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Damona King – Band 2

H.P. Usher
Damona King Band 2
Die Rache der Hexe

Horror, Heftroman, Bastei, 17.04.1979, 66 Seiten, 1,30 DM

Kurzinhalt

Tiefschwarze Nacht lag über dem kleinen rumänischen Dorf Kölöczy am Fuße der Karpaten. Voller Furcht hatten sich die Bewohner des Dorfes in ihre ärmlichen Behausungen verzogen und starrten gebannt hinauf zu dem Hügel am Rande des Dorfes.

Es war ein riesiger Felsklotz, dessen Spitze noch nie eines Menschen Fuß betreten hatte, und er sah aus, als hätte ein Riese ihn dorthin geschleudert. Im Volksmund nannte man diesen Hügel auch den Hexenberg, denn es hieß, dass sich dort die Hexen der Umgebung zu ihren teuflischen Festen trafen.

Ein grün leuchtender Lichtkranz lagerte um die Spitze des Hügels und hüllte ihn ein. Unheimliche Dinge gingen dort vor, und nicht wenige Dorfbewohner erinnerten sich wieder an die Gebete, die ihnen von ihren Vorfahren überliefert worden waren.

Leseprobe

Es waren Beschwörungen, die das Böse abwenden sollten. Generationen vor ihnen hatten diese Beschwörungen benutzt, um sich vor den transsilvanischen Vampiren zu schützen. Doch nicht immer hatten diese Beschwörungen ihren Zweck erfüllt, und nicht wenige, die auf sie vertraut hatten, waren von den grässlichen Blutsaugern heimgesucht und mitgeschleppt worden.

Sollte es in dieser Nacht wieder so sein? Kamen die Jünger Draculas wieder aus ihren Gräbern, oder fand dort oben wieder ein Hexenfest statt?

Niemand wusste es, doch alle waren überzeugt, dass bald wieder das Grauen über sie kommen würde.

Hände falteten sich zum Gebet, und die Geister der Weißen Magie wurden um Hilfe angefleht …

Die Dorfbewohner täuschten sich nicht. Auf dem Hexenberg fand eine wüste Orgie statt.

Sämtliche Hexen der Umgebung hatten sich zu einem rauschenden Fest versammelt, bei dem Luzifer, dem Schutzpatron aller Hexen, gehuldigt werden sollte. Er, der Urvater alles Bösen, Inbegriff der Sünde an sich hatte Asmodis als seinen Abgesandten zu dem Fest geschickt.

Wie ein Herrscher in seinem Reich, so thronte der Höllenfürst auf einem aus Menschenknochen gefertigten Sessel inmitten der Schar seiner treuen Anhänger.

Die Hexen führten gerade einen wilden Tanz auf, vollführten zu einer infernalischen Musik obszöne Bewegungen und gierten danach, mit dem Bock, dem Symbol der Hölle, zu buhlen und somit Luzifer und seinem Gesandten Asmodis ihre bedingungslose Treue zu beweisen.

Man hatte auf dem nackten Felsboden des Hexenberges ein magisches Feuer entfacht, dessen grüner Schein wie eine Kuppel über dem Berg lag.

Da waren sie, albtraumhafte Wesen, deren Anblick allein einen sterblichen Menschen in den Wahnsinn getrieben hätte. Hier durften sie auftreten in ihrer wahren Gestalt, waren sie doch gezwungen, unter den Menschen ihre boshaften Ziele nur mit Hilfe vielfältiger Verkleidungen zu verwirklichen.

Die Musikanten der Hölle hatten sich im Halbkreis um den Thron des höllischen Gastes gruppiert und spielten auf ihren beinernen Instrumenten Melodien des Grauens. Die Hexen, die um das Feuer herumtanzten, klatschten dazu im Gleichtakt in die Hände, und eine Vielzahl ekstatischer Schreie stiegen hinauf in den Nachthimmel über dieser im wahrsten Wortsinne gottverlassene Gegend der rumänischen Karpaten.

Noch waren sie nicht vollzählig. Eine fehlte noch in ihrer Mitte, und alle warteten ungeduldig auf ihr Erscheinen.

