Felsenherz der Trapper – Teil 01.6
Felsenherz, der Trapper
Selbst Erlebtes aus den Indianergebieten erzählt von Kapitän William Käbler
Erstveröffentlichung im Verlag moderner Lektüre GmbH, Berlin, 1922
Überarbeiteter Text
Band 1
Die Felsenfarm
Sechstes Kapitel
Im Lager der Comanchen
In dem nördlichen Präriewinkel zwischen dem felsigen Höhenzug, der sich bis ans Ende der Halbinsel erstreckte, und dem bewaldeten Ufer des Mazapil war an diesem Morgen ein großes Indianerlager mit sechzig Lederzelten entstanden.
Als Felsenherz nun zum Beratungsplatz in der Mitte des Lagers gebracht wurde, staunte er über die große Anzahl von Comanchen, die sich hier versammelt hatten. Er hatte die Zahl der Reiter aus der Fährte also sehr unrichtig abgelesen. Er schätzte die Comanchen nun auf mindestens zweihundert Krieger. Dann kamen ein Dutzend Frauen, allesamt alte Indianerinnen mit von Falten zerfurchten Gesichtern.
Im Nu war in der Mitte des Beratungsplatzes ein großer Holzpfahl eingegraben, an dem man Felsenherz jetzt aufrecht mit Lassos festband.
Der Schwarze Panther hatte sich bisher nicht wieder blicken lassen. Auch die Comanchenkrieger schienen sich um den Gefangenen nicht weiter zu kümmern.
Die Sonne stand im Zenit. Es war Mittag geworden. Felsenherz befand sich in einer Verfassung dumpfer Gleichgültigkeit. Ihn peinigte der Durst. Doch er beachtete ihn kaum. Seine Gedanken kreisten nur um Selbstvorwürfe. Durch eine einzige Unüberlegtheit hatte er alle seine Rachepläne zunichte gemacht. Nur um sich eine Büchse zu verschaffen, hatte er den Pferdewächter niedergeschlagen. Hätte er mit ruhiger Überlegung gehandelt, wäre er jetzt noch frei. Nun aber gab es für ihn kein Entrinnen mehr. Birth hatte ihm genug von der Grausamkeit der Rothäute erzählt.
Er hatte daher mit dem Leben abgeschlossen. Helene würde nie so gerächt werden, wie er es an ihrem Grab geschworen hatte.
Er hatte die Augen halb mit den Lidern bedeckt und den Blick zu Boden gerichtet. Vor ihm saßen zwei Comanchen als Wächter. Plötzlich wurde er angesprochen.
Der schwarze Panther stand vor ihm. Die dunklen Augen des jungen Häuptlings ruhten mit einem fast neugierigen Ausdruck von Spannung auf seinem Gesicht.
Felsenherz schoss das Blut in ohnmächtigem Grimm in die Wangen. Er unterbrach den Comanchenhäuptling und brüllte ihn hasserfüllt an: »Du fragst mich, wer die Farm eingeäschert hat?! Du selbst warst es, heuchlerischer Bursche – du selbst! Dein Tomahawk steckte noch in der Schädelwunde des blonden Mädchens, das meine Verlobte war!«
Der Schwarze Panther griff nach dem Messer. Aber die Hand sank wieder herab.
»Das Bleichgesicht redet irre«, sagte er kalt. »Ich spreche nie mit gespaltener Zunge. Wir haben die Farm nicht niedergebrannt!«
»Und was ist mit deinem Tomahawk, elende Rothaut?!«, schrie Felsenherz in wachsender Wut. »Wie kam dein Wurfbeil, in dessen Stiel ein schwarzer Panther eingeritzt war, in die Todeswunde? Du bist ein feiger Lügner, ein vielfacher, heimtückischer Mörder.«
Das Jagdmesser des jungen Comanchen zuckte wie ein Flammenstrahl auf, sauste, blitzschnell geschleudert, auf Felsenherz’ Brust zu.
Aber eine höhere Macht lenkte die todbringende Klinge: Die Spitze traf die rote Koralle der Nadel, glitt nach links ab, fuhr an der Seite des Halstuches entlang und blieb in dem ledernen Jagdwams an der Schulter stecken.
Im selben Augenblick kam ein Comanche herbeigelaufen, reichte dem jungen Häuptling einen Tomahawk und redete dabei lebhaft auf den Schwarzen Panther ein.
Dieser wandte sich nun an Felsenherz. Deutlich war zu erkennen, wie erstaunt er darüber war, dass man ihm diesen Tomahawk überbracht hatte.
»Ist es diese Waffe, die du fandest?«, fragte er schnell und hielt Felsenherz das Schlachtbeil hin.
