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Marshal Crown – Band 52

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Im Goldlande Kalifornien 6

Sophie Wörishöffer
Im Goldlande Kalifornien
Fahrten und Schicksale Gold suchender Auswanderer
Zeitgemäß gekürzt von A. Flügel um 1930
Kapitel 2 – Teil 3

Es war ein weiter Weg bis zu den Zelten, und die Last des erbeuteten Tieres drückte außerordentlich schwer.

Kinski bot den beiden Schlangenjägern die Hand. »Ich danke euch im Namen aller derer, die mit mir sind«, sagte er. »Ohne eure Aufopferung wäre es uns in den unbekannten Verhältnissen schlimm ergangen.«

Aber davon wollten die beiden Deutschen nichts hören. »Das war Menschenpflicht«, sagte Prüfer. »König Semen hat für uns viel mehr getan.«

Kinski wandte sich ab. »Er ist mein Bruder«, sagte er nach einer Pause. »Begreift ihr nun, weshalb ich alles daransetzen möchte, ihn zu befreien?«

Es gab lange Erklärungen und Auseinandersetzungen. »Wir bleiben bei Ihnen, bis die Minenstädte erreicht sind«, entschied Hennecke. »Das Weitere wird sich dann finden, besonders in Bezug auf den Gefangenen der Hound. Wir müssen ein Bündnis mit den Indianern zu erlangen suchen.«

»Ist der Stamm groß?«, fragte Kinski.

»Etwa zweihundert Köpfe stark. Ich habe so meine eigenen Gedanken, aber Bestimmtes lässt sich nicht sagen, ehe wir nicht wissen, wie es da oben aussieht. Eine Empörung liegt in der Luft, soviel ist sicher.«

Der Rückweg nahm mehr Zeit in Anspruch, als vorhin der Marsch durch den morgenkühlen Wald. Es war über zwölf Uhr hinaus, als endlich die Zelte erreicht wurden.

Für den Rest des Tages wurde keine Arbeit mehr vorgenommen. Die beiden Schlangenjäger erlegten in den ersten Nachtstunden noch über fünfzig große Tiere, deren Fett sie ausbrieten. Am anderen Morgen wurden die Schleifen wieder beladen und der großen Heerstraße der Einwanderer abermals zugekehrt.

Hier gab es keine Erlebnisse. Man zog im Schweiße seines Angesichts die Last über das zertretene Moos, bis nach mehreren Tagen das weite Gebirgstal, durchströmt von blauen Wasseradern, bevölkert von unzähligen Goldsuchern, offen vor den Blicken der Ankommenden dalag.

Das also war das neu entdeckte Paradies, das Goldland!

An Straßen oder überhaupt an irgendwelche Ordnung war nicht zu denken. Hier warfen Leute die Erde auf, dort stand ein Blockhaus oder eine Gruppe von Zelten. Jeder tat, was ihm beliebte.

»Räuberstadt« lautete die Inschrift eines Zettels, der an einer Zeltstange hing.

»Klublokal der Hound« stand über einer Tür. »Zutritt nur den Mitgliedern gestattet.«

Von unseren Freunden sprach lange Zeit keiner ein Wort. Der Eindruck war zu überwältigend.

Vor ihnen lag ihre künftige Heimat, der Ort, an dem sie leben und schaffen sollten. Es war eine Stätte äußerster Verwilderung, ein Kampfplatz, auf dem nur der Stärkste Sieger blieb.

Kinski wandte sich zu den Schlangenjägern. »Könnt ihr uns nicht einen guten Rat geben, Freunde? Ist noch irgendwo ein Plätzchen offen?«

Hennecke lächelte. »Sie denken immer noch an europäische Verhältnisse«, antwortete er, »an Brief und Siegel und Gott weiß welche Rechtsverbindlichkeiten. Hier hat das alles keine Bedeutung – Sie setzen Ihr Zelt hin, wo es Ihnen beliebt, und wenn irgendjemand dreinredet, schießen Sie ihn über den Haufen.«

Nur eine Handbewegung gab die Antwort. »Wie weit dehnt sich der Golddistrikt aus?«, fragte Kinski nach längerer Pause.

