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J. R. R. Tolkien – Herr der Ringe 2

Die Filme und was so nicht im Buch steht

Viele Jahre galt das Buch »Der Herr der Ringe« als unverfilmbar.
Dann plötzlich, Mitte der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts sollte sich das ändern. Ein Mann von hobbitähnlicher Statur mit Namen Peter Jackson hatte erkannt, dass die Technik soweit fortgeschritten war, dass er es wagen konnte, die Geschichte in Bilder umzusetzen.

Was daraus geworden ist, dürfte unterdessen jedem Kinobesucher und Filmliebhaber bekannt sein. Doch kennt auch jeder, der die Filme gesehen hat, die Romanvorlage?

Inwieweit wurde das geschriebene Wort tatsächlich auf die Leinwand gebracht?

Anhand einiger Beispiele möchte ich versuchen zu erläutern, was so nicht bzw. wie es im Buch steht. Dabei liegt es mir fern, jede noch so kleine Veränderung herauszuarbeiten, denn dass es bei der Verfilmung einer Romanvorlage zu Veränderungen und Anpassungen kommen muss, dürfte jedem Leser klar sein. Fazit ist jedoch, dass alle Veränderungen im Sinne der Geschichte vorgenommen wurden, alle wesentlichen Bestandteile erhalten geblieben sind und dass die Veränderungen zum allgemeinen Verständnis der Zuschauer beigetragen haben.

Teil 2: Die zwei Türme

Der 2. Film beginnt mit Gandalfs Fall von der Brücke von Khazad-dum im Zuge des Kampfes mit dem Balrog sowie mit seinem Sieg über diese Bestie. Das erzählt der Zauberer im Buch erst sehr viel später, doch für das Verständnis im Film, warum Gandalf wieder zurückkehrt, sind diese Bilder unerlässlich. Schade dabei ist, dass der Zuschauer da schon ahnt, dass Gandalf noch eine Rolle spielen wird, sodass bei seinem Wiedererscheinen etwas von der Dramatik verloren geht.

Frodo und Sam irren unterdessen durch die kahlen Hänge und Felsen von Emyn Muil. Da taucht im Film plötzlich Gollum wieder auf. Er schleicht sich an die schlafenden Hobbits heran und versucht, den Ring zu bekommen. Im Buch wissen die beiden Hobbits, dass Gollum ihnen auf den Fersen ist, im Film erscheint die Kreatur sehr überraschend. Auch hier wieder ein Beispiel dafür, dass solch kleine Veränderungen für viel mehr Spannung sorgen können. Die weitere Reise der beiden Hobbits unter der Führung von Gollum spielt sich zwar wesentlich schneller und geballter ab als im Buch, aber dabei hält sich der Regisseur im Wesentlichen an die Romanvorlage.

Nachdem Lurtz, der eigens für den Film erschaffen wurde, durch einen Schwerthieb Aragorns geköpft wurde, wird nun auch im Film Ugluk als Anführer der Uruk-Hai eingeführt.
Bei der Verfolgung der Orks, die Merry und Pippin gefangen genommen haben, kommen die Verfolger Aragorn, Legolas und Gimli nach Rohan. Die Zustände im Film werden anhand einer Episode geschildert, von der im Buch keine Rede ist. Dennoch lässt sich die Gefahr, in der Rohan schwebt, anhand eines Einzelschicksales viel besser in Bilder fassen.
Saruman lässt ein Dorf in Rohan von Dunländern überfallen, was der Zuschauer anhand einer Frau namens Morwen und ihren beiden Kindern miterlebt. Dadurch wird die Gefahr, in der sich ganz Rohan befindet sowie der bevorstehende Krieg gut veranschaulicht.
Die Figuren Theoden, Grima Schlangenzunge und Eowyn werden im Film zeitiger als im Buch vorgestellt. Dies passiert anhand der Szene, als Eomer und seine Männer aus Rohan verbannt werden. Im Buch ist von einer Verbannung keine Rede, da wird Eomer lediglich gefangen genommen. Da in der Verfilmung die Figur Erkenbrand keine Erwähnung findet, wird mit der Verbannung Eomers der Grundstein gelegt für Eomers Rolle, der die des Erkenbrand übernimmt. Wie schon Arwen bei der Rettung Frodos an der Bruinenfurt eine größere Rolle zuteilwurde, so wird nun Eomers Rolle ebenfalls mehr herausgearbeitet. Der Zuschauer kann so einen besseren Überblick über alle handelnden Personen behalten.
Was bei der Verbannung Eomers ein wenig unglaubhaft erscheint, ist die Tatsache, dass er mit seinen vielen Männern tatsächlich in die Verbannung geht, anstatt gegen Grima anzutreten. Einzig Sarumans Macht könnte daran verdeutlicht werden.
Die schlimme Lage in Rohan wird im Film noch anhand einer anderen Szene deutlich gemacht. Aragorn, Legolas und Gimli werden von Eomers Männern umzingelt und es kommt zu verbalen Konflikten, die letztendlich Aragorn lösen kann. Im Buch verläuft diese Episode viel friedlicher. Die beiden Pferde Hazufel und Aron bekommen die drei Gefährten aber in Buch und Film gleichermaßen. Allerdings ist Legolas ein Elb und die reiten für gewöhnlich ohne Sattel. Diese Kleinigkeit sei dem Regisseur aus dramaturgischen Gründen verziehen. Auch in dem Elbenkostüm steckt ja nur ein menschlicher Schauspieler.

