Heftroman der Woche

Archive
Folgt uns auch auf

Immer wieder Mikschens Planetoid

Seit zwei Tagen hing ich auf der Station fest. Das erwartete Raumschiff, das mich zurück nach Enders Planet bringen sollte, hatte aus irgendeinem Grund Verspätung gehabt und in zwei Stunden könnte ich endlich an Bord gehen. Nicht früher. Da hilft mir auch der Ausweis des Bürgerdienstes nichts. Solange kein dringender Verdacht vorliegt, muss ich mich genauso gedulden wie jeder andere Passagier auch. Daher hing ich nun an der Bar herum, sah mir die Passagiere an und unterhielt mich mit einem der anderen Passagiere. Nach zwei Wochen Urlaub auf Llamar gefielen mir die einheimischen Damen immer noch, aber Mann muss ja auch mal wieder etwas anderes sehen. Wobei ich extra Mann betonte, sie verstehen? Der Negalith mir gegenüber hatte gerade eine nette Begebenheit aus seinem Leben erzählt und hoffte nun auf eine aus meinem Leben. So sind sie die Negalithen. Die Echsenabkömmlinge in ihrem blaugrünen Schuppenkleid erzählten liebend gern Geschichten und wollten im Gegenzug auch welche hören. So begann ich und erzählte einfach drauf los. Es war eine meiner ersten Anstellungen als Praktikant des Bürgerdienstes. Mikschens Planetoid. Der Planetoid lief auf einer exzentrischen Umlaufbahn um seine gelbe Sonne und hatte in den Monaten vier bis sechs der galaktischen Zeitrechnung einen hervorragenden Ausblick auf Hillermanns Sternenbrücke. Eine Sammlung von Sternen und Nebeln, die in ihrer Gesamtheit den Eindruck einer Brücke erwecken. Für den Erzabbau besiedelt, stellte es für Touristen in den besagten Monaten eine hervorragende Attraktion dar. Durch die nicht vorhandene Atmosphäre und der geringen Schwerkraft eher lebensfeindlich, bot sie den Touristen grandiose Ausblicke auf den Sternenhimmel.

Mikschens Planetoid, ein relativ kleiner Himmelskörper im Oh’mar-System, hält in der meisten Zeit eine Art Winterschlaf. Nur dann sind die Prospektoren und Mineure unter sich. Inzwischen sind die meisten Minen geschlossen. Die berühmte erste Goddellope-Mine zählt seit Jahrzehnten auch dazu. Der Planetoid ist fast vollkommen ausgebeutet. In der kurzen Zeit, in der die Touristen in den Kreuzfahrtraumschiffen anlegen, lebt Mikschens Planetoid mit der kleinen Kuppelstadt von seiner glorreichen Vergangenheit. Die Bewohner von Mikschens Planetoid sahen schon viele große, eindrucksvolle Privatjachten. Aber so etwas wie Fr’der Weil-Gu-Ny gab es auch in Mikschens Planetoid nur einmal. Fr’der und sein Luxusraumschiff gehörten zusammen wie die Faust aufs Auge. Reichtum und Wohlstand zeigten sich bei beiden. Bei Fr’der im gepflegten Äußeren, beim Raumschiff im pompösen Inneren. In kniffligen Situationen konnte man sich auf beide gleichermaßen verlassen. Fr’der erschien jedes Jahr ein Jahr älter, das Raumschiff immer als neustes Modell. Im Laufe der Jahre verwandelte sich das Aussehen von Fr’der, sein Haar wechselte von Eisengrau zu Silber, die Haut wurde runzliger, aber immer gepflegt.

Fr’ders letzter Besuch auf Mikschens Planetoid verlief anders als all die Jahre davor. Wie jedes der letzten vierzig Jahre fuhr Fr’der zum Hornblowers End Hotel, traf sich dort mit dem alten Corrado Tarlot aus der aufgegebenen Goddellope-Mine und feierte mit ihm ihr gemeinsames Jubiläum. Um Mitternacht des gleichen Abends waren beide wieder unterwegs. Dieses Jahr fehlte Corrado.

