Archive
Folgt uns auch auf

Farmer und Goldsucher – Kapitel 6

Farmer und Goldsucher
Abenteuer und Erlebnisse eines jungen Auswanderers in Virginia und Kalifornien

Kapitel 6

Bei meiner Rückkehr in unser Hauptlager fand ich weder den Schriftsteller noch Furchtlos vor, der sich jedenfalls noch mit Townships Aufsuchung beschäftigte. Unser für die Reise gemieteter Diener hatte sich, während wir alle unterwegs waren, aus dem Staub gemacht, ohne sich weiter um unser Zelt zu kümmern. Glücklicherweise hatte noch niemand aus unserer Abwesenheit Nutzen gezogen, denn unsere Habseligkeiten standen noch unberührt da, ja selbst unser Diener hatte außer seinem bescheidenen Gepäck nur das Pferd mitgenommen, das wir für ihn angeschafft hatten.

Es war nur zu wahrscheinlich, dass dieser verschlagene Mensch, nachdem er die Reise auf unsere Kosten mitgemacht hatte, es vorzog, auf eigene Rechnung das Geschäft eines Gambusin« zu betreiben. Ich erkannte hierin ein erstes Anzeichen der hier herrschenden Krankheit und dachte mit Entsetzen an das Unheil, welches dieses furchtbare Goldfieber über unsere eben erst gründende Kolonie hereinbrechen würde.

Ich eilte durch das Lager und fand überall dieselbe Stille und Ruhe wie in unserem Zelt. Die Ochsen, noch angeschirrt, standen ruhig vor den von ihren Besitzern verlassenen Wagen. Die Zelte waren verlassen. Die Goldsucht schien alle Auswanderer wie eine ansteckende Krankheit vertrieben zu haben. Keiner hatte die Unruhe zügeln können, die ihn seit drei langen Monaten verzehrt hatte. Alle waren in die verschiedensten Richtungen gestürzt, um goldhaltige Stellen zu suchen, unbekümmert um das, was sie an Wertvollem und Nützlichem zurückließen. Der Romandichter war dem Beispiel der Übrigen gefolgt. Die Goldminen Kaliforniens sollten ihn für die Enttäuschungen schadlos halten, welche er in den Sümpfen Virginias erlitten hatte. Er war einer der Letzten bei der Rückkehr ins Lager.

»Ein herrliches Land«, sagte er an mich herantretend, »man kann hier meilenweit gehen, ohne einen einzigen Morast zu finden, selbst wenn man danach suchen wollte. Das ganze Land besteht aus sandigen Ebenen.«

»Ist das alles, was Ihr entdeckt habt?«, fragte ich lachend.

»Es ist doch etwas, denn ich habe einen Abscheu vor Sümpfen. Da der Sand Gold in sich birgt und ich die Überzeugung gewonnen habe, dass dies eine vollkommen wahre Tatsache ist, habe ich sofort einen solchen Goldplatz für einige Taler in bar gekauft.«

»Was? Hier einen Platz kaufen? In Kalifornien? Ihr wollt Euren Scherz mit mir treiben.«

»Warum? Wenn man sich für wenige Taler die Dollars tausendfach verschaffen kann, so ist dies doch ein ausgezeichnetes Geschäft. Wir verlassen das Lager und biwakieren diesen Abend auf unseren Goldfeldern.«

Furchtlos kehrte in dem Augenblick zurück, als mir der Romandichter einige nähere Mitteilungen über seinen Ankauf geben wollte. Er brachte einen prächtigen Damhirsch mit und hatte überdies noch die Fährte eines braunen Bären entdeckt, dabei aber vergessen, den Squatter weiter zu suchen. Ich unterrichtete meine Gefährten von der Flucht unseres Dieners, teilte ihnen aber auch mit, dass ich Township gefunden hatte. Die letztere Nachricht rief eine lebhafte Freude hervor und verwischte den Eindruck, den das Verschwinden des Dieners verursacht hatte. Indessen konnten wir unseren Zusammenschluss mit dem Squatter nicht eher ausführen, bis wir das von dem Dichter angekaufte Land durchsucht hatten.

