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Einsendeschluss 31.05.2021

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Das Geheimnis zweier Ozeane 28

Drittes Buch
Drittes Kapitel
Mit Ultraschall und Weißglut

»Somit kann man aufgrund der Berechnungen, mit denen ich Sie soeben bekannt gemacht habe, zu folgenden Schlüssen kommen: Die kombinierte Wirkung der Ultraschallkanone mit dem bis auf zweitausend Grad erhitzten Schiffsrumpf garantiert uns die Bildung eines etwa zehneinhalb Meter breiten Tunnels durch die Eiswand. Die Kanone lockert das Eis und verwandelt es in eine breiartige Masse. Der glühende Schiffsrumpf, der durch Düsenantrieb auf diese Masse mit seinem Bugteil drückt, schmilzt den Eisbrei zu Wasser und bahnt sich seinen Weg durch den so entstehenden Tunnel. Das U-Boot muss dabei eine Geschwindigkeit von mindestens drei Metern in der Stunde entwickeln. Kanone und Düsen werden ununterbrochen fünfundzwanzig bis dreißig Stunden arbeiten, damit die Pionier wieder das offene Meer erreichen kann. Das ist in großen Zügen der Plan, dessen Verwirklichung unser Schiff wieder flottmachen soll; er ist sorgfältig durchgearbeitet und theoretisch überprüft. Sollte noch jemand eine Frage oder einen Einwand haben, so bitte ich den Betreffenden, sich zu äußern.«

Der Kapitän setzte sich. Sein Gesicht zeigte Spuren einer schlaflosen Nacht, aber seine Augen blickten voller Zuversicht.

Keiner, der Männer, die zu der vom Kapitän einberufenen Sitzung erschienen waren, sagte ein Wort.

In der Kajüte herrschte längere Zeit Stille.

Der Zoologe, der in der Ecke saß, war der Erste, der das Schweigen brach. Er rief begeistert aus: »Ein genialer Plan! Klar und einfach! Sogar für mich Laien …«

»Etwas Besseres kann man sich kaum denken«, pflichtete ihm der Chefakustiker Tschishow bei. Sein rundes, rotwangiges Gesicht strahlte. »Die Berechnungen bezüglich der Kanone stimmen ganz genau. Unser Kapitän wird mit ihr keine Enttäuschung erleben. Was mich angeht, so stimme ich dem Plan voll und ganz zu.«

»Da gibt es nicht mehr zu besprechen«, sagte auch Elektroingenieur Kornejew. »Der Professor hat recht. Dieser Plan ist so einfach und klar; dass ich es nicht für nötig halte, ihn noch einmal zu überprüfen. Er beruht auf der Arbeit der Wärme erzeugenden Aggregate des U-Bootes. Es hatte nur der Idee bedurft, sie in dieser besonderen Lage einzusetzen.«

»Und die Düsen brauchen auch nicht überanstrengt zu werden«, ließ sich Gorelow hören. »Wir hatten ganz vergessen, dass das Eis für unsere Pionier im Grunde genommen fast das gleiche ist wie Wasser. Und wenn wir es nicht so eilig hätten, könnten wir sogar – nichts für ungut, Genosse Tschishow – ohne Ihre Ultraschallkanone auskommen. Die Düsen und die Erhitzung des Schiffsrumpfes würden völlig genügen, um die Eiswand so leicht zu durchdringen, als gleite eine heiße Nadel durch Butter. Und so einfach die Sache auch ist, keiner von uns ist darauf gekommen. Ich möchte uns alle dazu beglückwünschen, dass wir auf einem so wunderbaren U-Boot, dieser genialen Schöpfung der sowjetischen Technik, arbeiten dürfen, dass wir einen so tüchtigen und erfinderischen Kapitän haben, wie es unser Nikolai Borissowitsch ist! Der Plan ist ausgezeichnet, und wir müssen so schnell wie nur möglich zu seiner Verwirklichung schreiten, um keine Zeit mehr zu verlieren.«

Der Kapitän, der reglos mit halbgeschlossenen Augen auf seinem Stuhl saß, hob seine Lider und streifte Gorelow mit einem kurzen, forschenden Blick. Dann hörte er mit unbewegtem Gesicht Oberleutnant Bogrow zu, der ebenfalls der Meinung war, dass der Plan sehr klar sei und jetzt verwirklicht werden sollte.

Nachdem sich auch die übrigen Anwesenden zustimmend geäußert hatten, sagte der Kapitän: »Gut. Nehmen Sie anschließend zur Kenntnis: Genosse Sjomin versammelt sofort alle dienstfreien Genossen; ich werde ihnen den von uns beschlossenen Plan bekannt geben. Jetzt ist Mittag. Nach dem Essen, um dreizehn Uhr, versetzt Oberleutnant Bogrow das U-Boot in volle Gefechtsbereitschaft. Um vierzehn Uhr erfolgt das Signal: ‚Alle Mann auf Deck!’ Der Schiffsrumpf ist unter Dampf zu halten. Um vierzehn Uhr wird die Pionier unter meinem Kommando eine Drehung nach Süd beginnen. Weitere Befehle sind abzuwarten. – Die Sitzung ist geschlossen.«

Die Wake im Eisberg war für das vorgesehene Manöver der Pionier, deren Länge siebzig Meter betrug, sehr schmal. Die am 18. Juli zur festgesetzten Zeit begonnene Drehung des Bootes erforderte daher viel Umsicht und Geduld.

