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Der Marone – Allerhand Vermutungen

der-marone-drittes-buchThomas Mayne Reid
Der Marone – Drittes Buch
Kapitel 23

Allerhand Vermutungen

Gegen Sonnenuntergang wurden die Fußspuren noch einmal besehen und untersucht. Jakob Jessuron war selbst hingegangen. Auch der erfahrene Hirte wurde noch einmal befragt und bei dieser Gelegenheit eine neue Tatsache oder vielmehr eigentlich nur eine neue Vermutung ans Licht gebracht, die vorher nicht hinlänglich beobachtet worden war.

An der Sohle des Schuhs nämlich, durch den die Fußspuren gemacht worden waren, wurde eine Besonderheit aufgefunden, die den Hirten befähigte, den zu vermuten, der die Spur hinterlassen hatte. Beim Verfolgen der kleinen Fußpfade im Wald, um sein Vieh aufzusuchen, hatte er oft dieselbe Fußspur oder eine ganz gleiche bemerkt.

»Wenn es dieselbe ist, Massa«, bemerkte er bei der Beantwortung der ihm von Jessuron gestellten Frage, »dann weiß ich, wem diese Fußspur gehört, dann stammt sie von dem Hauptmann der Maronen her.«

»Von diesem Cubina?«

»Ja, das ist der Mann, den ich meine.«

Jessuron hörte dieser Vermutung mit offenbarer Besorgnis zu, die durch einen anderen ihm jetzt erst zu Ohren gekommenen Umstand vermehrt wurde, nämlich dass Quaco, derselbe Marone, der mit Herbert bei seiner ersten Ankunft auf der Koppel gefangen eingebracht war, oftmals mit diesem und augenscheinlich in geheimer Weise verkehrt hatte. Der blaue Fritz hatte sich dessen bei dem jetzigen Vorfall erinnert und nun erzählt.

Schon früh am Morgen war des Koppelhalters Verdacht auf Cubina hingelenkt gewesen. Durch diese ihm bekannt gewordenen Umstände wurde er noch verstärkt. Jetzt fehlte zur Vervollständigung des Beweises des ganzen Tatbestandes nur noch ein Glied und dies konnte in der Tabakpfeife gefunden werden, die in der Hängematte lag. Diese Pfeife war von eigentümlicher Art, denn der Kopf war aus Eisen und das Rohr aus dem Schenkelbein eines Reihers gefertigt. Als sie dem Hirten gezeigt wurde, erkannte dieser dieselbe sofort als den Schmöhlstengel des Maronenhauptmanns. Mehr als einmal hatte er Cubina mit einer ganz gleichen im Mund gesehen.

Jetzt konnte Jessuron durchaus nicht länger daran zweifeln, dass Cubina seinen Buchführer mit sich fortgenommen hatte. Auch Judith war davon überzeugt, denn sie hatte tätigen Anteil an der Untersuchung genommen, die zu diesem Ergebnis geführt hatte. Sie war darüber fast erfreut, da sie sich viel Schlimmeres gedacht hatte.

Vielleicht war der junge Engländer jetzt wirklich nur mit dem Maronen auf Besuch gegangen, mit dem er bekannt war, wie sie wohl wusste, da ihr alle mit deren erstem Zusammentreffen in Verbindung stehenden Umstände oftmals weitläufig erzählt worden waren. Eine weitere Annäherung und Freundschaft war nach einer solchen eigentümlichen ersten Bekanntschaft gewiss sehr natürlich, und Neugierde mochte Herbert jetzt getrieben haben, mit dem Maronen zu seiner Gebirgswohnung zu gehen. Dies konnte wohl hinreichend sein, um seine Abwesenheit zu erklären.

Freilich waren aber auch andererseits Umstände vorhanden, die nicht so leicht zu erklären waren. Dahin gehörte das Erscheinen des Maronen auf dem Hof, sein zweimaliges Hin- und Hergehen und dann das plötzliche unvorbereitete Forteilen Herberts, ohne irgendjemand, weder ihr noch ihrem Vater, etwas davon zu sagen.

Unbedingt waren diese Umstände verdächtig, und wenn sie diese gehörig überlegte, so erwachten bei Judith dennoch immer wieder aufs Neue die alten Gedanken der Eifersucht.