Die versammelten Hexen versprachen sich vom Auftreten ihrer Herrin Jovanca, der Roten Jovanca, wie sie von allen wegen ihres feuerroten Haares genannt, eine ganz besondere Attraktion. Denn auf ihr Geheiß hin hatten sie sich auf dem Hexenberg versammelt.

Die Rote Jovanca hatte ihnen eine sensationelle Neuigkeit versprochen, die sie als Höhepunkt des Festes verkünden wollte.

Immer wieder schauten sie empor zum schwarzen Nachthimmel, den sie jenseits der grün leuchtenden Lichtkuppel nur erahnen konnten, ob sie nicht schon bald den Feuerschweif von Jovancas Hexenbesen sahen, der ihr Kommen ankündigte.

Sie war es auch, die als Erste dem Bock den Satanskuss geben sollte, um ihren Hexenschwestern als Beispiel voranzugehen. Denn immer wieder forderte Luzifer von den besessenen Frauen Beweise für ihre Ergebenheit.

Er konnte ihnen nicht vergessen, dass sie es zugelassen hatten, wie Vanessa, eine der ihren, sich damals vor Jahren aus ihrem satanischen Kreis davongestohlen hatte, um einen Mann zu heiraten, der zu den Sterblichen gehörte. Vanessa hatte ihre Schwestern und damit den Höllenfürsten verraten, und immer noch sannen die Versammelten auf Rache, die sie an Vanessa üben wollten.

Eine herrische Geste Asmodis’ ließ die Musik verstummen.

Gespannt wandten die Hexen dem Vertreter Luzifers die Köpfe zu und schauten ihn fragend an.

Er erhob sich von seinem Knochenthron und gebot Ruhe.

»Getreue des Satans!«, dröhnte seine Stimme nun über die Hügelkuppe, und das Firmament schien unter seinem mächtigen Organ zu erzittern. »Getreue des Satans – in dieser Nacht werdet ihr wieder den Bund mit dem Bösen schließen, wie die Gesetze der Schwarzen Magie es vorschreiben. Wer sich dem Satan verschrieben hat, muss ihm seine Treue durch den Bockskuss beweisen, und wir wollen nicht länger warten, bis eure Schwester sich endlich bequemt, sich zu uns zu gesellen. Luzifer zürnt noch immer, dass es euch nicht gelungen ist, die Hexe Vanessa in eurer Mitte zu halten. Ihr könnt von Glück reden, dass Luzifer euch nicht bestraft hat. Besondere Umstände haben es ihm jedoch geraten erscheinen lassen, euch nicht der Ewigen Verdammnis zu überantworten. Und wenn Luzifer euch weiterhin gnädig gesonnen sein soll, so wartet nicht länger, sondern beginnt mit der Zeremonie!«

Eines der Höllenwesen, ein Gnom mit einem Januskopf, führte einen rabenschwarzen Bock in den Kreis der Tanzenden. Asmodis streckte eine Hand aus und wies zum Feuer hin.

Unter einem ohrenbetäubenden Donnerschlag erschien dort plötzlich ein schwarzer Altarstein, auf dem der Bock festgebunden wurde. Nun musste eine Hexe nach der anderen vortreten, um den Bock in liebender Gebärde zu umarmen und ihn zu küssen.

Die erste der Hexen schwebte auf den Altar zu und wollte gerade einen Arm um den Nacken des Bockes schlingen, als ein hohes Pfeifen über den Köpfen der Feiernden aufklang.

Wie an einer Schnur gezogen flogen die Köpfe der Hexen hoch, und ihren begeisterten Blicken bot sich ein in seiner Schönheit grauenvolles Schauspiel dar.

Wie ein Komet raste sie heran – die Rote Jovanca auf ihrem Reisigbesen. Sie sah aus, wie die Menschen sich in ihren Legenden eine Hexe vorstellen und auch oft über dieses Bild lachen. Doch diese Erscheinung hatte nichts Lächerliches an sich.

