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Marshal Crown – Band 52

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Über mittelalterliche Burgen – Teil 3

Hartmann von Kroneberg im 14. Jahrhundert

Hartmann von Kroneberg im 14. Jahrhundert

Selten fehlte, als sich die Burgen nach und nach vergrößerten, eine wohlversehene Rüstkammer. Doch darf man dort nicht immer einen Vorrat von Turnierrüstungen und ritterlichen Wehren suchen, sondern meist nur Spieße, Hellebarden, Armbrüste mit ihren Bolzen, Schwerter und einfache Schutzwaffen. Man erkennt diese Rüstkammern, auch wenn sie längst ausgeleert sind, an den zahlreichen hölzernen Pflöcken in der Wand. Ein Inventar des Schlosses Freiberg bei Füssen im Allgäu fängt mit der Rüstkammer an und zählt darin fünf blaue Harnische, vier weiße, drei gereifte lichte mit allem Zubehör an Hauben, Bärten, Armrohren, Beinschienen, Handschuhen und dergleichen auf. Dann kommen die Jagd- und Fischgerätschaften in Menge, was im hinteren Turm, was in des Herrn »khamer«, in der Kammer neben der oberen Stube, was an Ornamenten in der Kapelle und so fort sich befand. Ein älteres Inventar dieses im Dreißigjährigen Krieg zerstörten Schlosses führt die Jahreszahl 1539. Hierin wird auch einer kupfernen Badewanne gedacht.

Da noch so zweifelhafte Begriffe über die älteste Bewaffnung existieren, diese aber mit der Einrichtung alter Burgen Hand in Hand geht, so soll hier eine flüchtige Einfügung folgen. In den ersten Jahrhunderten des Mittelalters, als antike Formen noch vorherrschend waren, hatte auch die Waffentracht kaum etwas von dem früheren Gebrauch eingebüßt. Der römische Helm, das kurze Schwert, der Schuppenharnisch aus Horn und Metall, das Sagum und die anliegende Hose blieben bis ins 10. Jahrhundert die Hauptteile der kriegerischen Bewaffnung und Bekleidung. Zur Zeit der Kreuzzüge sah man die christlichen Streiter aber schon mit dem morgenländischen Kettenpanzer, mit dem asiatischen Nasenschirm am Helm nach Jerusalem ziehen. Der Panzerrock behielt nach wie vor die hemdartige Gestalt der Tunika und die Panzerhose umschloss, der allgemeinen Hosentracht entsprechend, knapp das ganze Bein. Im Allgemeinen war die Bewaffnung derb, fast roh. Das Kettenhemd allein wog 40 – 50 Pfund, der dreieckige ausgebogene Schild reichte dem Mann vom Hals bis über die Knie, und welcher Art die Schwerter waren, die übrigens zu keiner Zeit im Mittelalter mit beiden Händen geführt wurden, wie man sehr oft fälschlich glaubt, kann man aus den fabelhaften Berichten byzantinischer Geschichtsschreiber über die Schwertstreiche der Kreuzfahrer entnehmen, wonach Richard Löwenherz einem Emir Kopf, Schulter und Arm auf einen Hieb abgehauen und ein schwäbischer Ritter in Barbarossas Heer einen Sarazenen bis auf den Sattel gespalten haben soll. Uhland hat diese Sage in einem Gedicht verherrlicht, es heißen darin derlei Hiebe – Schwabenstreiche. Das ganze Schwert vom Knauf bis an die Spitze hatte nur eine Länge von 3 – 4 Fuß und reichte einem wohlgewachsenen Mann von der Hüfte bis zur Ferse, war aber dagegen so unverhältnismäßig breit und wuchtig, dass man wenigstens annähernd jene Erfolge anzunehmen sich berechtigt fühlen konnte. Es kann für Maler und Bildner nicht genug wiederholt werden, dass der Ritterharnisch vom 12. Jahrhundert bis zur Mitte des 14. meist nur in einem Rock von Eisenringen bestand. Alle Dichter jenes Zeitraums sprechen nur davon, dass in den Kämpfen die Stahlringe glänzten, dass diese mit Schwerthieben zerhauen wurden oder dass das Blut durch die Ringe floss. Alle gleichzeitigen Abbilder in Kleinmalereien, auf Siegeln, Grabmonumenten etc. liefern ein ähnliches Ergebnis. Der Theaterpomp, womit man das Kreuzrittertum auszustatten pflegt, ist Schwindel vor den Augen des Geschichts- und Kostümforschers, der sich die Rüstgestalten nur in bescheidenem Drahtwams, mit unförmlicher Blechmütze auf dem Haupt, vorzustellen vermag. Erst in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts war die vollendete Blechhülle des Ritters in Erscheinung getreten. Erst von 1370 an glänzte der Ritter vom Haupt bis zur Sohle wie die starre Bildsäule von Stahl, und er trug diesen trotzigen Eisenschutz im ganzen 15. und noch stark im 16. Jahrhundert. Obgleich der ritterliche Kaiser Max, der edle Sickingen, der tadellose Bayard und der derbe Berlichingen die Ritterzeit zu Grabe geleitet hatten, fuhren doch die Reiter fort, sich in Blech zu kleiden. Der blechgeharnischte Reiter, der Kürisser – Kürassier von cuirasse, der Harnisch – trug unter seiner Eisenhülle ein dick abgestepptes Kleid und eine dichte Harnaschkappe, um sich vor Quetschungen zu sichern, vermehrte aber dadurch nur die Beschwerden seiner starren Rüstung, daher man sich nicht wundern darf, dass mitunter die kräftigsten Reisigen durch Hitze und Staub umkamen, bevor sie noch einen Schwertstreich des Feindes erhalten hatten. So erzählt Götz der Berlichinger vom Zug gegen Hochburgund: »Auf St. Jakobsabend kamen wir in ein Lager, und erstickten uns denselbigen Tag um großer Hitz willen drei burgundische Kürisier und etliche Reuter, die unter meines Herrn Hauffen waren, die fielen unter die Gäul, als ob sie trunken wären, wiewol sie selbigen Tags keinen Wein gesehen hatten.« Ferner schreibt Götz bei Erzählung seiner Nürnberger Fehde 1512: »Mein Gaul war mir hardt verwundt und gestochen, starb auch desselbigen Stichs, und war zudem so ein heißer Tag, daß uns mehr Leuth erstickten dann zu todt geschlagen wurden.«

