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Die Eiskübelwelle über Deutschland

Die Eiskübelwelle über Deutschland

Einige Gedanken über Sinn und Unsinn der Ice Bucket Challenge

»Today I consider myself the luckiest man on the face of the earth!« (Heute betrachte ich mich als den glücklichsten Menschen auf der Erde!)

Diese legendären Worte sprach der an Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) erkrankte amerikanische Baseballspieler Heinrich Ludwig Lou Gehrig aus, als er am 4. Juli 1936, dem Unabhängigkeitstag der Vereinigten Staaten von Amerika, im Yankee-Stadium von Fans und ehemaligen Teamkollegen der New York Yankees verabschiedet wurde. Damals wusste er bereits, dass er infolge seiner Krankheit sterben würde. Und es gab kaum jemanden, der auf sein Leiden aufmerksam machte.

Pat Quinn ist einer der Mitbegründer der Ice Bucket Challenge, die für den neuen Hype verantwortlich sind. Er wurde im New Yorker Stadtteil Yonkers geboren und wuchs dort auf. Im letzten Jahr diagnostizierte man bei ihm die verheerende neurologische Krankheit. »Die Challenge hat sich wie ein Lauffeuer verbreitet«, sagte Pat Quinn. Niemand scheint mehr aufgeregter zu sein, als Pat selbst. »Es ist der Wahnsinn.« Auch Jimmy Fallon, Justin Timberlake und Rob Astorino sind für einen guten Zweck klatschnass geworden.
»Es ist ziemlich lustig, wenn Prominente und Sportler an der Ice Bucket Challenge für ALS teilnehmen«, sagte Quinn. »Es zeigt uns, dass wir es gewissermaßen geschafft haben.«

Viele haben es seitdem auch gemacht. Die von ihnen Nominierten erwischt es eiskalt. Eine Kettenreaktion wird ausgelöst. Massenweise schütten sich Leute eiskaltes Wasser über den Kopf, nehmen dies als Videoclip auf und posten es in soziale Netzwerke. Und alles für einen guten Zweck. Mit der aus Amerika auch zu uns übergeschwappten Welle, der sogenannten Ice Bucket Challenge, sollen Geldspenden im Kampf gegen die Krankheit Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) gesammelt werden. Den Sinn dabei, die Öffentlichkeit mehr auf diese Krankheit aufmerksam zu machen, finde ich gut. Ist es doch seit Urzeiten ein menschliches Bedürfnis, auf Missstände und Nöte hinzuweisen, wo sonst niemand hinschaut.

Warum wird dabei eiskaltes Wasser genommen?

Krämpfe einzelner Muskeln oder ganzer Muskelgruppen können spontan oder unter anderem nach körperlicher Belastung, Kältereiz, Schlafentzug, Alkohol- oder Nikotingenuss auftreten. Besonders die schockierende Wirkung durch eiskaltes Wasser lässt sich durch das Überschütten mit Selbigem sehr gut bildhaft darstellen.

Wie gesagt: An der Idee und dem Engagement der Ice Bucket Challenge gibt es nichts zu deuteln. Doch irgendwann ist das Ende der Fahnenstange erreicht. Dann ist des Guten zu viel, der Bogen überspannt. Jedoch auf den communities geht es munter weiter. Einmal ins Rollen gekommen, lässt sich das Schnellballsystem nicht mehr kontrollieren, ist schon längst aus den Fugen geraten und entfernt sich immer mehr vom eigentlichen Zweck. Mach mit, machs nach, machs besser! scheint nun die Devise zu sein. Die verrücktesten Varianten des »Sich-Wasser-über-den-Kopf-Schüttens« werden kreativ in Szene gesetzt, Radlader geordert, Unmengen an Wasser vergeudet, welches sicherlich an anderer Stelle der Welt besser verwendet werden könnte. Von der Energieverschwendung, das Wasser im Eisfach auf die nötige Kälte zu bringen, ganz zu schweigen. Man will ja gegenüber seinen Freunden gut abschneiden und nicht als Memme dastehen. Übrigens: Aufrufe von Tierschützern finde ich an dieser Stelle vollkommen deplatziert und gehen am eigentlichen Anliegen der Ice Bucket Challenge völlig vorbei.

Ich wurde bisher nicht nominiert und möchte es auch nicht. Bin ich deswegen ein Außenseiter oder ein Spielverderber? Weder noch! Ich möchte selbst darüber befinden, wann, in welcher Höhe und für wen ich spende. Bevor ich meinen allerersten Desktop, einen ausgemusterten PC aus dem Hause American Express in Frankfurt am Main in den Händen halten konnte, spendete ich für eine integrative Kindertagesstätte der Lebenshilfe e.V. Gießen. Das war der Deal. Damals wie heute eine feine Sache, »… Kindern im Alter von einem Jahr bis zum Schuleintritt und ihren Familien die Möglichkeit … [zu geben], vorurteilsfrei miteinander umzugehen, zu lernen, sich selbst und andere mit allen Schwächen und Stärken anzunehmen und wertzuschätzen.« Auch solche Dinge benötigen unsere uneingeschränkte Aufmerksamkeit.
Sollte mich jemand da draußen für die Ice Bucket Challenge nominieren, starte ich meinen kleinen Aufruf, etwas für die Lebenshilfe e.V. Gießen zu tun. Dort kann man Geld und Zeit spenden, Mitglied werden, Verwandte, Freunde und Bekannte bitten, statt der Geschenke einen entsprechenden Geldbetrag auf eines der Lebenshilfe-Konten einzuzahlen oder die Lebenshilfe e.V. bei der letztwilligen Verfügung bedenken. Das Engagement gerade dieses Vereins meines Wohnortes liegt mir besonders am Herzen und hat nicht nur die Einstellung zu behinderten Menschen maßgeblich beeinflusst. Es ist einfach nur phantastisch, was der Verein tagtäglich zu leisten vermag.

(wb)

4 Antworten auf Die Eiskübelwelle über Deutschland

  • Nino sagt:

    Sehr gut geschrieben. Das trifft genau meine Ansicht dazu.

  • durutti sagt:

    “Unmengen an Wasser vergeudet, welches sicherlich an anderer Stelle der Welt besser verwendet werden könnte.”
    Wie stellt man sich das vor? Dass man das “vergeudete Wasser” lieber per Päckchen, Tankwagen o . ä. (?) in die Sahelzone hätte schicken sollen? Das scheint mir doch recht unreflektiert.
    Eine herkömmliche Dusche verbraucht je nach Duschkopf und Wasserdruck circa 15 Liter pro Minute (man kann das mit geeignetem Duschkopf halbieren) . D. h. wer täglich 3 Minuten duscht, vergeudet jährlich so viel Wasser, wie sich gegenwärtig 350-700 Personen über den Kopf gießen. Wieviele Menschen mögen sich wohl in Deutschland an der Challenge beiteiligen? 7000, was dem Jahresverbrauch von 10 täglichen Duschern entspräche, oder eher 70000 (=100 Duscher)?

    • W. Brandt sagt:

      @ durutti
      Leider hast du den von mir genannten Sachverhalt aus dem Zuammenhang gerissen. Meine polemische Aussage bezieht sich implizit auf das mit Radladern oder auch anderem Großgerät wie zum Beispiel Löschfahrzeuge der Feuerwehr in Szene gesetzte Verhalten einiger Zeitgenossen. Da kann man schon von Wasserverschwendung sprechen.

  • Paule sagt:

    Ich bin ein Warmduscher.

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