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Des Teufels Abenteuer …

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Die Trapper in Arkansas – Band 1.8

Gustave Aimard (Olivier Gloux)
Die Trapper in Arkansas Band 1
Erster Teil – Treuherz
Kapitel 4 – Die Reisenden

Ungefähr um die Zeit, als die Trapper aus der Grotte traten und die Fährte der Comanchen wieder aufnahmen, hielten zwanzig Meilen entfernt von dem Ort, wo sie sich befanden, eine ziemlich ansehnliche Zahl weißer Reisender an den Ufern des Canadian an und bereiteten ihr Lager für die Nacht an einer ausgezeichneten Stelle, wo noch die Spuren eines alten indianischen Jagdruhepunktes sichtbar waren.

Die Jäger und Gambusinos oder Mischlinge, die den Reisenden als Führer dienten, beeilten sich, ein Dutzend Maultiere abzuladen, welche von mexikanischen Lanceros begleitet waren.

Mit den Ballen bildeten sie einen eingeschlossenen Raum von ovaler Form, in dessen Mitte sie ein Feuer anzündeten. Dann versammelten sich die Führer, ohne sich weiter um ihre Begleiter zu kümmern, in eine Gruppe und bereiteten ihre Abendmahlzeit.

Hierauf näherte sich ein junger Offizier von ungefähr fünfundzwanzig Jahren, mit kriegerischer Haltung und feinen charakteristischen Zügen, ehrfurchtsvoll einem von zwei Maultieren getragenen Palankin, den zwei Reiter eskortierten.

»An welcher Stelle befehlen Euer Gnaden, dass das Zelt der Señorita aufgeschlagen werden soll?«, fragte der junge Offizier, den Hut ziehend.

»Wo Sie wollen, Kapitän Aguilar, wenn es nur bald geschieht, denn meine Nichte ist vor Müdigkeit fast erschöpft«, antwortete der Reiter zur Rechten des Palankins.

Es war ein hochgewachsener Mann, mit harten, scharfen Zügen, einem Falkenauge, mit Haaren so weiß wie der Schnee auf dem Chimborazo, und unter dessen weitem Soldatenmantel die kostbare, von Stickereien strotzende Uniform eines mexikanischen Generals sichtbar wurde.

Der Kapitän verbeugte sich, kehrte zu den Lanceros zurück, und befahl ihnen, in der Mitte des Raumes, in welchem sich das Lager befand, ein hübsches, blau und rosa gestreiftes Zelt aufzuschlagen, das von einem Maultiere getragen worden war.

Fünf Minuten später war der General vom Pferd gestiegen und bot einer jungen Dame, die leicht aus dem Palankin sprang, die Hand und führte sie in das Zelt, wo Kapitän Aguilar alles so behaglich wie möglich für sie hatte einrichten lassen.

Zwei weitere Personen traten hinter dem General und seiner Nichte gleichfalls in das Zelt.

Die eine war ein dicker kleiner Mann, mit vollem roten Gesicht, der eine grüne Brille und eine blonde Perücke trug und in der Uniform eines Militärarztes bald erstickte.

Dieser Mann, dessen Alter ein Rätsel war, der aber ungefähr fünfzig Jahre zählen konnte, hieß Jerôme-Boniface Durieux. Er war Franzose und Oberchirurg in mexikanischen Diensten.

Beim Absteigen vom Pferd hatte er einen dicken, auf der Kruppe seines Pferdes befestigten Mantelsack, von welchem er sich nicht trennen zu wollen schien, mit einer Art Ehrerbietung losgeschnallt und unter den Arm genommen.

Die zweite Person war ein junges Mädchen oder vielmehr ein Kind von fünfzehn Jahren, mit schelmischem und aufgewecktem Gesicht, aufgeworfener Nase und düsterem Blick, den Mestizen angehörend, und diente der Nichte des Generals als Kammerjungfer.

Ein kräftiger Afroamerikaner, der den majestätischen Namen Jupiter trug, beeilte sich, mit Hilfe von zwei bis drei Gambusinos, das Abendessen zuzubereiten.

