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Brasada – Folge 13

Bitterer Lohn

Seit Lee Marlowe unter die Ranchbesitzer gegangen ist, zündet er sich jeden Morgen nach dem Frühstück eine Zigarette an. Dann tritt er vor die Tür, blickt über die Brasada mit ihren weiten Ebenen, dem Dornbuschland, den Kalksteinfelsen und den unzähligen Bächen und Flüssen und erst dann beginnt er mit seinem Tagewerk.

So auch an diesem Morgen, als die Kavalleriepatrouille auf den Hof der Drei Balken kommt und vor dem Haupthaus absitzt.

Neben ihm kommt jetzt Big Bill Baker aus dem Haus. Natürlich nicht ohne vorher noch schnell mit einem Sauerteigbrötchen den Rest des Frühstücks, das wie immer aus Bohnen und Speck besteht, in der Pfanne zusammenzuscharren, um sich das Ganze dann auf dem Weg vom Tisch zur Tür hinter die Zähne zu schieben. Deshalb ist sein Mund jetzt auch vollgestopft mit Essen und Lee hat Mühe ihn zu verstehen.

»Warum bekomme ich eigentlich immer Magenschmerzen, wenn ich einen von diesen verdammten Blaubäuchen sehe?«

Lee zuckt mit den Achseln. »Geh hin und frag den Lieutenant.«

Der große Mann schüttelt entschlossen den Kopf. »Bevor ich einem dieser Uniformierten nachlaufe, friert eher die Hölle zu.«

Dazu muss man wissen, dass Big Bill Baker im Bürgerkrieg aufseiten der Konföderation gekämpft hat. Er hat Bull Run und etliche andere, kleinere Schlachten überlebt und war bei der Kapitulation von Appomatox dabei. Dennoch hält er die Männer des Südens immer noch für die besseren Soldaten und selbst jetzt, fast ein Jahrzehnt nach dem Ende des Krieges, hat er noch eine starke Abneigung gegen alles, was eine blaue Uniform trägt.

Deswegen erwidert er auch den Gruß des schnauzbärtigen Lieutenant nicht, als dieser auf das Ranchhaus zukommt.

»Wer von Ihnen ist Lee Marlowe?«

»Wer will das wissen?«, entgegnet Lee, während sich seine Hand auf den zerschrammten Walnussholzgriff seines Colts legt.

Der Offizier zuckt merklich zusammen. Er ist erst fünfundzwanzig, höchstens sechsundzwanzig, aber schon hart und erfahren. Der Dienst in der Brasada hat deutliche Spuren hinterlassen. Seine von der Sonne verbrannte Haut hat die Farbe von altem Kupfer und seine blonden Haare sind von Wind und Wetter genauso ausgeblichen wie die Rangabzeichen auf seinen Schulterklappen. Er spürt genau, dass der Gesuchte ein harter Mann ist, bei dem man sich seine Worte genau überlegen muss.

»Colonel Anderson lässt Ihnen ausrichten, dass er Sie sprechen möchte. Der Kommandant von Fort Bascom hält sich im Moment in Tascosa auf.«

»Was will ein Colonel der Armee von einem Brasadarancher?«

»Sie waren nicht immer ein Brasadarancher«, sagt der Lieutenant. »Über Sie gibt es noch etliche Unterlagen. Sie wissen doch, die Armee vergisst nie jemanden, der schon einmal gedient hat.«

Lee Marlowe verzieht beinahe schmerzhaft das Gesicht. Er hat es nicht besonders gerne, wenn man ihn an seine Vergangenheit als Kundschafter der Army erinnert.

***

»Und? «

Lee Marlowe blickt kurz zu Big Bill auf und dreht dann weiterhin bedächtig an seinem Reispapier und dem knapp bemessenen Häufchen Tabak. Dann lehnt er sich im Stuhl zurück und zündet die Zigarette an, während seine beiden Sattelpartner vor Neugierde beinahe platzen. Bevor er ihnen antworten wird, muss er aber zunächst einmal selber mit sich ins Reine kommen. Er ist gerade eben erst von der Unterredung mit dem Colonel aus der Stadt zurückgekommen und ihm schwirren noch so einige Gedanken durch den Kopf, über deren Folgen er sich erst einmal klar werden muss.