»Wir werden immer noch Zeit haben«, rief er aus, »uns mit Township zu vereinigen!«

Furchtlos spannte den Wagen an. Wir setzten uns zu dem Ort in Bewegung, den mein Gefährte für sich zu freier Verfügung gekauft hatte. Auf dem Weg dorthin teilte er mir die näheren Gründe mit, die ihn zum Abschluss dieses Handels bewogen hatten. Als er in den dem Lager benachbarten Ebenen nach einer bequemen goldhaltigen Stelle gesucht hatte, bemerkte er zwei, mitten im Sand sitzende Männer bemerkt, welche ihrer bizarren Kleidung nach nur wirkliche Kalifornier sein konnten. Einer dieser Männer hatte eine ernste Haltung und das ehrwürdige Aussehen eines Alkaden, der andere, in einen zerrissenen Mantel gehüllt, über welchem das Haupthaar unordentlich herunterfiel, das Aussehen eines Bettlers oder vielmehr eines Räubers. Beide hatten breite hölzerne Mulden, welche sie voll Sand füllten, danach diese mit größter Vorsicht in das Wasser eines nahen Flusses tauchten und den nass gewordenen Sand mit ihren Fingern durchwühlten. Allen Anzeichen nach musste diese Prozedur vom besten Erfolg gekrönt gewesen sein. Denn jedes Mal kamen aus dem Mund des Arbeiters im zerrissenen Mantel Freudenschreie, untermischt mit inbrünstigen Dankesworten an alle Heiligen des Paradieses. Mit Erstaunen hatte der Dichter zugesehen. Der Goldsucher jedoch fuhr in seiner Arbeit fort, ohne jenen zu bemerken, und richtete von Zeit zu Zeit, in schlechtem Englisch einige Worte an seinen Begleiter. Er drückte seinen Verdruss aus, dass er bereits am Abend dieses so reiche Gebiet verlassen müsse, ohne einen Menschen finden zu können, der es ihm abkaufen wollte. Bei diesen Worten hatte er ein Goldstück von der Größe eines Mandelkerns zwischen seinen Fingern gehalten. Der Alkade hörte schweigsam zu. Mein Gefährte aber kannte in seiner Freude keine Grenzen mehr, denn das Goldstück war vor seinen Augen aus dem Sand herausgesucht worden.

»Und wenn ich Euch diese Strecke abkaufte«, rief er den beiden Gambusinos näher kommend lebhaft aus und bot ihnen zehn Dollar, da ihm nicht mehr übrig geblieben war. Der Goldsucher hatte lange gezögert, den Handel abzuschließen. Aber wegen dringender Geschäfte, in einer Ehrensache nach San Francisco gerufen wurde und somit gezwungen war, den Claim zu verlassen, hatte er unter Verwünschungen und Fluchen endlich mit den Worten eingewilligt, dass er gegen einige Piaster den Wert einer Million eintauschte. Unser Schriftsteller, erfreut über dieses unerwartete Glück, wollte uns ohne Aufenthalt in sein Eldorado führen, das er sich durch solch leichten Kauf erworben hatte.

Wir gelangten zu dem erwähnten glückseligen Orte, suchten unsere Schaufeln, Hacken und Siebe heraus, welche auf dem Wagen lagen, und gingen mit großem Eifer an unsere Arbeit, während der Kanadier seinen erlegten Hirsch abzog und davon einige Teile für die Abendmahlzeit zubereitete. Zu unserem großen Erstaunen verstrich eine Stunde nach der anderen, ohne dass sich nur das kleinste Goldkörnchen unter den von uns ausgegrabenen, gesiebten und mit äußerster Sorgfalt durchgewaschenen Sandhaufen vorgefunden hätte. Die Nacht brach ein und wir hatten noch nicht die geringste Kleinigkeit an Gold entdeckt.

