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Das Labyrinth der Zeit

Patrick Lee
Das Labyrinth der Zeit

Ghost Country, New York (USA), 2011
Science-Fiction-Thriller, Taschenbuch, Rowohlt Verlag, Hamburg, März 2012, 413 Seiten, 9,99 Euro, ISBN: 9783499254796, aus dem Englischen von Ulrike Thiesmeyer, Titelgestaltung von any.way, Barbara Hanke & Cordula Schmidt

www.rowohlt.de

Während der Ansprache des Präsidenten Garner im Oval Office wird das Weiße Haus zum Zielobjekt eines Raketenangriffs. Garner wird für tot erklärt und Vizepräsident Holt übernimmt das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. Travis Chase und Paige Campbell trifft diese Nachricht wie ein Schlag. Sie vermuten, dass der Anschlag mit der Organisation Tangent zusammenhängt, die gegründet wurde, um das sonderbare Portal zu überwachen, die Entitäten zu erforschen und einen Weg hinein zu finden. Einer der Attentäter, der offenbar aus den Reihen des amerikanischen Geheimdienstes stammt, hat an der Raketenabschussstelle eine Nachricht hinterlassen, die nur aus einem Wort besteht: Skalar. Skalar steht in Zusammenhang mit einer streng geheimen Ermittlung, die Tangent im Jahr 1981 startete und erst im Jahr 1987 einstellte. Allerdings ist kein Angehöriger der Organisation mehr am Leben, die mittlerweile von Paige geleitet wird. Dank einer Entität aus dem Portal, dem sogenannten Anzapfer, gelingt es Paige in ihrer Erinnerung in die Vergangenheit zu reisen und ihren Vater befragen, der aber nichts preisgibt. Dafür findet Paige den Namen einer Frau, die Tangent schließlich verließ und eine neue Identität angenommen hat: Carrie Holden. Diese ist immer noch am Leben, und Travis und Paige gelingt es, ihren Aufenthaltsort zu bestimmen. Zu spät erkennen sie, dass es sich um eine Falle handelt, zwar können sie Carrie befreien und den Lockvogel, der ihnen präsentiert wurde, ausschalten, doch das Haus der ehemaligen Tangent-Mitarbeiterin ist bereits von einem Killerkommando umstellt. Nur durch den waghalsigen Einsatz von Travis gelingt ihnen die Flucht. Carrie berichtet Travis und Paige von dem Notizbuch des Wissenschaftlers, der die Stimmen aus dem Portal, die vermutlich den Schöpfern der Anomalie gehören, zu hören und zu verstehen. Darüber wurde er wahnsinnig und beging Selbstmord. Doch seine Frau hat zuvor Aufzeichnungen der Übersetzung von den Sätzen angefertigt, die die Stimmen aus dem Portal eben jenem Wissenschaftler gesagt haben. Um den Inhalt des Notizbuches einzusehen, muss Travis ebenfalls den Anzapfer benutzen, um sich in seiner Erinnerung als knapp zehnjähriger Junge in ein waghalsiges Abenteuer zu stürzen.

Travis’ Mission ist nur teilweise von Erfolg gekrönt, beschert aber neue Erkenntnisse für weite Nachforschungen. Doch der Ex-Polizist, Paige und ihre Freundin Bethany können sich nicht lange mit ihren Erkenntnissen befassen, denn Präsident Holt startet einen vernichtenden Angriff auf die unterirdische Bunkeranlage …

