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Tony Tanner – Agent der Weißen Väter 6.18

Wo die Erde blutet – Teil 18

Der Conte di Saloviva erwartete geduldig den Schmerz. Im Grunde war die körperliche Folter nichts gegen die seelischen Qualen, die ihm die letzten Stunden bereitet hatten. Ein Blick in den Abgrund des Verrates, die Erkenntnis, dass er selbst hilfloser Zeuge bei der Geburt des Bösen sein musste, hatten den Conte auf eine Art belastet, die die meisten ande­ren Männer zerbrochen hätte.

Der Conte hingegen vermochte es immer wieder, sich in ein kleines Reservat in seinem Inneren zu retten, von dem er sich inzwischen selbst wunderte, dass es noch existierte und ihm sogar neue Kraft geben konnte. Er hob die Augen und begegnete dem klebrig-lauernden Blick Panpopidis.

Der Bärtige spürte, dass sein Opfer ihm immer noch seelischen Widerstand entgegensetz­te und knirschte mit den Zähnen.

Dann griff er brutal nach dem schwachen Arm des Conte, riss den Ärmel zur Seite und quetschte die Haut des alten Mannes zwischen Daumen und Zeigefinger. Seine andere Hand packte die Nadel fester.

»Ein kleiner Vorgeschmack, verehrter Conte im Arsch«, krächzte er.

Ein Schrei ertönte. Panpopidis’ haariger Kopf fuhr zur Seite.

***

»Ein Kabel«, beschied Dorkas und sperrte den Mund auf, während sich sein Nacken zu mehreren speckigen Lagen übereinander faltete.

»Vielleicht wohnt da oben ja einer«, antwortete Tony Tanner sarkastisch und betrachtete, wie alle anderen, mit zurückgelegtem Kopf die Wurzel, die als dicker Strang von der Decke hing. Der Hauptstrang lief in zahlreiche Verästelungen aus, kleine Wurzeln umschlossen immer noch Erdklumpen, als wollten sie diese Rechtfertigung ihrer Existenz nicht so einfach fahren lassen.

Das Licht der Taschenlampe begann schon merklich zu schwinden, trotzdem reichte es noch, um die Umgebung auszuleuchten. Direkt vor ihnen lag ein Haufen aus Erde und Felsbrocken.

Vermutlich hatte die Pflanze, die über ihren Köpfen wuchs, mit der dicken Wurzel das Erdreich soweit gelockert, dass eine große Scholle in den Gang gestürzt war. Ihre Hoffnung, irgendwo eine Treppe oder einen Ausgang zu finden, erfüllte sich nicht. Hinter dem Erdhaufen endete der Gang.

Das Licht flackerte.

»Los, helfen Sie mir, ich muss auf Ihre Schultern steigen«, sagte Tony plötzlich. Dorkas starrte ihn entgeistert an.

»Ich soll doch nicht … kein Pfadfinder …«

»Machen Sie schon«, mischte sich jetzt Steele ein. »Er hat recht, das ist eine Chance, und wenn wir sie nicht nutzen, stehen wir gleich im Dunkeln, ohne es überhaupt versucht zu haben.«

»Wir müssen zurück«, murmelte Dorkas. Er versuchte einen Rückzug, aber Little hing an ihm wie ein Bremsgewicht und so blieb Dorkas nach zwei Schritten resigniert stehen.

»Die hohe Kunst der Pfadfinderei gehörte bisher nicht zu meinen Lebenserfahrungen«, bemühte er sich um Haltung.

Er ließ Little los, der auf der Stelle zusammensank, und platzierte sich direkt unter die Wurzel. Zwischen seiner ausgestreckten Hand und dem Pflanzenteil war kein großer Abstand, Tony schätze ihn auf anderthalb Meter.

Er warf einen Blick zu Steele.

»Vielleicht sollten Sie den Versuch machen?«, schlug Tony zögernd vor.

Statt einer Antwort zeigte Steele seine Unterarme, die voller Schrammen und blauer Flecken waren.

»Ich fürchte, jetzt sind Sie an der Reihe«, antwortete er.

Was jetzt kam, erinnerte in übler Weise an Selbsterfahrungsseminare für Manager.

Dorkas bewies, dass seine Abwesenheit von allen Aktivitäten der Pfadfinderschaft sehr zum Wohl der letzteren war.

Nach mehreren Versuchen schaffte er es tatsächlich, so etwas wie eine Indianerleiter aus seinen gefalteten Händen zu bilden. Als Tony seinen Fuß hineinsetzte, erntete er einen bösen Blick und musste erklären, dass hierin der Sinn des Ganzen lag, auch wenn dadurch die Regeln des bürgerlichen Umgangs verletzt wurden.

Anstelle einer Antwort presste Dorkas die Lippen aufeinander und glubschte auf den Fuß, der so völlig nutzlos in seinen Händen lag.

»Achtung, ich komme.«

Vergebliche Warnung. Als sich Tony mit einem Satz hochschwang, wich Dorkas mit einem Schnaufen zurück. Tony erwischte gerade noch den Nacken des anderen, um sich fest­zuhalten, dann hüpfte er einbeinig und ziemlich unelegant hinter dem zurücktaumelnden Dorkas her, dessen Retirade an dem Erdhaufen endete, wo beide aufeinanderflatschten wie vom Schicksal füreinander bestimmte Sandwichscheiben.

»Sie haben mich in den Bauch getreten«, beschwerte sich Dorkas, als er sich wieder auf­gerappelt hatte. Dann begann er mit panischen Blicken nach dem Paket zu suchen, das er abge­legt hatte. Zu seiner Beruhigung hielt Lucille es in sehr herziger Manier vor die Brust gepresst.

»Ich brauche doch etwas Schwung, um überhaupt in die Höhe zu kommen«, entschuldig­te sich Tony.

Inzwischen hielt er selbst seinen Vorschlag für ziemlich daneben und war gerne bereit, auf einen zweiten Versuch zu verzichten. Nachdem er sich dies gesagt hatte, kam ihm wieder ihre Situation zu vollem Bewusstsein. Tony rappelte sich auf.

Der Sturz war zwar durch den menschlichen Airbag Dorkas gut abgefedert worden, den­noch taten ihm alle Knochen weh und er wusste wovon. Noch einen Versuch, dann würde ihn der Schmerz lähmen. Nicht auf die heroische Weise, sondern auf die miese hinterhältige Tour und er könnte jeden Versuch, an der blöden Wurzel hochzuklettern vergessen.

»Auf geht’s«, sagte Tony und bemühte sich um energischen Ausdruck.

Leise winselnd arbeitete sich Dorkas wieder in die Senkrechte und schlurfte unter die Wurzel. Als er schicksalsergeben wieder die Handflächen zur Trittstufe formte, traf er auf den skeptischen Blick Steeles.

»Diese Position hat etwas durchaus Entwürdigendes«, klagte Dorkas einige Minuten spä­ter. Er hatte völlig recht.

Die Hände auf die Knie gestemmt, beugte Dorkas den Oberkörper vor und streckte den voluminösen Hintern heraus.

Links und rechts wurde er von Lucille und Steele gestützt, während Tony mit einem herz­haften Schritt das bisher unerforschte Gebiet des Dorkas’schen Südpols betrat und sich vor­sichtig balancierend erhob. Lucille reichte ihm die Hand und half ihm, sich aufzurichten.

Ihre dunklen Augen schauten ihn ernst an, nicht aufmunternd, nicht prüfend, sondern in einer Art, die Tony nicht deuten konnte oder wollte.

Er grinste zu ihr hinunter und sagte: »Wird schon klappen!«

Tatsächlich wurde ihm sofort klar, dass gar nichts klappte. Er bekam die Wurzel zu fas­sen, aber wenn er die Finger fester darum schloss, zog er die äußere trockene Haut ab und darunter war eine feuchte Schicht, die glatt war wie mit Schmierseife eingerieben.

Wütend machte Tony einen zweiten Versuch. Auch hier schälte sich unter seinem Zugriff die Außenhaut ab und seine Hand fand keinen Halt.

Aber etwas weiter oben war eine abzweigende Wurzel …

Bevor er sich über den eigenen Entschluss richtig klar geworden war, ging Tony leicht in die Knie und stieß sich ab. Unter ihm fiel Dorkas mit einem hellen Aufschrei zur Seite und riss Steele mit.

Noch bevor er zugriff, sagte sich Tony, dass er Dorkas das Rückgrat zerschlagen könnte, wenn er jetzt abstürzte. Seine Finger krallten sich um die Nebenwurzel. Das Holz knackte, ein Riss bildete sich, aber sie hielt.

Mit der anderen Hand bekam Tony eine ähnliche Wurzel zu packen und musste erst ein­mal verschnaufen.

Der Versuch, sich an den Armen hochzuziehen, scheiterte. Er schien Bleigewichte um die Hüfte zu tragen und außerdem gab es in seinem linken Gelenk einen Punkt, der sofort bren­nend schmerzte, wenn Tony den Arm über eine bestimmte Position hinausbewegte.

Er strampelte mit den Beinen, kam ins Schwingen und nutzte den Schwung, um mit dem anderen Arm höher zu greifen.

Du siehst aus wie ein alterschwacher Orang-Utan, fuhr es ihm durch den Kopf. Wie gut, dass Maddalena ihn nicht so sehen konnte!

Ächzend zog sich Tony nach oben. Erde rieselte ihm entgegen. Er musste die Augen schließen und tastete. Da war etwas Hartes. Als er mit den Fingerspitzen Erde zur Seite geschoben hatte, konnte er eine waagerechte Wurzel umfassen.

Die zweite Hand folgte. Wieder hing Tony schnaufend an beiden Armen. Sein Herz poch­te, aber ihm fehlte jeder Antrieb, um sich zu bewegen. So blieb er wie gelähmt hängen und spürte, wie die Anstrengung in seinen Schultern saß und sie hart wie Holz machte.

Entweder jetzt oder du kannst es vergessen, sagte er sich. Er baumelte ein wenig mit den Beinen und warf sie wie bei einer Reckübung nach oben.

Inzwischen lag die Wurzel soweit frei, dass er einen Fuß darunter schieben konnte. Jetzt hing er zwar ziemlich sicher, aber er konnte sich kaum bewegen.

Diese ganze Aktion war nur eine einzige Folge von Peinlichkeiten. Nichts, aber auch gar nichts funktionierte und nun hing er hier wie ein Affe und wusste gar nicht mehr, was er eigentlich sollte.

Wütend trat Tony mit dem freien Fuß gegen die Decke. Wieder rieselte Erde, einige här­tere Lehmbrocken fielen nach unten.

»Sehr gut, weiter so«, hörte er Steeles Stimme von unten.

So ein Idiot! Er hing ja nicht unter der Decke! Die Wut gab Tony Kraft und so konnte er noch einige Male zutreten. Bei jedem Mal kam mehr Erde aus dem entstandenen Loch, aber bei jedem Mal lockerte sich auch die Wurzel, an der Tony Halt gefunden hatte. Schließlich hielt ihn ein Felsbrocken auf. Tony stöhnte vor Schmerz, als seine Zehen auf den Widerstand trafen. Er ließ das Bein hängen und drehte sich soweit, dass er mit dem Arm in das Loch fah­ren konnte.

Seine Finger tasteten über den Stein, schabten Erde zur Seite, ruckelten und zerrten.

Tony hatte das Gefühl, dass ihm jeden Moment die Adern an seinen Schläfen platzen wür­den. Blut prickelte heiß hinter seiner Stirn, Schweiß brannte in seinen Augen.

Der Felsbrocken schien sich zu bewegen. Er glitt etwas tiefer, setzte sich dann wie ein bequemes Dickerchen in den vorbereiteten Sitz.

Tony hörte sich ächzen, während er an dem Stein ruckelte und dabei selbst ins Schwingen kam. Aber der Stein bewegte sich! Er rutschte unmerklich tiefer, dann spürte Tony plötzlich das Gewicht auf seiner Hand und dann stürzte der Brocken nach unten und schleuderte Tonys Hand zur Seite.

Staub und Erde nahmen ihm die Sicht. Aber Tony spürte etwas auf der Hand, als er jetzt wieder nach dem Loch tastete. Es war die Wärme eines Sonnenstrahls.

Jetzt musste sich Tony nur noch, die Beine voran, durch das Loch schieben. Laub, Zweige und starke Äste drängten sich ihm in den Weg.

Als er es geschafft hatte, erkannte er sofort den Busch, unter dem er lag. Er befand sich auf der großen Rasenfläche vor dem Gebäude. Und die beiden Hubschrauber standen keinen Steinwurf von ihm entfernt. Der Anblick jagte ihm Schrecken ein. Er machte sich klein und schob sich soweit vorwärts, dass er die Hubschrauber im Blick hatte. Die beiden Piloten saßen in der Kanzel und schienen mit ihren Instrumenten beschäftigt. Sie erweckten nicht den Eindruck besonderer Wachsamkeit.

»Was ist da oben, was sehen Sie?«, kam dumpf die Stimme Steeles aus dem Gang. Tony kroch zurück, schob den Kopf durch das Loch und schilderte die Situation.

»Ich muss hoch«, antwortete Steele darauf.

»Wollen Sie fliegen? Oder soll ich nach einer Leiter fragen?«

»Leiter ist gut. Knoten Sie Ihre Hose und das Jackett zusammen und lassen es herunter!«

Tony quiekte fast vor Empörung, vor allem weil er zugeben musste, dass dies die nahelie­gende Methode war. Er stand kurz davor, sich mit Steele einen Disput über die Reißfestigkeit bester italienischer Sommerhosen zu liefern, verzichtete aber doch darauf. Für so was war Steele nicht der richtige Gesprächspartner.

Methode hin, Methode her, es war schlicht entwürdigend. Dorkas hatte dieses Attribut für seine Aktion in Anspruch genommen. Tony Tanner fand es jetzt nur für ihn passend, als er sich bemühte, seine Hose auszuziehen, ohne dabei den Busch in auffallende Bewegung zu versetzen. Seine Finger waren zerschunden und er musste die Zähne zu Hilfe nehmen, um den Stoff zu einem festen Knoten zu binden.

Schließlich wickelte er die improvisierte Kletterhilfe an der einen Seite um den Stamm der Pflanze und ließ das andere Ende herab. Noch einiger Zeit konnte er das Schnaufen von Steele hören, er streckte die Hand in das Loch und hatte das Gefühl, ein Pitbull hätte zuge­schnappt, so klammerten Steeles Finger.

