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Wie Südkorea Hollywood den Kampf ansagte

Als im Jahr 2008 der Film Das Haus am See in die Kinos kam, wusste niemand, dass es sich dabei um das Remake eines südkoreanischen Spielfilms handelt. Der Originaltitel lautet Il Mare und stammt aus dem Jahr 2000. Das Remake stellte in gewisser Weise eine Sensation dar. Nicht aufgrund seiner Machart, es handelt sich schlichtweg um einen gewöhnlichen Liebesfilm, sondern aus dem Grund, da zuvor noch nie ein südkoreanischer Film von Hollywood neu verfilmt worden war.

Vor der Jahrtausendwende war Südkorea im Hinblick auf seine Spielfilme ein völlig unbekanntes Land. Inzwischen aber sind Filme aus Südkorea zu einem regelrechten Phänomen geworden, parallel zu K-Pop, welches das zurzeit erfolgreichste Musikgenre weltweit ist. In der Fachliteratur hat sich daher der Begriff Korean Hallyu eingebürgert, was so viel wie koreanische Welle bedeutet. In nur wenigen Jahren gelang es einem Land, dessen Popkultur im globalen Sinne nicht existierte, sich ins Zentrum derselben vorzuarbeiten. Das ist nicht nur eine Sensation, sondern stellt zugleich die Behauptungen in Hinblick auf Amerikanisierung vollkommen auf den Kopf. Aber wie kam es zu dieser koreanischen Welle? Und ist sie heute genauso präsent wie zu Beginn?

Der Anfang

Über das genaue Datum, ab dem man vom modernen koreanischen Kino sprechen kann, streiten sich die Experten. Manche nennen als groben Zeitraum Anfang der 90er Jahre, andere wiederum betrachten das Ende der 90er Jahre als ausschlaggebend. Sicher ist nur, dass sich innerhalb der 90er Jahre die koreanische Filmindustrie radikal wandelte. Lag sie zunächst noch in den Händen des Staates, so wurde sie seit dem Beginn der 90er Jahre nach und nach privatisiert. Es erfolgten bisher insgesamt drei Wellen, in denen die Regierung millionenschwere Fördergelder in die neu strukturierte Branche steckte, weswegen manche Filmexperten die koreanische Welle gerne in drei Phasen teilen: Anfang der 90er, Ende der 90er und Anfang 2000. Wiederum fehlt ein exaktes Datum für den eigentlichen Beginn des modernen koreanischen Films.

Vor dem Beginn der Korean Hallyu produzierte Südkorea Filme ausschließlich für den einheimischen Markt. Die Filme besaßen sehr geringe Budgets, deckten aber bereits damals beinahe das gesamte Genre-Spektrum ab. Gegenüber den Produktionen aus Hollywood hatten sie jedoch so gut wie keine Chance. Koreanische Filme wurden nur aus dem Grund in den Kinos gezeigt, da die Kinobesitzer dazu gesetzlich verpflichtet waren.

Und wie sieht es nun mit einem genauen Starttermin für die Korean Hallyu aus? Da ich mich seit mehreren Jahren mit dem modernen koreanischen Kino auseinandersetze, möchte ich hier nun schlicht und ergreifend das Jahr 1998 nennen, ab dem es im wahrsten Sinne des Wortes für Koreas Filmindustrie und die darauf folgende koreanische Welle losging. 1998 ist – filmhistorisch gesehen – ein sehr wichtiges Jahr. Zum einen waren hier bereits die ersten Anzeichen der Hollywoodkrise zu bemerken. Zum anderen kam in diesem Jahr Ringu in die japanischen Kinos, der das J-Horror-Genre begründete und dessen Machart nicht nur zu den späteren US-Remakes führte, sondern die Ästhetik des US-Horrorfilms stark beeinflusste.

In Südkorea kam im selben Jahr Whispering Corridors in die Kinos, ebenfalls ein Horrorfilm, der das auslöste, was später als K-Horror bekannt wurde. Die Machart dieses Films unterscheidet sich von derjenigen Ringus radikal, sodass die Behauptung, Korea hätte von Japan abgekupfert, nicht stimmt. Whispering Corridors spielt in einer Mädchenschule, in der es zu mysteriösen Selbstmorden kommt. Schnell macht das Gerücht die Runde, eine ehemalige Schülerin, die ebenfalls Selbstmord begangen habe, gehe in der Schule um und würde sich nun an ihren einstigen Peinigern rächen.