Patrick Lee schuf mit seiner Portal-Trilogie eine einzigartige Mischung aus Science-Fiction-Roman und Spionage-Thriller. Der vorliegende Band bildet den packenden Abschluss der Geschichte, verzichtet aber auf einzelne Horror-Elemente, die in den ersten beiden Büchern zu finden sind. Das Labyrinth der Zeit setzt ganz auf Spionagethriller à la Jason Bourne. Die Science-Fiction besteht zum großen Teil aus den Zeitreisen der Protagonisten, die durch ein Gerät ermöglicht werden, das als »Anzapfer« bezeichnet wird. Dabei reist der Betreffende nicht physisch in der Zeit zurück. Das Gerät ist ein kleiner Würfel, der sich zu einem extrem dünnen Faden verändert, wenn man ihn an die Schläfe presst. Dieser Faden dringt in den Schädel ein und verästelt sich im Gehirn, um dort die Erinnerungen anzuregen. Der Nutzer fällt in eine Art Koma und erlebt bewusst eine bestimmte Erinnerung, in die er aber auch aktiv eingreifen kann und in der fast beliebig lange verbleiben darf, während in der Realität immer nur drei Minuten und sechzehn Sekunden vergehen. Der Reisende ist dann auch in der Lage Informationen aus der Vergangenheit abzurufen, auch wenn ihm damals diese Information überhaupt nicht zugänglich war. Eine wirklich abstruse Idee, die aber einen gewissen Reiz birgt. Patrick Lee schert sich nicht um (pseudo-)wissenschaftliche Erklärungen, ihm geht es vielmehr um den raffinierten Plot, den er konsequent zum Abschluss führt. Dabei gelingt es ihm auf höchst subtile Art und Weise, den Leser auf falsche Fährten zu führen. Erst hinterher denkt man: »Das war doch klar.« oder »Wieso bin ich da nicht gleich drauf gekommen?« Die Schnitzeljagd in den ersten beiden Dritteln des Romans, inklusive den Action-Sequenzen sind teilweise recht lang und ermüdend, doch ehe man das Interesse an der Lektüre verliert, baut der Autor eine neue Wendung ein und hält den Leser so gekonnt bei der Stange. Der flüssige, minimalistische Schreibstil sorgt zusätzlich für ein unterhaltsames Lesevergnügen. Verbindendes Element der drei Bücher ist nicht nur das Portal, sondern auch die offene Frage, weshalb Paige von ihrem eigenen Ich aus der Zukunft die Nachricht bekommen hat, ihren Geliebten Travis zu töten. Offenbar beruht diese Aufforderung auf einem Missverständnis. Doch können sich Paige und Travis dessen sicher sein? Die Antwort bekommt nur der, der sich auf dieses wahnwitzige Abenteuer einlässt. Allerdings sollte man wirklich alle drei Teile chronologisch lesen. Vor allen Dingen das Finale des dritten Teils hat es in sich und überrascht den Leser mit einer ähnlich verrückten, aber nichtsdestotrotz originellen Idee.

Trilogien sind bei Verlagen äußerst beliebt und suggerieren dem Leser, dass er eine komplexe Handlung bekommt, die in absehbarer Zeit zu Ende geführt wird, ohne dass er endlos lange auf das Finale warten muss. Ärgerlich ist nur, wenn der dritte Teil aus mangelndem Absatz plötzlich nicht mehr veröffentlicht wird. In diesem Fall ist diese Angst unbegründet, doch dafür glänzt Rowohlt mit einem weiteren beliebten Fauxpas. Fügen sich die ersten beiden Bände noch sehr harmonisch ins Bücherregal ein, glänzt der vorliegende Roman plötzlich mit einem größeren Format. Das Buch ist nämlich viel breiter als die beiden ersten, schmaleren Taschenbücher. Dafür gleicht Schriftgröße und -form des Autorennamens auf dem Buchrücken, dem Schriftzug des zweiten Bandes, der sich dadurch aber von Band 1 abhebt. Insbesondere für Sammler ärgerlich, aber vermutlich konnten durch das größere Format ein paar zusätzliche Seiten eingespart werden, denn auch die Schriftgröße ist relativ klein.

Fazit:
Fulminanter Abschluss der Portal-Trilogie mit überraschenden Wendungen und sehr viel Action. Science-Fiction trifft auf Spionage-Thriller. Für Freunde origineller Ideen und raffinierten Plots.

(fh)