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Der Detektiv – Band 22 – Um die Millionenbeute – Teil 4

Walter Kabel
Der Detektiv
Band 22
Kriminalerzählungen, Verlag moderner Lektüre GmbH, Berlin, 1920
Um die Millionenbeute

Teil 4

»Ich war wieder ich selbst!«, fuhr Harst fort. »Und in demselben Augenblick hatte auch Doornblam verspielt.

›Herr Doktor‹, sagte ich, ›halten Sie mich für so töricht, dass ich mich zu Ihnen wagen würde, ohne meinen Rückzug mir genügend zu decken? Den Tod fürchte ich nicht. Wir müssen alle einmal sterben. Und ich sterbe in der Gewissheit, dass Sie mir sehr bald folgen werden. Wollen Sie bitte nur einen kurzen Blick aus dem Fenster Ihres Arbeitszimmers auf die Straße werfen. Aber schalten Sie dabei das Licht nicht aus. In demselben Augenblick, wo es erlischt, ohne dass ich vorher die Straße betreten habe, geschieht zweierlei. Was, behalte ich für mich!‹

In seinem Gesicht zeigte sich ein Ausdruck schnell wachsender Unruhe. Dann meinte er achselzuckend: ›Gut, ich kann ja mal nachsehen! Aber bewegen Sie sich nicht. Der Todesmechanismus wird auch ausgelöst, sobald man zu stark an den Armen des Ritters rüttelt. Ich bin Ihrer ganz sicher. Diese Eisenhände sind besser als Patenthandschellen.‹ Er ging zur Tür nach den Vorderzimmern hin. Er ließ die Tür hinter sich offen.

Ich wandte nur einmal den Kopf dorthin. Dann hob ich das linke Bein. Alles hing nun von meiner Geschmeidigkeit ab. Ich hob es, fand mit der Spitze des Fußes den oberen Knopf, drückte – drückte.

Und war frei! Die Hände hatten sich geöffnet. Ich war frei, riss die Pistole aus der Tasche, schlüpfte hinter Doornblam drein, fand ihn an seinem Schreibtisch sitzen, den Federhalter in der Hand.

Ich wartete. Er schrieb – schrieb hastig. Dann trocknete er den Zettel mit dem Löscher, lachte leise auf, erhob sich.

Wir standen uns gegenüber. Und er lächelte.

›Lieber Herr Harst‹, sagte er schnell, ›da, lesen Sie!« Ich nahm den Zettel mit der Linken. Die Rechte hielt die Pistole und der Zeigefinger war um den Abzug gekrümmt. Ich trat drei Schritt zurück, überflog die Zeilen, ließ den Doktor trotzdem nicht aus den Augen.

›Ich habe Ihnen nur beweisen wollen, verehrter Herr Harst, dass ich ungefähr Ihnen gewachsen bin. Alles war ein Scherz, wenn auch ein etwas brutaler. Weder Bloomberg noch ich haben Sie zu fürchten. Dr. Doornblam.‹

Einen Moment wusste ich nicht, was ich von diesem Scherz zu halten hätte.

Da sagte Doornblam schon: ›Ich sehe, es ist gekommen, wie ich vermutet habe. Ich verließ das Zimmer nur, damit Sie sich mit dem Fuße befreien sollten. Entschuldigen Sie, Herr Harst, es war aber wirklich nur ein Scherz.‹

›Das merke ich jetzt selbst, Herr Doktor. Immerhin ein sehr übler Scherz.‹ Ich steckte die Pistole ein und verbeugte mich. ›Leben Sie wohl. Ihr Haus enthält denn doch zu unangenehme Überraschungen.‹

Er bat mich aufs Liebenswürdigste, zu bleiben. Ich erklärte, ich müsste heim.

Dann ging ich. Und wie, wie atmete ich auf! Schraut, der Mensch war gefährlicher als Palperlon! Siehst du das ein? Bedenke: Er hat natürlich beobachtet, wie ich mich so blitzschnell befreite, hat sein Spiel verloren gegeben, sich an den Schreibtisch gesetzt. Ich will mich bei dem Folgenden nun kürzer fassen. Ich war darauf vorbereitet, dass Doornblam versuchen würde, mich auf andere Art auszulöschen. Und ich wollte ihm dazu Gelegenheit geben! Ich wollte nachprüfen, ob er sich wirklich nochmals an mich heranwagen und wie er es tun würde. Deshalb setzte ich mich damals an den Schreibtisch, der ja links neben dem einen Fenster stand, und teilte dir schriftlich mit, was ich dir ebenso gut auch hätte erzählen können. Ich wollte eben nur irgendeine Schreibarbeit haben. Aber bevor ich den Brief begann, erledigte ich noch so Einiges andere. Ich ließ die Vorhänge eine Handbreit am Fenster offen, sodass man mich von draußen sehen konnte, aber nur von einer bestimmten Stelle des Tennisplatzes aus. Dort stellte ich die Trittleiter des Gärtners auf, löste aber oben die Schrauben der Gelenke so, dass sie unter einem Gewicht wie dem Doornblams zusammenbrechen musste. Nur von der Leiter aus war der Schreibtisch zu überblicken, nur von dort her konnte jemand auf mich schießen.«

Harst holte aus der Westentasche ein längliches, mit einer stearinähnlichen Masse umgebenes Bleigeschoss hervor.

