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Im Gespräch mit Manfred Böckl

Manfred Böckl wurde am 2. September 1948 in Niederbayern geboren, heute lebt er im Bayerischen Wald. Er hat bislang an die 80 Romane und Sachbücher mit einer Gesamtauflage von ca. einer Million geschrieben. Dabei widmet er sich unterschiedlichen Themenfeldern: Neben Jugendromanen schrieb er unter anderem bereits Bücher über Hexenverfolgung, Propheten und das Keltentum. Auch der regionalen Geschichte Bayerns hat er bereits einige Bücher gewidmet. Gerade bei seinen historischen oder fantastischen Romanen ist er dabei immer wieder durch seine mitunter gewagten Thesen oder die Themenwahl auf Widerstand gestoßen.

Das vorliegende Interview befasst sich vorrangig mit Böckls Büchern zur keltischen Mythologie, von denen die Neuinterpretation des irischen Cúchulainn-Epos, Der Hund des Culann (bei Klett-Cotta erschienen), das bekannteste sein dürfte.


Geisterspiegel: Guten Tag, Herr Böckl. Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für ein Interview mit dem Geisterspiegel nehmen. Könnten Sie sich zunächst einmal den Lesern des Geisterspiegels vorstellen, denen Sie (noch) kein Begriff sind?

Manfred Böckl: Ich bin Bajuware (beherrsche aber auch das Hochdeutsche), lebe am Waldrand in einem winzigen Dorf im Bayerischen Wald, bin 1948 geboren und arbeite seit 1976 als freier Schriftsteller. Zuvor war ich einige Jahre Volontär und dann Redakteur bei einer großen bayerischen Tageszeitung. Seit 1976 habe ich circa 80 Romane und Sachbücher in etwa 20 Verlagen veröffentlicht. Die Gesamtauflage meiner Bücher beträgt ungefähr eine Million; verschiedene Titel wurden in andere Sprachen übersetzt: ins Russische, Italienische, Niederländische, Estländische, Bulgarische und Tschechische. Eine ausführliche Bio-Bibliographie findet sich auf www.manfred-boeckl-schriftsteller.de.


Geisterspiegel: Einer ihrer Schwerpunkte liegt auf den Kelten, bzw. der keltischen Mythologie. In dem Roman Merlin. Der Druide von Camelot behaupten Sie u. a., den Geburtsort der historischen Figur hinter dem Mythos ausfindig gemacht sowie sein Leben möglichst wahrheitsgetreu recherchiert und nacherzählt zu haben. Mit Der Hund des Culann wagten Sie sich zudem daran, das nur fragmentarisch überlieferte Cúchulainn-Epos zu ergänzen und so gewissermaßen zu vervollständigen. Wie sind Sie an diese nicht ganz unumstrittenen Ziele herangegangen?

Manfred Böckl: Im Fall Merlin zum einen durch einschlägige Lektüre, zum anderen durch Nachforschungen vor Ort, speziell in Südwestengland und Wales. Ich sprach dort auf vielen Reisen mit Archäologen, Historikern und der eingesessenen ländlichen Bevölkerung. Es zeigte sich öfter, dass gerade die Volksüberlieferungen sehr hilfreich und – wissenschaftlich nachprüfbar – richtig waren. So behauptete die Volksüberlieferung beispielsweise immer, Tintagel an der Nordküste von Cornwall sei der Sitz der Könige von Cornwall gewesen, was bis zur zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts von den Wissenschaftlern als Unfug abgetan wurde, weil es angeblich nie kornische Könige gab. In den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts stellten die Archäologen dann aber fest, dass ganz in der Nähe der mittelalterlichen Burgruine von Tintagel eine bedeutende keltische Ansiedlung existiert hatte, und die dort gemachten archäologischen Funde bewiesen, dass dieses Tintagel ein Fürstensitz gewesen sein musste: der Sitz des Stammeskönigs der keltischen Dumnonier, die einst in Cornwall siedelten. Die Volksüberlieferung hatte also recht behalten – und genauso war es hinsichtlich des Geburtsortes Merlins in der Nähe der südwestwalisischen Stadt Carmarthen. Die Volksüberlieferung besagte stets, Merlin sei als Enkel eines Königs auf dem Bryn Myrddin (Hügel Merlins) geboren worden. Die Archäologen fanden dann heraus, dass der genannte Hügel einst einen Stammeskönigssitz getragen hatte: den des Keltenstammes der Demetier.

