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Tony Tanner – Agent der Weißen Väter – 8.21

Das Komplott der Eisernen – Teil 21

Mit einer plötzlichen Klarheit wusste Tony Tanner, was Heathercroft ihm nun ins Gesicht werfen wollte. Die Erkenntnis brachte ihn für einen Moment ins Schwanken, ließ es wie Eiswasser sein Rückgrat herunterrieseln. Doch einen Wimpernschlag später hatte er sich wieder im Griff. Diesen Triumph würde Heathercroft nicht genießen können.

»Ach so, du meinst die Geschichte mit Francine«, sagte Tony beiläufig.

Heathercrofts Mundwinkel sanken in schlaffer Enttäuschung herab. Dann funkelten seine Augen in erneuerter Boshaftigkeit.

»Korrekt, Tanner, ich habe deine Freundin gebrögelt. Sie war nicht unbedingt der große Knaller, aber einmal im Leben sollte auch ein Mädel wie sie einen richtigen Mann zu spüren bekommen.«

Nachdem er genüsslich diesen ebenso wohlvorbereiteten wie unverschämten Satz herausgeträufelt hatte, schaute Heathercroft begierig auf Tony, als wolle er mit seiner Aufmerksamkeit jede Reaktion von Tonys Gesicht wischen und als Reliquie konservieren.

Tony seinerseits schaute mit gelangweilter Neugier auf Heathercroft, und seiner Miene war deutlich anzusehen, dass er immer noch auf die eigentliche Sensation, die Heathercroft ihm doch versprochen hatte, wartete.

»Sie hat mit dir nicht darüber gesprochen, was Tanner?«, fragte Heathercroft, seine beginnende Unsicherheit durch Forschheit überspielend.

Tony machte eine wegwerfende Bewegung. »Über sexuellen Kleinkram hat sie eigentlich nie geredet.«

Dann überlegte Tony scheinbar angestrengt und rieb sich die gefurchte Stirn. Sein Finger deutete auf Heathercroft.

»Dann warst du vermutlich die Nummer 50 und der Neger war die 49, jetzt verstehe ich. Und dieser uralte Zirkuszwerg war danach – oder war er davor? Ich bin mit der Statistik nicht mitgekommen.«

»We- elcher Neger?«, murmelte Heathercroft, und sein Atem schien vor Schwäche zu pfeifen.

Tony zuckte die Schultern. »Keine Ahnung. Irgend so ein Typ. Sie hat ja eigentlich jeden armen Willi von der Straße angeschleppt. Aber der Schwarze hatte diese eitrigen Pickel an seinem Schwengel, als ich ihn von ihr runtergeholt habe. Ich kenne mich ja nicht so genau aus, aber für mich sah das sehr ansteckend aus. Du hast nicht zufällig Schmerzen beim Wasserlassen? Oder Probleme beim – na du weißt schon? Naja, sowas dauert schon mal ein paar Jahre, bis es ausbricht, lange Inkubationszeit, wenn du verstehst, was ich sagen will!«

»… s sagen will …«, stammelte Heathercroft und fasste sich unwillkürlich in den Schritt. Ohne weitersprechen zu können, starrte er Tony nur an, als sehe er ihn und die nähere Umgebung, ja die ganze Welt zum allerersten Mal.

Tony Tanner klopfte Heathercroft aufmunternd auf die Schulter und wedelte dann imaginären Schmutz von der Hand.

»Kopf hoch, die moderne Medizin vollbringt Wunder. Allerdings solltest du dir deine Gespielinnen sorgfältiger aussuchen. Weißt du, dir als gutem Kollegen kann ich es ja sagen. Francine war nicht meine Freundin, ich sollte einfach nur auf sie aufpassen. Sie war ein Grenzfall, psychologisch gesehen, weißt du? Femile canine Erotomanie, vulgo als krankhafte Läufigkeit bezeichnet. Für eine Weile ging es ganz gut, und ihre Eltern waren mir echt dankbar. Du musstest halt nur aufpassen, dass sie dich nicht von hinten mit dem Nudelholz erwischte und k.o. schlug. Dann fing sie nämlich sofort an, an dir herumzufummeln wie ein Ferrarimechaniker beim Reifenwechsel, du verstehst, was ich meine? Äußerst unerfreulich, obwohl sie ja nicht mal verkehrt aussah.«

»Und dann?«, hauchte Heathercroft mit belegter Stimme.

Tony zog Heathercroft ein wenig zur Seite, und wischte dann die Hand, mit der er ihn berührt hatte, mit einiger Sorgfalt an seinem Taschentuch ab, das er darauf mit spitzen Fingern in einen nahen Papierkorb schnippte. Dazu zog er sein vertraulichstes Gesicht und senkte verschwörerisch die Stimme.

»Irgendwann wurde mir klar, dass sie professionelle Behandlung braucht. Aber nachdem sie ihre Psychiaterin vergewaltigt hatte, wurde sie in eine geschlossene Abteilung gesteckt, soviel ich weiß. Sie bekommt Massen von Medikamenten und trägt so eine Art Keuschheitsgürtel. Aber ich habe das auch nur durch Hörensagen erfahren.«

 

Damit drehte sich Tony zur Seite und schlenderte auf eine Gruppe um den Vizechef zu. Heathercroft folgte ihm nicht, sondern schlich, grenzenlos verletzt und moralisch völlig vernichtet, in Richtung der Toiletten.

