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Weird Tales – Das Grab

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Tony Tanner – Agent der Weißen Väter 7.6

Die Hyleg-Schädel – Teil 6

London empfing Tony mit verregnetem Herbstwetter. Er hatte sich auf diese Rückkehr so sehr gefreut, nun war es, es säße er einem Freund gegenüber, mit dem er kein Gesprächsthema mehr finden konnte. Die Stadt kam ihm vor wie eine zu lange verlassene Wohnung, in der jede Vertrautheit einen Beigeschmack von Unsicherheit hat. Was seine eigene Behausung anging, so zog Tony es vor, in einem preiswerten Hotel abzusteigen. Sich selbst redete er ein, dass er es vermeiden musste, im Treppenhaus zu seiner Wohnung irgendwelchen übermäßig neugie­rigen Nachbarn zu begegnen. Er besaß jedoch Einsicht genug, um den wirklichen Grund für diesen Verzicht zu kennen. Tony Tanner fürchtete, in seiner alten Wohnung den Schatten eines Tony Tanner wiederzufinden, der ihn erschrecken könnte, weil er zugleich bekannt und unglaublich fremd war. Schon der Anruf bei seinen Eltern war wie eine Fakirübung, denn – wie konnte es auch anders sein – es war Francine, die an den Apparat ging und Tony konnte hören, dass sie ein fröhlich brabbelndes Kind auf dem Arm trug. Er log oder log vielleicht auch nicht, er wusste es schon selbst nicht mehr, ihr vor, dass sie sich unbedingt in der nächsten Zeit tref­fen müssten und Francines offensichtliche Freude darüber tat ihm gut und tat ihm weh. Er war froh, als er endlich das Organ seines Vaters aus dem Hintergrund hörte.

 

Dann machte sich Tony an die Arbeit. Zuerst war es ganz einfach. Schwierig wurde es, als er diesem speckigen Riesen in seiner Lederkluft gegenüberstand.

»Was willsten?«, fragte der und dann machte allerdings keine Anstalten, auf Tonys Antwort zu hören. Tony machte sich die Sache dadurch einfacher, dass er aus vollem Halse losbrüllte. Und siehe da, das Wunder geschah und er erschien persönlich, schwankend, mit einer Bierdose in der Hand und schon leicht glasigem Blick.

»Ä, suuupergeil, echt, Alter, ist das end-abgedreht, dich mal wieder zu sehen.«

Tony bekam als Erkennungszeichen eine Bierdose in die Hand gedrückt und durfte sich ab dann in der Welt aus Motorradersatzteilen, dröhnender Heavy-Metal-Musik und bärtigen, Leder tragenden Bierbäuchen akzeptiert fühlen.

Pillbury hämmerte ihm immer wieder die Hand klatschend auf die Schulter und lallte über die guten alten Zeiten.

»Jetzt ist echt Scheiße, Alter, alles voll normal irgendwie, meinen Führerschein habe ich auch wieder, Kacke, macht nicht mal das Fahren mehr Spaß. Wird Zeit, dass wieder mal ‘n Fass aufgeht, voll die Ödnis. Liegt irgendwas an, Mann, Mann Alter, das ist ja richtig schön, dich zu sehen, hätt ich nicht gedacht, schmeckt gleich’s Bier besser!«

»Siehst Du, Pillbury, ich bin gekommen, um dir in deiner Langeweile zu helfen. Ich muss dich um einen Gefallen bitten«, rückte Tony heraus. Er hatte die heimliche Befürchtung, Pillbury könnte es übel nehmen, dass dieser Besuch gleich mit einem Hintersinn abgestattet worden war. Aber für solche verqueren sozialen Regungen war Pillburys ehrliche Cockney-Seele nicht gebaut. Er wechselte nur die Bierdose in die andere Hand und hämmerte wieder auf Tonys Schulter.

»Sag an, Alter, was willste – Mädels, Autos, Informationen, Geld, Kunstwerke. Pillbury besorgt dir alles!«

»Nun, ich hatte nicht an Mädels und so gedacht. Ich brauche so einen richtig hübschen Jungen.«

Pillbury sah aus, als wollte er sich verschlucken.

 

Tony Tanners Tagebuch

 

Liebes Tagebuch. Ich war froh und bedrückt zugleich, London wiederzusehen. Mit Pillbury eine wilde Nacht durchfeiert und festgestellt, dass ich biermäßig noch immer gut mithalten kann. Um einen Besuch zu Hause habe ich mich gedrückt. Tony Tanner, der Junge ohne Angst, hatte Angst. Vermutlich vor sich selbst. Aber ich wollte Francine einfach nicht sehen. Diesmal nicht. Eigentlich will ich sie nie mehr sehen. Nie wie­der. Wie sie wohl aussieht …? Jetzt muss ich aber los – will mich mit Steele in Milano tref­fen – und Lucille natürlich.

 

Lucille Chaudieu kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen, in denen es feucht schimmerte. Ihr Kinn zuckte, sie kniff ihre Lippen fest zusammen.

»Du bist ein derartig mieser Kerl«, brachte sie stockend heraus. Dann begannen ihre Schultern zu beben und es brach aus ihr heraus.

Sie lachte mit der Hemmungslosigkeit eines kleinen Kindes, unterbrach abrupt ihren Anfall, legte sich mit hochgezogenen Augenbrauen entschuldigend die Hand vor den Mund, wurde starr wie eine alte Gouvernante, dann zuckten ihre Schultern und Lucille ließ im nächs­ten Moment wieder die glucksenden Koloraturen ihres Frohsinns aufsteigen wie bunte Ballons über einem Geburtstagsfest.

»Entschuldigung«, prustete sie, »aber dieses Foto – es ist einfach sensationell!«

Tony Tanner lief rot an und lächelte entschuldigend. Die ganze Sache war ihm inzwischen außerordentlich peinlich, obwohl er sich nicht erinnern konnte, jemals in seinem Berufs- oder Privatleben so viel ungeteilten Jubel geerntet zu haben.

 

Die anderen Gäste warfen nur kurze uninteressierte Blicke auf die beiden Männer und die schöne junge Frau, die den Tisch am Fenster besetzt hielten. Bei einigen zauberte das silb­rige Lachen ein unwillkürliches Schmunzeln auf die geschäftsmäßige Miene. Andere hielten die Frau für eine der ebenso schönen wie anspruchsvollen und vor allem überdrehten Models, an denen in Mailand keinen Mangel gibt.

Tony Tanner jedenfalls lehnte sich zurück und genoss das ekstatische Gefühl, mit Lucille sei der Sommer in diesen trüben Mailänder Herbsttag gekommen. Wenn er durch die Scheibe des Cafés schaute, auf der Regentropfen schräge Linien zogen, sah er auf den Platz vor dem Dom. Das gewaltige Gebäude sah an diesem Tag noch gedrückter aus als sonst, heimlich war­tete man nur darauf, dass irgendwo die Luft aus einem Loch zischte und das Prachtstück ita­lienischer Gotik in sich zusammenfiel wie eine defekte Hüpfburg. Manchmal entließ der tief hängende graue Himmel Regenschauer, die als schräge Schraffur die Ziertürme des Doms überdeckten. Menschen hasteten im Schutz ihrer Schirme über den Platz, der Wind wehte nur noch eine Handvoll Besucher in die Kirche und zerstreute hastig die Gruppen, die sich sonst im Anblick der Fassade zu andächtiger Kulturschau zu versammeln pflegen.

 

Kurz, es war einer jener Tage im Herbst, die deutlich machen, warum Mailand nicht wirk­lich zu Italien und Italien nicht wahrhaft zu Mailand gehört, weil sich die unverdrossen sti­chelnde, planende, skizzierende, rechnende Geschäftigkeit dieser Stadt unter einem Himmel vollzog, der seinen eigentlichen Platz weit jenseits der Alpen am nördlichen Meer zu haben schien.

Es war eine Atmosphäre, die Tony durchaus schätzte. Der kalte Regen trieb die Menschen von der Straße in die Häuser, und dort saßen sie zusammen und legten ihre Gedanken auf den Tisch, um gemeinsam daraus etwas zu erbauen, während die Tropfen an die Fenster prassel­ten. Soweit wenigstens die Theorie.

»Ein Geniestreich«, bestätigte jetzt auch Steele anerkennend. Er legte die gefaltete Zeitung auf den kleinen runden Tisch. Das Foto lag oben, jenes Foto, das in den letzten Tagen durch sämtliche britischen Medien gewandert war, das eine Dame der Gesellschaft zur Unperson, einen Politiker zum allseits bedauerten Opfer ihrer Ausschweifung, einen seiner engsten Mitarbeiter zum Liebhaber seiner Sekretärin und Tony Tanner zum Besucher der Fabrik von Loreta gemacht hatte.

Pillbury hatte es sich nicht nehmen lassen, das Foto persönlich aufzunehmen. Diese Entscheidung passte Tony zwar nicht, weil er Pillbury im Grunde nicht zutraute, ein gutes Foto zu machen, aber er sah sich angenehm enttäuscht.

Den erstaunten Zeitungsleser glotzte ein entsetztes Frauengesicht unter zerwühltem Haar entgegen. Ihre Brüste, die in ihrer ebenso perfekten wie langweiligen Fülle gar nicht den Versuch machten, ihre Silikonfracht zu leugnen, lagen offen. Die Frau hatte sich auf die Ellbogen gestützt, man musste glauben, dass ihr Kopf eben noch im Nacken gelegen hatte und sich von ihren geschminkten Lippen lustvolle Laute gelöst hatten. Zwischen ihren gespreiz­ten Schenkeln lag ein junger Mann, der sich ebenfalls dem Fotografen zuwandte. Es war ein Asiat. Man konnte schwer feststellen, ob seine Fratze nun Entsetzen ausdrückte oder vielmehr überhebliche Verachtung für den Zeugen seiner sündhaften, dennoch augenscheinlich mit vol­lem Körpereinsatz durchgeführten Tätigkeit. Wie dem auch sei – sein Gesicht mit der weit heraushängenden Zunge ähnelte einerseits den abschreckenden Visagen buddhistischer Wächterfiguren. Andererseits zeigte sich darin mit geradezu aufdringlicher Offensichtlichkeit, welches Werkzeug des Liebesspiels er gerade an welcher Stelle eingesetzt hatte. Das war natürlich alles ein Spiel von Assoziation und schmuddeliger Fantasie, sagte sich Tony Tanner, aber es wirkte überzeugend wie eine tausendfach bewiesene Formel.

»Wer war dieser Mann?«, wollte Steele wissen.

»Ein illegaler Einwanderer aus Hongkong. Vorbestraft in mehreren Fällen, er arbeitet in einer Transvestitenshow in Soho. Pillbury hatte ihn ausgewählt, weil er kein Wort Englisch spricht. Er wusste also gar nicht, um was es wirklich ging. Ich meine, dass er von einem ande­ren Bekannten Pillburys an diese Dame herangeführt werden sollte, das wusste er schon und auch … na ja. So wie Pillbury erzählte, hatte sie ihn schon nach einer halben Stunde flachge­legt. Das Foto wurde in einem Nebenraum einer Galerie gemacht. Nachdem er das Foto gemacht hatte, ist Pillbury mit dem Lover durch den Hinterausgang heraus.«

»Das war alles bestimmt nicht billig.«

»Pillbury hat Geld ohne Ende. Und eines ist klar – Pillbury wäre nicht Pillbury, wenn er seine Investitionen nicht zehnfach wieder rausholen würde. Er hat einen Deal mit einem Bekannten gemacht, der sich als freier Promifotograf über Wasser hält. Der hat für die Verteilung gesorgt und ich sage euch, das Foto war Gold wert.«

»Das kann ich mir denken«, nickte Steele.

