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Dark Empire

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Jackson – Teil 38

Amok

Der Albino hatte sich inzwischen zu seiner vollen Größe aufgerichtet, grunzte, knurrte wild und schlug mit seinen schaufelartigen Händen wie ein Berserker um sich.

Die Bestie lief Amok.

Die Gewalt, die der Riese dabei entwickelte, war geradezu monströs.

Der erste Schlag seiner Pranken traf einen der Bildschirme, der nächste einen der Wissenschaftler. Bob Sheridan hatte das Pech, viel zu nahe in der Reichweite seiner Arme zu stehen.

Die Wucht des Aufpralls schleuderte den Doktor wie eine willenlose Gliederpuppe durch die Luft. Noch bevor beide, der Bildschirm und Sheridan wieder zu Boden fielen, packte das Monster einen der Wachsoldaten.

Der arme Teufel schrie wie am Spieß, als ihn der Albino am Hals und an den Schultern gleichzeitig zu fassen bekam. Es gab ein reißendes Geräusch, als wenn jemand ein Hemd zerriss, dann folgte ein seltsamer, schmatzender Laut.

Ich hatte Mühe, nicht zu kotzen.

Die Bestie riss dem Wachmann mit einer einzigen Bewegung den Kopf vom Hals ab.

Während sein Körper wie ein nasser Putzlappen zu Boden fiel, flog sein Schädel noch ein paar Yard weiter, touchierte den Boden und hüpfte dann wie ein Gummiball noch zwei, dreimal durch das Labor, bevor er schließlich unter eines der umstehenden Regale kullerte und dort liegen blieb.

Für die Länge eines Wimpernschlags herrschte in dem Labor eine geradezu gespenstische Stille. Selbst der Träger eines Hörgerätes hätte in diesem Moment wohl eine Stecknadel zu Boden fallen hören, aber wie gesagt, nur für diesen einen Moment.

Danach verwandelte sich das Labor nämlich in ein einziges Durcheinander aus kreischenden Frauen, fluchenden Männern und wild um sich schießenden Soldaten.

Ich wundere mich heute noch darüber, dass mich damals keine der Kugeln getroffen hatte. Das Chaos war unbeschreiblich.

Der Albino hatte sich inzwischen den nächsten Soldaten geschnappt, hob ihn wie ein Spielzeug in die Luft und brach ihm das Rückgrat, während die anderen den Inhalt ihrer Magazine in den riesenhaften Körper hineinfeuerten. Gleichzeitig vollführten Norman und Emma Wayne einen wahren Veitstanz um das Monster.

Wenn das Geschehen nicht so entsetzlich gewesen wäre, hätte ich beinahe gelacht.

Norman sprang um den rasenden Albino herum wie einst Dr. Frankenstein um seine Schöpfung, nur mit dem Unterschied, dass es diesmal kein Film war, sondern blutige, reale Wirklichkeit.

Ich glaube, ich muss an dieser Stelle wohl nicht extra erwähnen, dass sich damals, in jenen Momenten, kein Schwein mehr für mich interessierte. Alle Augen waren auf Adam, den Albino, und auf Norman, Emma und Linda gerichtet, die versuchten, den Tobenden zu besänftigen.

Ich konnte mich also gefahrlos hinter meiner Deckung aufrichten, um das Chaos näher zu betrachten, denn egal, wie die Sache ausging, sie hatte mit Sicherheit Auswirkungen auf meine Fluchtpläne.

»Da, sehen Sie doch! Das Nervenzentrum ist anscheinend noch mit dem Rechner verbunden!«, schrie Norman und deutete auf einen Computer, auf dessen Bildschirm die groben Umrisse von Adam zu sehen waren. »Los, schieben Sie den Regler nach oben!«

Emma Wayne starrte den Wissenschaftler an, als ob er sie auf Chinesisch angesprochen hatte. Irgendwie logisch, sie war schließlich in seine Experimente nicht eingeweiht und kannte deshalb auch nicht seine Programme. Außerdem gab es im Umfeld des Computers Dutzende von Knöpfen und Hebeln, die alles Mögliche bedeuten konnten.

Die Entscheidung, was für ein Knopf oder Regler es letztendlich war, wurde Emma im selben Moment abgenommen, als sie näher an den Computer herantrat.

***

Der Einsatz der Waffen durch die Wachsoldaten zeigte Wirkung.

Die riesenhafte Gestalt kam langsam ins Trudeln, stolperte und krachte mit voller Wucht keinen Schritt neben Emma in das Gewirr aus Computern, Bildschirmen, Leitungen und Drähten, die allesamt um das Becken herum angebracht waren.

