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Der Wolfmensch Band 3

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Psychroalgia

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Marc drückte das Gaspedal des Mercedes Sprinter bis zum Anschlag durch, denn er wollte auf gar keinen Fall später als nötig zu Hause ankommen. Nicht an diesem besonderen Tag. Die lang erwartete Aussprache mit seiner Frau stand heute Abend auf dem Programm. Heute würde er Nägel mit Köpfen machen, sagte er sich. Er hatte ihr Desinteresse ihm gegenüber mehr als satt und das ewige Genörgel über seinen, wie sie es auslegte, dauernden Alkoholgenuss ebenfalls. Sollte sie doch gehen. Andere Mütter haben auch schöne Töchter, dachte er spöttisch und lächelte in sich hinein. Ihre dreizehnjährige Ehe, die eigentlich nur noch einer Wohngemeinschaft glich, sank somit auf den absoluten Nullpunkt. Eine Lösung musste gefunden werden, bevor die Situation völlig aus dem Ruder lief. Das tatsächlich er der treibende Keil war, der die Tür ihrer Beziehung versperrte, kam ihm nicht in den Sinn. Aber das würde sich an diesem Abend klären, schwor er sich.

Marc arbeitete seit zwanzig Jahren in einem Betrieb, welcher Steuerungen für Kälteanlagen herstellte. Das Geschäft lief hervorragend und die Bezahlung war gut. Selbst in Zeiten der Finanzkrise war die Nachfrage an Steuerungen nicht gesunken und so lief die Flaute, die andere Betriebe hart traf, fast spurlos an dem mittelständischen Unternehmen vorbei. Aber das Personal wurde erheblich reduziert und so lief die Firma unterbesetzt, was nun erheblich auf den Schultern der noch Beschäftigten lastete.

Eine Stunde vor Schichtende sollte noch, ärgerlicherweise, ein Ersatzteil für die Steuerung eines defekten Kühlhauses abgeliefert werden. Der gestresste Chef bestand darauf, dass Marc diesen Job übernahm. Mürrisch verstaute er das Paket mit dem Steuerteil auf die Rückbank des Transporters und machte sich auf den Weg.

In Zeiten des Navigationssystems war es kein Problem, den Standort der Schlachterei  zu bestimmen. Sie lag gute zwanzig Kilometer entfernt außerhalb der Stadt. Laut der Aussage seines Chefs würde er vor Ort aber niemanden mehr antreffen. Seine Aufgabe bestand lediglich darin, das Paket in das Kühlhaus, welches momentan außer Betreib war, zu legen. Die Monteure würden das Ersatzteil am nächsten Morgen auswechseln und das Kühlhaus wieder in Betreib nehmen. Obwohl auch er sicherlich in der Lage gewesen wäre, dieses Bauteil selbst zu wechseln, fragte Marc nicht weiter nach und begnügte sich damit, den Postmann zu spielen.

Der Verkehr zu dieser Tageszeit, ließ den Sprinter jedoch nur schleppend vorwärts kommen. Marc schien es, als hätten sich sämtliche Ampelanlagen gegen ihn verschworen und wurde sichtlich nervöser. Endlich passierte er das Ortsschild und die Fahrt ging zügig weiter. Nach einer halben Stunde ertönte schließlich das erlösende Sie haben ihr Ziel erreicht aus dem Navi, und er steuerte den Transporter auf den Parkplatz einer kleinen Schlachterei. Marc stieg aus, klemmte sich das zu liefernde Paket unter den Arm und machte sich auf die Suche nach dem Kühlhaus. Tatsächlich war das Eingangstor des kleinen Betriebes nicht verschlossen, und so fand er problemlos auch den Kühlraum der Fleischerei. Auch diese Tür war nicht verriegelt. Er trat hinein, um die bestellte Ware an seinen Platz zu legen.