»Trotzdem«, Lucille winkte dem Kellner und bestellte sich noch einen Espresso. »Irgendwie tut sie mir doch Leid«, fuhr sie dann fort.

»Das Mitleid kannst du dir sparen«, antwortete Tony energisch, »Diese Frau war der Idealtyp einer – Pardon – permanent rossigen Stute. Eine allzeit paarungsgierige Gesellschaftsschnepfe, die glaubte, weil sie Geld hatte und weil ihr Daddy einen Namen hatte und ihr Mann Rücksichten nehmen muss, kann ihr keiner. Sie hat es verdient. Und diese Sache mit dem Selbstmordversuch – vergiss es. Das hat sie mit ihrem PR-Berater ausgekun­gelt. Hat ihr aber keiner geglaubt.«

Es ging Tony jetzt vor allem darum, sich selbst zu überzeugen. Hatte er seinen Plan am Anfang noch für einen Geniestreich gehalten, zumal Pillbury sofort Feuer und Flamme gewe­sen war, so war er seit einigen Tagen in ständige Rückzugsgefechte gegenüber seinem heftig attackierenden Gewissen verwickelt. Dabei ging es Tony Tanner zum wenigsten um diese Frau. In dieser Hinsicht gab es eine hundertprozentige Übereinstimmung zwischen dem, was er sagte und dem, was er wirklich empfand. Nein, es war etwas anderes, ein tiefsitzendes Unbehagen darüber, zu solchen üblen Tricks greifen zu müssen, sich in derartigen Situationen zu befinden. Das war in der Tat nichts Neues für Tony, aber er hatte wieder einmal schwer damit zu kämpfen und konnte nur mit Mühe seinen aufkeimenden Zorn gegen Dorkas, den Conte, die Welt als solche und noch verschiedene andere Schuldige unterdrücken. Manchmal allerdings kam ihm so etwas wie eine mystische Erkenntnis, die ihm sagte, dass die demnächstige Ex-Frau des britischen Ministern wahrscheinlich keinerlei Probleme gehabt hätte, ihn in die Pfanne zu hauen (aber konnte er da wirklich sicher sein?) und dass diese Welt nun mal so eingerichtet war, wie sie war. Man brauchte Ellenbogen in dieser Welt, in die selbst Gott bevorzugt seine Würgeengel schickte, diese Welt war von einer Unmasse an A … löchern besiedelt, und je mehr Menschen man kennenlernte, desto mehr musste man sich selbst mögen. Amen.

 

Wie Lucille ihre Tasse hochnehmen konnte! Sie hatte so eine unglaubliche Art, den Henkel zwischen Daumen und Mittelfinger zu nehmen und dabei Ringfinger und kleinen Finger leicht abzuspreizen. So etwas konnte man nicht lernen, das hatte man in den Genen oder würde es nie im Leben derart vollendet vorführen. Die kleine Geste passte zum gesam­ten Auftritt von Lucille Chaudieu. Sie hatte sich wie ein Chamäleon an die Umgebung eines kühl-vornehmen, etwas hochnäsig mit Marmor und dunklem Edelholz prunkendem Mailänder Nobel-Cafés angepasst, sodass diese schicke Umgebung fast so wirkte, als wäre sie um Lucille herum gebaut worden oder als sei sie von ihr selbst erschaffen als ein ganz per­sönliches Schneckenhaus. Sie trug ein ganz einfaches beige-farbenes Kostüm, jene Art von Einfachheit, der ein Kenner sofort das Etikett Chanel aufklebt, war ungeschminkt, hatte nur eine schmale Goldkette als Schmuck und hatte ihr Haar zurückgekämmt und am Hinterkopf mit einer silbernen Spange befestigt. Sie sah einerseits so aus, dass Tony nur das Wort süß dafür fand, zart und verletzlich und wertvoll wie eine Orchidee, die nur einmal in einem Jahrhundert erblüht und andererseits hatte sie das kühle, selbstbewusste und gnadenlos beherrschte Gebaren einer Karrierefrau, für die eine Metropole wie Mailand nur eine Zwischenstation zu wichtigeren Zielen ist.

Sie zog Tony zugleich an und stieß ihn wieder von sich, sie lockte ihn und ließ seine Gefühle vor Kälte erstarren. Sie hatte Tony mit strahlenden Augen begrüßt, ihm einen Kuss auf die Wangen gehaucht, er hatte den Druck ihrer Finger gespürt, als sie sich in einer ange­deuteten Umarmung an ihn drückte. In dieser Sekunde schien alles klar, es gab keine Fragen und Unsicherheiten mehr, alles lag offen, alles war Erwartung, die sich selbst zur Erfüllung drängte. Und dann, im nächsten Moment, fiel sie von ihm ab, löste sich von ihm, schien stäh­lerne Kanten zu bekommen und Tony fragte sich, ob der Fehler bei ihm lag oder ob sie mit ihm spielte oder ob etwas anderes dahinter stand und sie ihm demnächst, beginnend mit dem Satz Es tut mir leid, aber ich muss dir etwas sagen …, das Ende von etwas deklarieren würde, das noch nicht einmal Gelegenheit hatte zu beginnen.

Und dann, als Tony am Ende dieser Gedankenkette unbewusst einen Seufzer ausstieß und seine Blicke über die Fotos von Modegöttern, die diese Lokalität mit ihrer Herabkunft zu ehren pflegten, schweifen ließ, dann beugte sie sich über den Tisch und strich plötzlich, als gäbe es keinen Steele, über Tonys Hand und flüsterte du Armer, die Sache hat dich ziemlich geschlaucht und in ihre Augen sammelte sich Zärtlichkeit wie ein feuchter Schleier, und Tony spürte, dass sein Herz, so kitschig wie ein bunter Aufkleber, anschwoll und in seiner Brust kaum noch Platz fand.

Steele übersah diese Geste, die ihn zu einem Außenstehenden machte. Vielleicht bemerk­te er sie nicht einmal, weil sie ihn nicht interessierte und nicht in das Freund-Feind-Muster passte, mit dem er die Welt betrachtete. Trotzdem überraschte er Tony mit dem, was er sagte.

»Die Sache mit der Ministergattin war ein eindeutiges Foul, so was wie ein Kopfstoß beim Boxen. Aber wir können uns nicht an die Regeln halten, selbst wenn wir uns dabei nicht wohlfühlen. Irgendwann werden wir feststellen, dass die Regeln für uns gemacht sind und nicht umgekehrt.«

Tony fühlte sich seltsam ertappt in seinen innersten Gedankengängen. Er zuckte die Schultern und murmelte so etwas wie Na ja. Zugleich wusste er, dass Steele ihm ein Signal gegeben hatte, nun die Ergebnisse dieses Regelbruchs offenzulegen.

 

Tony räusperte sich. Diesen Augenblick hatte er nicht herbeigesehnt. Er hatte sich genau überlegt, was er sagen sollte, aber jetzt wollte es ihm nicht über die Lippen kommen.

Ihm gegenüber hatte eine junge Frau an dem letzten freien Tisch Platz genommen. So wie der Kellner sie behandelte, war sie Stammkundin. Sie hängte ihre Tasche über die Lehnen des neben ihr stehenden Stuhles, zog das neueste Vanity heraus und begann darin zu blättern. Sie blätterte die Seiten mit einer fast gewalttätigen Energie um, mit einem leichten Zucken um die Mundwinkel, als wäre das Material des Modejournals nicht Papier, sondern Blei und als bekä­me jede Seite dadurch, dass sie zu Ende betrachtet war, einen abstoßenden Charakter. Die Frau hatte ein Bein über das andere geschlagen. Sie trug einen knielangen Rock und hautfar­bene Nylons, durch die eine Goldkette schimmerte, die um ihre schmalen Fesseln lag. Ihre Füße waren in graue Pumps mit Goldschnalle und einem schmalen Goldstreifen zwischen Hacke und Absatz gekleidet. Manchmal begann dieser Fuß zu vibrieren, voller Energie und schwer zu unterdrückender Ungeduld, schlug den Takt einer nur von der Frau wahrnehmba­ren Melodie.

»Also«, sagte Steele.

Manchmal war der Fuß auch ganz still, hatte fast etwas Lauerndes, ein hübscher Fuß übri­gens, wie Tony feststellen musste.

»Nichts also«, antwortete er dann.

»Aber du hast doch die Fabrik …«, kam es von Lucille.

Jetzt begann dieser Fuß gegenüber wieder mit seinem ungeduldigen Wippen und Tony fragte sich, ob es irgendwelche geheimnisvollen Verbindungen zwischen ihm und den Bewegungen dieses Fußes geben konnte.

»Natürlich habe ich diese verdammte Fabrik besichtigt«, bestätigte er. »Ich habe mir sogar die Mühe gemacht, mich von Pillbury zu dem schwulsten Visagisten von ganz London schlei­fen zu lassen. Der hat mich vielleicht umgepopelt, es war unglaublich. Mit farbigen Kontaktlinsen, Haarverlängerung, grauen Strähnen im Haar, Gebiss und als Höhepunkt ein Bart. Ich sage euch – ich gehe auf eine öffentliche Toilette, wasche mir die Hände und dabei fällt mein Blick in den Spiegel vor mir. Da steht ein völlig Fremder und ich stoße einen lau­ten Schreckensschrei aus, weil ich glaube, der Fremde hat mich am Haken – die Toilettenfrau stieß ihrerseits vor Schreck gegen das Tischchen mit dem Geldteller und die gesamten Münzen rollen über den Boden. Äußerst peinlich. Obwohl ich es ja gar nicht war, ich meine, ich sah mir derart unähnlich. Außerdem trug ich noch Schaumstoff um den Bauch und hatte eine Figur wie Peter Ustinov.«

»Da hast doch hoffentlich ein Foto von dir machen lassen«, fragte eine brennend interes­sierte Lucille Chaudieu.

»Habe ich, aber das kriegen nur wirklich gute Freunde zu sehen, aber sicherlich keine Beauté aus Frankreich.«

»Feigling, Feigling.«

»Darf ich wieder zu meiner Erzählung zurückkehren, Fräulein Chaudieu?«

»Tony, Du redest so, als ob Du immer noch Schaumstoff um die Taille hättest.«

»MacTony hatte die Sache perfekt organisiert. Einschweben mit dem Flugzeug, dann Hubschrauber, der vom italienischen Industrieministerium gestellt wurde. Ich hatte auch einen Staatssekretär als Begleiter. Der war richtig gut – sobald er den Eindruck hatte, dass die Offiziellen aus der Fabrik ablenkten, so in der Art, Sie wollen doch sicherlich jetzt unseren stellvertretenden Sicherheitschef sehen, er hat auch einen kleinen Imbiss in seinem Büro her­richten lassen hat er sich nur kurz geräuspert und die Leute standen wieder stramm. Danach wieder Hubschrauber, Flugzeug und ab nach London. Aber mal abgesehen davon, unter die­ser Schminke hätte ich es sowieso nicht länger als einen Tag ausgehalten.«

»Sehr gut«, lobte Steele. »Wir müssen uns nicht weiter aus der Deckung wagen, als wir es sowieso jeden Tag tun. Aber was produziert diese Fabrik denn nun?