Die Folgen waren frappierend.

Der Albino wedelte im Fallen mit seinen Händen wie mit Dreschschlegel durch die Luft, wodurch mehrere Geräte aus der Verankerung gerissen wurden, während gleichzeitig ein derart lautstarker Alarmton durch die Halle schrillte, dass ich das Gefühl hatte, neben einer Flugsirene aus dem letzten Weltkrieg zu stehen.

Das Heulen der Sirene war ohrenbetäubend.

Genauer gesagt, es hätte nicht viel gefehlt und mir wäre das Trommelfell geplatzt.

Dazu der andere Lärm.

Das Labor war erfüllt von einem einzigen Heulen, Bersten und Krachen. Überall knirschte und knallte es, zersprangen Bildschirme und platzten Leuchtstoffröhren.

Direkt vor Emma und dem Albino zuckten mehrere Kabel über den Boden. Das Summen und Sirren und die Lichtblitze machten mir klar, dass die Kabel unter Strom standen.

Allein der Funkenregen bei der Berührung der Kabel mit ihrer Umgebung hätte jeden normalen Menschen zum Nachdenken bringen müssen.

Wenn, hätte, müssen, aber dazu war es jetzt zu spät, nicht nur für Emma Wayne.

Mit einem blitzschnellen Sidestep, den ich ihr gar nicht zugetraut hatte, entging die Wissenschaftlerin den zupackenden Klauen des Albinos. Sie wirbelte herum, entdeckte mich und öffnete den Mund zu einem Schrei.

In der gleichen Sekunde war sie tot.

Ich sah, wie sich ihre Muskeln verkrampften, wie ihre Haut regelrecht zu kochen begann und wie sie zu Boden fiel.

Durch die Kabel lief offensichtlich Starkstrom.

Ich gab Fersengeld.

Bevor irgendjemand der Mitarbeiter oder die Wachen begriffen hatten, was sich hier abspielte, war ich an einer naheliegenden Tür, riss sie auf und rannte weiter.

Ein schlauchartiger, hell ausgeleuchteter Gang führte auf eine Treppe zu, an deren Ende sich eine weitere Tür befand. Auf einem grünweiß leuchtenden Schild war in großen Lettern das Wort »Open« zu lesen.

Ich war in diesem Augenblick nicht in der Stimmung, mir den Kopf darüber zu zerbrechen, was oder wer sich dort hinter der Tür befand. Hinter mir herrschte das Chaos, außerdem gab es dort, wenn ich die Stärke des Wachtrupps zugrunde legte, mehr Menschen, die mir nach dem Leben trachteten, als mir lieb sein konnte.

Es war mein Wille zu überleben, der mich die Distanz zwischen der Tür in meinem Rücken und jener, die vor mir lag, in gefühlter olympischer Rekordzeit zurücklegen ließ.

Als ich dann über die Schwelle trat, blieb ich doch einen Moment lang sprachlos stehen.

Irgendwie dachte ich, im falschen Film gelandet zu sein.

Keine sechzig Yards hinter mir lief ein Monster Amok, starben Menschen, zuckten tödliche Stromkabel über den Boden und heulten Alarmsirenen. Schüsse krachten, Computer implodierten, Leute schrien.

Und hinter der Tür, die ich ins Schloss gezogen hatte, … nichts. Totale Stille.

Der Zugang musste absolut schalldicht sein, denn anders konnte ich es mir nicht erklären, warum der Mann da vor mir in aller Selenruhe mit einer Pipette eine milchig weiße Flüssigkeit von einem Reagenzröhrchen ins andere Tropfen ließ.

Der Typ trug wie fast alle hier unten einen weißen Kittel, hatte die rotesten Haare, die ich jemals gesehen hatte, und war ungefähr so groß, dass er unter meinem ausgestreckten Arm durchlaufen konnte, ohne dabei mit dem Kopf daran zu streifen.

Was das Gewicht anging, hätte man ihn wahrscheinlich im Boxen etwa ein Dutzend Klassen unter der Sparte Federgewicht aufgeführt. Ich schätzte nach einem flüchtigen Blick, dass der Typ augenscheinlich höchstens ein Kilo mehr auf den Rippen hatte als der Truthahn, den es jedes Jahr bei der Weihnachtsfeier von Borthwick International Service und Security zum Essen gab.

»Einundzwanzig, zweiundzwanzig …«

Er hielt einen Moment inne und sah beinahe andächtig zu, wie sich die Flüssigkeit in dem neuen Röhrchen verteilte, und sprach mich dann an, ohne sich dabei umzudrehen.