»Über vierzig Meilen. Lassen Sie uns nur an die Grenzen dieser Niederlassung gehen und dort unsere Zelte aufschlagen! Sie können dann in den Boden hineinhacken, wo es Ihnen beliebt.«

Zwischen den Zelten und Blockhäusern führte der Weg an das entgegengesetzte Ende der Minenstadt. Zwei große, derb gebaute Buden standen mitten in dem Gewirr von Erdhaufen und Hütten, Kaufläden, die durch Bulldoggen und bis an die Zähne bewaffnete Männer gegen etwaige Eindringlinge beschützt wurden. Das waren die Häuser, in denen die Bewohner der »Räuberstadt« gegen den gewonnenen Goldstaub alles eintauschen konnten, dessen der Mensch zu seiner Erhaltung und zu seinem Vergnügen bedarf.

An den Grenzen der Niederlassung wurde haltgemacht. »Jetzt sind wir angelangt«, sagte Kinski. »Gott helfe uns weiter!«

Davidoff suchte in allen Taschen nach einem Bindfaden. »Dieser Platz soll mir gehören«, rief er, auf eine schmale Talsenkung deutend. »Nikita, gleich schneidest du mir vier Pflöcke!«

Von den Frauen weinten die meisten. »Angelangt?«, wiederholte eine Alte, die tatsächlich nie zufrieden war. »Angelangt? Hier auf freiem Feld ohne Dach und Fach? Dass Gott erbarm!«

»Beruhigt euch«, tröstete der Schlangenjäger. »Wenn das die größte Sorge wäre, dann wollte ich das Leben in Kalifornien als eitlen Spaß und Freude betrachten. Prüfer«, setzte er dann an seinen Kameraden gewandt hinzu, »ich denke, einer von uns muss jetzt mit Jim Harris sprechen, nicht wahr?«

»Natürlich. Willst du hingehen?«

Hennecke nickte. »Du hilfst unterdessen bei den Zelten, Prüfer!«

»Sicher. Nach meiner Meinung benutzen wir drüben die steile Wand als eine Art Mauer. Kommen Sie nur, Mister Kinski. Die Wohnungen sollen sehr bald zum Beziehen fertig dastehen.«

Hennecke ging mit großen Schritten zu einem der Kaufhäuser, einige junge Leute trugen aus dem Fluss Wasser herbei, und noch andere bauten unter Prüfers Leitung aus Steinen den Feuerherd, während Nikita und Arsa aus dem Gebüsch das dürre Reisig zusammensuchten.

»Da kommt Hennecke schwer beladen zurück!«, rief Ossip.

Er eilte dem Schlangenjäger entgegen und nahm einen Teil der Last auf seine jugendlichen Schultern. »Was ist denn darin, Sir?«

»Brot und Fleisch, mein Junge, Kaffee, Mehl, Speck, Salz und Tee. Jetzt hole ich noch einiges Gerät und einen Sack voll Schiffsbrot, auch Zucker und Pfeffer.« Damit legte er alle diese Herrlichkeiten vor den im Bau begriffenen Zelten auf den Boden.

»Was diese Lebensmittel anbelangt«, sagte Hennecke, »so habe ich mich bei Jim Harris, dem Kaufmann, für die Bezahlung derselben verbürgt. Die Reisegesellschaft des Herrn Kinski kann aus dem Laden ihren Bedarf entnehmen, bis sie fähig ist, selbst zu bezahlen.«

Arsas Vater reichte dem Freunde die Hand. »Das soll Euch unvergessen bleiben, Sir! Wahrhaftig, Ihr habt mir eine große Sorge vom Herzen genommen.«

Felsing suchte seine Reisegenossen wieder auf und setzte sich sogleich in ihren Kreis, um zu essen. Nachdem alle gesättigt waren, nahm Kinski Gelegenheit, ihm unter vier Augen einige ruhige, aber sehr bestimmt klingende Worte zu sagen.