»Nun Doktor!«, sagte der General lächelnd zu dem Dicken, der sich, wie ein Ochse schnaufend, auf seinen Mantelsack niedergelassen hatte, »wie finden Sie meine Nichte heute Abend?«

»Die Señorita ist stets reizend«, antwortete der Doktor galant, indem er sich die Stirn trocknete, »finden Sie nicht, dass es zum Ersticken heiß ist?«

»Meiner Treu, nein«, antwortete der General, »nicht mehr als gewöhnlich.«

»Dann muss ich mir es nur eingebildet haben«, sagte der Arzt mit einem Seufzer. »Worüber lachst du, kleine Maskè?«, fügte er an das Kammermädchen gerichtet hinzu, die in der Tat aus vollem Halse lachte.

»Beachten Sie doch die Närrin nicht, Doktor. Sie wissen ja, dass sie ein Kind ist«, sagte die junge Dame mit einem reizenden Lächeln.

»Ich habe Ihnen immer gesagt, Donna Luz«, fuhr der Doktor mit Nachdruck fort, indem er die Augenbrauen zusammenzog und die Backen aufblies, »dass die Kleine da ein Kobold sei, zu dem Sie viel zu gutmütig sind und die Ihnen früher oder später irgendeinen bösen Streich spielen wird.«

»Puh! Der abscheuliche Kieselsucher«, sagte die Mestize mit einer Grimasse und spielte damit auf die Manie des Doktors, Steine zu sammeln, an.

»Nun, nun! Ruhe!«, sagte der General, »hat dich die heutige Reise ermüdet, liebe Nichte?«

»Nein, nicht übermäßig«, antwortete das junge Mädchen mit unterdrücktem Gähnen. »Ich fange seit einem Monat, wo wir unterwegs sind, an, mich an die Lebensweise zu gewöhnen, die ich anfangs, wie ich gestehen muss, sehr mühselig fand.«

Der General seufzte, antwortete aber nicht. Der Doktor war mit dem Ordnen der Pflanzen und Steine, welche er im Laufe des Tages gesammelt hatte, eifrig beschäftigt.

Die Mestize flatterte wie ein Vogel im Zelt umher, indem sie die Sachen, die ihre Herrin brauchen könnte, ordnete.

Wir werden diesen Augenblick der Ruhe dazu benutzen, mit wenig Worten eine Beschreibung der jungen Dame zu geben.

Donna Luz de Bermudez war die Tochter einer jüngeren Schwester des Generals.

Sie war ein reizendes Kind von kaum sechszehn Jahren. Ihre großen, schwarzen Augen, über denen sich die dunklen Brauen wölbten, die scharf gegen die reine Weiße ihrer Stirn abstachen, waren von langen Wimpern beschattet, die ihren Glanz sittsam milderten. Ihr kleiner mit Perlenzähnen gezierter Mund wurde durch ein paar korallenrote Lippen geschlossen, ihre feine Haut zeigte den zarten Flaum reifer Früchte, und ihr bläulich schimmerndes Haar würde, wenn man die Zöpfe aufgeflochten hätte, einen Schleier über ihren Körper haben bilden können.

Ihre Taille war schlank und geschmeidig, sie besaß jene wellenförmige, anmutige Bewegung, welche den Amerikanerinnen eigen ist. Ihre Hände und Füße waren außerordentlich klein, ihr Gang hatte die üppige Ungezwungenheit der Kreolinnen, die so reizend ist.

Die ganze Person dieses jungen Mädchens war aus Anmut und jeder Art von Vollkommenheit zusammengesetzt.

Sie war unwissend wie alle ihre Landsmänninnen, doch heiter und vergnügt, lachte über jede Kleinigkeit und kannte nur die angenehmste Seite des Lebens.

Aber der schönen Statue fehlte noch das eigentliche Leben, sie glich der Pandora, ehe Prometheus das himmlische Feuer für sie gestohlen, und um unseren mythologischen Vergleich noch weiter zu führen, die Liebe hatte sie noch nicht mit ihrem Flügel gestreift. Ihre Augenbrauen hatten sich noch nicht gedankenvoll zusammengezogen und ihr Herz hatte noch nicht vor Sehnsucht geschlagen.

