Download-Tipp
Band 4

Heftroman der Woche

Archive
Folgt uns auch auf

Fort Wayne – Band 2 – Kapitel 6

F. Randolph Jones
Fort Wayne
Eine Erzählung aus Tennessee
Zweiter Band
Verlag von Christian Ernst Kollmann. Leipzig. 1854

Sechstes Kapitel

Der Morgen, welcher der Schreckensnacht auf Fort Wayne folgte, brach langsam, mit Nebeln und Regenwolken kämpfend, an, und es schien, als zögere die Sonne, mit ihren heiteren Strahlen den Schauplatz der unglücklichen Katastrophe zu erhellen. Und in der Tat gewährte das, was noch von dem Fort übrig war, einen trübseligen, auch die kühnsten Herzen ent­mutigenden Anblick. Aus den beiden niedergebrannten Seitenflügeln stiegen noch immer schwere Rauch­wolken empor und ein eigentümliches Knacken und Knistern unter dem wüst untereinander gestürzten, nicht völlig verzehrten Gebälk bewies, dass die Flamme, obwohl gebändigt und in ihrer ersten Wut gesättigt, noch immer ihr zerstörendes Werk an den Trümmern fortsetzte. Die Palisaden von dem Pförtchen an bis zum Vereinigungspunkt des Harpeth und Cumberland boten nichts mehr dar als vereinzelte und geschwärzte Stämme, zwischen denen Lücken gähnten, groß genug, um hundert stürmende Feinde auf einmal einzulassen. Die ganze Plattform, sonst das Bild militärischer Sau­berkeit und Ordnung, war in ein wüstes Chaos ver­wandelt, bedeckt mit rauchenden Balken, umgestürzten Wasserfässern und den wenigen Habseligkeiten, welche die Besatzung zu retten versucht hatte. Dazwischen schlichen die todmüden, geschwärzten Verteidiger des Forts umher, noch immer mechanisch einen Rest militärischer Haltung bewahrend, obwohl aus ihren düsteren, abgespannten Zügen alle Tatkraft, ja selbst alle Hoffnung verschwunden war. Hier und da hatte einen der Schlaf übermannt und er war hingesunken, wo er eben gestanden hatte; auf der Böschung des Wall­ganges lagen, lang ausgestreckt und die blassen Gesichter dem Himmel zugekehrt, noch andere Schläfer, die aber nimmer wieder erwachten. Der Tod hatte unter seiner kalten Hand diese wackeren Herzen erstarren lassen und mit dem Blutstrom aus tiefen Wunden war des Lebens kräftige Fülle aus diesen stillen, regungslosen Körpern dahin geflohen. Aus der Kommandantur, die, obwohl erhalten, doch von Rauch geschwärzt und mit zerschlagenen Fenstern dasselbe trostlose Bild der Verwüstung darbot wie der ganze Platz, schallte das Wimmern und Stöhnen der Verwundeten, welche unter den kunstgeübten Händen Doktor Littlewoods und des Garnisonchirurgen verbunden wurden, wobei Mrs. Beagle und Miss Mary, obwohl selbst kaum imstande, sich auf den Beinen zu halten, gleich barmherzigen Schwestern den möglichsten Beistand leisteten.

Auf der anderen Seite des Walles, nicht weit von dem Ausgangspförtchen, saßen oder lehnten auf und an dem Geschütz, welches in der verflossenen Nacht leider nicht die erwünschten Dienste zu leisten vermocht hatte, eine Gruppe von Männern, die abwechselnd durch das Fernrohr das feindliche Lager rekognoszierten oder in mehr oder minder lebhafter Debatte einen streitigen Punkt abhandelten. Ungebeugt ragte unter ihnen die hohe, ehrwürdige Gestalt des Kommandanten hervor, dessen graues Haar im Wind flatterte. Seine Züge drückten eiserne Entschlossenheit, ja einen gewissen Trotz aus gegenüber den Unfällen, womit das zürnende Geschick ihn heimgesucht hatte. Lieutenant Gloomys Gesicht war düster wie die Nacht und wie sein Name1 und zeigte in seiner Physiognomie, so oft er den Blick über das Trauerbild der Zerstörung schweifen ließ, die auffallendste Ähnlichkeit mit einer altenglischen Bulldogge, wenn er voll ungeduldigen Grimmes an der Leine zerrt, die ihn von dem Sprung auf das Wild zurückhält. Neben ihm stand Richard Morris, auf seinen Rifle gelehnt und im lebhaften Gespräch begriffen. Fast schien es, als wünsche er sich innerlich Glück, Edista nicht, wie er erwartet, im Fort und inmitten der dasselbe bedrohenden Gefahren gefunden zu haben; wenigstens war er trotz der Kunde von dem schreckensvollen Ende seines Vaters augenscheinlich gefasster als vierundzwanzig Stunden früher und widmete den Angelegenheiten seiner neuen Freunde die regeste Teilnahme. Corporal Jiggins, dem ein indianischer Pfeil die linke Backe jämmerlich zerschlitzt hatte, zeigte demgemäß ein bepflastertes und arg geschwollenes Antlitz; Sergeant Gregg, der Chef des Artillerieparks im grauen Kittel und die vier jüngeren Gebrüder Morris vervollständigten die Gruppe.