»Ja, sie ist es! Es ist der eine Beweis, dass du meine Leute hast hinrichten lassen. Der zweite Beweis war das kleine Handbeil, das der Comanche, den ich bei den Pferden niederschlug, im Gürtel hatte.«
Chokariga schwieg minutenlang und schien zu überlegen. Dann erklärte er ernst und fast feierlich: »Das Bleichgesicht hat mich einen Lügner genannt. Mein Mund kennt die Lüge nicht. Dieses Beil nahm einer der beiden Mörder mit, die ich in eurer Farm vermutete. Sie hatten in unserem Dorf am Oberlauf des Canadian River einen Ledersack voller Nuggets gestohlen. Auf der Flucht schoss der eine, ein rotbärtiger Trapper namens Hobler, meine Schwester Mobita nieder. Sie lebt noch. Aber das Wundfieber rast durch ihre Adern. Wir haben in der Nähe der Farm nach Spuren gesucht. Der Gewitterregen hat jedoch alle Fährten weggewaschen. Das Bleichgesicht soll mir erzählen, was sich ereignet hat, nachdem ich mit meinen Kriegern die Umgebung der Farm verlassen hatte.«
Im Felsenherz stritten Zweifel an der Aufrichtigkeit des jungen Häuptlings und der Wunsch, die Wahrheit zu ergründen, miteinander. Zunächst wollte er dem Schwarzen Panther nicht antworten. Ein Blick in das offene Gesicht und das ehrliche Auge seines Feindes belehrte ihn jedoch, dass das, was er als Schuldbeweis gegen die Comanchen angesehen hatte, vielleicht doch trügerisch war.
Er begann, kurz zu berichten, was sich in den letzten Tagen abgespielt hatte. Als er seinen Kampf mit den Mescalero-Apachen erwähnte, lief es wie ein Zucken über das rotbraune, scharf geschnittene Antlitz des Schwarzen Panthers.
Inzwischen waren noch mehr Comanchen nähergetreten. Es bildete sich ein immer enger werdender Kreis um den Gefangenen und den Häuptling.
Als Felsenherz nun von seiner Gefangennahme und Grizzly sprach, rief der Schwarze Panther ungläubig: »Das Bleichgesicht ersinnt Märchen!«
»Schicke ein paar deiner Krieger über den Fluss. Sie werden den Grizzly finden!«, erwiderte Felsenherz.
Chokariga erteilte sofort drei älteren Comanchen einen kurzen Befehl.
Felsenherz erzählte weiter – von der brennenden Farm, von Births letzten Worten.
Wieder unterbrach ihn der Schwarze Panther: »Der Sterbende hat ein roter Bart sagen wollen und so auf einen der Mörder hingewiesen.«
Felsenherz schwieg, atmete schwer und erklärte dann: »Der Schwarze Panther beschämt mich. Ich sehe ein, dass ich dir Unrecht tat. Birth hat diesen Hobler gemeint.« Dann berichtete er, wie er Helene begrub, wie er den Schwur leistete und durch den Präriebrand nach Westen gejagt wurde. Als er den Ansturm der durch das Feuer toll gewordenen Bestien auf den Felsblock schilderte, wurden ringsum erneut Ausrufe des Staunens laut.
Der junge Häuptling sagte mit einem Blick, aus dem Bewunderung und eine gewisse Zuneigung sprachen: »Das Bleichgesicht mit der Felsenfaust wird den Grizzly erledigt haben. Ich glaube ihm. Die Mescalero haben den Präriebrand hinter dir angefacht, um dich zu töten. Offen wagten sich diese stinkenden Kröten nicht an dich heran. Die Versammlung der Alten wird über dein Schicksal beraten. Ich habe gesprochen.«
Er wandte sich um, zog sein Messer aus Felsenherz’ Jagdwams und schritt davon.
Auch die anderen Indianer gingen auseinander. Dann kam eine alte Indianerin und brachte Felsenherz geröstetes Hirschfleisch und ein Getränk aus dem gegorenen Saft wilder Pflaumen.
Die Wächter machten ihm den rechten Arm frei. Er aß mit gutem Appetit. In seiner Brust war die Hoffnung wieder erwacht, Helenes Tod doch noch an den wahren Schuldigen rächen zu können.
Nachmittags fand die Versammlung der Ältesten statt. Daran nahmen fünfzehn der ältesten, meist schon grauhaarigen Krieger teil.
Sie ließen sich dicht vor dem Gefangenen im Kreis nieder. Zuletzt erschienen der Schwarze Panther und der Oberhäuptling der Comanchen, ein weißhaariger, gebückter, blinder Greis. Er führte ihn in die Mitte des Kreises, wo ein lederbezogener Stuhl aufgestellt war.
Felsenherz musterte den Greis voller Interesse.
