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Der Teufel und die Hexe auf dem Oktoberfest 1830

Der Teufel und die Hexe auf dem Oktoberfest 1830

Lied eines Saufbruders, welcher halb tot berauscht in einer Wirtboutique von seinen Kameraden Abschied nimmt

Denken konnt’ ich nie vertragen,
Es verdarb mir stets den Magen,
Scheibenschießen, Kegelscheiben,
Meines Herzens liebstes Treiben,
Kurz’ Gebet, und fröhlich sein
Mit lustigen Brüdern insgemein,
Singen, Lärmen, Kartenspiel,
Dieses war mein Lebensziel.

Hohe Ritter, große Stern,
Pflasterstreicher, g’weihte Herrn,
Faule Kunden, lauter Brüder, alles gleich,
Nicht wahr Nand’l! Das ist unser Himmelreich?
Wenn mir nur die Zeit verging,
War nie zu bunt der G’sellschaftsring,
Bei Bier, Schnaps, Wurst und gut Gericht
Vergaß’ ich gern die läst’ge Pflicht.

Das Bräustüb’l war mein’ größte Lust,
Ich hab’ auch nie was Bess’res g’wusst,
O, Schnaps und Bier, mein Element,
Begleit’ mich du bis an mein End’.
D’rum Brüder lebt hier nur so fort,
Auf Wiederseh’n im Bräustüb’l dort!
Gott gib mir nun die ew’ge Ruh,
Und ja viel Bier und Schnaps dazu.

 

Wie die Hexe auf dem Dach einer Wirtsbude der Theresienwiese vor dem Rennen eine Predigt hält.

Viel geliebte und ehrengeachte versammelte Zuhörer!

Merkts auf, ihr Bauern! Euch kample ich im ersten Kapitel. Hört ihr Bürger und Handwerksleute! Euch wasche ich im zweiten; hört, hört, ihr gnädigen Herren und Damen und ihr Großen! Euch bürste ich im dritten und letzten Kapitel.

Euch Bauern hab’ ich schon lang auf der Nad’l! Bin gar nicht zufrieden mit euch! Der Portier an der Höll’npfortn sagt, dass seit 20 bis 30 Jahren grad so viel Bauernleut’ als Stadtleut’ in d’Höll’ nei g’fahr’n sind. Pfui Teufel! Was ist denn das? Schämt’s euch net? Sonst, sagt der Portiermuxl, vor Zeiten sind 25 gnädige Herrn und 25 andere Stadtleut’ zu der schwarzen Pfort’n komma, bis ma nur ain Bauern g’seh’n hat, jetzt aber ist der Zueflug von allen Seiten so groß, dass für die Bauern ein eignes Tor hat ausgebrochen werden müssen, das gar nicht mehr zugemacht werden darf. Sonst, wenn ma’ von der Unschuld, Treuherzigkeit und Redlichkeit g’sprochen hat, sind immer d’ Landleut’ als Muster aufg’führt worden, und jetzt! O lass’ mi aus und beiß’ mi’ net! Gute Nacht. Sonst, wenn’s in der Stadt in Verlegenheit g’weßt sind, und hab’n mit Ehr’n keine Kranzljungfer oder keine Trägerin aufzutreib’n g’wusst, wenn ein 12-jähriges Jungferl begrab’n worden ist, da hab’n doch d’ Landleut’ noch aushelf’n könna, und jedes benachbarte Dorf; aber fest! Du lieber Himmel! 20 bis 30 Stund’n weit in der Revier herum, und b’sonders da, wo d’Hofleut hinkomma, ist alles in Grund und Boden verdorb’n, von 12 bis 45 Jahr sind d’ Weibsbilder nix mehr nutz und die Bauernbüb’n sind a kein Teuf’! mehr wert. Wenn so a Simmerl 5 Jahr Soldat ist g’west, in der Hauptstadt an der Residenz Schildwacht g’standen ist und im Hoftheater a paar Mal bei der Jungfer Orleans in der Schlacht mit gepatscht hat, so glaubt ma Wunder, wie zivilisiert so a Bursch g’worden wär? Ja, an schön Teufel! Limmeln sind’s g’worden, grobi, den Stadtleuten woll’n sie’s nachmach’n die Lalli. sind mit’n Pfarrer grob, mit’n Gmai-Vorstand grob, mit’n Landrichter grob, mit’n Nachbarsleuten grob, ja mit ihren Weibern und Dienstboten grob, und glaub’n, d’ Grobheit spielt den Herrn, die Esel! Im Wirtshaus sind’s die ersten beim Prahl’n und erzähl’n von den Schlachten, die sie in der Auer-Dult bei den Bilderhändler geseh’n, und beim Raufen sind sie die Ersten, und gleich wie die Metzger mit den Messern und mit den Stechen da, die Flegel! Aber es ist kei’ Wunder, den Gottesdienst den kennas gar nimma, und zu der Kirchentür findens beim helllicht’n Tag nie hin; aber^ zum Kammerfenster bei der stockfinstern Nacht! O schöne Zivilisierung! was ma’ doch in der Stadt nicht alles lerna kann!