Diese Frage hatte Tony befürchtet. Die Antwort war zu unglaublich, um ihm selbst zu gefallen.

»Nichts!«

»Was?« Steele starrte Tony an, als hätte der sich in ein Gespenst verwandelt. Lucilles Tasse, gerade unterwegs zu schön geschwungenen, begehrenswerten Lippen, unterbrach ihren Aufstieg und klirrte zurück auf die Untertasse.

»Die Fabrik produziert nichts!«, bestätigte Tony seine erste Antwort.

»Unfug!«

»Das kann nicht sein!«

Lucille und Steele sprachen in Übereinstimmung wie ein altes Ehepaar.

»Tut mir leid«, sagte Tony, »aber so ist es. Ich hatte exakt die Reaktion erwartet, die ihr eben gezeigt habt. Ich selbst war ja völlig perplex. Aber nachdem mir der erste Verdacht kam, versuchte ich natürlich jetzt erst recht, meinen eigenen Verdacht zu widerlegen. Aber es bleibt dabei. Die Fabrik in Loreta produziert nichts.«

Nachdem er sich zurücklehnte und nach einer Weile die Hände verschränkte und die Arme dehnte, als würde es jetzt zu einer körperlichen Auseinandersetzung mit Tony Tanner kom­men, stellte Steele seine Fragen mit ruhiger Stimme, der man die mühsam unterdrückte Erregung dennoch anmerkte.

»Fast die gesamte Bevölkerung von Loreta ist in dieser Fabrik beschäftigt, wenn sie nicht beim Kraftwerk arbeitet. Diese Leute werden doch wohl nicht herumsitzen und Däumchen drehen?«

»Keineswegs – sie sind sogar sehr eifrig.« Jetzt, wo die Sache heraus war, fühlte sich Tony Tanner wesentlich besser. Es fiel ihm nun leichter, sich die Beobachtungen aus Loreta in Erinnerung zu rufen.

»Also, wenn ich das richtig verstehe«, kam es von Steele, »die Leute sind eifrig dabei, nichts zu produzieren. Gibt es dazu vielleicht noch eine Erläuterung für die Armen im Geiste wie mich?«

»Es ist so, um das mal ganz klar zu machen – in der Fabrik von Loreta wird heftig herge­stellt. Nur – in der Gesamtbilanz produziert diese Firma nichts. Es gibt eine Unterteilung in verschiedene Sektionen und innerhalb dieser Sektionen gibt es Produktionsteams und Arbeitsgruppen und noch einige andere Organisationsstrukturen. Offiziell produziert die Firma elektronische Bauteile und Elektrokrams, ich meine Transformatoren und so was. Alle Mitarbeiter wissen, dass die Konkurrenz scharf auf Produktionsgeheimnisse ist, dass sie also ihren eigenen Arbeitsplatz und die gesamte Fabrik gefährden, wenn sie draußen ausplaudern, was drinnen stattfindet. In dieser Hinsicht, Moment mal, ich habe mir da aufgeschrieben …« Tony unterbracht seine Ausführungen, holte seinen abgegriffenen Filofax aus der Tasche und blätterte die Notizseiten auf.

»Also, die Leute werden sehr gut bezahlt, alle haben innerhalb der Firma eine gute Ausbildung bekommen, es gibt immer wieder Weiterbildungen. Das führt zu: Elitebewusstsein, sozialer Abschottung, besonderer Bindung an den Arbeitsplatz.«

»Was soll dieser Wischiwaschi?«, unterbrach Steele ärgerlich.

»Ich versuche nur zu erklären, warum innerhalb der Belegschaft nicht über die Arbeit geredet wird, und nichts nach außen dringt«, antwortete Tony, jetzt ebenfalls mit Ärger in der Stimme. Er spürte Lucilles Hand auf seinem Arm, den leichten Druck, mit dem sie sich schloss und dann wieder abglitt. In seine Freude rauschte neuer Ärger – jetzt wollte sie mir wohl sagen, Du bist zwar ein Trottel, aber ich bügele dir trotzdem die Hemden, dachte er. Tony spürte, wie sich das Hemd unter seinen Achseln mit saurem Schweiß vollsog. Am liebs­ten hätte er Steele die Brocken hingeschmissen und wäre mit einem saftigen Mach du doch deinen Scheiß alleine gegangen.

»Das ist der erste Faktor«, fuhr Tony stattdessen mit betont ruhiger Stimme fort. »Die Leute haben kein Interesse daran, über ihren ganz persönlichen Arbeitsplatz oder über ihre Arbeitsgruppe hinaus zu denken. Zweiter Faktor: Arbeitsteilung. Die linke Hand weiß nicht, was die rechte tut und umgekehrt. Während der Führung wurde alles versucht, um mich zu verwirren und zum Teil ist es auch gelungen. Ich meine, man hat mich nicht systematisch durch die Fabrik geführt, sondern von der linken unteren Ecke in die rechte obere Ecke sozu­sagen und von dort in die nächste. Ich will’s mal kurz machen. Diese Fabrik ist ein geschlos­sener Kreislauf. Es wird mit großem Energie- und Arbeitsaufwand eingeschmolzen und legiert und gereinigt und aufbereitet. Dann wird etwas hergestellt, verschickt, kommt zurück in die Fabrik, weil es nur einige Male umgeladen wurde, wird weiterverarbeitet, veredelt, was weiß ich, schließlich gibt es eine Abteilung für Reparatur und Stoffverwertung und die bauen den ganzen Kram wieder auseinander, aber dies in einzelnen Arbeitsgruppen, und dann wird das Zeug wieder eingeschmolzen et cetera et cetera. Das ist, wenn ich mich an das Geblubber meiner marxistisch gefärbten Studienkollegen erinnere, die entfremdete Arbeit par excellen­ce. Weil jeder nur ein Teilchen zu sehen bekommt, weiß er nichts vom Ganzen und kann darum auch diese Sache nicht durchschauen.«

Das Kinn auf die Brust gepresst saß Steele eine Weile still da. Hinter seiner Stirn arbeite­te es, er pflügte seine Gedanken um.

»Ich will nicht ausschließen, dass irgendwo, an irgendeiner Stelle dieser Fabrik doch irgendein Produkt herauskommt, das in die Richtung geht, die wir bisher …«, sagte Tony vor­sichtig. Aber Steele wischte die Möglichkeit mit einer unwirschen Handbewegung zur Seite.

»Das ergäbe keine Sinn!«, antwortete er entschieden. »Zuviel Aufwand für etwas, das sich auch in einem kleinen Labor herstellen ließe.«

»Das alles ergibt keinen Sinn«, fasste Lucille ihre bisherigen Erkenntnisse zusammen.

Steele tippte mit dem Zeigefinger an den Daumen der anderen Hand.

»Warum das alles? Punkt eins: Sie haben einen Reaktor gebaut, haben so eine Art von negativer Akupunktur durchgezogen, als sie diesen künstlichen See als Kühlmöglichkeit auf­stauten. Sie blasen überhitztes Kühlwasser in die See. Sie haben die Bevölkerung mehr oder weniger von der Existenz des Reaktors und der Fabrik abhängig gemacht. Kann das alles sein? Reicht das als Erklärung? Müssen wir weitersuchen oder wäre das schon überflüssige Anstrengung?«

Die drei verfielen in Schweigen. Jeder versuchte noch einmal für sich, alles, was er über Loreta, den Reaktor wusste.

 

Der Kellner beobachtete sie misstrauisch. Das sah nach schlechten Geschäften aus, solche Leute gaben selten Trinkgeld.

»Was wird in Loreta produziert?«, fragte Tony Tanner, um dann selbst die Antwort zu geben: »Heißes Wasser und Strom, der wieder verschwendet wird. Also nur heißes Wasser.«

Steele nickte düster. Aber Lucille schüttelte den Kopf. Eben hatte sie den Schatten einer Idee erblickt, suchte, schlich sich ganz vorsichtig an sie heran, bekam sie zu packen und form­te sie in ein Wort um.

»Atommüll!«

»Was?«

»Ja doch, ihr wolltet wissen, was in Loreta produziert wird. Und das ist wirklich das ein­zige – Atommüll.«

»Stimmt«, sagte Steele. Sein Gesicht verfinsterte sich noch mehr, aber zugleich war Zufriedenheit sichtbar, weil sich nun das Rätsel langsam zu lösen schien.

»Die Transporte, wie wir einen beobachtet haben«, sagte er zu Tony.

»Und wozu das Ganze?«

»Gift! Eine Giftspritze für Mutter Erde. Oder Material, um einen Knoten zu schließen, hast Du dem Conte denn überhaupt nicht zugehört«, maulte Lucille in Richtung Tony.

»Es gibt kein Material, ausgenommen vielleicht Diamanten, das so sorgfältig beobachtet und registriert wird wie Uran und seine Derivate«, protestierte Tony. »So etwas fällt sofort auf. Nein, die Theorie ist schlicht abwegig.«

»Erstens, gerade dadurch, dass sie abwegig erscheint, wird sie leichter durchführbar. Zweitens, wie viele Dinge, die völlig absurd zu sein scheinen, sind uns in den letzten Monaten, jedem Einzelnen von uns begegnet?«

Darauf konnte Tony allerdings nur wieder hilflos mit den Schultern zucken. Dieses Argument, das Steele gebracht hatte, war schwer zu widerlegen.