Der Vizechef nickte Tony wohlmeinend zu. »Ahh, Tanner, unser Weltenbummler! Sie sind ja darüber informiert, dass die Amtsübergabe an meine Wenigkeit um fünf Tage vorgezogen wurde?«

Tony lächelte verbindlichst und murmelte irgendeine Belanglosigkeit. Natürlich hatte er es nicht gewusst. Fünf Tage, die ihm nun fehlten! Er empfand das dringende Bedürfnis, dem Vizechef vor das wohlwollend rundliche Knie zu treten. Aber er tat es nicht, und er ersparte Heathercroft auch die Tracht Prügel, die eigentlich, als Belohnung für unverschämtes Baggern bei Lucille, fällig gewesen wäre. Tatsächlich schwenkte Tony aber fröhlich sein Glas und plauderte mit der gesamten Routine, die ihm sein Berufsleben beigebracht hatte.

***

»Oh Gott, war das ätzend«, lautete Lucilles ganzer Kommentar, als sie neben Tony im Taxi saß.

»Du hast dich allem Anschein nach bestens amüsiert«, knurrte Tony.

»Weil ich gewusst habe, dass du eifersüchtig bist, mein Lieber.«

»Ich und eifersüchtig?«, wehrte Tony empört ab. »Vergiss es, Süße. Ein Mann wie ich ist nicht eifersüchtig. Das wäre weit unter meinem Niveau.«

»Ach komm schon, wenigstens ein bisschen.«

»Null Komma null, meine Dame.«

Lucille beugte sich im Halbdunkel des Taxis zu Tony hinüber und zeigte ihm Daumen und Zeigefinger, die eine Winzigkeit voneinander entfernt waren.

»Nicht mal so ein bisschen?«

»Ich wiederhole, null Komma null null Periode, Epsilon kleiner null.«

»Wenigstens ein kleines bisschen Eifersucht, bitte, bitte.«

Seufzend schlug Tony Tanner ein Bein über das andere, nicht ohne vorher sorgfältig an der Bügelfalte gezupft zu haben.

»Nun gut«, erklärte er dann ein wenig gönnerhaft, »es ging mir doch ein klein wenig auf den Geist, wie dich dieser plumpe Kerl angebaggert hat – ein klein wenig, hörst du?.«

»Du braver Junge, ich wusste es doch, dass ich dir noch etwas bedeute«, setzte Lucille zu einem ironischen Jubel an. Dann griff sie in ihre Manteltasche. «Und zur Belohnung bekommst du das hier.«

Damit überreichte sie Tony eine kleine Karte, kaum größer als eine normale Visitenkarte.

»Woher hast du das?«

»Oh, ich habe kurz in die Jackettasche deines Busenkumpels Heathercroft gegriffen, als er mir wieder einmal ein wenig allzu nahe gekommen war.«

»Geklaut also!«, stellte Tony fest und äugte auf die Karte. Er konnte in dem schwachen Licht die Aufschrift nicht erkennen, aber unter seinen Fingerspitzen spürte er schweres und enorm teures Büttenpapier, das mit einer Handpresse bedruckt worden sein musste.

»Du siehst, für dich werde ich sogar kriminell«, unterbrach Lucille seine schweigende Untersuchung. Tony schob die Karte in seine Tasche.

»Ich werde deine kalten Lippen küssen, wenn dich der Henker vor der Stadt aufgeknüpft hat.«

»Wie süß von dir. Ich wusste, dass du ein Romantiker bist. Aber du könntest unter Umständen auch meine heißen Lippen schon jetzt küssen.«

Es blieb bei dem Versuch, denn Tonys Prellungen ließen ihn bei der kleinsten Berührung heftig zusammenzucken. Lucille lehnte sich aufseufzend wieder zurück und begnügte sich damit, Tonys Wange zu streicheln. Das wirkte ein wenig tantenhaft, ein Eindruck, der lediglich durch das leicht schabende Geräusch gestört wurde, das Tonys langsam wieder hervorsprießende Bartstoppeln verursachten.

»Du prügelst dich, und mein sehnsuchtsvolles Lager bleibt kalt«, seufzte Lucile zum Abschied, »nun weiß ich, was ein Kollateralschaden ist.«

***

Fünf Tage weniger. Das war nicht mehr zu schaffen. Der Gedanke ging Tony Tanner nicht aus dem Kopf, als er am nächsten Morgen durch sein Büro wanderte.

Das Schrillen des Telefons riss ihn aus seinen düsteren Überlegungen.

»Hey Alter«, klang es aus der Muschel.

»Pillbury, wo steckst du? Ich habe den ganzen Morgen versucht, dich zu erreichen. Ich muss dringend mit dir sprechen.«

»Ihr Freund Pillbury wird mit niemandem mehr sprechen, wenn Sie nicht genau das tun, was ich Ihnen sage, Herr Tanner – und das sofort!«

Die Stimme kam für Tony völlig unerwartet. Bei ihrem Klang erschauerte er, als hätte sich das Telefon in den Brausekopf einer kalten Dusche verwandelt. Es war eine tiefe, dröhnende Stimme, unmenschlich und bedrohlich, weil sie aus einer unmessbaren Tiefe zu kommen schien.