Siegel der Stadt Vöcklabruck

Siegel der Stadt Vöcklabruck

Den ältesten Verschluss der Burgtore bildeten jedenfalls die schweren Fallgitter, wie noch auf so vielen alten Städtewappen zu sehen ist. Auf jenem von Vöcklabruck in Oberösterreich kommen zwei Gewappnete mit Fähnlein in den Händen gegen ein solches Tor angesprengt. Da die hier vorgestellten beiden Herzöge – Albert und dessen Sohn Rudolf – eine gute Aufnahme fanden, so verliehen sie dieses Thor der Stadt zum Wappen. So deutet es wenigstens Hoheneck in seiner Genealogie.

An vielen Toren der späteren Zeit befand stich auch ein Schlupfpförtchen, um einzelner Passanten zu Fuß willen nicht die Fallbrücke niederlassen zu müssen. War nun kein Torturm vorhanden, auf welchem der Torwärtel oder Pförtner durch die Pechnase (Gussloch über dem Tor) oder durchs Lugloch (wie Falkenstein in der Oberpfalz) den Außenstehenden nach seinem Begehren fragen konnte, so tat dies der Wächter von den Zinnen. Die aus der Ferne Nahenden verkündigte des Turmwärters Horn, der gewöhnlich auf der Warte stand oder auf dem Wallgang der Ringmauer hinter den Zinnen weilte. War kein solcher Wächter da, so behalf sich der Gast vor der Pforte, indem er entweder sein Jagdhorn gebrauchte, den Türklopfer anzog oder an die Schalltafel schlug, da unsere jetzigen Glockenzüge dem Mittelalter fremd waren. Hatte der Torwärtel des Gastes Begehr vernommen, so ließ er ihn ein, aber auch nur in den ersten Burghof. Eben so pflegte man fahrende Leute (Reisende) im Vorgebäude zu beherbergen, welchen man nicht so viel Vertrauen schenkte, sie in die Hochburg einzulassen. Man kann annehmen, dass der Turmwächter in den ältesten Zeiten wohl nur ein Tierhorn gebrauchte, ähnlich dem der Weinhüter in manchen Gegenden; dagegen in der Glanzepoche des Rittertums das metallene Türmerhorn, unseren heutigen Trompeten oder den kleinsten Posaunen nicht unähnlich, jedoch nicht verschiebbar, ohne Bogen und ohne Aufsatzstücke.