Whispering Corridors galt 1998 als Skandalfilm, da er zeigte, wie Lehrer sich an Schülerinnen vergehen bzw. diese auf übelste Weise bestrafen und schikanieren. Die Lehrervereinigung versuchte, den Film verbieten zu lassen, scheiterte aber. Teilweise liefert der Film, der es seltsamerweise nie bis nach Deutschland geschafft hat, harten Tobak. Zum anderen weist er deutlich auf die Beeinflussung durch den italienischen Horrorfilm der 70er und frühen 80er Jahre hin. So findet man in Whispering Corridors die typische Optik und Farbgebung des damaligen italienischen Horrorfilms (wie z.B. von Lamberto Bava oder Dario Argento) wieder. Seltsamerweise bestritt diesen Einfluss Regisseur Park Ki-Hyeong in einem späteren Interview. Der Einfluss ist dennoch für Genre-Liebhaber und Experten unverkennbar. Der enorme Erfolg dieses Films führte zu vier weiteren Filmen (Memento Mori (1999), Whishing Stairs (2001), Voice (2003), A Blood Pledge (2005)), die von unheimlichen Ereignissen in Mädchenschulen handeln. Parallel zu dieser Reihe wurde das Horrorgenre ausgeweitet. Wurden vor 1998 nur sehr selten Horrorfilme in Südkorea produziert, kam es nun zu einer regelrechten Welle und damit zu dem zuvor genannten K-Horror-Genre.

Die privatisierte koreanische Filmindustrie konzentrierte sich jedoch nicht nur auf die Herstellung von Horrorfilmen. Sie bediente von Anfang an fast alle Genres. Horrorfilme aber sind am lukrativsten, da die Produktionskosten niedrig sind und damit der Gewinn sehr hoch ist. Der Grund für diese Genre-Ausweitung liegt darin, da die koreanische Filmwirtschaft seit den 90er Jahren darauf aus ist, international an Markt zu gewinnen. Dies steht im Gegensatz zu Japans Filmindustrie. Ringu führte zwar zu einer Goldgräberstimmung im Horrorgenre, doch zeigte diese keine Auswirkung auf die übrigen Genres. Vor und nach Ringu produzierten Japans Filmstudios vor allem für den einheimischen Markt. In Südkorea kam es dagegen in den 90er Jahren zu einer radikalen Kehrtwende. Die Filme vor 1998 waren lediglich für den einheimischen Markt bestimmt, die Filme nach 1998 für den internationalen Markt.

Bereits 1999 kam mit Shiri ein Actionthriller in die Kinos, der in Sachen Erfolg Camerons Titanic, der bekanntlich im selben Jahr lief, in die Ecke verbannte. Es geht darin um nordkoreanische Spione, die in Südkorea einen Anschlag planen. Ebenfalls 1999 wurde die bis heute erfolgreichste südkoreanische Komödie My sassy Girl produziert, in der eine junge Frau, die sich nur ungern an Regeln hält, das Leben eines Mannes ziemlich durcheinanderbringt. My sassy Girl schaffte es sogar bis in die deutschen Programmkinos und wurde 2008 von Hollywood neu verfilmt.

Von der westlichen Welt richtig wahrgenommen wurden die Veränderungen in Südkoreas Filmwirtschaft jedoch erst durch das im Jahr 2000 produzierte Soldatendrama Joint Security Area, in dem es um einen tragischen Zwischenfall an der Grenze zwischen Süd- und Nordkorea geht. Die elegante Kameraführung, die satte Farbgebung, die überaus dicht erzählte Handlung – kurz, der gesamte Stil dieses Films brachte westliche Filmkritiker zum Staunen. Bei der Berlinale war JSA für den silbernen Löwen nominiert. Regie führte Park Chan-Wook, auf dessen Konto auch der moderne Klassiker Oldboy (2003) geht und der 2013 von Hollywood für die Dreharbeiten von Stoker engagiert wurde.