»Wie denken Sie sich Ihre nächste Zukunft, mein lieber Herr Felsing?«

Der junge Hamburger errötete. »Wie meinen Sie das?«, fragte er. »Ich hoffe, wir gehen zunächst in die Berge, um Ihren Bruder zu befreien.«

Kinski schüttelte den Kopf. »Dazu bedarf es vieler Vorbereitungen«, antwortete er, unwillkürlich seufzend. »Prüfer geht einstweilen zu einem ihm bekannten Indianerstamm und überzeugt sich an Ort und Stelle, was da für uns zu hoffen ist. Inzwischen müssen wir arbeiten, um zu leben.«

Felsing sah plötzlich auf. »Es könnten also unter Umständen noch Wochen vergehen, ehe wir die Reise antreten?«, rief er voller Schreck.

»Das ist sehr leicht möglich. Die Schlangenjäger besitzen mein Vertrauen in höchstem Maße, und ich füge mich ihren Anordnungen ohne Widerspruch.« Und als der andere schwieg, setzte er hinzu: »Sie erkennen also, dass wir vorläufig die Hacke in die Hand nehmen müssen. Haben Sie sich schon ein bestimmtes Stück Land ausgesucht?«

»Ist mir nicht eingefallen, Sir! Sehe ich aus wie ein Erdarbeiter?«

Kinski zuckte die Achseln. »Ich mische mich sicherlich nicht in Ihre Altgelegenheiten, Herr Felsing«, versetzte er. »Tun Sie, was Sie wollen!«

»Gewiss. Ich werde mir irgendwo einen Schlafplatz verschaffen, und wenn es durchaus sein muss, auch zur Hacke greifen.«

»Das ist recht. Sie sollten sich den Arbeitsplatz nur gleich abstecken. Sehen Sie die verschiedenen Bindfäden? Davidoff hat schon einen halben Trinkbecher voll Gold herausgescharrt.«

»Der Glückliche!«

Und Felsing lachte. Er sah alle seine Reisegenossen in Tätigkeit, die Frauen bei den Zelten und die Männer mit der Hacke. Ihn überfiel es wie eine Art Schamgefühl. Er warf den Rock von den Schultern und stürzte sich als der Allereifrigste in die Arbeit hinein. Schon nach wenigen Minuten hielt er etliche Goldkörner in der Hand.

Währenddessen hatten die Schlangenjäger von unseren Freunden Abschied genommen und wanderten hinab in das Tal, um in den Tiefen des Urwaldes das rote Völkchen aufzusuchen und es zum Feldzug gegen die Hound aufzurufen.

Die nächsten Tage vergingen ruhig und ohne Störung.

Davidoff und Nikita schaufelten tüchtig darauf los. Der Alte streifte oft stundenlang allein in den Bergen umher. Sein Gesicht hatte einen scheuen, verbissenen Ausdruck bekommen. Er erzählte allen, die es hören wollten, dass er kaum genug erwerbe, um sich satt essen zu können.

»Ein schlechtes Geschäft, das des Miners.«

An jedem Abend erschienen die Hound, um ihre Steuern in Empfang zu nehmen, und es gab keinen, der sich ihnen widersetzte.

Die Hitze war drückend und unerträglich. Unter einem geschlossenen Dach zu leben, wäre eine Qual gewesen. Am Abend, nachdem die Tagesarbeit getan war, fertigten die jungen Leute Moosbänke an, verbesserten die Feuerstellen und flochten Weidenkörbe.