»Sie kommen fünf Minuten zu früh, Norman. Ich muss mit Adams Befruchtungsflüssigkeit nur noch einen letzten Test durchführen, bevor ich an unserer Versuchsperson die intrazytoplasmatische Spermieninjektion durchführen kann.«

Mir klingelten die Ohren.

Wenn ich es richtig verstanden hatte, machte der rothaarige Hänfling da vor mir Anstalten, irgendeinem armen Schwein das Sperma des Albinoriesen einzuspritzen, was auf nichts anderes hinauslief, als dass man dabei war, diesem Monster auf natürlichem Wege zu Nachwuchs zu verhelfen.

Meine Reaktion vermag im Nachhinein vielleicht brutal und menschenverachtend erscheinen, aber ich konnte nicht anders.

Auch wenn ich wissentlich seinen Tod in Kauf nahm, es durfte nicht geschehen, dass dieses entsetzliche Experiment in die Tat umgesetzt wurde. Ich hob meine Waffe, krümmte den Finger und schoss Rothaar das Reagenzglas aus der Hand.

Wenn Sie Wildwestgeschichten mögen und dort lesen, wie der Held aus der Hüfte heraus ein Loch in einen Silberdollar schießt, obwohl dieser mindestens zehn Schritte von ihm entfernt durch die Luft wirbelt, so mögen Sie das vielleicht spannend finden, aber das ist völliger Quatsch. Im Bruchteil einer Sekunde auf diese Entfernung ein bewegliches und so kleines Ziel zu treffen, ist ein Ding der Unmöglichkeit, und genauso war es bei mir auch.

Ich traf zwar das Reagenzglas, das der rothaarige Hungerhaken in seinen Fingern hielt, aber gleichzeitig traf ich auch seine Hand.

Meine Kugel verwandelte seine Rechte in einen Brei aus Blut, Fleisch und zersplitterten Knochen. Der Typ begann zu kreischen und schreien, dass sich mir schier der Magen umdrehte. Aber nicht, weil ich ihm seine Hand zu Klump geschossen hatte, sondern weil ich das Reagenzglas zerstört hatte und somit die darin befindliche Flüssigkeit unbrauchbar war.

Wie krank konnte ein Mensch nur sein?

Angewidert von seinen Hasstiraden, die er mir entgegenschleuderte, trat ich auf ihn zu und schlug ihn mit dem Griff meiner Waffe bewusstlos.

Danach begann ich meine Umgebung zu inspizieren.

Neben der Tür entdeckte ich einen Schaltkasten, in dem sich genau jenes grünweiß leuchtende Schild befand wie über dem Eingang, nur diesmal in Miniaturgröße. Darunter war ein rotweißes Schildchen zu sehen, auf dem das Wort »Closed« zu lesen war.

Ohne zu überlegen drückte ich auf das Schild, das nicht größer war als meine Haustürklingel, und harrte der Dinge, die da kamen.

Es geschah genau das, was ich mir erhofft hatte.

Mit einem Zischen presste irgendein Druckluftsystem die Stahltür so fest in ihren Rahmen, bis ich mir sicher war, dass man sie jetzt von außen nicht mehr öffnen konnte.

Damit schien ich vorläufig in Sicherheit zu sein.

Wie um mein gutes Gefühl zu bestätigen, wuchsen plötzlich oben und unten jeweils zwei handbreit große Stahlriegel aus der Wand, welche die Tür zusätzlich sicherten.

Nach einem kurzen Blick auf den immer noch bewusstlosen Kittelträger sah ich mich etwas genauer in dem Raum um.

Der rechteckige Raum unterschied sich von der Einrichtung her nicht viel von irgendeinem herkömmlichen Labor. Der einzige Unterschied waren drei Monitore auf dem Stahltisch an der rechten Wand.

Die Bilder, die sie zeigten, waren allesamt unscharf, sie ruckelten ständig und ab und zu verschwand das Bild auch wieder ganz, trotzdem war zu erkennen, dass alle drei Monitore ein und dasselbe zeigten: Einen abgedunkelten Raum, der von mehreren Kameras überwacht wurde.

Als ich näher kam, erkannte ich, dass sich in diesem Raum etwas bewegte.

Ein Mensch?

Ich nahm mir die Zeit und starrte solange auf die Bildschirme, bis mir die Augen tränten.

Danach hatte ich Gewissheit.

Es war tatsächlich ein Mensch.

Aber nicht irgendeiner, es war …

Fortsetzung folgt …

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