Es war stockfinster in diesem Kühlraum. Er trat zurück und betätigte den von außen angebrachten Lichtschalter. Der Geruch von Silikon und Fliesenkleber ließ auf die Neuheit dieses Lagers schließen, so auch der Rest des Inventars.

Die Fleischerhaken hatten noch keine Rinder- oder Schweinehälften getragen. An diesen Haken klebte noch kein Blut.

Marc legte gerade seine Ware ab, als sich die schwere, gedämmte Tür des Kühlhauses mit einem dumpfen Schlag hinter ihm schloss. Nach einigen Minuten erlosch auch das Licht.

Die unerwartete Stille und totale Dunkelheit um ihn herum und das stumpfe Geräusch der schweren, isolierten Tür lösten schlagartig ein beklemmendes Gefühl in ihm aus, dem eine gewisse Ahnung folgte.

Seine Befürchtung bestätigte sich, als er sich zu der versperrten Tür herumdrehte. Sie ließ sich aus dem Inneren des Lagers nicht öffnen. Kein Öffnungsmechanismus war zu entdecken. Wo eben noch ein Eingang zu sehen war, zeigte sich nun eine glatte, gut isolierte Fläche. Verzweifelt drückte Marc gegen die Dämmung, doch nichts bewegte sich. Er war gefangen! Er durchquerte blind tastend den kompletten Lagerraum auf der Suche nach einem zweiten Zugang, aber auch das blieb erfolglos. Zu allem Überfluss stellte er nun fest, dass er sein Handy im Transporter gelassen hatte. Es klemmte in der Halterung der Freisprechanlage. Natürlich, wo sollte es denn sonst sein. Wofür war ein gottverdammtes Handy gut, wenn man es nicht bei sich trägt, dachte er verärgert über sich selbst. Doch Selbstvorwürfe brachten ihn nun auch nicht weiter. Verzweifelt sank er auf den gefliesten Boden und lehnte sich mit dem Rücken an eine Wand. Er musste seine Gedanken ordnen und sich mit der Tatsache abfinden, dass er bis zum nächsten Morgen in diesem Raum eingesperrt bleiben würde. Frühestens in zwölf Stunden träfen die bestellten Monteure ein und würden ihn befreien.

Gefangen in einem Kühlhaus! Eine perverse Ironie des Schicksals. Diese Feststellung hallte in seinen Gedanken nach und machte ihn noch nervöser als er ohnehin schon war. Doch zum Glück war die Kälteanlage abgeschaltet worden, oder etwa nicht? Was er da fühlte, war nur Restkälte, die sich in diesem perfekt isolierten Raum hielt. Natürlich, wieso hätte er sonst ein Ersatzteil liefern sollen? Marc zog den Reißverschluss seiner Jacke zu und steckte die Hände in dessen Taschen. Er begann zu frieren. War es Einbildung oder sank die Temperatur jetzt, nachdem die Tür verschlossen war, wirklich weiter ab? Seine Zweifel verhärteten sich zunehmend, und das Gefühl der Kälte ließ ein prägendes Kindheitserlebnis in seiner Erinnerung aufblitzen – das kratzende Geräusch seiner Schlittschuhe auf dem Eis, diesen knackenden, berstenden Laut und schließlich die lähmende, nasse und unerträglich schmerzhafte Kälte, die ihn einfing und nicht mehr losließ. Er sah über sich seine Freunde, die sich hektisch auf der gefrorenen, fast durchsichtigen Fläche bewegten hilflos, und mit der Situation völlig überfordert, mit ihren Fäusten, die in Winterhandschuhen steckten, gegen die Eisfläche schlagen, während seine Kleidung immer mehr schmerzendes Wasser aufnahm und ihn gnadenlos tiefer zog.

Die folgende Bewusstlosigkeit erlöste ihn schließlich von seinem Kälteschmerz.

