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Nick Carter – Band 4

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Jack Lloyd Folge 60

Jack Lloyd – Im Auftrag Ihrer Majestät

Tag der Wahrheit

Der Morgen war gerade angebrochen, als Jack, Elena und Pablo sich im Salon des Hauses, das der Gruppe als Unterschlupf diente, zusammenkamen, um das Vorgehen für den heutigen Tag zu besprechen. Heute würden sie sehen, ob ihre Pläne Erfolg hatten oder ob sie sich maßlos verrechnet hatten und die Konsequenzen tragen mussten. Wie diese dann aussahen, daran gab es keinen Zweifel. Wurden sie bei dem Versuch, die Silberflotte zu kapern, geschnappt, dann drohte einem jeden von ihnen, im Kerker von Caracas zu verfaulen.

»Was hat Joe gestern zu unseren Plänen für den heutigen Abend gesagt?«

»Er wird im Goldenen Schwan sein. Von dort stoßt ihr dann gemeinsam zu uns.«

Jack nickte bedächtig. Dabei hielt er den Blick auf den Boden gerichtet. Er dachte nach. Der gestrige Abend war für ihn auch ein Abend der Entscheidung gewesen. Er hatte für einen Augenblick darüber nachgedacht, Maria die Wahrheit zu sagen. Seine wahre Herkunft zu offenbaren, ihr zu erklären, wer er wirklich war. Vielleicht würde sie ihm seine Maskerade je verzeihen und sie konnten dennoch gemeinsam an dem großen Plan, den Maria schon so lange zu entwickelt schien, arbeiten. Aber Jack hatte sich auch wieder der Verantwortung besonnen, die er für seine Mannschaft übernommen hatte. Was würde aus Joe, Pablo und all den anderen werden, wenn er sich Maria anvertraute? Was sollte aus Elena werden, die ihm nicht nur ihr Schiff, sondern auch ihr Leben anvertraut hatte, als sie seiner Mannschaft beigetreten war? Also hatte er die Nacht wach gelegen, sich gefragt, wie das Leben wohl verlaufen wäre, wenn damals vor so vielen Jahren nicht seine Familie zerschlagen worden wäre. Und endlich, lange, nachdem die anderen Mitglieder seiner Mannschaft eingeschlafen waren, beschloss Jack, dass das Leben, welches er heute lebte, durchaus zufriedenstellend war. Er war glücklich, eigentlich. Was hatte diese junge spanische Gouverneurstochter nur an sich, dass es ihn so sehr verzauberte? Oder war das wirklich nur die Nachwirkung der gemeinsam verbrachten Nacht? Das leise Räuspern Pablos riss Jack an diesem Morgen aus seinen Gedanken.

»Es soll also dabei bleiben?«, hakte der Portugiese, der darauf brannte, den Spaniern diesen Schlag zuzufügen, nach.

»Pablo, du nimmst dir die Männer, wie wir es besprochen haben. Ihr brecht gleich auf und verteilt euch in der Stadt. Für den Abend weiß jeder, wo er sich einzufinden hat.«

In diesem Moment wurde die Salontür geöffnet und einer der Matrosen betrat den Raum. Jack sah fragend auf.

»Der Comte wartet auch Euch, Señor«, erklärte der Mann laut. Jack nickte lächelnd.

»Begleite ihn bitte herein.«

Der Matrose deutete eine Verneigung an, dann zog er sich wieder zurück. Kurze Zeit später brachte er den Comte in Begleitung eines weiteren Mannes in den Raum. Der Comte und Jack reichten sich die Hände. Elena hauchte er einen Kuss auf die Handrückseite, die diese ihm elegant reichte. Pablo ignorierte er schlichtweg. Offenbar war es unter der Würde des Adligen, sich mit einfachen Bediensteten abzugeben. Der Mann, der den Comte begleitete, hielt sich dezent im Hintergrund.