Merry und Pippin erreichen unterdessen den Fangornwald. Dass ihnen bei ihrer Flucht der Ork Grischnakh mehr oder weniger freiwillig behilflich ist, kommt im Film nicht ganz so deutlich rüber wie im Buch, dafür wird die erste Begegnung mit Baumbart etwas dramatischer dargestellt. Die gute und reine Seele des Ents offenbart sich im Film dadurch erst im Lauf der weiteren Handlung.

Eine weitere Veränderung im Film wurde mit dem Wiedererscheinen Gandalfs vorgenommen. Eomer erwähnt zwar, dass der Weiße Zauberer (Saruman) ab und an in Fangorn weilt, gesehen wird er im Film jedoch nicht. Im Buch sehen Aragorn, Legolas und Gimli ihn, deshalb kommt es erst zu der Verwechslung, als sie Gandalf begegnen. Im Buch sind die Drei auch die Ersten, die den Zauberer wiedersehen. Im Film bringt Baumbart die beiden Hobbits schon zu dem Weißen Zauberer, auf den Merry und Pippin aber in der Romanvorlage erst in Isengart treffen. Für den Film ist diese kleine Veränderung wichtig, um die folgenden Ereignisse glaubhafter zu machen und Gandalf kann mit dem Wissen über das Wohlergehen der Hobbits beruhigt nach Edoras reiten.

In Edoras verzehrt sich Grima Schlangenzunge nach Eowyn, er begehrt sie. Das wird im Buch nicht so deutlich beschrieben, doch anhand dessen lässt sich der Charakter Grimas sehr gut mit verdeutlichen. Zeigt er doch, dass er nicht gänzlich Sarumans Willen unterliegt, sondern auch aus eigenem Antrieb handelt.
Was die Filmemacher ebenfalls stark übertrieben inszeniert haben, um Sarumans Einfluss zu veranschaulichen, ist die Szene, als Gandalf und die drei Gefährten bei König Theoden eintreffen. Die Darstellung des Königs als entstellter, besessener und uralter Greis soll hier bildlich deutlich gemacht werden. Theoden unterliegt diesem Einfluss, doch nicht in so optisch übertriebener Form. Auch die Austreibung von Sarumans Geist wird im Film sehr übertrieben dargestellt. Nach Theodens ›Heilung‹ jagt er wütend Grima die Treppen von Meduseld hinunter. Aragorn greift ein, damit der König den Verräter nicht tötet. Im Buch ist es aber Gandalf, der sich um Grima kümmert und ihn wählen lässt zwischen Kampf oder Flucht. Fakt ist aber, dass so jeder Zuschauer den Sinn dieser Szene erkennen kann und die Charaktere von Aragorn, Gandalf und Theoden weiter herausgearbeitet werden.

Theodreds Tod benutzen die Filmemacher ebenso, um gerade die Figur des Königs von Rohan tiefgründiger vorzustellen. Im Buch wird nur erzählt, dass Theodred 5 Tage vor Gandalfs Ankunft an den Furten des Isen gefallen und dort begraben wurde. Im Film kehrt der schwer verwundete Königssohn heim und stirbt dort. Das Begräbnis Theodreds zeigt dem Zuschauer König Theoden als verletzlichen Menschen. Dass er aber auch ein starker Kämpfer ist, der an das Wohl seines Volkes denkt, wird im Film an der veränderten Handlung erkennbar, als es darum geht, dass Aragorn und Gandalf Theoden dazu drängen, dass er in den Kampf ziehen soll. Theoden ist dazu laut Romanvorlage bereit, denn auch er hat die Lage erkannt. Deshalb verbirgt er sein Volk in der Fluchtburg Dunharg und zieht mit seinen Reitern in die Schlacht. Helms Klamm wird im Film Zufluchts- und Kriegsstätte zugleich. Damit wird dem Zuschauer einerseits ein weiterer Handlungsort erspart, andererseits die Spannung weiter ausgebaut.

