Unser Lese-Tipp

Des Teufels Depressionen

Download-Tipps

Casparino

Archive
Folgt uns auch auf

John Tanner – Das Leben eines Jägers 8

John Tanner
Das Leben eines Jägers
oder
John Tanners Denkwürdigkeiten über seinen 30-jährigen Aufenthalt unter den Indianern Nordamerikas
Erstmals erschienen 1830 in New York, übersetzt von Dr. Karl Andree

Achtes Kapitel

Es war Schnee gefallen und das Wetter so kalt geworden, dass wir keine Biber mehr jagen konnten. Es stellte sich daher bald Hunger ein. Wa-me-gon-a-biew war unsere einzige Stütze und arbeitete aus allen Kräften, um uns den nötigen Lebensunterhalt zu verschaffen. Während einer seiner weiten Jagdausflüge traf er auf eine Hütte der Chippewa, die viel Fleisch hatten, ihm aber nur für eine Nacht, welche er bei ihnen zu-brachte, zu essen gaben, obschon er ihnen sagte, dass es sowohl ihm als auch seiner ganzen Familie sehr elend ginge. Am anderen Morgen erlegte er auf dem Rückweg ein junges, sehr mageres Moosetier. Das hielt aber nicht lange vor, und als wir es verzehrt hatten, brachen wir unser Lager ab, um es neben jenen ungastfreundschaftlichen Indianern aufzuschlagen.

Wir sahen, dass sie reichlich mit Lebensmitteln versehen waren, sie gaben uns aber nichts weiter, als was wir gegen unsere silbernen Schmucksachen und andere wertvolle Dinge eintauschten. Ich erwähne den Geiz und die Ungastlichkeit dieser Leute deshalb, weil ich von beiden noch nie Beispiele unter Indianern angetroffen hatte, denn gewöhnlich teilen sie sehr gern ihre Vorräte mit jedem, der Mangel leidet und sie um Hilfe anspricht.

Wir waren drei Tage bei jenen Indianern, da töteten sie zwei Moosetiere und luden sowohl mich als auch Wa-me-gon-a-biew ein, an ihrer Mahlzeit teilzunehmen. Aber sie gaben uns nur das schlechteste Stück eines Vorderschenkels, und wir kauften von ihnen für Silberschmuck etwas fettes Fleisch. Nun war die Geduld der alten Net-no-kwa erschöpft, und sie verbot uns, in Zukunft irgendetwas von ihnen zu kaufen. Solange wir neben diesen Leuten uns aufhielten, hatten wir erschrecklich an Hunger zu leiden.

Eines Morgens stand Net-no-kwa sehr früh auf, nahm ihr Beil zur Hand und ging aus, kam aber abends nicht wieder zurück. Erst am anderen Tag, da es schon ziemlich spät war, und wir alle in der Hütte lagen, trat sie herein, rüttelte Wa-me-gon-a-biew an der Schulter und sprach: »Steh auf, mein Sohn, du bist ein flinker Läufer. Jetzt zeige, wie schnell du die Lebensmittel herbeiholen kannst, welche der große Geist mir in der vergangenen Nacht gegeben hat. Ich habe zu ihm gebetet und fast die ganze Nacht hindurch gesungen. Heute früh, als ich eingeschlafen war, ist er mir erschienen und hat mir einen Bären geschenkt, damit meine hungrigen Kinder etwas zu essen bekommen. Du wirst das Tier in einem kleinen Gehölz mitten in der Prärie finden. Nun mache dich flugs auf den Weg, der Bär wird nicht weglaufen, wenn er dich auch kommen sieht.«

»Nein, Mutter«, entgegnete Wa-me-gon-a-biew, »es ist jetzt schon zu spät. Die Sonne geht bereits unter, und der Weg ist im Schnee schwer zu finden. Morgen soll Shaw-shaw-wa-ne-ba-se eine Decke und einen Kessel mitnehmen. Ich will den Bären bei Tage erlegen. Mein junger Bruder soll mitgehen, und wir wollen die Nacht da bleiben, wo wir ihn getötet haben werden.«

Die Alte war aber ganz anderer Meinung als der Jäger. Es entstand ein lebhafter Wortwechsel, denn Wa-me-gon-a-biew hatte wenig Achtung vor seiner Mutter und machte sich, was kaum ein anderer Indianer gewagt haben würde, über ihre angeblichen Unterredungen mit dem großen Geist lustig. Er verhöhnte sie besonders darüber, dass sie gesagt hatte, der Bär würde nicht fortlaufen, wenn er Jäger kommen sähe.