»Die Comanchen und Kiowas führen seit Jahrzehnten Krieg«, beginnt er. »Und seit Jahrzehnten rauben sie unsere Frauen und Kinder. Die meisten von ihnen sind noch am Leben.«

»Was hast du damit zu tun?«, will Ben Allison wissen.

»Anderson ist der neue Kommandant von Fort Bascom. Seit er seinen Dienst angetreten hat, bestürmen ihn mindestens dreißig Familien, ihre Angehörigen zurückzubringen. Weil sich der Bastard aber nicht damit zufrieden gibt nur Fortkommandant zu spielen, sondern mit einem Posten im Kriegsministerium in Washington liebäugelt, hat er den Familien zugesichert, ihnen zu helfen. Dazu braucht er aber mich beziehungsweise meine Kenntnisse über dieses Land.«

»Hat er keine eigenen Scouts?«

»Doch, aber keinen, der so wie ich Häuptling Powderface persönlich kennt.«

»Und wenn du dich weigerst?«, fragt jetzt Big Bill.

»Dann nimmt er mir persönlich das Ganze ziemlich übel. Er schreibt dann einen Brief an den Gouverneur und ich werde zwangsrekrutiert. Wenn ich mich dann immer noch weigere, gelte ich als Deserteur und kann von jedem Landstreicher erschossen werden.«

»Hat er dir das in dieser Deutlichkeit gesagt?«

»Ein Stinktier braucht sich bei mir nicht vorzustellen, damit ich weiß, dass es da ist.«

»Zur Hölle mit diesen Blaubäuchen«, sagt Ben Allison. »Aber du hast recht. Wir gehen wirklich schlimmen Zeiten entgegen und dieser Anderson macht da keine Ausnahme. Seit sich das, was die Pfeffersäcke aus dem Norden Zivilisation nennen, immer mehr bei uns ausbreitet, zählen Dinge wie Ehre, Anstand und die Gültigkeit eines gegebenen Wortes nicht mehr. Die Zeitung hat den Colt ersetzt, das Geld den Stolz und die Machtgeilheit einiger weniger die Ehre eines rechtschaffenen Mannes. Zahlt man dir wenigstens etwas für diesen Job?«

Lee zuckt erneut mit den Schultern. »Es war die Rede von zwanzig Dollar für jeden Gefangenen, den ich lebend zurückbringe.«

»Das wird ein verdammt bitterer Lohn, Lee.«

***

Lee Marlowe war lange genug Scout bei der Armee, um genau zu wissen, wo er mit seiner Suche beginnen muss.

Während die Soldaten, welche ihm bei der Suche nach den Gefangenen eigentlich unterstützen sollen, irgendwo im Panhandle herumirren und dort im Sand verzweifelt versuchen die Spuren der Indianer zu finden, reitet er direkt nach Tascosa.

Er bindet sein Pferd am Haltebalken vor Manuel Salinas Bodega an, betritt die Spelunke und marschiert schnurstracks auf jenen olivbraunen Mexikaner zu, der dort in der hintersten, dunkelsten Ecke vor einer Flasche Mescal sitzt.

Es befinden sich zwar noch drei weitere Mexikaner in dem Lokal, aber Lee interessiert sich nur für jenen Mann an dem Tisch.

Sein Name ist Pablo Ortega und obwohl jeder in diesem Land weiß, dass er ein Comanchero, Verbrecher und ausgemachter Schuft ist, wird er hier geduldet. Es sind Männer wie Ortega, über die man gestohlenes Vieh oder entführte Frauen und Kinder aus dem Indianerland zurückbekommen kann.

»Was macht ein Americano wie du in Manuels Cantina?«

»Die Armee will wieder einmal versuchen, entführte Weiße aus dem Comanchenland zurückzuholen. Deshalb brauche ich einige Informationen von dir.«

»Ola Amigo«, sagt Ortega, während er sein Schnapsglas zum Mund führt. »Solche Auskünfte könnten meine Geschäfte aber empfindlich stören. Da musst du schon einige Scheine locker machen. Also, was hast du anzubieten?«

Statt einer Antwort schlägt Lee Marlowe mit seiner Rechten mit voller Kraft gegen das Trinkgefäß. Das Glas zersplittert im Mund des Mexikaners, der sofort zwischen den Zähnen und an den Lippen zu bluten beginnt.