Die feuerroten Haare der Roten Jovanca wehten wie ein Flammenschweif hinter ihr her, als sie mit dem Besen am schwarzen Nachthimmel einen eleganten Bogen beschrieb und auf die Kuppe des Hexenberges zusteuerte.

Die Lichtkuppel wurde immer schwächer, transparenter und verschwand schließlich ganz, um der Hexe die Landung inmitten ihrer Schwestern zu gestatten. Kaum hatten die Füße der Oberhexe den Boden berührt, als die Kuppel sich wieder schloss und die Szene des Grauens den Blicken der Dorfbewohner wieder entzogen wurde.

Drunten in Kölöczy hatte man den kometenähnlichen Auftritt der Roten Jovanca wohl beobachtet, und nicht wenige bekreuzigten sich bei dem Anblick.

Die Rote Jovanca hatte betörend schöne Züge. Sie wirkte jung und verführerisch, obwohl sie schon Hunderte von Jahren alt war. Sie hatte damals in ihrer Jugend den Bund mit dem Satan geschlossen und war von ihm dafür mit dem ewigen Leben belohnt worden, und dieses Geschenk wollte sie auf keinen Fall achtlos wegwerfen, indem sie ihre Pflichten als Führerin der Hexenschar vernachlässigte.

»Hallo!«, kreischte sie begeistert und erwies dem Höllenfürsten Asmodis eine übertriebene Ehrenbezeugung. »Wie ich sehe, wolltet ihr ohne mich beginnen. Fluch über euch!«

Die anderen Hexen zuckten zusammen, denn sie konnten sich ausmalen, was es bedeutete, bei ihrer Herrin in Ungnade zu fallen.

»Lass deine Schwestern in Frieden!«, herrschte Asmodis sie an.

»Du bist es, die gefrevelt hat, denn du kommst zu spät! Die anderen sind schon lange vollzählig versammelt. Was hast du zu deiner Entschuldigung vorzubringen?«

Die Rote Jovanca lachte gellend auf.

»Was heißt hier Entschuldigung? Ich habe eine Reise von Tausenden von Kilometern hinter mir und bringe euch große Neuigkeiten.«

Sie machte eine kunstvolle Pause. Dann schaute sie herausfordernd den Höllenfürsten an. »Wahrscheinlich wisst ihr es noch nicht – aber Vanessa, unsere abtrünnige Schwester, ist endgültig tot!«

Für einige Sekunden herrschte atemlose Stille auf dem Hexenberg, dann brach ein ohrenbetäubender Jubel los. Das begeisterte Gekreische der Hexen schwang sich empor zum Nachthimmel und tanzte als vielfach gebrochenes Echo über die Landschaft. So grell waren die Schreie, dass sogar im Dorf Kölöczy davon einige Fensterscheiben zersprangen.

»Sie ist endgültig tot!«, wiederholte die Rote Jovanca ihre Botschaft und weidete sich in dem Meer bewundernder Blicke, die ihre Hexenschwestern ihr zuwarfen. »Und mit ihr hat ihr Mann das Zeitliche gesegnet«, redete sie weiter, diesmal mit verminderter Lautstärke. »Und wisst ihr, was das heißt? Wir können unsere Rache vergessen und uns einem neuen Ziel zuwenden. Sie hat bis zu ihrem Tode mit ihrem Mann in einem Schloss gewohnt. Dieses Schloss steht in einer Gegend, die sich Schottland nennt, und dieses Schloss wäre für uns die richtige Heimat. Wenn wir dort lebten, brauchten wir uns nicht mehr heimlich und in der Nacht aus unseren menschlichen Behausungen zu stehlen, um uns zu versammeln. Wir wären nicht mehr der Gefahr des Entdecktwerdens ausgesetzt und könnten in vielfacher Weise die Botschaft des Teufels unter den Menschen verbreiten und seinem Reich zum Sieg verhelfen.«

»Und wie willst du das bewerkstelligen?«, fragte eine der Hexen in atemloser Spannung.