Die Alte, unwillig und beleidigt, machte ihrem Sohn schwere Vorwürfe, ging zur Hütte hinaus, erzählte ihren Traum den anderen Indianern und nannte ihnen die Stelle, wo sie den Bären ganz gewiss treffen würden. Sie waren aber ganz derselben Ansicht wie Wa-me-gon-a-biew und meinten, es sei schon zu spät. Da sie aber an Net-no-kwas Gebete glaubten, so machten sie sich am nächsten Morgen schon in aller Frühe auf den Weg.

Der Bär war richtig an der besagten Stelle und wurde ohne Schwierigkeit erlegt. Er war groß und fett, aber Wa-me-gon-a-biew, der mitgegangen war, erhielt kaum ein Viertel desselben für uns. Die Alte war sehr zornig, denn wenn ihr auch nicht gerade der große Geist den Bären gegeben und sie auch nicht im Traum die Stelle gesehen hatte, wo er lag, so war doch wenigstens gewiss, dass sie seine Spur bemerkt hatte und, um sich zu überzeugen, dass er das Gehölz nicht verlassen hatte, um dieses herumgegangen war. Ich glaube, dass sie sich solcher Kunstgriffe oftmals bediente, um uns glauben zu machen, dass sie mit dem großen Geiste im Verkehr stehe. Der große Mangel zwang uns, eine andere Lagerstelle zu suchen. Nachdem das Bärenviertel verzehrt war, machten wir uns auf den Weg zum Red River, in der Erwartung, unterwegs entweder auf Indianer oder auf Wild zu treffen. Ich hatte gelernt, Kaninchen zu fangen. Und als wir den ersten Rastplatz erreicht hatten, legte ich auf dem Weg, welchen wir am anderen Tag folgen mussten, mehre Fallen. Nach dem Abendessen, das in Zeiten des Mangels und der Not gewöhnlich unsere einzige Mahlzeit war, blieb uns nichts mehr, als ein wenig Bärenfett, das sich in einem mit einem Fell zugedeckten Kessel befand und eingefroren war. Dieser Kessel befand sich auf meinem Schlitten. Ich ging voraus, um nach meinen Fallen zu sehen, fand wirklich ein Kaninchen und steckte es, um meiner Mutter eine Überraschung zu bereiten, lebendig in den Kessel.

Abends, nachdem wir unser Lager aufgeschlagen hatten, wartete ich die Zeit ab, da sie unsere Mahlzeit bereiten wollte, und passte auf, ob nicht das Kaninchen herausspringen werde. Aber zu meiner größten Enttäuschung war das Fett, ungeachtet der strengen Kälte, geschmolzen, und das kleine Tier fast ersoffen. Die Alte zankte mich derb aus. Sie hat aber später noch oft mit Lachen diesen Vorfall erzählt, auch ihr Leben lang das ungastliche Benehmen jener Indianer nicht vergessen.

Nachdem wir ein Paar Tage unterwegs waren, bemerkten wir Spuren von Jägern, und waren auch bald so glücklich, einen Kopf von einem Bison zu finden, den sie hatten liegen lassen. So konnten wir unerwarteterweise unseren Hunger stillen, und folgten dann ihrem Pfad. So erreichten wir denn am Ufer des Red River eine Horde, die mit uns befreundet war.

Es war nämlich eine zahlreiche Gruppe vom Kris, die unter einem Häuptling, genannt der kleine Assiniboine, und seinem Schwiegersohn Sin-a-peg-a-gun, standen. Sie nahmen uns herzlich auf, gaben uns soviel zu essen, wie wir nur mochten, und kamen allen unseren Bedürfnissen zu Hilfe. Zwei Monate später, als keine Bisons mehr da waren, und auch anderes Wildbret anfing, seltener zu werden, hatten wir alle viel an Hunger zu leiden. Eines Tages durchstreiften Wa-me-gon-a-biew und ich die Prärie, um an einem etwa eine Tagereise entfernten Fluss, dem Pond River zu jagen. Dort trafen wir einen mageren Bison, der so alt war, dass kein Haar mehr nachwuchs. Wir konnten von ihm weiter nichts als die Zunge genießen. Der weite Weg und die Anstrengung hatten uns sehr erschöpft. Der Wind wehte scharf und trieb den Schnee vor sich her. Im weiten Umfeld der Ebene sahen wir weiter kein Holz als verkrüppelte Eichen, die einem Mann nur bis an die Schulter reichten. Mit einem so armseligen Obdach mussten wir uns behelfen. Nach vieler vergeblicher Mühe brachten wir endlich ein Feuer zustande, das wir mit den dünnen Zweigen dieser Bäume unterhielten. Als es nach einiger Zeit den Boden ausgetrocknet hatte, schoben wir die Zweige und die Kohlen zur Seite und setzten uns auf die heiße Asche. So verbrachten wir eine schlaflose Nacht.

