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Shane Flannigan – Stunde der Rache

Shane Flannigan
Stunde der Rache

Der staubbedeckte Reiter auf dem hochbeinigen Morganwallach hielt auf der kleinen Anhöhe und starrte nach Westen, wo sich die Häuser von Coldwater abzeichneten. Die Sonne erreichte ihren höchsten Stand und ließ die Wasserpfützen verdunsten. Die regennasse Erde dampfte. Am Horizont zeigte sich ein farbenprächtiger Regenbogen und legte sich als schillernder Bogen über Coldwater.

Er nahm den Hut ab, unter dem dunkelblondes Haar hervorquoll, und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Sein kantiges Gesicht mit den bemerkenswerten haselnussbraunen Augen blieb ausdruckslos, als er sich umblickte.

Das Holzschild mit dem Namen der Stadt war neu, ebenso wie viele Häuser. Zielstrebig ritt Shane Flannigan darauf zu. Vor dem ersten Laden zügelte er sein Pferd. Er wollte eben eintreten, als er beinahe mit einer Frau zusammenprallte. Er murmelte eine Entschuldigung. Ihr hochmütiger Blick veränderte sich, als sie ihn ansah. Erschrecken zeigte sich in ihrem ebenmäßigen Gesicht mit den vollen Lippen. Haltsuchend stützte sie sich an die Hauswand. Shane war schon vielen hübschen Frauen begegnet, doch eine Schönheit wie sie war nicht darunter gewesen. Die unübliche Art, ihr dunkelbraunes Haar nicht hochgesteckt zu tragen, sondern es weit über die Schultern fallen zu lassen, passte zu ihrem Blick von vorhin. Auf Anhieb konnte man an ihrem Kleid auf Wohlstand schließen. Sie öffnete den Mund, um etwas zu sagen, starrte ihn jedoch sprachlos an. Er betrachtete sie. Eine Frau wie sie konnte einen Mann schon verrückt machen. Sie passte nicht hierher. Eher in eine große Stadt im Osten. Nach einer Weile schien sie sich gefasst zu haben und lief an ihm vorbei. Im Laden kaufte er die nötige Munition.

Das Schild eines Badehauses unweit des Mietstalles löste Freude in ihm aus. Dort schrubbte er sich gründlich und unterzog sich einer Rasur und einem Haarschnitt.

Wie neu geboren fühlte er sich, als er auf sein Pferd stieg und die kurze Strecke zum Saloon ritt. Am frühen Nachmittag war nicht viel los. Shane trank einen Whiskey, der wie Pumaspuke schmeckte, und kaufte sich in eine Pokerrunde ein, wo um niedrige Beträge gespielt wurde. Als es ihm zu langweilig wurde, verließ er den Saloon. Draußen begegnete er dem Sheriff. Wie bei Gesetzeshütern üblich, unterzogen sie Fremde einer intensiven Prüfung.

»Bist du es wirklich?«, fragte Alan Chambers verblüfft?«

»Nein«, sagte er, »das kann nicht sein. Fremder, Sie haben eine bemerkenswerte Ähnlichkeit mit einem Verstorbenen.«

»Vielleicht ist dieser jemand nicht tot«, entgegnete Shane freundlich.

Verwirrung spiegelte sich auf dem Gesicht des Sheriffs wider. »Diese Stimme. Du bist es wirklich, Shane Flannigan. Mich tritt ein Bulle.« Seine Verwirrung änderte sich in Freude, die gleich darauf wieder verschwand. »Gabe …«, er verbesserte, »jemand erzählte vor Jahren, du seist tot.«

»Dieser jemand wollte das auch«, antwortete Shane.

»Sehe ich Wolken am Himmel aufziehen?«, fragte der Sheriff.

»Gut möglich.«

»Wir waren mal so was wie Freunde. Wenn du die Seiten nicht gewechselt hast, hat sich von meiner Seite nichts geändert«, ließ ihn Alan wissen.

»Ich hab mein Eisen einige Male verkauft, doch nie für eine krumme Sache. Ich steh noch immer auf der richtigen Seite.«

»Dann ist es ja gut. Soweit es mir möglich ist, werde ich dir helfen.«

Shane schüttelte den Kopf. Das ist ganz allein meine Sache.«

»Warst du schon auf der Ranch?«

»Nein, noch nicht.«

»Dein Vater ist tot. Gabe wird noch nicht wissen, dass du hier bist.«

»Ich traf Stella, also wird er es wissen.«

Er hatte nie daran gedacht, dass sein Ziehvater tot sein könnte. Er war eben zu lange fort gewesen. Sieben Jahre waren zu lange gewesen.

