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Rübezahl – Ein böser Tausch

Rübezahl
Der Berggeist des Riesengebirges
Sagen und Schwänke neu erzählt nach R. Münchgesang
Ein böser Tausch

Im Dreißigjährigen Krieg lag für einige Zeit ein kaiserliches Regiment in Hirschberg, und unter den Offizieren desselben befand sich auch ein Herr aus Schwabenland, der die Gegend zum ersten Mal erblickte. Er war bei einem Kaufmann einquartiert und hörte von diesem, dass in dem nahen Gebirge ein wunderlicher Geist mit Namen Rübezahl wohne, über den jedermann in der Gegend etwas wisse. Manchem spiele er einen bösen Streich, strafe gern die Ungezogenen und Hochmütigen, sei ein Freund der Armen und schenke dem und jenem ein Vermögen, aber sonst sei keiner vor seinen Neckereien sicher, der in seine Nähe komme. Manchem schon habe er ohne Grund sehr bös mitgespielt.

Als der Offizier, ein sehr gebildeter, feiner und wissensdurstiger Mann, eine solche Auskunft erhielt, prickelte es ihn, die Bekanntschaft Rübezahls zu machen, selbst auf die Gefahr hin, dass ihm der Alte auch einen Schabernack spielen könnte. Er nahm sich daher Urlaub, zog seine besten Kleider an und begab sich zu Pferd ins Gebirge, wobei er immer rechts und links Umschau hielt, ob nicht irgendwo aus einem Felsen eine riesenhafte Köhlergestalt mit fuchsrotem Bart heraustreten würde.

Als er auf der Höhe des Gebirges und nicht weit von Rübezahls Garten angelangt war, nichts Auffälliges bemerkt hatte und eben unverrichteter Sache und von dem mühevollen Ritt wenig befriedigt umkehren wollte, sah er, dass ein Reiter von der Südseite her auf ihn zukam. Bald trafen die Herren zusammen und begrüßten sich sehr höflich, wie das unter gesitteten Leuten üblich ist. Dann hielten beide die Pferde an und kamen in eine sehr angeregte Unterhaltung.

»Es ist heute sehr schönes Wetter, und da habe ich mich entschlossen, dieses Gebirge, das mir bisher fremd war, zu besuchen.«

»Da hat der Herr sehr wohl daran getan, denn gutes Wetter gehört zu einem angenehmen Spazierritt. Darf man fragen, von welchem Ort sich der Herr hierher bemüht hat?«

»Ich komme von Hirschberg, wo meine Schwadron gerade einquartiert ist, und bin hauptsächlich deshalb hergekommen, um die Bekanntschaft eines Herrn Rübezahl zu machen, der hier sein Wesen treiben soll.«

»Sehr richtig. Man kann nie genug Bekanntschaften machen. Hat der Herr auch sonst Nachricht von dem Betreffenden erhalten?«

»Nur vom Hörensagen. Er soll sehr wunderlich sein und bei aller Gutmütigkeit einfältigen Leuten gern einen Streich spielen. Man hat aber noch nicht gehört, dass er einen Herrn von besserem Stand hinters Licht geführt hätte. Das dürfte sich auch wohl nicht leicht ereignen.«

»Auch ich möchte das bezweifeln. Er hat so seine Leute.«

Bei diesen Worten sah Rübezahl, denn er war der fremde Reiter, den Offizier sehr genau und sogar etwas neugierig an und begann, den Mantel, Rock und Hut, dazu das Pferd des Schwaben über den grünen Klee zu loben. Die Güte des Tuches, der Schnitt der Kleider schienen ihm ausnehmend zu gefallen. Ebenso fand er das Pferd des Offiziers nach Rasse, Bau und Gangart über die Maßen schön, das Sattelzeug einbegriffen.

Der Offizier hingegen betrachtete mit wachsendem Erstaunen die Kleidung Rübezahls im neuesten spanischen Schnitt mit den goldenen, Brillanten übersäten Aufschlägen, den perlenbesetzten Hut sowie den mit teuerstem Pelzwerk verbrämten Mantel. Am meisten aber entzückte ihn Rübezahls herrliches Ross, ein echter Vollblutneapolitaner, dessen Schabracke allein schon einen ungeheuren Wert besaß.

Nachdem sie sich so eine Zeitlang schweigend betrachtet hatten, sagte Rübezahl: »Da mir der Anzug und das Pferd des Herrn außerordentlich gefallen, möchte ich dem Herrn vorschlagen, mit mir einen Tausch zu machen. Ich meine, Pferd gegen Pferd, Rock gegen Rock, Hut gegen Hut, Mantel gegen Mantel.«

Erfreut ging der Offizier auf diesen Vorschlag ein. Die Herren sprangen ab und tauschten zunächst die Pferde, hernach das übrige, nur Hemd, Hosen und Stiefel samt den Handschuhen behielten sie, auch die Degen wurden ausgewechselt. Dann trennte man sich. Beide Herren ritten dahin, woher sie gekommen waren, und jeder freute sich seines Tausches. Als aber der Offizier in die Nähe von Krummhübel kam und noch über die Begegnung

nachsann, merkte er, dass sein Roß nicht recht vom Fleck wollte, und als er das Tier recht ansah, fand er, dass sich sein stolzer Neapolitaner in einen alten trägen Grauschimmel verwandelt hatte. Nun betrachtete er auch seine Kleidung und sah zu seinem Schrecken, dass nur seine Hosen und Stiefel in gutem Zustand waren, alles andere waren Lumpen, wie sie Zigeuner nicht erbärmlicher und schmutziger tragen können. Den Hut hätte niemand aufgehoben, wenn er ihn auf der Straße gesehen hätte, und aus dem Degen mit dem goldenen Griff und der mit Diamanten besetzten Scheide war ein elender Buchenknüppel geworden.

Der gute Schwabe sah ein, dass er von Rübezahl arg gefoppt worden war, die interessante neue Bekanntschaft hatte ihn ein gutes Pferd und einen neuen Anzug gekostet und ihm nicht das Geringste eingebracht. Ärgerlich warf er die Lumpen vom Leib, in denen man ihn für einen Wegelagerer gehalten hätte, und schlich sich in das Gasthaus des Dorfes. Den Esel band er irgendwo im Hof fest und rief den Wirt. Als dieser kam, erzählte er ihm, dass er durch irgendeinen Umstand, den er nicht näher erörtern könne, Rock und Hut verloren habe. Er bat den Wirt, ihm aus diesen Nöten zu helfen und bot ihm gleichzeitig den Esel zum Kauf an. Der Mann gab ihm das Erbetene und nahm den Grauschimmel an Zahlungsstatt an.

Darauf ging der Offizier tief beschämt Hirschberg zu und nahm nur den Buchenknüppel mit, den er von Rübezahl statt seines guten Degens erhalten hatte, denn er wollte doch etwas in der Hand haben. Als er nun dem Städtchen nahe war, hob er den Stock nur mit Mühe, denn er war zu gutem Gold geworden. Beschämt gestand er sich ein, dass er von Rübezahl eine wohlgemeinte Lehre für seinen Hochmut erhalten habe.

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