Tonys erste Aktion bestand darin, sich wieder seiner Beinkleider zu bemächtigen. Sie hat­ten Fasson verloren, aber wirkten dennoch wie eine wohl tuende Versicherung der eigenen moralischen Integrität. Es bedurfte der Geschicklichkeit eines Schlangenmenschen, um sich den Stoff überzuziehen, und Tony schaufelte Erde in den Hosenbund, aber als er den Knopf verschloss, hatte er das Gefühl eines persönlichen Sieges.

»Wir müssen einen Hubschrauber in die Hand bekommen«, flüsterte Steele an seinem Ohr. Sie lagen nun Seite an Seite unter dem Busch und schauten über den Rasen.

»Warum um alles in der Welt müssen wir einen Hubschrauber in die Hand bekommen?«

»Weil wir die Schweine damit nervös machen. Sie brauchen beide Chopper für den Rückzug. Sie werden also glauben, dass der Rückzug in vollem Gange ist. Und wenn nicht, kann ich irgendwo Hilfe holen. Oder wollen Sie fliegen?«

»Kann ich doch nicht!«

»Eben!«

Nach dieser recht trocken geratenen Antwort schob sich Steele ein Stück weiter vor. Deutlich konnte er die Schatten der beiden Piloten hinter den spiegelnden Frontscheiben aus­machen. Die beiden Männer wirkten seltsam abwesend, eingesponnen in ihre eigene Welt von Knöpfen und Schaltern.

Ein Anlasser rasselte, dann erklang das erste Sirren einer Turbine. Sie machten sich start­bereit.

»Die wollen abhauen«, stellte Tony Tanner neben ihm fest.

Steele mochte den Klang von Beruhigung in der Stimme seines Nebenmannes nicht. Ja, sie wollten verschwinden, aber es war nicht Steeles Manier, ihnen das zu erlauben. Natürlich hätte er sich hier klein machen können und darauf hoffen, dass er nicht entdeckt wurde und sich dann, wenn die Angreifer weg waren, ums Saubermachen kümmern. Aber als Steele das kleine Loch gesehen hatte, durch das Sonnenlicht fiel, waren seine Lebensgeister trotz aller Schmerzen zurückgekehrt. Die Aussicht, nun selbst wieder anzugreifen, wirkte auf ihn wie ein Dopingmittel.

So sollten sie nicht davonkommen!

»Ich schnappe mir den ersten Hubschrauber. Sie lenken die Piloten ab!«, befahl Steele.

Tony brachte nur ein verblüfftes Uff heraus, bevor er zum Protest ansetzen konnte.

»Soll ich vielleicht bei denen an die Tür klopfen?«, sagte er.

»Es reicht, wenn Sie quer über den Rasen bis zum nächsten Busch rennen …«

»Ich kann nicht mehr rennen …«

»Dann schreiten Sie majestätisch daher!«

»Toll und dann entdecken mich die Bewaffneten und holen mich unter dem Busch wieder hervor. Toller Plan«, sprudelte Tony bockig hervor. Er wollte es nicht, nein, er wollte es ein­fach nicht!

»Wenn ich den einen Hubschrauber starte, werden die sich nur noch um ihren Freiflugplatz kümmern, verlassen Sie sich drauf. Außerdem habe ich dann eine Revolverkanone zur Verfügung. Das beeindruckt.«

Tony hörte das Los jetzt Steeles hinter sich und rannte los. Das heißt, er kroch unter dem Busch hervor und wetzte ohne größere stilistische Ansprüche an seine Fortbewegung auf den nächsten Stein zu, an den sich ein großer Busch schmiegte.

Während er lief, spürte er, wie sich die Erde durch seine Hose arbeitete und seine ver­schwitzte Haut mit einer Schicht überzog. Aus den Augenwinkeln sah er die Hubschrauber. Er konnte die Reaktion der Piloten nicht erkennen. Aber von der anderen Seite hörte er Rufe, und als er den Kopf dorthin drehte, waren da Söldner auf der Terrasse, und sie hoben ihre Gewehre an die Schulter.

***

Es war der Schrei eines Triumphes. Metallisch, röhrend, unirdisch, getrieben von einer Kraft, die in dieser Welt keinen Platz gefunden hatte, brachte er die Luft zum Erzittern. Wände, Decke begannen zu vibrieren, ein dünner Staubfaden rieselte aus einer Fuge.

Der Klang kam von einer der wirbelnden Säulen. Ein Horn drängte sich durch die glasi­ge Hülle, bohrte sich in die Luft und stieß sie, als wäre dies die erste Übung des kommen­den Herrschers.

Dann erklang ein weiterer Schrei. Der schrille Schrei aus einer menschlichen Kehle. Einer der Diener taumelte in den Kreis.

Dort, wo sein Arm sein sollte, war eine klaffende Schulterwunde, aus der das Blut in wei­ten Stößen spritzte. Der Mann legte den Kopf in den Nacken und kreischte. Dann stolperte er, seine Knie gaben nach und er stürzte zu Boden. Mit zuckenden Beinen blieb er liegen. Unter seiner Schulter quoll Blut und bildete eine Lache.

Panpopidis schnaubte vor Überraschung und fuhr hoch.

Im nächsten Augenblick sah er Meister Ki, der einen der Kerzenständer hob und als Waffe wirbelte. Nur durch einen blitzschnellen Sprung nach hinten konnte sich der Bote retten. Der Japaner wischte die anderen Kerzenständer zu Boden, kratzte mit dem nackten Fuß über den gezeichneten Kreis und zerstörte ihn an einer Stelle. Die Säulen verschwanden. Als wären sie weggewischt. Alle, bis auf eine. Die dreizehnte Säule blieb stehen.

Eigentlich war sie keine Säule mehr, nicht mehr der schwirrende Wirbel, den die Beschwörungen herbeigerufen hatten. Sie wirkte nur noch wie eine matte Hülle um eine hünenhafte Gestalt, die sich unter der milchigen Schicht streckte und reckte. Zwei mächtige Hörner waren schon durch die Schicht gedrungen, hatten sich sieghaft emporgereckt und zugleich eine stumme Drohung ausgestoßen.

Nun schob sich ein Kopf hervor, ein gewaltiger, kantiger Schädel, wie mit der Axt aus einem Holzblock geschlagen. Aus den Schläfen wuchsen die Hörner.

Von feuerroter Farbe, konnte man zwischen einem schweren Kinn und der Stierstirne so etwas wie ein Gesicht ausmachen. Ein Augenpaar funkelte hellgrün, darunter lag eine breite Nase, unter dieser der schmale lippenlose Mund.

Mit einem kehligen Grollen drehte sich der Kopf, die stechenden Augen suchten. Zwei Falten gruben sich zornig zwischen die Augen, und schwarze Adern begannen zu pulsieren. Eine Schulter wurde sichtbar, wollte sich durch die Umhüllung drängen.

»Töte ihn, Machtvoller«, schrie der Bote und deutete mit beiden Zeigefingern auf Meister Ki. »Zeige dich in ganzer Fülle und vernichte den Verräter, zertrete das Gewürm, das sich auf dem Weg deines Sieg krümmt!«

Die tief dröhnende Stimme des Boten und das Brüllen des Gehörnten wurden durch einen hel­len Kampfschrei zerschnitten.

Meister Ki ging ohne Zögern zum Angriff über. Der schwere Kerzenständer war fast so groß wie der Japaner selbst, dennoch schwang er in mit der Leichtigkeit, mit der man eine Weidenrute durch die Luft peitschen lässt. Die Kerzenflammen flackerten und fauchten, erlo­schen und zogen dünne Rauchspuren, die den Weg des Schlages beschrieben.

Meister Ki legte alle Kraft und alles Können in diesen Schlag. Ein Leben des Studiums, des Verzichtes und des harten Übens verdichtete sich zu einer Bewegung, die von Rauchfädchen wie mit leichtem Pinselschwung nachgezeichnet wurde.

Das schwere Metall traf den Schädel des Gehörnten. Brüllend, mit zum Zerreißen gespannten Nackenmuskeln, stemmte sich der Hüne gegen die Wucht dieses Angriffes. Ein Horn brach ab, wurde zur Seite geschleudert, prallte auf den Boden, sprang wieder in die Höhe und zerbarst in einer Funkenwolke.

Die Umstehenden spritzten schreiend zur Seite. Wo ein Funke menschliche Haut traf, brannte er ein schwarzes Mal hinein.

»Kain, unser Vater, vernichte den Verräter, Seth, unsere Hoffnung, zerschmettere ihn«, schrie der Bote. Sein machtvolles Organ füllte das Gewölbe. Wie unter Zwang vereinten sich die Stimmen der anderen, die eben noch ein angstvolles oder wütendes Gewirr gewoben hatte, zu einem gemeinsamen, hasserfüllten, von Fanatismus schwingendem Aufschrei.

»Töte ihn, Vater!«

Der Conte riss sich von dem Bild des Hünen los. Um sich sah er aufgerissene Augen, auf­gerissene Münder, aus denen bei jedem Wort der Speichel spritzte, geballte, drohend gehobe­ne Fäuste. Die Gesichter hatte jede Individualität, ja jeden menschlichen Zug verloren und waren nur noch Werkzeuge, Besessene in den Händen einer finsteren Macht.

Irgendwo unter ihnen musste auch Maddalena stehen, der Engel, der sich selbst in diese Hölle gestürzt hatte. Der Conte zwang sich, nach ihrem Gesicht zu suchen, erkann­te es jedoch nicht in diesem tobenden Kreis von Fratzen und nahm es als eine Gnade.

Töööööteeee ihn, Vaaaterrr!«

Die Vokale zogen sich in die Länge, wurden kreischend und seibernd wie ein Seidenfaden gedreht, den sie Meister Ki um den Hals legen wollten, ihn zu würgen.

Es war die Bestie Mensch, die hier von der Leine gelassen wurde, der Albtraum frommer Visionäre, das, was ein Hieronymus Bosch auf Leinwand bannen wollte, das, was jeder Duodezführer sich als Gefolgschaft wünschte. Hier auf Collesalvetti brach die Eiterbeule der menschlichen Seele auf. Hier, vor den Augen des Conte Hercule di Saloviva, geschah diese Wundertat der Hölle.

»Töte ihn!«

Der Bote ruderte mit den Armen und peitschte seine Anhängerschaft noch weiter auf. Ein Gestank von Schweiß füllte die Luft, ein stechender Gestank nach Raubtierkäfig, als würden sich alle vormenschlichen Instinkte in tranigen Tropfen durch die Poren der Besessenen drü­cken.

Neben dem Conte stand noch immer Panpopidis. Er kreischte aus voller Kehle, fuchtelte mit den Armen, um den Boten zu imitieren und trampelte dabei, als stünde er auf einer hei­ßen Herdplatte.

In dem Wirbel dieses Chaos blieb Meister Ki kühl und gelassen. Seine Bewegungen behielten die Reinheit und Eleganz einer frisch geöffneten Blüte, ja, man müsste sagen, dass die Art, wie er jetzt erneut zu einem Hieb ausholte, geradezu von einem schimmernden, son­nenglänzenden Weiß war.

Als schmerzhafter Kontrast dazu stand das Toben des Halbgehörnten. Brüllend legte er den Schädel in den Nacken, stieß seine wilden Schreie gegen die Gewölbedecke, rammte die Schulter gegen den Kokon, aus dem er sich noch nicht befreit hatte, versuchte, einen Arm freizubekommen, trampelte mit den Beinen. Er bot das abstoßende Bild ungebremsten Irrsinns.

Der Schlag traf die Schläfe, warf dieses Mal den unförmigen Schädel bis auf die Schulter und brach das zweite Horn ab. Gurgelnd vor Wut saugte der Hüne die Luft ein, die grünen Augen quollen aus den Höhlen.

»Töte ihn«, brüllte es unvermindert aus Dutzenden Mündern und schenkte dem Monster neue Kraft.

Es schüttelte den Schädel, immer wieder, schwarzes Blut peitschte in langen Strähnen heraus und befleckte die Umstehenden.

Panpopidis wurde an der Handfläche getroffen und leckte die schleimige Flüssigkeit gie­rig auf.

Nun sprang Meister Ki in die Höhe, und während er noch aufstieg, schwang er seine Waffe aufs Neue. Mit fürchterlicher Wucht schmetterte er sie, als seine Zehen eben den Boden wieder berührten, in die dreizehnte Säule, in den Kokon des Hünen. Sein Schlag schien die milchige Hülle nicht durchbrechen zu können, die Gewalt des Aufpralls reichte nicht aus. Fast wurde Meister Ki von dem zurückprallenden Metall umgeworfen. Aber er formte sofort den Widerstand des Gegners zu seinem eigenen Nutzen um, überließ sich für einen Moment scheinbar hilflos dem Rückprall, ließ sich mitziehen, zwang seine Waffe dann in einen Kreisbogen und gab ihr neuen Schwung. Mit vermehrter Wucht traf er die Hülle an der Vorderseite. Der Kerzenständer drang ein, wurde abgebremst, aber Meister Ki zog ihn weiter, zog und zog ihn durch die Hülle, bis er auf der anderen Seite wieder zum Vorschein kam.

Auf dem Gesicht des Japaners zeichnete sich der Glanz der Zufriedenheit ab. Dies war der perfekte Schlag. Ihm war gelungen, wofür er sich ein Leben lang geschunden hatte. Die per­fekte Einheit von Waffe und Wille, Technik und Geist. Nicht die lächerliche Waffe eines Kerzenständers hatte gesiegt, nicht Muskeln oder blanke Gewalt.

Nein, es war der Mensch, der sich auf den Gipfel der Perfektion geschleppt hatte, der für einen kurzen Moment zu völliger, zu mystischer, jedem Wort unfassbarer Einheit verschmol­zen war, eins mit sich und dem Universum, so weit es reichen mochte _ Meister Ki hatte sich in die Waagschale geworfen und er wog schwerer im Gefüge des kosmischen Planes als die tobende Bestie Mensch um ihn.

Die dreizehnte Säule verschwand. Ein lärmendes Brüllen stieg auf und versiegte in einem leisen Misston.

Meister Ki wandte sich zum Conte und deutete eine leichte Verbeugung an. Seine Hand ließ den Kerzenständer zu Boden gleiten und strich sich über den Bart. Ein Lächeln, in das sich ein wenig kindlich unschuldige Eitelkeit mischte, kräuselte seine Mundwinkel.

»Reißt ihn in Stücke!«

Der Schrecken hatte den Boten für einen Moment gelähmt, er sog heulend Luft ein.

Dann fasste er sich und warf seine Arme in Richtung auf Meister Ki.