»Wenn man«, fuhr Steele fort, »etwas macht, von dem kein anderer auf den Gedanken kommen könnte, dass es möglich oder durchführbar ist, wächst die Wahrscheinlichkeit des Entdecktwerdens oder sinkt sie?«

»Aber es gibt so etwas wie die IAEA, die internationale Atomenergiebehörde in Wien.«

»Ja, die gibt es. Aber wie viele Leute an den richtigen Stellen braucht man, um eine sol­che Organisation blind zu machen, sie sich unter Umständen sogar zum Komplizen zu machen? Einen oder sollten wir auf Nummer sicher gehen und sagen, man braucht zwei oder drei? Wie oft wird ein Medikament, das durch jahrelange Prüfungen geht, nach Markteinführung wieder zurückgezogen, weil es fürchterliche Nebenwirkungen hat? Kann es so was geben? Eigentlich doch nicht, aber es gibt diese Fälle. Und kann es sein, dass ein oder zwei Männer an verantwortlicher Stelle über Jahre hinweg die wirtschaftliche Situation eines Weltkonzerns verschleiern, bis so ein wirtschaftlicher Gigant plötzlich in sich zusammenfällt wie ein Kartenhaus? Wir alle glauben, dass das System funktioniert. Vielleicht glauben wir auch, dass das System nicht funktioniert, aber wir glauben auch dann an die Macht des Systems. Warum soll nicht jemand, eine Einzelperson oder eben eine Gruppe, die Lücken aus­nutzen, weil wir sie in unserer alltäglichen Wahrnehmung nicht bemerken? Und noch eins! Loreta ist ein Forschungsreaktor.«

»Das bedeutet, dass hier besonders genau hingeschaut wird.«

»Richtig. Aber das Prinzip könnte so sein, wie es von den blödesten Taschendieben in Neapel und sonst wo genutzt wird. Das heißt: Ablenkung nach vorne, und hinten klaust Du dem Opfer die Brieftasche. Auf Loreta übertragen: Scheinbare Offenlegung aller Betriebsgeheimnisse, die Kontrolleure zuschmeißen mit Fakten und Plänen und Diagrammen. Und im Hintergrund machst Du dein eigenes Ding. Es funktioniert. Da bin ich sicher. Obwohl es irgendwie unglaublich ist. Und gerade darum bin ich sicher, dass wir auf der richtigen Spur sind.«

»Den Arbeitern im Forschungsreaktor wird aber sicherlich auffallen, wenn der Durchlauf an Brennelementen so groß ist. Sie müssen die Dinger doch ein und ausbauen«, spielte Tony noch einmal den Skeptiker.

»Das läuft alles mithilfe von Robotern«, kam Lucilles prompte Antwort. »Diese Vorgänge laufen völlig automatisch ab, und erst wenn das Sicherheitssystem des Sicherheitssystems des Sicherheitssystems versagt, kommt ein Roboter, der von Menschen gesteuert wird. Nun guck nicht so, Tony, ich habe mich zwischendurch auch mal schlaugemacht. Dieser automatisierte Wechsel gehört zu den technischen Neuerungen, die in Loreta erprobt werden sollen.«

»Was«, ergänzte Steele, »dazu führen kann, dass jeder, der es nicht wissen soll, der festen Meinung ist, dass seit Jahren kein Wechsel der Brennelemente vorgenommen wurde. Tatsache ist, dass immer Bestandteile des Reaktors ausgewechselt werden, um sie zu untersuchen oder neue einzubauen und zu testen. Das ist es doch, was ich meine – man wirbelt Staub auf, um in dessen Schutz sein eigenes Ding durchzuziehen.«

Jetzt klang Steele schon wie Dorkas. Und Lucille saß da in ihrem Chanelkostüm und wusste alles über die Technik des Brennelementewechsels im Forschungsreaktor von Loreta. Tony war sich nicht sicher, ob die andere Variante, dass sie ihm nicht geglaubt hätten näm­lich, nicht vielleicht doch die bessere gewesen wäre.

»Also, wenn ich zusammenfasse«, sagte er nach einigem Zögern. »Der Reaktor läuft mit voller Leistung und produziert dabei Energie, die verplempert wird – oder vielleicht manch­mal ins italienische Netz eingespeist, um sich beliebt zu machen – und er produziert radioak­tiven Abfall. Der Atommüll wird abtransportiert, um irgendwo zur Knüpfung eines Knotens oder eines Hylegs, wie der Conte es genannt hat, eingesetzt zu werden. Wir haben beobach­tet, wie ein Transport das Reaktorgelände verließ. Es mag sein, dass hier tatsächlich abge­brannte Brennelemente transportiert worden sind. So genau wissen wir das nicht. Aber neh­men wir es mal an. Irgendwann müssen die Behälter vom Lastwagen herunter und per Bahn, Schiff oder Flugzeug irgendwohin transportiert werden.«

»So ist es. Und wenn wir diesen Transportweg finden, dann wissen wir auch, wo der nächste Knoten geschaffen werden soll. Und wenn wir es wissen, können wir es verhindern.«

»Na, wenn ich gewusst hätte, dass das so einfach ist …«, kommentierte Tony Steeles Schlussfolgerung. Aber der ließ sich nicht aus dem Konzept bringen.

»Die Behälter müssen so gebaut sein, dass sie sich nicht wesentlich aufheizen. Vor allem so, dass keine Radioaktivität nach außen dringen kann. Sonst würde die Gefahr bestehen, dass bei irgendeiner Kontrolle mal ein Zollbeamter oder ein Bahnpolizist einen Geigerzähler in die Nähe der Dinger hält und dann wäre Polen offen. Also werden sie nur geringe Mengen trans­portieren, in dennoch relativ großen Behältern. Mit der Bahn? Unwahrscheinlich. Die Gefahr der Entdeckung wäre zu groß. Also per Schiff oder Flugzeug. Schiff ist möglich, erfordert aber immer wieder Umladung auf Schiene oder Rad. Wenn wir annehmen, dass die – nennen wir es einmal Baustelle der Titanen – nicht notwendigerweise in der Nähe eines Hafens liegt, dann ist der Lufttransport am wahrscheinlichsten.«

Jetzt hatte Lucille ihren Einsatz.

»Ihr habt vorhin von einem Schwertransport gesprochen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese Behälter noch irgendwo umgepackt werden würden. Was aber bedeutet, dass ein Flugzeug eine Last von dreißig, vierzig, vielleicht sechzig oder siebzig Tonnen transportieren müsste. Wenn wir mal die Maße des Behälters außer Acht lassen, dann kommen dafür nur wenige Flugzeugtypen in Betracht. Eine Frachtversion der Boeing 747 beispielsweise. So, und diese Geräte können nicht auf jeder Wiese starten oder landen, sondern brauchen interna­tionale Flughäfen oder bestens ausgebaute Regionalflughäfen, außerdem sind die Flugzeuge und die Linien, die sie einsetzen, nicht gerade häufig. Also würde es sich lohnen, hier den Hebel anzusetzen.«

Steele nickte beifällig.

»Das ist dann wohl dein Spezialgebiet. Ich meine Flughäfen«, murmelte Tony. Und Lucille nickte. Ja, das wollte sie auf sich nehmen. Sie kannte eine Reihe von Leuten, die ihr Informationen besorgen konnten. Zumal das, was Lucille wissen wollte, in keiner Weise unter irgendeine Geheimhaltungs- oder Sicherheitsvorschrift fiel.

 

Fünf Minuten später sah Tony wie Lucille über den Platz eilte. Sie hatte den Mantelkragen hochgeschlagen, um sich vor dem Regen zu schützen. Mit schnellen Schritten umrundete sie eine Gruppe in Plastikmäntel gehüllter Japaner, dann war sie nur noch eine entschwindende Gestalt in der Menge. Tony fühlte sich, als hätte man ihm das Herz bei lebendigem Leibe herausgerissen.

»Die Dinge kommen immer sehr plötzlich«, hörte er Steele murmeln. Er wusste nicht, was Steele meinte. Dachte er an seine Familie, die ihm so plötzlich entrissen worden war? Oder meinte er nur das entschiedene Aufspringen und Verschwinden Lucilles?

In den nächsten Tagen blieb Tony allein. Er fuhr nach Rom und arbeitete einen Besuchsplan für eine Gruppe behinderter Kinder aus, die unter der Obhut einer, von Prinzessin Anne geleiteten wohltätigen Organisation, eine Romreise unternahm. Auf diese Weise konnte Tony Tanner seine fortdauernde Anstellung bei seinem Reisebüro rechtferti­gen, ohne dass sein wohlwollender Chef irgendwelche unangenehmen Fragen von dritter Seite zu befürchten hatte. Tony stürzte sich in die Arbeit. Er durfte keine Sekunde nachlassen, musste sich konzentrieren, sonst kam er ins Grübeln und sah sich plötzlich gelähmt, als hätte man seine Nerven durchschnitten.

Manchmal, ganz plötzlich, überkam ihn Furcht. Ein Autohupen, eine Person, die schnell um eine Ecke bog, Schritte, die ihm folgten, dienten als Anlass, um die Schatten möglicher Gefahren wachsen zu lassen. Jede Minute war nur die Minute, bevor es geschah. Was es war, wusste er nicht, aber er trug das Bewusstsein mit sich wie einen wachsenden Tumor.

Endlich hatte er seine Arbeit erledigt, alle Fragen mit der British Travel Agency abge­klärt und wollte am nächsten Tag Steele hinterher fahren, der die Häfen zwischen Kroatien und Frankreich abklapperte.

Dann aber wurde ihm ein Anruf durchgestellt und er hörte Lucilles Stimme.

»Ich weiß jetzt, wo sie hinfliegen. Die Transporte gehen nach Australien.«

Lucinda Farrow gab sich keinerlei Mühe, ihre Abneigung zu verbergen. Sie wurde nicht ausfallend, aber ihr gesamtes Verhalten gegenüber den beiden Besuchern signalisierte Distanz und Abwehr, als würde es sich nicht um Menschen, sondern um abstoßende Insekten handeln. Die Botschaft war recht eindeutig: Dass ich bei eurem Anblick nicht schreie, liegt nur an mei­ner guten Erziehung.

»Meine Mutter kommt gleich.«

Die beiden Besucher nickten.

»Darf ich Ihnen etwas anbieten?« Eine völlig rhetorische Frage. Es klang so freundlich, als würde sie einen Tritt in den Unterleib anbieten.

Synchrones Kopfschütteln war die Antwort.

Lucinda Farrow lehnte sich mit dem Rücken an eine Anrichte. Auf der polierten Holzplatte standen einige Andenken und das Porträtfoto eines Mannes, das mit einem schwar­zen Trauerflor umrahmt war. Es gab in diesem Moment eine seltsame Ähnlichkeit zwischen dem breit lächelnden Mann auf der Fotografie und dem finster blickenden Mädchen. Lucinda mochte sechzehn Jahre alt sein. Sie hatte dunkelbraunes Haar, dunkle Augen und einen dunk­len Teint. Nein, man konnte sie auch mit viel gutem Willen nicht als hübsch, nicht einmal als ansehnlich bezeichnen. Dazu war das Kinn zu wenig ausgeprägt, es wirkte weichlich, gerade­zu weinerlich, wie es von der Unterlippe fast übergangslos zum Halsansatz abfiel. Und die starken dunklen Brauen bildeten dazu wiederum einen zu starken Gegensatz, waren schon eine allzu charakteristische Eigenheit in diesem jungen Mädchengesicht.

Alles wirkte unharmonisch, schlecht zusammengefügt, eine misslungene Zusammenstellung von zu kindlichen und zu erwachsenen Zügen im Antlitz einer Sechzehnjährigen. Sie hatte einen zu großen Busen, den sie durch die Wahl ihrer Kleidung, einer eng anliegenden Bluse, bewusst oder unbewusst stark betonte. Ihre Shorts unterstrichen unvorteilhaft die übertriebene Rundung der Hüften, die Beine waren unschön und hatten mit ihren viel zu dicken Waden schon fast wieder etwas Rührendes. Wie mochte es sein, wenn man sechzehn war und so aussah wie Lucinda Farrow? Sich jeden Tag mit einem Spiegelbild konfrontiert sah, dessen mangelnde Attraktivität sich nicht verdrängen ließ und das immer sagte: Ich bin du, ich bin dein Gesicht? Die Brüste hatte, auf die die Jungen glotzten und dann Bemerkungen machten? Und jede Fernsehserie, jedes Titelbild, jeder Werbe-Spot, jedes Plakat sagten einem, dass man so nicht aussehen durfte, dass man eine andere Nase, andere Augen, andere Haare haben musste.