Jedes Jahr war Corrado immer pünktlich da gewesen, ohne Ausnahme. Für die beiden Männer war es ein Ritual. Doch dieses Jahr war Corrado nicht da.

Fr’der wartete geduldig. Weil er ein Gentleman war, wartete er geduldig und mit Fassung. Je weiter der Nachmittag fortschritt, desto unruhiger wurde Fr’der und sah immer öfter auf die Uhr im großen Salon. Corrado erschien nicht.

Fr’der verbrachte die Nacht im Hotel, das erste Mal seit dem ersten großen Krieg zwischen der Sternenlicht Vereinigung und K’ihr Koloq, die ihn daran gehindert hatte, die Heimreise anzutreten. Am folgenden Tag wartete er weiter auf Corrado, doch genau so umsonst, wie am Vortag.

Am dritten Tag ging Fr’der zum hiesigen Leiter des Bürgerdienstes. Doch war nur sein Vertreter da. Das war damals ich, S’ahmir, der Praktikant.

»Er ist tot«, war das Erste, was ich zu hören bekam. »Der arme Corrado starb ganz alleine da oben in der Mine, und keiner kümmert sich um ihn. Sie müssen mit ihrem Raupenschlepper rauffahren und ihn in die Stadt holen, S’ahmir.«

Der Beamte vom Bürgerdienst, in diesem Fall also ich, war leider ganz anderer Meinung.

»Wie ich Ihnen schon sagte, Bürger Weil-Gu-Ny«, entgegnete ich, »war der alte Corrado letzten Monat wie üblich hier unten, um sich mit Lebensmitteln und Ersatzteilen einzudecken. Es besteht kein Grund zu der Annahme, dass er tot ist. Zu ihm ist es ein weiter Weg und ich sehe absolut keine Möglichkeit, jemanden dahin rauszuschicken, einfach so, bloß weil sie eine Vermutung haben. Wie sie sehen, bin ich allein hier, da Josh im Krankenhaus liegt.«

Fr’der blieb ruhig und sachlich. Fr’der wurde nicht wütend, er schrie mich nicht an, er tobte nicht, er drohte nicht. Ganz im Gegenteil, er blieb sehr ruhig und sachlich, aber auch fest entschlossen und bestimmt.

»Ich sage Ihnen was, S’ahmir vom Bürgerdienst«, beharrte er, wobei er das Wort Bürgerdienst besonders betonte, »wenn Corrado noch am Leben wäre, könnte ihn nichts und niemand daran hindern, am neunzehnten März in die Stadt zu kommen. Ich habe zwei Tage lang umsonst gewartet, nur für den ausgeschlossenen Fall, dass er sich vielleicht im Datum geirrt haben sollte. Doch ich versichere Ihnen, in vierzig Jahren irrte er sich noch kein einziges Mal. Wahrscheinlich wissen Sie über unser Jubiläum nicht Bescheid, weil Sie neu hier sind. Vor genau einundvierzig Jahren entdeckten Corrado und ich die Mine, die wir nach unserer gemeinsamen Freundin Goddellope-Mine benannten. Mit dieser Mine und unserer Arbeit als Prospektoren auf diesem bis dato unbekannten Gesteinsbrocken wurde die Station auf Mikschens Planetoid überhaupt erst ins Leben gerufen. Seitdem treffen wir uns jedes Jahr am neunzehnten März im Hornblowers End Hotel und köpften eine Flasche Whisky, um das Ereignis gebührend zu feiern. Obwohl die Goddellope-Mine bereits vor einigen Jahren geschlossen wurde, blieb Corrado dort oben wohnen. Er hat also keinen so weiten Weg zu unserer kleinen Feier, im Gegensatz zu mir. Und egal wohin mich die Geschäfte meiner Unternehmensgruppe Weil-Gu-Ny auch führen, jedes Jahr am zum festgesetzten Datum bin ich hier. Wir beide, Corrado und ich, sind sehr treue Gesellen, S’ahmir, und ich sage es Ihnen noch einmal, wenn Corrado noch am Leben wäre, wäre er hier.«

Naiv, wie ich war, fragte ich noch einmal nach: »Und er kam wirklich jedes Jahr pünktlich?«