»Ich versichere Euch nochmals, Sir!«, sagte eben Richard zum Kommandanten, »dass wir, so lange es Tag ist und wahrscheinlich auch die folgende Nacht keinen Angriff zu befürchten haben, so einladend diese Breschen auch immer sein mögen. Sie fürchten da unten unser Musketenfeuer, welches bei hellem Tag eine schreckliche Verwüstung unter ihnen anrichten würde, und überdies ist es bei ihnen feststehendes Gesetz, keinen neuen Angriff zu beginnen, ehe sie nicht ihre Toten begraben und die dabei üblichen Zeremonien verrichtet haben.«

»Das ist allerdings wahr!«, versetzte Mur­chinson. »Indes – was gewinnen wir damit? Einen Aufschub von vierundzwanzig Stunden, die wir kläglich genug zubringen werden, denn Ihr habt doch nicht vergessen, dass alle unsere Vorräte zum Teufel sind und dass die roten Gentlemen nichts Klügeres tun können, als uns ruhig eingesperrt zu halten, bis wir einander selbst aufgefressen haben.«

»Nun, das möchte hinreichend lange dauern, um den Entsatz aus Georgia oder Kentucky herankommen zu lassen!«, sagte Morris lächelnd. »Übrigens stimme ich darin vollkommen mit Euch überein, nicht länger die Defensive zu halten, sondern nach Einbruch der Nacht und sobald die Frauen das Fort verlassen haben, einen kräftigen Ausfall zu machen. Es steht dann bei Euch, entweder den Platz ganz zu verlassen und nach Süden durchzubrechen oder die Verteidigung dieser Ruinen bis zur Ankunft Scotts und seiner Truppen fortzusehen.«

»Damned Scott und seine faulen Tagediebe!«, brummte der Lieutenant, »sie könnten seit vier Tagen hier sein. Ich kalkuliere, man muss den General vor ein Kriegsgericht stellen.«

»Es ist in der Tat unbegreiflich!«, sagte der Kommandant. »Gleichwohl bin ich überzeugt, dass unsere Mitbürger ihre Schuldigkeit getan und größere Hindernisse gefunden haben, als wir glauben. Jeden­falls soll man nicht sagen, dass Major Murchinson einen Augenblick seine Pflicht als braver Soldat verkannt habe; es bleibt dabei, wir brechen diese Nacht aus. Wüsste ich nur die Frauen erst in Sicher­heit!«

»Ich denke, Ihr müsst meinem Plan Beifall schenken, Sir!«, erwiderte Morris lebhaft.

»Wir haben gesehen, dass der Fluss frei ist; unser Floß liegt gut versteckt im Gebüsch unten an der Mündung des Harpeth, und wenn die nächste Nacht so finster wird, wie die verflossene, wozu es allen Anschein hat, dann ist die Einschiffung der Damen eine Kleinigkeit. Zwölf Meilen stromabwärts treffen wir auf die Straße nach Reynoldsburg, dort wird gelandet, und da das Städtchen ohne Zweifel der Sammelplatz der westlichen Milizen ist, so befinden sich die Frauen vor morgen Abend in Sicherheit.«

Zwar wiegte der Kommandant voll bangen Zwei­fels den Kopf und schien die Zuversicht Richards nicht völlig zu teilen; da er aber selbst keinen anderen und besseren Ausweg zu finden vermochte und die Frauen unter den obwaltenden Umständen unmöglich länger bei der, fast möchte man sagen dem Tode geweihten Schar verweilen konnten, so blieb ihm nichts übrig, als seine Zustimmung zu geben. »Es sei also, Mr. Morris!«, sagte er nach einer Pause mit einem schweren Seufzer, während sein Blick sich zärtlich zu der Kommandantur wendete, wo er die Gegenstände seiner innigsten Zuneigung im frommen Liebeswerk beschäftigt wusste, »ich sehe jedoch voraus, dass Ihr die Leitung dieser gefahrvollen Expedition übernehmt und den armen Frauen ein getreuer Paladin und Be­schützer seid. Ihr werdet dies umso eher tun, da es mehr als wahrscheinlich ist, dass Ihr in Reynoldsburg Eure Gattin und deren Begleiter findet, die sich westlich gewendet haben werden, als sie das Fort blockiert fanden.«

Morris machte ein schweigendes Zeichen der Zu­stimmung.

»Ich habe die Absicht, Euch meinen wackeren Jiggins mitzugeben!«, fuhr Murchinson fort und reichte dem Corporal die Hand, den dieser Beweis der Achtung und hohen Vertrauens mit Entzücken erfüllte. »Glaubt Ihr, dass das Floß außerdem auch noch den Doktor Littlewood zu tragen vermag?«

»Ganz zuverlässig! Es würde im Notfall mit sechs Personen über dem Wasser bleiben. Obwohl ich nicht dafür einstehen kann, dass die Damen nicht ein wenig nasse Füße bekommen werden, so ist doch zu erwägen, dass eben kein anderer Ausweg übrig bleibt und …«

»Necessity has no law! Allerdings!«, seufzte der Major, »zwischen zwei Übeln muss man das Kleinste wählen. Ich gehe, die Frauen auf die Abreise vorzubereiten; es wird ein hartes Stück Arbeit sein, denn sie werden sich mit Händen und Füßen dagegen sträuben. Aber wie gesagt, es muss sein – und darum wird es geschehen!«