Alles, was Birth über den Weißen Adler, den blinden Oberhäuptling, gerüchteweise erfahren und den Ansiedlern mitgeteilt hatte, wurde Felsenherz nun zur Gewissheit.
Dieser Rote war ganz sicher kein Indianer, auch wenn sich seine von Wind und Wetter gegerbte Hautfarbe nicht viel von der der anderen Comanchen unterschied. Das war zweifellos ein Europäer, der, durch irgendein schleichendes Leiden früh gealtert, nun dort auf dem Stuhl saß und die Hand seines Sohnes noch immer umklammert hielt.
Dann begann Chokariga zu sprechen. Felsenherz verstand kein Wort, da die Verhandlung ausschließlich in der Sprache der Comanchen geführt wurde.
Andere Rote erhoben ihre Stimme. Schließlich redete auch der Weiße Adler mit tiefer, wenn auch unsicherer Stimme.
Die fünfzehn Comanchen antworteten würdevoll mit einem kurzen Zuruf.
Hierauf wandte sich der Schwarze Panther an Felsenherz: »Die Bleichgesichter sind Diebe. Sie kommen und stellen den roten Kindern Manitus’ das Land, die Büffel und anderes Wild zur Verfügung. Sie bringen uns dafür Feuerwasser, Pulver und Blei, Zwietracht, Mord und Lügen. Die Comanchen waren einst ein großes Volk. Sie wollten in Frieden leben. Die Bleichgesichter drängen sie immer wieder nach der untergehenden Sonne. Auch du und deine Leute waren solche Diebe.
Dieses Land gehört uns! Der Schwarze Panther hat euch dennoch drei Tage Zeit gegeben, um die Halbinsel zu verlassen. Doch Hobler und die stinkenden Kröten der Mescalero, die am Rio Pecos in Felslöchern hausen, plünderten die Farm und mordeten eure Lieben.
Du glaubtest, die Comanchen redeten mit zwei Zungen und seien die Mörder. Du hast aus Rache einen Comanchen getötet und mich einen Lügner genannt.
Der Rat der Alten hat beschlossen, dass du mit mir um dein Leben kämpfen sollst – mit dem Tomahawk. Besiegst du mich, bist du frei. Wenn ich dich besiege, werde ich deinen Skalp mit Stolz tragen, denn du bist ein großer Krieger, der den Grizzly ohne Waffen niedergestreckt hat. Ich habe gesprochen!«
Bevor Felsenherz noch etwas erwidern konnte – es drängte ihn, diesen Zweikampf abzulehnen –, meldete sich der Weiße Adler mit zitternder Stimme.
»Das Bleichgesicht möge mir seinen vollen Namen nennen. Es gibt nicht viele mit weißer Haut, die den Grizzly mit einer Nadel besiegen können.« Er sprach das Englische vollkommen fließend.
»Ich heiße jetzt Felsenherz«, erklärte der junge Deutsche mit lauter Stimme. »Denn mein Herz ist tot und hart geworden, als ich die Leichen meiner Lieben erblickte. Mein anderer Name ist genauso ausgelöscht wie meine Verwandten.«
»Felsenherz, Felsenherz«, murmelte der Greis geistesabwesend vor sich hin. »Es gab einst eine Zeit, da auch ich …«
Das Weitere war nicht mehr zu verstehen.
Eine geraume Weile herrschte nun Schweigen, dann erklang wieder die volle, ruhige Stimme des Gefangenen: »Der Schwarze Panther will mit mir kämpfen. Ich muss diesen Kampf ablehnen. Denn ich würde dich nicht töten. Es wäre also ein ungleicher Kampf.
Ich hatte dich beleidigt, doch ich habe mein Unrecht eingesehen.«
Der junge Häuptling trat schnell dicht vor Felsenherz hin.
»Das Bleichgesicht beleidigt mich aufs Neue!«, sagte er ernst. »Ich war es, der den Alten diesen Kampf vorschlug, um dich vor dem Marterpfahl zu bewahren. Du wirst von meiner Hand sterben und an deiner Leiche werden die Frauen der Comanchen die Totengesänge anstimmen, als wäre es die eines großen Häuptlings. Der Name Felsenherz wird unter unserem Volk geehrt werden. Ich habe gesprochen.«
»Gut«, meinte Felsenherz mit einem flüchtigen Lächeln. »Gut – es sei! Kämpfen wir!«
Das gesamte Comanchenlager hatte sich inzwischen in einem weiten Kreis um den Beratungsplatz versammelt.
Man band Felsenherz, reichte ihm den Tomahawk des Schwarzen Panthers, führte ihn auf eine Seite des großen Kreises und ließ ihn allein.
Etwa dreißig Schritt entfernt, ihm gegenüber, hatte sich Chokariga aufgestellt und rief ihm zu: »Das Bleichgesicht kann werfen oder den Tomahawk zum Schlag benutzen!