Da Shane nichts mehr sagte, schwieg auch Alan und verabschiedete sich. Shane quartierte sich im Hotel ein und begab sich ins Restaurant, um zu essen. Während er sein Steak mit Kartoffeln verzerrte und danach Kaffee trank, beobachtete er das Treiben im Lokal. Die Bedienung fand er hübsch, auch wenn er sich aus rotblonden Frauen mit blasser Gesichtsfarbe nichts machte. Ihre Sommersprossen, die vielmehr in ein jugendliches Gesicht passten, konnten die Spuren, die die Jahre hinterlassen hatten, nicht verbergen. Sie musste Mitte zwanzig sein. Sie kam an seinem Tisch mit einer Kaffeekanne und fragte mit unbeteiligtem Lächeln, ob sie nachschenken sollte. Ihre Stimme hörte sich angenehm an, nicht zu schrill, genau passend. Welch Blödsinn, dachte er und nickte. Nach der zweiten Tasse Kaffee bezahlte er und ging. Viele Augenpaare beobachteten ihn, als er sich die Stadt ansah, aber da ihn alle für tot hielten, sprach ihn niemand an. Er war ein Fremder wie viele andere. Neue Häuser waren in den letzten Jahren gebaut worden, viele Menschen hatten sich niedergelassen, sich eine Existenz geschaffen. Coldwater war in den sieben Jahren zu einer pulsierenden Stadt geworden. Das Land ringsum war gutes Farm- und Rinderland. Er war als Ziehsohn eines Ranchers aufgewachsen, nachdem seine Eltern in einem regenreichen Jahr an Grippe gestorben waren. Shane stellte sein Pferd in den Mietstall, sagte dem Stallmann, dass er niemals von rückwärts an sein Pferd herangehen sollte, da es unweigerlich austrat, und lungerte an verschiedenen Ecken der Stadt herum. In zwei kleinen Trinkhallen genehmigte er sich einen Drink und überlegte, ob er in den nächsten Tagen der Ranch einen Besuch abstatten sollte. Oder er wartete ab, ob etwas in Bewegung geriet.

Seine Überlegungen wurden durch einen Knall unterbrochen, als er nach Mitternacht in sein Hotel ging. Die Kugel hatte ihm gegolten. Er spürte das Zupfen an seinem Hemdärmel und ein leichtes Brennen. Blitzschnell ließ er sich zu Boden fallen, rollte sich ab und duckte sich in den Schatten einer Hauswand. Die Richtung des Schützen konnte er nur ungefähr ausmachen, da er von hinten angeschossen worden war. Es gab zu viele Seitengassen. Stimmen wurden laut, eine davon war die von Alan Chambers. Als gleich darauf Hufgetrappel zu hören war, das aus der Stadt führte, wusste Shane, dass er den Schützen heute nicht mehr stellen würde. Er ging auf Alan zu.

»Hat das dir gegolten, Shane?«

»So ist es. Dachte nicht, dass er so schnell reagiert.«

»Denkst du, er war es?«

Shane zuckte mit der Schulter. »Ein miserabler Schütze. Nur ein Kratzer.«

 

Am nächsten Tag überwand er sich endlich und ging auf den Friedhof. Nach einem kurzen Besuch am Grab seiner leiblichen Eltern, an die er sich nicht erinnern konnte, stand er an Horacio Fosters Grab. Nach einer Weile gesellte sich der Sheriff hinzu.

»Er war ein weitblickender Mann.« Alan Chambers deutete auf das Holzkreuz.

»Ja das war er«, murmelte Shane.

»Wie war das damals?«, fragte Alan.

Shane wollte nicht erzählen, aber er kannte Alans Hartnäckigkeit. Also warum nicht gleich?

»Gabe ist Horacios rechtmäßiger Erbe. Um Kapital für meine eigene Ranch zu erlangen, schickte uns Horacio auf Wildpferdjagd.«

»Lass dir nicht jedes Wort aus der Nase ziehen.«

»Ja, ja. Du gibst ja doch keine Ruhe. Wir waren wochenlang unterwegs und ritten ziemlich weit. In Springfield deckten wir uns mit Lebensmittel ein. Dort trafen wir auf Stella. Sie arbeitete im Saloon und umgarnte die Männer. Zuerst schien sie an mir Gefallen zu finden, doch als sie herausfand, dass Gabe der Sohn eines Ranchers war, machte sie sich an ihn ran. Irgendwie kriegte ich ihn doch dazu, endlich weiterzureiten, so wie es geplant war.«

Shane legte eine Pause ein und starrte auf das Grab. »Bald sichteten wir eine Herde. Gesunde, prächtige Tiere. Es kostete uns eine Menge Kraft und Energie, die wilden Biester einzufangen.«

Eine Gestalt, die sich dem Friedhof näherte, erregte seine Aufmerksamkeit. Es war die Frau aus dem Restaurant.

