Archive
Folgt uns auch auf

Im Gespräch mit Nicole Steyer

Nicole Steyer wurde 1978 in Bad Aibling geboren, wuchs in Rosenheim auf, ist Mutter von zwei Kindern und lebt heute in Idstein im Taunus. In ihren beiden historischen Romanen spiegeln sich ihre Wohnorte wider, denn Die Hexe von Nassau spielt im Taunus, der neue Roman Das Pestkind nimmt in Rosenheim seinen Anfang.

Geisterspiegel: Schreiben ist die größte Leidenschaft der Autorin, deshalb hat sie nach der Geburt ihrer Kinder das Hobby zum Beruf gemacht.
Liebe Nicole, hast du diesen Schritt jemals bereut oder ist es immer noch dein Traumberuf?

Nicole Steyer: Niemals habe ich diesen Schritt bereut. Es ist und bleibt mein Traumberuf.

Geisterspiegel: Was fasziniert dich am Schreiben und vor allem, was inspiriert dich?

Nicole Steyer: Schreiben ist für mich etwas Besonderes. Das Eintauchen in andere Welten, in Geschichten. Ich begleite die Menschen ein Stück auf ihrem Weg, erzähle ihre Geschichte. Jetzt sagen sicher viele, dass ich mir die Geschichte doch ausdenke, also ist es doch meine Geschichte. Aber ich sehe das anders. Ich erzähle die Geschichte meiner Protagonisten und behandle sie alle mit Respekt. Inspirieren tut mich sehr viel. Musik begleitet mich oft beim Schreiben. Aber auch meine Umgebung inspiriert mich jeden Tag wieder. Die Jahreszeiten, die Gerüche, das Sonnenlicht, ein nebliger Tag oder frisch gefallener Schnee. Und natürlich die Menschen. Ich beobachte viel und gerne meine Umgebung.

Geisterspiegel: Schreiben als Beruf erfordert sicher eine Menge Selbstdisziplin. Hast du einen geregelten Tagesablauf, um dich den Anforderungen täglich aufs Neue zu stellen?

Nicole Steyer: Manchmal mehr, manchmal weniger. Ohne Selbstdisziplin geht es nicht. Es gibt keine Stechuhr, keinen Chef, der einem sagt, wann was zu erledigen ist. Es gibt nur eine Idee und den unbedingten Willen die Geschichte zu erzählen. Sicher, im Geschäft gibt es auch Abgabetermine. Aber ich bin bisher immer in der glücklichen Lage gewesen, ohne einen solchen Termin arbeiten zu dürfen.
In der Regel schreibe ich am Vormittag, wenn meine Kinder in der Schule sind. Aber Kreativität lässt sich nicht immer in einen Zeitrahmen drücken. So kann es schon passieren, dass ich auch abends oder am Wochenende arbeite. In den wirklichen Schreibphasen schreibe ich dann schon mal zehn Stunden und mehr. Aber es gibt auch Tage, wo ich nach zwei Stunden aufgebe und spazieren gehe, weil es einfach nicht funktionieren will.

Geisterspiegel: Dein Terminkalender ist stets voll mit Lesungen. Was ist für dich das Besondere an einer Lesung?

Nicole Steyer: Ich treffe auf die Leser. Sehe ihre Gesichter, wenn ich vorlese. Das ist mir sehr wichtig. Ich kann meine Geschichte vorstellen, auch Hintergründe zum Roman zu meiner Arbeit erzählen. Die Zuhörer können Fragen stellen, ihr Buch signiert mitnehmen. Oft kommen schon Fans, die ihr Buch signiert haben möchten und mir sagen, wie sehr es sie berührt hat. Das sind großartige Momente.

Geisterspiegel: Bis zur ersten Lesung war es sicherlich ein langer Weg. Erzähl uns doch, wie dieser aussah, welche schönen Momente es gab, welche Schwierigkeiten es zu überwinden galt und warum du trotzdem jedem raten würdest, sich nicht entmutigen zu lassen.