»Ein kleines Hindernis gibt es da allerdings«, wandte die Rote Jovanca ein. »Vanessa hat eine Tochter – Damona, und sie wird das Schloss ihrer Eltern bestimmt nicht freiwillig räumen. Deshalb müssen wir sie vernichten, denn sie kann uns gefährlich werden. Von einem direkten Frontalangriff rate ich dringend ab, vielmehr müssen wir es mit einer List versuchen.«

»Und was hast du dir ausgedacht?«, mischte sich jetzt Asmodis in die Diskussion ein.

»Ich habe schon einen Plan«, erklärte Jovanca nun. »Ich werde versuchen, Damona aus dem Schloss zu vertreiben. Hat sie erst einmal die schützenden Mauern verlassen, so ist sie mir hilflos ausgeliefert, denn ihre dämonischen Fähigkeiten der Weißen Magie können sich nur im Innern des Schlosses in ihrem vollen Ausmaß entwickeln, wo sie dem Geist ihrer Mutter nahe ist, der sie aus dem Jenseits immer noch erreichen kann.«

»Und woher weißt du das alles?«, wollte Asmodis wissen.

Die Rote Jovanca drehte sich zu ihm um und beugte demütig den Kopf.

»Ich bin Brodkin gefolgt, der Vanessa damals in unserem Auftrag auf den Scheiterhaufen werfen sollte, von dem sie dann befreit wurde. Auch er hatte noch eine Rechnung zu begleichen, und er war es, der Vanessa und ihren Mann James Fennimore King vernichtet hat. Schließlich musste aber auch er sich den Mächten der Magie beugen, und Damona, die er schon sicher in seiner Gewalt geglaubt hatte, konnte sich befreien und ihn zur Strecke bringen.« Sie zuckte mit den Schultern. »Nun, es ist nicht schade um ihn. Er hat es auch dumm angestellt, doch ich werde mehr Erfolg haben als er. Wünscht mir Glück, Schwestern! Ich werde mich dem Kampf stellen, und schon bald werde ich wiederkommen, um euch auf unser neues Schloss zu holen, auf eine neue Burg des Satans, auf dass sein Weltreich bald anbrechen möge!«

Mit diesen Worten trat sie zu dem schwarzen Altar, auf dem der Satansbock kauerte, legte ihm in zärtliche Gebärde die Arme um den Hals und bot ihm ihre Lippen zum Kuss dar …

Danach schwang sie sich ohne ein weiteres Wort auf ihren Hexenbesen und raste wieder hinaus in die Nacht ihrem Ziel entgegen, einem alten Gemäuer in den Bergen Schottlands – King’s Castle …

 

***

 

Damona King saß vor dem Schminkspiegel in ihrem Zimmer und betrachtete nachdenklich ihr Ebenbild.

Sie sah ein makelloses Gesicht, das von einer Flut pechschwarzer Haare eingerahmt wurde, die zu ihrem gebräunten Teint einen interessanten Kontrast bildeten. Das Gesicht war faltenlos, und nur der melancholische Ausdruck der Augen ließ erahnen, welches Leid das Mädchen vor nicht allzu langer Zeit hatte erleben müssen.

Zwei Wochen war es jetzt her, seit sie ihre geliebten Eltern verloren hatte. Ein brutaler Killer hatte wahnsinnige Rache an ihrer Mutter und ihrem Vater geübt, und nur ihr war es gelungen, dieser schrecklichen Bluttat des Rumänen Brodkin zu entgehen.

Damona konnte es noch gar nicht richtig fassen, dass sie nun praktisch allein auf der Welt war und niemanden hatte, dem sie ihre Sorgen und Nöte anvertrauen konnte.

Zudem hatte sie ihrer Mutter im Tode noch ein Versprechen gegeben, von nun an all ihre Kräfte für das Gute und für das Wohl der Menschheit einzusetzen. Schwer lastete die Bürde dieses Versprechens auf ihren zerbrechlich wirkenden Schultern, und sie wusste gar nicht, wie sie den Erwartungen ihrer Mutter gerecht werden konnte.