»Wer ist sie?«, fragte Shane.

»Das ist Cathleen Bishop. Vor drei Jahren ist sie mit ihrem Mann gekommen und hat das Restaurant aufgebaut. Es lief gut, doch er verspielte es beim Poker. Der Feigling hat sich bald darauf erschossen. Seither arbeitet sie dort, um für ihren Lebensunterhalt aufzukommen.«

»Weshalb hat sie keinen Mann? Ist doch schon lange her.«

Alan grinste. »Cathleen ist kalt wie ein Eisberg. Die Kerle haben es bald aufgegeben, um sie zu werben«, sagte er leise, da sie näher kam.

Shane und Alan tippten an die Hutkrempe, als die Frau vorüberging. Shane verließ das Grab.

»Hey, wie ging’s weiter?«, rief Alan.

Shane winkte ab. Alan würde es früh genug erfahren.

Der Tag verstrich, ohne dass sich Nennenswertes ergab. Fremde kamen und gingen. Das war Normalität in Coldwater, denn die Stadt lag an einem guten Durchzugspunkt. Geduld war schon immer Shanes Stärke gewesen. Nur ein geduldiger Jäger konnte sein Wild erlegen. Gabriel Foster war noch nie geduldig gewesen. Shane war sich sicher, dass Gabe etwas plante. Und zwar bald. Die gestrige Kugel war kein Zufall gewesen. Hatte Gabe selbst geschossen oder jemanden beauftragt? Gabe und Shane waren wie Brüder aufgewachsen und einmal die besten Freunde gewesen. Eine Frau hatte das alles zunichtegemacht. Manche Frauen schafften es, aus Männern hirnlose Idioten zu formen. Es würde sich rausstellen, wie mutig Gabe war und vor allem, wie weit er gehen würde.

Der nächste Tag zeigte es. Shane saß gerade beim Mittagessen, als ein Mann das Restaurant betrat und ihm mitteilte, Gabe Foster warte auf ihn auf der Straße. Shane ließ sich Zeit und verzehrte sein Essen in Ruhe.

»Mrs. Bishop, ich würde Sie gerne einmal zu einem Picknick einladen«, sagte er, als er bezahlte.

»Wozu sollte das gut sein?«, fragte sie.

Oho, sie war ganz schön bissig. »Tut mir leid, wenn ich Ihnen zu nahe getreten bin«, versuchte er sich zu entschuldigen. Eine nette Einladung musste sie doch nicht so zänkisch ablehnen.

»So wie ich das eben mitbekommen habe, schießen Sie sich gleich mit jemandem. Von Duellen halte ich nichts und von Männern, die sich wie kleine Jungs bekriegen, ebenso wenig«, fuhr sie vorwurfsvoll weiter und knallte ihm das Restgeld auf den Tisch.

Das hatte gesessen. Shane schluckte, setzte seinen Hut auf und verließ das Restaurant. Er hatte nun Wichtigeres zu tun, als über ihr eigenartiges Verhalten zu grübeln.

Die Straße war wie leergefegt. Nur Gabriel Foster stand einsam mitten auf der Mainstreet. Auf den Stepwalk rechts und links der Mainstreet reihten sich Gaffer, die gespannt auf eine Schießerei lauerten.

»Ich dachte schon, du hast Angst, Shane«, rief Gabe.

»War sie das alles wert, Gabe?«, fragte Shane ruhig. Wut und Enttäuschung waren schon vor Jahren verblasst.

Gabe antwortete nicht, aber Shane konnte auf die kurze Distanz deutlich seinen Adamsapfel erkennen, der sich nervös bewegte.