Damit verließ der Kommandant seinen Platz und schritt zu der Kommandantur, während die Zurück­bleibenden ihre Aufmerksamkeit aufs Neue dem feind­lichen Lager zuwendeten. Dort herrschte im Gegensatz zu der melancholischen Stille auf den Ruinen des Forts ein reges, geschäftiges Leben, obwohl die Ursache desselben gleichfalls ein Akt der Trauer war. Die Indianer bestatteten ihre Toten und entfalteten dabei all den barbarischen Pomp und die groteske Feierlichkeit, welchen die auf einer niedrigen Kultur­stufe stehenden Völker bei solchen Gelegenheiten für unerlässlich halten. Im vollen Kriegsschmuck umzogen sie, jeder Stamm von seinen Häuptlingen angeführt, in langsamer Prozession eine tiefe und breite Grube, deren Inneres, mit Zweigen und Blumen ausgeschmückt, die gemeinschaftliche Totengruft der Gefallenen bildete. Diese selbst lagen, gleichfalls im besten Putz, Streitaxt und Bogen in den erstarrten Händen, in einer langen Reihe auf von leichten Zweigen geflochtenen Tragbahren; die jüngsten Krieger hoben eine derselben nach der anderen auf und kehrten sie über der Grube um, in welcher der Leichnam unter einem lang gehaltenen, rhythmischen Klagegeheul ver­schwand. Dann trat ein Verwandter oder Waffenbruder des Hinabgesenkten dicht an den Rand des Grabes und hielt eine kürzere oder längere Lobrede zu Ehren des Gefallenen, deren Schluss jedes Mal von einem gellenden Kriegsgeschrei begleitet wurde. In­zwischen fuhr die Prozession in ihrem langsamen Umzug fort, und es gewährte ein düsteres, aber malerisches Schauspiel, diese tausend braunen, mit bunten Federn, flatternden Jagdhemden, Bogen, Lanzen und Feuergewehren kriegerisch geschmückten Gestalten ernst und feierlich gleich dem Chor der griechischen Tragödie oder einem antiken Opferzug die Grabstätte umkreisen zu sehen, die sich allmählich fast bis zum Rand mit Erschlagenen füllte. Es war Mittag vorüber, als der letzte Leichnam hinabgesenkt, die letzte Gedächtnis­rede gehalten, das letzte Geheul angestimmt wurde. Dann löste sich der Zug auf und alle beteiligten sich so eifrig bei der Aufschüttung des Grabes mit Erde, dass dieses binnen einer Stunde bereits mit einem jener Hügel bedeckt war, welche der nächste Frühling mit einem Kleid von Gras und Blumen schmückt und die so oft dem wandernden Jäger und Trapper als Bett und Lagerplatz in der menschenleeren Wild­nis dienen. Als auch dies Geschäft beendet war, zer­streuten sich die Indianer in einzelne Gruppen, die nunmehr augenscheinlich mit einem der Größe ihres Schmerzes entsprechendem Appetit den nicht minder wichtigen Schlussakt der Feier, den Leichenschmaus, ins Werk zu sehen begannen. Haufenweise wurde bereits geschlachtetes Wild herbeigeschleppt und das klagende Gebrüll einer Anzahl Ochsen bekundete, dass die Herden einiger unglücklichen Ansiedler, die vielleicht bei dieser Gelegenheit unter dem Mordbeil gefallen waren, ihren Tribut zu dem festlichen Gelage hatten liefern müssen. Als die Nacht hereinbrach, flammten unzählige Feuer längs des Waldsaums auf und der Wind trug bald die monotonen Gesänge, bald das wilde Jauchzen der schmausenden Feinde zu den Bewohnern des Forts empor.

»All’s right!«, sagte Lieutenant Gloomy, der mit Morris und dem Kommandanten wieder auf dem gewohnten Beobachtungsplatz erschienen war. »Für heute haben wir nicht nur keinen Angriff zu befürchten, sondern wir werden uns beim ersten Morgengrauen ohne Mühe durchschlagen können. Haben sich die Burschen da unten erst tüchtig vollgegessen, so schlafen sie wie die Murmeltiere, und ich glaube, es wird hinreichen, ein paar Wachen in aller Stille niederzustoßen, um, ohne einen Schuss getan zu haben, mitten durch ihr Lager nach Nashville zu marschieren.«

»Gott gebe es!«, sagte der Kommandant, »unsere Leute werden nicht weniger erschöpft sein, freilich aus dem entgegengesetzten Grund wie jene. Wir haben unsere Toten ohne Sang und Klang und, was im gegenwärtigen Fall am schlimmsten ist, ohne eine Mahlzeit begraben müssen.«

»Und die Damen sind zur Abreise bereit?«, fragte Morris. »Die Gelegenheit ist zu günstig, um jemals wiederzukehren. Ich war bereits unten am Strom, ohne eine lebende Seele anzutreffen, wohl aber unser Floß, welches sicher in seinem Versteck liegt und das ich mit Pompeys Hilfe um ein Beträchtliches verbessert habe.«

»Es hat mich viel Überredung gekostet, Bessy und Miss Mary zum Verlassen des Forts zu bewegen!«, sagte Murchinson, »ja, ich wäre nimmer zum Ziel gekommen, wenn ich meinen Wunsch nicht end­lich zum Befehl umgewandelt hätte. Wann gedenkt Ihr abzureisen, Mr. Morris?«