Was den Roman Der Hund des Culann betrifft, so gab es hier das Problem, dass das irische Cúchulainn-Epos nur in großen Fragmenten überliefert ist. Um einen schlüssigen und gut lesbaren modernen Roman zu schreiben, musste ich die fehlenden Passagen möglichst authentisch ergänzen. Ich traute mir das zu, weil ich mich zuvor intensiv mit der inselkeltischen Mythologie und Geschichte beschäftigt hatte. So konnte ich bestimmte verlorene Stellen der Erzählungen (hoffentlich) einigermaßen adäquat rekonstruieren. Ich gebe aber zu, dass ich mich teilweise auch auf meine Intuition verließ – dass ich also zu erspüren versuchte, was in den fehlenden Originalpassagen gestanden haben könnte. Diese Versuche des Erspürens erfolgten aber nie willkürlich, sondern auf der Basis meines realen Wissens über die Inselkelten.

Geisterspiegel: Trotz (oder gerade wegen?) ihres Zieles, das Cúchulainn-Epos zu vervollständigen, fehlen in Ihrer Interpretation einige signifikante Stellen oder Variationen, bzw. sind nur am Rande erwähnt, etwa der Kampf zwischen Cúchulainn und seinem Freund Ferdia, um nur mal ein Beispiel zu nennen. Weshalb haben Sie diese Aussparungen vorgenommen, bzw. wie haben Sie sich für Ihre Varianten entschieden?

Manfred Böckl: Es gibt in den irischen Originaltexten eine große und ziemlich stringente erzählerische Hauptlinie, daneben aber auch etliche Seitenstränge, die mit der Kernerzählung nur wenig zu tun haben. Konkret handelt es sich bei diesen (meist kleinen) Seitensträngen um Schilderungen von Zweikämpfen, die Cúchulainn besteht; etwa den Kampf zwischen ihm und Ferdia. Im Zusammenhang mit diesen Zweikämpfen gibt es dann manchmal auch Anspielungen auf Verwandtschaftsverhältnisse der Helden oder Randereignisse, die dem heutigen Leser eigentlich nichts sagen. Hätte ich alle diese Handlungsstränge krampfhaft in meinen Roman eingebaut, dann hätte dessen Lesbarkeit schwer gelitten. Deshalb entschied ich mich, die Romanhandlung auf die Cúchulainn-Kerngeschichte zu beschränken.

Geisterspiegel: Ich muss zugeben, als ich Der Hund des Culann das erste Mal las, war ich zunächst etwas irritiert. Bei Klett-Cotta erschienen und in den Fantasysparten der Buchläden aufzufinden, erwartete ich einen Fantasyroman im Stil von Kenneth C. Flints Roman Der Sohn der Sídhe (OT: A Storm Upon Ulster/ The Hound of Culain). Doch inhaltlich wie auch stilistisch bleiben Sie deutlich enger an Originalquellen (soweit ich das beurteilen kann) und aus heutiger Sicht würde ich Ihr Buch eher noch mit Cuchulain of Muirthemne: The Story oft the Red Men of Ulster von Lady Gregory vergleichen.
War es überhaupt ihr Ziel, über die Neuinterpretation hinaus auch einen spannenden (Fantasy-) Roman zu schreiben, oder stand für Sie vor allem der Informations- und Erkenntnisaspekt im Vordergrund?

Manfred Böckl: Ja, ich habe mich so eng wie möglich an die Originalquellen gehalten, denn meine Romanfassung des Cúchulainn-Epos sollte authentisch bleiben: den heutigen Lesern das historische keltische Weltbild und keltisches Gedankengut nahebringen. Einen Fantasy-Roman wollte ich also nie schreiben, und darin war ich mir auch mit dem Verlag einig. Leider hatte Klett-Cotta aber keine Programmschiene Keltische Mythologie, weshalb das Buch dann in der Programmschiene Fantasy landete. Und das war wahrscheinlich eine unglückliche Sache, weil viele Leser dadurch irritiert wurden. Der Hund des Culann ist eben kein simpler Fantasy-Unterhaltungsroman, sondern modern erzählte alteuropäische Mythologie, was ich persönlich viel faszinierender finde.

Geisterspiegel: Was halten Sie davon, wenn irisch-keltische Sagen als inhaltliche Basis für moderne Fantasy-Epen genommen werden? Die Spannweite ist hier ja inzwischen sehr weit und reicht über fantastisch aufbereitete Nacherzählungen über All Age-Abenteuer bis hin zu Romantasy oder Romanen mit feministischen Untertönen.

Manfred Böckl: Ich halte nichts von solchen Romanen. Denn sie haben mit dem echten Irisch-Keltischen nichts mehr zu tun. Im Grunde wird hier unter dem Deckmantel des Keltischen nur billige Unterhaltung verbreitet – bis hin zu Kitsch und Schund. Und dafür ist das wahre Keltische viel zu schade. (Aber wenn es um Frauengleichberechtigung geht – dann ist das immerhin auch keltisch gedacht, denn keltische Frauen waren nicht unterdrückt.)