Während der Kriegsvorbereitungen in Rohan sehen wir im Film aber auch regelmäßig Szenen von Frodo, Sam und Gollum. Bei den Dreien spitzt sich die Lage immer weiter dahingehend zu, dass Sam sehr offen seine Meinung über Gollum kundtut und es so zu ersten Streitereien kommt. Diese werden im Film auch viel überspannter dargestellt, als im Buch beschrieben. Auch hier ein Mittel, um den Spannungsbogen aufzubauen, der gerade bei diesen drei Protagonisten noch bis ins Unermessliche ansteigen wird. Dass Frodo dem Geschöpf Gollum, trotz aller offenen Warnungen Sams, vertraut, stellen die Filmemacher anhand der Reise durch die Totensümpfe dar. Von einem Sturz Frodos in einen der Tümpel und der Rettung durch Gollum steht nämlich nichts im Buch, ebenso wenig von Sams Sturz am Schwarzen Tor von Mordor. Diese Szene dient vielleicht dazu, die Haradrim optisch vorzustellen, die Spannung zu erhöhen und die tatsächliche Wirkung der Elbenmäntel zu veranschaulichen.
Bleiben wir zunächst beim Ringträger und seinen Begleitern.

Ihr Weg führt sie durch Ithilien. Dort werden sie von Faramir gefangen genommen. Tolkien nutzt diesen Aufenthalt zum Aufatmen, Szenen, die den Leser von der unterschwelligen Spannung etwas erlösen und zeigen, dass es auch in ausweglosen Situationen noch Hoffnung gibt. Faramir wird als durch und durch guter und edler Charakter beschrieben, dessen Besonnenheit und Ehrgefühl ausreichen, dem Einfluss des Ringes zu widerstehen.
Im Film wird das nun aber ganz anders dargestellt. Faramir muss sich der Prüfung des Ringes unterziehen und er will ihn nach Minas Tirith bringen. Auch Faramirs Männer werden anders dargestellt als beschrieben, sie wirken im Film viel gewalttätiger, gerade auch im Umgang mit Gollum. Im Buch verlassen Frodo und Sam Faramir und seine Männer, die sie noch mit Proviant versorgen und mit ihren guten Wünschen ziehen lassen. Im Film verzögert sich dieser Abschied, da Faramir die Hobbits mit nach Osgiliath nimmt. Durch den Angriff des Nazgul erkennt Faramir die böse Macht des Ringes und lässt Frodo schlussendlich doch seinen Weg gehen. Es ist gerade die Szene, als Frodo unter dem Einfluss des Ringes Sam angreift, nachdem dieser verhindert hat, dass Frodo den Ring dem Nazgul übergibt, die Faramir zu seinem Entschluss verhelfen. Nach bisherigen Streitigkeiten kam es nun zur ersten Handgreiflichkeit zwischen Frodo und Sam und das muss man den Filmemachern zugutehalten, dass sie damit die Macht und den Einfluss des Ringes deutlich veranschaulichen. Im Buch wird Frodo zwar im Verlauf der Handlung aggressiver, aber niemals handgreiflich Sam gegenüber. Sams Worte, die er anschließend zu Frodo spricht, wurden für den Film inszeniert, um neben dem Einfluss des Ringes auch das »Über sich hinauswachsen« dieses Hobbits im Lauf der Handlung zu versinnbildlichen.

Während Frodo, Sam und Gollum ihren Weg nach Mordor suchen, macht sich das Volk von Rohan auf den Weg nach Helms Klamm. Dabei wird eine Szene gezeigt, die im Buch keinerlei Erwähnung findet, das Gespräch zwischen Gimli und Eowyn. Der Zwerg sitzt dabei allein auf einem Pferd und fällt runter. Anhand dessen wird dem Zuschauer gezeigt, dass Zwerge und Pferde einfach nicht zusammengehören. Die Unterhaltung findet im Buch nicht statt, doch der Regisseur benutzt sie, um die Spannung der Handlung ein wenig aufzulockern. Dass Gimli dabei, wie in vielen anderen Situationen, für witzige Filmgags sorgt, widerspricht allerdings Tolkiens Beschreibung des Zwergs, der diesen eher ernst und stolz beschreibt.
Da sich der Film, was das Ziel der Rohirrim angeht, schon vom Buch unterscheidet, nutzt Jackson die Situation, um weitere Szenen einfließen zu lassen, die in der Romanvorlage nicht erwähnt werden, aber die dazu dienen, die Charaktere weiter zu vertiefen und dem Zuschauer die Bedrohung Mittelerdes zu verdeutlichen. Dazu gehört der Angriff der Warge auf die Flüchtenden und Aragorns Sturz von der Klippe. Anhand dieser Bilder lernt der Zuschauer die Schildmaid von Rohan genauer kennen, ihre Ängste und Gefühle besonders für Aragorn. Auch wird so die Zeit bis zur Schlacht um Helms Klamm spannender gestaltet. Gerade der vermeintliche Verlust Aragorns zeigt auf, wie verzweifelt die Lage ist.