Das Schlosstor von Wolfsegg in der Oberpfalz

Das Schlosstor von Wolfsegg in der Oberpfalz

Ob diese Torwärtel und Turmhüter, sagt Scheiger sehr treffend, einen auf die verschiedenen Umstände passenden Melodienvorrat gehabt hatten, wie wir oft lesen und lasen, kann man bezweifeln. Vielmehr scheint es glaubhafter zu sein, dass wenig musikalische Kenntnisse verbraucht wurden, und die Wächter Gefahr und Gäste nur durch mehr oder weniger übelklingende Töne irgendeines Tierhorns verkündet haben mögen.

Die Schalltafeln, eine von den Ritterromanschreibern gänzlich ignorierte Sitte, vertraten vorzüglich in den Klöstern die Stelle der Glocken. Sie waren von Holz, seltener von Metall, hingen in Ketten an der Pforte und daneben oft ein Hammer, um sie damit zu schlagen. Als ehrwürdige Reliquie besitzt das Kloster Zwettl, im Waldviertel von Niederösterreich gelegen, eine solche hölzerne Tafel, die mit einer Umschrift versehen ist. Alte Dichter erwähnen ihrer öfters:

Ru hiene ein tavel vor dem tor

An zwei Ketenen enbor:

Da fluoe er an daz ez erhal

Unt daz ez in der burc erschal,

Darnach was vil unlane,

Unz daz dort her vür spran

Des wirtes samnunge

Schoene unde junge

Junkherren und knechte.

(Aus dem Iwein, Seite 190)

Oft fand man in einem der Höfe oder vor der Burg eine mächtige Linde, Rüster, wohl auch einen als Samen aus den Kreuzzügen mitgebrachten fremden Baum gepflanzt, mit einer Erd- oder Steinbank am Stamm umgeben, unter dessen Schatten die Burgleute sich zu Zeiten unterhielten, der auch manchmal als Gerichtsplatz gedient haben mag. Die Ausdrücke Zwinger und Burghof werden zuweilen verwechselt. Burghof und Zwinger waren von Ringmauern umschlossen, beide ließen sich absperren und beide lagen vor der Burg. Allein während der Burghof, höher gelegen, den notwendigen Durchgang zur Hochburg enthielt, welchen Reiter, Fußgänger, Karren und Saumtiere durchzogen, bildete der Zwinger einen tiefer liegenden, in der Regel gänzlich versperrten Graben, der entweder »damit sich die Junkfrawen der Burg darin erspatzieren konnten« als Wurzgärtlein angelegt war oder worin man Wild, wie Rehe, Hirsche, auch mitunter Raubtiere, Löwen, Bären und dergleichen hielt, welche lüsterne Diebe oder verliebte Waghälse gar kräftig abwehrten. Das Schloss Feistritz, etwa eine Tagesreise südlich von Wien und unweit

Schlossruine Falkenstein in der Oberpfalz mit dem Lugloch

Schlossruine Falkenstein in der Oberpfalz mit dem Lugloch

von Neustadt, ist ganz auf alte Art erhalten, mit reichen Waffen- und Kunstsammlungen aus ritterlicher Zeit geschmückt. Beim Eintritt rasselt die Fallbrücke herab. Die Zimmer des Burgherrn sind auf alte deutsche Weise eingerichtet. Im Verließ rollt dem Besucher die furchtbare eiserne Jungfrau entgegen, ihre Arme ächzend zur tödlichen Umarmung ausbreitend. Damit dem Eindruck nichts fehle, bevölkerten den furchtbaren Zwinger lange Zeit zwei hungrige Wölfe und ein großer flinker Bär. So zeigte man auf der Trausnitz bei Landshut noch den Zwinger, worin bayrische Herzöge, die dort residierten, Löwen hielten. Ein Löwe, den Herzog Albrecht besaß und der sonst für ziemlich zahm galt, hatte einem der türstehenden Hellebardierer knurrend die Zähne gezeigt und sich zum Sprung angeschickt, worauf ihn jener niederstieß und mit ihm rang. Als Herzog Albrecht diesen Hellebardier hart anließ, vermeinend, er hätte ihm mit dem Schaft Mores lehren sollen, entgegnete der Soldat: »Ja, wenn er mich nur mit dem Schwanz geschlagen hätte, so hätte ich ihm nur den Schaft meiner Hellebarde gezeigt.«