Geisterspiegel: Auch fern der Belletristik hat das Keltentum in den letzten Jahren einen deutlichen Aufschwung erlebt. Märkte und Tanzgruppen mit keltischem Hintergrund erfreuen sich großer Beliebtheit und auch neopagane Strömungen wie Celtoi sind mehr in den Blickpunkt der Öffentlichkeit geraten. Wie haben Sie diese Entwicklung erlebt?

Manfred Böckl: Ich war seit 1997 ein bisschen als Berater am Aufbau des Keltendorfes Gabreta im Bayerischen Wald beteiligt, wohne auch in der Nähe dieses keltischen Freilichtmuseums und stehe voll hinter ihm. Das ist so, weil die Gebäude des Keltendorfes unter Aufsicht eines Lehrstuhlinhabers für Archäologie an der Passauer Universität nach wissenschaftlichen Kriterien rekonstruiert wurden, sodass man sich in Gabreta wirklich in die keltische Zeit hineinversetzen kann. Auch die Keltengruppen, die aus halb Europa nach Gabreta kommen, sind authentisch; sie setzen in ihren Trachten, Waffen, Musikinstrumenten usw. archäologische und historische Erkenntnisse um. Ebenso praktizieren diese Keltengruppen pagane Rituale, was mich schon seit Jahrzehnten sehr anspricht …

Geisterspiegel: Sie bezeichnen sich selbst auf ihrer Website als Kelte, auf Ihrer Facebook-Seite als keltischer Heide. Nun ist das ein sehr weitläufiges Feld. Sofern Ihnen die Frage nicht zu persönlich ist – was verstehen Sie für sich darunter?

Manfred Böckl: Konkret bedeutet das: Ich habe mich vom Christentum und vom Bibelmonotheimus völlig losgesagt und lebe die alteuropäische Religion in ihrer keltischen Form. Das heißt, ich bete zu den keltischen Gottheiten, am häufigsten zur Großen oder Dreifachen Göttin. Manchmal opfere ich den weiblich und männlich gedachten Gottheiten der Kelten auch: Ich lege dann beispielsweise eine kleine Gabe (ein Baumblatt, einen Stein, eine Blume) an einem besonderen Ort im Freien nieder und suche dadurch den Einklang mit der Natur, die im keltischen Denken eine ganz reale Erscheinungsform des Göttlichen ist. Über meine keltische Religion habe ich übrigens auch verschiedene Bücher geschrieben; zum Beispiel Die Botschaft der Druiden oder Ceridwen. Die Rückkehr der dreifaltigen Göttin der Kelten. Einer neopaganen Vereinigung wie etwa Wicca oder dem Order of Bards, Ovates and Druids gehöre ich aber nicht an; ich lebe meine keltische Religion vielmehr völlig individuell.

Geisterspiegel: Mal ganz allgemein gefragt – wie kamen Sie eigentlich in Berührung mit dem Interessengebiet rund um die Kelten, dem Sie sich ja auch auf regionaler Ebene widmen?

Manfred Böckl: Das war vor über 30 Jahren. Damals protestierte ein Freund von mir, ein Bildender Künstler, in der Oberpfalz gegen die damalige atomare Nachrüstung, indem er einen Steinkreis errichtete und drei Tage und Nächte darin meditierte. Er tat dies in präkeltisch-keltischer Tradition – und führte mich dadurch an diese geistige Welt heran. Von da an beschäftigte ich mich immer intensiver mit dem Keltentum. Ich begriff, dass hier eine ganz wichtige, aber leider stark verschüttete europäische Wurzel liegt; ich wollte sie wiederentdecken und wiederbeleben, und so wurde ich zum keltisch denkenden und fühlenden Menschen.

Geisterspiegel: Zum Abschluss noch eine Frage bezüglich Ihrer Bibliographie. Neben thematisch durchaus noch zueinander passenden Themen wie Hexenverfolgung, Propheten oder eben den Kelten taucht da plötzlich der Titel Go, Trabi, go auf. Wie kam es denn dazu, dass Sie hierfür als Autor auserwählt wurden (ich nehme an, dass es eine Auftragsarbeit war)?

Manfred Böckl: Ja, das war vor ungefähr 20 Jahren eine der ganz wenigen Auftragsarbeiten, die ich aus finanziellen Gründen annehmen musste. Es ist ja manchmal nicht ganz leicht, vom Bücherschreiben zu leben. Aber meine allermeisten Bücher habe ich geschrieben, weil ich sie schreiben wollte. Und dafür habe ich dann öfter auch auf einen Vertrag mit einem großen Verlag verzichtet und habe das betreffende Buch lieber bei einem kleinen Verlag realisiert. Denn meine schriftstellerische Freiheit ist mir sehr wichtig; ebenso meine Unabhängigkeit von irgendwelchen Trends, die gerade in sind.


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