Vom Verschwenden und Verprassen kann ma jetzt eben nit viel sagen bei euch Bauern, denn es seid’s größtenteils so ziemlich ausg’fackelt; aber von der teuren Zeit her hat noch mancher zu büßen! Ihr Schlingel! Da habt’s nit schlecht gewuchert! Brenna und bratscheln viel hundert deswegen in der Höll’. Merkts euch dös’, wenn der Himmel sei bei uns, wieder so eine ausgespitzbüberte teure Zeit komma soll.

Und ihr Dienstboten! Du verdorbenes Gesindel! Jede Dirn’ an Kerl, jeder Knecht a Menschl und ihre vornehmsten Eigenschaften sind: Faulheit, Treulosigkeit, Falschheit, Verschwendung und Putz, und woher nemma? Der Dienstherrschaft abg’stohln! »Her da Baumann!«, wird der englische Oberschörg einst schrei’n, »wie hast du der Herrschaft d’ Wirtschaft g’führt? Wo sein die alten Schnittmesser, Sensen, und wo ist dös viele alte Eisen von den Rädern und Wägen hingekommen? Her da, du Oberknecht«, wird er sag’n, »wo is der Haber hinkömma, den du den armen Rossen vom Maul wegg’stohln hast? Wo ist das Stroh und Heu hinkömma, das du dem Vieh entzog’n hast? Wie hast z’haus eing’mess^n, wenn du in d’ Schranna g’fahrn bist? Brav an Metzen g’stoß’n, dass d’Traid zamg’falln ist? Im Abstreicha hübsch nieder g’haltn, dass dir ein oder zwei Metzn übablieb’n sind, nicht wahr Schlingel?«

»Schlifl liederlicher!«, wird der himmlische Richter sagen, »gelt, verkaft hast d’Sach und dein’ Mensch’n Bradl, Kaffee und Möb’ bezahlt und ein neues Halstüchl g’schafft?«

»Her da, Drescher!«, wird der Fankerl dag’n, »zieg d’ Stifl aus!«

Da wird der Weiz’n metznweis herausrumpeln, den du immer wegg’schleppt hast!

»So«, wird itzt der Erzengl Michl sag’n, »hat euch d’ Herrschaft desweg’n Kost und Lohn gegeben, dass ihr sie belügt und betrügt? Fort wird’s heiß’n. In’s Schlangenstübl mit dem Schelmengepack!«

Aufg’merkt itzt, ihr Handwerksleute!

»Wo seid ihr Schuhmacher und Schneider?«, wird der heilige Petrus ruf’n.

Aber keina wird antworten, alle möchten sich gern in den Himmel schleichen, aber nix da! Der teuflische Profosenjung wird euch fortpeitschen von der Himmelspfort’n und es wird heiß’n beim Verhör: »Schuster! Warum hast du anstatt Pfundsohl’n Kuhsohl’n g’nomma? Warum hast Kartenblatt’l statt Leder unter d’ Sohl’n g’näht und mit Werchgarn statt mit Hanif g’arbeit? Und d’ Stiefln und d’ Schuh so schlecht g’macht, dass d’ Sohl’n schon wegg’falln sind, wenn ma in Lamplgarten oder auf d’ Schießstatt ganga ist? Und du willst in Himmel komma? Du Pechschlemperer! Marsch mit dir in Pechkessel«, wird’s heiß’n. Und ein Teufl wird dir mit einem Knieriem den Marsch machen.

»Was sind denn das für dürre Kerl’s?«, wird der Erzengel Michl frag’n. Und aus Mitleid hätt’ er bald a guets Wort für sie g’red’; aber diese lustigen Sünder sind Schneider, die ihre Schand’ nit mit den g’stohlna Fleck’n werden zudeck’n könna.

»Was sind denn das für weiße G’frisa dort?«, wird a schwarza Paßauf frag’n?