»Spätestens in zwei Stunden; dann ist es finster und wir kommen bis Tagesanbruch eine hinlängliche Strecke den Fluss hinunter, um von unserem Landungsplatz aus Reynoldsburg gegen Abend zu er­reichen. Ich hoffe, die Damen haben ihre Vorbereitungen getroffen?«

»Deren bedurften sie verzweifelt wenig!«, sagte der Kommandant mit einem trüben Lächeln. »Da kommen sie selbst; Ihr seht, dass es diesmal nicht die Frauen sind, deren Gepäck den Platz minimiert.«

Mrs. Beagle und Mary traten, jede ein Bündel­chen unter dem Arm, aus der Kommandantur und näherten sich, von Doktor Littlewood begleitet, mit zö­gernden Schritten den Sprechenden; ihre Mienen zeigten nun eine tiefere Niedergeschlagenheit, als es mitten in den schrecklichen Szenen der verflossenen Nacht der Fall gewesen war. Bessy schluchzte laut und als sie den Wall erreicht hatte, stürzte sie dem Major mit einem so gewaltsamen Ausdruck des Schmerzes und trostloser Verzweiflung in die Arme, dass selbst die Herzen der rauen Soldaten, die im Hof­raum zerstreut ihre Waffen instand setzten, tiefe Rührung empfanden.

»Muss es denn sein, teurer Sam?«, stöhnte sie, den geliebten Bruder fest umschlingend, »willst du mich wirklich von deiner Seite treiben, während du im Begriff bist, dich in den sicheren Tod zu stür­zen? Beim Andenken unseres Vaters beschwöre ich dich, Sam lass mich bei dir bleiben!«

»Fasse dich, Schwester! Ich würde unmensch­lich, ja wahnsinnig handeln, wenn ich dich und Mary der Gefahr eines Gemetzels im freien Feld aussetzen wollte, so lange für euch ein Weg der Rettung offen steht. Überdies habe ich Ursache zu hoffen, dass alles glücklich abläuft und wir uns in einigen Tagen gesund und wohlbehalten wiedersehen. Ich bin über­zeugt, Miss Mary wird dir ein gutes Beispiel geben und meinen Anordnungen Folge leisten.«

Die Stimme des Kommandanten zitterte trotz der zuversichtlichen Miene, welche er anzunehmen bemüht war, und er wendete sich weg, um seine verstörten Züge zu verbergen. Richard Moris übernahm es, die bei­den Frauen zu trösten, und teils, um ihre Gedanken von der Gegenwart abzulenken, teils, weil es ihm ein Bedürfnis war, seinem gepressten Herzen Luft zu machen, erzählte er ihnen seine eigenen Schicksale, deren traurige Verwickelung in der Tat geeignet war, ihre Aufmerksamkeit und innige Teilnahme so lebhaft zu fesseln, dass sie für eine kurze Zeit beinahe ihren eigenen Kummer vergaßen.

 

***

 

Zwei Stunden waren vergangen. Im Lager der Indianer war der größte Teil der Feuer bereits erloschen, nur hier und da glomm noch ein heller Punkt, an welchem sich die schwarzen, auf dem Boden hingestreckten Gestalten der schlafenden Krieger scharf ab­zeichneten. Die ganze Natur lag in tiefer Stille be­graben; aus trübem, zackigem Gewölk, welches, mit langen, weißgrauen Streifen vermischt, den sternenlo­sen Horizont bedeckte, begann ein feiner Regen herabzurieseln, während gleichzeitig aus dem Tal und von dem Wald graue Nebelmassen emporstiegen und sich schwankend und langsam nach oben zogen. Der günstigste Augenblick zur Flucht war gekommen. Pom­pey und Corporal Jiggins verschwanden hinter den Palisadentrümmern und schlüpften den Abhang zum Harpeth River hinab. Littlewood drängte zur raschen Nachfolge und brummte scheinbar höchst un­willig vor sich hin, während ihm gleichwohl Tränen in die Augen stiegen, als er die beiden Frauen krampf­haft schluchzend an die Brust des Kommandanten geschmiegt sah, der, sprachlos und am ganzen Körper bebend, sie nach einer langen letzten Umarmung gewaltsam von sich wegdrängte und mit schwankenden Schritten den Wall verließ. Die Besatzung drängte sich um die Abreisenden; jeder wollte noch einmal die Hand der wackeren Mrs. Beagle und der guten, sanf­ten Mary schütteln. Als das kleine Häuflein, von ein paar Soldaten begleitet, welche das Gepäck zum Fluss hinuntertrugen, in der Finsternis der Nacht verschwand, da war es, als ob die guten Schuhgeister von Fort Wayne Abschied genommen und dasselbe den Mächten des Verderbens überlassen hätten.