Ein gutes Trinkwasser auf der Burg zu haben, war eines der Haupterfordernisse des Lebens. Doch gab es Burgen, die sich da elend behelfen mussten. So pflegte man auf die Burg zu Abbach, die angebliche Geburtsstätte Kaiser Heinrichs II., das nötige Wasser mittelst Frondienst hinaufzuschaffen. Welche Sorgfalt man auf Erhaltung dieses Lebensbedürfnisses verwendete, beweist der Brunnenturm des Trifels im Pfälzer Wald, wo der übermütige Richard Löwenherz, König von England, eine Zeit lang 1193 als Staatsgefangener saß. Über einem tiefen Ziehbrunnen, worin sich eine Quelle sammelte, hatte man einen massiven viereckigen Turm mit etlichen Fensterritzen gebaut. Vom obersten Stockwerk der Burg pflegten nun die Bewohner über einen gemauerten Bogen zu schreiten und mittelst einer Winde, die unter dem Dach war, das benötigte Wasser aus diesem isoliert stehenden Turm heraufzuziehen. War auch die Reichsveste vom Feind rings umwogt, so konnte dieser der Besatzung keinerlei Abbruch hieran tun.

Brunnen und Zisternen waren zum Schöpfen mit an Stricken oder Stangen hängenden Eimern vorgerichtet, oft gegen unten konisch erweitert und selbst wie auf Sebenstein in Österreich bei halber Tiefe mit unterirdischen Zugängen versehen. Solche Wasserbehälter, besonders wenn sie im Raum der übrigen Gebäude versteckt und überbaut sind, hält man oft für Burgverliese, eine schaurige Ehre, welche Besucher mit reger Fantasie bisweilen auch dem unschuldigsten aller Weinkeller erweisen.

Lebhaft erinnert man sich noch der so meisterhaft in den Stein gehauenen unterirdischen Gemächer und Gänge, welche sich im Felsenkegel hinziehen, worauf die Schlossruine Bärbelstein (Berwartstein) in der Nähe von Wissembourg im Elsass thront. So muss auch hier eines Kellers gedacht werden, der sich auf dem Ramberger Schloss, unfern von Landau in der Pfalz befindet. Auf der östlichen Seite gelangt man vom Burghof aus in den besagten Keller hinab, der an Sauberkeit der Ausführung seines Gleichen sucht. Seine Tiefe mag an 90 und seine größte Breite an 45 Fuß betragen. Er ist mit Einschluss des in der Mitte befindlichen Pfeilers ganz aus dem Felsen, auf dem die Burg wie auf einem Postament stand, ausgehauen. Anfänglich glaubt man, alles für Mauerwerk zu halten, bei näherer Betrachtung wird man aber vom Gegenteil überzeugt. Am Eingang sieht man die in den Felsen gehauene Vertiefung zur Aufnahme der Kellertür. Im Keller befindet sich zur rechten Hand ein Behältnis (Reservoir) für das durchs Gestein sickernde Wasser, um denselben möglichst trocken zu erhalten. Wann diese Burg erbaut wurde, ist unbekannt. Von dem Geschlecht, das sich nach dieser Bergveste nannte, erscheint 1163 zuerst Dietlieb von Rambsberg in einer Urkunde. Die Sage erzählt von einem einäugigen Raubritter, der damit umging, sich den Besitz dieser Burg zu verschaffen. Als ein fahrender Ritter hatte er bei dem Burgherrn freundliche Aufnahme gefunden und war von diesem zur Nachtruhe in ein Gemach neben jenem des Schlossbesitzers gewiesen worden. Vor dem Einlass hatte der Schnapphahn seinem Knappen erzählt, der Ramberger sei im Besitz von großen Reichtümern an Geld und sonstigen Kostbarkeiten, welche derselbe über seinem Bett zu verwahren pflege. Wenn der Knappe glaube, dass alles im Schloss schlafe, so solle er in das ihm bezeichnete Gemach sich begeben, dort den Burgherrn frischweg töten, sich der Schätze bemächtigen, indes er mit dem Gesinde schon fertig zu werden hoffe, da sich dieses keiner argen Tat versähe. Der Schlossherr konnte aber keine Ruhe finden. Er verließ sein Lager, stieg zur Burgkapelle hinunter, welche vom Mondschein gar freundlich erleuchtet war. Hier betete er, gedachte der Vergangenheit und empfahl sich aufs Neue dem Schutze Gottes. Als der räuberische Knappe das Bett leer fand, meinte er, er müsse wohl irregegangen sein, schlich sich in die andere Kammer und erstach seinen eigenen Herrn, worauf er nach den Schätzen suchte, ohne sich weiter um den Ermordeten zu kümmern. Indessen war der Schlossherr zurückgekehrt. Da er Geräusch in der anderen Kemenate hörte, zog er sein Schwert, schlich herzu und überwältigte ohne besondere Anstrengung den Knappen, der sich vor ihm auf die Knie warf und um Schonung seines Lebens bat. Jetzt ward dem Burgherrn der Zusammenhang des Gottesgerichtes klar. Er schenkte dem Bestürzten das Leben, indem er ihn ernstlich ermahnte, sich zu bessern.

