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Dark Empire

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Brasada – Folge 14

Verdammt sind sie alle

Die Nelsons kommen aus Illinois.

Frank, seine drei Söhne und seine geschwätzige Frau, die ständig mit der Zunge anstößt. Frank Nelson hat zwei Töchter an die Indianer verloren. Er will sie aber nicht wieder haben, weil er seine Kinder liebt, sondern weil sich ein Frank Nelson nichts wegnehmen lässt. Ganz egal ob es sich dabei um einen Sack Bohnen handelt oder um seine Kinder.

Dann gibt es da noch die Meranos. Sie kommen ursprünglich aus Mexiko und siedeln hier erst seit ein paar Jahren. Sie haben drei erwachsene Kinder, aber auch hier zählt nur das eine, das vor beinahe zwanzig Monaten von den Comanchen geraubt wurde.

Bei den McClouds ist es die jüngste Tochter, die nach einem Indianerüberfall verschwunden blieb. Darüber hat McClouds Frau den Verstand verloren. Sie sitzt nur noch da und sabbert vor sich hin, während ihr Mann und ihre anderen Kinder sie füttern und sich um sie kümmern müssen. Walter Jones schließlich hat nicht nur seine Familie, sondern inzwischen auch seine letzten Hoffnungen begraben, seinen einzigen Sohn jemals lebend wieder zu sehen.

Der Lieutenant kennt fast jede Geschichte über diese verschlossenen, wortkargen Menschen. Das Schicksal hat ihnen übel mitgespielt und sie verbittert werden lassen. Doch jetzt haben sie gehört, dass die Army ihnen helfen will und dass es da einen Mann gibt, der die Indianer und das Land kennt. Deshalb sind sie alle voller Hoffnungen und Erwartungen. All diese Familien hoffen, dass Lee ihnen dazu verhelfen kann, ihre vermissten Kinder wiederzufinden.

Aber sie wissen nicht, was Lee Marlowe weiß, und deshalb lenkt der ehemalige Armeescout sein Pferd jetzt neben das des Lieutenant und versucht diesem klar zu machen, was die Leute erwarten wird. Er sagt es direkt, ohne großartige Umschreibungen, mit Worten, die so sind, wie das Land, durch das sie reiten; hart, erbarmungslos, dreckig.

***

»Ich hoffe nur, dass sie alle wissen, was da auf sie zukommt.«

»Natürlich«, sagt der Lieutenant voller Euphorie. »Ich freue mich schon jetzt auf die Gesichter der Menschen, wenn sie ihre Angehörigen wieder in die Arme schließen können. Wenn alle diese Gefangenen, von denen sie sprachen, tatsächlich die geraubten Frauen und Kinder der Familien sind, wird das, glaube ich, ein Freudentag in diesem County werden.«

»Das denke ich nicht«, sagt Lee hart. »Ich denke eher, dass die Menschen diesen Tag verfluchen werden.«

»Was wollen Sie damit sagen?«, erwidert der Soldat und bringt sein Pferd mit einem Zügelruck zum Stehen.

»Wenn Sie das nicht wissen, tun Sie mir leid«, sagt Lee und reitet weiter.

Der Lieutenant treibt sein Pferd mit einem Zungenschnalzen wieder an und hindert Marlowe dann am Weiterritt, indem er ihm mit seinem Tier den Weg versperrt.

»Was soll das heißen?«

»Himmel noch mal«, zischt Lee Marlowe und wird langsam ärgerlich. »Sind Sie so naiv oder tun Sie nur so? Was glauben Sie denn, was Sie da draußen erwartet? Sockenstrickende Frauen und Kinder, die uns mit der Schulfibel unterm Arm entgegenkommen? Mann, Lieutenant, wachen Sie doch endlich auf. Diese Menschen leben zum Teil schon seit Jahren bei den Indianern. Sie sind keine Weißen mehr, sie sind inzwischen selber Indianer. Die Kinder fressen Hundefleisch, lernen reiten, jagen und Spuren lesen. Und wenn sie einen von euch in die Finger kriegen, schneiden ihm die Jungs die Eier ab, während sich die Mädchen auf seinen Kopf hocken und ihm ins Gesicht scheißen. Die Frauen werden entweder verrückt, nehmen sich das Leben oder arrangieren sich mit einem Krieger als Ehemann, aber erst nachdem fast alle Männer des Stammes ihren Schwanz …«

»Hören Sie auf!«, brüllt der Lieutenant heftig. »Hören Sie sofort damit auf.«

Sein Gesicht ist nicht nur wegen der Sonne puterrot angelaufen und er ringt sichtbar nach Luft. Die anderen Soldaten werfen ihnen inzwischen verwunderte Blicke zu, nur einer von ihnen spuckt wie zur Bestätigung von Marlowes Worten einen dunkelbraunen Strahl Kautabak zu Boden. Dieser Mann ist der grauhaarige, stämmige Sergeant der Patrouille. Sein Name ist Amos Hunter, er lebt schon seit mehr als vier Jahrzehnten in der Brasada und er weiß nur zu gut, dass jedes einzelne Wort von Lee Marlowe der Wahrheit entspricht. Aber das behält er im Moment noch für sich. Amos Hunter will bei seinem Vorgesetzten nicht auffallen, Amos Hunter will nämlich noch Master Sergeant werden, weil dadurch nicht nur sein Sold, sondern auch seine Pensionsansprüche deutlich höher werden.

