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Einsendeschluss 31.05.2021

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Mythen und Legenden der Sioux 3

Mythen und Legenden der Sioux 3

Am Klang der Geschichten der Sioux, erzählt in den Hütten und an den Lagerfeuern der Vergangenheit sowie an den Kaminen von heute, erkennt man das Gefüge der Gedanken einfacher, ernsthafter und aufrichtiger Menschen, die in vertrautem Kontakt und inniger Freundschaft mit dem Großen da draußen, was wir Natur nennen, lebten. Es sind Geschichten eines Volkes, die auch nicht alle Dinge verstanden, nicht hochmütig und überheblich in Erscheinung traten, sondern eher kindlich, aufrichtig und gerecht. Es sind Geschichten eines Volkes, welches die einfachsten Dinge ernsthaft betrachtete und daraus seine Schlüsse zog.


Die Artischocke und die Bisamratte

Auf Ufer eines Sees stand eine Artischocke mit ihren grünen Blättern winkend in der Sonne. Sie war sehr stolz auf sich selbst und auch mit der Welt zufrieden. Unten im See lebte eine Bisamratte in ihrem Tipi, und am Abend, als die Sonne unterging, kam sie ans Ufer und wanderte auf der Böschung entlang. Eines Abends kam sie in die Nähe der Stelle, wo die Artischocke stand.

»Ho, Freund«, sagte sie, »du scheinst ziemlich stolz auf dich zu sein.«

»Ich bin eine Artischocke«, antwortete die andere, »ich habe viele gut aussehende Vettern. Aber wer bist du?«

»Ich bin eine Bisamratte und gehöre auch zu einer großen Familie. Ich wohne im Wasser und stehe nicht den ganzen Tag wie ein Stein herum.«

»Da ich den ganzen Tag an einem Ort stehe«, erwiderte die Artischocke, »schwimme ich zumindest nicht im stehenden Gewässer und baue meine Hütte im Schlamm.«

»Du bist eifersüchtig auf mein feines Fell«, sagte die Bisamratte grinsend. »Ich kann meine Hütte im Schlamm bauen, aber ich habe immer ein sauberes Fell. Doch du bist zur Hälfte in der Erde vergraben. Und wenn dich Männer ausgraben, bist du nie sauber.«

»Und dein feines Fell riecht immer nach Moschus«, spottete die Artischocke.

»Das ist wohl wahr«, sagte die Bisamratte. »Aber die Männer denken trotzdem nur Gutes von mir. Sie fangen mich wegen der feinen Sehne in meinem Schwanz; und die gut aussehenden jungen Frauen beißen mit ihren weißen Zähnen meinen Schwanz ab und machen daraus Fäden.«

»Das ist doch gar nichts«, entgegnete darauf die Artischocke lachend. »Hübsche junge Krieger, bemalt und mit herrlichen Federn, graben mich aus, bürsten mich mit ihren formschönen Händen ab und essen mich, ohne sich selbst die Mühe zu machen, mich abzuwaschen.«


Das Kaninchen und der Bär mit den Feuersteinen im Leib

Das Kaninchen und seine Großmutter befanden sich in einer ernsten Notlage, da dem Kaninchen die Pfeile ausgingen. Die Jagd würde bald zu Ende und der Köcher leer sein. Pfeile konnte es sich in Überfluss schneiden, doch es hatte nichts, um Pfeilspitzen herstellen zu können.

»Du musst einige Pfeilspitzen aus Feuerstein machen«, sagte die Großmutter. »Dann wirst du in der Lage sein, das Wild zu töten.«

»Woher soll ich denn Feuerstein bekommen?«, fragte das Kaninchen.

»Vom alten Bärenhäuptling«, sagte seine alte Großmutter. »Damals befanden sich alle Feuersteine der Welt im Körper des Bären.«

So machte sich das Kaninchen auf den Weg zum Dorf des Bären. Es war Winter und die Hütten der Bären waren unter dem Schutz eines Hügels errichtet worden, wo der kalte Wind nicht wehen würde und sie Schutz unter den Bäumen und Büschen hatten.

Es kam an einem Ende des Dorfes zu einer Hütte, in welcher eine alte Frau lebte. Es drückte die Klinke herunter und trat ein. Jeder, der nach Feuersteinen suchte, hielt hier an, da es die erste Hütte war, die sich am Dorfrand befand. Fremde waren daher in der Hütte der alten Frau nicht ungewöhnlich, und sie begrüßte das Kaninchen. Sie gab ihm einen Platz, wo es sich in der Nacht mit den Füßen zum Feuer hinlegen konnte.

Am nächsten Morgen suchte das Kaninchen die Hütte des Bärenhäuptlings auf. Sie saßen eine Weile zusammen und rauchten. Endlich fing der Bärenhäuptling zu sprechen an.

»Was willst du, mein Sohn?«

»Ich bin wegen ein paar Feuersteine gekommen, um Pfeile machen zu können«, antwortete das Kaninchen.