»Melber, Bäcker und Müller sind’s«, wird das arme, übern Löffel balbierte Volk schrei’n. »So!«, wird’s heiß’n, dö Erzschlingel trau’n sich auch noch her? Glaub’n vielleicht, im Himmel is a all’s taxfrei?«

Marsch damit. Net wahr, Bäcka? S’ Schafl Weizn soll halt 1 fl 80 kr. kost’n und d’ Kreuzersemmeln soll’n nie größer als a Hehnerei sein, gelt, da verlangts euch den Himmel net? Lebts lieber auf der Welt. Wart nur! Der Teufl wird schon an recht’n Daich aus euch kneten.

»Was ist denn dort hinten für a Dickwams?«, wird der Richter frag’n, »hervor damit!«

»Dös is a Bräu!«, werden itzt tausend und tausend Stimmen brüll’n. »Fünf und sechs Kreuzer hat er sich für sein schlecht’s G’süff zahl’n lass’n und uns arme Handwerksleut’ und Soldat’n um unser blutig’s Schweißgeld betrog’n!«

Itzt wird der Richter frag’n: »Wo hast du deine Häuser, deine Güter und deine Equipagen her?«

Aber der arme Sünder wird da steh’n, an die Brust schlagen und nichts sag’n könna als: »Herr! Sei mir miserablen Tropfen gnädig.«

»Ja, ja«, wird nun der himmlische Richter antworten, »es wird mit enk noch so weit komma, dass enk a Regierungsbeamter auf der Straß bitt’n muss, hinten aufsitzen zu dürfen! Wart nur, ich will euch equipageln und hofmeisterln, fort damit in Feuersaal und nei damit in höllischen Sudkessel, anstatt den Hopfen und Malz, dass er seinen Suden abg’stohl’n hat!

Was ist das für ein langer dürrer Schlingel, der dort den heiligen Florian so wehmüeti’ bitt? G’wiss um a guets Vorwort? Nix,wirds heiß’n, der Kalfakter hat den heiligen Florian beinah’ alle Tag ausg’spott, hat aber den Wasserkübel nicht aufs Feuer, sondern anderswo hing’schütt.

»O du armes Volk!«, wird nun der Richter rufen, »was hast du dir auf der Welt all’s g’fall’n lass’n müss’n! Du hast deine Sünden schon dort g’nug abgebüßt.

»Wo sind d’ Metzger!«, wird’s heiß’n.

Die hab’n sich versteckt unter den groß’n Haufen, den sie zu ein halb’n Pfund Fleisch ein halbs Pfund Beiner g’wog’n hab’m. »Heraus damit! Verantworts enk!«, wird der ötfentliche Ankläger des Jüngsten Gerichts schrei’n. Und da werd’ns da steh’n und zittern wie der Ochs im Schlachthaus, wenn der Knecht das Beil aufhebt.

»Gelt, ihr Schlifl! Seid’s mit und ohne Tax nix nutz«, wird der Richter sag’n. Vor Zeiten, ja, da ist kei’ Metzger z’komod g’west, und ist selbst in’s Gai ganga; aber jetzt setzen sie sich lieber in d’ Wein- und Bierhäuser brav nei und lass’n sich ’s Vieh von den Kauderern für d’ Nas’n hintreib’n. Gelt, ihr Kaiblstecher! Aber komm mir nur einer mehr und sag’ mir, ’s Vieh ist z’teuer! So freilich, wenn ihr den Kauderern euren Prosit gebt und z’faul seid, euer Vieh selbst zu kaus’n.

»Auf d’ Seit’n damit«, wird’s heiß’n, bis ma’ Zeit hat, die Fleischmarterer auszusuchen, was sich in d’ Höll’ qualifiziert hat.

Gleich hinten drein werd’n d’ Köch um a schön’s Wetter bitt’n. Ja dö sind dö Wahr’n! Was habt’s all’s nei g’hackt in d’ Würst!

»He! Ihr Wurstschlingeln!«, wird der Ankläger frag’n. Aber sie sag’n nix von dem kranken und tod’n Vieh, dös z’sam g’hackt hab’n. Pfui, schamts enk!

Seid ihr auch Menschen? Kälber seid’s und Büffl grobi, um a paar Taler z’gwinna, fragt’s nix danach wenn d’ Leut krank werden oder gar sterben müß’n an eurem harten teuren Fleisch oder enkern kleinen spottschlechten Würstl’n.

»Marsch in d’ Höll!«, wird der Richter befehl’n, und z’samm g’hackt zu lauter Wurstbreu, wie sie’s verdiena.

Zur selben Zeit, wie die hoffärtigen Engel sind naus g’jagt worden aus’m Himmel, da hat a solcher Ex-Engel so etwas von einem Strafmandat mitbracht, und da steht d’rin: Diejenigen Schmiede, die zu den Arbeiten für die Wägen und anderen Requisiten schlechtes Eisen nehmen und doch tüchtige Neujahrsrechnungen zu machen wissenen, werden in der Höll’ auf einem glühenden Amboss gehämmert. Merkt’s enk’s, ihr Schmiede.