Tony Tanner versuchte sich zu entspannen, was ihm unter den finsteren Blicken des Mädchens nicht unbedingt leicht fiel.

Die Situation war ihm fürchterlich peinlich, im Grunde war ihm alles hier fürchterlich peinlich. Seit zwei Tagen versuchte er, hier anzukommen, sein Körper war zwar hier, aber seine Seele schien den weiten Weg von Europa noch nicht zurückgelegt zu haben. Tony erin­nerte sich deutlich an den Schock, als er aus dem Fenster des Flugzeugs den Hafen von Sydney gesehen hatte, die Brücke und die weißen Schalen des Opernhauses, das von oben wirkte, als wollte es sich jeden Moment vom Land lösen und in die Weite segeln. Alles in Tony hatte sich gesträubt, hatte sich zur Wehr gesetzt. Er konnte nicht glauben, dass das da unten die Realität war. Das konnte nicht Australien sein, das war nur ein Foto, das jemand vor ein Fenster hielt.

Wenn Tony jetzt den Kopf zur anderen Seite wendete, dann konnte er aus einem anderen Fenster sehen. Aus dem Wohnzimmerfenster der Farrows. Es bot den wenig aufregenden Anblick einer kleinen grünen Rasenfläche, die an eine Buschreihe grenzte. Der Rasen wirkte geradezu heimatlich, aber dann stieß sich der Blick an einem Baum, der allzu fremdländisch erschien, der hier in jedem zweiten Garten zu finden war und der in Europa bestenfalls in botanischen Sammlungen betrachtet werden konnte. Und selbst der Himmel über dem Baum war falsch, war zu andersartig, war viel zu australisch.

 

Der Rasen wirkte ungepflegt, das Gras war seit geraumer Zeit nicht mehr gemäht worden. Es erschien Tony seltsam, dass das Wachstum der Grashalme auf diesem Rasen mit seinem Besuch in Australien in Zusammenhang stand und dieser wiederum mit dem Forschungsreaktor in Loreta und dieser wiederum mit Entwicklungen, die Tony oder Steele nicht kennen konnten, von denen sie im Gegensatz zu Milliarden anderen aber immerhin eine Ahnung hatten.

Noch einmal, als würde er sozusagen seiner nacheilenden Seele den Pfad bahnen, ver­suchte Tony sich die letzten Tage ins Gedächtnis zu rufen. Lucille hatte ihn angerufen und behauptet, es gingen Transportflüge mit Atommüllbehältern nach Sydney. Tony hatte Steele informiert und der hatte sofort den Flug gebucht. Das alles ging so schnell, dass Tony sich mit Übergepäck, in dem schwere Rollkragenpullover, ein Caban, ledergefütterte Schuhe und andere völlig unbrauchbare Kleidungsstücke befanden, in die erste Klasse einer Thai-Air Maschine katapultiert sah. Diese schlecht gepackten Koffer machten Tony nervös. Früher hatte er so etwas im Griff gehabt, brauchte nur zum Sommerkoffer/offiziell zu greifen und wusste sich bestens ausgestattet. Nun kam er sich vor wie ein Soldat, der mit mangelhafter Ausrüstung an die Front geschickt wird.

Zu dieser Stimmung passend war ihr Aufenthalt in Sydney zuerst nur ein vergebliches Stochern im Nebel gewesen. Lucille hatte zwar recht gehabt, es kamen Transportflüge in Sydney an, deren Spuren verloren sich aber und waren auch nicht mehr aufzufinden.

Erst ein Fax von Dorkas hatte Tony und Steele auf eine Fährte geschickt. Der Name John Farrow kam ins Spiel. Er war renommierter Anwalt, eine mediengerechte Galionsfigur im Kampf für die Rechte der australischen Ureinwohner. Farrow war wegen einer außerehelichen Affäre ins Zwielicht geraten. Genau diese Affäre war der Ansatzpunkt, der Dorkas zum Faxgerät eilen ließ. (Tatsächlich war es selbstverständlich nicht Dorkas gewesen, der das Fax abgeschickt hatte, denn ihn versetzte schon der Anblick des mehr als keinem Knopf an die­sem technischen Gerät in eine gesteigerte Form von Panik. Es war schließlich Doktor Tebaldi, die diese Aufgabe übernahm und durch Eingabe einiger Zahlen auch erfolgreich abschloss.)

Farrow hatte Selbstmord begangen, und weil er derjenige gewesen war, der den Rasen vor dem Haus mähte, wuchsen die Halme jetzt ungehindert und verstärkten den Eindruck einer gewissen Verwahrlosung.

Der Ledersessel knarzte, als sich Steele erhob und Tony so aus seinen Gedanken riss. Melinda Farrow erschien, die Witwe John Farrows. Es bedurfte Steeles geschärftem Sinn, um ihr Erscheinen zu bemerken, denn sie huschte lautlos durch den Flur heran, und auch als sie schon im Raum stand, wirkte sie seltsam durchscheinend und schien keine Präsenz zu haben.

»Nehmen Sie doch bitte wieder Platz! Hat meine Tochter Ihnen schon etwas angeboten? Es ist schon wieder so fürchterlich heiß heute.«

Melinda Farrows Stimme hatte den zirpenden Klang eines Heimchens, ein wenig ver­schüchtert, als wäre es ihr selbst peinlich, dass sie die Stille unterbrechen musste. Die Zeit in einer englischen Privatschule hatte in ihrer Art zu reden, deutliche Spuren hinterlassen. Tony fand das sehr erfreulich, zugleich war er sich sicher, dass Melinda Farrow dadurch eine Außenseiterin in einem Land wurde, dessen abartiges Englisch in Tony die sofortige Assoziation einer verschwitzten haarigen Achselhöhle eines Mannes im Unterhemd hervor­rief. Warum hatte sie sich diese Sprechweise bewahrt? Wollte sie sich von ihrer Umgebung absetzen oder war sie sozusagen bei ihrer sozialen Anpassung behindert?

So, wie sie nun im Sessel ihnen gegenübersaß, wirkte sie wie eine Porzellanpuppe, wie ein empfindliches Schmuckstück, dem man keinerlei praktischen Wert zuschreiben kann.

Es gab keinen Widerspruch zwischen der zirpenden Stimme und der Gestalt Melinda Farrows. Klein, schmal, zart, zerbrechlich, mit sehr heller Haut – was im Lande der sportli­chen Sonnenbräter seltsam aristokratisch wirkte – mit hellblonden Haaren, bei deren Farbe die Chemie mit Sicherheit ihren Einsatz gehabt hatte, einem zu fein geschnittenen, völlig puppen­haft wirkenden Gesichtchen mit großen, leicht hervorquellenden hellblauen Augen, die ihr den Anschein ständigen Erschreckens gab, wirkte sie so, als wäre sie eben erst aus einer mit Holzwolle gefüllten Kiste entnommen und mittels eines Schlüssels aufgezogen worden. Sie trug ein helles Kleid, signalisierte allerdings durch ein schwarzes Tuch, dass sie in Trauer war, wie der Ausdruck lautete, den Tony als Junge immer mit einem Schauder vernommen hatte.

Tony schätzte sein Gegenüber auf etwa Mitte dreißig. Sie hatte sich nicht einmal beson­ders gut gehalten, wie man so schön sagt, aber sie hatte eine unzweifelhafte natürliche Attraktivität, die allerdings doch wieder zweifelhaft war, weil in ihr, wie bei einer überreifen Frucht, der Duft des Verfalls merkbar wurde. Obwohl Tony keine genauen Daten kannte, ver­mochte er doch, sich gewisse Dinge zusammenzureimen. Melinda war Anfang zwanzig, vielleicht sogar jünger, als sie Mutter wurde.

Ihr Mann, John Farrow, war fast doppelt so alt, jedenfalls wesentlich älter als seine Gattin und er war schon vor zwanzig Jahren ein bekannter Anwalt, allerdings damals noch ohne irgendwelche Ambitionen, seinen Namen mit der Bürgerrechtsbewegung zu verbinden. Ein Jurist, der für seine rabiaten Strategien bekannt – und verhasst – war und eine junge Frau, die einen prägenden Teil ihres Lebens in der gedämpften Nieselatmosphäre englischer Internate verbracht haben musste – was fesselte diese beiden Menschen aneinander? John hatte ohne Zweifel etwas zum Vorzeigen. Melinda war ansehnlich und hatte in ihrer natürlich kultivier­ten Art etwas von der wertvollen Beute eines Piratenzuges an sich. Sie signalisierte ganz deut­lich, dass in John Farrow nicht nur der aggressive Jurist mit dem niemals richtig gebundenen Krawattenknoten steckte, sondern dass er auch eine andere Seite haben musste. Wie auch immer diese andere Seite aussah, Melinda dokumentierte ihre Existenz. Und Melinda? John bot ihr Sicherheit, ohne Zweifel. Vielleicht war es eine Zweckehe, vielleicht hatte Melinda bei John tatsächlich diese andere Seite gewittert und war in seinen Schutz geflohen, nachdem sie sich in ihrer Heimat wie eine Fremde gefühlt haben musste. Abgesehen von der Form des Gesichtes, die eindeutig die verwandtschaftliche Abstammung bewies, hatte Lucinda nichts von ihrer Mutter.

Sie musste Melinda wie eine Variante von John vorgekommen sein. Und wenn Tony sich jetzt das Verhalten der Tochter vor Augen führte, deren Art zu gehen, sich hinzustellen, zu reden, den Klang ihrer Stimme, dann war er sich sicher, dass Melinda von ihrer Tochter ent­täuscht war und dass Lucinda auf der anderen Seite ihre Mutter mit pubertärer Arroganz ver­achtete. Lucinda war das Kind Johns, sie war seine Tochter, sein Abbild, vielleicht bedauerte er, dass er keinen Sohn hatte, wahrscheinlicher jedoch ignorierte er diesen feinen Unterschied und behandelte Lucinda wie einen Jungen. Das Fazit dieser Überlegungen Tonys war, dass er sich hier in einer der unauffälligen, gut situierten Vorstadthöllen befand, in der sich Menschen gegenseitig mit den Klingen ihres Missverständnisses, ihrer seelischen Blindheit zerfleischen.

 

Auf dem Weg zwischen Haustür und Wohnzimmer waren Tony einige sehr schöne Stücke moderner Aborigine-Kunst aufgefallen, Beispiele dafür, wie sich menschliche Kreativität durch die Risse zwischen unvereinbaren Kulturen drängt und sich über dem Abgrund von Jahrtausenden ein Nest baut. Diese Stücke stellten einen beträchtlichen materiellen Wert dar.