»Wir haben es noch nicht richtig im Griff«, tröstete der unverdrossene Dichter, dessen Zuversicht nichts zu erschüttern vermochte, »morgen wird alles besser gehen.«

Indessen verstrich der zweite Tag, ohne ein besseres Resultat erzielt zu haben. Der Boden, aufgewühlt nach allen Seiten, zeigte uns wie am Tag zuvor nur Sand und Steine. Als der Abend kam, waren wir vollkommen erschöpft. Die Vermutungen, welche ich über die Redlichkeit dieses Claimkaufs gehegt hatte, wurden bei mir zur Gewissheit. Der Dichter war durch die List eines gewandten Gauners, welcher auf dessen Leichtgläubigkeit gesetzt hatte, tüchtig getäuscht worden. Ich teilte ihm meine Ansicht mit, die auch er kurze Zeit später zu teilen schien. Wir beschlossen, an dem folgenden Tag, ohne noch viel Zeit für den nicht lohnenden Boden zu verschwenden, Township und seine Leute am Ufer des Sees aufzusuchen und dort unsere Arbeiten mit Berücksichtigung der vom mexikanischen Jäger gegebenen Anweisungen von Neuem aufzunehmen.

Mit dem ersten Strahl des anbrechenden Morgens bestiegen wir unseren Wagen und hatten in kurzer Zeit das Ufer des Sees erreicht. Dort hatte alles eine andere Gestalt angenommen. Die abgesonderten einzelnen Parteien, welche sich in unserer Karawane gebildet hatten, schienen sich ein Rendezvous gegeben zu haben. Hütten in der Ebene, auf den Felsen, unter Tannen und Zedern waren bereits errichtet worden. Jede der einzelnen Parteien hatte ihr abgesondertes Terrain und ihre bestimmten Wohnungen. Ein Haufen Arbeiter trieb sich unaufhörlich zwischen diesen Hütten, die einer kleinen improvisierten Stadt glichen, geräuschvoll umher. Die Freudenrufe der Goldsucher und ihre lärmende Tätigkeit bildeten einen seltsamen Gegensatz zu dem totenähnlichen Schweigen, das sich über die höchsten Gipfel der Sierra Nevada gelagert hatte. Es schien mir, indem ich die Grabesruhe dieser hohen Bergzinnen mit dem wilden Treiben im Tal verglich, als ob die Natur selbst ihre erhabene Größe der unruhigen Tätigkeit der Menschen entgegenstellen wollte.

Ich fand dort größtenteils die bekannten Gestalten unserer Reisegefährten wieder, aber vergeblich versuchte ich unter ihnen den Mexikaner vom Arkansas zu entdecken. Seit dem Alarm jener Nacht hatte ihn niemand wieder im Lager gesehen. Unser Zusammenschluss mit dem Squatter wurde rasch vollzogen. Wir erweiterten den Umkreis seines einer Verschanzung gleichenden Anbaues, um Raum für unser Zelt und unseren Wagen zu gewinnen. Furchtlos schlief unter der Decke des Wagens, während der Dichter und ich im Zelt logierten.

Von den geträumten Millionen meines Gefährten war nur die Hoffnung auf ihren künftigen Besitz geblieben. Wir beschlossen nun, um zu einem Resultat zu gelangen, voneinander getrennt zu arbeiten, nachdem wir uns durch Beobachtung der an den Ufern des Sees tätigen Goldsucher mit den verschiedenen Verfahren dieser Kunst etwas vertraut gemacht hatten.

Goldminen sind in Kalifornien als auch in mehreren mexikanischen Staaten im Überfluss vorhanden. Aber um diese zu finden, ist eine gewisse praktische Erfahrung erforderlich, die uns allen noch fehlte. Vor allen Dingen kam es darauf an, beim Auswaschen des goldhaltigen Sandes mit größter Vorsicht und Aufmerksamkeit zu Werke zu geben. Die unter dem Sand befindlichen Goldstücke, welche durch Regenwasser von ihren Adern abgelöst werden, sind mit einer Tonschicht überzogen, welche sie ganz unkenntlich macht. Sie erhalten ihren Glanz und ihr Ansehen erst durch Waschen und Reiben mit reinem Wasser. Die Maschinen, welche das Auswaschen der Steine und des Sandes verrichten, waren die vollkommensten und einträglichsten und erforderten einen geringen Zeitaufwand. Der amerikanische Erfindungsgeist hatte mithilfe dieser Maschinen, zu deren Bau er allerdings seine ganze Schaffungskraft aufbieten musste, in ziemlich goldarmen Distrikten höhere Resultate erzielt als in goldreichen Gebieten.