Nicole Steyer: Also die erste Lesung mit der Hexe von Nassau war kein Problem. Der Kulturring Idstein und der Hexenbuchladen hatten mich eingeladen. Es war einer der spannendsten und aufregendsten Abende, die ich jemals im Leben hatte. Ich war so unglaublich nervös. Akribisch habe ich mich vorbereitet. Alle Texte mehrfach eingeübt, Hintergrundinfos gesammelt. Es waren über hundert Menschen an diesem Abend da. Wir mussten sogar Leute nach Hause schicken, weil kein Platz mehr war. Das tat mir schrecklich leid. Meine Hände zitterten sogar beim Umblättern der Seiten. Aber es ging alles gut. Nach eineinhalb Stunden Lesung wollten die Leute, dass ich weiterlese. Der Büchertisch war leergeräumt und ich war so unfassbar glücklich.
Lesungen sind immer eine Herausforderung. Das Publikum ist immer anders, immer neu. Aber diese Momente sind so einmalig und besonders. Nicht immer klappt alles auf Anhieb, aber mit der Zeit bekommt man Routine. Obwohl ich auch immer noch aufgeregt bin. Aber immerhin zittern mir nicht mehr die Hände beim Umblättern.

Geisterspiegel: Beide Romane beruhen auf Gedenktafeln, die dir quasi die Ideen lieferten. Erzähl uns doch davon, um welche Tafeln handelt es sich und wie kam es dann zur Idee, einen Roman daraus zu machen?

Nicole Steyer: Ja, das stimmt. Beide Romane beruhen auf Gedenktafeln. In Idstein ist es eine Tafel unterhalb des Hexenturms, auf der die Namen der Opfer stehen, die bei der Hexenverfolgung in den Jahren 1676/77 umgekommen sind. Ich habe mich sooft gefragt, wer die Menschen hinter den Namen waren, was sie gefühlt, durchlitten haben. Ich habe mich auf die Suche nach ihnen gemacht und zu recherchieren begonnen. So ist der Roman Die Hexe von Nassau entstanden.
Bei meinem zweiten Roman Das Pestkind war es ebenfalls eine Gedenktafel. Sie steht im Wald bei Kieling. Auf dieser Tafel ist überliefert, dass im Jahr 1632 alle Menschen der Umgebung an der Pest gestorben sind. Nur ein kleines Mädchen ist übrig geblieben.
Lange habe ich diese Geschichte mit mir herumgetragen. Es hat mich so sehr berührt. Ein kleines Mädchen, wie unglaublich! Nach und nach ist sie in meiner Fantasie älter geworden, ich habe ihr den Namen Marianne geschenkt, und eine Geschichte, die uns ins Jahr 1648, in die letzten Monate des Dreißigjährigen Krieges führt.

Geisterspiegel: Gedenktafeln lieferten die Idee, aber um diese auszuarbeiten, war enorme Recherchearbeit notwendig. Wie sah diese aus? Wo hast du all die historischen Fakten zusammengetragen und mit welchen Schwierigkeiten musstest du dich dabei auseinandersetzen?

Nicole Steyer: Von der Idee bis zum fertigen Buch ist es immer ein sehr weiter weg, der im historischen Roman nicht an der Recherche vorbeiführt. Mir ist es immer sehr wichtig, dass der historische Hintergrund gut funktioniert und breit angelegt ist. Natürlich habe ich als Romanautorin auch Freiheiten, die ein Sachbuchautor nicht hat, aber ich gebe mir sehr viel Mühe historische Details in die Romane einzubauen und möchte am liebsten alles so richtig wie möglich darstellen. Dazu gehe ich in Archive, kaufe mir jede Menge Bücher in Antiquariaten, recherchiere aber auch im Internet, obwohl man den Infos dort natürlich nicht immer trauen darf. Inzwischen habe ich auch den ein oder anderen Historiker, den ich anrufe, wenn ich gar nicht weiterkomme. Es ist wie die Arbeit eines Detektivs, der Stück für Stück ein Puzzle zusammenfügt. Schwierigkeiten gibt es immer. Meine Romane spielen ja hauptsächlich im 17. Jahrhundert und es ist gibt Dinge, die weiß man heute einfach nicht mehr. Unterlagen sind verschwunden oder verbrannt, wie leider in Frankfurt geschehen. Dann muss man sich anders weiterhelfen … (Zwinker). Und ich muss natürlich auch sagen, dass wir als Romanautoren auch immer die Geschichte der Protagonisten erzählen und nicht die Geschichte einer Stadt, oder einer historischen Persönlichkeit. Das ist eben der Unterschied zum Sachbuch oder zu einer Biografie. Es ist ein bisschen Realität, ein bisschen Fiktion, ein bisschen Märchen und Zauber, der die Menschen und auch mich in eine andere Welt mitnimmt.

Geisterspiegel: Was fühltest du, als du in Archiven historische Dokumente in den Händen hieltest?