Obwohl sich Tony nicht sicher war, hatte er doch den Verdacht, dass diese Kunstwerke, würde man sie an eine Galerie in New York oder London verkaufen, den Wert der Wand, an der sie hier angenagelt waren, samt dem zur Wand gehörigen Haus und Grundstück um das Zwanzigfache übertrafen. Weiterhin war Tony sicher, dass es nicht John, der robuste Rechtsvertreter gewesen war, der diese Objekte ausgewählt hatte. Nein, hierin hatte Melinda ihren Ausgleich gefunden und vielleicht war sie es gewesen, die John dazu drängte, seinem Namen einen neuen, unerwarteten Glanz zu verleihen, indem er sich um die Belange der Ureinwohner kümmerte.

»Wir sind Ihnen zu Dank verpflichtet, dass Sie sich die Zeit für ein kurzes Gespräch neh­men, Misses Farrow«, sagte Tony Tanner.

Melinda Farrow hob eine kleine Hand, die sie mit der anderen im Schoß verschränkt hatte, zu einer matten abwehrenden Bewegung. Die Hand war wirklich unglaublich klein und zart. Die Fingernägel waren zartrosa lackiert gewesen, aber nun war die Lack abgeblättert, die klei­nen Nägel wirkten wie winzige Ausschnitte einer ungepflegten Holzwand eines seit Langem unbewohnten Hauses. Vielleicht, dachte sich Tony, waren es genau diese Fingernägel, die ein exaktes Abbild des Seelenzustandes der ansonsten allzu gefassten Melinda Farrow boten. Oder war sie vielleicht sogar froh, ihren robusten Gatten los zu sein und die Nagellackierung hinkte sozusagen hinterher?

»Zeit habe ich genügend, Mister Steele …«

»Mein Name ist Tanner, Misses Farrow, Tony Tanner. Herr Steele ist mein Kollege.«

Steele erhob sich noch einmal halb aus dem Sessel.

»Verzeihen Sie, wie dumm von mir.«

»Wie ich es schon bei unserem Telefonat gesagt habe, Misses Farrow, recherchieren wir für eine Zeitschriftenserie, die sich mit dem Konflikt oder auch dem Zusammenleben tradi­tioneller Kulturen mit der modernen, westlich geprägten Zivilisation befasst.«

»Für welche Zeitschriften arbeiten Sie?«

Auf diese Frage hatte Steele gewartet, darum brachte er eine Reihe von Journalistenausweisen zum Vorschein, die alle so echt waren, wie sie aussahen und denen man nicht anmerkte, dass sie nur durch viel Geld ihren Weg zu Steele gefunden hatten. Steele hatte übrigens eine Wandlung durchlaufen, die Tony überraschte. Er war ohne viel Aufwand, sowohl in seinem Erscheinungsbild als auch in seinem Auftreten, in die Rolle des abgebrüh­ten, welterfahrenen Reporters geschlüpft. Zusammen mit Tony Tanner, der immer Tony Tanner blieb und also den kultivierten, gewandten Interviewer abgeben musste, bildeten sie ein sehr glaubhaftes Paar. Was Tony anging, fühlte er sich heimlich geschmeichelt, dass Steele für ihn eine Art von Podium bot, auf dem er seine Fähigkeiten voll ausspielen konnte.

So wie jetzt, wo er sich über Weltmusik, modernen Tanz, bildende Kunst und postapoka­lyptische Filmmythen ausließ und mit lockerer Hand den Plan für die Artikelserie entwarf, die auch ein Ressortchef einer New York Times nicht überzeugender hätte formulieren können.

Melinda Farrow fühlte sich bei diesem Gespräch sichtlich wohl. Während ihre Tochter, die noch immer ihre Position am Sideboard hielt, die verschränkten Armen noch fester um den übermäßigen Busen presste, als brauchte sie eine Verteidigung gegen das hochgestoche­ne Geschwafel, lockerte sich die Haltung Melindas. Zuerst kam die eine Hand aus dem Schoß, dann die andere und beide vollführten schließlich flatternde Gesten, Melinda beugte sich vor, ihre hervorquellenden Augen glänzten.

Wenn sie sprach, offenbarte sie einen seltsamen inneren Widerspruch. Einerseits kamen die Worte, getragen von ihrer feinen Stimme sehr vorsichtig und gewählt, andererseits rausch­ten manchmal ganze Sätze wie fertig gekuppelte Güterzüge daher und überbrachten ihre vor­gefertigte, wie aus einem Lehrbuch auswendig gelernte Fracht.

»Leider ist der kulturelle Überbau tatsächlich ein solcher, nur ein solcher, muss man es wohl formulieren, und auf der alltäglichen Ebene finden jene Konflikte statt, deren Echos wie­derum die mögliche Harmonie des kulturellen Orchesters stören.« Tony Tanner war in der Lage, einen solchen Satz mit derselben Sicherheit zu formulieren, mit der er im Dunkeln einen doppelten Windsorknoten binden konnte. Was noch mehr zählte – Tonys Gesichtsausdruck vermittelte dem Zuhörer das Gefühl, dass dieser Mann auch wirklich wuss­te, was er gerade eben gesagt hatte.

»In der Tat, wirklich in der Tat«, bestätigte Melinda. »Es fällt leider allzu leicht, beim Anblick eines betrunkenen Ureinwohners zu vergessen, dass er seelisch in ein Jahrhundert geworfen wurde, für, dass er nicht geschaffen wurde und umgekehrt. Überheblichkeit ist eine allzu leicht zu erwerbende Haltung.«

War es Zufall, dass sich in diesem Moment die großen Augen Melindas auf Lucinda, die Tochter richteten?

»Sicherlich war es gerade diese Haltung, mit der Ihr Gatte tagtäglich zu kämpfen hatte?«, bog Tony das Gespräch jetzt in die Richtung, die er gewünscht hatte.

»Sehen Sie«, jetzt als die Rede auf John Farrow kam, wechselte Melinda die Sitzposition, lehnte sich zurück, schlug die Beine übereinander, legte die Arme auf die Lehnen, »John hatte mit diesen Problemen nur auf einem sehr abstrakten juristischen Niveau zu tun. Das war sein Gebiet, darin war er ein Meister, ganz ohne Zweifel. Die persönliche Begegnung mit den Betroffenen … war nicht unbedingt seine Welt.«

Unter der neutralen Aussage lag etwas anderes – Tony glaubte es zu bemerken, und schon war es ihm wieder entschwunden.

»Treffen unsere Informationen zu, dass sein letzter Prozess um den Verkauf und die Nutzung eines recht großen Gebietes in Zentralaustralien ging?«

»Nun, es stand ja in jeder Zeitung.«

»Das ist korrekt, allerdings wurden genauere Angaben vermieden. Und diese genaueren Angaben sind von uns von Interesse. Oder um genau zu sein, ohne sie können wir einpacken und die Recherche ist zu Ende.«

»Wie kommen Sie zu der Vermutung, Herr Tanner, dass ich über dieses Gebiet mehr wis­sen könnte, als in den Zeitungen steht?«

Tony fühlte sich plötzlich unwohl. Er musste vorsichtig sein. Vielleicht hatte Melinda Farrow jetzt das Bedürfnis, mit ihren Besuchern ein Spiel zu spielen. Vielleicht hatte Tony diese Frau aber auch unbewusst in ein privates Minenfeld getrieben, in ein Schlachtfeld ihrer Ehe und geriet dadurch in Gefahr, den dünnen Faden an Verständigung, den er zu ihr gespon­nen hatte, zu zerreißen.

Tony musste äußerlich ruhig, gelassen und freundlich bleiben, während sich seine Gedanken überschlugen. Wenn seine zweite Annahme richtig war, dann konnte mit der nächs­ten Bemerkung alles zu Ende sein, oder aber er lockte sie endgültig aus der Reserve.

»Immerhin waren Sie mit John Farrow verheiratet. Also ist die Vermutung, dass er sich mit Ihnen auch über seine Arbeit unterhielt, doch naheliegend?«

»Seine Arbeit, Herr Tanner, war etwas anderes als das Bestellen von Sommerkleidern für eine Warenhausabteilung, falls Sie das meinen. Er vertrat seine Klienten vor dem höchsten Gericht dieses Landes, die Urteile hatten geradezu historische Ausmaße.«

Das Gespräch schien plötzlich auf der Kippe zu stehen. Melinda Farrow zog die Beine an, schien sich wieder wie ein Igel einzukugeln.

»Ich nehme an, dass es gerade diese Belastung war, die bei Ihrem Mann das Bedürfnis erwecken musste, auch außerhalb der juristischen Auseinandersetzung einen Gedankenaustausch zu suchen. Und damit, ohne dass ich es wagen würde, mir eine Beurteilung anzumaßen, die mir nicht zusteht, wird er sich wohl am ehesten an seine Ehefrau gewendet haben, bei der er Diskretion und absolute Loyalität voraussetzen konnte. Verzeihen Sie …«

Tony Tanner hob abwehrend und beschwichtigend die Hände, als müsste er sich der klei­nen Fäuste Melinda Farrows erwehren, »… es ist einfach eine persönliche Erfahrung. Sowohl Herr Steele als auch meine Person kommen immer wieder an einen Punkt, bei der uns all das, was wir bei unseren Recherchen zu sehen und zu hören bekommen, über Gebühr belastet. Ich erinnere mich an eine Geschichte, gar nicht lange her, wir hatten uns mit Sklaverei in Nordafrika beschäftigt – Sudan, Marokko, Mali, Schicksale, die man nicht vergisst, indem man sie fotografiert oder einige Zeilen auf dem Laptop schreibt. Ja, dann mussten auch unse­re Ehefrauen herhalten, sozusagen die letzte Bastion des Verständnisses, bevor man endgültig mit dem Trinken beginnt.«

Aus den Augenwinkeln bemerkte Tony, wie Steele zusammenzuckte, als von den Ehefrauen die Rede war. Auch Melinda bemerkte es.

»John Farrow war ein ganz eigener Mann«, sagte sie kühl, als spräche sie über einen Fremden, von dem sie höchstens aus der Zeitung gelesen hatte. »Sein Bedürfnis in dieser Hinsicht war wohl eher als unterentwickelt zu bezeichnen. Im Übrigen hat die Tatsache, dass überhaupt nicht erwähnt wurde, um welches Gebiet es sich handelt, einen durchaus triftigen Grund. Es geht um wirtschaftliche Interessen, um Bodenschätze und schon die Erwähnung des Namens hätte für die dort engagierte Firma einen Nachteil bedeutet. Denn sofort wäre die Konkurrenz zur Stelle gewesen.«

Und dann setzte Tony instinktiv alles auf eine Karte, zögerte einen Moment, um die Spannung zu erhöhen und sagte: »Immerhin sind Herr Steele und ich sicher, dass Sie es waren, Frau Farrow, die ihren Mann zur Übernahme der Rechtsvertretung gedrängt hat.«

»Warum sollte ich so etwas tun? John Farrow war nicht der Mann, der den Rat eines ande­ren suchte und meinen … erst recht nicht.«

»Aus zwei Gründen kommen wir zu dieser Überzeugung: Bisher hatte ihr Mann nur Einzelpersonen oder Gruppen verteidigt. Sein letzter Prozess fiel völlig aus dem Rahmen. Zumal, wie man hören muss, die Erfolgsaussichten sehr gering sind. Und John Farrow ver­mied es, so ist zumindest unser Eindruck, sehr bewusst, seinen Ruf aufs Spiel zu setzen, indem er hoffnungslose Fälle übernahm.«

»Das klingt fast plausibel. Aber warum hat er sich dann in dieses Gefecht gestürzt?«

Tony beugte sich vor und erprobte sein Lächeln, Unterart verbindlich.