An den Ufern des Bompland sahen wir einige dieser mächtigen Maschinen, wahre Wunderschöpfungen der amerikanischen Industrie, in Aktion.

Riesenhafte Kübel und Tröge, unaufhörlich gefüllt, angefeuchtet und ausgeleert, verarbeiteten mithilfe einer von nur einem Arm dirigierten Winde, ungeheure Sandlasten, welche mehrere starke Männer kaum zu bewegen imstande gewesen wären. Breite, mit Schlingen zusammengebundene Körbe wurden mithilfe langer Stricke, deren Enden zwei Arbeiter hielten, beständig in den See getaucht und wieder herausgezogen. Andere Goldsucher arbeiteten an der Vollendung von großen Wasserrädern, deren eisenbeschlagene Schaufeln den Sand gleichzeitig reinigen und waschen sollten. Mit einem Wort, diese unermüdliche amerikanische Unternehmungslust, welche schon die Gestalt eines Weltteils verändert hatte, war in vollster Wirksamkeit.

Die Wesen strahlten vor Entzücken, denn diese rastlose Tätigkeit begann Früchte zu tragen. Überall vernahm man Freudenrufe und wahrhaft unsinnige Dankesäußerungen. Frohlockend zeigte man sich Goldkörnchen, obwohl diese als Ausbeute der daneben liegenden Sandhaufen bezüglich ihrer Größe in keinem Verhältnis standen. Andere Glücklichere fanden zuweilen etwas ansehnlichere Stückchen, deren Umfang von Mund zu Mund getragen, in Europa als ganze Goldklumpen ausposaunt wurden. Sobald der Abend hereinbrach, berechneten die Arbeiter beim Schein der Feuer, an welchem die Jäger jeder Partei das erlegte Wild zubereiteten, ihren Gewinn, versprachen sich für den nächsten Tag noch größere Beute und wiegten sich in goldene Träume ein.

Inzwischen fehlte es auch nicht an dunklen Gerüchten. Arbeiter, die sich entfernt hatten, um das zum Aufbau neuer Maschinen notwendige Holz zu fällen. Die von ihren Streifzügen zurückkehrenden Jäger hatten beunruhigende Anzeichen bemerkt und verdächtige Gestalten auf den Felsen herumschleichen sehen. Die Ausdünstungen der aufgewühlten Erdmassen und die glühende Sonnenhitze hatten in der Atmosphäre Krankheitskeime verbreitet, welche bei beständiger Arbeit und unzureichender Nachtruhe sich weiter entfalten mussten. Man empfand die Gefahr, ohne sie zu sehen. Unruhe war in jeder Miene und hatte sich über die ganze Kolonie gelegt, unsichtbaren Gewittermassen gleich, welche mit einem Mal sich entladend, die furchtbarsten Zerstörungen in ihrem Gefolge haben. Inmitten dieser allgemeinen Bestürzung bot mir die Familie des Squatters, welche ich oft aufsuchte, die angenehmsten Zerstreuungen. Indes verschaffte sich dieser traurige Zustand überall Platz, und die Besorgnis, die man in den Gesichtszügen des Familienoberhauptes las, schien all seinen Kindern bewusst zu sein. Nur durch die Anstrengung der Arbeit allein konnte man sich diesen düsteren Gedanken entziehen. Auch unsere kleine Kolonie arbeitete mit einem wahren Eifer – die Männer im Feld, die Frauen im Haus.