»Wer sind Sie?«, zischte Tony, froh, dass ihm nicht die ganze Luft ausgegangen war.

»Man nennt mich Mister Moon. Aber das war auch die letzte Frage, die ich Ihnen beantworten werde. Ab jetzt gehorchen Sie meinen Befehlen, sonst …«

Aus dem Hörer erklang Rauschen. Dann die entfernte Stimme Pillburys.

»He Alter, beeil dich, die fangen schon an, mich zu zerschnitzeln – und ohne Betäuuuu …!«

Irgendetwas zischte hässlich, und Pillbury ließ einen undefinierbaren Ausruf hören. Daraufhin lauschte Tony Tanner aufmerksam dem Auftrag, den er erhielt. Dann wurden weitere hohle Floskeln aufgelegt, und das ziemlich einseitige Gespräch war damit beendet. Tony eilte durch den Vorraum. Janet Baker wackelte rhythmisch auf ihrem Stuhl hin und her und pfiff zu einer Melodie, die aus ihren aufgesetzten Kopfhörern erklang. Gleichzeitig hämmerte sie mit furchterregender Geschwindigkeit einen Text in den Rechner.

Tony deutete auf sich, seine Uhr und die Tür.

Janet nickte und winkte ihm zum Abschied in bekannter und herzzerreißend niedlicher Munterkeit mit allen zehn Fingern, bevor sie sich wieder auf die Tastatur stürzte.

 

Draußen eilte Tony zum nächsten Taxistand und ließ sich zu der Adresse fahren, die ihm genannt worden war. Dort wartete er einige Minuten, bis sein Telefon schnarrte und er zum Beweis, dass er an der richtigen Stelle war, einen Reklametext aus einem naheliegenden Schaufenster vorlesen musste. Erst dann wurde sein nächstes Ziel bekannt gegeben. Tony war sicher, dass er beobachtet wurde. Aber wenn es so war, dann geschah es derart professionell, dass Tony nichts und niemanden bemerken konnte.

Er besorgte sich ein neues Taxi, schaute während der gesamten Fahrt zum nächsten Zielpunkt nach verfolgenden Fahrzeugen aus und bemerkte nichts.

Aber irgendwo waren sie, das spürte er. Aber sie waren Profis. Sie machten solche Veranstaltungen nicht zum ersten Mal. Tony tastete nach seinem Handgelenk. Dort war die Peitsche – seine einzige Waffe. Wie konnte er sich nur unvorbereitet auf die Befehle eines mysteriösen Mr. Moon einlassen!

Aber der Gedanke an Pillbury machte Tony unruhig. Wer immer dieser Mister Moon auch war, er konnte kein besonders guter Gastgeber sein. Pillbury musste sich in einer schrecklichen Situation befinden. Tonys Gewissen begann zu pochen. Er hatte Pillbury in die ganze Sache hineingezogen. Mit Sicherheit hatte Pillbury sich in der Londoner Halbwelt umgesehen, um den Hebel zu finden, mit dem Tony Heathercroft schachmatt setzen konnte. Und nun, obwohl ihn die Angelegenheit persönlich nichts anging und er nur aus Freundschaft zu Tony mitmachte, befand er sich in den Händen eiskalter Gangster. An dieser Stelle begannen sich in Tonys Vorstellungswelt unerfreuliche Bilder von Folteraktionen einzublenden. Sie wären nach Maßgabe der heutigen Gesetzgebung noch jugendfrei gewesen, aber Tony gefielen sie dennoch kein bisschen.

Angekommen, stieg er aus und ging in die ihm befohlene Richtung. Dort befand sich ein indischer Imbiss. Kaum hatte Tony den Laden erreicht, als sein Telefon klingelte.

»Können wir jetzt mit den Spielchen aufhören, ich will Pillbury sehen«, fauchte Tony, angefeuert von seiner Besorgnis, in das Mikrofon. Kaum hatte er es ausgesprochen, als er diesen Satz am liebsten wieder zurückgenommen hätte. Er war in der derzeitigen Situation nicht hilfreich, weder was die Form, noch was den Inhalt anging.

»Was Sie wollen, ist in keiner Weise maßgeblich«, antwortete eine ruhige Stimme. Sie war von völliger Kälte und Gefühllosigkeit, als gäbe es auf dieser Welt nichts, aber auch gar nichts, was ihren Klang zu einer Veränderung herausfordern könnte. Es war eine Männerstimme ohne die Spur einer persönlichen Färbung. Tony war sicher, dass auch der gewiefteste Experte nicht in der Lage gewesen wäre, irgendwelche Informationen über Herkunft und Leben des Sprechers aus ihr zu entnehmen. Sie gab ihre Instruktionen, dann wurde die Leitung gekappt.

