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Der Detektiv – Band 27 – Die Wahrsagerin von Jorjakara – Teil 2

Walter Kabel
Der Detektiv
Band 27
Kriminalerzählungen, Verlag moderner Lektüre GmbH, Berlin, 1920
Zweite Geschichte des Bandes
Die Wahrsagerin von Jorjakara

Teil 2

»Wenn man auch auf die geringste Kleinigkeit achtet, aber auch nur dann, findet man stets etwas wie das Ende eines Fädchens, an dem man sich weiter dem verhüllten Ziel entgegentasten kann«, sagte Harald Harst zu mir in unserem reservierten Abteil, als der Zug sich gerade wieder wie ein Maulwurf in einem der Tunnel verkroch, die auf der Strecke Semarang – Surakarta so häufig sind.

Harst hatte obige Sätze unvermittelt gesprochen, ohne dass irgendein Gespräch vorausgegangen wäre, zu dem sie in Beziehung gestanden hätten.

Ich blickte ihn fragend an. Das elektrische Licht war in unserem Abteil selbsttätig eingeschaltet worden, als der Zug im Tunnel verschwand.

Harst saß bequem zurückgelehnt in seiner Ecke mit übergeschlagenen Beinen und zwinkerte mir nun vergnügt zu.

»Glaubtest du wirklich, wir würden nach Batavia fahren?«, meinte er nun.

»Keine Spur! Aber da du dich über deine wahren Absichten so hartnäckig ausschweigst, wollte ich …«

Er hatte sich vorgebeugt, fragte schnell: »Kennst du diese Absichten?«

»Nein. Ich vermute nur, dass du hinsichtlich des Attentats ganz anderer Meinung bist, als du den Herren des Klubs …«

»Ganz recht«, unterbrach er mich wieder. »Bitte, lieber Alter, nun denke mal an das, was ich soeben über die geringsten Kleinigkeiten sagte, die man beachten soll. Die beiden Chinesen sind schuldlos. Das steht außer Zweifel. Man hat lediglich Lian Schens hübsche Feuerdrachen dazu benutzt, nach ihrem Muster einen Feuerdrachen herzustellen und auf uns, versehen mit einer Sprengladung, loszulassen. Uns galt das Attentat, uns allein! Dass dabei noch mehrere harmlose Leute mit in die Lust fliegen mussten, war den Anstiftern sehr gleichgültig. Mithin muss der Hass und die Rachsucht dieser Anstifter das gewöhnliche Maß derartiger verwerflicher Gefühle weit übersteigen. Wer sind nun diese Menschen, die uns ermorden wollten?«

Das war eine Frage, die ich offenbar beantworten sollte. Ich konnte jedoch nur die Schultern heben und erklären: »Bedauere – ich weiß es nicht!«

Harst krauste unzufrieden die Stirn.

»Du weißt es nicht, weil du gedankenträge bist, mein Alter. Wenn du auf das, was im Klubzimmer gesprochen wurde, als ich die Chinesen verhörte, genau achtgegeben hättest, wenn du die Sätze sofort geistig genügend in allen Einzelheiten verarbeitet hättest, dann würdest du unschwer herausgefunden haben, dass unser nächstes Ziel jetzt Jorjakara sein muss.«

»Aha – die geheimnisvolle Mistress Maria Bellingson!«, rief ich sofort.

»Bitte – weshalb gerade die?!«

Da hatte ich mich festgefahren, erklärte aber doch mit aller Sicherheit: »Nun, weil damals im Klubzimmer nur von ihr die Rede war!«

Harst lachte. »Das nenne ich sich fein herauswinden! Wovon war denn die Rede, he?! Meinst du, sie interessiert mich, weil sie die Wahrsagerin spielt, weil van Diemen sie als rätselhafte Persönlichkeit hinstellte? Genügte das, um mich zu veranlassen, Jorjakara als nächstes Reiseziel dir soeben anzugeben?«

»Oh – Lian Schen hat ja bei ihr ein Feuerwerk abgebrannt!«

»Gut so! Nun kommen wir dem Kern der Sache schon näher. Ich will dir wiederholen, was van Diemen damals erzählte: Sie soll dann die Gattin eines Brahmanen geworden sein, der irgendeiner besonderen Sekte angehörte; dieser Inder soll wegen verschiedener Verbrechen gehängt worden sein – vor etwa fünfzig Jahren.