Der Anblick dieser gemeinschaftlichen Kräfte hatte für mich einen besonderen Reiz. Mir war es, als lebte ich in der Mitte einer jener glücklichen Familien, die, wenn auch in der Wüste, doch stets in ihrem Vaterland sind. Diese heilige Kraft des Familienbandes, welche bei den Amerikanern noch durch nichts geschwächt zu sein schien, machte mir die Leichtigkeit erklärlich, mit welcher sie sich zur Auswanderung entschlossen hatten und sich überall rasch heimisch fühlten. Wie kann man auch sein Vaterland vermissen, wenn man sich mit allen, die man liebt, an einem Herd vereinigt sieht? Während die Frauen spannen, die Kinder die Büchsen reinigten oder sich eine mühsame Arbeit teilten, warf Township einen Blick voll freudigen Stolzes auf die kräftigen Gestalten seiner Söhne, auf seine sanfte und ernste Tochter und gefiel sich darin, die Geschichte seiner Familie zu erzählen, deren Los er durch so viele Gefahren geführt hatte. Diese Erzählung hatte für einen geborenen Amerikaner, den es aus der Stadt unaufhörlich in die Wüsten und Wälder treibt, nichts Auffälliges, wohl aber für einen Deutschen, der die Landbevölkerung beständig nach den Städten verlangen sieht. Ich hörte Township mit viel Interesse zu, denn seine Erzählung bot mir eigentümliche Aufschlüsse über das Leben der Squatter, welche eine der zahlreichsten Klassen unter der amerikanischen Bevölkerung bilden. Vor ungefähr dreißig Jahren hatte sich Townships Vater an der Küste des Atlantischen Ozeans auf einem dürftigen Anwesen niedergelassen. Als aber der Ertrag seiner Äcker mit dem Wachstum seiner Familie in keinem Verhältnis mehr stand, hatte er den Entschluss gefasst, sich einem fruchtbareren Grundbesitz umzusehen. Er hatte all sein verkaufbares Eigentum zu Geld gemacht, bis auf einige Ackergeräte, welche ihm später noch Dienste leisten sollten. Er behielt ein Paar Pferde, welche die zum Transport seiner Familie und seiner Möbel bestimmten Wagen ziehen mussten, sowie eine stattliche Zahl an Hornvieh. Eines Morgens brach er auf. Tage, Wochen, Monate verstrichen bis zu dem Augenblick, bis die ganze Familie, welche die Staaten New York, Pennsylvania und die Alleghany Mountains durchwandert hatte, an den Ufern des Ohio ankam. Zu dieser Zeit bedeckten noch dichte, für Wagen undurchdringliche Wälder den Boden, auf dem sich heutzutage reiche Städte erheben. Er hatte mithilfe seiner kräftigen Kinder die ganze zähe Energie eines Auswanderers nötig gehabt, um die Ufer dieses Flusses zu erreichen. Durch eine wunderbare Kühnheit und Ausdauer hatte er den Fluss auf seiner Wanderung überquert und sich mit seiner Familie am entgegengelegenen Ufer des Ohio angesiedelt. Der Punkt, an welchem Townships Vater angehalten hatte, war damals noch ganz verwildert. Feuer und Axt lichteten den erforderlichen Raum, um eine Farm zu errichten, eine Hütte zu bauen und das Land urbar zu machen.

Während die Frauen die durch die lange Reise beschädigten Kleidungsstücke wieder ausbesserten, fällten Männer und Knaben Holz an den Ufern des Flusses.

Ein Feuer, welches die Nacht hindurch vor der Hütte brannte, war für die hinauf- und herabfahrenden Schiffe ein Signal, dass man an diesem Ort Holz kaufen konnte. Solche Verkäufe bildeten den ersten Erwerb für die Farmer, auch Kolonisten genannt. Bald erweiterten die Squatter ihr Farmerleben zu einem Handelsgeschäft. Sie schlugen Bauholz und ließen dieses sogar bis nach New Orleans zum Verkauf transportieren. Ein Jahr war inzwischen verflossen. Von Geschäft zu Geschäft übergehend, hatte sich das Vermögen der Familie dermaßen vermehrt, dass sie sogar einige Hundert Dollar übrig hatte.

