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Der lebhafte Traum

Die-Geister-Zweites-BuchChristoph Wilhelm Meißner
Die Geister
Zweiter Band
Berlin 1805, bei Oehmigke jun., überarbeitet 2016

Der lebhafte Traum

Durch den langen und ehemals so gefährlichen Spessart reiste einst ein Mann ganz allein. Der Tag sank hinter die Hügel, der Himmel trübte sich, der Wind erhob sich heulend, schlängelnde Blitze spalteten die Wolken, fürchterlich brüllte der Donner, und der Regen fiel in Strömen herab.

Vergebens suchte unser armer Wanderer, der vor Kälte und Nässe starrte, sich zu schützen. Vom Hals seines Pferdes, das langsam und vorsichtig auf dem ungewissen Weg fortschritt, hing der Zügel nachlässig herab. Oft ergriff er ihn und hielt es an, um vielleicht das Bellen der Hunde oder das Horn eines Nachtwächters zu hören, das ihm ein nahes Dorf verraten könnte.

Endlich erblickte er in der Ferne ein Licht, das ihm zwischen den Bäumen entgegen schimmerte. Er ritt darauf zu, und als er näher kam, sah er mit Freuden, dass er sich nicht getäuscht hatte.

Ein mutiger Hofhund kam ihm entgegen und bellte vor ihm her bis an das Tor eines einsamen Hauses, dicht an einem großen Gehölz. An den Resten von Türmen, alten Gebäuden und Gräbern konnte man noch die Merkmale eines einst prächtigen Schlosses erkennen. Nun war es ein öffentliches Wirtshaus!

Der Reisende stieg ab und meldete mit lauter Stimme seine Gegenwart. Sogleich stand der geschäftige Wirt an der Tür, bückte sich zu wiederholten Malen und versicherte mit tausend Entschuldigungen, sein ganzes Haus sei besetzt und kein Bett mehr leer.

Umsonst war das Bitten des Fremden. Sogar auf dem Boden und im Stall war kein Plätzchen mehr.

Die Hausmagd allein hatte endlich Mitleid mit dem armen Verlassenen.

»Wenn Sie Herz haben«, sprach sie, »so können Sie bei uns über Nacht bleiben. Aber ich sage es Ihnen vorher, Sie müssen sich nicht fürchten, wenn Ihre Bettgardinen aufgezogen werden, wenn Ketten um Sie her rasseln und ein Geist Ihnen erscheint. Haben Sie Mut, alles dieses auszuhalten und ihn zu fragen, warum er sein Grab verlässt. So will ich das Bett weiß überziehen und Ihnen das Zimmer zeigen.«

»Gut!«, sagte unser Reisender und ging ins Haus. Denn ihm saß das Herz auf der rechten Stelle.

Das Mädchen leitete ihn durch einen langen Bogengang, der mit Efeu bewachsen und hin und wieder verfallen war. Sie sah sich oft furchtsam um und änderte die Farbe, denn die Einbildung malte ihr die Flamme des Lichts blau.

Sie stiegen nun die Wendeltreppe hinauf und kamen zu dem einsamen, grauenvollen Zimmer, wo das furchtsame Mädchen in größter Geschwindigkeit alles einrichtete und dann zurückeilte.

Das Wachslicht brannte, der Reisende legte sich zu Bett und erwartete den Geist bis Mitternacht.

Auf einmal hörte er den Wind sausen, das lockere Schloss klirren und die Tür sich knarrend bewegen. Näher und näher kam das schreckliche Getöse von rasselnden Ketten, die auf dem Boden nachgeschleift wurden.

Endlich kam der Geist mit fürchterlichem Schritt, näherte sich dem Bett und riss die Vorhänge weit voneinander. Da stand das schreckliche Phantom in menschlicher Gestalt, entblößte die mit Blut befleckte Brust, zeigte schweigend auf die Wunde und rang dann dreimal die Hände!

Unter dem erschrockenen Reisenden zitterte das Bett, die Angst schüttelte ihn, Todesschweiß stand auf seinem Gesicht, wild sträubte sich sein Haar in die Höhe, und er betete alle Stoßseufzer, die er nur wusste.

Allmählich ermannte er sich und sprach zu der Erscheinung. »Wer bist du? Was willst du?«

Mit hohler Stimme antwortete der Geist: »Schon sind zwei Monate verflossen, als ich, gleich dir, von der Nacht überfallen und genötigt wurde, hier einzukehren. Man bettete mich in dieses Zimmer, und ermüdet von der Reife, sank ich in einen festen Schlaf. Die grausame Wirtin, gereizt durch die bei mir habenden Kostbarkeiten, schlich sich herein und stach mir das Messer in die Brust. Um nicht entdeckt zu werden , vergrub sie alles, unweit von hier, im freien Feld, meinen Körper aber unter diesen Dielen. Fasse Mut. Ich will dich an jenen Ort leiten, denn für dich ist alles bestimmt. Hast du aber gefunden, was du suchst, dann fordere die Strenge der Gesetze gegen meine Mörderin auf und sorge dafür, dass meine Gebeine in geweihter Erde bestattet werden und mein Geist zur Ruhe kommt!«

Hier schwieg der Geist!

Der Fremde sprang aus dem Bett und folgte unerschrocken dem Schatten nach. Der Weg ging über halb verfaulte Treppen hinab, durch den bedeckten Gang, dann durch Gesträuch, und endlich über eine große Wiese.

Auf einmal blieb der Geist in der Mitte derselben stehen und verschwand ist einer Flamme!

Bestürzt stand der Fremde. Er fand nichts um sich her, womit er die Stelle hätte bezeichnen können. Was sollte er tun? Die Nacht war ungewöhnlich dunkel, die Angst wirkte auf seinen Körper, und die Natur selbst gab ihm das Zeichen.

Plötzlich fuhr er im Bett in die Höhe. Wie er sich aufrichtete und allmählich munter wurde, fand er das Zeichen. Im Bett!

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