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Elmsfeuer

Die Nachricht von Großvaters Tod erreichte mich am Abend des 12. Juni. Mit wehendem Mantel und ungeschnürten Schuhen eilte ich die Stufen seines Hauses hinauf, wo mich der Arzt bereits am Eingang erwartete. Er sei friedlich entschlafen, hieß es; beinahe erleichtert habe er gewirkt. Ob er denn krank gewesen sei, wollte ich wissen; der Arzt verneinte – ein wenig zögerlich, wie mir schien. Er sprach mir sein Beileid aus, wischte sich mit einem hellblauen Tüchlein über die Stirn und fuhr, nach erneutem Zögern, fort.

»Wissen Sie, mein Vater war ebenfalls ein hervorragender Seemann, bis sein Schiff bei Kap Horn in einen Sturm geriet. Er und etliche Männer mussten ertrinken. Ihr Großvater, nun ja … ich hoffe, dass sein schuldgeplagter Geist endlich zur Ruhe kommen konnte.«

Ich bedauerte seinen Verlust, hatte aber gegenwärtig mit meinem eigenen Schmerz zu kämpfen, sodass mich seine Worte nicht erreichten. Anschließend führte er mich in das Schlafzimmer mit dem angrenzenden Studierzimmer hinauf, das durchwölkt war vom Geruch weicher Ledersitze und polierter Teakholzmöbel. Gemeinsam betraten wir den mit nur wenigen Kerzen erleuchteten Raum, was dem Ganzen eine andachtsvolle Stimmung verlieh. Ich weiß noch, dass von Westen her ein Gewitter aufzog und hinter den hohen Fenstern ein stummes Wetterleuchten flackerte. Unversehens zuckte ein Blitz auf und das grellweiße Licht erfüllte jeden Winkel des Zimmers. Mein Herz setzte einen Schlag aus, als ich meinte, neben Großvaters Bett eine Gestalt stehen zu sehen; aber es war nur eine Stehlampe, über deren Schirm ein Tuch gelegt worden war. Während ich die Vorhänge zuzog, bat ich darum, einen kurzen Moment mit meinem Großvater allein zu sein.

Mit tränenverschleiertem Blick sah ich auf das vertraute Gesicht hinab. Man hatte sein krauses Haar gewaschen, das zeit seines Lebens nicht von seinem Kopf fallen wollte, aber die rätselhafte Erkrankung hatte ihn noch schneller altern lassen als das Leben auf See. Die Hälfte seines Lebens hatte er auf seinem Schiff verbracht, seine Erzählungen von Klabautermännern und Seeungeheuern hatten einst meine kindliche Fantasie beflügelt, und obwohl die Geschichten im Verlauf der Jahre ihren Reiz verloren – an ihren Zauber erinnere ich mich noch heute.

Um meinem Kummer weiter Nahrung zu geben, ging ich in seinem Studierzimmer umher und betrachtete all die herrlichen Schätze, die er auf seinen Fahrten zusammengetragen hatte: sepiabraune Stiche von Segelschiffen und Seekarten, glänzende Münzen und Ehrenabzeichen in prunkvollen Rahmen; auf einem Podest ein altertümlicher Sextant aus Messing. Mit einem Kompass in der Hand wandte ich mich ihm wieder zu, als mir das Blut in den Adern gerann – Großvater hatte die Augen aufgeschlagen und sah mich an.

Mit einem dumpfen Laut fiel der Kompass zu Boden und ich stolperte in die Mitte des Zimmers, entsetzt über den unerwarteten Anblick, der sich mir bot. Ich wollte bereits nach Hilfe rufen, als Großvater den Mund zu einem Lächeln verzog; doch in seinen Augen entdeckte ich den Ausdruck tiefen Bedauerns.