Der Handelsgeist des Amerikaners hatte sein Vermögen so ungemein vergrößert, dass nach Nur zwei Jahren das Familienoberhaupt ein reicher Farmer war. Unter den Augen eines solchen Mannes war Township herangewachsen. Er hatte geschworen, sich an seinem Vater ein Beispiel von Mut und Kühnheit zu nehmen und getreu Wort gehalten. Auch er hatte schnell die Gefahren eines abenteuerlichen Lebens mit der Ruhe eines festen Wohnsitzes getauscht. Er hatte eine neue Familie, eine neue wandernde Kolonie für sich geschaffen. In dem Augenblick, wo er mir die Erlebnisse seines mühsamen und tätigen Lebenslaufes erzählte, glaubte er noch nicht ganz am Ende seiner Reise angelangt zu sein. Er sprach und handelte stets wie ein wahrer Squatter. Ich fand in Township sozusagen das Muster jener unermüdlichen Kolonisten, welche ein unwiderstehlicher Drang beständig mit Axt und Pflug umherwandern lässt.

Die Gespräche mit Township und die im Kreise seiner Familie verlebten Abende waren für mich das beste Hilfsmittel gegen jede Entmutigung. Ich arbeitete umso mehr mit großem Eifer, da mich diese Plaudereien recht erheitert hatten und anspornten. Ich kann es nicht leugnen, dass unsere Arbeit ihre Früchte zu tragen begann. Der Romandichter und ich gruben in dem Bett eines Sturzbaches und erlangten von Tag zu Tag reichere Ausbeute. Wir folgten Schritt für Schritt dem Lauf dieses Baches und, obwohl mit schwächeren Werkzeugen versehen als der größte Teil der übrigen Goldsucher, waren wir nicht weniger glücklich als die erfahrensten Gambusinos. Unterdessen verließen die Arbeiter die Ufer des Sees, die nach allen Richtungen hin durchwühlt waren. Einzelne Trupps betraten bereits das durch Hacke und Steinhammer noch nicht so sehr mitgenommene Gebiet.

Furchtlos begleitete uns beständig auf unseren weiten Märschen, denn die beunruhigenden Anzeichen, die seit einigen Tagen die Kolonie aufs Neue in Schrecken versetzten, verstärkten sich mehr und mehr. Zwietracht begann unter den verschiedenen Parteien Besitz zu ergreifen. Krankheiten fingen an, die durch die ständige strapaziöse Arbeit überreizte Bevölkerung niederzuwerfen. Je mehr Gold gefunden wurde, je mehr stieg die Habsucht. Betrügereien und Angriffe auf fremdes Eigentum vermehrten sich. Beim Sondieren der Flüsse und beim Durchsuchen der Schluchten fand man tote Körper. Jede Nacht entstand Lärm, und trotz der Wachsamkeit unserer Wachen gelang es den listigen Banditen stets, ein Zelt oder einen alleinstehenden Wagen zu berauben. Bemerkenswert war es indessen, dass unter diesen Überfällen und Räubereien bisher nur die in Amerika Geborenen zu leiden hatten. Männer von spanischer Abkunft, welche sich unter uns befanden, hielten dies für gar nichts Auffälliges. War dies ein auf Leben und Tod unternommener Kampf der Vertriebenen gegen die Vertreiber? Der Romandichter und ich unterhielten uns eines Tages darüber, als wir uns von der Arbeit ermüdet in das Bett eines ausgetrockneten Baches gesetzt hatten, in welchem wir reiche Goldvorkommen hofften.

»Welch’ düsteres, trauriges Verhängnis«, sagte mein Gefährte. »Wer von uns kann, wie die Sachen jetzt hier stehen, mit Zuversicht behaupten, dass er am nächsten Morgen die Sonne wieder aufgehen sieht?«

»Niemand kann es«, erwiderte eine tiefe Stimme hinter uns, deren Ton mich zittern machte und die Antwort, welche ich meinem Kameraden geben wollte, auf den Lippen ersterben ließ.