Sie tröstete allein der Gedanke, dass ihre Mutter Vanessa all ihre Fähigkeiten einsetzen würde, um aus dem Jenseits eine schützende Hand über sie zu halten. Überdies hatte sich der junge Mann, der sie gerettet hatte, bereit erklärt, ihr in Zukunft zur Seite zu stehen und ihr zu helfen, wo er nur konnte.

Als wäre das ein Stichwort gewesen, klopfte es an der Tür ihres Schlafzimmers.

Sie hauchte ein rauchiges »Herein!«, und Mike Hunter, der junge Mann, an den sie gerade nicht ohne Herzklopfen gedacht hatte, betrat das Zimmer.

Lächelnd kam er zu dem Mädchen herüber und drückte ihr einen zärtlichen Kuss auf die Wange.

»Na«, meinte er, und dabei blitzte in seinen Augen der Schalk und die Lebenslust, »so früh am Morgen schon so nachdenklich?«

Er konnte sich gut vorstellen, was in dem Kopf der geliebten Frau vorgehen musste, doch er bemühte sich, ein unbeschwertes Wesen an den Tag zu legen, um ihr über die schlimme Zeit kurz nach dem Tod der Eltern hinwegzuhelfen.

»Sicher bin ich nachdenklich«, wehrte Damona King sich ohne Groll. »Was würdest du denn tun, wenn du deiner Mutter noch im Tode ein Versprechen gegeben hast und jetzt nicht weißt, wie du den Erwartungen jemals gerecht werden kannst?«

»Du hast doch mich«, war die einfache Entgegnung des Mannes, und er legte schützend einen Arm um die Schultern des Mädchens.

Dabei stellte er wie schon so oft fest, wie sein Puls sich beschleunigte, doch an Zärtlichkeiten war in diesem Moment nicht zu denken.

Zu schwer lastete noch die Erinnerung an das Erlebte auf dem Bewusstsein des Mädchens. Wenigstens wusste er, dass er seiner neu gewonnenen Freundin nicht gleichgültig war, und dieser Gedanke tröstete ihn.

»Weißt du vielleicht, was ich machen soll?«, fragte Damona ihn nun. »Einerseits soll ich die Geschäfte meines Vaters übernehmen, wie er es testamentarisch verfügt hat, und andererseits soll ich auf der ganzen Welt für das Gute kämpfen getreu dem Versprechen an meine Mutter.«

»Nichts leichter als das, ich helfe dir«, erwiderte Mike Hunter. Er grinst dabei, und die Lachfältchen spielten in den Winkeln seiner braunen Augen. »Im Rahmen meiner Tätigkeit als Versicherungsdetektiv habe ich schließlich auch einige Ahnung von Wirtschaftsunternehmen. Immerhin spielten sich die meisten meiner Fälle in diesem Bereich ab, ob es nun darum ging, einem Industrieboss einen durch Brandstiftung verursachten Konkurs nachzuweisen, oder den Mord einer Frau an ihrem Mann, um sich in den Genuss der Lebensversicherung zu bringen. Ich kann dir sagen, diese Manager kommen auf die verrücktesten Ideen, und ich …«

Damona schnitt ihm mit einer Handbewegung das Wort ab.

»Glaubst du, mich interessieren jetzt deine Memoiren? Du hast mir gesagt, du würdest mir stets helfen, soweit du kannst. Ich gebe dir jetzt die Gelegenheit, deine erste gute Tat zu vollbringen. Gib mir einen Rat, welche Schritte ich unternehmen soll, um allen Erwartungen gerecht zu werden.«

Mike Hunter runzelte die Stirn. Die Gedanken, die Damona durch den Kopf gingen, hatte er auch schon gewälzt und seine eigenen Ideen dazu entwickelt, doch konnte er sich denken, dass seine Überlegungen nicht unbedingt auf Echo hoffen durften.

»Nun …«, begann er zögernd, »gehen wir einmal davon aus, dass du als vordringliches Ziel deines Lebens die Einhaltung deines Versprechens an deine Mutter ansiehst, dann wirst du doch recht wenig Zeit haben, die Geschäfte deines Vaters weiterzuführen, nicht wahr?«

Damona King, die ihm aufmerksam gelauscht hatte, nickte bestätigend.