»Da – das fand ich neben der umgestürzten Leiter. Es ist das Geschoss einer jener amerikanischen Luftbüchsen, deren Durchschlagskraft es mit jedem Jagdgewehr aufnimmt. Ich fand es, als das Geräusch der zusammenbrechenden Leiter um halb zwölf mir sagte, dass Doornblam mir in die Falle gegangen war. Ich trat sofort ans Fenster, öffnete es, sah einen Menschen hinkend fliehen, folgte ihm nicht allzu rasch. An der massigen Gestalt erkannte ich den Doktor. Ich ließ ihn entwischen. Ich war ihn los, beendete den Brief und verschwand, bezog ein anderes Quartier in anderer Maske, beobachtete Doornblams Haus, sah den Depeschenboten es betreten und folgte dem Doktor dann abends nach Malmö, wo wir den Zug bestiegen, den auch du gewählt hattest. Nachdem alles in den Schlafwagen zur Ruhe gegangen war, wollte ich mich in Doornblams Kabine einschleichen. Ich hoffte, dass ich bei ihm das Telegramm finden würde, das der Bote ihm vormittags gebracht hatte. So kam es, dass ich eine Frauengestalt bemerkte, die an des Doktors Kabinentür lauschte. Sie verließ den Wagen; ich folgte ihr bis Kabine Nr. 14, wo sie verschwand. Sie riegelte sich ein. Das Loch war bald gebohrt. Ich sah gerade noch, wie sie einen Männeranzug anlegte. Dann scheuchte mich einer der Schaffner davon. Als ich meine Kabine wieder betreten wollte, hörte ich undeutlich einen Schrei. Das Weitere weißt du. Ich überraschte dich; ich fand in Doornblams Koffer diese Depesche. Und das Loch in der Tür von Nr. 14 wird dir verraten haben, dass deren Inhaber oder Inhaberin ebenfalls durch das Fenster hinausgestiegen war. Der Fenstervorhang flatterte zur Genüge. Der Doktor ist auf dem Wagendach erstochen worden. Er stieß den Schrei aus. Und der Mörder oder die Mörderin – das Weib trug Hut und dichten Schleier – wird das Risiko auf sich genommen haben und von dem fahrenden Zug abgesprungen sein. Wer geschickt ist und die richtige Stelle dazu auswählt, kommt mit ein paar Hautabschürfungen davon. So, nun lies diese zweite Depesche.«

Er reichte sie mir.

Reise mit Nachtzug Geschäft sehr dringend. Ich erwarte ich bestimmt – Bloomberg, so lautete das Telegramm.

Harst stand auf. »Es wird kühl; gehen wir. Die Sonne hat nur für eine halbe Stunde mit ihrer Wärme geprahlt. Es ist auch Zeit, dass du Bloomberg besuchst. Um 3 Uhr nachmittags schließt er seinen Antiquitätensalon«, sprach Harst weiter. »Du wirst sehr vorsichtig sein müssen. Bloomberg dürfte gerade jetzt überaus misstrauisch sein. Der Laden befindet sich in der Drottninggatan Nr. 51. Sehr wahrscheinlich wirst du dort genau denselben Wachskopf auf der Schüssel bemerken, wie ich ihn dir beschrieben habe. Du kaufst ihn, fragst aber, ob er garantiert echt, das heißt, ein paar Jahrhunderte alt ist. Handle auch tüchtig, feilsche um jede Krone, deute trotzdem an, dass du selbst das Teuerste bezahlen könntest, und flechte ein, du hättest eine Vorliebe für historischen Schmuck. Na, du wirst deine Sache schon gut machen, mein Alter.«

Wir fuhren mit dem kleinen Dampfer zur Anlegestelle zurück. Schon auf dem Dampfer taten wir fremd. Wir hatten uns schon vorher Lebewohl gesagt.

Ich nahm eine Droschke und ließ mich zur Drottninggatan 51 fahren. Der Laden war wie das Haus schmal und tief. Zahlreiche elektrische Beleuchtungskörper brannten hier und bestrahlten eine Unmenge zum Teil geradezu kostbarer Gegenstände. In der Mitte des Ladens bemerkte ich linker Hand eine Art großen Glaskasten, das Kontor. Dort saß ein Mädchen und tippte auf der Schreibmaschine. Außerdem standen noch zwei Herren in zwangloser Haltung neben einem großen Diplomatenschreibtisch. Der Ältere der beiden, ein Kahlkopf mit blondem Spitzbart, Goldkneifer und rundem Bäuchlein unter der weißen Weste, winkte dem Fräulein, nachdem er mich durch die Glaswand kurz gemustert und mir eine höfliche Verbeugung gemacht hatte.