Doch auch an dieser Stelle bringt der Regisseur wieder Szenen ein, die die Hoffnungslosigkeit ein wenig entkräften, die Traumvisionen von Arwen und Aragorn. Solche Visionen kommen im Buch nicht vor, doch im Film werden sie dazu benutzt, um dem Zuschauer die Probleme einer Beziehung zwischen einem Sterblichen und einer Unsterblichen zu verdeutlichen. Dazu dient ebenfalls die Veränderung, die Elronds Verhalten im Film erfährt. Elrond hat im Buch nie versucht, seiner Tochter die Liebe zu Aragorn auszureden und Arwen hat Bruchtal auch nicht verlassen.

Was passiert in der Zwischenzeit mit Merry und Pippin?
Baumbart trägt die Hobbits in den Wald und das Entthing findet im Film relativ schnell statt. Im Buch werden die beiden Hobbits allerdings auf eine sehr harte Geduldsprobe gestellt, da sie eigentlich nicht am Entthing teilnehmen. Sie warten in Gesellschaft Flinkbaums abseits der Versammlung. Diese ganze Szene wird im Film sehr zusammengeschnitten, wohl um die Spannung als auch die Dramatik zu erhalten. Dazu dient an dieser Stelle sicher auch die Verlegung der Szene mit dem Alten Weidenbaum. Eine weitere Veränderung im Film ist das Ergebnis des Entthings. Die Ents entscheiden sich im Buch für den Kampf. Im Film geschieht das erst durch einen Trick der Hobbits, der Baumbart die Zerstörung der Bäume offenbart. Hier wird im Film die Entwicklung von Merry und Pippin gezeigt, denen der Ernst der Lage erst im Lauf der Handlung bewusst wurde.

Die Verzweiflung in Rohan wird entkräftet, als Aragorn die Hornburg erreicht. Doch es kommt zu Unstimmigkeiten zwischen Theoden, Aragorn und Legolas, die von Tolkien nicht beschrieben wurden. An Theodens Rolle als König lässt Tolkien keinen Zweifel aufkommen, doch im Film führen diese Diskussionen zu mehr Dramatik und zeigen die scheinbare Aussichtslosigkeit auf einen Sieg in der bevorstehenden Schlacht.
Diese Schlacht wird dann auch stark verändert in Bilder gesetzt. Es fängt damit an, dass sich die Kämpfer erst in der Hornburg mit Waffen rüsten. Das geschieht aber eigentlich noch in Edoras, doch bei all den kleinen Veränderungen wurde auch das an die Filmhandlung angepasst. Es folgt wieder eine Szene, in der Gimli unfreiwillig für Humor sorgt, als er ein zu langes Kettenhemd anzieht. Mit vielen kleinen witzigen Bemerkungen lockert der Zwerg dann auch den gesamten dramatischen Verlauf der Schlacht ein wenig auf.
Eine der wesentlichen Veränderungen im Film stellt die Teilnahme der Elben bei der Schlacht in Helms Klamm dar. Im Buch ist Legolas der einzige Elb, der dort kämpft.
Insgesamt wurde die Schlacht so in Szene gesetzt, dass der Ablauf für den Zuschauer nachvollziehbar und übersichtlich erscheint. Sicher gab es noch viele kleine Veränderungen wie z. B. die Sprengung des Klammwalls, was in der Buchvorlage nicht ganz so dramatisch beschrieben steht. Da wird lediglich der Durchfluss des Klammbaches freigesprengt.
Alles in allem bringen die Filmemacher jedoch alle wichtigen Details unter und bescheren dem Zuschauer so eine beeindruckende und glaubhafte Szenerie.

Zum Schluss des Filmes, der weit vor dem Buch endet, macht Gollum noch auf SIE aufmerksam, doch was es damit auf sich hat, erfährt der Kinobesucher erst im 3. Teil »Die Rückkehr des Königs«.


 

Bilder: Archiv der Autorin, Quellen nicht mehr bekannt

Quellen:

  • J.R.R. Tolkien, Der Herr der Ringe, Klett Cotta Verlag
  • DVD »The Lord of the Rings«, Special Extended Edition

Copyright © 2008 by Anke Brandt


Der vollständige Artikel steht als PDF-Download zur Verfügung.

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