Ab 2001 richtete sich die Aufmerksamkeit westlicher Filmemacher verstärkt nach Südkorea. Mehr und mehr Filme wurden international vermarktet. Auch wenn sie nur selten in den westlichen Kinos zu sehen waren, so kamen sie zumindest auf DVD heraus und erfreuten sich schnell einer immer größer werdenden Fan-Gemeinde.

Wie es weiter ging

Interessanterweise war es ausgerechnet Memento Mori, der als weiterer Film für internationales Aufsehen sorgte. Interessanterweise deswegen, da gerade dieser Film in Südkorea nicht gerade erfolgreich war. Zudem gab es einen Konflikt mit der Zensur, die dazu führte, dass der Film um sage und schreibe 20 Minuten gekürzt werden musste. Die ungeschnittene Originalversion (Directors Cut) dauert 180 Minuten und war lediglich zum fünften Jubiläumsjahr als Sonderedition erhältlich. Auf dem internationalen Markt gibt es lediglich die 90minütige Kinoversion (entspricht der um 20 Minuten gekürzten Spielfilmversion). Der Grund für den oben genannten Konflikt lag in dem Thema, mit dem sich Memento Mori beschäftigt: Homosexualität. Der Film, der eigentlich als Drama geplant, dann aber zu einem Horrorfilm umgeschrieben worden und schließlich der Zensur zum Teil zum Opfer gefallen war, zählt zu den ästhetischsten Horrorfilmen Südkoreas. Die überaus komplexe Story, die sich einem nur nach mehrmaligem Anschauen erschließt, erzählt von der tragischen Liebe zweier Schülerinnen, die ein gemeinsames Tagebuch führen. Als eine der beiden die Beziehung beenden will, stürzt sich die andere vom Dach der Schule. Von da an kommt es zu sonderbaren Zwischenfällen. Trotz seiner langsamen Erzählweise ist dieser Film eine echte Wucht. Er wurde auf mehreren Festivals als bester Film nominiert. Das komplexe Handlungsmuster führte jedoch dazu, dass der Film von den Mainstream-Kinobesuchern eher gemieden wurde. Dennoch zeigt das Beispiel, dass die koreanische Filmindustrie in ihrer Anfangsphase zu Experimenten bereit gewesen war und das Risiko nicht gescheut hatte. Ganz im Gegensatz zu Hollywood, wo es um Risikominimierung geht und originelle bzw. neue Ideen weitestgehend gemieden werden.

Wie oben bereits angedeutet, konzentrierte sich die modernisierte koreanische Filmindustrie nicht allein auf Horrorfilme, sondern versuchte, so ziemlich jedem Genre einen neuen Anstrich zu verleihen. Mit dem rasanten The Legend of Gingko (2001), in dem es um eine Gruppe Rebellen geht, die gegen einen mächtigen Herrscher antreten, versuchte man sich z.B. im Fantasygenre. Der Erfolg führte zu einem zweiten Teil, der aber als eine Art Highlander-Abklatsch zu einem Griff ins Klo wurde. Genauso wenig überzeugend versuchte man sich im SF-Genre. Der Cyborg-Thriller Natural City verlor sich in unzähligen Ungereimtheiten, obwohl die Optik teilweise recht gut war. 2009 – Lost Memories verkam zu einem durch und durch nationalistischen Kitsch. Aus der Grundidee, dass Japan den Zweiten Weltkrieg gewonnen hat und nun noch immer Südkorea besetzt hält, hätte man viel machen können. Doch wurden die Chancen für einen guten Film leider völlig vergeben.