Der Kampf mag beginnen.«
Felsenherz wirbelte das Schlachtbeil bereits um den Kopf.
Ein lauter Schrei der Zuschauer ertönte. Alle hatten geglaubt, er hätte hinterlistigerweise den etwas links von ihm sitzenden Weißen Adler treffen wollen. Doch der schwere Tomahawk sauste in schnellen Drehungen auf den Pfahl zu, an dem der Gefangene noch vor Kurzem gefesselt gestanden hatte.
Krachend vergrub sich die Schneide im splitternden Holz und blieb stecken.
Der Schwarze Panther rief: »Was tust du?! Weshalb gibst du deine Waffe aus der Hand?«
»Ich brauche sie nicht, Chokariga! Meine Faust genügt mir!«
Der junge Häuptling stand noch einige Sekunden regungslos da. Dann schnellte er vorwärts, bis er dicht vor Felsenherz stand. Die Schneide seines Tomahawks funkelte im Sonnenlicht und zuckte hoch wie ein gleißender Strahl.
Felsenherz schien den Todesstoß ruhig erwarten zu wollen. Er hatte sich nur ganz wenig zusammengeduckt. Aber all seine Muskeln waren gestrafft.
Der rechte Arm des Schwarzen Panthers wollte die Aufwärtsbewegung beginnen. Jeden Moment musste das Schlachtbeil dem scheinbar Wehrlosen den Schädel spalten.
Da – ein kurzer Sprung nach links – dicht an Felsenherz’ rechter Schulter sauste das Beil herab.
Ein Hieb mit der Faust, gerade unter das Kinn, und der Comanche flog hintenüber und blieb regungslos liegen.
Ein fast tierisches Gebrüll, halb Wut, halb Überraschung und Bewunderung, erhob sich aus dem Kreis der Roten.
Felsenherz bückte sich, nahm den Tomahawk des Bewusstlosen auf, ging zu dem Weißen Adler hinüber, legte ihm die Waffe in den Schoß und sagte: »Der Weiße Adler soll seinen Sohn nicht verlieren. Ich habe den Schwarzen Panther besiegt, ohne ihn zu töten. Ich habe gesprochen.«
Dann lehnte er sich erwartungsvoll an den Holzpfahl.
Der blinde Oberhäuptling hatte sich erhoben und rief den Zuschauern in der Comanchensprache etwas zu. Daraufhin erklang von allen Seiten ein Beifallsgemurmel.
Auch Chokariga hatte sich taumelnd aufgerichtet. Da drängten sich die drei Comanchen durch den Kreis der Umstehenden, die vorhin nach dem anderen Flussufer geschickt worden waren. Einer von ihnen trug das Fell des Grizzlybären, der andere den Kopf und die Klauen mit den wohl fünfzehn Zentimeter langen, weißlichen Krallen.
Wieder ertönte ein immer schärfer werdendes Beifallsgemurmel. Dann ertönte die Stimme des greisen Häuptlings: »Der Schwarze Panther, mein Sohn und Nachfolger, braucht sich nicht zu schämen, von Felsenherz besiegt worden zu sein! Felsenherz ist ein Comanche geworden. Wir werden ihn als einen der Unseren aufnehmen. Wer den Grizzly mit einem Felsblock tötet oder Wikuna, den springenden Hirsch, der über die Kraft dreier Bären verfügt, mit der Faust niederstreckt, soll unser Bruder sein!«
Der junge Häuptling zögerte noch. Dann schritt er langsam auf Felsenherz zu, reichte ihm die Hand und sagte mit frohem Blick: »Du bist mein Bruder! Wer dein Feind ist, ist auch der meine! Deine Rache ist meine Rache, deine Gedanken sind die meinen. Ich habe gesprochen.«
Fest ruhten ihre Hände ineinander, und ihre Blicke leuchteten. Die schnelle Zuneigung füreinander, die beide bei der ersten Begegnung empfunden hatten, brauchte nun nicht weiter verheimlicht zu werden.
»Ich danke euch, ihr Krieger vom Volk der Comanchen!«, rief Felsenherz laut. »Nach dem Verlust meiner Lieben war ich ein Einsamer geworden. Jetzt bin ich es nicht mehr. Ihr habt in mir einen treuen Freund gewonnen! Den Schwarzen Panther habe ich gleich beim ersten Sehen geliebt. Ich hätte ihn nie getötet. Ich danke euch!«
Die freudige Erregung schien dem greisen Häuptling geschadet zu haben. Er schwankte kraftlos auf seinem Stuhl hin und her. Man führte ihn schnell in sein Zelt zurück, wo er bald in einen tiefen Schlaf fiel.
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