Auf ihren Vater hatten die neuen Entdeckungen aber einen ganz anderen Eindruck gemacht. Er war durchaus nicht damit zufrieden, dass sein Buchhalter in Gesellschaft des Maronenhauptmanns war, denn er erinnerte sich jetzt, wie bestimmt und scharf Herbert ihn in Bezug auf das Schicksal des gepeitschten und dann fortgelaufenen Afrikaners, des Fellahfürsten, befragt hatte. Er erinnerte sich auch seiner eigenen ausweichenden Antworten, und er sah jetzt vorher, dass, wenn der Engländer nun mit Cubina zusammen sei, dieser ihm eine ganz andere Auskunft über diese Angelegenheit geben würde, eine Auskunft, die auf alle Fälle die schlimmsten Folgen nach sich ziehen musste. Einmal im Besitz solcher außerordentlichen Tatsachen, würde der junge Engländer, dessen gute moralische Grundsätze dem alten Jessuron hinlänglich bekannt geworden waren, schwerlich geneigt sein, ihn zum Schwiegervater zu nehmen. Die volle Kenntnis aller der verhängnisvollen Umstände würde ihn unbedingt sofort aus einem Haus vertreiben, dessen Gastfreundschaft er für äußerst verdächtig halten musste.

War es möglich, dass solche Folgen bereits eingetreten waren? War der ganze mühsame Plan des Koppelhalters bereits in dieser Weise gescheitert? War sogar ein Mord, ein gefährlicher Weise zur Entdeckung kommender Mord ganz umsonst begangen worden?

Jakob Jessuron konnte nun nicht mehr bezweifeln, dass die verhängnisvolle Tat nicht schon geschehen sei. Entweder das Gift des Chakra oder der Stahl der Sklavenjäger musste den Custos erreicht haben, und sie aufzuhalten war nicht mehr möglich.

Aber wie, wann und wo war sie geschehen? Und war sie wirklich umsonst geschehen?

Während des früheren Teils der Nacht sowie während der Mitternachtsstunden dachte Jessuron ernsthaft hierüber nach. Er schlief nicht oder doch nur abwechselnd in kurzen Absätzen unruhigen Schlummers auf dem Lehnstuhl auf der offenen Veranda, gerade wie die Nacht zuvor. Indes hielt ihn nur die Sorge wach, nicht das Gewissen, die Furcht vor der Zukunft, keineswegs das Bereuen des in der Vergangenheit Geschehenen.

Nach Mitternacht, bereits gegen Morgen, drängte sich ihm unwiderstehlich ein Gedanke auf, der ihn nun ganz erfüllte und seine ganze Tätigkeit in Anspruch nahm. Musste um diese Zeit nicht Chakra aller Wahrscheinlichkeit nach wieder zu Hause und konnte in seinem Zufluchtsort im Teufelsloch wieder zu treffen sein?

Jessuron wusste nicht, warum Chakra dem Custos gefolgt sei, konnte nur den Grund vermuten. Fürchtete er vielleicht, dass sein Zauber doch nicht ganz genügend sei und hoffte nun etwa eine Gelegenheit zu finden, ihn noch zu verstärken? Oder wünschte er gar, bei dem Tod des Custos zugegen zu sein, um über die endliche Vernichtung seines gehassten Feindes zu frohlocken und sich an seinen körperlichen Schmerzen zu weiden? Da der Jessuron alle die zwischen den beiden seit alter Zeit bestehenden Verhältnisse, ihren gegenseitigen Groll sowie Chakras mörderische Rachepläne vollkommen kannte, so schien ihm die letzte Annahme durchaus gar nicht unwahrscheinlich. Sie war auch wirklich die richtige, obwohl Jessuron ebenfalls noch an etwas anderes dachte, daran, dass der Myalmann seinem Opfer nachgefolgt sei, um es auszuplündern.

Um sich auf alle Fälle darüber sicher zu stellen, ob Chakra seinen Hauptzweck, die Ermordung des Custos, wirklich erreicht habe, erhob sich Jessuron aus dem Lehnstuhl, zog sich zu einer nächtlichen Wanderung an und ging in Richtung des Teufelslochs fort.