Einen Paukenschlag kreierte CJ Entertainment (die einflussreichste Produktionsfirma in Korea) 2003 mit dem Kriegsfilm Brotherhood. Der Film spielt während des Koreakriegs (1951-1952) und erzählt in Form eines klassischen Dramas, wie eine Familie durch diesen Krieg auseinandergerissen wird, bis sich schließlich die beiden Brüder als Feinde auf dem Schlachtfeld gegenüberstehen. Damals galt Brotherhood (Regie wiederum Park Chan-Wook) als teuerste koreanische Filmproduktion. Es handelt sich um ein bildgewaltiges Epos, bei dem es Südkorea zum ersten Mal schaffte, in Qualität und Machart Hollywoodstandard zu erreichen (man bedenke, dass zwischen Whispering Corridors und Brotherhood gerade einmal sechs Jahre liegen). In den USA wurde der Film von Dreamworks vermarktet. Dahinter steckte eine gewisse Strategie. Seit dem Ende der 90er Jahre reduzierte Südkorea die Laufzeit von Hollywoodfilmen in koreanischen Kinos um mehr als die Hälfte, was zur Folge hatte, dass Filme aus den USA kaum Chancen auf Erfolg hatten. Die Maßnahme diente allein dazu, um die einheimischen Produktionen zu fördern. 2014 waren in Südkorea 64% aller gezeigten Filme einheimische Produktionen.

Mit der Übernahme des Marketing von südkoreanischen Filmen in den USA erhofften sich Firmen wie Dreamworks und später auch Paramount bessere Chancen auf dem koreanischen Markt. Universal ging dazu über, koreanische Filme mitzuproduzieren, um auf diese Weise auf dem Markt Fuß zufassen. Ein Ergebnis war die überlange Actionkomödie Running Man (2012), die leider sämtliche negativen Aspekte des »contemporary Hollywood« übernimmt: Einfallslosigkeit, Lustlosigkeit und Oberflächlichkeit.

2006 ließ sich Südkorea von mehreren kleineren, in Hollywood angesiedelten Special Effects-Firmen bei seinem ersten Monsterfilm unter die Arme greifen. Gemeint ist The Host, eine obskure Mischung aus Familienfilm, Monsterkloppen und US-Kritik. Manche Szenen sind grandios, doch merkt man ihm stellenweise auch eine gewisse Unbeholfenheit an. Die Kritik an den USA ist sehr direkt, das Familiendrama jedoch teilweise überzogen. Doch das erste Auftreten des Monsters gehört wohl zu den besten Beispielen für Spannungsaufbau in einem Film.

Ab ca. 2004 nahm K-Horror mit Filmen wie A Tale of two Sisters (2004), R-Point (2004), Antarctic Journals (2005) und Apt (2006), um nur ein paar Beispiele zu nennen, gehörig an Fahrt auf. Doch dann versickerte K-Horror 2008 plötzlich im Boden. Die Produktionen wurden schlechter, um nicht zu sagen grottenschlecht. 2013 kam es zu einem kurzen Aufflackern einstiger Originalität mit Filmen wie Doctor und Killer Toon. In Doctor geht es um einen Schönheitschirurgen, der zum Serienmörder wird, nachdem er mitbekommen hat, dass ihn seine Frau betrügt. Es handelt sich um eine erstklassige Satire auf die Schönheits-OP-Sucht in Südkorea. Killer Toon dagegen ist ein sehr düsterer Episodenfilm, in dem Morde, die in einem Web-Toon dargestellt werden, kurze Zeit später tatsächlich geschehen.

2014 war die Euphorie schon wieder vorbei. Die Produktionen können nur noch als dämlich bezeichnet werden. The Tunnel, ein miserables Quasi-Remake von My bloody Valentine (1982), wurde in negativer Weise nur noch von Manhole getoppt, der so uninteressant gefilmt ist, dass man die Lust am Zuschauen verliert.

Wieso aber kam es im Bereich Horror zu diesem enormen Qualitätsverlust? Eine mögliche Antwort liegt darin, dass ab ca. 2010 Thriller mehr Resonanz beim Publikum hervorriefen. Das Problem bei koreanischen Thrillern war bis dahin, dass sie immer gegen Ende zu einer sinnlosen Blutorgie ausarteten, zu einer Art Blood-Porn mutierten, der die Qualität des jeweiligen Films mit Füßen trat. Umso überraschter war ich, als ich Blind (2010) sah, einem stylisch aufgemotzten Großstadt-Thriller, der ganz klar von Hitchcock und de Palma inspiriert war und in Sachen Optik und Spannung alle früheren koreanischen Thriller-Versuche in den Schatten stellte. Es geht um eine frühere Polizistin, die bei einem Einsatz so schwer verletzt wurde, dass sie erblindete. Gleich die hektische Anfangssequenz, die in ihrem Abschluss eine subjektive Kamera offenbart, ist einen Applaus wert.