Während er zum angegebenen Taxistand trottete, überlegte Tony Tanner, ob die Stimme diejenige eines Mannes gewesen war. Er hatte einen hellen Klang in den Ohren gehabt, und je länger er darüber nachdachte, desto unsicherer wurde er. Ein Mann mit heller Stimme oder eine Frau mit dunkler Stimme, aber was tat das jetzt noch zur Sache?

 

Tony musste noch drei weitere Taxifahrten hinter sich bringen. Bei jedem Mal war es eine andere Stimme, die ihm seine Instruktionen übermittelte. Und bei jedem Mal, als würde ein Filter jede Eigenheit ausschalten, hatten diese Stimme keine Spur von persönlicher Prägung. Es war unmöglich, sich ein Gesicht zu den Stimmen vorzustellen. Und wenn Tony es versuchte, dann kam ihm nur eine Schaufensterpuppe in den Sinn, mit ihren perfekten, aber völlig durchschnittlichen und langweilig unpersönlichen Zügen.

Schließlich stand Tony an einer Ausfallstraße und überlegte, welches System hinter seiner Odyssee mit den Taxis gesteckt haben mochte. Er wartete vergeblich auf einen Anruf. Nervös prüfte er sein Telefon. Der Akku war noch halbvoll und ein Symbol zeigte an, das er sich im Bereich einer Antenne befand. Warum also diese Verzögerung?

Nach einer Weile, die sich durch Tonys Nervosität immer mehr zu dehnen schien, kam Tony ein schrecklicher Verdacht. Die Gegenseite hatte kein Interesse mehr an seiner Person. Und das konnte nur bedeuten, das Geschäft war geplatzt, weil Pillbury nicht mehr als Handelsware zur Verfügung stand. Pillbury war tot.

Tony schaute auf das Telefon, wartete, bemerkte, wie seine Hand zu zittern begann. Sein Gerät hatte keine Nummer gespeichert, auf der er hätte versuchen können, zurückzurufen.

Pillbury, mein Freund. Ja, Pillbury war eine Art Freund, eine Art Bruder sogar. Er hatte sich auf Tonys Bitte eingelassen – und er hatte das teuer bezahlen müssen. Tony Tanner fühlte sich schlecht. Er versuchte, den Gedanken zur Seite zu schieben, aber das war unmöglich. Jedwede Logik zeigte in die Richtung seiner Schlussfolgerung. Pillbury war tot. Eine andere Erklärung gab es nicht. Langsam sickerte die Erkenntnis in Tonys Bewusstsein.

 

Das Motorengeräusch eines heranrasenden Wagens scheuchte Tony hoch. Hinter einer Biegung tauchte eine schwarze Stretchlimousine mit verdunkelten Scheiben auf, kam schnell näher und hielt neben ihm. Eine Tür schwang mit dem Surren eines Elektromotors auf.

Die Aufforderung war eindeutig. Wichtiger war, dass seine Befürchtungen sich plötzlich wieder in Nichts aufgelöst hatten. Daher stieg Tony geradezu locker-beschwingt in das Abteil. Unmittelbar hinter ihm surrte die Tür zu und der Wagen setzte sich in Bewegung – so schnell, dass Tony die Wahl, wo er sich denn in den schwarzen Lederpolstern niederlassen sollte, abgenommen wurde. Er plumpste recht sackmäßig in die weiche Sitzgelegenheit, rappelte sich blitzartig wieder auf und bemühte sich reflexartig um den Krawattensitz und das Überleben seiner Bügelfalten.

Vorn und hinten war sein Abteil durch Wände vom Rest des Innenraums abgetrennt. Die Seitenscheiben boten auch keine Orientierungshilfe, denn sie waren auch von innen fast so undurchsichtig wie von außen. Lediglich unklare Schatten und Lichter huschten über ihre Fläche. Dann wurden die Deckenlampen eingeschaltet und verwandelten die Fenster in matte Spiegel, in denen sich Tony schattenhaft wiederfinden konnte.

Tony blieb nichts übrig, als Haltung zu bewahren und abzuwarten. Den Bewegungen des Wagens nach zu urteilen, fuhr der Chauffeur in höllischem Tempo und ziemlich scharfem Stil über kurvige Straßen, beschleunigte dann auf einer Geraden, hielt die Geschwindigkeit eine Weile und raste dann mit spürbarer Querbeschleunigung und merklicher Schräglage von der Schnellstraße (so war Tonys Vermutung) über eine Abfahrt zurück auf kleinere Straßen.

Tony hatte sich beim Einsteigen vorgenommen, anhand der Fahrtzeit und der vermuteten Geschwindigkeit die zurückgelegte Strecke zu überschlagen. Die Absicht war vorhanden, die Ausführung ließ zu wünschen übrig. Schließlich gab er es auf und konzentrierte sich nur noch darauf, nicht beim nächsten Bremsmanöver im glücklicherweise weich ausgepolsterten Fußraum zu landen.

Das harte Abbremsen und das ebenso harte Beschleunigen folgten einander unmittelbar und erinnerten Tony an eine Fahrt auf einer alten Triumph, die er als Beifahrer schweißgebadet überstanden hatte. Bei jedem Bremsen rutschte er auf dem glatten Leder nach vorne, nur um im nächsten Moment wieder nach hinten gepresst zu werden. Der Wagen schwankte wie ein Boot bei Wellengang.