Felsing verzehrte sich vor Ungeduld. »Ich möchte aus der Haut fahren«, ächzte er. »Das Goldsuchen interessiert mich nicht mehr.«

Arsa seufzte. »Mein Nacken brennt wie Feuer«, klagte er, »meine Hände haben Schwielen, und die Schultern schmerzen täglich mehr.«

»Das kommt vom Schlafen auf dem Erdboden. Ach, du lieber Himmel, wenn ich nur erst einmal freie Hand bekäme!«

Arsa reichte verstohlen seinem Freund ein ziemliches Quantum von Goldkörnern. »Bringen Sie das dem Kaufmann, Paul! Er war diesen Morgen schon wieder hier.«

»Die Pest über den Gauner! Kommen Sie, Arsa, wir wollen ihn besänftigen, indem wir eine Flasche Sekt bei ihm trinken. Das war doch immer meine Lieblingssorte – und überdies müssen wir beide auch notwendig Jagdflinten haben, oder besser gesagt, eine ganze Jagdausrüstung. Das getrocknete Büffelfleisch ist ein Futter für Hunde, aber nicht für Leute, die bessere Tage gesehen haben. Kommen Sie nur mit mir!«

Arsa zögerte. »Mein Vater geht nie in ein Wirtshaus«, sagte er mit abgewandtem Blick, »er will, dass auch ich solche Orte meide.«

Felsing lachte. Das Gold hatte er längst an sich genommen und erhob sich träge von der Wolldecke. »Ihr Vater«, sagte er, »hält Sie zu streng. Ich wette, Sie haben noch nie ein Glas Bier trinken dürfen, Sie haben nie Karten gespielt, oder Billard, oder Kegel«

»Aber Paul!«

»Nun, was denn? Wie wollen Sie es anfangen, ein Mann zu werden, wenn Sie immer wie ein kleiner Bube fragen: ›Darf ich?‹ Wissen Sie, was ich finde, Arsa?«

»Nun?«

»Dass wir uns künftig wohl duzen könnten. Es klingt geschraubt und unnatürlich, wenn ganz junge Leute einander ›Sie‹ nennen.«

Und als Arsa schwieg, setzte er lächelnd hinzu: »Falls nicht etwa Ihr Herr Papa die Sache von vornherein schon verboten hat.«

Arsa errötete wieder. »Wir nennen uns fortan ›du‹, Paul!«

Seine Augen blitzten, als er das sagte. Es sollte doch wahrhaftig kein Mensch das Recht haben, ihn gleich einem kleinen Buben zu behandeln – auch sein Vater nicht.

Der Laden war nun erreicht, und Felsing ließ Champagner bringen. Es befanden sich in dem Schenkzimmer mehrere Goldgräber, die sämtlich um hohe Einsätze spielten. Diesen Leuten gesellte sich Felsing zu, und sehr bald waren er und Arsa in den Strudel der gefährlichen Aufregung hineingeraten. Kleine Häufchen Gold, mit dem Teelöffel ausgemessen, wurden hin und her über den Tisch geschoben. Die Augen der Spieler glänzten, ihre Gesichter waren bald unnatürlich blass, bald ganz rot gefärbt.

»Arsa«, flüsterte Felsing, »hast du noch Gold bei dir?«

Unser Freund schüttelte den Kopf. »Nur das, was ich notwendig dem Vater abliefern muss«, versetzte er.

»Ach, Unsinn! Gib es nur erst einmal her. Wir wollen doch nicht ohne einen Gewinn von hier fortgehen!«

»Aber was soll ich denn dem Vater sagen, Paul?«

»Dass du heute kein Gold gefunden hast.«

Arsa schwieg und gab ihm das Gewünschte.

Felsing lächelte. »Noch eine Flasche Sekt, Herr Wirt!«, rief er, als er die Goldkörner einstrich.

Jim Harris brachte das Verlangte, sagte kein Wort von Schuldigsein oder Bezahlen, sondern stellte, als die Goldkörner längst in seine Tasche gewandert waren, immer noch neue Flaschen auf den Tisch, sodass die Nacht schon sehr weit vorgeschritten war, ehe die beiden Freunde den Heimweg antraten.

Als Arsa die ernsten Blicke seines Vaters auf sich gerichtet sah, kehrte ihm das Bewusstsein mit einem Schlag zurück.