Blind folgten weitere Hochglanz-Thriller wie z.B. die Rächerstory Man from Nowhere, welcher zum erfolgreichsten Film aus jenem Jahr wurde. Auch aus jenem Jahr stammte der Skandalfilm I saw the Devil, einem extremen Serienmörderfilm, der von Vergewaltigung bis hin zu Kannibalismus so ziemlich alles enthält, was in Thrillern thematisch verarbeitet wird. Der Film stand in Südkorea kurz vor einem Aufführungsverbot. Erst als Regisseur Kim Jee-Woon den Film kürzte (besonders stieß sich die Zensurbehörde an der Kannibalismusszene, obwohl diese in Sachen Satire besser hätte nicht ausfallen können), durfte er in den Kinos gezeigt werden. International wurde der Film ungekürzt vertrieben (die deutsche Version ist allerdings trotz Uncut-Siegel geschnitten).

Den Höhepunkt dieser Entwicklung erreichte die Machart der Filme in den Jahren 2012 und 2013. Während 2012 Filme wie der Action-Thriller A Company Man, der düstere Wirtschafts-Thriller Taste of Money und der vom französischen Kino der 70er Jahre inspirierte Helpless hervorragende Kritiken einheimsten, waren es im Jahr 2013 der Gangsterfilm New World und der komplexe Thriller Montage, die für viel Gesprächsstoff sorgten. Ein wichtiger Film war ebenfalls der Agententhriller Berlin, der als erster koreanischer Spielfilm komplett in Europa (vor allem, wie der Titel des Films verrät, in Berlin) gedreht wurde. 2013 sollte noch aus einem anderen Grund ein ganz besonderes Jahr für den koreanischen Film werden. Zum ersten Mal seit der Privatisierung des koreanischen Kinos in den 90er Jahren kam es zu einer Mehrzahl von Indie-Produktionen, die allein durch Mundpropaganda überragende Erfolge erzielten. Am erfolgreichsten waren die beiden Thriller Hide and Seek und The Terror Live.

In Hide and Seek geht es um einen Mann, dessen Bruder für einen brutalen Mord an seiner Nachbarin verantwortlich gemacht wird. Der Bruder ist allerdings spurlos verschwunden. Während der Mann nach ihm sucht, geschehen um ihn herum weitere seltsame Dinge. Hide and Seek ist ein Film wie aus dem Lehrbuch. Die Spannung zerrt an den Nerven, die Wendungen kommen ohne jede Vorwarnung. Dennoch verfolgt Regisseur Huh Jung eine direkte Erzähllinie.

The Terror Live dagegen ist ein Kammerspiel, in dem ein Reporter ständig live aus einem Sendegebäude berichtet, in dessen Nähe eine Brücke von einem Attentäter gesprengt wurde. Der Film übt eine gesellschaftliche Rundumkritik, in deren Fokus vor allem die Medien und die aktuelle Regierung von Ministerpräsidentin Park stehen.

Beide Filme heimsten bei diversen koreanischen Festivals mehrere Preise ein und ließen die sog. Big Three (CJ Entertainment, Showbox und Lotte Entertainment) ziemlich dumm aus der Wäsche sehen. Die beiden Filme ermutigten weitere Filmemacher, ihre eignen Produktionen auf Low-Budget-Niveau zu verwirklichen. Dabei kommt natürlich nicht nur Qualität heraus. Viele koreanische Indie-Filme scheitern schon an der Bildinszenierung. Nicht jeder ist ein Regisseur, nur weil er weiß, wo sich der On-Schalter bei der Digitalkamera befindet. Die Anzahl der Indie-Produktionen haben 2014 drastisch zugelegt, und zwar so sehr, dass sich dies sogar im Jahrsbericht der koreanischen Filmwirtschaft bemerkbar macht. Denn 2014 sind aufgrund der Vielzahl an Indie-Produktionen die Gesamtproduktionskosten im Filmgeschäft gesunken.