Der Bär knurrte und legte seine Pfeife beiseite. Er lehnte sich zurück und zog sein Gewand aus. Tatsächlich war die eine Hälfte seines Körpers aus Fleisch, die andere Hälfte aus Feuerstein.

»Bring einen Steinhammer und gib ihm unseren Gast«, hieß er seiner Frau sagen. Als das Kaninchen den Hammer nahm, sagte er: »Schlag nicht zu hart zu.«

»Großvater, ich werde vorsichtig sein«, sagte das Kaninchen. Mit einem Schlag schlug es ein kleines Stück Feuerstein vom Körper des Bären ab. »Ni-sko-ke-cha? Ist es gut so?«, fragte es.

»Härter, mein Sohn, schlag größere Stücke heraus«, sagte der Bär.

Das Kaninchen schlug ein wenig härter zu. »Ni-sko-ke-cha? Ist es gut so?«, fragte es.

Der Bär wurde ungeduldig. »Nein, nein, schlag ein noch größeres Stück heraus. Ich kann nicht den ganzen Tag hier verbringen. Tanka kaksa wo! Brich ein großes Stück heraus.«

Das Kaninchen schlug erneut zu – kraftvoll! »Ni-sko-ke-cha?«, schrie es, als der Hammer fiel. Aber während er noch redete, zerbrach der Körper des Bären in zwei Teile, der fleischige Teil fiel ab, und nur der Feuersteinteil blieb übrig. Wie ein Blitz flitzte das Kaninchen aus der Hütte.

Im Dorf gab es einen großen Aufschrei. Mit offenen Mäulern nahmen alle Bären die Verfolgung auf. Wie das Kaninchen so lief, schrie es: »Wa-hin-han-vo! Schnee, Schnee! Ota-po, Ota-po! Viel mehr, viel mehr!« Und ein großer Schneesturm schlug vom Himmel herab.

Leichten Fußes sprang das Kaninchen über den Schnee. Die Bären versanken darin und zappelten hilflos. Als das Kaninchen dies sah, kam es zurück und tötete einen nach dem anderen mit seiner Keule. Dies ist der Grund, warum wir heute so wenig Bären haben.


Die Geschichte von der verloren gegangenen Frau

Ein Dakota-Mädchen heiratete einen Mann, der versprach, sie gütig zu behandeln. Aber er hielt sein Wort nicht. Er war einsichtslos, nörgelnd und schlug sie häufig. Verzweifelt von seinen Grausamkeiten lief sie davon. Das ganze Dorf rückte aus, um nach ihr zu suchen, doch es konnte keine Spur von der verschwundenen Frau gefunden werden.

Unterdessen wanderte die fliehende Frau über den ganzen Tag und in der darauffolgenden Nacht umher. Am nächsten Tag traf sie einen Mann, der sie fragte, wer sie sei. Sie wusste nicht, ob es tatsächlich ein Mann war, aber es war der Häuptling der Wölfe.

»Komm mit mir«, sagte er und führte sie in ein großes Dorf. Sie war erstaunt darüber, dort viele Wölfe zu sehen – graue und schwarze, Timberwölfe und Kojoten. Es schien, als ob alle Wölfe der Welt dort versammelt wären.

Der Wolf brachte die junge Frau zu einem großen Tipi und bat sie herein. Er fragte sie, was sie gern essen möchte.

»Bisonfleisch«, antwortete sie.

Er rief zwei Kojoten und befahl ihnen, das zu bringen, was sich die junge Frau gewünscht hatte.

»Wie bereitest du das Essen zu?«, fragte der Wolfshäuptling.

»Durch Kochen«, antwortete die junge Frau.

Abermals rief er die zwei Kojoten. Sie sprangen davon und brachten bald darauf ein kleines Bündel ins Zelt. In diesem befanden sich Zunder, Feuerstein und Stahl – sicherlich aus einem der Lager der Männer gestohlen.

»Und wie bereitest du das Fleisch vor?«, fragte der Häuptling der Wölfe.

»Ich schneide es in Stücke«, antwortete die junge Frau.

Die Kojoten wurden gerufen und kurze Zeit später holten sie ein Messer, welches in einer Scheide steckte, herbei. Die junge Frau schnitt die Kalbsschulter in Stücke und aß sie.

So lebte sie ein Jahr lang bei den Wölfen, die sehr nett zu ihr waren. Am Ende dieser Zeit sagte der Wolfshäuptling zu ihr: »Deine Leute sind auf Büffeljagd. Morgen Mittag werden sie hier sein. Geh hinaus und triff dich mit ihnen. Oder sie fallen über uns her und töten uns.«

Am nächsten Tag ging die junge Frau um die Mittagszeit herum auf die Spitze einer benachbarten Kuppe. Einige junge Männer ritten auf ihren Ponys und kamen auf sie zu. Sie stand auf und hielt ihre Hände, sodass sie die Frau sehen konnten. Die Männer fragten sich, wer sie sei, als sie näher kamen, um sie genauer betrachten zu können.

»Vor einem Jahr haben wir eine junge Frau verloren. Wenn du diese bist, wo warst du gewesen?«, fragten sie.