***

In der Nacht kampieren sie irgendwo zwischen dem Zusammenfluss des Rio Blanco und des Atascosa Creeks. Während die Soldaten hier ihr Basislager aufschlagen, kämmt Lee Marlowe die Gegend im Osten und Süden nach Indianern durch.

Er kommt dann in das Dorf der Comanchen, als die Sonne am anderen Tag ihren höchsten Stand erreicht hat. Unter dem Kreischen einer Horde Kinder und dem Gebell einer unzähligen Meute von Dorfhunden zügelt er schließlich sein Pferd vor dem Zelt des Häuptlings. Als er aus dem Sattel gleitet, springt einer der Dorfköter, ein struppiger Hund von unbestimmbarer Abstammung, hinter einem der Zelte vor und schnappt mit wildem Kläffen nach seinen Beinen. Die Indianer beobachten zunächst grinsend, wie das Tier Marlowe angeht, aber als er mit dem Stiefel gegen den Kopf des Hundes tritt und dieser sich winselnd zurückzieht, blitzt so etwas wie Anerkennung in ihren dunklen Augen auf.

Dann wird das Büffelfell am Eingang des Häuptlingszelts zurückgezogen und ein stämmiger, breitschultriger Krieger kommt aus dem Tipi und baut sich vor Lee Marlowe auf. Der Oberkörper des Mannes ist nackt und muskulös und in seinem mondförmigen Gesicht haben sich finstere Falten von der Stirn bis zu den Mundwinkeln gegraben. Seiner Nase ist anzusehen, dass sie schon mehrfach gebrochen ist und seine Augen scheinen dunkle Blitze auf Lee zu schleudern.

»Was du wollen hier?«, fragt er kehlig und es klingt wie das Bellen der Dorfhunde.

»Einen Platz an deinem Feuer und deine Freundschaft, Powderface«, sagt Lee.

»Komm in Hütte«, sagt der Comanche radebrechend, wendet sich um und geht voran.

Lee folgt dem Häuptling ins Zelt, während das Gefühl, jeden Augenblick von einem der umstehenden Indianer ein Messer in den Rücken gerammt zu bekommen, immer stärker wird. Aber die Autorität des Häuptlings scheint zu groß, deshalb kann Lee Marlowe sich unbehelligt neben Powderface an dessen Zeltfeuer niederlassen, obwohl er rundherum nur in feindselige Gesichter blickt.

Der Comanche macht eine herrische Handbewegung und kurz darauf eilt eine alte, zahnlose Squaw durch das Zelt und drückt Marlowe eine Holzschüssel in die Hand, in der sich dampfende, teils noch blutige Fleischstücke befinden. Dem Geruch nach handelt es sich dabei um den Rest irgendeines der Hunde, die Marlowes Ankunft im Dorf begrüßt haben.

Danach folgt Schweigen.

Erst als Lee seine Schüssel leer gegessen hat, sie beide eine Zigarette geraucht haben und eine weitere Viertelstunde des Betrachtens und Abtastens vorüber ist, werden die ersten Worte gewechselt. Nach dem Ausrauschen der Höflichkeitsfloskeln beginnt man schnell über den eigentlichen Grund von Marlowes Besuch zu reden. Dabei wird rasch klar, dass Powderface ein verdammt harter Verhandlungspartner ist. Er ist kein dummer Wilder, den man mit ein paar Glasperlen umstimmen kann. Der Häuptling weiß sehr wohl, was die Weißen von ihm wollen und auch, dass er mit der Herausgabe der Gefangenen seinen Stamm schwächen wird.

Denn die geraubten Weißen sind inzwischen fast alle vollwertige Mitglieder ihrer Gemeinschaft und ihre Arbeitskraft wird bald schmerzlich vermisst werden. Deshalb versucht er ihren Preis so weit in die Höhe zu treiben, dass die Tauschgüter den Stamm mehr als nur entschädigen.

Als Lee Marlowe dann zu den Soldaten zurückreitet, weiß er, dass sie sieben Frauen und fünf Kinder bekommen werden und Powderface dafür nicht nur die Geschenke, sondern auch die beiden Wagen, mit welchen diese transportiert werden, erhalten wird.

