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Marshal Crown – Band 52

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Rübezahl – Der Berggeist lernt Menschen kennen

Rübezahl
Der Berggeist des Riesengebirges
Sagen und Schwänke neu erzählt nach R. Münchgesang
Der Berggeist lernt Menschen kennen

Jahrtausende hindurch hatte der mächtige Berggeist, den die Bewohner des Riesengebirges später spottend »Rübezahl« nann­ten, im Innern der Erde mit seinen Gnomen gewirtschaftet, hatte Paläste aus edlem Metall bauen und wieder zerstören lassen, wie es ihm Laune und Langeweile eingaben. Und nun lüstete es ihn, wieder einmal der Oberfläche der Erde einen Besuch zu machen und sich wie sterbliche Wesen am Sonnenschein, an klaren Sternennächten und frischer Luft zu ergötzen. Mit gewaltiger Kraft brach er die Pforte auf, die nach oben führt, und sah sich mitten im Riesengebirge. Das war sein irdisches Reich.
Was er da sah, gefiel ihm gar nicht. Die Kuppen und Hänge waren mit dickem Schnee bedeckt, alles war einförmig, still und düster. Da richtete er sich hoch auf und rief mit mächtiger Stimme, die bis ins Geisterreich drang: »Blasius – Geist der Winde! Herbei, herbei! Sollst Schnee fegen!«

»Ich komme!«, antwortete einer aus weiter, weiter Ferne. Die Stimme schien aus dem Glutviertel des heißen Afrika zu kom­men. Und mit Gedankenschnelle rückte es brausend und jubelnd heran, kam näher und näher, und jetzt begann die gewaltigste Arbeit, die sich denken lässt. Blasius war bald hier, bald dort. Er vertrieb das finstere Gewölk, löste den weißen Pelz von den Höhen, schüttete Rieseneimer voll Wasser in die Bäche und Flüsse. Und wo er keine fand, da schuf er geschwind welche. Frohlockend jagte er den geschmolzenen Schnee in die Täler, dass es brauste und schäumte, und zeigte dem Alten vom Berge die gesäuberten Höhen und Kämme. Nur in den Gründen ließ er noch einiges lie­gen, denn er dachte, es möchte sonst wohl zu viel werden.

Mit Freude und Behagen erblickte der Alte vom Berge nun sein verjüngtes Reich mit den Wäldern und grünenden Wiesen, und mit Erstaunen gewahrte er etwas ganz Neues: Menschen! Das war doch früher nicht! – In den Tälern kribbelte und wimmelte es von dem Volke. Sie hatten Städte und Dörfer gegründet und scharwerkten mit Vieh und Geräten auf den Feldern. Da lüstete es den Geist, diese neuen Bewohner seines Reiches kennenzulernen. Er nahm deshalb Menschengestalt an und begab sich zu ihnen.

Eines Tages meldete sich bei dem reichsten Bauern in Herms­dorf ein starker, ansehnlicher Knecht und fragte, ob er wohl Ar­beit erhalten könne.

»Arbeit genug«, erwiderte der Bauer, »und namentlich jetzt in der Frühjahrszeit. Du kannst gleich antreten.«

»Und welchen Lohn bietet Ihr mir?«, fragte der verkappte Rübezahl und setzte dabei eine Miene auf, als ob ihm am Geldverdienen sehr viel gelegen sei.

»Ach, darüber reden wir noch«, antwortete der Mann, »ich muss doch erst wissen, was du leisten kannst.«

Damit gab sich der Berggeist zufrieden und schaffte nun von früh bis spät im Hof und auf dem Feld, und der Bauer sah ihm lachend zu.

Sagte dann sein Weib zu ihm: »Höre, Mann, es schickt sich nicht, dass du so lange morgens im Bett liegen bleibst, und dass du im Stall und in der Scheune nichts mehr anrühren willst. Was soll das Dienstvolk denken!«

Dann antwortete er: »Ich müsste doch strohdumm sein, wenn ich mich jetzt abrackern wollte, jetzt, wo ich einen Knecht habe, der mir für vier andere arbeitet. Jetzt soll ein lustiges Leben angehen, und ich will mir gute Tage machen wie ein Junker.« Sprach’s und ging davon, nach Hirsch­berg oder sonst wohin, wo er ein paar Zechgenossen fand, mit denen er die Tagedieberei mit Trinken, Schmausen und Karten­spielen gemeinsam betreiben konnte.

Wenn Rübezahl von ihm Lohn verlangte, dann sagte er jedes Mal: »Ei, das hat ja noch Zeit«, oder: »Ich bin heute nicht so recht in Gebelaune.«

Schließlich wurde er gar nicht mehr recht nüchtern, suchte Hän­del unterwegs und trieb es so, dass ihm rechtschaffene Leute aus dem Wege gingen.