Na – dämmert es dir nun?«

Er hatte die hier gesperrten Wörter stark betont. Nur dadurch kam mir nun wie ein Blitz die Erleuchtung.

»Thug!«, flüsterte ich. »Der Brahmane war ein Thug! Vor fünfzig Jahren hat der indische Vizekönig Lord Wolpoore die Mördersekte der Anbeter der blutigen Göttin Kali so energisch verfolgt, dass man seitdem kaum mehr etwas von diesen Mordgesellen gemerkt hat.«

»Kaum – mehr – etwas!«, bestätigte Harst ernst. »Nur wir und der jetzige Träger des Namens Wolpoore und dessen Familie haben am eigenen Leib gespürt, dass die Thug allem, was Wolpoore heißt, furchtbare Rache geschworen haben. Wir wissen bestimmt, dass es ein Thug war, der die Jacht India des Lords vor ein paar Wochen in die Luft sprengen wollte; wir waren es, die dieses Attentat verhinderten. Und deshalb stehen auch wir jetzt auf der schwarzen Liste dieser Geheimsekte. Haben wir also Grund, uns die alte Mistress Bellingson genauer anzusehen oder nicht?«

»Hm – Grund hätten wir. Aber wir täten fraglos klüger, schleunigst den Staub dieses schönen Landes von unseren weißen Leinenschuhen zu schütteln und uns nicht in einen Kampf mit dieser Mörderbande einzulassen, die …«

»Ja – die nicht eher ruhen wird, bis sie uns beide kalt gemacht hat!«, führte Harst den Satz mit schwerer Betonung zu Ende. »Die uns auch drüben in Europa suchen und finden würde, genauso wie sie es fertiggebracht hat, das Geschlecht der Wolpoores bis auf drei männliche Träger dieses Namens auszulöschen! Nein, mein Alter: Wenn wir beide je wieder in Ruhe uns irgendwo bewegen oder irgendwo in Ruhe uns zum Schlaf ausstrecken wollen, dann müssen wir die jetzt noch vorhandenen Mitglieder der Sekte vorher unschädlich machen! Wir müssen es! Leute, die so raffiniert die Vorführung eines Feuerwerks zu einem derartig vernichtenden Streich, wie dieser Bombendrache es hätte werden können, ausnutzen, sind Gegner, vor denen man nicht flieht, wenn man sich vor ihnen schützen will. Die muss man angreifen! Angriff ist noch stets die beste Verteidigung gewesen!«

Ich schwieg dazu. Es wäre zwecklos gewesen, Harst diesen Entschluss ausreden zu wollen.

»Du machst ein Gesicht, mein Alter, das mir genug sagt«, meinte Harald darauf und lehnte sich wieder zurück. »Ich stelle dir anheim, nach Berlin zurückzukehren, garantiere dir aber dann jetzt schon, dass du lebend nicht dorthin gelangst!«

»Spare dir Derartiges!«, fuhr ich ärgerlich auf. »Ich habe dich bisher nicht im Stich gelassen und tue es auch jetzt nicht.«

Er reichte mir die Hand. »Ich wusste, dass du so antworten würdest. Also – dann zu zweit noch Jorjakara. Dicht vor Surakarta kommt der Tunnel mit den kurzen Kurven«, fügte er in anderem Toe hinzu. »Dort wird die Komödie beginnen. Mit den Vorbereitungen fangen wir jetzt schon an. Schneide also unsere beiden Koffer entzwei und streue den Inhalt hier umher!«

Was er mir weiter an Anweisungen für die Komödie gab, kam auf nichts anderes heraus, als dass er einen hier im Abteil verübten Mordanschlag auf uns vortäuschen wollte.