Sie war durch die Fürsorge des Generals in einer beinahe klösterlichen Abgeschiedenheit erzogen worden und hatte diese nur verlassen, um den General auf seiner Reise in die Prärie zu begleiten.

Welchen Zweck hatte diese Reise, und warum hatte ihr Onkel durchaus darauf bestanden, sie mitzunehmen? Das kümmerte das junge Mädchen wenig.

Sie war glücklich darüber, in der Freiheit leben zu können, immer neue Gegenden zu sehen, eine im Vergleich zu ihrem früheren Lehen ungebundene Existenz zu führen. Mehr verlangte sie nicht und hatte deshalb auch nie unbescheidene Fragen an ihren Onkel gerichtet.

Donna Luz war also zu der Zeit, wo wir sie kennenlernen, ein glückliches Kind, das in den Tag hineinlebte, zufrieden mit der Gegenwart war und keineswegs an die Zukunft dachte.

Kapitän Aguilar trat mit Jupiter, der das Abendessen trug, ein.

Phöbe, das Kammermädchen, hatte den Tisch gedeckt.

Die Mahlzeit bestand aus eingemachten Früchten und einer gebratenen Hirschkeule.

Vier Personen nahmen am Tisch Platz. Der General, seine Nichte, der Kapitän und der Doktor.

Jupiter und Phöbe bedienten.

Während des ersten Ganges blieb die Unterhaltung ziemlich schlaff, doch als der Hunger der Gesellschaft einigermaßen befriedigt war, sprach das junge Mädchen den Doktor, den sie gern neckte, an.

»Haben Sie heute eine reiche Ernte gehalten, Doktor?«, fragte sie.

»Nicht gar zu reich, Señorita«, antwortete er.

»Aber«, sagte sie lachend, »die Steine waren, wie mir scheint, ziemlich zahlreich auf unserem Weg. Es hat nur an Ihnen gelegen, wenn Sie nicht eine ganze Maultierladung gesammelt haben.«

»Die Reise muss Ihnen sehr willkommen sein«, sagte der General, »sie bietet Ihnen Gelegenheit, sich Ihrer Leidenschaft für Steine und allerlei Pflanzen ungezwungen zu überlassen.«

»Ich gestehe Ihnen, General, nicht so sehr. Die Prärie ist nicht so reich, als ich dachte, und wenn ich nicht die Hoffnung hätte, eine Pflanze zu entdecken, welche die Wissenschaft fördern könnte, so würde ich mein kleines Haus in Guadeloupe, wo mein Leben so ruhig und einförmig verstrich, fast vermissen.«

»Bah!«, unterbrach ihn der Kapitän, »wir sind ja erst an der Grenze der Prärie, Sie werden sehen, dass, wenn wir mehr in das Innere vorgedrungen sind, Sie kaum imstande sind, alle Schätze, die Sie auf unserem Weg finden werden, einzusammeln.«

»Das wolle Gott, Kapitän«, seufzte der Gelehrte, »wenn ich nur die Pflanze finde, die ich suche, so will ich schon zufrieden sein.«

»Es ist also eine sehr kostbare Pflanze?«, fragte Donna Luz.

»Wie? Señorita«, rief der Doktor, sich ereifernd aus, »eine Pflanze, die Linné beschrieben und klassifiziert hat. Die aber seitdem niemand wiederfinden konnte, eine Pflanze, die meinen Ruf begründen würde. Und Sie können fragen, ob sie kostbar sei?«

»Was nützt sie denn?«, fragte das junge Mädchen neugierig.

»Was sie nützt?«

»Ja.«

»Nichts!«, antwortete der Gelehrte naiv.

Donna Luz schlug ein helles Gelächter auf, um dessen silberne Laute sie eine Nachtigall beneidet haben würde.