»Und gehen wir weiter davon aus, dass der Name King in der Wirtschaftswelt erhalten bleiben soll, wie es der Wille deines Vaters war – und zwar nicht nur erhalten soll er bleiben, viel mehr wollte er, wenn ich das Testament richtig verstehe, dass seine Tochter auch in irgendeiner Weise an Entscheidungen innerhalb seines Konzerns beteiligt ist…«

Wieder nickte Damona. Ein Lächeln spielte um ihre Lippen, das Mike Hunter nicht gleich deuten konnte. War es Spott oder Dankbarkeit, mit dem sie seinen Ausführungen folgte?

»Für mich gibt es da nur eine Lösung … Such dir jemanden, den du zum Generalbevollmächtigten ernennst und der dich dann über jede wichtige Entscheidung, die Geschäfte des Konzerns betreffend, umgehend unterrichtet. Der dir immer zur Seite steht, wenn es darum geht, neue Investitionen zu tätigen oder sonstige Entscheidungen zu treffen … Der für dich immer erreichbar ist, ganz gleich, wo du dich aufhältst … der praktisch nicht von der Seite weicht und dir alles abnimmt, was dich von deinem eigentlichen Ziel, für das Gute zu kämpfen, ablenken könnte … Kurz, jemand wie …«

»Du?«, beendete Damona den Satz des ehemaligen Versicherungsdetektives.

»Ja … ich«, meinte Mike Hunter reichlich lahm.

Fast war es ihm peinlich, sich als den richtigen Mann vorgeschlagen zu haben. Er würde sich nicht wundern, wenn Damona King darin nur einen geschäftlichen Schachzug sehen würde, mit dem er sich in ihr Vertrauen drängen und die Kontrolle über ein Wirtschaftsimperium an sich reißen wollte.

»Zum Beispiel weiß ich jetzt genau, was in deinem dicken Schädel vorgeht«, unterbrach Damona King seinen Gedankenfluss. »Und ich kann dir versichern, dass ich daran nicht im Geringsten gedacht habe. Ich gehe einfach davon aus, dass du mir gegenüber aufrichtig bist und nicht versuchst, mich hinters Licht zu führen oder auszutricksen. Außerdem ist da immer noch meine Mutter, die auf mich aufpasst …«, fügte sie in einem Anflug bitteren Humors hinzu.

»Aber mal im Ernst«, fuhr sie jetzt wieder nüchtern fort. »Dein Vorschlag ist gar nicht so übel, und ich muss zugeben, dass meine Überlegungen durchaus in einer ähnlichen Richtung verliefen. Nur habe ich dabei gar nicht an dich gedacht, weil ich meine, man sollte Herzensangelegenheiten nicht unbedingt mit geschäftlichen Vereinbarungen verquicken. Glaubst du denn wirklich, dass du nur deshalb den Vorschlag gemacht hast, um mir zu helfen, oder verfolgst du nicht auch andere Ziele mit deinen Ideen? Und meinst du, man nimmt dich in der Konzernleitung ernst? Schließlich bist du für einen harten Manager praktisch ein Emporkömmling, jemand, der sich plötzlich auf einem Schiff einfindet, auf dem er nie als Matrose gearbeitet hat, sondern gleich Kapitän werden will?«

Mike wölbte in gespieltem Imponiergehabe seine Brust vor und stolzierte wie ein Pfau durch den Raum.

»Richtige Klasse hat bisher noch immer überzeugt«, meinte er in näselndem Tonfall, wurde dann jedoch gleich wieder ernst. »Würde ich mir die Leitung eines solchen Unternehmens nicht zutrauen, dann hätte ich gar nicht erst den Vorschlag gemacht. Überdies kann ich dir auch meine Zeugnisse vorlegen, damit du ganz sichergehen kannst, keine taube Nuss an Land gezogen zu haben…«

»An Land gezogen ist ja im Hinblick auf die Geschehnisse wohl eher ein schlechter Witz«, erinnerte Damona Mike Hunter an das Grauen, das erst zwei Wochen zurücklag und bei dem sie sich kennen gelernt hatten.