Nicole Steyer: Originaldokumente sind immer spannend und aufregend. Einmal ganz vorsichtig das berühren dürfen, was ein Mensch vor 400 Jahren geschrieben hat. Das ist schon etwas ganz Großes.

Geisterspiegel: Wie lange dauerte die Recherche und wie lange hast du an den Romanen geschrieben?

Nicole Steyer: Recherche und Schreiben lassen sich nicht wirklich trennen. Das ist ein Prozess, der ineinanderfließt. An der Hexe von Nassau habe ich über drei Jahre gearbeitet. Inzwischen bin ich etwas schneller geworden, aber ein Jahr oder anderthalb Jahre sind es mindestens für ein Buch.

Geisterspiegel: Das Pestkind hat existiert, doch du hast ihm einen Namen und ein Leben bzw. eine Zukunft gegeben. Wie kam es zu genau der Charakterisierung dieser Protagonistin? Woran oder an wem hast du dich orientiert und steckt vielleicht auch ein bisschen »Nicole« in Marianne?

Nicole Steyer: Wie es zu ihrer Charakterisierung kam, kann ich eigentlich gar nicht so genau sagen. Sie stand plötzlich vor mir und hieß Marianne. Ein eher bayerischer Name, das ist klar. Ich glaube, in jeder meiner Protagonistinnen steckt ein wenig Nicole. Aber nur ein wenig. Denn sie sind ja eigenständige Persönlichkeiten, die anders denken oder fühlen. Allerdings ist es natürlich schon so, dass man als Autor schon tief in den Charakter eintauchen muss, um Gefühle und Tiefgang zu erreichen. Und ich gebe zu, dass besonders im Pestkind auch meine unbändige Heimatliebe verarbeitet ist. Und Heimat ist im Herzen, von Marianne und von mir.

Geisterspiegel: Personen zu erschaffen ist meines Erachtens ein schwieriger Part an einer Romanentwicklung, denn er muss am Ende glaubwürdig sein, um die Leser zu überzeugen. Wie gehst du dabei generell vor? Was ist dir bei deinen Protagonisten wichtig?

Nicole Steyer: Ja, die lieben Personen. Das ist nie einfach. Für mich ist es wichtig, sie menschlich zu machen, ihnen Fehler und Macken zu geben. Oftmals liest man ja als Autor, dass man Schwarz-Weiß-Malerei betrieben hat. Schwieriges Thema. Denn um eine Geschichte voranzutreiben, muss es, wie in jedem Grimm Märchen auch, »die Guten« und die »weniger Guten« geben. Ihnen allen Facetten und Tiefgang zu verleihen ist die große Kunst dabei. Ich hinterfrage die Personen auch immer gerne. Wieso ist eine Person so hart geworden? Was hat sie so unnahbar und kalt werden lassen? Das Schicksal, das Erlebte, die Vergangenheit, das hier und jetzt, ihre Zukunft. Solche Dinge verleihen einer Person Tiefgang, auch einem Nebencharakter, den man vielleicht nur kurz benötigt. Ich schreibe Biografien für die Hauptdarsteller, aber richtig kennenlernen tue ich sie alle erst beim Schreiben selbst. Sie dürfen Fehler machen, nicht perfekt sein. Ich muss mich über sie ärgern, mit ihnen weinen und lachen können, dann sind sie für mich lebendig.

Geisterspiegel: Wer sind deine schriftstellerischen Vorbilder und was beeindruckt dich an diesen?

Nicole Steyer: Es gibt so viele tolle Autoren, die mich beeindrucken. Allerdings würde ich sie nicht Vorbilder nennen. Ich lese ja unglaublich viel in den unterschiedlichsten Genres. Aber in der letzten Zeit haben mich besonders Nina George, Andreas Föhr und Rachel Joyce beeindruckt. Nina George hat mich mit ihrem Lavendelzimmer so sehr bezaubert, dass ich danach sogar Lavendeleis gemacht habe. Andreas Föhrs Krimireihe rund um Kommissar Wallner ist großartig und ich bin überzeugter Opa Manfred Fan. Mit Harold hätte ich auch noch weiter als bis Schottland laufen können. Ein bewegendes und großartiges Buch.

Geisterspiegel: Beschreibe uns doch mal das Gefühl, als du deine Romane zum ersten Mal in den Händen hieltest. War das beim Pestkind anders als beim ersten Roman?