Lange schritt Major Murchinson in heftiger Ge­mütsbewegung in dem durch die Brandtrümmer ver­engten Hofraum auf und nieder; es war ihm so öde und einsam zumute, als sei mit den beiden Frauen ein Teil seines eigenen Selbst dahingeschwunden. Einem unwillkürlichen Drang folgend trat er in das von Bessy und Mary bewohnte Gemach. Da stand noch das Nähtischchen und die beiden hochlehnigen Polsterstühle; an den zerschlagenen und vom Rauch geschwärzten Fenstern flatterten die Vorhänge trübselig im Wind und an der Stubendecke und längs den Wänden zeigten schmutzige, feuchte Streifen die Spuren der Wasserströme, mit denen in der Nacht des Brandes die Kommandantur überflutet worden war. Die Wanduhr war stehen geblieben, die Blumentöpfe lagen zerschmettert an dem aufgeweichten Fußboden zwischen vergessenen Kleidungsstücken und umgestürz­ten Gerätschaften, kurz, die friedlich stille Heimstätte war in den Schauplatz unheimlicher Verwüstung umgewandelt und ein Geist des Schreckens und der Zerstörung hatte sich an dem stillen Herd niedergelassen. Der traurige Anblick zerriss dem Major das Herz; er eilte hinaus und wandelte unstet und ruhe­los von einem Punkt des Forts zum anderen, und so tief war der Schmerz in seinen kummervollen Zügen ausgeprägt, dass niemand ihn anzureden und in seinem Hinbrüten zu stören wagte. Erst als Pompey und die beiden Soldaten, welche der Einschiffung der Flüchtlinge beigewohnt hatten, mit der Meldung zurückkehr­ten, dass die Abreise glücklich vonstattengegangen war, auch nirgend am Fluss eine feindliche Spur zu bemerken gewesen sei, schien die tiefe Niedergeschlagenheit des Kommandanten zu weichen, und der Gedanke an das schwierige Unternehmen, welches ihm noch bevor­stand, seine alte Energie und militärische Entschlossenheit zurückzurufen. Er sah nicht ohne einige Beschämung, wie Lieutenant Gloomy bereits eifrig Vor­kehrungen zu dem projektierten Ausfall traf. er machte sich beinahe Vorwürfe, über den Gefühlen sei­nes Herzens die Interessen des Dienstes vernachlässigt zu haben.

»Dank Euch, Gloomy!«, sagte er, den Lieute­nant auf die Schulter klopfend, »ich sehe, Ihr werdet in Zukunft einen trefflichen Stabsoffizier abgeben, und wenn Fort Wayne jemals wiederhergestellt wird, wünsche ich ihm keinen bessern Befehlshaber als Euch. Habt Ihr der Mannschaft auseinandergesetzt, um was es sich handelt?«

»Des Langen und Breiten, Sir! Und ich muss sagen, sie haben so deutlich begriffen, wie der kürzeste Weg nach Nashville und seinen Fleischtöpfen mitten durch das Indianerlager geht, dass sie den Augenblick zum Durchbrechen kaum erwarten können.«

»Ich sollte meinen, wir könnten in einem Stünd­chen daran gehen. Die letzten Feuer da unten sind erloschen, der Nebel liegt wie ein Tuch auf dem Tal, und wenn wir uns dicht am Fluss halten, sind wir zehn Meilen weit weg, ehe einer der roten Faullenzer am Morgen die Augen öffnet.«

Gloomy nickte bejahend und schwang sich ritt­lings auf das Rohr der Kanone, während Murchinson auf dem Protzkasten Platz nahm. Beide sprachen nicht und schauten schweigend in die Nacht hinaus; allmählich überkam den Major, der seit sechsunddreißig Stunden kein Auge geschlossen und dessen eisenfester Körper so vielen Schrecken und Aufregungen unerschüttert wider­standen hatte, eine nervöse Ermattung. Ein unbesieglicher Hang zum Schlafen lastete mit bleierner Schwere auf seinen Augenlidern, die sich endlich nach hartnäckigem Widerstand schlossen; müde neigte sich sein graues Haupt, wie nach einem Stützpunkt suchend, den es auch bald an dem breiten Rücken des Lieute­nants fand. Mit dem zärtlichen Blick einer liebevollen Mutter bewachte Mr. Gloomy den Schlummer des wackeren Veterans. Er schickte einen Soldaten nach dem Mantel des Majors, den er sorgfältig über ihn hinbreitete, um den feinen Sprühregen abzuhalten, und nicht um hundert Dollar, selbst nicht um das heiß­ersehnte Capitain-Patent, den Gipfelpunkt aller Gloomy’schen Hoffnungen, hätte er eine einzige Bewegung gemacht, aus Furcht, den Schlaf des ehrwürdigen Greises zu unterbrechen.

Und dennoch sollte dies geschehen! Dennoch sah man den getreuen Hüter, nachdem er wohl eine Dreivier­telstunde nicht eine Linie von seinem Platz, der, beiläufig gesagt, ein höchlich unbequemer sein mochte, zurückgewichen war, plötzlich mit einem so gewaltigen Ruck in die Höhe fahren, dass der Kommandant bei einem Haar zwischen die Räder des Geschützes gestürzt wäre. Zugleich entquoll der Kehle des Lieutenants ein so wunderbarer Ton, der Erstaunen, Freude, Schreck, Jauchzen, kurz, alles Mögliche ausdrücken konnte, dass Murchinson, obwohl nach alter Kriegsgewohnheit im Augenblick wieder munter und bei vollem Bewusstsein, einen Augenblick geneigt war, seinen getreuen Kameraden für einen Cherokee oder Oconee zu halten, der im Begriff ist, den Schlachtgesang anzu­stimmen.