Der mexikanische Jäger vom Arkansas stand vor uns. Er ritt ein schönes Pferd und war rasch den Hügel herabgeritten, an dessen Fuß wir saßen. Wir hatten uns jedoch bald von dem Schrecken erholt, den uns diese unerwartete Erscheinung verursacht hatte, und betrachteten stillschweigend einige Augenblicke den Mann, der mit so traurigen Worten unsere Unterhaltung unterbrochen hatte. Der Mexikaner hatte nicht mehr jenen spöttischen und hinterlistigen Gesichtsausdruck, der uns an ihn gestört hatte. Seine scharf markierten Gesichtszüge zeigten Aufregung und Kummer, seine Kleidung war sorgfältiger wie gewöhnlich und alles in seinem Wesen deutete auf einen plötzlichen Glückswechsel.

»Seit ich mich von Euch verabschiedet hatte«, begann er, meiner Frage zuvorkommend, »habe ich einen Teil dieses Landes durchstreift und vom Salzsee an bis nach San Francisco überall amerikanische Auswandererscharen wie gierige Raubvögel angetroffen. Ihre Kolonnen treffen zu Land und zu Wasser ein und in einem Jahr wird Kalifornien fast ganz überschwemmt sein. Von Fort Sutter bis zur Kolonie der Mormonen wird die Wüste von diesen Emigranten durchwühlt werden.«

»Und im Fort Sutter oder in der Kolonie der Mormonen habt Ihr wohl Euer schöne Kleidung und dieses vortreffliche Pferd gekauft?«, fragte der Dichter etwas ironisch.

»Wenn Ihr Gold genug habt, um einen ähnlichen Kauf zu machen«, antwortete der Mexikaner, »so will ich Euch sagen, wo Ihr Euch auch solche Kleider kaufen könnt. Ich sehe übrigens, dass der brave Herr da, Euer Freund, meinen Ratschlägen gefolgt ist. Ihr sucht in den Sturzbächen und tut Recht daran. Allein Ihr müsst Euch nicht so weit vom Lager entfernen. Diesen Rat habe ich vor wenigen Minuten dem Lewis aus Illinois gegeben.«

Dieser Lewis von Illinois war einer der stärksten Pioniere in unserer Karawane. Während eines Nachtlagers hatte er dem Mexikaner infolge eines Streites einen tüchtigen Faustschlag versetzt. Seit dieser Zeit behandelte der Stierjäger jenen mit einem heuchlerischen Respekt, hinter welchem böse Pläne verborgen zu sein schienen. Der Romandichter hatte kaum den Namen Lewis gehört, als ihn seine Spottlust reizte, mit einigen wenig schmeichelhaften Bemerkungen jenes Streites zu gedenken, welcher sich den Vaquero einen so kläglichen Ausgang genommen hatte.

Der Mexikaner erblasste vor Zorn und Grimm, fasste sich aber rasch wieder und antwortete kaltblütig: »O, Lewis und ich sind jetzt die besten Freunde, wir sind quitt und ich habe ihm nichts mehr nachzutragen. Aber traut mir und folgt meinem Rat, der darin besteht, San Francisco sobald wie möglich zu erreichen. Die Felsen und Bergschluchten sind nicht mehr sicher. Ich habe jetzt keine Zeit, Euch mehr zu sagen. Adieu, meine Herren. Zur Nachtzeit muss ich weit von hier sein.«

Der Mexikaner spornte sein Roß und verschwand.

Furchtlos holte uns kurz nach diesem Zusammentreffen wieder ein und die Nacht brach an, als wir bei unseren Zeiten anlangten. An demselben Abend noch vertraute ich Township die Warnungen des geheimnisvollen und unheimlichen Mexikaners an. Der Squatter hörte mich mit derselben sichtbaren Unruhe an, welche ich bereits an ihm bemerkte, als ich ihm das Abenteuer an den Ufern des Arkansas mitteilte. Er versank in ein tiefes Stillschweigen, als ob er zwischen dem Wunsch, sich auszusprechen, und der Furcht, ein drückendes Geheimnis zu enthüllen, hin und her schwankte. Endlich hatte er einen Entschluss gefasst. Er gab mir ein Zeichen zum Weggehen.