»Nicht ein Jahr fehlte er oder kam zu spät. Ich hoffe, Sie verstehen mich jetzt. Wissen Sie, in den letzten Jahren war es für mich nicht immer einfach. Meine Geschäfte zwingen mich, immer weiter und öfter zu reisen. Dieses Jahr musste ich in die Eastside der Galaxis, aber ich schaffte es noch rechtzeitig zurückzukommen. Unser Jubiläum bedeutet für mich sehr viel. Corrado ist nie aus seiner Mine rausgekommen. Ein alter Mann, der nichts von der Galaxis und ihren Wundern gesehen hat. Unsere herrliche kleine Feier war so etwas wie ein großes Ereignis für ihn. Whisky, immer Whisky. Es war für ihn ein Zipfelchen der dekadenten Welt, und Corrado genoss es, einmal im Jahr dem Alkohol zu frönen. Und jetzt ist er tot.« Fr’der strich sich mit anmutiger Geste über die Augen, die beim Sprechen feucht geworden waren. »Und ich verlange – ja, ich verlange – dass Sie jemanden raufschicken und die Leiche des armen Kerls holen lassen, damit er wenigstens ein anständiges Begräbnis bekommt.«

Ich hingegen beharrte auf meinem Standpunkt. So weit es Corrado anging, gab es keine Leiche. Zumindest würde ich das so lange annehmen, bis der alte Corrado nächsten Monat nicht wie üblich in die Kuppelstadt kam, um seine bestellten Waren zu holen. So langsam verlor Fr’der ein bisschen von seiner Gelassenheit, aber nichts, was er sagte, konnte mich vom Bürgerdienst überzeugen. Ich würde abwarten bis nächsten Monat, daran gab es nichts zu rütteln.

Nach langem Hin und Her nahm Fr’der die Sache selbst in die Hand.

»Ich habe wirklich nicht die Zeit dazu, Bürger S’ahmir«, protestierte er noch einmal, »mich selbst um Corrado zu kümmern und Ihre Arbeit zu machen. In acht Tagen muss ich auf der Zentralwelt Terra der Sternenlicht Vereinigung eintreffen, aber um nichts in der Welt werde ich zulassen, dass mein alter Freund noch weiter in den Bergen herumliegt, ohne ein ordentliches Begräbnis.«

Ganz so hartherzig war der Bürgerdienst auch wieder nicht. Ich bot ihm meine Hilfe an. Einen Raumanzug hatte er selbst in seinem Raumschiff, wahrscheinlich sogar besser als jeder, den er hier kaufen konnte. Für den Weg in die Berge, falls man überhaupt von einem Weg reden konnte, denn von der alten Piste zur Goddellope-Mine war praktisch nicht mehr als eine Wagenspur übrig geblieben, stellte ich Fr’der sogar einen Raupenschlepper zur Verfügung. Natürlich war es lediglich ein alter, klappriger Kasten, aber der Bürgerdienst versicherte Fr’der, dass er ihn ohne Probleme hin und wieder zurückbringen würde.

Fr’der nahm den Schlepper in Augenschein und fuhr wenig später los. Die ersten Kilometer brachte er problemlos hinter sich. Doch hinter der Merredith-Schlucht wurde alles anders. Die erste knifflige Stelle kam, als die Spur einfach in einem Staubmeer verschwand, an das sich Fr’der nicht mehr entsinnen konnte. Fr’der schaltete einen Gang weiter und gab mehr Gas. Der Weg war völlig verschwunden und so musste er quer durch das Staubmeer. Er klammerte sich am Lenkrad fest und hielt durch, bis die Spur etwa einen Kilometer weiter wieder an der Flanke eines Hügels hochkletterte. Mehrere Hundert Meter weit führte sie durch offenes Gelände und dann hinein in ein Geröllfeld von beträchtlicher Größe. Die Steine waren nicht groß, dafür aber lagen sie dicht zusammen. Sie mussten aus einem neueren Meteoritenkrater stammen. Fr’der war bis auf kurze Unterbrechungen ständig in Bewegung, langsam und vorsichtig. Er kämpfte sich Meter um Meter voran. An einigen Stellen, wo die Spur gefährlich dicht am Abgrund entlang verlief, was sie mehr als einmal tat, musste er vom Gas gehen. Fr’der blieb weiterhin hartnäckig und zäh, und so kam er durch. Er klammerte sich am Lenkrad des Raupenschleppers fest, der manchmal bockte und langsam am Steilhang entlang rutschte und ihn gnadenlos durchrüttelte.