Tony lauschte auf Polizeisirenen, denn vielleicht wurden sie verfolgt. Das zumindest würde die Fahrweise erklärt haben. Was er hörte, war ein leises Zischen der Räder, das durch die Geräuschdämmung in das Innere des Wagens drang. Es hatte wieder begonnen zu regnen. Zugleich beruhigte sich die Fahrweise und wurde zu einem ruhigen Gleiten, das einschläfernd wirkte wie die Bewegungen einer Wiege.

 

Tony schaute auf die Uhr. Sein Zeitmesser am Handgelenk und sein persönliches Zeitgefühl ließen sich nicht mehr in Übereinstimmung bringen. Die Uhr sagte, dass er gerade eine Viertelstunde in dieser fahrbaren Luxuszelle eingesperrt war. Dagegen behauptete sein Gefühl, die Reise müsse schon viel länger dauern. Aber wie lange? Das konnte Tony nicht sagen. Er schien aus der Zeit herausgefallen.

In der Wärme des geheizten Abteils, von sanftem Schaukeln eingelullt, kam er sich vor wie ein Kind auf einer Eisenbahnreise, die sich in die Unendlichkeit auszudehnen scheint, als wäre man in dem Waggon geboren worden.

Es gab ein letztes heftiges Bremsmanöver. Tony war auf die nun fällige Beschleunigung gefasst. Statt summte der Elektromotor auf, und die Tür öffnete sich.

»Kommen Sie«, forderte ihn eine Stimme auf. Tony war sicher gewesen, dass nach dieser Höllenfahrt seine Knie zitterten. Nun bekam er die Bestätigung. Ziemlich mühsam stand er auf und stützte sich für einen Moment auf der Sitzfläche ab.

Von draußen kam ein ungeduldiges Hüsteln, das als Echo durch einen riesigen Raum zu schwingen schien. Kühle, feuchte Luft, die einen schweren Ölgeruch mit sich trug, strömte durch die offene Tür.

Tony fröstelte. Als er ausgestiegen war, sah er sich in Gesellschaft von zwei Männern, die links und rechts der Tür warteten.

Beide waren mittelgroß, schlank, trugen Hüte und Mäntel, die sie bis zu den Füßen einhüllten. Beide hatten die Hände in exakt derselben Position verschränkt.

Tonys abschätzender Blick versuchte, in ihren Gesichtern etwas zu lesen, irgendeine Information zu erhaschen, die ihm von Nutzen sein konnte. Aber da war nichts, diese Gesichter waren Floskeln aus Mund, Nase und Augen, nichtssagend und leer.

 

Tony blickte sich um. Er befand sich in einer gewaltigen Halle, einem Bauwerk, dessen schiere Größe atemberaubend war. Nebelschwaden hingen in der Luft, Anfang und Ende der Halle verloren sich in grauem Dämmer. Ein entferntes helleres Rechteck markierte den Eingang, durch den der Wagen hineingefahren war. Einige Fenster durchbrachen die scheinbar endlosen Wände. Sie waren aus einer Unzahl kleiner Scheiben zusammengesetzt, von denen viele zerborsten waren. Die in den Rahmen hängenden Glassplitter erinnerten Tony unwillkürlich an die kantigen Gebisse von Raubtieren, die nach dem eindringenden trüben Licht schnappten.

Tony legte den Kopf in den Nacken.

Weit über ihm, eher zu erahnen als genau zu erkennen, vereinigten sich schwere Stahlträger, um das gestufte Dach zu stützen. Durch eine Fensterreihe zwischen diesen Abstufungen fiel Licht, durch die schmutzigen Scheiben zu farblosem Grau gefiltert.

Von oben drang das Gurren von Tauben, dann das Klatschen von Flügeln, das sich in dem riesigen Gebäude wie eine Folge dröhnender Schüsse anhörte. In der nachfolgenden Stille konnte Tony das Prasseln des Regens auf der Dachfläche und das Gluckern des durch Regenrinnen ablaufenden Wassers hören. Irgendwo war das Dach defekt, und ein steter Tropfenstrom fiel aus der Höhe und pladderte auf den Betonboden.

 

Ein eisiger Wind fegte durch die Halle, ließ abgerissene Kabelenden an den Wänden schwingen und aus zerborstenen Fenstern ein leises, klagendes Heulen steigen.

In der Nähe hing ein Gerüst, das Tony schließlich als Überrest eines Laufkranes identifizieren konnte.

»Gehen wir.«

Der eine Mann machte eine Handbewegung und ging vor, der andere vollführte eine identische Bewegung und lief hinter Tony her. Am Boden waren noch die Fundamente schwerer Maschinen erkennbar. Matt schimmernde Ölflecken, Ablaufrinnen und verstreute Haufen von Metallspänen erinnerten daran, dass hier einmal eine große Zahl von Menschen ihre Arbeitstage verbracht hatten.

Die Schritte der drei Männer hallten, als würde sich die Luft in dem Gebäude gierig auf jedes Geräusch stürzen, um es zu verbreiten wie ein Gerücht.