Aus denjenigen Riemern und Sattlern, welche schlechte Arbeit machen und schlechtes Leder zu dem Geschirr und Sattelzeug nehmen, werden Riemen geschnitten; merkt’s euch’s, ihr Riemer und Sattler!

Die Wagner, welche so schlechte Räder machen, dass man nicht zweimal nach Hesellohe fahren kann, ohne den Hals zu brechen, die werden gerädert! Und die Maurer und die Zimmerleut’ haben deswegen wenig Hoffnung, in den Himmel zu kommen, weil dort alles auf d’ Ewigkeit gebaut wird, und dort keine langsamen und schlauderische Arbeiter gebraucht werden können. Dieses Mandat wird am jüngsten Tag vorgelesen, damit jeder weiß, wo er hingehört. Den Hauptkalfaktern aber werden ehevor die Leviten noch recht gelesen.

Meine viel geliebtesten Zuhörer! An meine lieben Bürgerfrauen will ich noch eine kurze Rede halten, dann werde ich meine Predigt für heute beschließen und euch aber in einen Erdspiegel den 3. Teil sehen lassen, wie es in der Höll^ und an der Pforte des Himmels zugeht.

Meine lieben guten Bürgerfrauen!

Bei den gegenwärtigen verdrehten und verkehrten Weltansichten sind auch eure Ansichten oft ziemlich verkehrt, in Rücksicht auf die Erziehung und Versorgung eurer Töchter! Ihr glaubt, meine lieben Frauen, etwas recht Großes aus euren Töchtern zu machen, wenn sie Perl- und Blumensticken, Klavierspielen, Französisch sprechen, Singen und Tanzen, Verse machen oder Novellen schreiben können; und es wird oft etwas recht Kleines daraus! Ihr glaubt wirklich, schon das Fundament zu einer gnädigen Frau bei euren Töchtern gelegt zu haben, wenn sie in diesen Tändeleien einige Fortschritte machen. Aber ich sage euch, es ist meistens nur ein glänzendes Elend, das manchmal den Grund zum Verderben legt, und den Eltern wie den Kindern zu spät die Augen öffnet! Freilich wird es einem hübschen, romantisch, poetisch und dramatisch fantasierenden Mädchen an Hausfreunden, süßlichfaden Gecken, Lobhudlern, Kurmachern, Verehrern etc. nicht fehlen, und mancher wird sogar vom Heiraten sprechen. Im Falle nun die Angebetete viel Geld zu hoffen hat, kann auch Heirat nicht fehlen, und die Glückliche spielt vielleicht wirklich einige Jahre die Rolle einer gnädigen Frau, dann aber ist das Geld verputzt, die Herrschaft hat ein Ende, zu einem Broterwerbe ist man nicht ausgebildet worden und zuletzt muss der Almosen-Fond herhalten.

Hat das Mädchen aber kein Geld, so wird der Anbeter bei all den großen Vorzügen seiner Geliebten, blass vor Schrecken, wenn man ernstlich vom Heiraten spricht, und eine ganze Schar solcher Kussschmarotzer wird durch das Donnerwort Heirat auf immer vertrieben. Indessen gibt es Narren und Schafsköpfe von Müttern und Vätern noch genug, die sich in ihrem Dünkel nicht irre machen lassen und bis zum Wahnsinn in ihre Putzpuppen verliebt sind. Zu diesen sage ich: Geht hin, ihr Esel, und führt eure Tochter wie ein Paraderösslein herum auf allen Straßen, produziert sie auf allen Bällen und öffentlichen Gesellschaften, lasst sie malen und ihr Bild in die Kunstausstellung hängen. Prahlt euch damit, wenn ihr Hofleute, hohe Staatsbeamte und alte abgelebte Grafen den Hof machen, denn eine solche Gönnerschaft ist höchst interessant! Prahlt euch damit, wenn euer Töchterlein im Gefühl ihrer Größe, Bildung und vornehmen Bekanntschaften, recht vielen braven Bürgersöhnen und anderen ordentlichen Männern hohnlächelnd den Korb gegeben hat. Wahrlich, ich sage euch, diese Herrlichkeit darf endlich noch von einem Glück sagen, wenn sie einen Laternenanzünder erhascht. Im Gegenfall aber wird sie nach dem gewöhnlichen Ende von diesem Schauspiel ihre alten Tage als Kupplerin oder Lichtlerin in der Heiligen Geist Kirche beschließen müssen.

Amen.