«Zum Henker, Mr. Gloomy, habt Ihr den Krampf bekommen?«, brummte der Kommandant, nach seinem heruntergefallenen Hut umhertappend, »Ihr hättet mich nicht sollen schlafen lassen, da eben jetzt …«

Er konnte nicht fortfahren, denn Gloomy fasste ihn konvulsivisch am Arm und drehte ihn nach Sü­den, wo sich eine Erscheinung darbot, die allerdings geeignet war, auf die niedergeschlagenen Gemüter der braven Männer zauberähnlich zu wirken.

Über der schwarzen Linie des Waldes und weit im Rücken des Indianerlagers stieg an dem dunklen Horizont ein bläulich leuchtender Stern herauf; langsam schwebte er empor, blieb dann einige Sekunden in zitternder Bewegung stehen und zerstob endlich niedersinkend in einen Funkenregen. Gleich darauf wiederholte sich das Phänomen. Drei, vier, fünf glän­zende Strahlen zuckten rasch nacheinander durch den schwarzen Nachthimmel und verbreiteten eine geister­hafte Helle, deren Reflex die Gipfel der Bäume und die Hütten des Lagers eine Minute lang mit undulierendem Licht übergoss. Dann sank alles wieder in tiefe Finsternis zurück.

Fast schien es, als habe die wunderbare Erscheinung die Bewohner des Forts völlig sprach und re­gungslos gemacht; als aber nun aufs Neue ein glänzender Ball, augenscheinlich in größerer Nähe, sich prachtvoll aus dem schwarzen Schoß des Forstes er­hob und mit meteorähnlichem Schimmer den Horizont überflutete, da brach aus fünfzig Kehlen ein jubelnder Hurraruf. Von einem Gedanken, einem Gefühl hingerissen, stürzten sich Murchinson und Gloomy jauchzend in die Arme. »Der Allmächtige sei gepriesen!«, rief der Kommandant, »Fort Wayne ist gerettet! Dies­mal ist es wirklich eine Armee, die herankommt. Mit diesen Raketensignalen schickt uns General Scott seinen Gruß! Hurra, Soldaten! Unsere Festung bleibt Jungfrau!«

»Ein Hurra für Major Murchinson! Hurra Scott und die Regulären!«, jubelten die Soldaten und warfen die Hüte in die Luft. »Wollen wir ihnen nicht entgegen, Kommandant? Drauf! Lasst uns hinunter!«

»Ja, bei Jingo, das wollen wir!«, rief der Major. »Ich denke, wir werden die Herren Chero­kee in eine so hübsche Klemme bringen, dass sie das Krieg führen auf fünfzig Jahre vergessen sollen!«

»Aber wir müssen zuvörderst die Signale erwi­dern!«, rief Gloomy mit großer Lebhaftigkeit, »sonst mag Scott glauben, das Fort sei genommen und …«

»Freilich! Freilich! Aber unsere Raketen und Leucht­kugeln hat der Teufel geholt. Gestern hatten wir Feuer genug und heute ist kein Fünkchen mehr übrig. Indes was sinnen wir lange? Da steht Bruder Jona­than und wenn Scott nicht bloß Augen, sondern auch Ohren hat, wird er aus der Antwort des kupfer­nen Brummers entnehmen, dass hier oben kein Ta­kannah, sondern ein ehrlicher Yankee kommandiert.«

Eben stieg aufs Neue ein Schwarm Raketen em­por, bei deren Licht in dem Lager des Feindes eine lebhafte Bewegung wahrzunehmen war. Alles war dort auf den Beinen, und so rasch auch die Helle verschwand, so konnten die Beobachtenden doch bemerken, dass die Indianer die drohende Gefahr entdeckt und Verwirrung und Schrecken sich ihrer bemächtigt hatte.

»Jetzt kommt das Nachspiel zum Fest!«, brummte Gloomy, mit grimmigem Lächeln die Faust gegen den Feind schüttelnd, »es wird einer mächtig großen Grube bedürfen, um eure Knochen zu beherbergen, und Hunde und Geier werden euch das Toten­lied singen!«

Inzwischen war das Geschütz fertig gemacht und, um die Wirkung des Schalles zu vermehren, mit einer Kugel geladen worden.

»Feuer!«, kommandierte der Major.

Majestätisch rollte der Schuss durch das Tal und mit dumpfem Donnern rauschte das Echo am Saum des Urwaldes entlang. Einige Minuten lang blieb alles still und atemlos hafteten aller Blicke an dem Punkt, wo das letzte Signal erschienen war. Da zerriss plötzlich ein roter Feuerstrahl den Horizont, und wie von der Glut eines Brandes übergossen, tauchte der Wald und das Flusstal minutenlang aus der schwarzen Finsternis auf.

»Well! Sie haben uns gehört und verstanden!«, rief der Kommandant, sich freudig die Hände reibend. »Jetzt aufgepasst! Und sobald unten der erste Schuss fällt, dann heraus aus dem Nest und im Sturmschritt auf den Feind! Hätte man gewusst, dass die Hilfe so nahe war, Mr. Gloomy, dann wäre den armen Frauen die trübselige Wasserpartie erspart worden.«

Mochte nun die fieberhafte Spannung, welche sich der gesamten Besatzung bemächtigt hatte, die Zeit mit bleierner Langsamkeit verstreichen lassen, oder dauerte es wirklich unverhältnismäßig lange, ehe die zum Entsatz heranrückenden Truppen den Angriff auf das feindliche Lager eröffneten, kurz, der Komman­dant und seine Leute harrten und harrten wohl eine Stunde lang voll brennender Ungeduld und verwünsch­ten die Langsamkeit ihrer Befreier. Aber nichts un­terbrach die lautlose Stille unten im Tal, welches, wieder von dunkler Nacht bedeckt, Freund und Feind in seinem schweigenden Schoß verschlungen zu haben schien.