Der Kapitän stand in der Mitte des Steuerraumes und beobachtete auf dem Bug- und dem Heckbildschirm die langsamen Bewegungen des U-Bootes. Das Gesicht des Kommandanten zeigte jetzt keine Spur mehr von Müdigkeit.

Leutnant Krawzow bediente die zahlreichen Tasten, Knöpfe und Hebel auf dem Steuerpult. Es galt, das Boot fast auf der Stelle um volle einhundertachtzig Grad zu drehen.

»Stopp!«, sagte plötzlich der Kapitän. »Hier kann man ja kaum manövrieren! Und dabei befinden wir uns in der breitesten Stelle der Wake … Eine schwierige Sache!«

»Die Düsen berühren fast die Eiswand«, bemerkte der Leutnant und rieb sich die von der ununterbrochenen Arbeit verkrampften Finger. »Sollte man nicht Skworeschnja beauftragen, dort das Eis zu sprengen?«

»Das hält uns nur auf. Und dann so nahe am Schiffsrumpf … Nein, wir werden einen kleinen Schmelzversuch machen. Steigern Sie die Temperatur bis auf tausend Grad!«

»Zu Befehl! Fünfhundert … sechshundert …«, las der Leutnant den Temperaturanstieg vom Pyrometer1 ab. »Achthundert … neunhundert … tausend!«

»Halten Sie die Hitze! Ein Hundertstel voraus! Mehr nach rechts … Ausgezeichnet!«

Der Leutnant warf einen kurzen Blick auf den Bildschirm. Er sah milchige Dampfstrahlen, die unter dem Schiff emporschossen, und die nach links langsam zurückweichende dunkle Eismasse. Der erhitzte Bug des U-Bootes schmolz im Eisufer der Wake eine breite Rinne aus. Noch eine Minute – und die Pionier war, den Bug nach Süden gekehrt, im freien Wasser.

»Stopp! Was meinen Sie?«, fragte der Kapitän aufgeräumt. »Ist der Versuch gelungen?«

»Fabelhaft, Nikolai Borissowitsch!«, rief der Leutnant. »Wir schaffen es!«

Das U-Boot bewegte sich langsam in vierzig Meter Tiefe und näherte sich der südlichen Eiswand.

Nach drei Minuten wurde im ganzen Schiff eine leichte Erschütterung spürbar. Die Pionier hielt plötzlich.

Leicht vornübergebeugt stand der Kapitän in der Mitte des Steuerraumes und schaute angespannt auf den Bildschirm. Der Schiffsrumpf bebte leicht unter dem Druck, den die Düsen auf das Eis ausübten.

»Temperatur auf zweitausend Grad steigen lassen!«, befahl der Kapitän.

Schon bei tausendfünfhundert hörte das Beben auf. Bei zweitausend Grad beschleunigte sich die Bewegung der dunklen Masse auf dem Bildschirm und erreichte einen Zentimeter in der Sekunde. Der Gegendruck des Eises war nicht mehr spürbar.

»Mit fünf Hundertsteln voraus!«

Man merkte, wie das U-Boot schneller vorwärts drang. Plötzlich war im Steuerraum ein brausendes Geräusch zu hören.

»Was ist das?«, fragte der Leutnant und schaute den Kapitän an, der immer noch reglos in der Mitte des Raumes stand.

»Der Dampf verwandelt sich nicht schnell genug in Wasser und sucht sich einen Ausgang durch den engen Spalt zwischen Schiffsrumpf und Eis …«, antwortete der Kapitän und befahl: »Mit einem Zehntel voraus!«

Das Brausen verstärkte sich und ging in einen Ton über, der sich wie das Geheul hungriger Wölfe in einer Winternacht anhörte.

Aufmerksam beobachtete der Kapitän den Bildschirm.

Die Pionier fraß sich langsam, aber stetig durch die Eiswand und war schon fünf Meter eingedrungen.

»Mit fünfzehn Hundertsteln voraus!«, ertönte wieder ein Kommando.

Die Fahrt des U-Bootes hatte sich etwas beschleunigt, aber das Heulen hinter der Schiffswand war nun in ein scharfes durchdringendes Pfeifen übergegangen. Wieder bebte das Boot. Das Eis schmolz nicht schnell genug. Ein Teil des Düsendrucks konnte nicht ausgenutzt werden und ließ das Schiff beben. Man musste einen Ausgleich schaffen.