Auf eine Fehde ausgehen, hieß man im Mittelalter einen Ritt tun, vom Stegreif oder Sattel leben einen Wegelagerer machen, dem anderen sein Vieh wegtreiben hieß Kochfleisch holen, und noch im 15. Jahrhundert ward das westfälische Lied Ruten, Rowen, dat is kein Schande, dat doint die besten von dem Lande (Reiten, Rauben, das ist keine Schande, das tun die Besten im Lande) gesungen.

Auf dem Helme führten die Grafen von Berlichingen als Kleinod einen sitzenden weißen Wolf, der ein erwürgtes Lamm zwischen den Zähnen hält. Dieser Wolf hat eine geschichtliche Bedeutung. Als nämlich einst Götz von Berlichingen mit dem von ihm gefangenen Grafen Waldeck auf seine väterliche Burg Jagsthausen zog, wurde er an der Spitze eines Waldes eine Schafherde gewahr, in die eben fünf reißende Wölfe einfielen und erwürgten, was sie konnten. Götz rief ihnen zu: »Glück auf, tapfere Gesellen, wackere Streitgenossen. Glück zu, euch und uns überall!«

Bei der Betrachtung der Verliese, die sehr oft ihren Platz im untersten Teil des Hauptturmes fanden, drängen sich einem traurige Erinnerungen über die Barbarei der sogenannten romantischen Zeit auf. Außer Missetätern oder widerspenstigen Leibeigenen füllten die auf den Landstraßen Niedergeworfenen diese pestilenzialischen Räume, bis es Letzteren gelang, durch Entrichtung von hohem Lösegeld diesem Elend zu entkommen. So ließ Götz der Berlichinger den eingefangenen alten Grafen Philipp von Waldeck erst los, nachdem Letzterer ihm die Summe von 8.900 Dukaten erlegt hatte.1 Nicht selten war aber dann des Gefangenen Gesundheit durch feuchte Moderluft und Extrementengeruch so zerrüttet, dass er seine Befreiung nicht lange überlebte. In Zeiten der Gefahr, wenn feindliches Volk die Veste belagerte, wurden meistens die Gefangenen vergessen, wie auch den in den Zwingern eingesperrten Tieren keinerlei Nahrung gereicht. Als die Berner 1333, so erzählt der Stadtschreiber und Chronist Konrad Justinger, das Schloss Schwanau im Elsass belagerten und eroberten, fand man mehrere tote und halb verhungerte Kaufleute in den Kerkern. Im Schloss Egg bei Deggendorf führt in einer Höhe von 50 Fuß eine enge Fallbrücke zu dem einzigen, in der Nordwand des sonst ganz frei stehenden Wartturmes angebrachten Eingang. Der ganze untere Teil des Turmes, vom Eingang abwärts, ist ein leerer, noch nie von einem Strahl des rosigen Lichtes erhellter Raum. Ignaz Freiherr vom Armannsberg, der Großvater des letzten Grafen, bot um die Mitte des 18. Jahrhunderts demjenigen einen Dukaten, der sich mit einem Licht da hinabließe. Ein junger Mann wagte es endlich, allein er kam nicht weit, als ihm schon das Licht erlosch und er schnell das Zeichen gab, ihn wieder heraufzuziehen. Ein zweiter Versuch hatte dasselbe Schicksal. Ein Dritter kam auf den Boden, aber wer beschreibt sein Entsetzen, als er mit dem Licht herumleuchtend fand, dass er nur auf Menschenschädeln und Knochen stand. In einer Ecke saß auf einem hölzernen Stuhl ein Gerippe, das in dem Augenblick, da er ihm näher trat, zusammenstürzte. Freiherr vom Armannsberg ließ nun die Turmmauer am Boden durchbrechen. Drei Maurer hatten sechs Tage daran zu arbeiten und noch heute erkennt man die wieder vermauerte Öffnung. Die Gebeine wurden herausgenommen. Sie füllten einen großen Wagen und wurden in dem Kirchhof von Berg, wohin Egg damals eingepfarrt war, begraben. Die Fantasie weigert sich, darüber nachzudenken, wie diese Unglücklichen, von schlüpfrigen Kröten und Ratten umgeben, da verkamen. Noch ist die ganze Vorrichtung vorhanden, mittelst welcher die Armen auf einer hölzernen Platte, wie der Eimer in einen Ziehbrunnen, hinabgelassen wurden, um hier an Hunger und Durst, an Schrecken und Ungeziefer aller Art, auf den halb vermoderten Kadavern anderer vor ihnen dem