»Madre de Dios«, flucht er.

»Meine Amigos werden dich dafür …«

Was er sonst noch sagen will, erfährt Lee nicht mehr. Der ehemalige Armeescout dreht sich nämlich ruckartig um und zerschießt einem der heraneilenden Mexikaner die Schulter. Die anderen beiden Männer in dem Lokal bleiben stehen, als wären sie gegen eine unsichtbare Wand gelaufen und Manuel Salina verschwindet händeringend hinter seiner Theke. Lee Marlowe aber schiebt den noch rauchenden Lauf seiner Waffe jenem Mexikaner, der immer noch am Tisch sitzt, in den Mund und funkelt ihn mit blitzenden Augen an.

»Jetzt hör mir gut zu, Pablo Ortega! Ich werde dir genau drei Fragen stellen, und wenn ich der Meinung bin, dass du mich anlügst, werde ich meinen Finger um den Abzugshahn krümmen und danach wird dieser Colt mit deinem Hirn hier die Wände der Bodega tapezieren, hast du mich verstanden?«

Pablo Ortega beginnt heftig zu nicken, obwohl seine Zähne dabei ständig gegen den Lauf von Marlowes Waffe stoßen.

***

Die Soldaten kampieren etwa zehn Meilen vor der Stadt. Es sind zwölf Privates, ein Sergeant und ein Lieutenant. Dazu kommen noch zwei vierrädrige Armeewagen für den Rücktransport der Gefangenen und zwei Wagen, die in Fort Bascom vom Zahlmeister der Armee bestückt worden sind. Darauf befinden sich Sachen wie Geschirr, Handwerkszeug, Wolldecken, ein paar Säcke mit Glasperlen und zwei Kisten mit ausrangierten Armeegewehren und anderen Dingen.

Schnell stellt Lee fest, das Colonel Anderson hauptsächlich Sachen ausgewählt hat, die Frauen brauchen. Nicht dumm, muss er anerkennen, denn jeder Indianer, der eine weibliche Gefangene hergeben soll, wird solchen Frauenkram brauchen, wenn er sich danach wieder nach einer Squaw umsehen muss.

»Wo zum Teufel haben Sie gesteckt?«, begrüßt ihn der Lieutenant, während sich Lee im Camp umsieht.

»Wir treffen uns mit den Comanchen übermorgen am Rio Blanco«, erwidert Lee anstelle einer Antwort.

»Sie bringen etwa ein Dutzend Gefangene mit. Ich hoffe, Ihre Geschenke können das halten, was sie versprechen.«

Der Soldat reißt überrascht die Augen auf. »Woher haben Sie diese Informationen? Zum Teufel, wir haben uns den ganzen Tag über den Hintern wund geritten und bekommen nichts als Sand, Steine und Staub zu sehen. Sie sind kaum in der Stadt und wissen schon mehr als das gesamte Büro der Armee für Indianerangelegenheiten.«

Lee Marlowe beginnt zu grinsen, obwohl er weiß, dass wegen der Schießerei noch ein klärendes Gespräch mit Sheriff Willingham ansteht. »Beziehungen«, sagt er nur und legt sich neben dem Campfeuer einfach auf den Boden. Bevor der Lieutenant noch weitere Fragen stellen kann, dringt bereits Lee Marlowes lautes Schnarchen durch die Nacht.

Als er dann am anderen Morgen mit den Soldaten zusammen aufbricht, bekommt er einen ersten Vorgeschmack davon, auf welch bittere Weise er sich sein Geld verdienen muss.

Er reitet Seite an Seite mit dem Lieutenant über das Land und während Lee die Augen offen hält und die Umgebung beobachtet, beginnt der Offizier zu erzählen.

Über das Schicksal der Gefangenen, über die Rolle der Armee und über die wahren Gründe der Angehörigen, warum sie so versessen darauf sind, junge Frauen und Kinder wieder in ihren Reihen aufzunehmen, obwohl diese wahrscheinlich nicht einmal mehr wissen, bei wem und wo sie aufgewachsen sind.

Es wird ein karger Bericht und Lee hat danach plötzlich einen schalen Geschmack im Mund.

Copyright © 2010 by Kendall Kane

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