»Verzeih mir, ich wollte dich nicht erschrecken. Hat dir der Quacksalber erzählt, dass ich bereits tot bin? Ich gab mein Leben in die Hand dieses Mannes, habe ihm die tiefsten Geheimnisse meiner Seele offenbart, aber er bringt mir nur Verachtung entgegen, weiß der Himmel, warum. Seit er mich behandelt, fühle ich mich krank und kränker – aber ich darf mich nicht beklagen, das Leben hat es viel zu gut mit mir gemeint. Bevor es mich verlässt, sollst du erfahren, was ich all die Jahre tief in meinem Herzen verborgen hielt, in der Hoffnung, der Fluch möge mich verschonen.«

Verwirrt ließ ich mich auf einen Stuhl fallen, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Zeit seines Lebens war Großvater ein zäher Mann gewesen, viele Male hatte er Krankheit und Tod getrotzt. Und was sollte das Gerede von Geheimnissen und Flüchen? Auch seine Augen, die einst fest auf den Horizont gerichtet waren, huschten umher, als suchten sie jemanden.

Wie erschöpft er aussieht, dachte ich, als habe er nächtelang nicht geschlafen und ängstlich nach dem Schnitter Ausschau gehalten, der in den Schatten auf seine Stunde hofft. Lächelnd legte ich meine Hand auf seine – sie fühlte sich warm und tröstlich an. Und meine Bestürzung wandelte sich in Wut; wie konnte der Arzt sich nur derart geirrt haben! Ich spürte, wie sich Großvaters Hand in meine krallte, und sein unruhiger Blick suchte den meinen, als er erneut zu sprechen begann:

»Heute will ich die Wahrheit erzählen, obwohl es heißt, die Lüge fände selbst auf den Lippen eines Sterbenden Platz. Ich habe das Leben unzähliger Menschen auf dem Gewissen. Das war am 12. Juni vor genau sechzig Jahren.

Als junger Kapitän fuhr ich auf einer stolzen Brigantine, gebaut in der Werft von Aberdeen. Meine erste Fahrt führte mich mit einer Ladung Weizen nach Südamerika. Anfangs verlief die Reise ohne Zwischenfall, aber kurz vor Kap Horn gerieten wir in schlechtes Wetter. Das Barometer fiel und fiel und als der Wind weiter auffrischte, ließ ich die Segel reffen. Jeder Seefahrer weiß, wie unfassbar hässlich das Meer bei einem Sturm sein kann. Grau und alt fährt es seine Krallen aus und droht, dich und deine Kameraden zu verschlingen. Das Schiff war bereits stark beschädigt, als wir schließlich in die Vierziger Breiten trieben, dem entsetzlichsten Gebiet, das sich ein Seemann nur vorstellen kann …«

Ein Hustenanfall unterbrach seine Erzählung, was mir Gelegenheit gab, uns beiden aus einer Karaffe, die auf dem Nachtschränkchen bereitstand, ein Glas Wasser einzuschenken. Ich nahm einen Schluck – es schmeckte leicht abgestanden – und bot ihm davon an, doch er redete weiter, als sei ich nicht mehr Teil seiner Welt. Auch deshalb war ich mir nicht sicher, ob ich seine Geschichte hören wollte. Damals hätte sie mich verzaubert, jetzt aber ängstigte sie mich. Denn Großvater sprach mit einer Ernsthaftigkeit, die mir einen Schauer über den Rücken jagte.

»Das Ruder war stark beschädigt und wir hatten alle Hände voll zu tun, um nicht den Fockmast zu verlieren. Ich ließ beidrehen und dann sahen wir es: Ein Frachtschiff kämpfte sich durch das tosende Meer, mit Schlagseite nach Lee. Die Mannschaft saß bereits in den Booten, die in der aufgebrachten See umschlugen wie leere Nussschalen. Gleichzeitig drehte der Wind nach Backbord und unser Mast knarrte wie ein baufälliges Gerüst. Wir verloren den größten Teil der Segel und das Ruder brach, was also sollte ich tun?«

Großvater sah mich mit fiebrigen Augen an.