Als Vorreiter der Indie-Welle gilt Regisseur Kim Ki-Duk, der in Europa äußerst geschätzt, in seiner Heimat jedoch äußerst unbeliebt ist. Kim gilt als Kritiker und Spötter, wenn es um die koreanische Gesellschaft geht. Aus Protest bleibt er gelegentlich den Preisverleihungen fern. Seine Low-Budget/No-Budget-Filme handeln von familiären und individuellen Konflikten, meist verbunden mit drastischer Gewalt und der Suche nach sexueller Erfüllung. Seinen Film Amen (2011) drehte er schlicht mit einem Camcorder, ohne den Ton nachzubearbeiten. Die Folge: Die Wackelgeräusche der Kamera durchziehen den ganzen Film. Seine witzigste Arbeit ist Bin Jib (2004), in dem ein ganz normaler Mann Superkräfte entwickelt. Getragen von einer ähnlichen Ironie beschäftigte er sich 2006 in Time mit der koreanischen Sucht nach Schönheits-OPs. Darin trennen sich ein Mann und eine Frau, um sich später – und nachdem sich beide diversen OPs unterzogen haben – wieder zu treffen, ohne jedoch zu wissen, dass sie es mit dem jeweils früheren Partner zu tun haben. Mit seinem Drama Pieta lieferte er 2012 sein Meisterstück ab. Die Geschichte um einen Kleinkriminellen, der plötzlich Besuch von einer Frau erhält, die sich als seine verschollene Mutter ausgibt, wurde international mit Preisen überhäuft. Mit Moebius (2013) löste er einen Skandal aus. Der Film erhielt ein Aufführungsverbot und durfte erst gezeigt werden, nachdem Kim Ki-Duk sich bereit erklärt hatte, den Film um ca. zwei Minuten zu kürzen. Dies betraf u. a. eine Szene, in der eine Mutter ihrem Sohn den Penis abschneidet. Da Kim Ki-Duk pro Jahr mindestens einen Film abliefert, darf man gespannt sein, was er sich für seine nächste Produktion einfallen lässt.

Und heute?

Um es kurz zu machen: Über das Jahr 2014 sind Koreas Filmkritiker entsetzt. So ziemlich jede Produktion konnte nicht an die Qualität früherer Filme anschließen. Anstatt weiter klare Linien zu verfolgen, wurden zum Teil Filme geschaffen, die sich in kein konkretes Genre eingliedern lassen. So beginnen sie wie eine Komödie, um kurze Zeit später in einen unheimlichen Thriller umzuschlagen und schließlich im Drama-Kitsch zu enden. Eines der schlimmsten Beispiele ist der Film Monster, der die Geschichte eines geistig zurückgebliebenen Mädchens erzählt, das von einem Auftragskiller gejagt wird. Der Film ist regelrecht schizophren. Die überbelichtete, vollkommen verkitschte Anfangssequenz ist untermalt mit Teletubbys-Musik. Dann schlägt der Film um in düstere, bis ins Schwarze hineinreichende Farben, wird überaus brutal und endet schließlich im Melo-Kitsch der schlimmsten Sorte. Meiner Meinung nach hat sich der Regisseur dadurch selbst ins Aus geschossen.

Über die schlechten Horrorfilme haben wir ja bereits gesprochen. Doch auch die Historienfilme, die ab 2000 immer höhere ästhetische Standards erreicht hatten, unterboten diese. Teilweise gingen sie eine Symbiose mit dem Fantasy-Genre ein, was leider nicht gut funktionierte.

Doch gab es auch noch den ein oder anderen Lichtblick. So z.B. den Neo Noir-Film The Divine Move, in dem es um Gangster geht, die beim Go-Spiel schummeln. Die coole Optik ließ das traditionelle Brettspiel auf einer völlig neuen Ebene erscheinen.