Doch er wurde gerettet. Ein Beobachter des Geschehens sprang selbstlos in das eisige Wasser, schlug immer wieder auf weiter berstenden Schollen ein, um ihn zu bergen. Der Retter bezahlte dafür jedoch mit seinem eigenen Leben. Als die alarmierten Sanitäter den Unfallort erreichten, versagte das Herz des fünfundsechzigjährigen Mannes.

Seit diesem einschneidenden Erlebnis litt er unter einer Kältephobie.

Wie passend, nun in einem Kühlhaus eingesperrt zu sein, dachte er ironisch. Ein Blick auf seine Armbanduhr verriet, dass mit einer Rettung erst in satten elf Stunden zu rechnen war und dass seine Glieder bereits zu zittern begannen.

Die Kühlung ist nicht in Betrieb! Er versuchte seine Gedanken in die Richtung dieser Tatsache zu lenken, doch seine Phobie ließ dies nicht zu. Das Frostgefühl in Händen und Füßen steigerte sich und seine Schuhe schienen ihm plötzlich zu eng. Die Haut an den Händen nahm bereits eine blau-rote Färbung an und schmerzte zunehmend. Die Erkenntnis seiner ausweglosen Lage verstärkte die Angst noch und ließ ihn in, nach einigen Stunden, in seinem Gefängnis wie ein gefangenes, wildes Tier umherlaufen. Verzweifelt nach einem Ausweg suchend lief er von Wand zu Wand und schlug dagegen, bis er schließlich resigniert und völlig erschöpft zu Boden sank.

Apathisch starrte er in die Richtung des von ihm vermuteten Eingangs, doch das erhoffte Wunder geschah nicht. Die Tür blieb verschlossen. Dass er in die verkehrte Richtung blickte, nahm Marc schon nicht mehr wahr.

Irgendwann begann Sein Körper sich endlich angenehm zu beruhigen. Die Schmerzen und das Muskelzittern ließen langsam nach und sein Herzschlag sank herab.

Die Umgebung um ihn herum begann vor seinen Augen zu verschwimmen, als sich der Umriss einer Gestalt vor ihm zeigte, die zärtlich seinen Namen flüsterte:

»Ich warte auf das versöhnende Gespräch mit dir, mein Schatz. Worauf wartest du nur? Ich bin hier, bereit, alles zu vergeben. Schau mich an, mein Liebling. Begehrst du mich denn nicht mehr?«

Wankend und die Arme nach ihm ausstreckend bewegte sich die verschwommene Erscheinung auf ihn zu.

Er spürte einen sanften, fast zärtlichen Druck auf seiner rechten Schulter. Hastig blickte Marc nun in das blau aufgequollene Gesicht seines damaligen Retters.

»Vertrau diesem Trugbild nicht! Glaub mir, mein Freund! Nichts ist so, wie es dir jetzt erscheint!«, flüsterte der alte Mann ihm zu.

Dann Griffen klauenartige Hände nach dessen Kopf und zerrten seinen Helden fort.

Die vertraute Stimme und der makellos nackte Körper seiner Frau, welcher sich vor ihm obszön räkelte, erregten ihn zu allem Überfluss noch.

Sie schmiegte sich an den Boden, streckte ihre nackten, wunderschönen Beine empor und ließ diese gekonnt tänzeln.

Ihm wurde plötzlich heiß und er begann sich zu entkleiden. Doch seine geschwollenen, tauben Finger machten es ihm nur schwer möglich, die Jacke und das und das Hemd abzustreifen. Mit letzten Kräften riss er sich seine Kleidung vom Leib.

Schließlich versagte die Funktion seiner Gelenke völlig und er kippte rücklings auf den Boden.

Marcs Atem verlangsamte sich stetig, begleitet von einem rasselnden Geräusch aus dessen Lunge. Blutiger Schaum trat aus seinem Mund heraus und die Atmung setze schließlich aus. Die starren Pupillen zur Decke gerichtet, nahm er die letzte Hürde und glitt sanft in den Tod hinüber, wo ihn ein alter Mann wohlwollend empfing …

(mh)

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