Da trat Rübezahl eines Morgens zu ihm und sagte: »Bauer, gebt mir meinen Lohn, denn ich will mir einen anderen Dienst suchen.«
Da brauste der Bauer auf: »Nichts da, du hältst mir aus bis nächstes Frühjahr. Das sollte dir Faulpelz wohl passen, von der besten Arbeit wegzulaufen.«

»Wir haben über die Kündigung nichts ausgemacht«, meinte Rübezahl, »also kann ich gehen, wann ich will.«

»Nun, über den Lohn haben wir auch nichts ausgemacht«, meinte der Bauer mit dem Schein des Rechtes, »also gebe ich dir auch keinen, wenn du nicht bleibst.«

Da ging der Berggeist. Der Bauer schimpfte erst eine Zeit lang über das unnütze Dienstvolk, das den Hals nicht voll genug be­komme und unzuverlässig sei in allen Stücken. Als er aber keinen andern Knecht bekam, musste er, wenn er nicht zugrunde gehen wollte, wieder früh aufstehen und tüchtig arbeiten, und mit dem Herrenleben war es für immer vorbei.

Rübezahl ging zu einem anderen Bauern, der gleichfalls als reich galt, dabei aber sehr geizig war.

»Einen Schäfer könnte ich schon brauchen«, sagte der Mann, »aber es muss einer sein, der die Sache versteht und fleißig ist, denn dafür gebe ich hohen Lohn.«

»Und wie hoch ist der Lohn?«, fragte Rübezahl.

»Der Lohn? Hei, ich zahle über meine Kräfte, zahle mehr als irgendeiner, auf die Gefahr, dass mich die Leute einen Verschwen­der und schlechten Wirt schelten. Ein Vermögen gebe ich für die kinderleichte Arbeit, für das halbe Jahr einen vollwichtigen Gulden!«

»Und wovon soll ich leben, bis ich Lohn kriege?«, fragte Rübe­zahl neugierig.

»Ja, so seid ihr Arbeitsvolk«, erwiderte der Knicker, »nichts als Essen und Trinken habt ihr im Kopf, und wenn der Brotherr darüber zugrunde gehen sollte. Nun, ich kann dir zum Trost sagen, dass bei mir keiner Not leidet. Es gibt auch für dich Lecker­bissen, und die Schlemmerei geht einen Tag wie den anderen.«

Rübezahl trat seinen Dienst sofort an, trieb die Herde in die Berge und ließ sie da wachsen und gedeihen. Dabei beobachtete er die Menschen, gleichviel, ob es Kräutersucher, Ackerleute, Händ­ler oder müßige Bettelleute waren. Viel Gutes erlebte er nicht, und sehr unzufrieden war er mit dem Bauern, in dessen Diensten er stand. Von Schlemmerei und Leckerbissen war bei dem keine Rede. Der Schäfer bekam überhaupt keine Kost, der Bauer meinte, die würzige Bergluft sei die beste Nahrung, und wenn er auf Zureden seiner Frau doch endlich mit Schelten und Jammern etwas herausrücken musste, so war es Verschimmeltes oder Verdorbenes. Da hielt Rübezahl es nur ein halbes Jahr aus und erbat sich dann seinen vollwichtigen Gulden als Lohn.

Den solle er am anderen Tage haben, beteuerte der Geizhals. Allein, was tat er? Er stahl von seiner eigenen Herde einen Hammel, den er in der Nachbarschaft versteckte, und beschuldigte Rübezahl, den Dienst so schlecht versehen zu haben, dass das wertvollste Stück der Herde verloren gegangen sei. Bei seiner bekannten Gutmütigkeit wolle er aber die Sache nicht gleich dem Richter melden, damit der liederliche Schäfer verdientermaßen hinter schwedische Gardinen gesteckt werde, sondern er wolle den Verlust für den Lohn rechnen. Und nun könne er wieder an seine Arbeit gehen.

Dazu hatte Rübezahl aber keine Lust, sondern ging seiner Wege, sodass sich der Geizige einen anderen Schäfer nehmen musste. Bei dem kam er aber an den Unrechten, denn, wenn die Herde vorher prächtig gedieh, so verkam sie jetzt mehr und mehr. Einige Tiere stürzten ab, andere verloren sich, und die übrigen wurden immer magerer und gaben keine gute Wolle. Der neue Schäfer war überdies ein rauflustiger und roher Geselle, der dem Bauern zu Leibe ging, wenn er ihm die nötige Nahrung vorenthielt, und ihn obendrein bestahl und betrog, wo er nur konnte. Da bereute der Geizhals, der seines Lebens nicht mehr froh wurde, dass er den Vorgänger des Unholds zum eigenen Schaden hinters Licht geführt hatte. Ja, er suchte und fragte überall herum, ob er ihn unter besseren Bedingungen nicht wieder bekommen könne, aber Rübezahl ließ sich nicht mehr blicken.