»Mein lieber Señor de Mendoza. In wenigen Stunden wird die Schatzflotte die Stadt erreichen.«

»Ich weiß, Comte. Wir besprachen gerade die Aufgaben meiner Männer für den heutigen Abend.«

»Ich habe die Meinen bereits in der Stadt verteilt.«

»Meine Leute werden sich auch gleich in der Stadt aufteilen, um das Treiben im Auge zu behalten. Wenn dann die Dunkelheit anbricht, werden meine Männer sich in den Hafen zurückziehen, und den Kai im Auge behalten.«

Der Comte nickte wohlwollend. »Wo werdet ihr heute Abend sein?«

»Mein Platz ist im Goldenen Schwan. Dort will der Gouverneur heute Abend eine Bekanntmachung geben, die auch mich betrifft.«

»Tatsächlich? Dann bin ich gespannt, worum genau es dabei gehen wird. Wollt Ihr mir nicht verraten, was es so Wichtiges bekannt zu machen gibt, dass er sich ausgerechnet die heutige Gesellschaft dafür ausgesucht hat?«

»Es wäre respektlos, ihm vorzugreifen, meint Ihr nicht auch, geschätzter Comte?«

Über das Gesicht des alten Adligen zog ein Lächeln.

»Wohl gesprochen, junger Freund. So werde ich mich denn in Geduld üben. Ich habe meinen Männern im Übrigen den Auftrag erteilt, auch den Goldenen Schwan besonders im Auge zu behalten. Wenn wirklich Piraten in der Stadt sind, haben sie vielleicht auch ein Auge auf das Gasthaus, in dem sich die reichsten und wichtigsten Glieder der Gesellschaft versammeln, geworfen.«

»Ein ausgezeichneter Gedanke. So können wir die Sicherheit der Gäste garantieren.«

Die beiden Männer tauschten noch einige Floskeln aus, dann verabschiedete der Comte sich. Als die beiden Besucher das Haus wieder verlassen hatten, war es Pablo, der als Erster aussprach, was Elena schon lange dachte.

»Weiß er mehr, als er sollte?«

Jack warf einen nachdenklichen Blick zur Tür. »Es würde mich sehr wundern, wenn er etwas wüsste.«

»Es muss einen Verräter in der Mannschaft geben. Sonst wüsste er nicht einmal, dass es diesen Plan überhaupt gibt. Und wenn jemand schon verraten hat, dass die Silberflotte geplündert werden soll, wieso sollte er da nicht gleich auch verraten haben, wer wir sind?« Elenas Logik klang durchdacht. Auch Pablo nickte, wobei sein Gesicht echte Sorge ausdrückte.

»Wenn er wüsste, wer wir sind, hätte er uns sicherlich längst an den Gouverneur verraten. Offenbar ist dieser Mann doch geradezu begierig, die Ehre dafür, den Angriff vereitelt zu haben, einzuheimsen.«

»Und wenn er versucht, uns auf frischer Tat zu ertappen?«, entfuhr es Pablo unwillkürlich.

»Wir werden unsere Pläne nicht umwerfen, nur weil ihr eine leise Vorahnung habt. Wir setzen unser Vorhaben wie besprochen um.« Elena und Pablo, die einen derartigen Ausbruch ihres Kapitäns nicht erwartet hatten, sahen sich erstaunt an. Dann nickten beide. Das »Aye Käpt´n«, das anschließend von beiden zu hören war, klang nur mäßig überzeugt, doch Jack war mit seinen Gedanken schon wieder einen Schritt weiter. Wenn der Comte ihm wirklich gefährlich werden sollte, dann würde er einen Weg finden müssen, den Mann unschädlich zu machen. Er würde ihn auf jeden Fall im Goldenen Schwan im Auge behalten müssen. Heute galt es. Er würde die Maskerade heute Abend beenden. Entweder als reicher Mann und Plünderer der Silberflotte, oder als Gefangener der Spanier.

Fortsetzung folgt …

 Copyright © 2012 by Johann Peters