»Reißt ihn in Stücke!«

Der Japaner beugte leicht den Kopf, als wolle er einen Gegner im Duell grüßen.

Wie eine wandelnde Mauer, wie eine kompakte Masse stürzten sie sich auf ihn. Mit aus­gestreckten Armen, Krallenfingern, aufgerissenen schwarzen Löchern, aus denen Zähne blinkten, glotzenden Augen, brandeten sie auf ihn zu und umringten ihn.

Plötzlich hatte Meister Ki ein Schwert in der Hand. Er trat einen schnellen Schritt zurück, schaffte sich mit einem Ellenbogenstoß Platz und führte einen sausenden Hieb aus. Die Spitze der Klinge wühlte sich durch die Leiber der Anstürmenden, schlitzte sich mit der unerbittli­chen Entschiedenheit einer Rückenflosse, die das glatte Wasser vor einem belebten Badestrand teilt, durch die Bäuche. Wutschreie wurden durch die Klinge des Schwertes in Schmerzensschreie verbogen, in missklingendes Heulen und Jammern gewandelt.

Die Angreifer stürzten wie Grashalme unter dem Sensenhieb, fielen krampfartig zuckend übereinander, röchelten. Die Energie ihres Hasses versickerte in müden, ungezielten Gesten.

So wie ihre Seelen aus den Hürden des Menschlichen geflohen waren, so boten ihre sterb­lichen Leiber nur noch den Anblick eines unerträglichen Ekels und Schreckens, geformt aus Wunden, Blut und Eingeweiden.

Der Conte fing einen Blick auf, den Blick eines aufgerissenen Auges, in dem das Weiße gegen die blutbespritzte Haut abstach. Jetzt, in der letzten Sekunde seines Lebens, im Sterben, kehrten die menschlichen Züge zurück auf das Gesicht des verräterischen Dieners, und der Conte verspürte Mitleid, Trauer und Entsetzen über dieses sinnlose Drehen des Schicksalsrades, das über sie alle hinweggerollt war.

Fäuste prügelten von hinten auf Meister Ki ein, Finger verkrallten sich in seine Kleidung, griffen in sein Gesicht. Stoff ging in Fetzen, bis der sehnige Körper des Japaners fast nackt war, und dann kratzten Fingernägel blutige Striemen über seine Haut.

Sie bedrängten ihn so sehr, dass er sein Schwert nicht führen konnte. Selbst einer der Sterbenden hob den Arm und griff nach dem Fußknöchel des Japaners. Meister Ki wollte einen Schritt zurückweichen, kam durch den unerwarteten Angriff fast aus dem Gleichgewicht und verlor es vollends, als er auf der blutigen Schicht, die den Boden bedeck­te, ausrutschte.

Ein Jubelschrei begleitete den Sturz des Meisters.

Es war der kurze, bittere Triumph des Wahnsinns, der durch die kühle Beherrschung des Japaners zur Seite gefegt wurde.

Noch im Fallen wirbelte Meister Ki um die eigene Achse, als hätte sich plötzlich eine Feder gelöst. Die Hand, die sich um seinen Knöchel krallte, wurde wie ein Papierschnipsel zur Seite gewischt.

Geschmeidig wie eine Katze landete Meister Ki auf den Zehenspitzen und den Fingerspitzen einer Hand. Sein Schwert pfiff durch die Luft. Mit derselben Bewegung, mit der Meister Ki einen Hieb ausführte, wirbelte er noch einmal um die eigene Längsachse, stieß sich mit der freien Hand ab und landete auf beiden Beinen.

Sein erster Schlag war über die Schienbeine der Angreifer gefahren. Sie kreischten vor Schrecken und Schmerz, taumelten zurück, fingen sich dann wieder und wurden von einer unmenschlichen Wut, deren Marionetten sie nur mehr waren, zurück in den Angriff gepeitscht.

Es war ihr Untergang, das Schwert Meister Kis wütete unter ihnen wie ein Wolf unter Schafen. Aber in ihren irrsinnigen Augen glitzerten nur Hass und Wut, bis sich der glasige Hauch des Todes über sie legte.

Wie ein Rachedämon stand Meister Ki, von Kopf bis Fuß mit Blut besprenkelt, auf dem Schlachtfeld.

Da regte sich etwas unter den leblosen Körpern.

Von links hörte Tony Tanner das Sirren der anlaufenden Hubschrauberturbine. Von rechts kamen hell und peitschend drei Schüsse und dann sofort das Hornissenbrummen der Kugeln, die hinter seinem Kopf vorbeizogen.

Jedes seiner Gelenke schien mit Sandpapier ausgeschlagen zu sein, rieb bei jeder Bewegung und protestierte mit grellen Schmerzimpulsen gegen seine Überforderung.

Tony stampfte im Stil eines Langläufers der 20er Jahre vorwärts, mit hochgeworfenen Knien, Armen, die wie ein Lokomotivgestänge an seiner Seite hin- und herwirbelten, stock­steifem Rücken und hoch erhobenem Kopf. Es wirkte wie eine clowneske Imitation, darge­bracht zum Ergötzen des werten Publikums.

In einem klaren Moment, zwischen zwei Schritten, ahnte Tony, welche lächerliche Figur er abgeben musste. Aber ihm blieb keine andere Möglichkeit, außer stehen zu bleiben und sich auf den Boden zu werfen. Jeder Schritt war eine Qual. Vor seinen Augen tanzten der Busch und der Felsblock, die ihm als Deckung dienen sollten. Jedes Mal, wenn er seine Sohlen auf den Boden rammte, hüpfte dieses Ziel und verwischte vor seinem starren Blick. Näher schien es nicht zu kommen, die Entfernung blieb dieselbe, als würde er es vor sich herschieben.

In der Ferne krachten Schüsse. Tony hörte sie an sich vorbeisirren und erkannte erst dann, dass sie auf ihn gezielt waren. Er hatte keine Furcht mehr. Diese Kugeln gingen ihn nichts an. Alles lag in der Ferne, alles war weit entfernt und er befand sich allein in einer eigenen Welt, die nur aus den hämmernden Bewegungen seiner Beine und dem Pendeln seiner Arme bestand.

Was für ein Glück, dass Maddalena mich nicht so sieht, blitzte es ihm durch den Kopf. Erst dann wäre alles wirklich fürchterlich. Maddalena Strozzi war der Schlüssel, sie allein war der Maßstab, der für Tony Tanner in diesem Augenblick galt. Sie allein drängte sich in die­sem Moment in seine Gedanken, während vor ihm der Felsblock tanzte und sprang und nicht näher kommen wollte. Die Tatsache, dass Maddalena existierte, rechtfertigte diese Welt.

Der Rotor des ersten Hubschraubers begann sich schwerfällig zu drehen, wischte mit wei­chem Klang durch die Luft, wurde schneller und begann mit hartem Knattern zu wirbeln.

***

Meister Ki schleuderte mit einer eleganten Bewegung das Blut von der Klinge, bückte sich dann und wischte die Waffe mit einem Fetzen seines Gewandes, das ihm vom Leib geris­sen worden war, ab. Sorgfältig polierte er das Metall, bis es den Schein der verbliebenen Fackeln zurückwarf. Meister Ki war so in seine Tätigkeit versunken, dass er das Schlachtfeld zu seinen Füßen völlig verleugnete. Seine ruhige Gelassenheit umgab ihn wie eine glänzende Muschelschale.

Er warf den Lappen zur Seite, betrachtete dann noch einmal, den Kopf mit Kennerschaft zurückgelegt und mit einem zusammengekniffenen Auge, die glänzende Klinge.

Erst danach trat er an die Seite des Conte Hercule di Saloviva.

Der Conte selbst hatte den Kampf mit derselben Teilnahmslosigkeit und äußeren Ruhe betrachtet, derselben scheinbaren Versteinerung, die er während seiner Gefangenschaft beibe­halten hatte. Nur dort, wo seine Tränen das verkrustete Blut von seinen Wangen gewaschen hatten, waren die Zeichen des Sturmes erkennbar, der in der Seele des Conte tobte.

Jetzt lächelte er den Japaner an, der neben ihn trat.

»Geglaubt nicht Du ernsthaft hast, ein Verräter ich würde sein«, fragte Meister Ki mit sei­ner hohen Stimme.

Der Conte schüttelte das Haupt. »In keiner Sekunde, mein Freund. Aber ich hatte tatsäch­lich kaum Hoffnung, dass Du es schaffen würdest!«

Mühsam versuchte der Conte, sich aufzurichten. Trotz aller Disziplin lief ein Zittern über seinen Glieder und schwächte ihn. Erst die helfende Hand des Japaners brachte das Gelingen. Schwankend stand der Conte an der Seite von Meister Ki. Seine Blicke schweiften über die Leichen, schienen nach etwas zu suchen.

Plötzlich zuckten beide Männer zusammen. Unter den leblosen Körpern bewegte sich etwas.

Etwas wühlte sich hervor, drückte die erkaltenden Überreste menschlichen Daseins zur Seite, als würde es sich aus dem Boden eines Höllenplaneten hervorarbeiten.

Meister Ki wollte sofort losspringen, erinnerte sich dann daran, dass er die Stütze des Conte war, und half dem alten Mann, die wenigen Schritte zu dem Stuhl zurückzulegen.

In dieser kurzen Zeit wurde ein lebloser Körper zur Seite geschoben und eine Gestalt schob sich hervor. Blut hatte ihre Kleidung durchtränkt, den Stoff schwer gemacht wie eine Rüstung, jede Falte steif werden lassen. Wie ein Wesen aus einer anderen Welt erhob es sich, rang klagend die Hände beim Anblick der Vernichtung und begann dann, mit winselndem Kreischen, zwischen den Leichen zu wühlen.

Und doch hatte der Zufall oder eine andere Macht es nicht zugelassen, dass auch das Gesicht besudelt wurde. So schien dieses unbefleckte Antlitz nun wie eine fremdartige Maske über dem Körper eines Dämons.

***

Steele wartete ab, bis sich Tony Tanner die Hälfte der Strecke hinter sich gebracht hatte. Dann glitt er unter seiner Deckung hervor und lief los. Auch bei ihm ging der Versuch des schnellen Laufens sofort in ein steifes, ungelenkes Stolpern über.

Der Rotor des Hubschraubers verwirbelte das Gras mit seinem Luftzug zu einem Kreis voller hektischer Bewegung. Weiß glitzerten die Blattunterseiten, dann verschwand ihr Glimmen in dem bekannten Grün.

Auch Steele konnte den Luftdruck schon spüren. Nach vorne gebeugt, setzte er seine Schritte, schien mehr nach vorne zu stürzen als sich willentlich vorwärts zu bewegen.

Durch die Cockpitscheibe konnte Steele den Kopf des Piloten erkennen, der sich in seine Richtung drehte.

Die Überraschung war dahin, der Gegner war gewarnt.

Die Wut über diesen Fehler gab Steele neue Energie. Er ignorierte alle Schmerzen, die die Nervenbahnen seines Körpers heiß laufen ließen wie Telefondrähte bei einem Börsencrash. Die nächsten Schritte brachten ihn bis zur offenen Seitentür des Hubschraubers. Er hechtete in das Innere und prallte sich auf den harten Aluminiumboden.

Zwischen Cockpit und Laderaum war eine gepanzerte Abtrennung mit einem schmalen Durchgang in der Mitte. Er reichte gerade aus, um sich hindurchzuschieben und wurde allen­falls dazu gebraucht, den Oberkörper in das Cockpit zu schieben, um sich mit den Piloten zu verständigen.

Während Steele die Härte des Bodens unter seinen Schulterblättern allzu deutlich spürte, formte er in seinen Gedanken so etwas wie ein Drehbuch. Der eine Teil seines Hirns geriet in heftige Aktivität, beobachtete, verglich und folgerte, bis ein Plan vorhanden war. Die andere Hälfte schaute zu und nörgelte nur:

»Vergiss es, funktioniert sowieso wieder nicht!«

Immerhin – es beruhigte ungemein.

Der Pilot war, wie Steele erwartet hatte, bewaffnet. Er trug seine Pistole am rechten Unterschenkel. Also musste er sich nach vorne beugen, die Waffe in die Hand bekommen und sich dann nach links hinten drehen, um auf Steele zu schießen.

Alternativ hätte er aus der Kanzel springen und den Angreifer nach einer halben Drehung durch die Schiebetür erledigen können. Aber das wäre eine Variante gewesen, wie Steele sie bevorzugt hätte. Der durchschnittliche Revierverteidigungstrieb zwang den Piloten geradezu, für klare Verhältnisse zu sorgen, ohne sich dabei aus dem Hubschrauber zu bewegen.

Für Steele blieb genug Zeit, um sich auf den Rücken zu drehen, sich in die richtige Position zu bringen und näher an den Durchgang zu schieben. Es war eine einzige Bewegung, ausgeführt in der einzigen Sekunde, die Steele noch blieb. Dann hatte der Pilot seinen Einsatz. Er warf sich herum und stach seine Hand, die eine schwere Pistole umklammerte, in den Laderaum. Er brauchte eine weitere Zehntelsekunde, um das Ziel zu erfassen. Zeit, die Steele nutzte, um den Rücken durchzubiegen, sich mit einer Hacke abzustützen und das andere Bein in die Höhe zu schleudern wie ein Fußballer.

Seine Schuhspitze traf die Pistole in dem Moment, in dem der Pilot den Finger krümmte. Der harte Tritt prellte die Waffe nach oben. Der Schuss löste sich und fuhr durch die Decke.

Steele ließ das Bein zurückfallen und krümmte den Oberkörper vor. Er erwischte die Hand des Gegners, riss ihn zu sich. Der Mann prallte gegen den Durchgang, schrie auf und stürzte dann in den Laderaum. Zuerst stürzte er, dann gewann er die Kontrolle zurück, steckte den Ellbogen des freien Armes heraus und zielte auf Steeles Plexus solaris.

Steele war durch den explodierenden Schmerz für Augenblicke gelähmt. Der Pilot lag halb auf ihm und blockierte seinen freien Arm. Steeles Instinkt erlaubte ihm gerade noch, die Finger in das Handgelenk des Piloten zu verkrallen und so die Pistole von sich abzuhalten. Trotzdem feuerte der andere, mit Unterbrechungen, als würde er die Schüsse genießen. Es krachte oberhalb von Steeles Ohr, das Dröhnen setzte sich bis in seinen Schädelknochen fort, betäubte ihn ebenso, wie es ihn antrieb.