Nur ein Mann wie Harst konnte all die Feinheiten ersinnen, um diese Täuschung vollkommen zu machen. Zum Schluss schob er seinen linken Ärmel hoch und brachte sich am Unterarm einen Schnitt bei, aus dem genügend Blut hervordrang, um unserem reservierten Abteil auch durch Blutflecke ganz das Bild des Schauplatzes eines Raubmordes zu geben.

Es dunkelte bereits, als der letzte Tunnel vor Surakarta den Zug verschluckte, der hier der Kurven wegen sehr langsam fuhr. Wir ließen die eine Tür hinter uns offen und uns selbst dann vom Trittbrett auf den kahlen Fels neben die Schienen fallen, rollten uns sofort weiter bis an die Tunnelwand und blieben hier regungslos liegen, da wir befürchten mussten, dass der aus den Fenstern fallende Lichtschein uns treffen und wir bemerkt werden könnten.

Alles ging glücklich vonstatten. Der Zug verschwand. Um uns her lastete nun schwärzeste Finsternis. Wir hatten unsere Leinenanzüge vorher gegen unsere dunkelgrauen Sportanzüge vertauscht und trugen in unseren Taschen nur das Notwendigste bei uns.

Eine Stunde drauf waren wir im Eingeborenenviertel von Surakarta. Wir schlichen durch dunkle, enge Gassen, wichen jedem Menschen aus, bis Harst dann über einen Bambuszaun auf einen Hof kletterte. Wir belauschten eine Chinesenfamilie (in Surakarta mit seinen 105.000 Einwohnern gibt es einige 20.000 Zopfbrüder) beim Abendessen und gaben dann zum ersten Mal eine Gastrolle als Einbrecher, indem wir aus dem nach der Straße zu gelegenen Laden desselben Chinesen, der mit allem zu handeln schien und nur irgendeinen Nutzen abwarf, für uns zwei vollständige Anzüge herausholten, wie sie bessere indische Kaufleute hier zu Lande zu tragen pflegen. Aber wir legten Geld dafür auf den Tisch, sodass der Chinamann dabei ein recht gutes Geschäft machte.

Danach verbargen wir unsere Sportanzüge in einer Felsspalte eines öden Tales, verbrachten hier die Nacht, gingen bei Sonnenaufgang auf die Suche nach dem überall in Ostindien wildwachsenden Kukussastrauch, dessen Wurzelsaft eine sehr dauerhafte dunkelbraune Beize liefert, die wir nun nicht als Anfänger in der Kunst, aus Europäern dunkelhäutige Inder zu machen, verwendeten.

Wir legten diesmal den allergrößten Wert auf tadellose Durchführung unserer Maskerade, beschauten uns gegenseitig immer wieder und banden uns dann zum Schluss die bunten Kopftücher turbanartig tief in die Stirn. Die Augenbrauen hatten wir wegrasiert und ebenso die Schläfenhaare, ganz so, wie nach Harsts Behauptung die Bewohner von Süd-Birma dies zu tun pflegen, die gerade die Sunda-Inseln als Händler in größerer Zahl stets bereisen und in der Hauptsache Edelsteinaufkäufer sind. Die Diamanten, die auf Java gefunden werden, haben keinen sehr großen Wert, da sie sämtlich einen leicht gelblichen Schimmer besitzen. Immerhin gelten sie in Europa noch als erstklassig. Das so nebenbei.

Vormittags 11 Uhr benutzten zwei Inder, die jeder einen bescheidenen Bastkoffer trugen, den Bummelzug nach Semarang, verschafften sich durch ein Trinkgeld Plätze im Dienstabteil der Schaffner und schliefen hier bis zur Station Bandjala, wo sie dann ausstiegen und in dem Dorf gleichen Namens von einem Javaner ein leichtes, zweiräderiges Wägelchen sowie ein mageres Pony kauften.

Mit diesem Gefährt fuhren sie in die wildromantischen Berge von Jorjakara hinein.

Fortsetzung folgt …