Am anderen Morgen ging der Wind noch schärfer und das Wetter war noch schlechter als am vorherigen Tag. Wir machten uns aber doch auf den Weg, um unsere Hütte wieder zu erreichen. Wir hatten eine starke Tagereise vor uns und kamen erst spät an. Wa-me-gon-a-biew, weil er nicht so ermüdet war, ging etwas vor mir her. Als er sich aber einmal umdrehte, sahen wir beide zugleich, dass jedem von uns das Gesicht erfroren war. Wir waren aber nicht mehr weit von der Hütte entfernt. Ich konnte nicht mehr gehen, und er ließ mich liegen, schickte aber die Frauen zu meiner Hilfe herbei. Uns waren Gesicht und Hände erfroren, die Füße aber unbeschädigt, weil wir gute Mokassins hatten.

Fortwährend herrschte Hunger im Lager, und man hielt eine Trennung für nötig. Net-no-kwa entschloss sich, mit ihrer Familie zum Kontor des Herrn Henry zu gehen, der später im Columbiastrom ertrunken ist. Er hielt sich damals an derselben Stelle auf, wo im Nachhinein die Niederlassung Pembina gegründet wurde. Dort jagten wir den ganzen Winter hindurch mit den übrigen Indianern für die Pelzhändler und gingen mit ihnen im Frühling zum See zurück, wo unsere Kanus lagen. Wir fanden dort alles in gutem Zustande, taten das, was wir in unseren Sunjegwuns fanden, zu dem, was wir vom Red River mitbrachten, zusammen und hatten an Biberfellen elf Ballen, jeden von vierzig Stück, und noch zehn Ballen von anderen Pelzwerken. Es war unsere Absicht, das Ganze in Mackinack zu verkaufen.

Wir besaßen noch ein bedeutendes Sunjegwun am Regen-See. In diesem hatte Net-no-kwa, welche von der Redlichkeit des Kaufmannes keine hohe Meinung besaß, einiges an sehr wertvollem Pelzwerk versteckt. Es lag in einiger Entfernung von dessen Kontor. Dieser reiche Vorrat war, zusammengenommen mit dem, was wir sonst noch hatten, mehr als hinreichend, um uns in Überfluss zu versetzen. Aber wir fanden das Sunjegwun ausgeplündert vor. Nicht ein Ballen, nicht ein einziges Fell war liegen geblieben. Wir sahen bei dem Kaufmann einen Ballen, der wahrscheinlich uns gehörte. Wir konnten aber nicht wissen, ob Indianer oder Weiße jene Plünderung verübt hatten. Die Alte war sehr ärgerlich und nahm keinen Anstand, alle Schuld dem Handelsmann beizumessen.

Als wir an das kleine Haus kamen, das auf der anderen Seite des großen Tragplatzes, am Oberen See lag, machten die Männer, welche im Dienst der Handelsleute standen, uns den Vorschlag, wir möchten doch unsere Ballen auf ihre Wagen laden. Die Alte wollte das aber nicht, denn sie wusste wohl, dass es schwer, wenn nicht sogar unmöglich sein würde, die Waren wieder ausgehändigt zu bekommen, wenn sie einmal in den Händen der Weißen waren. So mussten wir denn mehrere Tage dazu verwenden, unser Pelzwerk fortzubringen, denn die Alte wollte nicht einmal denselben Weg einschlagen, welchen die Kaufleute gezogen waren.

Trotz aller dieser Vorsicht ließ sie sich überreden, bei Herrn MacGilveray und Herrn Shabboyéa, welche sie sehr zuvorkommend behandelten und ihr ein wenig Wein gaben, für sich und alle ihre Warenballen ein Zimmer anzunehmen. Anfangs suchten sie es durch freundliche Bitten dahin zu bringen, dass sie ihnen ihr Pelzwerk ablassen möchte, fingen aber bald, als sie damit nichts ausrichteten, zu drohen an. Ein junger Mensch, Herrn Shabboyéas Sohn, wollte endlich alles mit Gewalt nehmen. Der Alte kam aber dazu, tadelte seinen Sohn, und befahl ihm, von seinem Vorhaben abzusehen.