»Was«, flüsterte er, »hätte ich tun sollen? Noch Tage später hallten die Schreie der Unglücklichen in meinem Kopf wider, die Schuld, ihnen nicht geholfen zu haben, brannte sich in mein Hirn wie glühendes Eisen. Und ich feiger Hund beschwor das eisenschwarze Meer: Sollte mir jemals dasselbe Schicksal wiederfahren wie diesen armen Teufeln des Frachtseglers, so gäbe ich meine Seele dafür her, gerettet zu werden. Hätte ich damals nur gewusst, welch finstere Mächte ich aus den Tiefen des Meeres heraufbeschwor!

Jahre später fuhr ich erneut durch die Vierziger Breiten. In dieser Nacht war das Meer schwarz wie frischer Teer und man konnte das aufkommende Gewitter riechen. Ich blickte nach oben und sah an der Spitze des Hauptmastes ein wunderschönes Elmsfeuer flackern, hell und mit eisblauer Flamme. Gebannt starrte ich auf die herrliche Erscheinung, die Luft vibrierte förmlich und meine Haare zog es sacht nach oben. Ich wusste, dass ich mich vor dem aufkommenden Unwetter in Acht nehmen musste, aber ich konnte und wollte mich nicht rühren, war nur noch von dem Wunsch erfüllt, es zu berühren. Das Licht kroch den Mast hinab und in meine hohle Hand hinein; meine Fingerspitzen leuchteten, als ich es schützend umschloss. Die Flamme fühlte sich kühl an wie Gletschereis, ich spürte weder Furcht noch Schmerz und es kam mir vor, als stünde die Zeit still. Unterdessen zogen Gewitterwolken über unsere Köpfe hinweg wie eine Heerschar schwarzer Höllengeister. Während meine Männer versuchten, das Schiff zu retten, floss das Lichtbüschel weiter meinen Arm hinauf und bedeckte meinen Körper mit einer flirrenden Haut. Dann brach das Inferno los, ein gewaltiges Krachen ertönte und Blitze fuhren vernichtend in die Masten. Gellende Schreie und beißender Feuerrauch wehten über die See, und noch immer konnte ich mich nicht rühren. Die Flammen schlugen in den Himmel hinauf, doch das Licht schützte mich, während um mich herum das Schiff auseinanderbrach und meine Kameraden einen entsetzlichen Tod starben. Und wie ich so dastand und mich nicht bewegen konnte, hörte ich inmitten des Tosens eine engelsgleiche Stimme zu mir sprechen. Sie sagte, dass ich sie einst gerufen hätte in der Stunde größter Seelenqual. Ihr Versprechen sei nun erfüllt und ich gerettet, doch käme sie mich holen am Tage meines Todes. Lieber Herr, lass sie nicht kommen, sei meiner Seele gnädig …«

Großvater verstummte und schloss die Augen. Seine Worte hingen im Raum wie ein mahnendes Aufgebot entseelter Matrosen und ich fühlte mich seltsam erschöpft, als hätte ich nächtelang geweint. Inzwischen hatte uns das Unwetter erreicht, und mit einem ohrenbetäubenden Donnerschlag entlud sich die Naturgewalt über dem Haus.

Im Salon schlug die Pendeluhr Mitternacht. Unwillkürlich hielt ich den Atem an und wartete. Aber worauf? Ich spürte eine unerträgliche Spannung, die den dämmerigen Raum gänzlich auszufüllen schien, und mein Blick wanderte umher; streifte die unzähligen Bilder an den Wänden, die schön geschnitzten Möbel und die Kerzenflammen, die sich im Messing des Sextanten spiegelten. Aus dem Augenwinkel meinte ich einen flüchtigen Lichtschein auszumachen, langsam wandte ich den Kopf und tatsächlich – auf einem der Bettpfosten leuchtete eine weißblaue Flamme!