Der Pilot wollte seine Leute aufmerksam machen. Steele verstärkte seinen Druck, bis ein Aufschrei und das Poltern der herabfallenden Waffe seinen Erfolg anzeigten. Steele ließ die Hand los und wollte einen Griff ansetzen, als ihn ein Knie zwischen die Beine gerammt wurde. Die Stelle war nach anatomischen Gesichtspunkten gut ausgewählt. Steele gurgelte und fuchtelte mit dem freien Arm. Jetzt blieb ihm nur noch übrig, sich dem eingeübten Programm zu überlassen. Und das lautete Klammern und Clinchen.

Der Kampf hatte nichts Heldenhaftes oder Männliches. Wie zwei Rotzjungen auf einem Hinterhof umklammerten sie sich, quetschten, kniffen und drückten. Sie keuchten und stöhn­ten und versuchten verbissen, sich in eine bessere Position zu bringen. Steele spürte, dass der andere nach seinen Augen tastete. Der Pilotenhandschuh glitt über Steeles Stirn, die Finger suchten nach den Augenhöhlen.

»Du Sau! Du Sau!« presste Steele zwischen den Zähnen hervor. Er stieß den Kopf gegen die Schulter des anderen und nahm noch einmal alle Kräfte zusammen. In seinen Ohren war ein schrilles Sausen, durch das ein unmenschliches Knurren und Ächzen drang – Geräusche, die Steele selbst produzierte, ohne sich dessen bewusst zu sein.

Es gelang ihm, seine beiden Hände über dem Körper des anderen zusammenzuführen. Dann warf er den Piloten herum und wuchtete ihm den Ellenbogen mit aller Kraft in den Rücken. Der Körper wurde schlaff. Keuchend schob Steele ihn zur Seite und erhob sich. Er schwankte, vor seinen Augen kreisten helle Funken. Er sehnte sich nach einigen Minuten Erholung und wusste, dass er mit jeder Verzögerung einem ewig langen Kuraufenthalt unter der Grasnarbe näher kam.

Er schob sich durch den schmalen Durchlass und ließ sich mit einem schweren Plumps auf den Pilotensitz fallen.

Der Anblick der Instrumente erschreckte ihn. Bisher war er der Überzeugung gewesen, dass er sich sofort zurechtfinden würde. Nichts dergleichen war der Fall. Er starrte auf eine Fülle von Monitoren und elektronischen Anzeigen, mit denen er nichts anfangen konnte.

Dieser Hubschrauber hatte mit einem gewöhnlichen Firmenprodukt sowenig zu tun wie ein Rallyewagen mit einer Serienlimousine. Steele zwang sich zur Konzentration. Alle derar­tigen Instrumentenbretter folgten einer strengen, inneren Logik. Er brauchte nur einen Ansatz, dann war der Rest ein Kinderspiel.

Seine linke Hand fand den Pitch, mit der rechten umfasste er den Steuerknüppel, seine Füße standen auf den Pedalen. Das war Steele vertraut und mit diesem Gefühl der Vertrautheit kam auch neue Zuversicht.

Etwas anderes war geeignet, Steeles Zuversicht zu mindern. Die Söldner machten sich auf den Weg zu ihren Transportmitteln. Und sie schienen keine Zeit verplempern zu wollen.

Mit einer Mischung aus Abscheu und Entsetzen beobachteten Meister Ki und der Conte die jammernde Gestalt, der zwischen blutigen, leblosen Körpern wühlte.

Maddalena schien sie überhaupt nicht zu bemerken. Wie eine Irre winselte sie in schmerz­haft hohen Tönen, stieß manchmal Satzfetzen aus und machte sich an den Leichen zu schaffen.

Der Anblick trieb dem Conte Tränen in die Augen. Nie hätte er es für möglich gehalten, dass Maddalenas engelgleiches Antlitz von Hass und Irrsinn auf solche Weise verzerrt wer­den könnte.

Meister Ki machte eine Bewegung, aber der Conte hielt ihn zurück.

»Lass sie, alter Freund«, flüsterte er müde. »Sie ist besessen. Wir wollen sie vergessen.«

Er wollte sich zur Seite wenden, als ihn ein Schrei voll triumphierender Bosheit erstarren ließ.

Maddalenas Irrsinn hatte Methode. Nun hatte sie gefunden, wonach sie gesucht hatte. Mit beiden Händen hielt sie die bluttriefende Pistole und richtete sie mit ausgestreckten Armen auf die beiden Männer. In Maddalenas Augen funkelte der Hass. Sie ließ den Pistolenlauf langsam zwischen den beiden Zielen hin und her pendeln. Heiser und zugleich schrill stieß sie wüste, abgehackte Beschimpfungen aus, stotterte mit sich überschlagender Zunge die übelsten Gemeinheiten, die die Sprache kennt. Wie eine schwarze, übel riechende Flut ergoss sich in Worte geklumpter Hass über die schönen Lippen des Mädchens und bildete einen Widerspruch, der dem Conte fast den Verstand zu rauben wollte.

Langsam schob sich Meister Ki zur Seite, bis er vor dem Conte stand und ihn mit seinem Körper deckte. Dann zuckte die Hand des Japaners zu einem Dolch, den er verborgen im Gürtel trug. Die Klinge blitzte, die Hand fuhr zurück, um die Waffe zu schleudern. Dann zögerte Meister Ki. Kaum merklich, den Bruchteil einer Sekunde nur, stockte die elegante, fließende Bewegung, die den Dolch auf seinen tödlichen Weg schickte.

Es war nur die Zeit eines Lidschlages und doch lange genug, um eine Wendung herbeizu­führen.

Maddalena krümmte ihren schlanken Finger um den Abzug und schoss. Die Kugeln tra­fen Meister Ki in die Brust und schleuderten ihn nach hinten. Aber noch bevor ihn die Geschoße zerfetzten, hatte Meister Ki den Dolch geworfen. Die Waffe wirbelte durch die Luft, der Knauf traf die Pistole und schlug sie aus Maddalenas Hand.

Der Conte stürzte neben Meister Ki auf den Boden und hob den Oberkörper des Sterbenden. Durch den blauen Stoff des Gewandes sickerte Blut. Der Japaner atmete röchelnd, die Augen waren geschlossen. Sein Gesicht wirkte eingefallen und spitz, so als wäre er plötzlich um Jahrzehnte gealtert.

Mühsam öffnete Meister Ki die Augen. Die Anstrengung, die ihn diese Bewegung koste­te, ließ den gesamten Körper erzittern. Mit glasigen Blicken schaute Meister Ki gegen die Decke des Gewölbes. Dann kehrte langsam die Klarheit zurück und er lächelte.

»So mein Schicksal ich gefunden heute habe«, flüsterte er.

»Du hast mir das Leben gerettet, alter Freund«, antwortete der Conte di Saloviva. Seine Stimme war brüchig, er musste sich räuspern, ehe er fortfahren konnte. »Und du hast Maddalena geschont und dabei dein eigenes Leben geopfert.«

Das Lächeln auf dem Gesicht des Japaners wurde breiter und gewann förmlich strahlen­den Glanz. Seine zitternde Hand erhob sich von der Seite und strich über den Bart.

»Leben nichts ist, Ehre alles«, flüsterte er.

Sein Gewand war nun blutgetränkt und klebte wie eine rote Emailschicht an der Brust. Durch den zerfetzten Stoff sah der Conte die tiefen Wunden. Für einen Augenblick hatte er noch Hoffnung gehabt, den Japaner retten zu können – es gab Ärzte, die Wunder vollbringen konnten, Blutkonserven, medizinische Maschinen … und dann gab es auch noch ihn, den Conte di Saloviva, den dunkle Mächte einst als den schwarzen Dottore gekannt hatten – einen Arzt von ungewöhnlichen Fähigkeiten und voller unverständlicher Macht.

Nun musste er die Vergeblichkeit dieser Hoffnung erkennen.

Meister Ki ahnte, was in dem Conte vorging.

»Edel ist es, die Dinge zu tragen in Würde, die sind zu ändern mehr nicht.«

Beide Männer schwiegen. Die Atemzüge des Japaners wurden seltener. Sie war nichts als kurze, quälende, vergebliche Siege im Todeskampf. Die Atemluft gurgelte in einer der Wunden. Rosa Bläschen erschienen an ihrem Rand.

Noch einmal schlug Meister Ki die Augen auf. Er atmete sehr kurz, und doch kamen seine Worte ganz klar und voller Vorfreude auf das Licht, dem sich Meister Kis Seele nun mit gro­ßen Schritten näherte.

»Gut es war, dass für einen Verräter Du mich nie gehalten hast«, flüsterte er.

»Auf den Fremden achte, den zu mir du geschickt hast. Der beste Schüler er ist, den ich hatte jemals. Zorn ist in ihm und Trauer und viel Wut. Wenn er bändigen kann die negativen Gefühle, größer er werden kann, als ich es jemals durfte erhoffen.«

»Niemand wird dich erreichen, alter Freund«, antwortete der Conte. »Vielleicht habe ich es nie wirklich erkannt.«

»Die Elster sitzt auf dem Dach und spricht zu der Menge, doch der Vogel der Weisheit baut sein Nest im Verborgenen«, flüsterte Meister Ki. Das Lächeln auf seinem Gesicht blieb, auch als der Kopf leblos zur Seite fiel. Lange fehlte dem Conte di Saloviva die Kraft, um sich zu rühren. Nicht nur sein Körper war geschwächt. Seine Seele schien gelähmt zu sein.

Es war das Weinen Maddalenas, das den Conte aus seiner Erstarrung weckte. Langsam schloss er dem Toten die Lider und legte die Leiche sorgfältig, so als könnte sie noch Schmerz spüren, auf den Boden. Erst dann wandte der Conte den Kopf zur Seite und schaute auf die in Tränen aufgelöste Maddalena, die mit zu Fäusten geballten Händen dastand und von ihrem Schluchzen, wie von einer fremden Kraft geschüttelt wurde. Als wären Schuppen von ihren Augen gefallen, stand das junge Mädchen vor dieser Stätte des Grauens. Jetzt erst erkannte sie, was geschehen war und welche Rolle sie darin spielte. Scham und Entsetzen stiegen in ihr auf und legten sich wie eine Würgeschlinge um ihren Hals.

»Oh lieber lieber Gott, was habe ich bloß getan«, jammerte sie und fuhr sich über das Gesicht. Ihre blutverschmierten Hände hinterließen rote Spuren auf ihrer weißen Haut, die Tränen, die aus ihren Augen quollen, zogen senkrechte Linien über ihre Wangen und ver­wischten das Rot.

»Wie konnte das alles nur geschehen? Oh lieber lieber Gott, mach, dass das nicht wahr ist! Was ist geschehen? Es ist nicht waaahr!«

Maddalenas verzweifelter Schrei verklang unbeantwortet in den dunklen Winkeln des Gewölbes.

Das Mädchen brach weinend zusammen. Blind vor Tränen tasteten ihre schmalen Hände nach einem Halt. Etwas Hartes stieß an ihre Fingerspitzen. Es war die Pistole, die ihr aus der Faust gefallen war.

Die Berührung elektrisierte sie. Ihr Schluchzen verstummte. Maddalena nahm die Waffe auf und hielt sie sich an die Schläfe.

»Tu das nicht, mein Kind«, kam die feste Stimme des Conte di Saloviva. »Opfere nicht auch dein junges Leben den Übeltätern, die dich verhext haben. Gott wird dir verzeihen und die Menschen werden vergessen.«

»Mögen auch die Menschen vergessen und mag Gott mir verzeihen. Ich selbst kann es nicht«, antwortete Maddalena und presste den Lauf fester gegen ihre weiche Haut. »Oh lieber lieber Gott, was mache ich bloß – was soll ich nur machen?«

***

Eine Ameise kletterte an Tony Tanners Wange hoch und orientierte sich in Richtung auf sein Ohr. Tony stöhnte, rührte sich aber nicht. Das krabbelnde Mistvieh nutzte die Situation aus. Tony lag auf dem Bauch, den Kopf gegen den Boden gepresst, die Finger in die Erde ver­krallt und versuchte, seine elende Existenz zu retten, indem er sie gegenüber der Welt verleug­nete.

Jetzt hatte es die Ameise denn doch übertrieben. Tony hob vorsichtig den Kopf und schüt­telte sich wie ein Hund, der aus dem Wasser steigt. Die Ameise war möglicherweise beein­druckt, aber auf jeden Fall nicht beeindruckt genug. Tonys Ohr übte weiterhin größte Anziehungskraft auf sie aus und sie stiefelte, entschlossen und sechsbeinig, darauf zu. Schließlich musste Tony sie mit dem Finger aus seinem Gehörgang fummeln und hinterließ dabei gut die Hälfte des Drecks, den er unter seinem Fingernagel hatte. Zumindest krabbelte und kitzelte dieser Dreck nicht mehr.

Zwischen den Blättern hindurch peilte Tony nach den Bewaffneten. Er konnte sie noch nicht sehen, und er wagte nicht, sich zu drehen. Dafür hörte er sie umso besser. Ihre lauten Befehle drangen selbst durch das Knattern der Rotoren.

Nur die Geräusche, die auf ihn eindrangen, zeugten von dem, was vorging. Tony selbst war vollkommen hilflos, er konnte nur abwarten und horchen und hoffen, dass er irgendwie heil aus dieses Situation herauskommen würde. Seine Lage macht ihn wütend und zugleich pochte die Furcht in seinen Adern.

Die Stimmen kamen näher. Kurze Befehle wurden gebellt und mit knappen Sätzen beant­wortet. Jetzt kamen die Stimmen von beiden Seiten. Er wurde eingekreist. Tony schob sich vorwärts, bis er unter dem Busch hervorblicken konnte.

Das Rotorgeräusch änderte sich. Der eine Hubschrauber begann aufzusteigen. Dabei stieß das Heck steil in die Luft, als wollte der Pilot sein Gerät nicht in die Luft bringen, sondern in den Rasen abtauchen lassen. Fast schien es, als wollte der Helikopter vornüber kippen. Der wulstige Bug schob sich durch das Gras, dann erst sank das Heck wieder nach unten und der Helikopter stieg in normaler Schräglage auf und legte sich in eine Kurve.

Der Start brachte Unruhe in die Reihen der abrückenden Söldner. Die ersten begannen, das konnte Tony nun deutlich erkennen, sich aus der Reihe zu lösen und zu dem anderen Hubschrauber zu laufen. Laute Befehle stoppten sie und trieben sie zurück in die Formation.