Als er mit mir an meinem Zelt war, fragte er rasch: »Ihr erinnert Euch an die Nacht am Arkansas noch? Ihr habt mir da von einem Menschen gesprochen, den Ihr an einem Baumstamm gebunden und auf dem Wasser schwimmend getroffen habt! Wisst Ihr, wer ihn gefesselt hatte?«

»Nein!«

»Ich tat es, und wenn ich Euch dies bisher verschwieg, so geschah es nur, um mich in Euren Augen nicht bloßzustellen. Meine Ehre erfordert Stillschweigen hierüber. Ich habe Euch schon von der Nacht erzählt, in welcher wir durch eine Räuberbande angegriffen, jedoch durch ein kleines Korps Schutzjäger verteidigt wurden. Das war jedoch, ehe wir die Furt des Arkansas,  die ich aufgefunden, überschritten hatten. Bald darauf aber wurden wir noch einmal überfallen. Ein Haufen Indianer griff, unter der Anführung eines Mannes von unserer Farbe, unser Lager an. Wir verteidigten uns tapfer, und der Anführer jener Rotte, der Mensch mit dem blassen Gesicht, stürzte, nach dem wir mehrmals Feuer gegeben hatten, von einer Kugel getroffen vom Pferde. Die übrigen Schurken stoben daraufhin auseinander. Mein Sohn Terry sprang zu dem herabgestürzten Anführer hin, der nur unbedeutend verletzt war, und nahm ihn gefangen. Ich versprach auf Ehrenwort, diesem Menschen das Leben zu lassen, wenn uns die Indianer nicht wieder angreifen würden. Die Indianer kamen nicht wieder, und ich …«

Der Squatter hielt inne. Die Stimme versagte ihm. Ich ahnte den Schluss dieses düsteren Vorfalles.

In einer jener Stunden, in welcher der Squatter durch den Genuss des Branntweins bei dem geringsten Umstand in Zorn und Raserei versetzt wurde, hatte er ein Verbrechen verübt. Nachdem Township geschworen hatte, den Wegelagerer am Leben zu lassen, hatte er in einem Augenblick der Besinnungslosigkeit den Gefangenen lebendig an einen Baumstamm gebunden und den Unglücklichen so in die Fluten des Arkansas geschleudert.

»Hat ihn der Strom nicht wieder ausgespien? Ist ihm das Leben nicht wieder zurückgegeben?«

»Gott wird mich strafen«, sagte Township, indem ein Schauer des Entsetzens seinen riesigen Körper erfasste. »Gott wird mich strafen für diesen Fehltritt. Der Mensch, der Euch begegnet ist, wird das Werkzeug seiner Rache sein. Wenn nur diese Rache nicht meine ganze Familie ins Verderben stürzt? Kann ich denn hoffen, dass der Hass dieses Elenden sich nur auf mich erstrecken wird? Treibt er nicht schon die Indianer herbei und hat er deren blinde Wut nicht schon gegen alle amerikanischen Auswanderer aufgestachelt? Seht Ihr nicht, dass die Amerikaner allein beraubt und angefallen werden? Ahnt Ihr nicht, was ich damit sagen will?«

Ein Trupp Männer trugen eben auf einer Bahre ein neues Opfer dieser täglichen Schlachtereien an uns vorüber. Wir schlossen uns dem Leichenzug an. Beim Schein der Fackeln hatten wir den Unglücklichen erkannt. Es war Lewis von Illinois.

Nur mit Entsetzen konnte ich an die Worte des Mexikaners denken: »Lewis und ich sind quitt, ich habe ihm nichts mehr nachzutragen.« Schweigend drückte ich die Hand des Squatters, welcher beim Anblick des Leichnams seine Wut gegen den vermeintlichen Mörder Lewis erwachen fühlte und einen jener fürchterlichen Flüche ausstieß, durch welche die Amerikaner ihre Leidenschaft größtenteils noch mehr steigern. Gleich darauf trennten wir uns, und ich kehrte mit dem Gedanken in mein Zelt zurück, alle Kräfte aufzubieten, um dies furchtbare Land sobald als möglich verlassen zu können.