Der Wagen war kaum noch zu erkennen, als der führende Mann auf einen Schaltkasten aus Gusseisen zusteuerte, der an der Ziegelwand befestigt war. Er zog einen Hebel nach unten.

 

Nichts geschah. Die drei Männer warteten. Tony Tanner vergrub seine Hände in den Taschen und zog den Kopf hinter den Mantelkragen. Er konnte sich kaum einen unerfreulicheren Ort vorstellen als diese Erinnerung an große industrielle Zeiten. Was mochte in dieser Halle produziert worden sein? Sie war jedenfalls groß genug, um als Unterstellplatz für zwei Ozeanriesen zu dienen.

Aus der Tiefe drang ein klapperndes Geräusch, plötzlich hob sich ein Teil des Bodens und entpuppte sich als Dach einer Aufzugkabine. Aus dem Aufzugsschacht kam ein Strom kalter Luft, in der Tonys Atem zu Wolken kondensierte. Er blickte sich zu den beiden Männern um. Vor ihren Mündern war keine Atemwolke zu erkennen.

»Hier hinein.«

»Nach Ihnen«, antwortete Tony Tanner höflich.

»Sie allein.«

Mit einem Schritt betrat Tony den Aufzug, der unter seinem Gewicht leicht zu schwanken begann. Im Grunde war es nichts als eine Plattform mit vier Eisenstreben an den Ecken. Diese Streben dienten dazu, die Bodenabdeckung anzuheben, die jetzt als Dach über Tonys Kopf lag. Als sich Tony drehte und die Plattform erneut schwankte, gab es ein nervtötendes Kreischen und die Platte über ihm bewegte sich ein wenig.

Sein Begleiter stemmte sich gegen den Hebel und drückte ihn nach oben.

Die Kabine sackte ab, im ersten Moment so schnell, dass Tony das Gefühl hatte, der Boden würde unter seinen Füßen ins Nichts stürzen. Über ihm krachte die Dachplatte zurück in ihre Lagerung. Das Geräusch rollte durch den Schacht und verlor sich in der Tiefe.

Schlagartig wurde es dunkel. Die Fahrt verlangsamte sich. Dennoch hatte Tony Mühe, die Balance zu halten. Unter seinen Füßen schwankte und zitterte das Metall. Durch Spalten zwischen Plattform und Mauer drang mit einem schrillen Pfeifen ölige Luft. Manchmal, wenn die Plattform gegen die Führungsschienen schepperte, erleuchtete ein Funkenregen die Schachtwand, und Tony konnte für eine Sekunde die Drahtseile erkennen, die nach oben hasteten.

Ein besonders heftiges Ruckeln und Rumpeln, ein metallisches Kreischen und Knirschen erschreckte Tony. Kalte Neonhelligkeit fiel in den Schacht, dann glitt eine Stahltür an ihm vorbei nach oben. Das Licht drang durch ein kleines Fenster. Gerade als Tony auf einen breiten Gang blicken konnte, sprang eine Gestalt von der Seite an das Fenster und verdeckte das Licht.

Eine Sekunde lang war Tony Tanner direkt gegenüber diesem Fremden, schaute auf das verzerrte Gesicht und spürte den Blick aus aufgerissenen, riesigen Augen.

Dann war die Plattform tiefer gesunken. Tony wollte nach oben schauen, wo der Lichtfleck immer kleiner wurde, musste sich dann aber wieder völlig auf die schwankende Plattform konzentrieren, um nicht zu stürzen.

 

Was war das eben für eine Gestalt gewesen? Hatte sie wirklich diese platte Nase, diesen verzerrten Mund, diese unnatürlich großen Augen in einem viel zu großen Schädel gehabt? Oder hatte der Fremde einfach das Gesicht gegen eine Glasscheibe gedrückt, die zusätzlich für einen Verzerrungseffekt gesorgt hatte?

Die letzte Erklärung gefiel Tony besser.

Mit einem Krachen hielt die Plattform an. Unter seinen Sohlen spürte Tony, dass sie auf Gummipolstern aufgesetzt haben musste. Das Übelkeit erregende Schwanken hörte auf, mit einem leisen Summen vibrierte das Metall. Der Lichtfleck im Schacht war verschwunden. Ein Eisentor wurde zur Seite geschoben.

Obwohl nur einige schwache Lampen Licht spendeten, musste Tony die Augen zusammenkneifen.

»Hier lang.«

Die Stimme kam Tony bekannt vor. Aber auch der Mann, der vor ihm schritt, schien eine genaue Kopie der beiden Männer aus dem Wagen zu sein. Unter Tonys Schuhen knirschte es. Ein Geruch von Kohle oder Erz drang aus dem schmutzigen Wänden des Ganges, den sie entlang gingen. Er war miserabel beleuchtet. Die wenigen Lampen bildeten Inseln aus Helligkeit, in denen die Wänden feucht glitzerten. Dazwischen lagen Abschnitte von Dunkelheit, die sie wie Furten durch einen nächtlichen Strom durchqueren mussten. Es war bitterkalt. Von der Decke tropfte das Kondenswasser. Der Mann blieb stehen und öffnete eine Tür. Seine Handbewegung ähnelte derjenigen der beiden Männer aus dem Wagen, als hätten sie alle drei gemeinsamen Unterricht in pantomimischem Ausdruck gehabt.