»Weil einer der Aborigine-Künstler aus Ihrem Bekanntenkreis, Frau Farrow, Ihnen die Bedeutung dieses Gebietes deutlich gemacht hat.«

Tony zwang sich dazu, ruhig zu bleiben und die Wirkung seiner Worte abzuwarten. Entweder er hatte sich getäuscht und sie waren raus aus dem Spiel oder er hatte jetzt eine Quelle der Information geöffnet.

»Woher wissen Sie das alles, Herr Tanner?«

»Wir würden nicht wagen, Ihnen Ihre Zeit zu stehlen, Frau Farrow, wenn wir nicht wüss­ten, um was es geht. Und selbst wenn Sie diesen bedauerlichen Eindruck von uns gewonnen haben sollten, so sind wir auch keine journalistischen Söldner. Wir glauben durchaus noch an die aufklärerischen, demokratischen Ideale einer unabhängigen Berichterstattung.«

 

Melinda Farrows zögerte. Der Kampf, den sie mit sich ausfocht, war ihr anzusehen. Sie schaute vor sich auf den Boden, ihre Finger verknoteten sich unwillkürlich und lösten sich wieder. Vom Sideboard kam das Räuspern der Tochter und von draußen erklang ein Vogelruf, wie ein schrilles, abrupt abbrechendes Gelächter. Der Ton war so fremd, dass er Tony wie eine brutale Ermahnung vorkam, sich hier immer als Fremdling zu fühlen.

»Nun gut, Sie haben recht, es war meine Idee,« wurde Melinda Farrows brüchige Stimme hörbar. Sie schien nur zu sich selbst zu sprechen, sich selbst einer Tatsache zu vergewissern, die sie vielleicht verdrängt oder in ihrer wirklichen Bedeutung nicht erfasst hatte. Dann setz­te sie sich mit geradem Rücken hin und schaute Tony direkt in die Augen.

»Das Gebiet heißt Musgrave Ranges. Wenn ich Ihnen das sage, dann nutzt Ihnen das aller­dings wenig, denn man könnte halb Europa in dieses Gebiet hineinpacken. Es ist noch nicht einmal wichtig, dass es heiliges Land ist. Die Aborigines nennen jeden Flecken heiliges Land, und wenn sie es nicht selbst tun, dann tun es die Anwälte, die um möglichst hohe Entschädigung für ihre Klienten und nebenbei auch für möglichst viel Geld für sich selbst streiten.

Innerhalb der Musgrave Range liegt allerdings ein Ort, der für die Ureinwohner ungefähr das ist, was die Geburtskirche in Bethlehem, Jerusalem und der Vatikan zusammen genom­men für die Christen bedeutet. Ich glaube, ich habe mich verständlich gemacht. Es ist ein Platz, an dem die Visionen aus der Erde steigen. Seltsamerweise, und das ist natürlich auch vor Gericht zur Sprache gekommen, wird der Ort nur selten besucht. Die Gegenseite hat daher behauptet, dieser Ort existiere nicht wirklich oder er hätte keine wahre Bedeutung. Aber in Wirklichkeit ist es so, dass nur sehr mutige und ausgewählte Angehörige der verschiedenen Stämme es wagen, diesen Ort zu betreten. Wer nicht bereit ist, wird von einem Wesen befal­len, dass so etwa Hirnsauger heißen müsste. Wer nicht stark genug ist, verfällt dem Wahnsinn, darum geht es.«

»Und wo ist dieser Ort genau?«, stellte Tony die entscheidende Frage.

Melinda Farrow gelang ein Lächeln, das genau die Waage zwischen Verständnis und Sarkasmus hielt.

»Selbst wenn ich es wüsste, würde ich es Ihnen bestimmt nicht sagen, Herr Tanner. Aber glauben Sie mir, ich weiß es nicht. Ich habe nie die Frage gestellt. Aber selbst wenn ich es Ihnen sagen würde, würde es Ihnen auch nichts nutzen – es ist nur ein staubiger Platz in einer weiter staubigen Ebene. Ein Weißer könnte daran vorbei gehen und würde nichts merken. Und selbst die Ureinwohner sagen, dass nur die Weisen unter ihnen die Kraft haben, diesen Ort zu finden.«

»Was soll auf dem Gebiet abgebaut werden? Können Sie uns das sagen?«

»Opale. Eine Firma namens Packard Limited will dort industriellen Abbau von Opalen betreiben. Bisher ist das noch nie versucht worden. Und es gibt eine Reihe von verlässlichen Untersuchungen, die zeigen, dass im Gebiet der Musgrave Ranges kein einziger Opal zu fin­den sein wird.«

»Immerhin ist sich die Leitung der Firma Packard Limited so sicher, dass sie bereit ist, beträchtliche Investitionen zu tätigen. So viel war immerhin den Zeitungsberichten zu entneh­men.«

»In der Tat, es war von beträchtlichen Summen die Rede. Und damit kam natürlich der übliche Schwanz von Argumenten, der überall auf der Welt kommt, wenn mal wieder ein Stück Natur unwiederbringlich zerstört werden soll – Fortschritt, Arbeitsplätze, Wohlstand.«

»Der Druck auf Ihren Mann als Verteidiger muss dadurch gewaltig gewesen sein. Immerhin gab es ja auch eindeutige Signale seitens der Politik, die Packard unterstützten.«

»Das stimmt zwar, aber wir leben hier nicht in einer Bananenrepublik, Herr Tanner. Das Geschwätz irgendeines Staatssekretärs hat die Richter hier noch nie beeindruckt, eher im Gegenteil. Wenn ich davon nicht überzeugt wäre, dann hätte ich schon längst meine Sache gepackt und wäre ausgewandert.«

»Zumindest Ihr Mann muss ja offensichtlich unter großem persönlichem Stress gestanden haben, Misses Farrow«, mischte sich jetzt auch Steele in das Gespräch.

»Es ging ja um nicht weniger als um den Einsatz einer sehr zukunftsträchtigen Technologie, die für die australische Wirtschaft revolutionäre Fortschritte bedeuten konnte«, ergänzte Tony.

»Zumindest die Vertreter der Gegenseite haben das in alle Welt posaunt. Aber … Sie spie­len auf den Selbstmord meines Mannes an, nicht wahr?«

Unter Melindas geradem Blick musste Tony schlucken. »Wir … ich … ich muss mich auf das beziehen, was in den Zeitungen stand. Und dort wurde durchaus spekuliert, dass nicht allein … äh … dass die Belastung durch den Prozess eine schwere Bürde dargestellt habe …«

Die Witwe John Farrows betrachtete Tony Bemühungen, sich aus der peinlichen Situation herauszureden mit schräg gelegtem Kopf. An ihrer rechten Wange erschien ein Grübchen.

»Sie meinen, dass von Ihren Kollegen in den Zeitungsredaktionen nicht allein eine schmutzige Affäre mit einer billigen, sich rassistisch gebärdenden Blondine als Auslöser für den Selbstmord des ehrenwerten John Farrow angesehen wird? Wie überaus rücksichtsvoll.«

Melindas Stimme triefte vor Sarkasmus. Tony warf einen raschen Blick auf Lucinda, die sich unbehaglich an der Kante der Anrichte hin und her schob, als wäre sie gefesselt und irgendeinen Punkt an der Decke fixierte.

Ganz plötzlich warf sich Melinda nach vorne, legte ihre Unterarme auf die Oberschenkel. Ihr Vorschnellen hatte etwas vom Zuschnappen eines Krokodils. Sie überschritt eine unsicht­bare Grenze, die bisher zwischen ihr und Tony Tanner gezogen worden war.

»Da wir heute anscheinend den Tag der persönlichen Offenbarungen haben, Herr Tanner …« Die großen Augen Melindas schienen aus den Höhlen quellen zu wollen, als gäbe es einen inneren Druck, der sie wie Stöpsel zu beseitigen suchte. Tony musste sich zwingen, vor die­sem Gesicht nicht zurückzuweichen. Melindas Atem fächelte ihn an und bewies ihm, dass sie vor dem Gespräch Alkohol getrunken haben musste – irgendein süßes, scharfes, hochprozen­tiges Zeug, das Ehefrauen in besseren Vorstädten trinken, obwohl es ihnen nicht gut tut.

»John hatte mir diese Affäre gebeichtet«, zischelte Melinda.

»Das sollte bei Ihnen aber nicht zu falschen Schlussfolgerungen führen, Herr Tanner. Denn er hat mir bisher jede Affäre gebeichtet. Obwohl der Begriff Affäre für dieses Hobby meines Mannes vielleicht ein wenig allzu pompös gewählt ist. Tatsächlich durfte ich von jeder Betätigung seines Sexualtriebes profitieren, denn mein mir christlich angetrauter Ehemann hielt es für seine Pflicht, mir jede seiner Seitensprünge … nein, nicht zu beichten … damit anzugeben, zu protzen. Seit jenem denkwürdigen Tag vor nunmehr siebzehn Jahren, als John Farrow sich in die Aufgabe versenkte, seine ihm so ähnliche Tochter Lucinda zu zeugen, rühr­te er mich nicht mehr an. Er nannte mich sein Porzellanpüppchen und gab mir zu verstehen, dass ich ihn nicht mehr interessierte. Das Gefühl war übrigens durchaus gegenseitig.«

»Melinda«, rief es vom Sideboard her.

»Was ist, Schätzchen?«, fragte Melinda Farrow sarkastisch. Sie machte sich nicht die Mühe, ihre Tochter anzuschauen. »Magst du nicht über deinen geliebten Daddy reden? Mach dir keine Sorgen, ich bin betrunken, damit kannst du dich vor dir selbst herausreden. Bisher hast du doch immer deinen geliebten Daddy verteidigt, besonders wenn die dumme Melinda mal wieder Ärger machte, stimmt’s, Schätzchen. Ich weiß, dass Sie wissen, dass ich getrun­ken habe, Herr Tanner. Sie haben es gerochen, warum auch nicht, aber Sie haben sich gut unter Kontrolle, wirklich, nur ein leises Zucken. Dabei gehört es sich für Frauen nicht zu trin­ken. Vor allem nicht dieses abartige süße Zeug. Bier ginge vielleicht noch, aber nur ein wenig. Hier dürfen sich nur die Männer betrinken, Herr Tanner. Australien ist ein Land für große, starke Männer. John Farrow war auch so ein großer starker Mann. Er erzählte mir von jeder Schlunze, die er flachgelegt hatte …«

»Melinda, es reicht jetzt«, gellte es von der Seite. Lucinda machte einen Schritt auf ihre Mutter zu. Ihre ausgestreckten Arme sendeten die Bereitschaft zur Gewalttätigkeit aus wie Antennen, die einen Angriffsbefehl an eine Panzerarmee funken. Es war Steele, der das Mädchen stoppte, indem er den Arm leicht hob. Seine Bewegung war kaum wahrnehmbar, wirkte aber so, als wäre Lucinda gegen eine Mauer gelaufen. Sie drehte sich um, wollte zur Tür hinaus, blieb aber dann doch am Sideboard stehen, den drei Erwachsenen den Rücken zu gewandt. Ihr Kopf hing nach vorne, nur ihr zu breiter Rücken war zu sehen, über den Schauer liefen.