Hornberg im Schwarzwald

Hornberg im Schwarzwald

gleichen Los Verfallener hinzusterben. Auch die Burg Hornberg im Schwarzwald enthält die Ruinen eines Verlieses, Räume des Schauders und der Verzweiflung.

Zu Calw in Baden-Württemberg stand einst auf einem Hügel das Schloss der Grafen gleichen Namens, worin vier Gefängnisse waren. Das im Kesselturm befindliche verengte sich trichterförmig nach unten, dass sich niemand legen konnte, und ein anderes war ohne Bedachung, dass es den Gefangenen auf die Köpfe schneite und regnete. Zur Zeit des Konstanzer Konzils legte man den unglücklichen Jan Hus, bevor er auf dem Scheiterhaufen endete, in den sogenannten Ketzerkerker auf der Dominikanerinsel. Dies Inquisitionsgefängnis des dortigen Predigerklosters war 2 Schuh 8 Zoll breit, 8 Fuß hoch und 7 Schuh lang. In diesem feuchten, modrigen, ungesunden Loch brachte der unglückliche Hus in Ketten auf Stroh liegend vierundneunzig Tage zu.

Wie über alle Vorstellung gefühllos und roh endlich die Sitten auch der vornehmsten Leute und wie weit die Ritter des 15. Jahrhunderts von jener seinen und galanten Lebensart, von welcher die Rittergeschichten träumen, entfernt gewesen waren, bezeugen historische Tatsachen, welche beweisen, dass denselben die Beherrschung roher Gemütsbewegungen, Bescheidenheit, Milde und Mäßigung ganz unbekannte Dinge waren, und dass die rohesten Ausbrüche ungebändigter Zügellosigkeit überall zum Vorschein kamen.