Damals war Stella ihnen gefolgt, als sie von Springfield wegritten, auf der Suche nach den Wildpferden. Sie machte sich im Lager nützlich, während die Männer die Pferde fingen. Es waren die prächtigsten Tiere, die Shane jemals gesehen hatte. Als Stella erfuhr, dass die Herde für Shane vorgesehen war, versuchte sie einen Keil zwischen ihn und Gabe zu treiben. In einem ehrlichen Kampf hätte Gabe niemals eine Chance gegen Shane gehabt, das wussten beide. Stella musste Gabe ordentlich zugesetzt haben, denn mit gezogenem Revolver verlangte er die Zusage, dass der Großteil der Herde ihm gehöre. Es war zu einem Streit gekommen, bei dem Stella Shane gekonnt ablenkte. Gabe schoss, noch ehe Shane ziehen konnte. Sie hatten ihn für tot gehalten und liegengelassen. Ein Trapper hatte ihm mehr tot als lebendig gefunden und gesund gepflegt.

»Willst du dich mit mir schießen, Gabe?«

Gabe antwortete nicht.

»Deshalb bin ich nicht gekommen. Ich will nur, was mir zusteht«, sagte Shane gerade so laut, dass es Gabe verstehen konnte. »Gib mir die Pferde, und du siehst mich nie wieder.«

An Gabes Gesichtsausdruck erkannte er, dass er mit dieser Lösung einverstanden war. Doch auch dieses Mal, mischte sich Stella ein.

»Darling, du wirst doch nichts verschenken, was du dir so hart erarbeitet hast. Denk doch an mich, Darling. Und an unsere Kinder, die wir bald haben werden. Du musst dein Heim für uns vergrößern«, flötet sie mit zuckersüßer Stimme.

Stellas Macht über ihren Ehemann war unglaublich. Gabes Gesichtsausdruck wurde entschlossen.

Die Stimme des Sheriffs durchbrach die Stille. »Ich hab hier einen Kerl mit einem Gewehr ausgeschaltet. Er sollte im Auftrag von Stella Foster für einen entsprechenden Ausgang des Duells sorgen.«

Gabe sah zu Stella, die ungerührt das Gehörte hinnahm. Sie hatte ihn vor allen zum Narren gemacht. Das konnte er nicht auf sich sitzen lassen. Seine Schulter zuckte. Das untrügliche Zeichen, dass er ziehen würde.

Shane wollte ihn nicht töten, doch Gabe machte eine Drehung und die Kugel traf ihn nahe dem Herzen, während sein Schuss ins Leere ging.

Shane kniete sich neben ihn. »Ich konnte nicht anders«, röchelte Gabe. »Das soll keine Entschuldigung sein.« Das Reden fiel ihm schwer. Der Tod wartete bereits. »Wie ein Teufel hielt sie mich in ihren Klauen. Gut, dass es zu Ende ist.« Seine Stimme wurde leiser.

Shane drückte seine Hand. Ein zufriedenes Lächeln umspielte Gabes Lippen, dann ruckte sein Kopf zur Seite.

Alan Chambers kam heran. »Eine Tragödie, was eine Frau aus einem Mann machen kann. Ich verhafte sie.«

»Nein«, entgegnete Shane. »Sie wird sagen, dass es Gabes Idee war. Sie ist klug genug, um zu wissen, dass sie hier verloren hat, und wird aus der Stadt verschwinden.«

Alle starrten zu Stella, die hochmütig zu ihrem Wagen ging und abfuhr. Für ihren toten Ehemann hatte sie keinen Blick übrig.

Gegen Abend wurde Gabriel Foster begraben.

Nach dem Begräbnis trat ein Mann auf Shane zu undstellte sich als Advokat Timothy Hartman vor. »Ich war einige Tage nicht hier und habe erst heute von Ihnen gehört, Mr. Flannigan. Sheriff, können Sie bestätigen, dass es sich um Shane Flannigan handelt, der bei Horacio Foster aufgewachsen ist.«

»Das kann ich bestätigen. Doch was soll das?«

Der Advokat lächelte. »Horacio Foster hatte die wahnwitzige Hoffnung, dass es sich um den angeblichen Tod seines Ziehsohnes um einen Irrtum handelte. Um es kurz zu machen, nachdem Gabriel Foster tot ist, geht die Ranch in den Besitz von Shane Flannigan über. Alles Weitere besprechen wir morgen in meinem Büro.« Mit wohlwollendem Nicken verabschiedete er sich.

»Mich tritt ein Bulle«, murmelte Alan.

Richtige Freude wollte in Shane nicht aufkommen. Sein ehemals bester Freund war zum Handlanger eines habgierigen Weibes geworden und gestorben. Mit einer Handbewegung wischte er die Gedanken fort. Es passte nicht zu ihm, in der Vergangenheit zu leben.

(Montana)