Die alte Goddellope-Mine lag hoch oben in einer Verwerfung, eine große runde Vertiefung, wie eine Schüssel, umgeben von hohen, geröllbedeckten Steilwänden. Fr’der war schon seit den guten alten Zeiten nicht mehr hier gewesen, aber alles sah so vertraut aus, dass ihm die Kehle richtig eng wurde. Er kannte sich sofort wieder aus und für Fr’der war das Tal genauso, wie er es zum letzten Mal gesehen hatte. Er hielt an und schaute sich lange um. Weiter im Norden konnte er die niedrige Station vor dem Mineneingang sehen. Hier lebte der alte Corrado die letzten Jahre seines Lebens. Nach einiger Zeit ließ Fr’der den Motor wieder an und machte sich auf den letzten Teil seiner traurigen Mission.

Als er vor der Station anhielt, suchte er den Code für die Station und fuhr in den Fahrzeughangar ein. Er kletterte aus dem Raupenschlepper, nachdem die Luft wieder hineingepumpt wurde. Plötzlich kam eine Gestalt um die Ecke. Sie war groß und knochig, trug verwaschene Jeans, ein Flanellhemd und einen erbärmlich zerknautschten Hut und trug einen Vakuumbohrer in der Hand. Der Mann blieb stehen und sah zu Fr’der herüber. Die Augen in dem tiefbraunen Gesicht blinzelten in die Strahler, die hinter Fr’der an der Decke hingen.

»Corrado!«

»Fr’der? Bist du das wirklich? Was machst du denn hier oben?«

Fr’der trat näher, etwas steifbeinig nach der langen, anstrengenden Fahrt.

»Corrado! Mann, ich dachte, du wärst tot! Als du vorgestern nicht im Hornblowers End Hotel warst, dachte ich, du wärst hier oben jämmerlich gestorben. Ich bin gekommen, um deine Leiche in die Stadt zu bringen.« Es war nur allzu verständlich, dass Fr’der ein wenig durcheinander war.

Corrado machte eine abweisende Bewegung und spuckte verärgert auf den Boden.

»Nun, Fr’der, es ist so«, sagte er, »ich habe nachgedacht. Vierzig Jahre lang haben wir uns immer am gleichen Tag unten im Hornblowers End getroffen. Irgendwie hatte ich plötzlich nicht mehr die Lust dazu. Whisky, jedes Jahr Whisky. Ich mochte das Zeug nie besonders. Es ist mir zu alkoholisch. Wenn es wenigstens ab und zu mal ein Cocktail gewesen wäre, dann wäre es vielleicht etwas anderes. Außerdem ist es ein ganz schön beschwerlicher Weg für mich, das hast du ja jetzt wohl selbst gemerkt. Ich überlegte mir daher, dieses Jahr lasse ich unser Treffen ausfallen. Es bedeutet mir einfach nichts mehr. Verstehst du mich?« Er legte seinen Kopf etwas schräg, schob den Hut hoch und kratzte sich am Bart.

Eine Minute lang sagte Fr’der kein Wort. Er hätte es Corrado gegenüber niemals zugegeben, aber die Fahrt machte ihm doch ganz schön zu schaffen, er war einfach zu viel Luxus gewöhnt und nicht mehr Arbeitsmaschinen. Dann seufzte er.

»Weißt du, Corrado«, bemerkte Fr’der, »ich konnte es noch nie leiden, wenn jemand mich als Lügner hinstellt. Ich bin hierher gekommen, weil ich versprach, deine Leiche in die Stadt zu bringen. Und ich will verdammt sein, wenn ich das nicht tue.«

Dann nahm er Corrado den Vakuumbohrer aus der Hand. Damit holte er zu einem gewaltigen Schlag aus.

Copyright © 2007 by Erik Schreiber