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Paraforce Band 38

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Der Marone – Die Maronen

Thomas Mayne Reid
Der Marone – Erstes Buch
Kapitel 32

Die Maronen

Sobald sie fortgegangen waren, wandte sich der Jäger zu Herbert mit von Dankbarkeit glänzenden Augen.

»Herr!«, sagte er und machte eine tiefe Verbeugung beim Sprechen. »Nach dem, was geschehen ist, sind Worte nur ein sehr geringer Dank. Doch wenn der tapfere, weiße Herr, der sein Leben für einen farbigen Ausgestoßenen gewagt, mir seinen Namen wissen lassen will, er soll wahrhaftig nimmer vergessen werden von Cubina, dem Maronen.«

»Cubina, der Marone!«

Verwundert über den eigentümlichen Namen, wie er es schon zuvor über die ganze Erscheinung und die Haltung seines Trägers gewesen war, wiederholte Herbert den Namen gleichsam mechanisch.

»Ja, das ist mein Name, Herr.«

Der junge Engländer, obgleich über die sonderbare Benennung nicht aufgeklärt, war doch zu wohl erzogen, um eine weitere Erklärung zu verlangen.

»Entschuldigen Sie mich«, sagte er, »dass ich Ihr Ansuchen nicht gleich erfüllt habe. Ich bin ein Engländer, mein Name ist Vaughan – Herbert Vaughan!«

»Dem Namen nach, Herr, muss ich glauben, dass Sie hier auf der Insel Verwandte haben. Der Eigentümer des Gutes Willkommenberg …«

»Ist mein Onkel.«

»O, dann, Herr, ist alles, was ein armer Marone für Sie tun kann, niemals zu viel. Nichtsdestoweniger empfangen Sie meinen besten Dank; und wenn … Doch, Herr«, fuhr der Sprecher in plötzlich verändertem Ton fort, als folge er einem unwiderstehlichen Trieb der Neugierde. »Entschuldigen Sie meine Frage, was bringt Sie so früh schon in Bewegung? Die Sonne ist noch nicht zehn Minuten oberhalb der Bäume und Willkommenberg ist drei Meilen entfernt. Sie müssen hier im Dunkeln hergekommen sein, und das ist gar nicht leicht durch diese verwirrten, dichten Wälder.«

»Ich brachte die Nacht hier zu«, erwiderte der Engländer lächelnd. »Das da war mein Bett, wo nun der Eber schläft.«

»Dann gehört die Flinte wohl Ihnen, nicht ihm?«

Der Jäger winkte hierbei dem Flüchtling fragend zu, der einige Schritte davon stand, und beide Sprechenden mit dankbaren Blicken ansah, die indes zugleich einige Anzeichen der Unruhe verrieten.

»Ja, es ist meine Flinte und ich bin froh, dass sie geladen war, da dies ihn befähigt hat, das wilde Tier zu vernichten, das ihn sonst wohl sicher bei der Gurgel gefasst hätte. Obwohl der arme Kerl elend und jämmerlich aussieht, die Waffe handhabte er ganz gut. Was ist er nur und was hat man ihm getan?«

»O, Herr Vaughan! Nach diesen beiden Fragen ist es leicht zu sagen, dass Sie fremd hier auf der Insel sind. Ich glaube, ich kann beides beantworten, obwohl ich den jungen Mann nie zuvor gesehen habe. Der arme Kerl! Die Antworten sind auf seine Haut geschrieben, mit Buchstaben, die gerade keine große Gelehrsamkeit erfordern, um sie zu lesen. Diese Buchstaben auf seiner Brust besagen, dass er ein Sklave ist, – der Sklave des J.J. – Jacob Jessuron. Sie werden mich wohl entschuldigen, nicht meine weitere Meinung über ihn abzugeben, da er eine Magistratsperson und ein Freund Ihres Onkels, des Custos, ist.«

»Was haben sie dir getan, mein armer Bursche«, fragte Herbert den Flüchtling, indem sein Mitgefühl ihn hinderte, die weitere Auseinandersetzung des Maronen abzuwarten.

Der blutbesudelte Mann, als er gewahrte, dass die Rede an ihn gerichtet sei, machte eine lange Erwiderung, aber in einer beiden, sowohl dem Jäger als auch Herbert vollkommen unbekannten Sprache. Doch vermochte der Letztere zwei Wörter zu unterscheiden, nämlich: Fellah und Allah, die beide wiederholt in der Rede vorkamen.

»Es nützt nichts, ihn zu fragen, Herr Vaughan! Wie Sie selbst ist auch er ein Fremdling hier auf der Insel, obgleich man ihn schon in einige von Ihren Gebräuchen eingeweiht hat. Dieser Brand hier auf der Brust ist fast frisch, das kann man an der entzündeten Haut um die Buchstaben herum sehen. Er muss, so scheint es fast, erst gerade von Afrika gelandet sein. Die Zeichen da auf seinem Rücken, die sind von einem Spielwerk gemacht, das die weißen Pflanzer und ihre Aufseher in diesen Gegenden nur gar zu sehr zu gebrauchen lieben – die Peitsche! Sie haben den armen Teufel gepeitscht und … Caramba! Sie haben es ihn arg genug fühlen lassen.«

Bei dieser Bemerkung erhob der Marone das blutbefleckte Hemd des Bemitleidenswerten und zeigte seinen so schrecklich zugerichteten Rücken. Der Anblick war in der Tat fürchterlich und abscheuerregend.

Herbert konnte es nicht aushalten, darauf zu sehen, sondern kehrte seine Augen sofort ab.