»Bis zur nächsten Tür.«

Tony trat mit leichtem Zögern durch die zweiflügelige Stahltür. Kaum hatte er die Schwelle überschritten, als sie hinter seinem Rücken zugeworfen wurde. Das Echo machte ihm deutlich, dass er sich in einem kleinen Raum befinden musste. Vor ihm war ein Schimmer, den Tony als Licht, das durch einen Türspalt fiel, identifizierte. Schlurfend tastete er sich vor, suchte nach der Klinke und konnte endlich die Tür öffnen.

 

Wärme und der Duft von Kerzen schlugen ihm entgegen.

Staunend trat er ein und drückte leise die Tür zu. Drei Stufen führten Tony in den großen Raum. Seine Schuhe versanken in einem weichen Teppich, der wiederum auf blank poliertem Parkett lag. An den Wänden, die mit grün-goldenen Seidentapeten bespannt waren, schimmerten große Gobelins mit mittelalterlichen Darstellungen, schwere exotische Wandteppiche und altertümliche Waffen. Außer einigen kleinen Tischen an den Wänden gab es kein Mobiliar. Ein Kristallkronleuchter hing von der Decke. Helligkeit spendeten allerdings nur einige Kerzen, die auf den Tischen verteilt waren.

Eine breite Tür befand sich an der gegenüberliegenden Seite. Die beiden Flügel standen weit offen und ließen Licht in diesen Teil des Raumes fluten. Lautlos schritt Tony über den Teppich und schaute in den anliegenden Saal.

Hier bedeckten Ledertapeten, rot mit goldenem Reliefdruck, die Wände, prunkten Gobelins und Teppiche und glänzten Schwerter, türkische Säbel und Schilde.

Nur eines störte das perfekte Bild.

Pillbury flegelte sich in einem Ohrensessel, hatte die Cowboystiefel auf einem Tisch mit Elfenbeinintarsien gelegt und rülpste lautstark, nachdem er eine bunt bedruckte Bierdose äußerst hingebungsvoll geleert hatte. Neben dem Sessel stapelte sich ein Haufen leerer Dosen, was Pillbury aber nicht anfocht, denn er griff zur anderen Seite und öffnete zischend eine Ersatzdose. Ein erfreuter Ausruf folgte.

Als er die Dose an die Lippen setzte, bemerkte er Tony und winkte ihm zu.

»He, Alter, komm rein. Aber putz dir die Füße ab, hier ist alles voll auf Kultur und Feinilein.«

Damit hob er einen Stiefel vom Tisch, wohl um zu beweisen, dass er sich an die eigenen Vorgaben gehalten hatte.

 

Der Anblick Pillburys erweckte in Tony widerstrebende Empfindungen. Im ersten Augenblick mochte er seinen Augen gar nicht trauen. Dann war er beruhigt und glücklich, Pillbury unbeschadet zu finden. Und dann wurde Tony wütend, denn ihm wurde klar, dass Pillbury ihn unter Vorspiegelung falscher Tatsachen in diese feudale Höhlenwohnung gelockt hatte.

Tony ballte die Fäuste und ging auf Pillbury zu.

»Wie ich sehe, wirst du gerade gefoltert, was? Wie sagtest du so schön – die fangen an, mich zu zerschnitzeln. Was soll das?«

Der Tonfall war so eindeutig gefährlich, dass Pillbury die Stiefel vom Tisch nahm und eine abwehrende Handbewegung machte.

»Nur kein Stress, Alter, nur keine Hektik. Es gibt für alles eine Erklärung.«

»Na, da bin ich mal gespannt.«

Tony war erleichtert und fast wieder versöhnt. Irgendwie hatte diese Sache ja auch eindeutig ihren abenteuerlichen Reiz. Er blickte sich schnell um. Mehrere Türen führten in diesen Saal. Direkt zu seiner Linken war der Blick auf einen Gang frei, an dessen Ende ein schwaches Licht durch ein kleines vergittertes Fenster schimmerte. Ein Schatten schob sich vor das Licht und schwand wieder.

Mein Gott, fuhr es Tony durch den Kopf, die haben hier Zellen für Geiseln!

 

»Ihr Freund Pillbury war der Ansicht, dass eine leichte Dramatisierung der Situation Ihrer Bereitschaft zum Kommen förderlich wäre.«

Die Stimme kam aus einer unbeleuchteten Ecke des Saales. Tony fuhr herum.

Pillbury, der erkannte, dass die Gefahr für ihn vorbei war, hob seine Bierdose und krähte: »Außerdem hatte das Stil. Das müsstest gerade du doch voll anerkennen, Alter.«

Aber Tony achtete schon nicht mehr auf Pillbury. Er trat langsam auf die massige Gestalt zu, die in einem gewaltigen Barocksessel saß. Nur die Umrisse waren zu erkennen. Aber es war die Stimme, die Tony am Telefon gehört hatte.

»Mister Moon?«, fragte er.