Murchinson konnte seine Ungeduld nicht länger zügeln. »Das ist ebenso unbegreiflich wie unerträg­lich!«, sagte er zu Gloomy. »Hat sich Scott verirrt oder sind wir von einem höllischen Phantom geäfft worden? Auf alle Fälle müssen wir wissen, woran wir sind; also lasst uns aufbrechen!«

Gloomy war durchaus einverstanden mit diesem Entschluss. Unter dem Eindruck des Geheimnisvollen, welches in dem ganzen Vorgang lag, wurde der Befehl zum Abmarsch mit leiser Stimme gegeben. Lautlos, wie ein Zug abgeschiedener Schatten, debouchierte die Kolonne durch das Pförtchen und den Hügel hinab. Kein Wort wurde in dem Zug gewechselt, den Lieutenant Gloomy anführte und Mur­chinson schloss. Nur zehn Mann und die Kanoniere blieben auf dem Fort zurück, dessen düstere, trümmer­hafte Umrisse in einer Entfernung von kaum zwanzig Schritten schon in der dichten Finsternis verschwanden. Mr. Gloomys Augen spähten wie die eines Wol­fes in die Nacht hinaus und sein Ohr lauschte auf das geringste Geräusch, während ihm das Herz in jener ungeduldigen Erwartung pochte, deren der Kriegsmann sich in ähnlichen Fällen nimmer zu erwehren vermag. Da schien es ihm – fast war bereits die Hälfte des Weges bis zum Talgrund zurückgelegt – als schlüge der dumpfe Schall taktmäßiger Schritte aus der Entfernung an sein Ohr. Er blieb stehen und die Kolonne hinter ihm machte gleichfalls ohne Kom­mando Halt. Mit angehaltenem Atem horchte er eine Weile. Richtig! Nicht vor, sondern neben ihnen in der Richtung nach links wurden nun rasche Schritte und leises Stimmengemurmel vernehmlich.

Auch der Kommandant musste das Geräusch vernommen haben, denn plötzlich erhob sich seine donnernde Stimme: »Halt! Wer da? Stillgestanden oder wir geben Feuer!«

»Voici qu’on vient à nous!«, tönte nahe eine sonore Stimme, »arrêtez! quelle est, votre consigne?«

»Der Teufel soll mich holen, wenn das nicht Französisch ist!«, rief der Kommandant, rasch vor­springend und sich Gloomy anschließend, der bereits mit vorsichtigen Schritten der Richtung des unsichtbaren Sprechers folgte. »Jedenfalls haben wir es mit Freunden zu tun. Hallo! Qui vive?«

Aus der Dunkelheit tauchte nun eine lange, schwarze Linie auf, Bajonette wurden sichtbar und zwei hochgewachsene Männer, deren einer die Capitains­uniform der Vereinigten Staaten trug, traten an Murchinson und Gloomy heran, die ihre Degen zum Gruß senkten.

»Truppen aus Fort Wayne, vermute ich?«, fragte der fremde Offizier verbindlich. »Befindet sich Major Murchinson bei Ihnen?«

»Dicht vor Euch, Kamerad! Aber in des Him­mels Namen, wie kommt Ihr hierher? Habt Ihr den Indianern Maulkörbe angelegt oder hat der Böse seine roten Söhne durch die Luft entführt, dass Ihr so gemütlich und ohne einen Schuss zu tun durch das Lager marschieren konntet, Mr. … Mr. …«

»Turner, Capitain Turner vom Siebenten. Ihr seht mich nicht weniger erstaunt, als Euch und General Scott, der sich eben wütend auf den Schnurrbart beißt, weil ihm der Feind entwischt ist!«

»Entwischt?«, schrien Murchinson und Gloomy zu gleicher Zeit. »Unmöglich!«

»So schien es auch uns. Nachdem wir in Georgia durch allerlei Zögerungen und besonders durch das langsame Eintreffen der Milizen ungebührlich aufgehalten worden waren, passierten wir das Gebirge und den Tennessees ohne Widerstand, ja ohne einen einzigen Indianer zu finden, und hofften darum umso sicherer, die ganze Macht des Feindes unvorbereitet bei Fort Wayne zu treffen und den Feldzug mit einem Schlag zu beenden. Ersteres geschah in der Tat; dass das Letztere nicht gelang, daran ist allein die un­glückselige Finsternis dieser Nacht und der Mangel eines kundigen Führers schuld, denn da unsere Leuchtsignale nicht von dem Fort erwidert wurden, gerieten wir zu weit rechts und befanden uns beim Austreten aus dem Wald am Ufer des Cumberland.«