»Bugkanone gefechtsbereit! Schall! Mit voller Wirkung!«

Ein melodisches Dröhnen mischte sich mit dem Pfeifen des Dampfes. Die Ultraschallkanone war in Tätigkeit getreten und lockerte in Bugrichtung das Eis auf, sein Schmelzen dadurch beschleunigend. Der Tunnel wurde immer breiter und größer, ebenso der Spalt zwischen dem Schiffsrumpf und den Eiswänden des Tunnels; der Dampf konnte besser entweichen, und das Pfeifen hörte auf.

Die Kanone arbeitete vorzüglich. Jetzt war der Dampf, nicht mehr das Eis, ein Hindernis für das U-Boot geworden. Mit ungeheurer Gewalt drückte er gegen den Bug. Er brauste um den Schiffsrumpf, strich an den Tunnelwänden entlang und taute sie noch mehr auf. Rings um die Pionier begann ein Kampf zwischen Dampf und Wasser. Durch das stete Vordringen des U-Bootes herausgepresst, drückte der Dampf mit ungeheurer Gewalt das Wasser aus dem Tunnel. Das Schiff war schon fast acht Meter in den Leib des Eisberges eingedrungen.

»Mit zwei Zehnteln voraus!«, hallte durch das Dröhnen der Bugkanone das Kommando des Kapitäns.

Diese Düsenleistung sollte es ermöglichen, das U-Boot mit der berechneten Geschwindigkeit – drei Meter in der Stunde – voranzutreiben. Eine weitere Verstärkung des Düsenantriebs wäre zwecklos. Der Widerstand des Dampfes würde so anwachsen, dass er für das Boot unüberwindlich wäre.

Durch alle Räume der Pionier schrillte das Signal zur Aufhebung der Gefechtsbereitschaft. Alles verlief normal, und an den Maschinen und Geräten brauchte nur die Bedienung zu bleiben.

Durch alle Luken stiegen erschöpfte, aber frohe Menschen zum oberen Teil des U-Bootes, wo sich die Kajüten und der Aufenthaltsraum befanden. Niemand dachte an Ruhe und Schlaf.

Der große Raum war sofort von lauten Stimmen erfüllt, die sich mit dem gleichmäßigen Dröhnen der Ultraschallkanone mischten. Sogar der ruhige, immer etwas phlegmatische Skworeschnja war heute unruhig. Seine riesige Gestalt tauchte bald hier, bald dort auf.

In einer Ecke saß Marat.

»Nun, was macht deine Armbanduhr?«, fragte ihn Kosyrew. »Das Gleiche wie deine.« Resigniert ließ Marat den Kopf auf die Brust sinken.

Kosyrew lächelte gutmütig und setzte sich zu ihm.

»Jetzt können wir ja damit herausrücken, was wir uns ausgedacht hatten«, sagte er. »Was wolltest du denn für einen Vorschlag machen?«

»Ich hatte den Plan, das Eis mit Drahtseilen, die man vorher zum Glühen gebracht hätte, zu schneiden. Auf diese Weise würde man die Eiswand in lange und breite, sich nach innen verjüngende Schollen zerlegen. Durch Sprengung würden sie ins Wasser hinabrutschen. Ich denke, das wäre ziemlich fix gegangen. Und was hattest du dir ausgedacht?«

»Ich? Du wirst es kaum glauben …« Kosyrew rückte näher an Marat heran. »Ich wollte die Eiswand durch konzentrierten Ultraschallbeschuss zerstören … wie es jetzt gemacht wird. Ehrenwort! Aber an den glühenden Schiffskörper habe ich nicht gedacht …« Kosyrew fuhr mit der Hand durch seine roten Haare. »Doch wenn ich noch Zeit gehabt hätte, wäre ich vielleicht auch darauf gekommen.«

In der Tür zeigte sich Oberleutnant Bogrow.

»Befehl des Kapitäns!«, sagte er mit lauter Stimme. »Alle Mann in die Kajüten! Ausruhen! Schlafen! Es kann jeden Augenblick wieder Alarm gegeben werden.«

»Sind wir schon weit in das Eis eingedrungen?«, fragte Matwejew.

»Fast zwanzig Meter …«

Kaum hatte der Oberleutnant dies gesagt, als zwei kurz aufeinanderfolgende Stöße, begleitet von einem ohrenbetäubenden Getöse, das ganze Schiff vom Bug bis zum Heck erschütterten. Der Fußboden neigte sich scharf, und in der plötzlich eingetretenen Dunkelheit rollte in dem Aufenthaltsraum ein Knäuel menschlicher Leiber zur Wand. Das Dröhnen der Ultraschallkanone hatte aufgehört. Im nächsten Augenblick wurde das U-Boot zurückgeschleudert, mit durchdringendem Knirschen fuhr etwas über die Außenwand des Schiffes, der Fußboden nahm wieder die horizontale Lage an. Das lebende Knäuel rollte von der Wand zurück; man hörte Ächzen und Schnaufen. Pawlik stöhnte laut …

Show 1 footnote

  1. Messgerät zur Bestimmung hoher Temperaturen (über 500° Celsius).

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