Das Fräulein, ein älteres, verblühtes und leidend aussehendes Geschöpf mit kurzsichtigen Augen, fragte nach meinen Wünschen.

›Ich möchte den Salon besichtigen und vielleicht dies und jenes kaufen‹, erklärte ich in meinem nicht gerade tadellosen Englisch.

Das Fräulein führte mich herum. Sie sprach fließend Englisch. Sie leierte alles, was sie über die Gegenstände zu sagen wusste, wie auswendig gelernt herunter. Als wir in den ersten Stock hinaufstiegen, verabschiedete sich der andere Herr von Severin Bloomberg, und dieser eilte uns nun die Wendeltreppe empor mit großer Beweglichkeit nach, schickte das Fräulein weg und entschuldigte sich, weil er nicht sofort mir zur Verfügung gestanden hätte.

›Der Herr war der Leiter der hiesigen Detektivpolizei, Inspektor Brodersen. Er überbrachte mir die traurige Nachricht, dass ein alter Bekannter von mir unterwegs von Malmö nach hier ermordet und völlig ausgeplündert worden ist. Ich weiß nun zufällig, dass mein Bekannter, der Doktor Doornblam aus Kopenhagen, eine beträchtliche Summe Geldes bei sich führte. Der Polizei war dies sehr interessant – hm – sehr wichtig. Brodersen hat mich deshalb auch recht lange aufgehalten. Mein Herr, dies hier ist eine Schnitzerei aus dem alten Troja. Garantiert echt …‹ Er war nun ganz Geschäftsmann.

Einen ungünstigen Eindruck machte Bloomberg nicht. Er war nur sehr fahrig und nervös. Dies konnte allerdings auf Doornblams Tod zurückzuführen sein.

Dann standen wir vor einem Elfenbein eingelegten Tischchen. Und auf diesem Tischchen war eine Schüssel mit einem Wachskopf aufgestellt.

›Was ist denn das?‹, fragte ich. So begann der Handel um den Wachskopf.

Bloomberg versicherte, diese mechanische Spielerei sei nur in drei Exemplaren vertreten und stamme aus Nürnberg, sei etwa 400 Jahre alt. ›Gewiss, für die Echtheit übernehme ich volle Garantie‹, sagte er dann. ›Derartige Dinge fertigt man heutzutage nicht mehr an, mein Herr. Sie sind Deutscher, nicht wahr? Ah – Schriftsteller! Soso – mehr im Nebenberuf, mehr Rentier als Schriftsteller. Da darf man gratulieren. Was der Kopf kostet?‹ Er zögerte. ›Fünftausend Kronen. Es ist ein sehr geringer Preis.‹

Ich feilschte und nach zehn Minuten hatten wir uns auf 4500 Kronen geeinigt. Als ich bezahlte, fragte ich so nebenher, ob er vielleicht auch antike Schmuckstücke zur Auswahl hätte. ›Ich besitze eine kleine Sammlung. Letztens kaufte ich in Paris einen Ring der Königin Marie Antoinette, ein wundervolles Stück. Es war fabelhaft billig – 180.000 Mark – in Anbetracht des historischen Wertes geschenkt!‹

Bloomberg biss sofort an. »›Gewiss – gewiss – ich habe sogar einige Sachen, die einen Millionenwert darstellen …‹

›Das tut nichts. Wenn sie nur echt sind und ihre Geschichte haben.‹

Ich lächelte Boomberg an und kniff das eine Auge zu. ›Diese Geschichte darf sogar – hm – etwas abenteuerlich sein. In dieser Beziehung denke ich wie mein Freund Seymour aus Chicago, der Schweinekönig, Sie wissen wohl. Der kauft Gemälde, die er niemandem zeigen darf, ganz unter uns gesprochen‹

Bloomberg grinste. Ja – es war ein Grinsen kein verständnisinniges Lächeln, ein Grinsen, das seine Seele mit einem Male bloßlegte.

›Bitte, wollen Sie mich morgen früh um 8 Uhr vielleicht aufsuchen‹, flüsterte er sehr geheimnisvoll tuend. ›Ich öffne das Geschäft erst um neun. Da hoffe ich Ihnen so einiges vorlegen zu können, was – hm – nur unter Diskretion veräußert wird.‹

Er grinste wieder. Mein Freund Seymour hatte ihn offenbar vertrauensselig gemacht. Ich nahm den Karton mit dem Wachskopf und verabschiedete mich. Bloomberg brachte mich bis zur Ladentür, meinte dann noch: ›Ich wohne im 2. Stock. Der Eingang zu meiner Privatwohnung liegt in der Evestragatan, der nächsten Querstraße. Mein Garten zieht sich rechtwinklig bis dorthin. An der Pforte der Gartenmauer finden Sie mein Schild und eine Glocke. Auf Wiedersehen, mein Herr.‹«