»Sei nicht böse, Vater!«, sagte er. »Ich bin nur ein wenig mit …«

»Lege dich schlafen«, war die gelassene Antwort. »Und Sie, Herr Felsing, ich will Sie für den Rest der Nacht nicht obdachlos machen, aber morgen suchen Sie sich gefälligst ein anderes Unterkommen! Ich verzichte auf Ihre fernere Gesellschaft.«

Felsing zuckte die Achseln. »Wie Sie wünschen, Herr Kinski.« Er ging aus dem Zelt, ohne sich umzusehen.

Arsa hatte das ganze Gespräch mit angehört. Er musste immer an Jims Worte beim Abschied denken: »Fünfhundert Dollar, wenn ich bitten darf, junger Herr.«

Was bedeutete das? Es lief heiß und kalt durch seine Adern. Hatte er Schulden?

Und solche Summe! Er musste also von jetzt an mit doppeltem Eifer graben, um das, was er mehr erarbeitete, heimlich beiseite zu bringen und den Wirt nach und nach zu bezahlen. Fünfhundert Dollar – und für ein wenig schlechten Wein!

Gegen Tagesanbruch kam Prüfer von seiner Reise zu den Rothäuten zurück. Er und Hennecke erschienen im Zelt ihrer Freunde, um zunächst die weiteren Schritte gemeinschaftlich zu beraten.

»Haben Sie einen Erfolg zu verzeichnen?«, fragte voll Ungeduld der ältere Kinski. »Und vor allem, wo steckt denn nun eigentlich mein Bruder?«

»In den Gebirgsklüften. Das wussten wir halb und halb schon immer. Ihn zu befreien, kostet nur einen Handstreich, aber um mit ihm hierher zurückkehren und das Joch der Hound abschütteln zu können, müssen wir eine Schlacht siegreich bestehen.«

Kinski sah zu seinen Gefährten hinüber. »Wollen wir heute Abend aufbrechen?«, fragte er. »Die Ungeduld verzehrt mich.«

»Gewiss, Kasimir.«

»Gut also«, entgegnete Kinski nickend. »Wir machen uns, wenn die Dunkelheit hereingebrochen ist, auf den Weg. Was denken Sie, meine Herren? Gehen wir alle?«

»Ich meine, dass vier oder fünf Männer vollkommen ausreichen«, entgegnete Prüfer.

»Nun, dann begleiten uns mein Sohn, Jegor, Ossip und Boris. Hoffentlich gelingt uns ein Werk, das bestimmt ist, Tausenden von Menschen Segen zu bringen.«

Arsa fragte hier und dort nach Felsing, er spähte heimlich nach dem Vermissten, aber ohne irgendetwas zu erfahren. Nur gegen Abend sagte ihm ein Goldgräber, dass Felsing am Spieltisch sitze. »Er hat heute über hunderttausend Dollar gewonnen«, hieß es.

Arsa glaubte nicht richtig verstanden zu haben. »Gewonnen?«, fragte er. »Das ist wohl unmöglich!«

»Das ist hier nichts Seltenes. Man spielt eben nur um große Einsätze.«

Arsa fühlte sich leichter ums Herz. Er schrieb auf ein Blatt Papier ein paar Worte, in denen er Felsing bat, nach der Arbeitszeit auf einige Augenblicke an einen näher bestimmten Punkt der Stadt zu kommen, und dann schickte er durch einen Knaben den Zettel in das Wirtshaus.

Nach einer Viertelstunde kam die Antwort: »Ich bin da.«

Arsa hatte nie so emsig gehackt und geschaufelt, wie an diesem Tage. Ehe noch die verabredete Stunde herangekommen war, spähte er bereits an dem Ort des Stelldicheins nach allen Seiten, um je eher desto lieber Felsings sorgenloses, immer heiteres Antlitz zu entdecken.

Der Hamburger winkte ihm schon von Weitem. Heute sah er ganz verändert aus. Der abgegriffene, mit allerlei Flecken verzierte Hut war ausgetauscht gegen einen breitrandigen Panamasombrero, und an den Füßen glänzten neue Lackstiefel, während die Hände sogar in weißen Handschuhen steckten. Eine Zigarre rauchend, schlenderte er unserem Freund entgegen.