Drei Stunden Fußweg vom Benediktinerstift Melk in Österreich entfernt liegt das auf schwindelnder Höhe gleich einem Adlerhorst erbaute Aggstein. Einem Ritter auf Aggstein – nach seinem Tun der Schreckenwald genannt – genügte es nicht mehr, Vorüberziehende auszurauben oder einzusperren. Im höchsten nördlichen Teil der Burg gelangte man durch ein Pförtchen auf ein schmales Felsenstück, kaum einem Einzelnen zur engen Schlafstätte genügend, von der Gestalt eines Söllers, über den unendlichen Abgrund hinaushängend. Auf diesen Fleck, in beängstigender Höhe, stieß der Schreckenwald seine Gefangenen hinaus zur entsetzlichen Wahl, den langsamen Hungertod auf dem starren, kalten Felsen zu erwarten, oder ihm durch einen freiwilligen Sprung in die unabsehbare Tiefe zuvorzukommen. »Er führe seine Gefangenen«, so pflegte dieser Buschklepper zu sagen, »in Schreckenwalds Rosengärtlein.« Drum war in ganz Deutschland, um jemandes rettungslosen Zustand zu bezeichnen, das Sprichwort »Nun, der sitzt in Schreckenwalds Rosengärtlein.« bekannt. Einer dennoch von so vielen Unglücklichen erreichte wie durch ein Wunder unversehrt die ungeheure Tiefe, kam am Ufer der Donau fort und empörte alles durch die Erzählung der überstandenen Schrecken. Aggstein wurde überrumpelt, der Schreckenwald gefangen und dem Schwert des Henkers zugeführt. Über dem dritten Tor von Aggstein ist eine Tafel aus rotem Marmor eingefügt mit der Inschrift: Das purksal hat angvangen tze pauen her Jörig der Schek von Wald, des nächsten Mantag nach unser fravntag nativitatis da von christ gepurd warn ergangen MCCXXVIII.

Wieder ein Beweis, dass die Alten unter Burgstall nicht, wie wir heute, die Stelle einer ehemaligen Burg verstanden, sondern diese selbst. Grabesstille herrscht in den öden Räumen, kaum unterbrochen durch das Brausen des tief unten fließenden Stromes. Zuweilen tönt vom jenseitigen Ufer das Geläut des uralten Kirchleins von Schwallenbach herauf.

Das Schlosstor von Trausnitz im Tal

Das Schlosstor von Trausnitz im Tal

Die weiblichen Bewohner, der Sitte der Zeit gemäß, widmeten sich nicht nur der Aufsicht, sondern auch dem Betrieb der Landwirtschaft, und manches Ritterfräulein, das sich unsere Dichter sinnend auf dem hohen Söller denken, der ihren rosigen Fingern entgleitenden Laute verklingende, harmonische Töne entlockend, mochte sicherer im Kuhstall oder im Milchgaden anzutreffen gewesen sein, den Milcheimer in der braunen Hand. Die Verfertigung der Kleider war fast ganz allein den Frauen aufgetragen und musste die Zeit, welche ihnen die Besorgung des Hauswesens übrig ließ, hierzu verwendet werden. Die kleinsten Mädchen, und zwar nicht nur gemeinerer, sondern die der ersten und vornehmsten Herkunft, wurden schon in zarter Jugend im Nähen, Spinnen, Weben und Kleidermachen unterrichtet. Die Frau des Hauses verteilte und beaufsichtigte die häuslichen Arbeiten ihrer Töchter. Zur Austeilung der Kleider unter die Hausgenossen wurden gewisse Zeiten, zumal große Feste wie Weihnachten, Ostern und Pfingsten festgesetzt, wovon noch Spuren in manchem Bundesland wie zum Beispiel in Bayern, wo der Bauer dem Hausgesinde zu den geheiligten Zeiten verschiedene Kleidungsstücke reichen musste, vorhanden sind. Unter den Hausgenossen wurden nicht bloß die eigentlichen Hausdiener, sondern bei höheren Herren die Diener ihres Hofes oder Staates, Räte, Beamte und dergleichen verstanden. Wegen der gewöhnlichen Ablieferung wurde ein solches Kleid eine Livree genannt. Die Erziehung der Kinder, die Pflege der Kranken und Verwundeten füllte die Zeit aus, welche die anderen Wirtschaftssorgen frei ließen. An sogenannter Unterhaltung war kein Überfluss, aber die Männer zerstreute die Jagd, die Frauen ihre Wirtschaft. Abwechslung brachten wohl Besuche von Nachbarn, reisende Musikanten, Pilger und Krämer. Diese Reisenden waren in einer Zeit, welche keine Zeitungen, ja selbst äußerst beschränkte Kunde des Schreibens und nur kärgliche Verbindungsmittel besaß, sehr wichtige Personen und oft für lange Zeit, besonders in entlegenen Burgen, die einzigen Boten aus der Mitwelt und fernen Ländern. Hauptsächlich das immer neu auflebende Geschlecht der Pilger zog Jahrhunderte lang nach und aus dem heiligen Land, zudringlich bettelnd, unverschämt lügenhaft und doch erwünscht kommend, so oft auch unter dieser viel gebrauchten Maske Flüchtlinge, Landstreicher, Verräter und Räuber, ja selbst Mordbrenner, wie sie Venedigs ehrenhafte Signoria unter Max I. aussendete, das Land durchstreiften. Nachdem Richard Löwenherz auf der Halbinsel Istrien bei Aquileia durch Piraten an Land gesetzt worden war, versuchte er als Pilgrim verkleidet durch Österreich zu kommen, wurde jedoch in Erdberg bei Wien festgenommen, zuerst auf den Dürnstein an der Donau und später auf den Trifels in sichere Haft gebracht, wo ihn der getreue Blondel, der auf der Reise von ihm getrennt worden war, durch seinen Gesang auskundschaftete.