Der Lieutenant wird diesen Preis sicherlich als unverschämt empfinden, aber Lee Marlowe weiß genau, ohne Wagen gibt es keine Gefangenen.

***

Als die Comanchen mit den Wagen und den Geschenken abgezogen sind, betrachtet der Lieutenant entsetzt die Gefangenen, welche ihnen die Indianer überlassen haben. Wie eine Herde verängstigter Fohlen sitzen oder stehen sie dicht zusammengedrängt mitten in dem Camp der Soldaten. Eine von ihnen, eine Frau Anfang zwanzig mit schlohweißen Haaren, sitzt auf dem Boden und lässt kichernd immer wieder Sand durch ihre Finger rieseln. Ihr Gesicht ist mit Rotz und Speichel verschmiert, ihre Vorderzähne sind ausgeschlagen und ihre Augen blicken unstet ständig nach allen Richtungen. Eine andere Frau hat die Hände gefaltet und leiert stetig das Vater unser vor sich hin. Ihr einstmals sicherlich reizvolles Gesicht ist schrecklich verunstaltet, denn man hat ihr die Nase abgeschnitten und ihre Wangen mit einem Messer oder einem anderen spitzen Gegenstand kreuzförmig zerschnitten. Eines der Kinder krabbelt trotz eines Alters von sicherlich zehn Jahren wie ein Säugling auf allen vieren über den Boden, sein Gesicht ist verheult und seiner hellen Kalikohose ist deutlich anzusehen, dass es sie vollgemacht hat. Mindestens ein halbes Dutzend Fliegen umkreisen es ständig.

Der Rest dieser Menschen steht einfach nur da und glotzt die Soldaten apathisch an, bis auf einen kleinen, rothaarigen Jungen.

Er ist etwa zehn oder zwölf und jedes Mal, wenn ihn einer der Soldaten anblickt, sagt er ein paar Worte auf Comanche.

Lee Marlowe versteht diese Worte sehr gut und er weiß, dass man diesen Jungen wohl am Wagen festbinden muss, wenn sie zurück nach Tascosa fahren.

»Wer von euch Weißgesichtern mich daran hindern will, dass ich zurück zu meinem Volk gehe, wird qualvoll durch meine Hand sterben. Ich werde ihm sein Mannteil abschneiden und es ihm in den Mund stecken.«

Das sind sinngemäß seine Worte und Lee ist klar, dass dieser Junge niemals wieder in der Welt der Weißen leben kann. Er ist jetzt schon bereits mehr Comanche als ein richtiger Indianer im gleichen Alter.

»Mein Gott«, sagt der Lieutenant erschüttert und reißt damit Lee aus seinen Gedanken. „Was haben diese Tiere nur aus den Menschen hier gemacht?«

»Ich habe Sie gewarnt«, sagt Lee hart.

In den Ohren des Offiziers klingt dies gefühlskalt, aber das ist es nicht. Lee weiß lediglich, dass man all diese Menschen mit Gewalt aus ihrer Umgebung gerissen hat und dass sie sich niemals wieder in der Welt der Weißen zurechtfinden werden. Sie sind alle verdammt. Man wird nach ein paar Tagen der Neugierde und des geheuchelten Mitgefühls schnell mit den Fingern auf sie zeigen und sie ausgrenzen.

Diese Menschen sind entweder verrückt, von den Indianern vergewaltigt oder zu einem Comanchen erzogen. Damit passen sie überhaupt nicht in die bibeltreue Welt irgendwelcher Familien, hinter deren bürgerlicher Fassade Heuchelei, Missgunst und puritanische Engstirnigkeit stecken.

Lee hat es oft genug erlebt. Die meisten dieser Gefangenen nehmen sich entweder das Leben oder gehen wieder zurück zu den Comanchen.

***

Eine Woche später steht es groß in allen Zeitungen des Landes.

Colonel Anderson ist es gelungen, zwölf Gefangene der Comanchen wieder ihren Familien zurückzuführen. Durch diese heroische Tat empfiehlt sich der Colonel wieder einmal nachdrücklich für ein Amt in Washington.

Zwei Wochen später gibt es erneut einige Meldungen über die Gefangenen. Diesmal allerdings erscheinen sie nur in der Zeitung des County und auch dort nur als kurzer Absatz irgendwo im Innenteil.

Sie besagen, dass zwei der befreiten Jungen in einem Heim für schwer erziehbare Kinder gelandet sind und drei der Frauen sich umgebracht haben. Ein rothaariger, zwölfjähriger Junge, der Sohn von Walter Jones, hat seinen Vater erstochen und ist seitdem verschwunden. Man nimmt an, dass er wieder zu den Comanchen zurückgekehrt ist.

Copyright © 2010 by Kendall Kane

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