Für einen Moment hatte Tony die Hoffnung, dass sie ihn schlicht ignorieren würden. Oder vergessen. Sie waren auf dem Rückzug. Warum sollten sie sich damit aufhalten, eine Jammergestalt unter einem Zierstrauch hervorzuzerren und zu erschießen? Das war so ein­leuchtend, die Argumentation war so zwingend und schlüssig, dass Tony Tanner nahe daran war, aufzuatmen und sich zu entspannen.

Dann sah er die Handbewegung eines der Söldner. Sie war knapp und energisch und sie deutete in seine Richtung. Ihr folgte eine schwenkende Geste. Tony wusste, was sie zu bedeu­ten hatten. Sie sollten ihn in die Zange nehmen.

Jetzt gab es keinen Ausweg mehr. Eine Flucht war unmöglich, würde seinen Feinden sogar die Gelegenheit bieten, ihn noch schneller zu erledigen. Er konnte nur noch warten, bis es vorbei war. Endlich vorbei. Tony dachte an Maddalena. Dass er ihr Gesicht nie mehr sehen würde, erschien ihm nun als das einzig wahrhaft Bedauerliche. Alles andere war egal. Nur Maddalena hätte er gerne noch einmal gesehen. Maddalena sehen und sterben. Schön kit­schig, dachte Tony Tanner, schön kitschig und doch süßer als Hummelhonig.

***

»Nein!« Der Ruf des Conte hallte durch das Gewölbe. Sein verzweifelter Klang schien die Luft stickiger, das flackernde Licht noch trüber zu machen.

Maddalena schaute den alten Mann an. Wieder rannen Tränen über ihr Gesicht. Sie bemühte sich um ein Lächeln und straffte sich dann, während ihr Finger den Abzug näher an den Auslösepunkt schob.

Conte Hercule di Saloviva versuchte einige Schritte, um zu Maddalena zu kommen. Er war zu schwach, seine Beine versagten. Er musste sich an der Stuhllehne abstützen.

Einen Moment herrschte völlige Stille, und es schien, als werde Maddalena ihren Tötungsplan aufgeben, zum Conte di Saloviva hinlaufen und seinen morschen Körper stüt­zen.

Dann sprudelte ein Gas aus einer der Leichen, roch abscheulich und holte die Überleben­den in das Entsetzliche der Situation zurück.

»Lebewohl«, flüsterte Maddalena. Wie betäubt, in sich selbst gefangen wie ein Vogel in seinem Käfig, zögerte sie kurz und drückte ab.

Der Schuss hallte betäubend, sein Lärm prallte gegen die Wände und sprang wütend wie ein angeketteter Köter zurück in den Raum.

Der Conte senkte den Kopf. Er hatte die Augen geschlossen. Jetzt öffnete er sie wieder.

Er sah Little, der die Pistole im allerletzten Moment zur Seite gerissen hatte, mit Maddalena um die Waffe kämpfen. Maddalena biss sich auf die Lippen und zerrte verbissen. Little war erschöpft und kaum noch Herr seiner Sinne. Nur das Wissen, dass Maddalena ihren Vorsatz ausführen würde, gab ihm die Kraft, den heißen Lauf zu umklammern und gegen die Decke gerichtet zu halten.

Schließlich beendete Lucille Chaudieu den Kampf auf ihre Weise. Sie trat hinzu und ohr­feigte Maddalena rechts und linke und dann links und rechts, dass es nur so klatschte. Der engelsgleiche Kopf des schönen Mädchens wurde von einer Seite auf die andere geschleudert, während Lucille, ebenso verbissen und konzentriert wie eben noch die um die Pistole ringen­de Maddalena, ausholte und ihre schlanken Finger mit den roten Nägeln auf die weiße Wange platzen ließ, dass sich sofort rote Spuren auf Maddalenas weicher Haut bildeten. »Biest!«, zürnte Lucille, der es schon wieder leidtat, in dieses überirdische Gesicht geschlagen zu haben.

Mit einem Schmerzensschrei ließ Maddalena los und sank dann, die Hände vor das Gesicht geschlagen, schluchzend zusammen.

Little stand bei ihr und tätschelte ihr hilflos den Kopf. Eine Geste, die sich von einem Streicheln nur noch schwer unterscheiden ließ. Dazu murmelte Little beruhigende Worte, jedoch so leise, dass sie kaum durch das Schluchzen Maddalenas dringen konnten.

»Hysterische Weiber lässt man am besten in Ruhe«, herrschte ihn Lucille an, und unter ihrem strafenden Blick rückte Little zur Seite und lehnte sich müde an die Wand.

Neben ihm war der Wandteppich. Er verbarg den Zugang, durch den sie eben diesen Raum betreten hatten. Die gellenden Schreie, die weit in das Gangsystem hinein hallten, hatten sie geführt. Littles Ohren hatten dieses Kreischen gehört, aber in seinem Bewusstsein schrillten die Rufe verworfener Seelen, die aus ihren Körpern verjagt wurden. Es war wie der Lärm schwarzer Vögel, die um einen einsamen Felsen in einem endlosen Meer kreisten. Jetzt waren sie immer noch da. Sie schwebten über dieser Stätte des Grauens und wisperten ihre Vorwürfe und ihre Fragen. Little spürte ihre körperlosen, gierigen Blicke, er spürte schon den Neid, mit dem sie die Lebendigen, die mit einem Körper auf dieser Welt wandeln konnten, verfolgten.

Es fiel ihm schwer, die Augen auf die Spuren des Gemetzels zu richten, aber es war ihm unmöglich, die Augen zu schließen, denn in der Nacht unter seinen Lidern lauerten die Dämonen.

Dorkas schlurfte auf den Conte zu. Er wirkte wie ein Schlafwandler, der über einen Dachfirst geht. Und es war ja tatsächlich ein schmaler Grat, auf dem Dorkas wandelte. Er selbst wusste genau, dass er die grauenhaften Bilder nicht in sein Bewusstsein dringen lassen durfte. So hielt er förmlich geistig die Luft an und trommelte sich nur den Satz Es ist alles nicht wahr durch die Hirnwindungen.

»Kommen Sie, wir müssen gehen«, stammelte Dorkas und ergriff den Arm des Conte. Der hysterisch helle Klang seiner Stimme wurde ihm selbst deutlich und bot ihm für einige erfri­schende Sekunden Stoff zum Nachdenken.

Dorkas wollte den alten Mann zu dem Wandteppich ziehen. Aber der Conte schüttelte den Kopf und deutete in die andere Richtung.

»Dorthin«, murmelte er. »Von dort kommen wir in das Gebäude zurück.«

»Vielleicht sind dort noch Soldaten«, wandte Dorkas furchtsam ein.

»Wir werden irgendeinen Weg finden. Ich kann hier nicht bleiben.«

Lucille schob Little hinter den beiden fortstolpernden Gestalten her. Sie wollte sich anschließen, dann überlegte sie kurz.

Mit einem harten Griff um Maddalenas Oberarm zog sie das weinende Mädchen hoch und stieß sie vorwärts.

Maddalena sah nicht das boshafte Glitzern in den Augen von Lucille Chaudieu. Aber sie spürte den harten Griff und unterbrach ihr Weinen mit einem kläglichen Ruf.

***

Nun gut, Tony Tanner, das war’s dann also gewesen!

Da du dir ja jeden Tag Gedanken über ausfallende Haare, Falten und beginnende Alterssenilität machst, kannst Du ja nicht mal behaupten, dein Abgang wäre verfrüht. Trotzdem – Du hast eine beschissene Bilanz vorzuweisen. Ein Haufen Schrott, den Du hinter­lassen hast, eine kaputte Beziehung, eine andere, von der du nicht weißt, was daraus werden könnte, ein Horrortrip an der Seite eines übergewichtigen Wissenschaftlers …

Nun gut, Du hast Steuern bezahlt und nicht zu knapp und wirst der staatlichen Altersvorsorge nicht mehr zur Last fallen …

Tony Tanner ging das alles nichts mehr an. Er hatte innerhalb kürzester Zeit sämtliche Phasen durchlaufen, die eifrige Psychologen vor das Akzeptieren des eigenen bevorstehenden Ablebens definiert haben und befand sich nun in dem Stadium des Ihr könnt mich mal oder Was geht’s mich denn noch an.

In der Tat konnte er nichts mehr tun. Er wurde in die Zange genommen. Durch den Lärm der Rotoren konnte er manchmal ein Klappern hören. Es war ganz nah.

Warum gingen sie so vorsichtig vor? Hielten sie ihn für bewaffnet? Oder wollten sie ihn lebend fangen? Um ihn mitzuschleppen? Oder lediglich, um ihn genussvoll zu Brei zu schla­gen, im Angedenken an die eigenen Verluste?

Der Hubschrauber knatterte über ihn hinweg. Die Blätter des Strauches rauschten, die Zweige peitschten unter dem Luftstrom. Der Luftwirbel ebbte ab, das Geräusch wurde leiser. Als der Helikopter über dem Wäldchen drehte und seine Waffen ausrichtete.

Dann zuckte das Mündungsfeuer. Der Knall der einzelnen Abschüsse verwischte sich in einem einzigen lang gezogenen hastigen Knarren. Aus den Auswurföffnungen spritzten die Patronenhülsen und taumelten zu Boden.

Tony sah von allem dem nichts. Er bemerkte nur, dass der Rasen Erdfontänen spuckte, die auf sein Versteck zustürmten wie eine durchgehende Herde.

Um ihn brach die Hölle los. Die Geschosse zerrissen mit einem ununterbrochenen Jaulen die Luft, zerfetzte Blätter rieselten in seinen Nacken, Holzstücke, Erdkrümel.

Wenn der Beschuss für Sekunden aufhörte, dröhnte der infernalische Lärm in Tonys Ohren weiter, setzte sich als schrilles Pfeifen fest. Die Geschosse brachten den ranzigen Geruch von Kordit mit sich.

Die Söldner lösten ihre Formation auf und rannten zu dem anderen Helikopter. Hinter ihnen versank Tony Tanners Versteck in einem Dunst von aufgewirbelter Erde und Staub.

Die Bewaffneten sprangen durch die geöffneten Schiebetüren. Dort gab es eine heftige, gestenreiche Diskussion mit dem Piloten. Das Heck des Hubschraubers hob sich, dann starte­te er.

Der Hubschrauberpilot war ein Totalversager. Die Tatsache, dass Tony noch diesen Gedanken fassen konnte, bestätigte die Aussage eben dieses Gedankens. Der Kerl richtete ringsum Schaden an, aber sein Ziel verfehlte er. Entweder er war ein psychopathischer Rasenhasser oder …

Der Beschuss hörte auf. Tony schob sich ein Stück nach vorne und wagte schließlich, unter einem der Zweige in Richtung auf den Hubschrauber zu peilen. Um ihn herum sah der Rasen aus wie nach einem Rugbyspiel. Einem Rugbyspiel mit vierhundert Rugbyspielern.

Der Hubschrauber flog knapp über dem Boden direkt auf Tony zu. Hinter der Cockpitverglasung grinste ihn Steele an und tippte sich lässig mit zwei Fingern an die Stirn.

Mit der Lässigkeit von Steele war es in der nächsten Sekunde vorbei. Der andere Hubschrauber hatte Höhe gewonnen, legte sich nun in eine Kehre und kam auf Steele zu. Bevor der reagieren konnte, erkannte er das helle Mündungsfeuer am Bug.

Die Salve schlug knapp hinter Steele in die Flanke ein und zerschredderte die Aluminiumhülle und den Boden. Der Hubschrauber wurde von harten hastigen Stößen durch­gerüttelt. Steele trat das Seitenpedal und drehte seinen Hubschrauber so, dass er dem anderen den Bug zeigte. Das Prinzip der kleinsten Angriffsfläche, aber zugleich eine Einladung, das Cockpit samt Insassen zu zersieben.

Der andere setzte mit dem Feuern aus, um die Richtung zu korrigieren.

Steeles Gegner hatte den Nachteil des größeren Gewichtes. Aber er kannte sein Fluggerät aus dem Effeff und dieser Vorteil wog alles auf.

Steele feuerte ungezielt auf den Gegner und riss seinen Hubschrauber in die Höhe. Bevor er die Aktion beendet hatte, merkte er seinen Fehler. Er hatte den Hubschrauber überzogen. Es gab einen Satz nach oben, dann veränderte sich das Geräusch der Rotoren zu einem gefähr­lichen Heulen und Steele wurde bei dem Sturz fast aus dem Sitz gehoben und gegen die Decke geschleudert. Die Turbinen kreischten mit Überdrehzahl, als die Drehflügel durch die Luft wirbelten, ohne Auftrieb zu erzeugen.

Steele klammerte sich an Pitch und Steuerknüppel fest. Vor ihm kippte die Rasenfläche zur Seite und sprang auf ihn zu. Das Grün füllte die gesamte Scheibe und kam wie eine Lawine auf ihn zu.

Den Aufprall mindern, fuhr es Steele durch den Kopf. Kein vertikaler Einschlag, sondern ein Aufprall im stumpfen Winkel. Aus der Gewissheit des Endes die wenigen Zehntelprozent an Überlebenschance herausklauben …

Der Hubschrauber kam aus der Falllinie. Das Knattern der Rotoren, das Jaulen der Turbinen änderten sich. Der Bug glitt über den Boden, die rechte Kufe pflügte durch den Untergrund, wollte den Helikopter zur Seite ziehen. Für einen Augenblick zischten die Spitzen des Rotors nur Zentimeter durch das Gras, dann riss die Kufe an den Sollbruchstellen ab, krachte noch einmal gegen die zerschossene Seite und hüpfte dann, sich überschlagend über die Wiese.

Als müsste er einen schleudernden Wagen beruhigen, zwang Steele den Helikopter unter seine Kontrolle.

Steele sah auf und blickte direkt auf den anderen Hubschrauber.

Dorkas warf sich mit seinem gesamten Lebendgewicht gegen die Tür und ließ sie zuschla­gen. Dann drehte er hastig den Schlüssel herum. Er schnaufte, als ob ihm die kleine Bewegung die letzten Kraftreserven abverlangt hätte.

Alle hoben die Köpfe und lauschten. Das Dröhnen der zugeschlagenen Tür rollte durch die Gänge und verhallte. Danach stieg die Stille auf und bedeckte alles wie ein weißes Tuch.

Noch niemals hatte der Conte di Saloviva in diesem Gebäude, das er als sein Heim emp­fand, eine solche Stille erlebt. Die Stille des Todes, der Verlassenheit, vielleicht auch die Stille der Erschöpfung.