»Und das nennen Sie eine kostbare Pflanze?«

»Ja, eben wegen ihrer Seltenheit.«

»Aha … sehr wohl!«

»Hoffen wir, wir wollen hoffen, dass Sie sie finden, Doktor«, sagte der General in begütigendem Ton. »Jupiter, rufe für den Hauptmann unseren Führer.«

Der Afroamerikaner entfernte sich und kam bald, von einem Gambusino begleitet, wieder herein.

Es war ein Mann von ungefähr vierzig Jahren, groß, vierschrötig und kräftig gebaut. Sein Gesicht hatte, ohne hässlich zu sein, etwas Abstoßendes, was sich schwer erklären ließ, seine scheuen, schielenden, tief in den Höhlen eingesunkenen Augen hatten einen wilden Ausdruck, seine niedrige Stirn, sein wolliges Haar und seine kupferfarbige Haut gaben dem Ganzen einen durchaus nicht angenehmen Charakter. Er trug die Kleidung der Waldläufer, war kalt, ruhig, von Natur äußerst schweigsam, und trug den Namen Schwätzer, den ihm ohne Zweifel die Indianer oder seine eigenen Gefährten aus Ironie gegeben hatten.

»Hier, mein Freund«, sagte der General zu ihm, indem er ihm ein bis an den Rand mit einer Art Branntwein, nach dem Ort, wo man ihn fabriziert Mezcal genannt, gefülltes Glas reichte. »Trink das.«

Der Jäger verneigte sich, leerte das Glas, welches beinahe eine halbe Flasche enthielt, auf einen Zug, fuhr mit dem Ärmel über seinen Schnurrbart und wartete.

»Ich wünsche, mich in einer sicheren Stellung einige Tage aufzuhalten«, sagte der General, »damit ich ohne Furcht, überfallen zu werden, gewisse Nachforschungen anstellen kann. Sind wir hier vielleicht sicher?«

Das Auge des Führers blitzte, er heftete einen glühenden Blick auf den General. »Nein«, antwortete er kurz.

»Warum?«

»Zu viel Indianer und wilde Tiere.«

»Ist dir ein passenderer Ort bekannt?«

»Ja.«

»Weit?«

»Nein.«

»In welcher Entfernung?«

»Vierzig Meilen.«

»Wie viele Tage brauchen wir, um hinzukommen?«

»Drei.«

»Gut, du wirst uns hinführen, wir werden morgen mit Tagesanbruch aufbrechen.«

»Ist das alles?«

»Das ist alles.«

»Gute Nacht.«

Daraufhin entfernte sich der Jäger.

»Das gefällt mir an Schwätzer, dass seine Unterhaltung nicht langweilig ist«, sagte der Kapitän lächelnd.

»Mir wäre es lieber, wenn er mehr Worte gebrauchen würde«, sagte der Doktor kopfschüttelnd, »ich misstraue den Leuten, die stets fürchten, zu viel zu sagen, sie haben gewöhnlich etwas zu verbergen.«

Nachdem er das Zelt verlassen hatte, kehrte der Führer zu seinen Gefährten zurück, mit denen er eifrig leise sprach.

Die Nacht war herrlich. Die Reisenden hatten sich vor dem Zelt versammelt, rauchten ihre Zigarren und unterhielten sich.

Donna Luz sang eines jener reizenden Kreolenlieder, die so besonders melodiös sind.

Plötzlich zeigte sich ein rötlicher Schein am Horizont, der mit jedem Augenblick größer wurde. Man vernahm einen dumpfen, unausgesetzten Ton, wie das ferne Rollen des Donners.

»Was ist das?«, rief der General aus und stand hastig auf.

»Die Prärie brennt«, antwortete Schwätzer ruhig.

Bei dieser, so kaltblütig erteilten Auskunft geriet alles in Aufruhr im Lager.

Man musste schleunig flüchten, wenn man nicht Gefahr laufen wollte, lebendig zu verbrennen.

Einer der Gambusinos benutzte die allgemeine Verwirrung dazu, zwischen den Ballen hindurchzuschlüpfen und verschwand in der Ebene, nachdem er mit Schwätzer ein geheimnisvolles Zeichen gewechselt hatte.