Star-Regisseur Lee Jeong-Beom, der 2010 mit dem Actionthriller Man from Nowhere den koreanischen Actionfilm neu definiert hatte, bekam ein größeres Budget in die Hand gedrückt und konnte dadurch seinen zweiten Thriller No Tears for the Dead realisieren. Es geht darin um den Killer Gon, der bei seinem letzten Auftrag ein kleines Mädchen erschossen hat und nun unter Gewissensbissen leidet. Bevor er endgültig sein Handtuch wirft, erhält er einen weiteren Auftrag: die Ermordung einer Investment-Bankerin. Als Gon herausfindet, dass die Frau die Mutter des getöteten Mädchens ist und er daher seinen Auftrag abbricht, wird er von einer Reihe anderer Killer gejagt. Der Film ist zu 99% erste Güteklasse. Doch dann wurde dem Regisseur seitens der Produzenten ein Ende aufgezwungen, welches auf das Ende der eigentlichen Handlung draufgesetzt wurde und dadurch den grandiosen Schluss mit einem Schlag zunichtemacht. Man kann nur auf einen Directors Cut hoffen, bei dem dieses aufgezwungene Ende fehlt.

Natürlich geht auch die 3D-Welle an Südkorea nicht spurlos vorbei. 2012 schuf man mit Sector 7 einen Monsterfilm, in dem es um die Besatzung einer Ölbohrplattform geht, die plötzlich von einem Ungeheuer attackiert wird. Die an Alien angelehnte Handlung hätte durchaus gut werden können, wurde aber leider nicht gut umgesetzt. Die Spezialeffekte sind zum großen Teil miserabel und die Story wird von Sekunde zu Sekunde konfuser. Ich hätte vermutet, dass Regisseur Kim Ji-Hoon nie wieder einen Film drehen darf. Doch weit gefehlt. Derselbe Mann drehte ein Jahr später den überragenden Katastrophenfilm Tower, ein Remake des Hollywood-Klassikers Brennendes Inferno. Von seinem Patzer, den er mit Sector 7 serviert hatte, war nichts mehr zu erkennen.

Als 3D-Event wurde ebenfalls der bereits erwähnte Horrorfilm The Tunnel angepriesen. Auch hier zeigt sich, dass es sich koreanische Filmemacher schwer tun, 3D und eine ausgeklügelte Handlung in einen Topf zu werfen. Das wird sich mit Sicherheit nicht so schnell ändern. Besonders jetzt, da es anscheinend an guten Drehbüchern mangelt.

Der Mangel an guten Storys erinnert irgendwie an die Krise in Hollywood. Kann man daher auch von einer Krise im derzeitigen koreanischen Kino sprechen? Kontinuierlicher Qualitätsverlust ist immer ein Zeichen für eine Krise, genauso wie der kontinuierliche Rückgang der Kinobesucher. Ein solcher Rückgang ist in Südkorea seit 2013 zu bemerken. In der Tat also könnte sich der koreanische Film auf eine Krise zu bewegen. Es bleibt abzuwarten, wie die Big Three darauf reagieren werden. Erste Anzeichen einer solchen Reaktion finden sich im Jahr 2014. Die drei großen Produktionsfirmen reduzierten ihren Output und konzentrierten sich auf die Herstellung von Blockbuster. Eine ganz ähnliche Entwicklung wie die, die sich in Hollywood seit Mitte/Ende der 90er Jahre vollzieht.

Snowpiercer und die Folgen

Trotz gewisser Anzeichen einer Krise blickt Koreas Filmindustrie nach vorne. Ein Beweis dafür ist die Großproduktion Snowpiercer, die weltweit mit positiven Kritiken überhäuft wurde. In den USA wurde der Film vor allem durch die Äußerung des Produzenten Bob Weinstein bekannt, der behauptete, dass die Amerikaner zu dumm für diesen Film seien. Der Grund für seine Provokation lag in einem Streit zwischen ihm und Regisseur Bong Joon Ho. Weinstein wollte lediglich eine um 20 Minuten gekürzte Fassung in den USA vertreiben, dem Bong nicht zustimmen wollte. Das Ergebnis war, dass die ungekürzte Fassung lediglich in US-amerikanischen Programmkinos lief, was enormen Umsatzeinbußen entsprach. Doch da Snowpiercer durch die gut besuchten Aufführungen in Südkorea und Europa die Kosten bereits eingespielt hatte, wirkte sich dies nicht unbedingt negativ aus.