Als Net-no-kwa sich auf diese Art wieder im Besitz ihres Pelzwerkes befand und sich anschickte, es nach Mackinack zu schaffen, kam beim Tragplatze an der Spitze einer kleinen Bande ein Indianer an, der sich Bit-te-gisch-scho (der Zickzack, welchen der Blitz bildet, wenn er durch die Wolken fährt) nannte und sich gewöhnlich am Middle Lake aufhielt. Wa-me-gon-a-biew stellte sich mit ihm und seinen Begleitern auf einen sehr vertrauten Fuß. Nachdem alle unsere Vorbereitungen zur Reise getroffen waren und die einzelnen Ballen schon im Kanu lagen, konnten wir meinen Bruder nirgends finden. Wir suchten überall, bis wir einige Tage danach von einem Franzosen hörten, er befände sich auf der anderen Seite des Tragplatzes bei Bit-te-gisch-scho und dessen Gefährten. Nun wurde ich zu ihm geschickt, konnte ihn aber von seinem Entschluss nicht abbringen, denn er hatte sich ohne unser Wissen an eine der Töchter des Blitzes herangemacht.

Die Alte, welche sein hartnäckiges Wesen kannte, fing an laut zu schreien und rief: »Wenn ich zwei Kinder hätte, könnte ich seinen Verlust schon ertragen, da ich aber weiter keins habe, so muss ich mit ihm ziehen. Sie gab der Witwe, welche ihrer Schwester Tochter und von ihr seit früher Jugend aufgezogen worden war, fünf Ballen Biberfelle, wovon sie eins ihr zum Geschenk machte. Die vier anderen und sechzig Otterfelle sollten nach Mackinack gebracht und dort ihrer Anweisung gemäß verteilt werden. Die Witwe reiste im Kanu der Handelsleute ab, überließ das Pelzwerk an Herrn Lapomboise von der North West Company und bekam dafür eine Quittung, die später, als unsere Hütte abbrannte, mit zu Asche wurde. So bekam weder Net-no-kwa noch irgendjemand von unserer Familie für diese wertvollen Sachen jemals auch nur einen Penny.

Die Alte, tief betrübt über die schlechte Aufführung ihres Sohnes, über anderes Missgeschick und das Fehlschlagen so mancher Pläne, suchte Trost in starken Getränken. An einem einzigen Tag tauschte sie 120 Biberfelle, viele Bisonhäute und noch andere Sachen gegen Rum. Es war, wenn sie sich betrank, ihre Gewohnheit, alle andern Indianer, die sich in der Nähe befanden, gleichfalls betrunken zu machen. So blieb uns denn von unserem gesamten Reichtum, den wir mit so viel Schweiß und Anstrengung auf unseren langen und beschwerlichen Jagdzügen zusammengebracht hatten, nichts als eine Decke, drei Fässchen Rum und die armselige Kleidung, welche wir auf dem Leibe trugen. Ich konnte weder bei dieser, noch bei irgendeiner anderen Gelegenheit die Verschleuderung unseres Pelzwerkes und der übrigen Habe mit solcher Gleichgültigkeit betrachten, welche die Indianer dabei zeigen.

Wir machten uns also mit Bit-te-gisch-scho und einigen anderen Indianern auf den Weg zum Wälder-See. Sie waren uns beim Bau eines Kanus sowie auf dem Tragplatze behilflich. Am Wälder-See überraschte uns die Kälte, und Net-no-kwa beschloss dort zu bleiben, obwohl viele unserer Gefährten anders wohin zogen. Es ergab sich, dass Wa-me-gon-a-biews Anhänglichkeit für die Tochter des Blitzes nicht so stark war, als dass jenes Verhältnis nicht hätte abgebrochen werden können. Man darf gewiss glauben, dass die Kunstgriffe und Ränke der Handelsleute, die gern unsere Waren haben wollten, wenigstens eben so sehr wie das Betragen jenes jungen Menschen Schuld daran waren, dass wir nicht die Reise zum Huron antreten konnten.

Wir sahen bald ein, dass wir, mit so geringen Mitteln versorgt und den Winter vor der Tür, hier nicht allein bleiben konnten. Wir begaben uns also zum Kontor am Regen-See, wo wir gegen das Versprechen, Biberhäute zu liefern, einen Vorschuss an Decken, Kleidungsstücken und anderen Dingen erhielten, deren wir notwendig bedurften. Dort trafen wir einen Indianer, Waw-be-be-nais-sa, der uns den Antrag machte, er wolle für uns jagen und den Winter hindurch bei uns bleiben. Darauf gingen wir mit Freuden ein, sahen aber bald, dass er ein armseliger Jäger war. Ich brachte immer mehr Wild heim, als er.