»Frisch von Afrika, sagten Sie? Er hat die typischen Züge gar nicht.«

»Was die Gesichtszüge betrifft, das macht nichts aus. Es gibt manche afrikanische Stämme, die keine solche haben. Von ihm kann ich behaupten, dass er ein Fellah sein muss. Ich hörte ihn das Wort beim Sprechen gebrauchen.«

»Joi, – Fellah! Fellah!«, rief der arme junge Mann, als er den Namen seines Volkes ausgesprochen hörte, und fuhr dann in derselben Sprache fort, begleitet von mancherlei Gebärden.

»Ich wollte, ich verstände seine Sprache«, sagte der Jäger. »Ich weiß, er ist ein Fellah. Es ist etwas vorhanden, warum ich ein besonderes Interesse an ihm nehmen sollte, und deswegen möchte ich vielleicht …«

Der Sprechende hielt inne, als hätte er mit sich selbst gesprochen, und setzte das Selbstgespräch dann nur in Gedanken fort. Nach einer Pause begann er wieder:

»Caramba! Nur wenig gehört dazu, mich dahin zu bringen, ihn seinem Herrn nicht wiederzugeben.«

»Und müssen Sie das?«

»Ich muss es. Wir Maronen sind durch einen Vertrag verpflichtet, alle Flüchtlinge, die wir ergreifen, auszuliefern, das heißt, wenn es bekannt wird. Doch diese Spitzbuben des alten Jessuron wissen, dass ich ihn habe.«

»Sie werden eine Prämie bekommen, sagten Sie?«

»Ja, aber sie wollen versuchen, mich derselben zu berauben. Doch die Prämie reizt mich diesmal nicht. Es ist etwas mit dem jungen Burschen – wahrhaftig! Er ist ihr gleich, er sieht ihr ähnlich, als wenn er ihr Bruder wäre!«

Die letzten Worte sprach er fast unwillkürlich und mit sich selbst redend.

»Ihr ähnlich! Wem ähnlich?«, fragte Herbert mit verwirrtem Blick.

»Entschuldigen Sie«, versetzte der Jäger. »Ich war über die große Ähnlichkeit zwischen diesem armen Burschen und einer, die ich kenne, betroffen. Aber, Herr Vanghan«, fuhr er fort, als wünsche er, den Gegenstand des Gesprächs zu verändern, »Sie haben mir noch nicht gesagt, wie Sie dazu kamen, die ganze Nacht hier im Wald zu sein? Sie jagten gestern und verloren den Weg?«

»Ja, ich verlor meinen Weg, doch nicht gerade bei der Jagd.«

»Das ist am Ende Ihr ganzes Frühstück gewesen?« Der Marone zeigte auf einige noch auf dem Rasen liegende Kohlstücke.

»Ich habe von der Palme sowohl zu Abend gegessen als auch gefrühstückt. Ich hatte gerade den Baum erklettert, um Wasser zu suchen, als der Eber kam und die Überbleibsel fraß.«

Der Marone lächelte bei dieser Erklärung von Umständen, durch die auch er getäuscht worden war.

»Wohl«, sagte er, »wenn Sie nicht sehr große Eile haben, sofort nach Willkommenberg zurückzukehren und mir ungefähr fünf Minuten Zeit gewähren wollen, so kann ich Sie vielleicht mit etwas Besserem als rohem Kohl versorgen.«

»Ich habe gerade nicht solche Eile, nach Willkommenberg zurückzukehren. Vielleicht … gehe ich gar nicht wieder dahin zurück.«

Diese Worte zusammen mit der Art, wie der junge Engländer sie vorbrachte, entgingen dem aufmerksamen und gescheiten Maronen keineswegs.

»Etwas Besonderes in des jungen Mannes Geschichte!«, sagte er zu sich selbst, obwohl er Zartgefühl genug besaß, keine Erläuterung dieser zweideutigen Rede zu verlangen. »Aber das geht mich ja nichts an!«

Dann wandte er sich an Herbert und sagte laut: »Wollen Sie ein Waldfrühstück von meiner Zurüstung essen, Herr Vaughan?«

»Mit großem Vergnügen«, antwortete Herbert.

»Dann muss ich meine Diener rufen.«

Wie er dies sagte, erfasste der Jäger das ausgelegte Horn, das unter seinem linken Arm gehangen hatte, setzte es an seine Lippen und blies einen langen und zitternden Ton.

Kaum war er in den Wäldern verhallt, als ähnliche Töne erschallten, die dem von dem gelben Jäger hervorgebrachten so gleich waren, dass Herbert sie einen Augenblick für Echos halten konnte.

»Das wird uns Gesellschaft verschaffen und auch etwas zu essen, Herr«, sagte der Marone und brachte das Horn wieder an seinen Platz.

»Horch!«, fuhr er einen Augenblick danach fort, »da sind schon einige von meinen Gefährten! Ich wusste wohl, weit konnten sie nicht entfernt sein. Sie sehen nun wohl, ganz freies Spiel hätten diese Geier schwerlich gehabt, da meine Fallen so nahe sind. Deswegen bin ich Ihnen aber nicht weniger verpflichtet, Herr Vaughan. Ich hielt es eigentlich nicht ganz der Mühe Wert, meine Begleiter zu rufen, denn ich wusste recht gut, diese drei Memmen würden sich über ein wenig prahlerisches Geschwätz kaum hinauswagen. Sehen Sie, dort kommen sie!«

»Wer denn?«

»Die Maronen.«

Herbert hörte ein Rascheln zwischen den Büschen an der entgegengesetzten Seite der Lichtung. Gleich darauf traten ungefähr ein Dutzend bewaffnete Männer aus dem Unterholz hervor und schritten unverzüglich auf die Ceiba zu.

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