»So nennt man mich. Kommen Sie, setzen Sie sich.«

Die Stimme, eben noch rau und mit einem gefährlichen Unterton, bekam plötzlich einen hellen klingelnden Unterton.

Aus dem Umriss hob sich langsam, als würde es unendliche Mühe bereiten, eine Hand und deutete mit wurstigen Fingern auf einen zierlichen Stuhl.

»Setzen Sie sich hierhin.«

Jetzt war es wieder die bekannte Stimme, die befehlsgewohnt war und jedem, der sie hörte, einen Schauer über den Rücken jagen musste. Es war eine leise Drohung in ihr, ein unüberhörbares Kollern von Autorität und Machtbewusstsein, ein Grummeln wie von einer fernen Lawine, die sich schnell nähern könnte.

Tony gehorchte und setzte sich. Dabei lehnte er sich scheinbar entspannt zurück, legte die Arme locker auf die Lehnen und schob einen Fuß vor. Soviel zum Thema Körpersignale, dachte Tony.

 

Mister Moon räusperte sich. Seine Stimme durchlief während dieses Räusperns einige Tonlagen, um sich wieder bei dem bekannten Bass-Grollen zu fangen.

Es war für Tony unmöglich, einen genauen Blick auf diesen Mister Moon zu bekommen. Er saß einem massigen, breitschultrigen Mann mit einer Glatze gegenüber, mehr konnte er nicht erkennen. Doch – Tony sah, dass die Hände, die auf der Lehne des Sessels lagen, lang und schmalgliedrig waren. Er musste sich eben getäuscht haben.

Hinter ihm rülpste Pillbury kennerhaft und kam angeschwankt. Er wollte sich auf einen Hocker niederlassen, verlor aber das Gleichgewicht und kippte nach hinten auf den weichen Teppich. Pillbury nahm das Missgeschick mit der Gelassenheit eines großen Geistes und setzte im Liegen, die Beine auf dem Hocker, die Dose an.

»Sie werden sich vermutlich fragen, was der Sinn Ihres Besuches sein soll«, sagte Mister Moon.

»Nun ja«, bestätigte Tony trocken, »eine solche Frage sähe mir wohl ähnlich.«

»Ich will Ihnen ein Geschäft vorschlagen.«

»Hätten Sie das nicht auf eine einfachere Weise machen können?«

Tony blickte zur Seite auf Pillbury, der grüßend seine Dose hob. Als er wieder zu Mister Moon schaute, schien sich dessen Gestalt plötzlich verändert zu haben, schien schmaler geworden zu sein, und statt einer Glatze hatte der Mann eine abstehende blonde Mähne.

Tony kniff die Augen zusammen und drückte massierend die Zeigefinger auf die Lider. Als er wieder aufblickte, saß die bekannte kahlköpfige, massige Gestalt vor ihm.

»Die Welt ist nicht einfach. Wie kann man dann einfache Dinge tun?«, sagte Mister Moon.

»Man muss die Welt aber nicht unbedingt komplizierter machen, als sie schon ist.«

Aus dem Barocksessel erklang ein Husten, das vielleicht als Lachen gemeint war.

»Das war nicht meine Absicht«, versicherte Mister Moon. »Es ging mir einzig und allein darum, meine Sicherheit zu gewährleisten. Und in diesem speziellen Fall decken sich Ihre und meine Interessen in Bezug auf das Thema Sicherheit.«

»Wenn Ihr Chauffeur die Karosse gegen einen Baum gesetzt hätte, dann wäre das sicherlich nicht gut für meine Sicherheit gewesen.«

»Dieser Baum müsste erst noch gepflanzt werden! Ich wiederhole, Herr Tanner, alles war notwendig. Denn es gibt Dinge, die mich besorgt machen. Die ich nicht einschätzen kann. Ich mag so etwas nicht. Es macht mich ärgerlich.«

»Ich nehme an, damit kommen wir dem Geschäft näher, das Sie mir vorschlagen wollen.«

Statt einer Antwort kam nur ein unterdrücktes Stöhnen von Tonys Gegenüber. Mit ungläubigem Entsetzen sah Tony, dass der Kopf des Mannes seine Form verlor, als würde Wachs erhitzt, und langsam in die Schultern zu verfließen begann, die ihrerseits schrumpften und schwanden.

Tony hielt die Luft an und hörte nur den schweren, krächzenden Atem des anderen. Er wollte aufspringen, war aber vor Schrecken wie gelähmt.

Dann, begleitet vom Keuchen äußerster Anstrengung, schob sich wieder ein Kopf aus den breiten und festen Schultern hervor.

»In der Tat«, antwortete Mister Moon, als wäre nichts geschehen.

»Ich habe etwas, das Ihnen sehr nützlich sein kann, Herr Tanner. Und Sie können mir etwas besorgen, das ich dringend brauche.«

Jetzt regte sich Pillbury und schwenkte die inzwischen leere Bierdose.

»Er hat ein Video«, krähte er. »Er hat ein Video, mit dem wir Heatherarsch wegpusten können wie Ameisen bei ‘nem Elefantenfurz, hähähä!«

Fortsetzung folgt …