»Nun, so habe ich das ja auch nicht gemeint, aber …«

»Ich nehme deinen Vorschlag an«, erklärte Damona nun resolut und wischte die Einwände des Mannes beiseite. »Nur werde ich keine einsame Entscheidung treffen, sondern werde meine Vorschläge unserer Konzernleitung unterbreiten. Wie du weißt, sind wir in verschiedenen Bereichen tätig und beschicken eine Vielzahl von Märkten. Ich werde einfach Vaters engste Mitarbeiter einladen und mit dir und ihnen gemeinsam die nächsten Schritte durchsprechen. Dass ich bei diesem Gespräch nichts von meinem Versprechen an meine Mutter verlauten lassen werde, ist wohl klar, oder?«

»Eine Hexe als Konzernchefin wäre auch mir eine sehr befremdliche Vorstellung«, musste Mike Hunter zugeben. »Und mir ist weiß Gott nichts Menschliches, und mittlerweile auch nichts Übersinnliches, fremd. Gut, dann werde ich mich gleich darum kümmern, meine Vorschläge einmal schriftlich festzuhalten, und du lädst die deiner Meinung nach wichtigen Leute hier auf das Schloss ein. Bei den Gehältern, die eure Manager sicherlich verdienen, kann man ihnen auch zumuten, einmal eine weite Reise in das Schottische Hochland zu unternehmen. Und bei dem harten Job, den sie sicherlich haben, tut ihnen eine Lunge voll frischer Luft sicherlich gut. Wie viele Leute benachrichtigst du?«

Damona King dachte kurz nach.

»Da wäre einmal Romano Tozzi, der sich vorwiegend im Rahmen unsrer chemischen Fabriken auskennt, und schließlich Jean Meilen.«

Sie bemerkte den erstaunten Blick Mike Hunters.

»Ja«, bestätigte sie, »du hast ganz richtig gehört. Vater hatte immer etwas für die Gleichberechtigung übrig, und eine Frau in seiner Konzernleitung war für ihn keine Horrorvorstellung. Er teilte darin nicht die Einstellung knallharter Geschäftsmagnaten, die einer Frau nichts zutrauen und sie meistens auf unwichtige Posten abschieben, auf denen sie zwar keine Entscheidungen treffen kann, jedoch als Aushängeschild für fortschrittliche Unternehmensführung dient. Ob er aber in Jean Meilen die richtige Wahl getroffen hat, wage ich fast zu bezweifeln …«

»Warum?«, wollte Mike Hunter erstaunt wissen. »Hat sie dir etwas getan, vielleicht dein Taschengeld unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten gekürzt, als du noch zur Schule gingst?«

»Das nicht.« Damona King schüttelt heftig den Kopf. »Mir kommt diese Frau nicht vor wie eine Frau. Fast könnte man meinen, sie ist ein verkleideter Mann. Sie wird auch bei unseren Gesprächen sicherlich die harte Nuss sein, die es zu knacken gilt.«

»Mit Frauen hatte ich schon immer ein besonders erfolgreiches Händchen«, erklärte Mike Hunter im Brustton der Überzeugung.

»Dann lerne diese Schlange erst einmal kennen. Bei der musst du dir die Taschen zunähen, damit sie dir nicht auch noch das Wechselgeld abknöpft. Warte ab, eine Überraschung ist dir sicher …«

Personen:

  • Dorfbevölkerung
  • Asmodis – Herrscher der Hölle
  • Rote Jovanca – Oberhexe
  • Damona – James’ und Vanessas Tochter
  • Mike Hunter – Versicherungsdetektiv, Spezialist für alle Fälle
  • Romano Tozzi – Italiener, Angehöriger der Konzernleitung
  • Jean Mellen – Topmanagerin im King-Konzern
  • Henry – Butler

Orte:

  • Schottisches Hochland, King’ Castle
  • Kölöczy – kleines rumänisches Dorf