Natürlich hatte er sich immer wieder in seinen Arbeitsbereich zurückgezogen. Stille war für den Conte als geistigen Menschen eine Notwendigkeit wie das Atmen. Aber selbst hinter den schweren Eichentüren war das Zwitschern eines Vogels zu ihm hineingedrungen, ein lau­ter Zuruf im Garten, Schritte auf einem Gang. Es hatte ihn nicht gestört, sondern er nahm es als wohltuenden Beleg dafür, dass das Leben draußen weiterging.

Dieses Leben schien jetzt erloschen zu sein. Das Gebäude wirkte wie eine ausgebrannte Hülle, die nicht einmal die Erinnerung an den früheren Inhalt bewahren konnte.

Die drei Männer – der Conte di Saloviva, Little und Dorkas – wirkten wie Schatten, die ihre körperliche Substanz von Minute zu Minute verloren. Dorkas schlich von der Tür zu einem Sessel und ließ sich hineinfallen. Die anderen saßen schon, die Unterarme über die Lehnen gelegt, mit hängenden Händen, als wollten sie schon damit jede Möglichkeit abwei­sen, sich jemals wieder zu erheben oder etwas anzufassen.

Es waren die beiden Frauen, die den Gegensatz dazu bildeten. Maddalena, weil sie hem­mungslos weinte und wie ein kleines Mädchen den Arm vor die Augen gelegt hatte. Sie kau­erte in ihrem Sessel, in dem sie von Lucille Chaudieu mehr oder weniger grob hineingesto­ßen worden war.

Lucille selbst schien die Einzige zu sein, die in dieser Situation den Überblick behielt. Sicherlich kam ihr die Ausbildung als Stewardess zugute, bei der das Flugpersonal darauf vor­bereitet wurde, im Krisenfall die Nerven zu behalten, wenn ringsum schon Hysterie am Werk war. Aber das war es nicht allein. Seit sie den Mut gefunden hatte auszusprechen, was in den letzten Jahren als Giftstachel in ihrer Seele geeitert hatte, empfand sie diese innere Wunde als eine Quelle der Kraft.

Lucille baute sich resolut vor Dorkas auf, legte die Hand an dessen Kinn und drehte den Kopf des Wissenschaftlers hin und her. Es hatte etwas von der Prüfung einer Wassermelone auf dem Markt.

»Ich glaube, Ihnen fehlt vor allem eine Tasse Tee«, verkündete Lucille ihre Diagnose mit professioneller Munterkeit.

Dorkas bemühte sich um ein dankbares Lächeln. Schon die Erwähnung des Wortes Tee, mit derartiger Selbstverständlichkeit, als wäre nicht eben vorhin die Welt wieder einmal ­untergegangen, hatte eine aufbauende Wirkung.

»Das Wundermittel könnte wirklich helfen«, krächzte er und leckte sich die aufgesprun­genen Lippen.

Unterdessen ging Lucille schon vor Little in die Knie. Hier war es nicht mit einer Tasse Tee getan. Little hatte alle Farbe verloren und wurde immer wieder von einem Schauer geschüttelt. Auf seiner fahlen Haut glänzte der kalte Schweiß. Er brauchte einen Arzt, er musste ins Bett, und er durfte für die nächste Zeit keinerlei Aufregung haben, sonst war er ein Fall für die geschlossene Abteilung.

Mit diesem Fazit erhob sich Lucille wieder. Sie seufzte und tätschelte Little aufmunternd das Knie. Er ließ es regungslos geschehen, vielleicht registrierte er es überhaupt nicht mehr.

»Sie brauchen einen Arzt«, sagte Lucille zum Conte di Saloviva. »Ich werde Wasser besor­gen, damit ich Sie waschen kann. Irgendwo in der Nähe wird doch wohl ein Wasserhahn sein.«

Der Ton von Lucilles Stimme war eine derartige Mischung aus energischer Krankenschwester und mildgestimmter Wohltäterin, dass sie auf den Conte wie eine Adrenalinspritze wirkte. Er ballte die herabhängenden Hände zu Fäusten, legte sie sich in den Schoß und straffte sich.

»Selbst wenn ich derzeit nicht das blühende Leben repräsentiere«, nuschelte er durch seine geschwollenen Lippen, »so bin ich doch sehr wohl in der Lage, mich selbst zu waschen. Ich bin kein Pflegefall. Also bleiben Sie hier, wir wissen nicht, ob nicht draußen auf den Gängen Gefahr lauert.«

»Es ist alles still.«

»Was hat das schon zu besagen? Wir sollten abwarten, bis Hilfe kommt. Man wird uns suchen. Und wenn es die Feinde sind, die uns suchen, dann ist es am besten, sich nicht zu rüh­ren.«

Während der Conte sprach, hörte Maddalena auf zu weinen. Die Stimme des Conte bewirkte eine Veränderung in ihr. Ihr Klang schien eine Brücke zu bilden, über die Maddalena schreiten konnte und alles, was an Fürchterlichem geschehen war, hinter sich zu lassen, um wieder in das gute, reine, gesicherte Leben an der Seite des Conte einzutreten.

Das Mädchen erhob sich.

»Ich werde Wasser holen«, erklärte Maddalena. »Ich kenne mich hier aus. Ich werde euch pflegen, Conte, ich werde alles wieder gutmachen, ich …« Es sprudelte nur so aus ihr heraus.

Die Hand Lucilles krallte sich um Maddalenas Kragen und stieß das Mädchen heftig zurück in den Sessel. Mit großen Augen, verwundert und zu Tode erschrocken wie ein weid­wundes Rehkitz, schaute Maddalena zu Lucille auf.

»Wage nicht noch einmal, dich von deinem Platz zu rühren, Schätzchen«, fauchte Lucille und schwenkte zur Verdeutlichung möglicher Konsequenzen ihre Faust vor Maddalenas wun­derhübscher Nase. Das mit der Faust war gar nicht so einfach, stellte Lucille fest, zumindest nicht, wenn Frau sich langer, gepflegter Fingernägel rühmen durfte.

»Ich kratze dir die Augen aus«, verkündete sie das Resultat ihrer Überlegungen.

Dann wandte sie sich zur Tür.

»Dass mir keiner von euch Jungs heimlich auf die Piste geht, während ich nicht da bin. Dorkas – Sie treten unserer jungfräulichen Schönheit in die Kniekehlen, falls sie versuchen sollte zu türmen.«

Es war unwahrscheinlich, dass Dorkas jemals in die Verlegenheit kommen würde, diese Anweisung auszuführen. Maddalena hockte wieder mit angezogenen Beinen im Sessel, hatte einen Arm auf die Lehne gestützt und verbarg ihr Gesicht dahinter, während ihr die Tränen über die Wangen flossen und hilfloses Schluchzen den zarten Körper schüttelte.

Mit einem betonten Hüftschwung schob sich Lucille durch die Tür zum Gang. Sie verge­wisserte sich, dass kein Mensch zu sehen war und ließ das Türschloss leise zuschnappen. Dann lehnte sie sich gegen die Tür und wischte sich über die Augen. Sie fühlte sich, als ob man sie durch den Fleischwolf gedreht hätte. Bikiniauftritte waren in den nächsten Wochen gestrichen, es sei denn, sie wollte mit ihren blauen Flecken und blutigen Striemen in der Sado­-Maso-Szene reüssieren. Der Zustand ihrer Haut hätte ihr weniger Kummer bereitet, wenn es darunter nicht so wehgetan hätte.

Und die körperlichen Schmerzen könnte sie auch tapfer ertragen, wenn ihr nicht der Gedanke an Tony Tanner und Steele weitaus üblere Pein verursacht hätte. Wobei der Gedanke an Steele eher einem Bedürfnis nach numerischer Vollständigkeit oder politischer Korrektheit entsprach, während es Lucille wirklich und wahrhaftig nur um Tony ging. Er war so tapfer gewesen und nun wusste sie nicht einmal, wo er war und ob er überhaupt noch lebte …

Sie riss sich aus diesen Überlegungen, lauschte noch einmal und entschied sich für eine Seite des Ganges, im vollen Bewusstsein, dass es die falsche sein würde.

Hier gab es nichts, was an einen Überfall oder an einen Kampf erinnerte. Aber in der lauen Luft lag ein kaum merklicher, fast schon lauernder Brandgeruch und erweckte bei jedem Atemzug Assoziationen, die Lucille am liebsten aus ihrem Kopf vertrieben hätte.

Auf Zehenspitzen schlich Lucille zum Ende des Ganges und schaute sich um. Eine Tür stand offen und gab den Blick auf ein durchwühltes Zimmer frei. Hier mussten die Räume des Personals sein. Also gab es hier auch ein Badezimmer mit einem Wasserhahn.

Lautlos huschte Lucille durch die Tür. Die Freude über den Erfolg ihrer Mission machte sie unvorsichtig. Sie merkte es spätestens, als sich von hinten eine Hand auf ihren Mund legte und sie brutal nach vorne auf das Bett geworfen wurde. Lucille Kopf verschwand in den Kissen, ein Körper warf sich auf sie und drückte sie noch tiefer. Immer noch presste sich die Hand auf ihr Gesicht.

Lucille bekam keine Luft mehr. Sie versuchte, den Kopf zur Seite zu drehen, schaffte es aber nicht. Als sich eine Hand an ihrem Hinterteil und ihren Schenkeln zu schaffen machte, erkannte Lucille, was ihr bevorstand.

***

Steele hatte seine Hubschrauber mit einem Manöver, das in die Annalen der Drehflügler eingehen könnte, vor dem Absturz gerettet.

Und er hatte sich dabei in eine Position manövriert, die seinem Gegner erlaubte, zu voll­enden, was die Flugphysik nicht geschafft hatte.

Die Steuerung hatte bei dem Beschuss oder dem Fast-Absturz gelitten. Jede Bewegung des Knüppels quittierte der Hubschrauber mit einem Rütteln, der ihn an den Rand des Abschmierens brachte. Für Steele bestand die einzige Chance darin, mit ganz vorsichtigen Steuerausschlägen eine Landung hinzulegen. Ausweichmanöver oder schnelle Wendungen waren nicht mehr drin.

Steele schaute nach unten. Der Hubschrauber hatte inzwischen wieder so viel an Höhe gewonnen, dass er einen Absprung nicht überleben würde. Immerhin – einige Sekunden hilf­loses Taumeln in der Luft und ein Aufprall, den er nicht einmal mehr merken würde, und dann wäre die Sache ausgestanden.

Die andere Option war, darauf zu warten, dass der andere Helikopter ihn in Stücke schoss. Der andere ließ sich Zeit. Und weil Steele Zeit als den einzig ausschlaggebenden Faktor ansah, wählte er die andere Option und hielt seinen rüttelnden, scheppernden Hubschrauber in der Luft und schaute mit kalten Blicken auf den Gegner.

Ihm wurde langsam eine Tatsache deutlich. Sie hatte nichts mehr zu bedeuten, aber sie gab ihm zumindest die Möglichkeit, die Aktionen des anderen vorauszuahnen.

Die beiden Hubschrauberpiloten waren nicht einfach bloß Söldner gewesen oder waren durch eine militärische Kameradschaft verbunden. Sie waren Freunde, vielleicht enge Freunde. Darum ging es Steeles Gegner nicht einfach darum, ein Zielobjekt zu vernichten. Er wollte Rache. Und weil er keine andere Chance für diese ganz persönliche Vergeltung hatte, ließ er jede militärische Vernunft beiseite. Er schoss nicht, um dann sofort zu verschwin­den.

Nein, er wollte den anderen winseln hören. Er wollte ihm die letzten Sekunden zur Hölle machen.

Die Rohre der Maschinenkanonen waren jetzt unter dem Bug des Helikopters ausgefah­ren. Als der andere langsam um Steeles fliegendes Wrack kurvte, folgten die Mündungen automatisch dem einprogrammierten Ziel. Das war ein charmanter Punkt auf der Zubehörliste, wie Steele sich eingestand. Leider war diese Option irgendwo in irgendeinem Menüpunkt irgendeines Monitors verborgen und entzog sich damit gänzlich Steeles Zugriff.

Steeles blickte unverwandt geradeaus, während der andere Helikopter, das Cockpit auf ihn gerichtet, langsam seine Runde fortführte. Die Vorstellung war reif für eine Flugschau. Sie hatte den müden Glanz eines Stierkampfrituals.

Der Hubschrauber kehrte in seine Position gegenüber Steele zurück – in leichter Überhö­hung, sodass Steele keine Chance hatte, seine Waffen erfolgreich abzufeuern. Abgesehen davon hielt Steele seine Mühle für derart ramponiert, dass jeder Rückstoß einer abgefeuerten Waffe sie sofort zerrissen hätte.

Der andere Pilot richtete seine Waffen aus. Er wollte nicht einfach den anderen Hubschrauber zerstören. Er wollte Steele mitten ins Herz treffen.

Der Steuerknüppel begann zu vibrieren. Die Bewegung setzte sich in Steeles Arm fort und schüttelte seinen gesamten Oberkörper. Die Steuerungsmechanik zerlegte sich langsam, aber unaufhaltsam in Einzelteile. Steele registrierte dieses Faktum ohne Emotion. Er war weder gelassen noch gefasst noch furchtsam. Ihm war alles egal, eine große Leere breitete sich in ihm aus und er fragte sich eine Sekunde lang, ob diese völlige Distanz zu allem ein Segen oder ein Fluch war, ein Zeichen für äußerste Beherrschung oder komplette Verblödung. Die Antwort gab er sich nicht, denn auch sie war ihm egal. Allenfalls konnte er in sich einen leich­ten Ärger darüber finden, dass er hier zu einem passiven Objekt geworden war, während ein anderer auf bombastische Art seinen Abgang inszenierte.

Steele hörte einen Schuss.

***

Jemand rammte seine Knie zwischen Lucilles Schenkel, drängte sich zwischen ihre Beine. Der Schock wirkte wie eine Initialzündung. Sie nahm alle Kräfte zusammen, krümmte sich und konnte einen Arm befreien. Wie eine Furie ließ Lucille Chaudieu ihre Krallen durch die Luft sausen, ziellos, bis sie einen Widerstand spürte und zugriff und einen Schrei als Antwort bekam.

Der Griff um ihren Mund lockerte sich. Lucille konnte den Mund öffnen und zubeißen. Mit Befriedigung schmeckte sie Blut und hörte einen erneuten Schmerzensschrei. Es war eine weibliche Stimme.

Jetzt verschwand das Gewicht, das Lucille in die Matratze gepresst hatte. Sie konnte die Beine anziehen und sich drehen. Jemand riss an ihren Haaren, die Strähnen fielen ihr ins Gesicht, sodass Lucille nichts mehr sehen konnte. Dafür erwischte sie selbst einen Haarschopf und begann mit gefletschten Zähnen daran zu zerren.