Nicole Steyer: Ja, das war bei der Hexe von Nassau schon etwas ganz Besonderes. Als ich diesen Roman zu schreiben begonnen habe, wusste ich ja noch gar nicht, was daraus wird. Nach und nach kam der unbedingte Wille, dass diese Geschichte ein Buch wird. Das Schreiben an der Hexe von Nassau hat mich durch eine harte Zeit begleitet, in der ich sehr krank gewesen bin. Ich habe wirklich geweint, als ich es zum ersten Mal in Händen hielt.
Aber natürlich war auch der Moment, als ich das Pestkind zum ersten Mal in der Hand hatte großartig. Ich habe mich einfach hingesetzt und darin gelesen, es durchgeblättert und am Papier gerochen. Und ich dachte immer, das sieht so toll aus, das ist wirklich deine eigene Geschichte?

Geisterspiegel: Obwohl Das Pestkind gerade erschienen ist, du zu Lesungen und Signierstunden unterwegs bist, arbeitest du dich bestimmt schon am nächsten Projekt. Kannst du uns darüber schon etwas verraten?

Nicole Steyer: Zu meinem aktuellen Projekt verrate ich noch nichts. Dafür ist es noch zu frisch. Aber im Frühjahr 15 wird wieder ein historischer Roman von mir erscheinen, der den Leser dann ins Jahr 1664 entführen wird.

Geisterspiegel: Mit den beiden historischen Romanen hast du dir bei den Lesern einen Namen gemacht. Welches andere Genre würde dich mal reizen, dich darin auszuprobieren? Gibt es auch schon konkrete Pläne?

Nicole Steyer: Da ich gerne mal einen guten Krimi oder Thriller lese, würde ich gerne mal in die Richtung gehen. Allerdings muss das Schreiben eines guten Thrillers auch gelernt sein. Aber sag niemals nie … vielleicht klappt das irgendwann einmal.

Geisterspiegel: Ich vermute, dass auch in diesem Interview wieder eine Frage fehlt, die du gern mal beantworten würdest. Hier hast du nun die Gelegenheit, die Dinge zu sagen, die dir auf dem Herzen liegen, nach denen dich aber selten jemand fragt 😉

Nicole Steyer: Ja, es gibt eine Sache, die ich doch gerne noch ansprechen möchte. Das ist Kritik. Ich weiß, wie all meine Kollegen, dass unsere Bücher nicht allen gefallen können und werden. Das ist ja wie bei Musik und vielen künstlerischen Dingen. Der eine findet ein Lied toll, dem anderen gefällt es gar nicht. Der eine mag das Bild, der nächste findet es scheußlich. Aber der Künstler hat eine Menge Herzblut, Arbeit, Liebe und Seele in sein Werk gesteckt. Schnell ist man mit unbedachter Kritik manchmal bei der Hand. Ohne vielleicht zu ahnen, wie sehr es den Künstler doch verletzt, denn für ihn ist seine Geschichte, sein Lied oder sein Bild etwas Besonderes. Das Internet macht es vielen Menschen leicht, Dinge zu kritisieren. Unter einem falschen Namen, versteckt und im Geheimen scheint es einfacher zu sein, mit dem Finger auf andere zu deuten, sie lächerlich zu machen, einen Verriss zu schreiben. Ich konsumiere auch jeden Tag Kunst und oft gefallen auch mir Dinge nicht. Aber bei Kunst ist der Eindruck ja immer subjektiv. Auch in der Literatur. Muss ich deswegen eine schlechte Rezension schreiben, weil mir das Buch nicht gefallen hat? Oft sogar persönlich verletzend werden? Konstruktive Kritik ist immer gut. Aber wenn es unter die Gürtellinie geht, dann ist das mehr als unfair. Oft frage ich mich, ob das am Internet liegt, wo ja auf Facebook und Twitter so vieles möglich ist.
Wir als Autoren müssen kritikfähig sein. Das sehe ich ein und bin ich auch. Aber jeder Leser dort draußen sollte doch bitte überlegen, wie er mit solcher Kritik umgehen würde. Ob er verletzende Worte über sich und seine Arbeit im Internet lesen möchte? Gerne kann mir jemand mitteilen, dass ihm die Geschichte nicht gefallen hat. Das ist auch gut so, denn sie kann ja nicht jedem gefallen. Aber ausfallende Worte und Beleidigungen sind meiner Meinung nach in jeder Rezension vollkommen fehl am Platz, denn sie tun weh.

Geisterspiegel: Liebe Nicole, ich danke dir ganz herzlich für das Interview und wünsche dir allzeit viele Ideen, viel Erfolg und vor allem viele Leser!

(ab)