Snowpiercer basiert auf einem französischen Comic. Die Rechte für eine Verfilmung hatte sich Bong bereits vor Jahren gesichert, doch erst die Weiterentwicklung der CGI-Technik erlaubte es, die Produktion 2013/14 zu realisieren. Versehen mit einer Mischung aus internationalen und südkoreanischen Stars, erzählt der Film die Geschichte eines Zuges, der in einer Endlosschleife unsere Welt durchkreuzt, die sich aufgrund eines missglückten Experiments in einen Eisplaneten verwandelt hat. In dem Zug wird eine Zweiklassengesellschaft aufrechterhalten. Während in den vorderen Zugteilen die Elite lebt, müssen die Unterdrückten mit den hinteren Wagons vorlieb nehmen. Doch eine Revolte bahnt sich an.

Der Film wurde aufgrund seines ästhetischen sowie inhaltlichen Anspruchs zum Liebling der internationalen Filmkritik. Gleichzeitig zeigte der Film, dass Südkorea in Sachen Filmproduktion ein Level erreicht hat, das den Big Three erlaubt, sich international im Mainstream-Bereich zu bewegen. Das bedeutet, Snowpiercer war der erste südkoreanische Film, der im Ausland nicht nur als DVD/Blue Ray verwertet wurde, sondern der seinen Weg direkt in die Kinosäle der Welt schaffte. Ob ein zweiter Versuch gewagt wird, ist nicht bekannt, aber aufgrund des Erfolgs von Snowpiercer durchaus anzunehmen. Ein Land, dessen Kultur und Popkultur bis Anfang 2000 kaum einer gekannt hat, hat es innerhalb weniger Jahre geschafft, Hollywood in Sachen Film zu beeinflussen, nicht nur aufgrund der Remakes, sondern auch im Hinblick auf das Filmemachen an sich. So zeigen sich in Hollywood erste Ansätze darin, Action mit Anspruch zu verbinden, ein Aspekt, der maßgebend für den Erfolg des modernen koreanischen Films ist. Koreanische Regisseure werden von Hollywood-Studios engagiert. Und koreanische Schauspieler sind zunehmend in internationalen Produktionen tätig. Die Korean Hallyu ist also noch voll im Gange.

Die im Text erwähnten Filme

Manche der in dem Artikel erwähnten Filme sind nicht bzw. noch nicht in Deutschland erschienen.

Whispering Corridors (1998) K-Horror

Shiri (1999)

Memento Mori (1999) K-Horror

My sassy Girl (1999)

Il Mare (2000)

Joint Security Area (2000)

Oldboy (2003) K-Horror

The Legend of Gingko (2001)

2009 – Lost Memories (2002)

Natural City (2003)

Brotherhood (2003)

A Tale of two Sisters (2004) K-Horror

Bin Jib (2004)

R-Point (2004) K-Horror

Antarctic Journals (2005) K-Horror

Apt (2006) K-Horror

The Host (2006) K-Horror

Time (2006)

Amen (2011)

Pieta (2012)

Running Man (2012)

Sector 7 (2012) K-Horror

Berlin (2013)

Doctor (2013) K-Horror

Hide and Seek (2013)

Killer Toon (2013) K-Horror

Moebius (2013)

The Terror Live (2013)

Tower (2013)

Manhole (2014) K-Horror

Snowpiercer (2014)

The Tunnel (2014) K-Horror

Literatur

Der vorangegangene Artikel beruht zum großen Teil auf eigenen Recherchen, die ich für meine Untersuchungen des modernen koreanischen Films unternommen habe. Wer sich genauer über die Entwicklung des koreanischen Horrorfilms informieren möchte, findet dazu nähere Informationen in meinem Artikel „J-Horror und K-Horror oder das Andere im asiatischen Horrorfilm“, erschienen 2014 in dem Sammelband Vergemeinschaftung in Zeiten der Zombie-Apokalypse (S. 313-340).

Weitere Quellen:

  • Kalat, David (2010). J-Horror. New York: Vertical
  • Kim, Kyung Hyun (2011). Virtual Hollym. Korean Cinema to the global Era. Durham: Duke University Press
  • Status and Insight: The Korean Film Industry 2013. Korean Film Council: Busan.
  • McDonald, Paul/Wasko, Janet (2010). The contemporary Hollywood Film Industry. Malden: Blackwell.

(mp)

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