Der Berggeist war nach Hirschberg gegangen, wo der Richter einen Schreiber suchte. Für diesen Posten wollte er sich melden. Er kam also als mageres Bürschchen, in schäbigem Rock, recht hungrig und demütig in Mienen und Gebärden zu dem hinterhältig blickenden Herrn und bat bei bescheidenen Ansprüchen um Anstellung.

»Kannst du schreiben?«, herrschte ihn der Richter an, und als der Geist es bejahte, befahl er: »Dann rüste dich, ein Diktat aufzunehmen!« Dabei wies er ihm einen Platz am Stehpult an und deutete auf Papier und Federn.

Nun begann das Diktat, erst langsam, dann immer schneller, und zuletzt ganz ohne Pause. Kein anderer als der Berggeist hätte so geschwind folgen und dabei so schön schreiben können. Endlich hörte der Richter mit Diktieren auf, nahm das Schriftstück in die Hand, schüttete Sand aus der riesigen Streubüchse darauf, schnippte ihn mit dem Finger wieder davon und besah das Blatt durch seine Hornbrille.

»Schlechte Schmiererei!«, grollte er, »beim Gericht schreibt man nicht wie ein Musterknabe in der Schule, und es kommt gar nicht darauf an, dass alles schön leserlich ist und verstanden wird. Jetzt radiere aus, was du gekritzelt hast!« Dabei reichte er ihm ein Schabmesser.

Als Rübezahl merkte, dass es dem Alten mit dieser Aufgabe Ernst war, kratzte er mit großem Geschick die Schrift wieder aus. Wieder nahm der Alte das Blatt in die Hand, hielt es gegen das Licht und nickte befriedigt.

Der Bergherr hatte somit die Prüfung bestanden und durfte bleiben. Kost und Lohn waren nicht schlecht, aber die Arbeit, die ihm zugemutet wurde, kam ihm seltsam vor.

Einmal reichte ihm der Alte einen Schuldschein über sieben­tausend Gulden.

»Die Summe ist nicht richtig angegeben, es muss zweitausend heißen. Radiere die Sieben aus und setze dafür zwei ein.« Solche Änderungen kamen häufig vor.

Oder ein Testament war zu verbessern. »Der Name des Erben ist aus Versehen Eberlein geschrieben. Es muss Matthias dafür ge­setzt werden. Geschwind an die Arbeit, Bursche, doch so, dass die Verbesserung nicht so auffällig wird!«

»Das ist Betrug, Meister!«, erwiderte der Berggeist. »Ich bin für Spitzbüberei nicht zu haben.«

»Betrug? Spitzbüberei?«, erwiderte der Richter giftig, erbleichte und fuhr ihn wutschnaubend an, »und du willst nicht tun, was ich dir befehle?«

»Alles, was recht ist«, antwortete das Schreiberlein, »zu Fäl­schungen gebe ich mich nicht her.«

»So kommst du mir, Bürschlein? Dich will ich lehren, wie du dich zu betragen hast. He, Gerichtsdiener!«

Der Gerichtsdiener, ein dummer Duckmäuser, erschien sogleich.

»Den Burschen bringe mir schnell in Nummer sicher!«, rief ihm der Richter zu, »er hat schändliche Bübereien und Fälschungen begangen.«

Der Berggeist wurde nun abgeführt und in eine finstere Zelle gesperrt. Der ungerechte Richter hätte ihn wohl zeitlebens in die­sem steinernen Sarg schmachten lassen, aber für den Geist war es ein leichtes, durch das Schlüsselloch zu entwischen.

Der Richter fand bald danach einen anderen Schreiber, der seinen Wünschen gefügiger war. Der schreckte vor keiner Betrügerei zu­rück und fälschte unbedenklich drauf los, als ob sich das von selbst verstünde, wobei er stets auf den Vorteil seines Herrn bedacht war. Dafür genoss er auch dessen volles Vertrauen.

Aber der ungerechte Herr machte doch ein langes Gesicht, als er eines Tages, von einer Reise zurückkehrend, sein sorgsam ge­hütetes Geldspind aufgebrochen und ausgeräumt vorfand. Der Schrei­ber war mit dem ganzen zusammengestohlenen Vermögen seines Herrn auf und davon gegangen. Der Bestohlene tobte und schrie vor Zorn und Verzweiflung und schickte dann Landreiter hinter dem Bösewicht her, dessen Spur zum Gebirge sie aufnahmen. Aber bald kamen sie in ein schreckliches Unwetter, das ihnen tage­lang die Sicht nahm und sie am Fortkommen hinderte. Schließ­lich gaben sie die nutzlose Verfolgung auf.