»Und inzwischen konnten die Herren Cherokee, Oconee etc. in aller Gemütlichkeit ihr Lager verlassen, über den Harpeth setzen und links abmarschieren!«, sagte der Kommandant mit bitterem Lachen. »O, jetzt verstehe ich alles! Als Ihr nach langem Umherlaufen endlich mit der Nase auf das feindliche Lager stießet, fandet Ihr es leer, und Freund Scott sitzt jetzt in Takannahs Hütte wie der Sperling im Dohlennest!«

»General Scott wird sich zu rechtfertigen wissen, Sir!«, sagte der Offizier mit einiger Schärfe, »wie er dasselbe von Euch erwartet hinsichtlich der Nichterwiderung seiner Signale, denn der Schuss, den Ihr tatet, diente bei der Richtung des Windes nur dazu, unseren Irrtum zu vergrößern.«

»Entschuldigt, Capitain Turner!«, versetzte der Kommandant, der sich bemühte, feinen Unwillen zu unterdrücken, als dessen Objekt er bei näherer Erwägung doch nur das ungünstige Schicksal anklagen konnte. »Ich lasse General Scott und seinen Trup­pen volle Gerechtigkeit widerfahren, obwohl es mir lieb gewesen wäre, wenn er nicht auf die Milizen gewartet, sondern sich unverzüglich hierher in Marsch gesetzt hätte. Dann würde ich ihm auch mit einem Dutzend roter, gelber und blauer Signallichter haben aufwar­ten können, die leider gestern Nacht bei dem Brand des Forts ohne den geringsten Effekt in die Luft gegangen sind.«

»Bei dem Brand des Forts?«, rief der Capitain bestürzt. »Also habt Ihr wirklich einen Sturm ausgehalten? Wir sahen gestern eine helle Röte in dieser Richtung, als wir am Duck River lagerten, aber nimmermehr hätten wir geglaubt …«

»Nun, Ihr könnt Euch alsbald mit eigenen Augen von dem trübseligen Zustand der Festung überzeugen. Nun seid so gütig und lasst mich zum General führen; vielleicht holen wir noch den Feind ein, der unmöglich weiter als zwei Meilen entfernt sein kann.«

»Bitte, Mr. Turner!«, sagte nun der Fremde, der in Begleitung des Capitains gekommen war und noch keinen Anteil an dem Gespräch genommen hatte. »Wollt Ihr mich nicht dem Major vorstellen? Es drängt mich, diesem Tapferen meine Bewunderung, als auch mein Beileid zu erkennen zu geben.«

»Chevalier de Raucourt von Charleston – Murchinson, Kommandant von Fort Wayne! Der Chevalier stieß erst gestern mit seiner Begleitung zu uns, nachdem er bereits zwei Tage früher sich von der Unmöglichkeit überzeugt hatte, das Fort zu erreichen, ohne vom Feind entdeckt zu werden.«

Die beiden Vorgestellten schüttelten sich die Hände. »Was mein Bedauern über das die Festung getroffene Missgeschick noch vermehrt«, sagte der Chevalier, »ist der Umstand, dass ich nunmehr nicht imstande sein werde, Eure Gastfreundschaft für eine Dame in Anspruch zu nehmen, die ich so glücklich war, aus der Gefangenschaft der Indianer zu befreien.«

»Je nun – mein eignes Häuschen ist wohl noch notdürftig unter Dach, obwohl gräulich verwüstet, und leider haben mich die Verhältnisse genötigt, das weibliche Personal der Besatzung, meine Schwester und eine Freundin derselben, vor einigen Stunden zur Ab­reise nach Reynoldsburg zu zwingen. Ich fürchte, Mr. Gloomy«, setzte er, zu dem Lieutenant gewendet, hinzu, »dass sie nun aus dem Regen in die Traufe kommen werden, wenn die Indianer ihren Rückzug gleichfalls stromabwärts bewerkstelligen.«

»Dürfte ich fragen«, nahm der Chevalier wie­der das Wort, wie es schien, mit einigem Zwang und ängstlicher Spannung, »ob sich auf dem Fort ein gewisser Mr. Morris – Richard Morris befindet?«

»Morris’ genug; ich glaube, ein halbes Dutzend!«, brummte der Kommandant, »wohlgeratene Söhne eines ungeratenen Vaters, dem wir eigentlich das ganze Unglück verdanken. Der, den Ihr nanntet, schwimmt eben jetzt mit den Frauen und einem närrischen Kauz von Doktor auf dem Fluss nach Rey­noldsburg hinab. Ist es Euch jetzt gefällig, mich zum General zu führen, Capitain Turner?«

Der Major nahm mit einer freundlichen Verneigung Abschied von dem Chevalier, der ein paar Mi­nuten lang schweigend und augenscheinlich von unfrei­willigen Betrachtungen heimgesucht vor sich nieder­blickte. Der Kommandoruf Gloomys, der seine Leute Kehrt machen und einstweilen zum Fort zurück­marschieren ließ, während die zweite Kolonne ihre Richtung zum verlassenen Lager nahm, weckte de Raucourt aus seinem Hinbrüten. Ein leichter Wind, der Vorbote des jungen Lages, der bereits im Osten die Ränder des rasch dahintreibenden Gewölkes färbte, machte ihn frösteln. Sich dichter in seinen Mantel hüllend, folgte er den abziehenden Soldaten bergab­wärts, den Kopf mit vagen Plänen, das Herz mit den Trümmern verlorener Hoffnungen angefüllt.

Show 1 footnote

  1. Gloom – düster, Dunkelheit