er nicht umhin, ein weiteres Mal nach draußen zu blicken. Der Baum bebte, sackte ein wenig abwärts. Zitterndes Holz. Lautes Knacksen begleitete ein letztes Aufbäumen, bevor er an der Mauer vollends nach unten rutschte. Nun ragte einer der Stämme, die die Krone gebildet hatten, abgeknickt durch die Fensteröffnung. Das Fenster hing halb losgerissen in den Angeln, nutzlos. Im Hintergrund trommelte es immer noch in schnellem Tempo.
Dane starrte in die Fensterhöhlung, wie gebannt.
Die wirren Zweige neben dem hellen Holz des aufgesplitterten Stammes bildeten einen undurchdringlichen Vorhang, der die aufgebrachten Elemente zurückdrängte. Dann glaubte Dane hinter dem Gewirr schlagender Zweige in ein Augenpaar zu sehen, das aus einem faltenreichen Gesicht herausleuchtete.
Sie meinten ihn, die Augen.
Er sprang nicht schnell genug zurück, denn schon fühlte er sich durch das Loch in der Wand – war das nicht eben noch eine ganz gewöhnliche Fensteröffnung gewesen? – herausgezogen, mitten in den Tanz des aufgewühlten Windes hinein.
Lautes Kichern vor ihm. Verwirbelnde braune Blätter an biegsamen Zweigen griffen nach seinen Gliedern, zogen ihn aus dem Schutz der Hausmauern hinaus, wirbelten ihn durch die Luft. Hinter sich hörte er das Getrappel vieler eiliger Füße über der steinigen Auffahrt, das satte Schmatzen der wassergetränkten Erde, als es über die Wiesen ging, an deren Ende das Wäldchen begann.

Hetzjagd, nehmt ihn mit, reißt ihn mit euch.
Er soll mit uns fliegen über das Land, ihr Seelen.
Greift ihn euch fester und wirbelt ihn herum.
Diese Nacht gehört uns.
Lasst ihn nicht los, den Menschen!

Dane fühlte nur noch schwarzes, sturmbewegtes Nichts um sich, aus dem das strahlende Augenpaar hervorleuchtete. Verworrene fahle Haare wehten um ein hageres Gesicht.
Er glaubte, einen mächtigen Frauenkörper zu erkennen, der mit weit ausladenden Gesten die nur zu erahnenden Gestalten um sich herum anführte. In einer Hand trug sie einen länglichen Gegenstand, der nach oben hin spitz zulief. Fäden hingen von ihm herab, schwangen mit der Melodie mit. Damit gab sie den Takt des geisterhaften Liedes an, nachdem sich alle bewegten.
Schwindel stellte sich ein, verschwommene Orientierungslosigkeit. Und das Gefühl des Schwebens in schneller Bewegung.

Flug durch die Nacht, treibt den Sturm und lasst ihn taumeln um sich selbst!
Denn diese Nacht gehört uns.
Und nicht den Menschen!

Lähmende Angst und der Verlust jeglicher Kontrolle verbanden sich zu hilfloser Erschlaffung. Dane flog durch weiße Nebel, unter sich die schemenhaften Silhouetten der vom Wind niedergedrückten Baumwipfel. Drumherum tanzte losgelöste Nässe, getrieben von den Schritten der Schemenhaften.
Weißflatternde Haarsträhnen vorneweg, den Weg weisend durch die ungezügelten Elemente.
Mitgerissen durch den Raum.
Dann sah er eine sich windende Schneise in der dunkelgrauen Masse der sturmbewegten Bäume unter sich, auf die der Regen mit Urgewalt peitschte und der Wind sich mit aller Macht hineindrücken konnte. Das war die Straße, die von der kleinen Stadt an seiner Wohnung vorbei führte, um das nächste Dorf zu erreichen. Sie fraß sich durch die Bäume, nassglatt und gierig, Wegbereiter der Technik.
Die Schar fegte mit ihm in ihrer Mitte darauf zu, zerteilte die Wasserschleier und hinterließ einen spiegelnden Film gefrierender Graupeln. Das spitze Eis legte sich auch über die letzten Blätter der Buchen, es berührte die braunen Gräser im Straßengraben und überzog das Blech eines einsamen Vehikels im Graben. Grellgelbe Farbe bildete geschwungene Schriftzüge auf den Türen und stach sich trotz der nächtlichen Schwärze deutlich in Danes strapaziertes Bewusstsein. Hinter den geschlossenen Scheiben des Fahrzeugs konnte er noch eine schwache Bewegung ausmachen, ein hilfloses Winken, ein schwaches Klopfen von innen an das beschlagene Glas der Fenster, bevor er wieder nach oben gerissen wurde und mit der Schar weiter über das Land jagen musste, Sturm, Hagel und den ersten Frost verbreitend.

Hetzjagd, nehmt ihn mit, reißt ihn mit euch.
Er soll mit uns fliegen über das Land, ihr Seelen.
Greift ihn euch fester und wirbelt ihn herum.
Diese Nacht gehört uns. Diese Nacht nehmen wir uns!
Lasst ihn nicht los, den Menschen!
Flug durch die Nacht, treibt den Sturm und lasst ihn taumeln um sich selbst!
Denn diese Nacht gehört uns.
Und nicht den Menschen, den Unbeständigen!

Der Takt des geisterhaften Liedes trieb Dane lange Zeit mit sich wie einen losgerissenen Zweig, dann fiel er mit den Hagelkörnern der frostharten Erde entgegen, die den ersten Schnee erwartete.

Erfrorene Benommenheit und etwas rundes, angenehm Festes zwischen den klammen Fingern. Unter großen Mühen öffnete er die Augen.
Er lag vor seinem erkalteten Kamin, einen kleinen, verschrumpelten Apfel in der Hand. Wo kam der nun wieder her?
Das Fenster stand weit offen, ein mächtiger, halb abgebrochener Ast der umgestürzten Buche, die des Abends zuvor noch aufrecht vor dem Haus gestanden hatte, ragte in den Raum. Neben ihm ein umgefallenes Weinglas, die leere Flasche stand gleich daneben. Das beginnende Kopfweh eines schweren Katers durchzog Danes Stirn und machte sich fröhlich hüpfend auf den Weg durch seinen Schädel. Er versuchte, seine klammen Glieder einzusammeln und seine Musikanlage auszuschalten, um dann den Sturmschaden zu begutachten zu können.
Undeutlich erinnerte er sich an einen wüsten Flug über die Baumwipfel, an ein altes Gesicht mit wirren Haaren und ein liegengebliebenes Fahrzeug im Straßengraben, hinter dessen Scheiben ein Mensch verzweifelt winkte.
Um den Fahrer machte er sich Sorgen. Es war in dieser Nacht zu kalt gewesen, um dort draußen in einem Fahrzeug eingesperrt übernachten zu können, womöglich noch verletzt.
Ob er sich hatte befreien können, dieser Fahrer?
Der Frost des ersten Wintertages drang durch das zerbrochene Fenster in den Raum hinein und versprach Dane eine kräftige Erkältung.

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