Die wandernden Krämer mussten aller Kombination nach ein gar keckes, trotziges und nach Umständen schmiegsames, listiges Völklein gewesen sein, um in einem häufig von Kriegen und Privatfehden durchdrungen Land mit ihrem oft wertvollen Kram einzeln oder höchstens in schwachen Karawanen umherzuziehen und besonders, um in zweideutigen Löwenhöhlen, Ritterburgen genannt, ihre Waren feilzubieten, wo so viele waren, die gar zu gern ohne Geld kauften und mit Eisen zahlten.

Brett- und Würfelspiel wurde häufig getrieben. Später wurden auch die Karten bekannt. Unser heutiges Schachspiel wurde der Schachzabel genannt.

Ob die Burggeistlichen, wie manche Schriftsteller erzählen, lange Winterabende durch Vorlesungen verkürzt haben, setzt Scheiger in billigen Zweifel, dass sie aber Heilkunde betrieben, in Religionsgegenständen, mitunter auch im Lesen und Schreiben Unterricht erteilten und so wider das gänzliche Versinken aller Bildung in den isolierten Adelswohnungen kräftig gewirkt haben, dürfte keinen Widerspruch finden. Bei der herkömmlichen Gastfreiheit und bei Süddeutschlands Weinreichtum, der aus sehr alten Zeiten datiert, wurde wacker gezecht. Von der Jagd ermüdete oder aus heißen Gefechten rückkehrende Ritter überschritten das Maß hierbei eben so, wie sie es manchmal aus langer Weile und Unkenntnis eines bessern, edleren Genusses getan haben mögen. Da die Burgen in der Regel den ersten Geschlechtern des Landes gehörten, so wurden in ihren Mauern die wichtigsten Angelegenheiten nicht nur des Familienlebens (Eheverlöbnisse, letztwillige Anordnungen, Schenkungen, Käufe und Verträge), sondern auch jene des Landes, Zuzüge zum Heer des Landesfürsten, Widerstand gegen seine Befehle, Bündnisse für und wider denselben verabredet. Daher sind so viele Urkunden aus Burgen datiert, daher oft von jener Unzahl von Zeugen gefertigt, welche eine schöne Jagd, ein fröhliches Gelage oder ein gemeinsam ausgefochtener Streit da zusammengeführt hatte. Stürmisch genug mag es bei solchen Gelegenheiten zugegangen sein. Bis die streitigen Ansichten ausgeglichen, bis der Burgpfaffe oder Notarius die auszufertigende Urkunde entworfen und, da sie oft in lateinischer Sprache verfasst wurde, ihren Inhalt übersetzt hatte, wurde mancher Becher geleert. Wein, Tinte und nicht selten Blut flossen zu gleicher Zeit!

Show 1 footnote

  1. Götz von Berlichingens eiserne Hand gelangte nach seinem Tod in den Besitz der freiherrlichen Familie von Hornstein. Erst durch die Sorgfalt und Verwendung der Freifrau Therese von Berlichingen, einer geborenen Gräfin von Haddick, gelang es, diese wieder in den Besitz der Familie zu bringen. Nachdem sie gedachtem Freiherr vergeblich eine namhafte Summe dafür geboten hatte, bewirtete dieser sie eines Tages bei einem Gastmahl, nach dessen Beendigung er der edlen Freifrau eine sorgfältig verdeckte Schüssel vorsetzen ließ, welche Götzens Hand als Geschenk für sie enthielt.