Durch Lucilles Wut schob sich die Verwunderung, es mit einer Frau zu tun zu haben. Die Überlegung lief im Hintergrund ab, während sie an den fremden Haaren riss und mit der ande­ren Hand ein fremdes Handgelenk umklammerte. Beide Frauen stöhnten und ächzten. Es klang so ähnlich wie ein Damen-Tennismatch. Nur nicht ganz so penetrant.

Lucille glaubte einen Ärmel aus dem weiß-blau gestreiften Stoff zu erkennen, aus dem die Röcke des Hauspersonals gefertigt waren. Eine von den Verrätern, schoss es Lucille durch den Kopf. Die aufbrandende Wut half ihr, die letzten Energien zu mobilisieren. Sie begann, wild in die Luft zu treten. Nach vier Versuchen landete sie einen Treffer. Es schien ihr fast die Zehen zu brechen, aber der Erfolg rechtfertigte den Aufwand. Die Hand, die sich eben noch in Lucilles Haar verkrallt hatte, verschwand. Lucille stieß beide Arme vorwärts, spürte einen Widerstand, hörte ein Poltern.

Bevor sie sich blind auf den Gegner stürzen konnte, wurde sie von beiden Seiten in die Zange genommen. Lucille kreischte und trat um sich.

»Signora, per favore …«

Die Männerstimme hatte etwas Beschwörendes. Lucille wurde losgelassen und blies mit dem Geräusch eines auftauchenden Walrosses die Strähnen aus ihrem Gesicht. Die sich nun bietende Perspektive zeigte ein Hausmädchen, das in recht uneleganter Pose, mit zerwühlter Frisur, auf dem Boden saß und mit spitzen Lippen auf ihren blutenden Zeigefinger pustete.

»Ein bedauerliches Missverständnis, Signora«, erklärte der ältere der beiden Diener, die neben Lucille standen. »Wir waren nicht sicher, ob sich nicht noch einige von denen hier herumtreiben. Einige hatten sich versteckt und griffen aus dem Hinterhalt an. Unsere Nerven sind etwas angespannt …«

»Trotzdem, ist das eine Art, eine Dame zu behandeln, so eine elende Schitte!?«, fauchte Lucille. Sie rückte mit einigen energischen Bewegungen ihre Kleidung zurecht und bemühte sich, ihre derangierte Haarpracht wieder unter Kontrolle zu bringen.

»Wir sind auf der Suche nach dem Conte di Saloviva.«

»Ich weiß, wo der Conte ist«, antwortete Lucille, mit besonderer Betonung des ersten Wortes. Sie winkte den beiden Männern, ihr zu folgen. An der Tür drehte sie sich noch ein­mal um und deutete auf das Hausmädchen.

»Die Kleine sollte sich ihren schamlosen Finger zur Vorsicht desinfizieren«, schnurrte sie mit verachtungsvoll hochgezogenen Brauen. »Es gibt nämlich Leute, die behaupten, ich hätte Giftzähne.«

***

Vor Steeles Augen platzte der andere Helikopter auseinander. Die Turbinen explodierten und schleuderten ihre Trümmer umher, der Rumpf stürzte in einer Rauchwolke ab und schlug einen Krater in den Boden. Es gab keine Explosion, denn die Tanks waren fast leer. Aus den Trümmern schlugen kleine Flammen und ließen Rauchfäden steigen. Was geschah war so unspektakulär, dass jeder Regisseur die Szene aus seinem Film herausgeschnitten hätte.

Die umherwirbelnden Trümmer prasselten auch gegen Steeles Hubschrauber. Ein größe­res Teil knallte gegen die Cockpitverglasung und überzog sie mit einem Netz feiner Brüche, durch die nichts mehr zu erkennen war.

Steele musste sich zur Seite beugen, um den neuen Gegner zu finden.

Am Rand des Geländes, wo die Rasenfläche von Bäumen begrenzt wurde, wimmelte es von Männern. Zwischen ihnen stand ein kleines Kettenfahrzeug. Aus der Entfernung konnte Steele nicht erkennen, um welchen Typ es sich handelte. Aber es konnte nur ein uraltes Gerät aus den Zeiten des Zweiten Weltkriegs sein.

Eine schwarze Abgaswolke stieg auf, als der Panzer sich ein Stück zur Seite drehte, um Steele ins Visier zu nehmen.

Ein Jagdpanzer oder ein Sturmgeschütz, fuhr es Steele durch den Kopf, kein Drehturm, Seitenausrichtung mit dem ganzen Fahrzeug. Und dann fragte er sich, wo der Unterschied lag – jetzt, wo er es wusste. Das Rohr ruckte ein Stück höher. Es war so schwer, dass der ganze Panzer ins Schaukeln kam.

Über den Rasen lief eine Gestalt direkt auf den Panzer zu. Ihre Hände waren in die Höhe gehoben und wedelten mit abwehrender Geste.

Tony Tanner hatte nicht gedacht, jemals im Leben noch einmal so schnell laufen zu kön­nen. Er schrie und wedelte und rannte gleichzeitig auf die Männer am Waldrand zu.

Als er den Panzer erreicht hatte, war er derart außer Atem, dass er keinen Ton heraus­brachte und nur noch nach Luft schnappen konnte. Quietschend öffnete sich eine Klappe, fiel scheppernd auf den Stahlrumpf des Panzers und ein Mann schob sich hindurch. Tony kannte ihn. Es war der Fahrer des Traktors, der sie am Tage ihrer Ankunft vom Flugfeld abgeholt hatte. Als er sich jetzt umschaute, glaubte er, weitere bekannte Gesichter zu erkennen. Die Männer, die in Zivilkleidung, aber bis an die Zähne bewaffnet eine Schützenlinie bildeten und nun langsam über den Rasen vorrückten, waren bei Tonys Ankunft dagewesen oder er war ihnen zwischendurch einmal auf dem Gelände von Collesalvetti begegnet, wo sie als Gärtner, Lieferanten oder Handwerker auftauchten.

Jetzt hatten sie ihre Arbeit, wo sie saßen und standen, fallengelassen, um dem Conte zu Hilfe zu eilen. Tony sah ölverschmierte Blaumänner, Kittel und Arbeitsjacken. Einer, wahr­scheinlich ein Bäcker, hatte sich eine dunkle Decke über die auffällige weiße Kleidung geworfen. Es war eine zusammengewürfelte Gesellschaft, die auf den ersten Blick etwas von einer Maskerade oder einer improvisierten Jagdpartie an sich hatte.

Die Art, wie sie ihre Waffen handhabten, wischte diesen ersten Eindruck wieder weg. Diese finster blickenden Männer wussten, was sie taten und keiner von ihnen würde vor irgendeinem Gegner zurückweichen.

»Gestatten, mein Name ist Piero di Petri!«

Die Stimme kam von der Seite und ließ Tony zusammenzucken. Er blickte sich um und sah einen Mann, der sich auf einen mannshohen Stock stützte. Die straffe Haltung und die schlanken Glieder ließen Piero di Petri jünger erscheinen als er war, sodass sein schwerer Kopf wie ein unpassender Aufsatz wirkte. Di Petris Gesicht leugnete keines der vielen Lebensjahre dieses alten Mannes. Es war eine sonnenverbrannte Landschaft tiefer Falten, aus denen ein Paar Augen hell und scharf blickten. Der Mund war ein lippenloser Strich, zwei tiefe Kerben, die links und rechts der Nase an den Mundwinkeln vorbei zum Kinn verliefen, gaben dem Gesicht den Charakter eines dreieckigen Warnschildes, das eine Gefahrenstelle ankündigt. Wenn di Petri mit seiner rauen, kehligen Stimme sprach, kullerten ihm die R-Laute drohend und hart, als hätten sie grob gehauene Kanten, über die Zunge. Diese Aussprache hatte nichts mit dem Nobel-Italienisch des Conte oder dem toskanischen Zungenschlag zu tun. Sie klang nach dem tiefen Süden, nach Hitze, vulkanischen Inseln, Fischern, Seefahrern und einer uralten mediterranen Kultur.

Tony stellte sich vor – es kam ihm in dieser Situation selbst ein wenig blöde vor, aber konnte nicht aus seiner Haut und so rasselte er die Eckdaten seines gesellschaftlichen Daseins herunter, als stünde er mit Schampusglas in der Hand auf einer glanzlackierten Dinnerparty.

Di Petri nickte nur. Er kannte Tony. Dann wandte er sich um und rief seinen Leuten eini­ge Befehle zu. Der Panzer ruckte an und setzte zurück in den Wald. Man wollte den Rasen nicht über Gebühr strapazieren. Die Männer rückten im Laufschritt vor und bildeten dann ein­zelne Gruppen, die das Gelände durchstreiften.

In diesem Moment stürzte Steeles Hubschrauber ab. Steele hatte versucht, die Flughöhe langsam zu verringern. Es war ihm zuerst gelungen, dann brach irgendein wesentliches Teil am Steuergestänge und er fiel wie ein Stein. Die Turbinen heulten auf und verstummten mit einem schrillen Misston. Das Heck des Hubschraubers bohrte sich in den Boden, der wirbeln­de Heckrotor wühlte Gras und Erde auf. Dann hackte der Hauptrotor in die Erde, barst in tau­send Stücke und riss den Rumpf in eine halbe Drehung. Er kam auf der Seite zu liegen.

Die umstehenden Männer warfen sich auf den Boden und versuchten, sich vor den umher­fliegenden Trümmern zu schützen. Es gab einen dumpfen Knall, Flammen schlugen aus dem Rumpf.

Für einen Moment hörte man nichts als das Knacken von überhitztem Metall und das Splittern von Glas. Die Seitentür des Helikopters wurde halb aufgestoßen. Steele schob sich an der klemmenden Tür vorbei und rutschte auf den Boden. Er hatte seine verbliebene Zeit genutzt, um sich einen herumliegenden Helm aufzustülpen. Das aber hätte ihm nichts genutzt, wenn der Rumpf auf der Seite, auf der er saß, eingeschlagen wäre.

Steele humpelte über den Rasen auf Tony Tanner zu und versuchte, sich darüber klar zu werden, warum er noch lebte. Er fand keine hinreichende Erklärung. Es war Zufall. Er hatte auf der richtigen Seite des Hubschraubers gesessen, das Gestänge hatte sich nicht in fünfzig Meter Höhe demontiert, sondern in fünfzehn … Am Ende lief alles darauf hinaus, dass er Glück gehabt hatte und noch lebte und dass alles ganz anders hätte ausgehen können. Seine Familie hatte kein Glück gehabt, das war die ganze Geschichte.

Steele fühlte eine Bitterkeit auf der Zunge, als hätte er Asche gegessen.

Neben Steele stolperte Tony Tanner auf das Gebäude zu. Er hatte jetzt Schwierigkeiten, überhaupt die Füße hoch genug zu heben, um nicht ständig über das kurz geschnittene Gras zu stolpern. Er musste sich auf das Gehen konzentrieren, als bestünde der Untergrund aus glat­tem Eis.

Die Stille über dem weiten Gelände kam ihm sonderbar vor. Es gab keine Schüsse, kein Rotor knatterte, kein Motor überdeckte das Zwitschern der Vögel, die sich wieder aus den umliegenden Gehölzen hören ließen. Der Himmel wölbte sich weit und hoch über Collesalvetti und es gab keinen Hubschrauber, der einen Teil dieses Raumes für sich in Anspruch nahm.

Jetzt brandeten Hochrufe auf und die Männer schwenkten ihre Waffen über den Köpfen. Erstaunt hob Tony den Blick. Auf der Terrasse vor dem Haupteingang waren einige Personen erschienen. Man hatte den Conte kurzerhand in einen großen Sessel gesetzt, der von vier kräf­tigen Bedienten auf den Schultern getragen wurde. Von dort oben winkte der Conte mit mat­ten Bewegungen, denen man die Anstrengung ansah, die sie dem zu Tode erschöpften Mann kosteten. Tony erkannte Little, der halb getragen werden musste, Dorkas, Lucille … und Maddalena. Sein Herz tat einen Sprung. Sie stand etwas abseits und ein Diener musste sie am Arm stützen, aber sie lebte und schien unversehrt! Wenn Tony bisher das Gefühl gehabt hatte, jede Sekunde dieses Tages wäre eine Mauer, gegen die er anrennen müsste, nur um zur nächs­ten Sekunde zu gelangen, so hatte sein Dasein jetzt wieder eine Perspektive.

Von der Seite ertönte Lärm und nahm Tonys Aufmerksamkeit gefangen. Die Männer des Conte bildeten einen Kreis, vom Hauptgebäude her rannten andere Bewaffnete zu ihnen. Ihre Rücken verdeckten die Sicht, auf das, was sich im Kreis befand. Aber plötzlich sah Tony einen Körper hochwirbeln, als würde er von einer Explosion in die Luft geschleudert. Die Gestalt flog, sich wie eine leblose Puppe überschlagend, über die Köpfe der Männer hinweg und stürzte hinter ihnen auf den Boden. Ein, zwei Männer liefen zu dem Gestürzten und hal­fen im auf. Er schien betäubt, aber nicht schwer verletzt und wurde zum Haupteingang geführt.

Unterdessen bewegte sich der Kreis langsam, als wenn in seiner Mitte ein Kraftfeld exis­tierte, das seine Bewegungen bestimmte, auf Tony und Steele zu. Mit unerwarteter Plötzlichkeit kamen die Männer ins Laufen, rannten auf die beiden zu und im nächsten Moment befanden sich Steele und Tony unter den Männern, die den Kreis bildeten.

Keiner der beiden kannte die Gestalt, die mitten im Kreis stand. Weder Steele noch Tony waren bis zu diesem Moment dem Boten begegnet. Die hagere Gestalt in der weiten schwar­zen Lederkutte wirkte wie ein Wesen aus einer anderen Welt, dieser Schöpfung, dieser Landschaft nicht zugehörig, fremdartig und unpassend wie ein Tiefseefisch. Gebückt, die Arme ausgebreitet wie Hörner drehte sich der Bote um sich selbst. Der Saum seiner Kutte raschelte über das Gras. Sein Kopf war von der Kapuze bedeckt, dennoch spürte Tony den Blick, der ihn traf wie einen eiskalten Stich.

Jemand versuchte, den Boten von hinten anzugreifen. Die vermummte Gestalt fuhr herum, der Angreifer schien gegen eine Wand zu prallen und taumelte zurück. Sein Nachbar hob die Waffe, legte an … und ließ das Gewehr wieder sinken, mit verwundertem Blick, als hätte er vergessen, was seine Absicht gewesen war.