Arsa errötete vor Ärger. »Du hast Geld gewonnen? Hunderttausend Dollar?«

»Lächerlich! Teile die Summe durch zehn, Kleiner, dann wirst du der Wahrheit näherkommen.«

»Also zehntausend sind es in Wirklichkeit? Paul, dann bist du immerhin reich genug, um mir eine Bitte zu erfüllen. Bezahle dem Wirt einstweilen die fünfhundert Dollar, ich werde dir die Summe ehrlich zurückerstatten.«

»So schweige doch, Arsa, betrachte die Sache als erledigt. Jim Harris bekommt heute noch sein Geld, und wenn er jemals wagt, dich an diese Angelegenheit zu erinnern, so hat er es mit mir zu tun.«

Arsa bot ihm die Hand. »So lebe wohl, Paul! Es ist für mich die höchste Zeit.«

Sie trennten sich, und Arsa eilte zum Zelt der Seinen, wo schon alle Reisevorbereitungen im vollsten Gange waren. Kinski stellte keinerlei Fragen, und auch Arsa schwieg trotzig.

Sobald ein größeres Bündel mit Lebensmitteln und Kochgeräten zusammengepackt war, entfernte sich einer der Männer geräuschlos aus dem Zelt und eilte zu den drei Eichen, um dort seine Genossen zu erwarten. Endlich war alles fertig, und Arsa und Kinski eilten den Vorausgegangenen nach. Ganz in der Stille vereinigten sie sich mit den Genossen, und der nächtliche Marsch nach Lumpenstadt wurde angetreten. Als sie von ihr nur noch eine englische Meile entfernt waren, beschlossen sie, ein Feuer anzuzünden und einige Stunden zu schlafen, ehe es weitergehen sollte.

Am anderen Morgen erreichte man die Stadt. Gütige Geschenke für die Rothäute wurden eingekauft. Dann aber ging es sogleich weiter. »Wann sind wir an Ort und Stelle, mein lieber Herr Prüfer?«, fragte Kinski.

»Wenn kein Hindernis in den Weg tritt, etwa morgen früh um acht oder spätestens neun Uhr. Dabei ist mit vier Stunden Schlaf gerechnet.«

Gegen Abend kam man in einen Fichtenwald. Duftende Nadeln lagen auf dem Weg, ein kräftiger Harzgeruch wehte aus den Zweigen. Die Schlangenjäger hatten aus Lumpenstadt Fackeln mitgenommen, und zu zweien gingen die Männer über den schwellenden Moosboden. Wie rote Wolken zog der Rauch zwischen den Bäumen dahin und scheuchte die zahlreichen Eichhörnchen. Jetzt wurden die Fichten spärlicher, der grüne Dom höher, undurchsichtiger, und endlich rief Jegor: »Vor uns steht eine Felswand.«

Prüfer lächelte. »Sieh dir die Sache genauer an, mein Junge!«

»Das ist doch unmöglich ein einzelner Baum?«

»Ein kalifornischer Riesenbaum – freilich!«

»Vom Umfang eines mäßigen Hauses!«

»Und mit Ästen, die stärker sind als in Deutschland eine hundertjährige Eiche oder Buche!« Der Anblick überwältigte alle.

»Hier wollen wir unser Nachtlager aufschlagen«, sagte Hennecke. Nach einigen Stunden der Ruhe brach die ganze Gesellschaft auf, um den letzten Rest des Weges zurückzulegen. Der Fichtenwald hörte auf, und anstelle des Nadelholzes erschienen gewaltige Eichen mit hundertjährigen Kronen und einem solchen Segen an Früchten, dass die Wanderer in ihnen förmlich waten mussten.

»Jetzt werden wir wahrscheinlich sehr bald den ersten Rothäuten begegnen«, meinte Hennecke. »Das Dorf liegt nur noch eine halbe Stunde weit entfernt.«

Und so war es. Nicht lange, so war man angelangt, und die

Schlangenjäger gingen voran, weil sie mit dem ganzen Stamm bekannt waren.