Melinda betrachtete die Szene mit unverhohlener Befriedigung.

»Jede anatomische Einzelheit, besonders bei der Beschreibung der primären weiblichen Geschlechtsorgane hatte John eine Fähigkeit, die sich im Laufe der Jahre noch steigerte …«

 

Von Lucina erklang ein Quietschen, halb Wutschrei, halb Weinen.

»… tatsächlich zeigte er dieselben rhetorischen Fähigkeiten, die ihn vor Gericht so bekannt machten, auch bei der anatomischen Prosa dieser Art.«

Melinda rückte an den Rand des Sessels und legte Tony ihre Hand auf das Knie. Sie stütz­te sich schwer ab, ihr schlechter Atem traf ihn stoßweise ins Gesicht.

»Wissen Sie, warum ich Ihnen das alles erzähle, Herr Tanner? Nicht weil ich betrunken bin, ich habe nämlich nicht einmal eine halbe Flasche Likör gekippt, davon werde ich nicht betrunken, ich bin nämlich eine seit Jahrzehnten geübte Säuferin mit irreparablem Leberschaden. Auch nicht, weil ich das Bedürfnis nach Verständnis habe. Vergessen Sie es, Sie wären nicht mal mein Typ. Nein, ich erzähle Ihnen das, damit Sie eines ganz klar verste­hen – John Farrow hätte wegen einer Affäre niemals Selbstmord begangen. John Farrow ist ermordet worden und ich danke dem Herrn jeden Tag dafür, dass ich ihn los bin.«

»Unterschreiben! Hier!«

Steeles Finger deutete befehlend auf eine gepunktete Linie. Tony Tanner bekam eine Kugelschreibermine in die Hand gedrückt und krakelte seine Unterschrift auf das holzige Papier. Die Art, wie Packard Limited Mitarbeiter anwarb, unterschied sich nur in Nuancen von der Methode, mit der man früher Besatzungen für Seelenverkäufer anheuerte.

Mit einem Knurren zog Steele den Zettel ein und schlurfte auf den Geländewagen zu, um den sich einige Männer versammelt hatten. Bei jedem Schritt quoll unter seinen Sohlen eine Staubwolke empor. Die Außenbezirke der Olympiastadt Sydney waren nur wenige Autominuten entfernt, dennoch schien die Metropole auf einem anderen Planeten zu liegen. Hier hatte sich das Land wie ein zu lange unterdrücktes, schlechtes Gewissen wieder unter Straßen, Bauten und Parks vorgearbeitet. Es lag da mit leicht rötlichem Staub, mit dürftigen Bäumen und schäbigen Hütten, in denen einige Aborigine-Familien wie Gespenster zwischen Bierdosen und Autowracks hausten. Der Ort schwitzte eine Trostlosigkeit aus, die sich wie ein seelischer Staub auf die Stimmung legte. Tony riss sich aus seiner Trägheit, ging zu einem Baum und lehnte sich an den Stamm. Sein Gepäck hatte er in der Hand – bestehend aus einer Ersatzhose, einer Garnitur Unterwäsche und einem T-Shirt zum Wechseln. Ein Kamm und eine Zahnbürste waren in der Rolle eingewickelt. Selbst der Gedanke, dass sich sein übriges Gepäck in einem guten Hotel in Sydney zur Aufbewahrung befand, konnte Tony nicht trös­ten.

Möglich, dass er in seiner wilden Jugend schon mal den Gedanken begabt hatte, mit sol­chem Minimalgepäck durch die Welt zu trampen. Aber Tony Tanner war sicher, dass er nie­mals im Leben jung genug gewesen sein konnte, um diese Vorstellung von Freiheit und Unabhängigkeit weiter als zwei Schritte über die Türschwelle hinaus zu tragen. Jack Kerouac zu lesen war eine Sache, Jack Kerouac nachzuspielen eine andere und sicherlich nicht die Sache des Tony Tanner. Nein, Tony wurde sich einmal mehr darüber klar, dass er für die Epoche des Orientexpress und der Royal Mail Ships geboren worden war – für Schrankkoffer, Dinerkleidung und Gepäckträger.

Diese profunde Selbsterkenntnis nutzte ihm im Augenblick allerdings herzlich wenig.

 

Nach ihrem Besuch bei Melinda Farrow, die sie mehr oder weniger plötzlich aus dem Haus geworfen hatte, hatten sich Tony und Steele sofort daran gemacht, weitere Informationen zu suchen. Steele war ebenso wenig erfolgreich wie Tony – das heißt, Tony gelang es zumindest herauszufinden, dass Packard Limited über vier Ecken zur GIC gehörte – aber Steele bekam mit, dass Packard Leute suchte.

Zwei Tage nach dem Besuch bei Melinda Farrow hatte das Gericht endgültig zugunsten der Firma entschieden. Sämtliche Kommentatoren waren sich einig, dass der Tod John Farrows diese Entscheidung zumindest beschleunigt hatte, denn die Finten, Verfahrenstricks und Verzögerungstaktiken des Anwalts waren berüchtigt. Da die Verteidigung der Ureinwohner wusste, wie gering ihre Chance war, hatte sie sich auf eine Mischung aus Verfahrenstricks und außergerichtlichem Druck auf die Politik konzentriert. Während Farrow den Prozess am Kochen hielt und mit brillanten Plädoyers die Medien erfreute, sorgten ande­re für Flugblattaktionen, Internetforen und anderes Aufsehen, das der Zentralregierung nicht gefallen konnte. Die Zielrichtung war klar: je länger der Prozess, desto mehr internationaler Rummel, desto größere Chance, dass die Regierung die Sache per Beschluss im Sinne der Aborigines beendete. Der Tod Farrows zerstörte diese Taktik. Sein Nachfolger war schlecht eingearbeitet – Farrow war alles andere als ein Team-Arbeiter – und bot ein jämmerliches Bild.

Es kam Tony wie ein dummer Witz vor – kaum hatten er und Steele herausgefunden, um welches Gebiet es bei diesem Prozess ging, konnte man den Namen in jeder Zeitung lesen. Vor allem Steele hatte sich einen Vorsprung durch die Information erhofft, der nun verloren war.

Ein Mechanismus von Boshaftigkeit schien im Hintergrund zu arbeiten. Der so sorgfältig vorbereitete Besuch bei Melinda Farrow stellte sich mit einem Mal als gänzlich überflüssig heraus – aber die geheime Scham, ein Lügner zu sein, zu welchem Zweck auch immer, nagte an Tonys Stimmung und ebenso die Erinnerung an das überzarte Gesicht mit den vorstehen­den Augen und dem Atem mit dem verräterischen Geruch nach Alkohol, als hätte die Frau ihn ungewollt in ihre intimen Geheimnisse einbezogen. Das alles war so, dass Tony dafür nur das Prädikat schmutzig finden konnte und wenn schmutzige Dinge nicht einmal einen Gewinn bringen, dann stimmt wahrhaftig einiges nicht mehr.

Jetzt wollte Packard Limited so schnell wie möglich Tatsachen schaffen. Darum wurden in aller Eile Leute angeworben. Nach solchen Feinheiten wie Qualifikationen wurde nicht gefragt, ob die Bewerber überhaupt eine Arbeitserlaubnis hatten, war nicht von Belang, Ausweispapiere tauchten nicht auf.

Entsprechend war die Gesellschaft, die sich um den Wagen versammelt hatte. Bevor Francine ihm seine sozialen Vorurteile ausgetrieben hatte, wären diese Männer von Tony als Abschaum bezeichnet worden. Und er war ab jetzt für vier Monate einer von ihnen.

»Na los doch, was ist?«, brüllte plötzlich eine Stimme vom Wagen her. Alle Augen rich­teten sich auf Tony. »Mach, dass du in die Gänge kommst, fürs Rumsitzen wirst du nicht bezahlt.«

Sein Gepäck unter den Arm geklemmt, machte sich Tony auf den Weg zum Wagen. Er versuchte, einen Kompromiss zwischen allzu provozierender Lässigkeit und allzu unterwür­figer Eile zu finden. Der Kerl, der ihn angebrüllt hatte, war ein breitschultriger Zwanzigjähriger mit kurzem, blondiertem Haar. Er war nicht größer als die anderen Männer, die jetzt auf die Ladefläche des Geländewagens stiegen, er hatte keine breiteren Schultern und keine dickeren Arme. Aber im Gegensatz zu allen anderen war seine Körpermasse nicht ledig­lich das Ergebnis unzähliger Bierbesäufnisse in gekachelten Bars, sondern es steckte wirkli­che Bullenkraft darin. Tony war sicher, dass er diesen Kerl nicht mochte. Er war sich eben­falls sicher, dass der Mann gefährlich war. Er kletterte auf die Ladefläche. Man hätte ihm kei­nen Platz gemacht, denn er kam als Letzter und er hatte sich schon als unterstes Glied der Hackordnung etabliert. Dank Steele, seinen Ellbogen und deren Einsatz nach links und rechts bekam Tony dann doch einen recht akzeptablen Platz. Er lehnte sich mit dem Rücken gegen das Fahrerhaus. Die Narben an seiner Schulter begannen plötzlich wieder zu schmerzen.

In Verlauf seines Lebens hatte Tony Tanner berufsbedingt sehr oft sehr weite Strecken zurückgelegt. Irgendwann einmal hatte er sich ausgerechnet, dass die Summe seiner Flugkilometer für mehrere Erdumrundungen oder die Strecke Erde – Mond oder für irgendei­ne derartige Spielerei reichte. Aber er musste warten, bis sich sein Hinterteil auf der Ladefläche eines geländegängigen Pick-ups in eine Form von rohem Beef verwandelte, um wirklich zu erfahren, was die Begriffe Strecke und Entfernung bedeuten konnten.

Jetzt spürte er es mit jedem Schlagloch, der den Wagen erschütterte, mit jeder Bodenwelle, die ihn stauchte oder für einen Moment abheben ließ. Die Fahrt nahm den Aspekt einer folternden Langeweile an. Sie bestand nur aus wenigen kurzen Szenen, die sich in endloser Folge wiederholten – dem Springen des Wagens, dem Rumpeln, dem Aufheulen des Motors, dem Krachen der Schaltung, dem Quietschen der Federung, der langen Staubfahne, den stumm dösenden Männern, deren hängende Köpfe jede Bewegung des Wagens mit einer eigenen trägen Bewegung beantworteten. Kein Wort wurde gesprochen, die Verständigung erfolgte mit Gesten, die von einem Knurren unterlegt waren. Jeder Neandertaler hätte die Gesellschaft für unerträglich dröge gehalten.

Die einzige Unterbrechung bildete für Tony das Auftauchen einiger Kängurus. Die Tiere sprangen eine Weile neben dem Wagen und verschwanden wieder in dem Gebüsch, aus dem sie auch gekommen waren.

Fortsetzung folgt …