»Ich bin im Dorf der Wölfe gewesen. Sie haben mir keinen Schaden zugefügt«, antwortete sie.

»Wir werden zurückreiten und es den Menschen erzählen«, sagten die Männer. »Morgen um die Mittagszeit wollen wir uns mit dir wieder treffen.«

Die junge Frau ging ins Wolfsdorf zurück und am nächsten Tag wieder auf eine benachbarte Kuppe, wenn auch auf eine andere. Bald sah sie das Lager in einer langen Reihe über die Prärie kommen. Zuerst waren es die Krieger, dann die Frauen und Zelte.

Der Vater und die Mutter der jungen Frau waren überglücklich, sie zu sehen. Als sie in ihre Nähe kamen, fiel die junge Frau in Ohnmacht, weil sie den Menschengeruch nicht ertragen konnte. Als sie zu sich kam, sagte sie: »Vater, du musst mit allen Jägern auf Büffeljagd gehen. Komm morgen wieder und bringe die Zungen und erlesene Fleischstücke der getöteten Tiere mit.«

Er versprach, dies zu tun. Alle Männer des Lagers bestiegen ihre Ponys und hatten eine großartige Jagd. Am nächsten Tag kehrten sie mit den mit Bisonfleisch beladenen Ponys zurück. Die junge Frau bat sie, das Fleisch zwischen den zwei Hügeln zu einem großen Haufen aufzustapeln, auf welche sie deutete. Es war so viel Fleisch, dass der Stapel die Spitzen der zwei Berge überragte. In die Mitte des Stapels steckte die junge Frau eine Stange mit einer roten Fahne. Danach begann sie laut wie ein Wolf zu heulen.

Für einen Moment schien die Erde mit Wölfen bedeckt zu sein. Sie fielen gierig über den Fleischhaufen her und in kürzester Zeit war auch der letzte Fetzen aufgefressen. Dann schloss sie sich ihren eigenen Leuten an.

Ihr Ehemann wünschte sich, dass sie zu ihm zurückkehren und mit ihm wieder zusammenleben sollte. Für eine lange Zeit lehnte sie dies ab. Doch endlich versöhnten sie sich.


Der Waschbär und der Krebs

Schlau und gerissen ist der Waschbär, sagen die Indianer, den sie Spotted face nennen.

Eines Abends spazierte ein Krebs nach etwas zum Schmausen ausschauend am Flussufer entlang. Ein Waschbär war auch nach etwas Essbaren auf der Suche. Er entdeckte den Krebs und heckte einen Plan aus, diesen zu fangen.

Er legte sich ans Ufer und stellte sich tot. Nach und nach kam der Krebs näher. »Ho«, dachte er, »hier ist ein wahrer Gaumenschmaus. Aber ist er wirklich tot? Ich werde näher herangehen und ihn mit meinen Scheren kneifen, um es herauszufinden.«

Also kroch er näher und kniff den Waschbär in die Nase und danach in dessen weiche Pfoten. Der Waschbär bewegte sich nicht. Der Krebs kniff ihn in die Rippen und kitzelte ihn, sodass es der Waschbär vor Lachen kaum aushalten konnte. Endlich ließ der Krebs von ihm ab. »Der Waschbär ist bestimmt tot«, dachte er bei sich. Und er eilte zurück ins Langustendorf und berichtete seinem Häuptling über seinen Fund.

Alle Dorfbewohner wurden aufgerufen, hinunter zum Festmahl zu gehen. Der Häuptling befahl allen Kriegern und jungen Männern, ihre Gesichter zu bemalen und ihre Festtagskleider anzuziehen. So marschierten sie in einer langen Reihe, die Krieger mit ihren Waffen an vorderster Stelle, dann die Frauen mit ihren Babys und Kindern, zu dem Ort, wo der Waschbär lag. Sie bildeten einen großen Kreis um ihn und tanzten und sangen:

Wir haben ein großes Fest.
Eine gescheckt aussehende Bestie,
mit weichen geschmeidigen Pfoten.
Sie ist tot!
Sie ist tot!
Wir wollen tanzen!
Wir werden eine gute Zeit haben!
Wir werden uns an seinem Fleisch laben.

Als sie tanzten, sprang der Waschbär plötzlich auf.

»Wer ist es, wie sie sagen, den sie essen wollen? Er soll ein geflecktes Gesicht haben? Er soll weiche, geschmeidige Pfoten haben? Ich werde eure hässlichen Rücken zerbrechen. Ich werde eure rauen Kochen zerbrechen. Ich werde eure hässlichen, rauen Scheren zerbrechen. Und er stürmte zwischen die Krebse, um sie zu töten. Die Krebskrieger kämpften tapfer und die Frauen rannten schreiend davon. Alles umsonst. Sie hatten keinen Waschbären zum Festmahl, der Waschbär labte sich an ihnen!


Quelle:

  • McLaughlin, Marie L.: Myths and Legends of the Sioux. Bismarck Tribune Company, Bismarck, North Dakota. 1916.

(wb)