Tony konnte die Macht dieser düsteren Gestalt spüren. Er fand keine Worte dafür, aber jede seiner Nervenzellen registrierte die Bedrohung, die wie schwüle Gewitterluft über dem Kreis lag. Als sich die Gestalt ihm zuwandte, brandete in Tony Panik auf.

Wie eisige Finger glitten die Blicke des Boten über sein Gesicht, tasteten ihn ab, griffen unter seine Haut. Obwohl ihm vor Kälte fror, rann Tony der Schweiß über das Gesicht. In sei­nem Kopf lief ein Film ab, Erinnerungen, die er verdrängt hatte, denen er nie wieder begeg­nen wollte. Er wusste, dass es der Vermummte war, der sie aus seiner Seele grub und damit sein Spiel trieb. Tony schwankte und stieß gegen Steele, der neben ihm stand.

Steele schien von dem Einfluss des Boten nicht berührt zu werden. Er betrachtete das Geschehen auf eine düster amüsierte Weise, wie eine surreale Zirkusvorstellung. Jetzt erst, als Tony Tanner schwankte und das schweißglänzende Gesicht verzerrte, empfand auch er die Gefahr.

Steele machte einen Schritt zur Mitte des Kreises. Die vermummte Gestalt erstarrte. Steele machte noch drei Schritte, hob die rechte Faust und ließ sie auf das verborgene Gesicht unter der Kapuze krachen. Seine linke Faust schoss in einer Art Gegenbewegung in die eige­ne linke Hüfte und drehte sich dabei nach oben. Damit wurde die Wucht der rechten Faust mehr als verdoppelt. Steele ließ den Schlag für einen Sekundenbruchteil in der Luft stehen, als habe ein Stroboskopblitz die Bewegung für einen Moment eingefroren. Dann drehte er sich um und ging zurück auf seinen Platz. Dabei rieb er sich die Hand.

Der Schlag knallte und ließ den Boten taumeln. Die Kapuze flog nach hinten und gab den Kopf frei – einen kahlen Schädel von gelblicher Farbe, eine große, schmale Nase, einen lip­penlosen Mund. In seiner halben Betäubung wurde Tony bewusst, wie groß die Ähnlichkeit dieses Unbekannten mit di Petri war. Sie hätten Brüder sein können, sogar Zwillinge. Nur die pechschwarzen Augen des Unbekannten machten einen eindeutigen Unterschied.

Steeles Schlag hatte den Boten schwer getroffen. Aus seiner Nase spritzte in einem dicken Strahl Blut. Sehr dunkles Blut, wie Tony verwundert feststellte, geradezu schwarz.

Der Bote geriet in ein unkontrolliertes Taumeln und stürzte zu Boden. Ächzend bemühte er sich, wieder auf die Beine zu kommen. Aber seine Kraft schien gebrochen. Auch die Kraft, die er auf die Umstehenden ausgeübt hatte. Mehrere Männer hoben jetzt die Gewehre, um ihm ein Ende zu machen.

»Kein Blut mehr!« Das war die Stimme di Petris. »Kein Blut mehr, sage ich!« Di Petri brauchte sich nicht durch die Männer zu schieben, sie machten ihm sofort respektvoll Platz.

Der Alte stützte sich auf seinen langen Stock und beobachtete die verbissenen Bemühungen des Boten, sich aufzurichten. Dann hob er den Stock und rammte dem Boten das Ende in den Nacken.

Das schauderhafte Krachen, mit dem das Genick brach, schien über das ganze Gelände zu schallen. Der Bote brach wie vom Blitz getroffen zusammen und blieb reglos liegen. Ohne ihn anzufassen, nur mithilfe seines Stocks, drehte die Petri sein Opfer auf den Rücken.

Der Getötete war unter seiner Kutte nackt. Der hagere Körper war über und über mit Tätowierungen bedeckt, durch die Brustwarzen und den Nabel waren eiserne Ringe gezogen.

Schweigend betrachteten die Männer den Toten. Dann erzählte einer, dass sie ihn in einem Versteck im Gebüsch aufgespürt hatten. Sie bemerkten kaum, dass die vier Träger mit dem Conte herantraten.

Dorkas betrachtete mit hängender Unterlippe, die merklich zu beben begann, den Toten.

»Wir müssen die Tätowierungen aufzeichnen und sorgfältig studieren«, erklärte der Conte von seinem Tragesessel herab. »Eine solche Gelegenheit dürfen wir nicht verstreichen lassen. Allerdings …« Der Conte warf einen Blick auf Tony Tanner und Steele. »… Allerdings könnte dies ein Pyrrhussieg sein.«

»Warum?« Steele blickte den Conte nicht an, sondern betrachtete kühl den toten Boten.

»Weil es eine Probe sein könnte. Brantley hat seinen besten Mann gesandt, um herauszu­finden, wer noch stärker ist. Dieser Mann hier konnte in die Seelen greifen und einen ande­ren innerhalb von Sekunden in den Irrsinn treiben. Und er konnte den Willen jedes Menschen lähmen. Es sei denn, er begegnete einem Gegner, dessen Wille noch stärker, noch fester war.«

Jetzt hob Steele langsam den Kopf und sein Blick traf sich mit demjenigen des Conte.

»Und was bedeutet das nun?«

»Dass wir vorsichtig sein müssen.«

Tony hatte seine Betäubung unterdessen überwunden und hatte nur noch Atemprobleme, weil ihm Lucille um den Hals fiel. Über ihre Schulter hinweg sah Tony Maddalena, die immer noch gestützt werden musste. Unwillkürlich strafften sich seine Schultern. Lucille bemerkte die Bewegung und verstand, was sie bedeuten sollte.

Sie ließ Tony los.

»Verzeihung«, sagte sie, »ich werde meinen Enthusiasmus bei den nächsten Begegnungen bändigen.«

Sie wollte sich abwenden, aber Tony hielt sie zurück.

»Entschuldige«, antwortete er und probte den Dackelblick. »Mein Rücken besteht nur noch aus blauen Flecken. Das hemmt ein wenig die Begeisterung.«

Lucilles Hand wollte seine Wange streicheln, blieb aber auf halbem Wege hängen.

»Ich verstehe, tut mir leid«, flüsterte sie dankbar und lächelte ihn an. Es war ein Lächeln, vielversprechend wie eine frisch erworbene Kreditkarte.

Zusammen gingen sie zum Haupteingang.

Dort wartete eine Gruppe Männer, die eine gekrümmte, schwarz gekleidete Gestalt zwi­schen sich hatten. Es war Panpopidis. Er wimmerte vor Angst leise vor sich hin. Auch er war dem Strafgericht des Meisters Ki entkommen und hatte sich versteckt. Die Männer warteten auf das Urteil des Conte.

»Lasst ihn gehen«, sagte der Conte müde. »Er soll verschwinden und sich nie wieder bli­cken lassen.«

Die Männer zögerten, als hätten sie die leise gesprochenen Worte nicht recht verstanden.

»Ist das euer Wille?«, erkundigte sich di Petri. Der Conte bestätigte sein Urteil nur mit einem leichten Nicken und di Petri gab den Leuten ein Zeichen.

Derjenige, der Panpopidis mit einem Catchergriff festgehalten hatte, ließ los, nicht ohne seinem Gefangenen noch einen kraftvollen Tritt in den verlängerten Rücken mitzugeben.

Panpopidis stolperte wie ein Betrunkener davon. Erst in sicherer Entfernung mäßigte er sein Tempo, stolzierte wie ein Pfau weiter, um sich dann am Waldrand noch einmal umzudre­hen.

Er drohte mit der Faust und schrie ihnen etwas zu.

Aber keiner verstand seine Worte.

Mitten in der Nacht erwachte Tony Tanner mit einem Schrei und fand sich, nachdem er die letzten Traumbilder aus seinem Bewusstsein verscheucht hatte, aufrecht im Bett sitzend wieder. Sein Pyjama war schweißgetränkt und er keuchte, als hätte er einen Hundert-Meter-Lauf absolviert.

An Schlaf war nicht zu denken. Tony machte einen Versuch, schloss die Augen und fuhr sogleich wieder in die Höhe. Seine Furcht, die schrecklichen Bilder des Traumes könnten wiederkehren, war einfach zu groß. Er stieg aus dem Bett, tastete sich im Dunkeln durch das Zimmer und trat auf den Balkon. Eine schmale Mondsichel gab ein unsicheres Licht. Tony fand einen Sessel und ließ sich hineinfallen.

Es war eine gewohnte Bewegung und ein bekanntes Gefühl – genau jene Vertrautheit, die er brauchte. Die Polster des Sessels hüllten ihn ein und gaben ihm Sicherheit. Für einen Augenblick überkam ihn eine heitere Stimmung, als wäre die Zeit zurückgedreht und er säße hier, um sich auf Collesalvetti auszuruhen und zu entspannen. So, als wäre das Ereignis, das sein Jetzt von dem Vergangenen trennte wie ein tiefer chirurgischer Schnitt, nicht mehr als ein schlechter Traum.

Schlechter Traum – das war Tonys Stichwort. Es kostete ihn einiges an Überwindung, aber er versuchte dennoch, sich zu erinnern.

Aber so sehr er sich auch mühte, gelang es ihm nicht, die Bilder zu finden, die ihn so erschreckt hatten. Schließlich kam er zu dem Ergebnis, dass dieser Traum eher ein Gefühl ver­mittelt hatte, das Gefühl von Unsicherheit und völligem Ausgeliefertsein. Als er so weit war, erinnerte sich Tony an ein graues Licht, das in dem Traum geschienen hatte. Noch nie hatte er ein solches Licht gesehen, grau und trübe wie ein Novembertag, fast als wäre es eine Art von zu Licht gewordener Asche und dabei bedrückend wie das Flüstern einer schlechten Nachricht. Allein daran zu denken reichte aus, um ihm schon wieder einen Schauder über den Rücken zu jagen.

Jenseits der großen Wiese, die als mattgraue, fast körperlose Fläche im Mondlicht lag, fla­ckerte der helle Schein einer Taschenlampe. Tony spürte, wie sein Herz schneller pochte. Die Stimmen zweier Männer klangen durch die Stille, dann verlosch die Lampe. Tony lehnte sich mit einem Seufzer zurück. Es waren Männer aus dem nahe gelegenen Dorf, die in den letzten Nächten Wache gehalten hatten.

Diese Tatsache sollte eigentlich geeignet sein, um in Tony das Gefühl von Sicherheit zu verstärken. Aber seine innere Berechnungsgrundlage war eine andere. Als Fazit kam heraus, dass Wachen nur dort aufziehen müssen, wo eine Gefahr herrscht. Und dass man Wachen und ihre Effektivität nie überschätzen sollte.

Nun ja – Tony tastete nach dem Tisch und dann nach einer halb vollen Weinflasche, die er dort stehen gelassen hatte – inzwischen reagierte er auf jeden kleinen Vorfall mit der Panikbereitschaft einer neurotisierten Hühnerschar.

Tony setzte die Flasche an die Lippen, verschluckte sich und musste laut husten. Sofort blitzten auf der Wiese zwei starke Handscheinwerfer auf, ihre Lichtstrahlen glitten über die Fassade und erfassten Tony Tanner. Er kniff geblendet die Augen zusammen und grüßte mit der erhobenen Flasche. Das Licht erlosch und ließ Farbflecke zurück, die vor seinen Augen tanzten, bis sie langsam verblassten.

Die Männer von di Petri passten auf, das musste ihnen der Neid lassen. Tony nahm, dies­mal vorsichtiger, noch einen Schluck und ließ den zu warmen Wein genüsslich über die Zunge in den Rachen fließen. Nach einer Weile spürte er eine angenehme Wärme im Bauch und das leichte Prickeln im Blut, das einen Rausch ankündigte.

Das graue Licht also -! Aber da war noch was. Jetzt erinnerte er sich. Da war ein Gesicht gewesen. Tony schüttelte die Flasche, einige Schlucke meldeten sich zu seiner Freude noch glucksend aus dem Behälter.

Ein Gesicht also. Das Gesicht eines Mannes. Der Mann hatte ihn angestarrt. Er hatte sich über Tony gebeugt, als wäre die reale Situation des Schläfers direkt in den Traum übertragen worden und hatte ihn angestarrt. Kalt, prüfend und mit mitleidloser Beharrlichkeit. Tony konnte nichts dagegen tun. Er war ebenso hilflos wie ein Stein, der von einem Spaziergänger aufgehoben und betrachtet wird. Er versuchte sich daran zu erinnern, ob er schon einmal einen solchen Traum gehabt hatte, kam aber zu keinem Ergebnis.

Damit war das Thema Traum abgeschlossen.

So, das war endgültig der letzte Schluck gewesen. Tony setzte die Flasche mit übermäßi­gem Schwung auf den Tisch. Es gab einen Knall und, als hätte er einen Schalter gedrückt, blitzte auf der Wiese ein Licht auf. Nur kurz allerdings, dann schienen sich die Wachleute daran zu erinnern, dass auf dem Balkon ein komischer Kauz an seinem Alkoholkoma arbei­tete.

Zeit, wieder ins Bett zu gehen. Tony stand auf, bekam den erwarteten Alkoholhammer in den Nacken und wankte zur Zimmertür. Er setzte einen unsicheren Fuß über die Schwelle, drehte sich fluchtartig um und kehrte zu seinem Balkonsitz zurück. Dort atmetet er eine Weile tief ein und aus und starrte in den Mond.

Er hatte wieder diesen Geruch in der Nase gehabt. Diese Mischung aus frischer Farbe, Mörtel und kaltem Rauch. Ein abstoßender Cocktail aus Neubau und qualmender Ruine. Dies war nun, wo fieberhaft an der Ausbesserung der Schäden gearbeitet wurde, der typische Collesalvetti-Geruch. Man versuchte, ihn mit einer Überschwemmung von Duftwasser und Unmengen von frischen Rosensträußen zu überdecken. Die meiste Zeit hatte man damit Erfolg.

Aber es schien so, als könnte sich dieser Geruch zusammenballen, sich irgendwo in einer Ecke verstecken, um dann einem Vorübergehenden aufzulauern und ihn blitzartig zu überfal­len. Wenn man ihn erst einmal in der Nase hatte, klebte er zäh wie Pech an der Schleimhaut und erinnerte bei jedem Atemzug an genau das, was ein gnädiger Verdrängungsmechanismus schon ein wenig in den Hintergrund des Denkens geschoben hatte.

Fortsetzung folgt …