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Injektion

Melisa Schwermer
Injektion

Thriller, Taschenbuch, Selbst verlegt über Amazon CreateSpace, 18. März 2014, 184 Seiten, 6,99 Euro, ISBN: 9781496038449, Covermotiv von Andrew Magill
www.melisa-schwermer.de

»Zielstrebig greift er nach meiner Hand und überprüft die Infusion. Sie scheint leer zu sein, denn er entfernt den Schlauch von der Kanüle in meinem Handrücken. Anstatt jedoch einen Neuen daran zu befestigen, setzt er eine Spritze an und drückt irgendein Mittel in meine Vene, die sich augenblicklich anfühlt, als müsste sie platzen. Ein brennendes Gefühl breitet sich zuerst in meiner Hand und daraufhin in meinem gesamten Arm aus.«

Angelika findet sich zuerst in der einsam gelegenen Berghütte ein, die zum Ausgangspunkt eines hoffentlich romantischen Wanderwochenendes mit ihrem neuen Freund Jörg werden soll. Aufgrund beruflicher Verpflichtungen soll dieser erst am nächsten Tag eintreffen, sie hat also den Rest des Tages und die erste Übernachtung in der Hütte alleine für sich. In der Nacht jedoch schlägt die Einsamkeit zu und Angelika glaubt, um die Hütte herum Geräusche eines ungebetenen Besuchers zu vernehmen. Außerdem wüsste auch der schmierige Vermieter, der sie hierher gefahren hat, dass sie hier mutterseelenalleine ist.

Dass ihre Angst nicht eingebildet war, begreift Angelika, als sie – bei vollem Bewusstsein aber unfähig sich zu bewegen – in einem Krankenhausbett erwacht. Der Arzt verabreicht ihr immer neuen Injektionen. Da sich ihr Zustand nicht ändert, erwachsen ihr erste Zweifel daran, dass es sich bei ihrem Aufenthaltsort tatsächlich um ein Krankenhaus handelt.

»Ich richte meine Augen auf die Stelle, an der ich den Ursprung de Geräusches vermute. Und dann sehe ich ihn. Vor einer hellen Wand zeichnet sich undeutliche eine dunkle Kontur ab. Er sitzt dort. Direkt vor meinem Bett. Sitzt da, mit hängenden Schultern und betrachtet mich. Schon wieder. Nur bin ich diesmal vollkommen nackt.«

Muss man der Autorin zugestehen, dass die Einleitung – Angelikas Zeit in der Berghütte – sehr stimmungsvoll, dicht und beklemmend gelungen ist. Das Nachwort klärt auf, dass dieser Teil der Geschichte unter dem Titel Das Landbrot ursprüngliche eine Kurzgeschichte war, aus der schließlich Injektion erwachsen ist.

Als erzählerische Sicht wählt Fr. Schwermer die direkte Ich-Perspektive, was sofort für eine angenehme Unmittelbarkeit sorgt. Abträglich ist dagegen, dass sich Angelika schon gleich zu Beginn als reichlich etepetete und notorische Nörglerin entpuppt, womit wieder einige Sympathiepunkte verschenkt werden. Da Angelika über weite Strecken die alleinige Handlungsträgerin ist, verwendet die Autorin den Trick, sie Zwiegesprächen mit ihrer »inneren Pessimistin« führen zu lassen, was sehr gut und lebensecht gelungen ist. Frei heraus, direkt und zeitweise unsicher.

Ab Angelikas Erwachen im Krankenbett allerdings beginnt die Geschichte merklich auf der Stelle zu treten. Auch wenn sich nach wie vor etwas bewegt – Angelika »freundet« sich mit der Krankenschwester an, um Informationen zu erhalten – ist das Tempo gegenüber dem 1. Akt deutlich gedrosselt. Angesichts der Auflösung der Geschichte wäre hier deutlich mehr Suspense drin gewesen. Auch ein weiterer aktiver Auftritt von Jörg wäre hier durchaus machbar gewesen (ohne zu viel verraten zu wollen) und hätte die Geschichte auch stärker in Richtung des Vorbilds Richard Laymon (Angelika liest in der Berghütte ein Laymon-Buch) geschoben.

Nachdem Injektion also im Mittelteil wesentlich langsamer daherkommt, wirkt das Ende recht abgehackt. Ob Fr. Schwermer hier schon Teil 2 im Kopf hatte? Dieser ist inzwischen unter dem Titel Die Rache – Injektion 2 erschienen.

Unterm Strich muss man allerdings schon eingestehen, dass Melisa Schwermer für eine Indie-Autorin einen bemerkenswerten Kurzthriller abgeliefert hat. Man erkennt, dass Injektion nicht ihre erste Veröffentlichung ist, auch wenn ein großer Verlag sehr wahrscheinlich stärker an dem Skript gefeilt hätte.

Die technische Realisierung des Druckbuches über Amazon CreateSpace ist sehr angenehm ausgefallen. Der Satz sieht professionell aus und das »paperwhite« Papier wirkt sehr lesefreundlich. Nicht gerade eine Selbstverständlichkeit bei Self-Publisher-Veröffentlichungen.

Fazit:
Mehr Thriller als der versprochene Horror. Injektion erfindet das Genre nicht neu, stellt allerdings – trotz merklicher Temposchwankungen – einen gelungenen Beitrag zum Thema dar.

(eh)