Mit starrem Entsetzen musste ich mit ansehen, wie sie plötzlich zum Leben erwachte, über die Bettdecke kroch und auf Großvaters Gesicht zuhielt. Das flüssig gewordene Licht kroch in seine Nase und Großvater rang schwer nach Atem. Sein Körper bäumte sich auf im Todeskampf, beschützend warf ich mich über ihn, als die Flamme jäh seinen Körper verließ und in die Mitte des Raumes glitt. Ihr bläuliches Licht ließ riesige Schatten über die Wände tanzen und mit Befremden sah ich, wie das Leuchten immer weiter Gestalt annahm. Zuerst klein und formlos geriet sie mehr und mehr zu einer herrlichen Erscheinung, deren Anblick mich mit vager Freude erfüllte. All das Entsetzen wich großer Dankbarkeit, endlich durfte Großvater an einen friedlichen Ort gehen, begleitet von diesem wunderbaren Wesen! Oh, wie ich mich irrte!

Denn mein zerrütteter Verstand ließ mich nur das glauben, was meine Augen zu sehen meinten …

Denn als ich erneut aufblickte, schwebte dort kein Engel, sondern eine furchterregende Frauengestalt mit todbleichem Angesicht und stieren Augen. Statt der Haare trug sie öligen Tang auf dem Haupt und am Leib ein zerrissenes Samtkleid, triefend vor Nässe und schleimigem Algengeschlinge. Nie in meinem Leben hatte ich etwas derart Scheußliches gesehen, hatte ich mich geängstigt wie in diesem Augenblick! Wie zu einem stummen Schrei riss sie den entsetzlichen Mund auf, aus dem sich ein kalter Wasserschwall über mich ergoss; der löschte die Kerzen und stieg und stieg und ich rang nach Atem und drohte, in diesem bitterkalten Fluch zu ertrinken!

Schwach meinte ich die Stimme des Arztes zu hören, aber als ich nach ihm rufen wollte, drang ein salziger Schwall in meine Lunge. Mit aller Kraft wehrte ich mich gegen das Ertrinken – aber warum schien es mir, als sei der übrige Raum von den Wassermassen verschont geblieben? Meine Finger krallten sich in den Zipfel des Bettlakens, das gänzlich trocken war, meine Kleider, meine Haut, alles blieb von den Wassermassen unberührt, und dennoch rang ich wild nach Atem und sank zu Boden.

Noch während mir die Sinne einen grässlichen Streich spielten, fiel mein Blick auf das Wasserglas, das unter Großvaters Bett gerollt war. Wie durch einen Schleier sah ich eine fremde Hand das Gefäß aufnehmen und es mit einem hellblauen Tuch abwischen. Dabei drangen Stimmen wie aus einer fernen Welt in mein Ohr, ich hörte Großvater um Gnade rufen und das höhnische Gelächter einer anderen Person. War ich doch von meinem Naturell her eher furchtlos, fand ich mich nun in einer Welt aus Schrecken wieder. War diese totenbleiche Frauengestalt nicht Großvaters Heimsuchung gewesen, und ihr Fluch, der sich auf so grässliche Weise über uns ergoss, keine Wirklichkeit? Welch finstere Mächte hatte man hier aus dem Schattenreich entlassen – oder war dies nur ein bitterböses Spiel der Rache?

Ich muss ohnmächtig geworden sein, denn als ich erwachte, kniete der Arzt neben mir und fragte, was geschehen sei. Das Wasser und die Kreatur waren verschwunden, die Kerzen brannten und Großvater lag da wie zuvor. Als man mich aus dem Zimmer trug, fiel mein Blick ein letztes Mal auf seinen reglosen Körper unter dem Laken. Und ich schwöre bei allem, was mir heilig ist, dass ich Wasser aus dem Tuch tropfen sah! Doch der Arzt tat meine Bemerkung mit scharfen Worten ab; ich sei überreizt, genauso wie mein Großvater, bevor er starb, am Abend des 12. Juni.

Copyright © 2012 by Julia Vogel

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