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Der Spieler

Der Spieler

I

»Haben Fie ffonmal einen fo frahlendblauen Himmel gefehen?«, fragte ihn der Kerl mit dem schief auf dem Quadratschädel sitzenden Anglerhut und Alvar, der neben ihm hertrottete, blieb nichts anderes übrig, als mit dem Kopf zu schütteln. Natürlich war das gelogen. Genauso wie die Sache mit dem ersten Mal gelogen gewesen war, die er seinem neuen Kumpel aufgetischt hatte. Alvar hatte sehr wohl ffonmal einen fo frahlendblauen Himmel gefehen und er war auch schon hier auf der Insel gewesen. Das lag allerdings mehr als dreißig Jahre zurück. Praktisch ein ganzes Leben. Seitdem hatte er der Deutschen liebstes Reiseziel nicht mehr besucht. Und das hatte seine Gründe.

»Fo einen Himmel gibt ef bei unf fo hoch im Norden nicht«, fuhr sein Freund mit dem Sprachfehler fort. Alvar sah aus dem Augenwinkel, wie sich Leon, sein zwölfjähriger Sohn, ein Lachen verkneifen musste. Der Grimasse nach, die er dabei zog, keine leichte Aufgabe. Alvar selbst konnte die Belustigung des Jungen nicht im Geringsten nachvollziehen. Schneider strapazierte seine Nerven. Mittlerweile wäre Alvar so weit gegangen, ihm den Inhalt seiner Brieftasche zu überlassen, nur um ihn wieder loszuwerden. Doch Schneider war eine verdammte Klette. Mit einer Auswahl von Alvars Scheinen konfrontiert, hätte er kurz in seinem Redeschwall gestockt, die Scheine in seinem Portmonee verschwinden lassen und dann einfach weiter gequasselt.

Die Reisefirma war schuld. Sie hatte dafür gesorgt, dass sie als Sitznachbarn nebeneinander im Flugzeug hatten hocken müssen. Zweieinhalb Stunden, eingepfercht auf engstem Raum mit einem ADHS-Greis, der obendrein auch noch an Problemen bei der Aussprache litt. Der Stoff, aus dem Albträume gemacht waren. Es hatte keine dreißig Minuten gedauert, und Alvar war bestens über die Lebensgeschichte des Kerls informiert. Angefangen bei der idyllisch verbrachten Kindheit irgendwo im Osten, bis hin zu dessen Fraueneskapaden. Gattin Nummer drei hatte in der Reihe gegenüber gesessen. In der Reihe, die eigentlich für Alvar und seine Familie reserviert gewesen war. Nur hatte Schneider ihn darum gebeten, dass Alvar und sie doch bitte die Plätze tauschen mögen, damit seine Frau ebenfalls am Fenster sitzen könne; der Flug nach Palma war für beide der erste Flug seit Jahren, wie er nicht müde wurde zu betonen. Alvar hatte eingewilligt und das Unheil somit seinen Lauf genommen.

Nach der Landung dann die nächste böse Überraschung: Alvars Familie und das Ehepaar Schneider waren von der Reisefirma nicht nur im selben Billigflieger, sondern auch im selben Hotel untergebracht worden. »Eine wahre FFickfalfgemeinffaft, waf?«, hatte Schneider gemeint, als sie in den Bus zum Hotel gestiegen waren, und Alvar hatte ihm in diesem Punkt ausnahmsweise zustimmen müssen.

Absolut richtig, alter Knabe, war es ihm durch den Kopf gegangen. Eine wahre FFickfalfgemeinffaft. Ich hätte es nicht besser ausdrücken können!

Vom Parkplatz aus setzten sie sich nun in Bewegung. Eine Kolonne aus zwei Dutzend abgeschlafften, mit Koffern und schweren Reisetaschen beladenen Touristen. Es waren kaum hundert Meter bis zum Hotel. Nicht mehr als ein Fliegenschiss, wie Alvars Vater es ausgedrückt hätte. Doch für Alvar, der unter der Last seines Gepäcks und der Hitze wie ein halbverdurstetes Muli stöhnte, war die Entfernung weit größer. Für ihn bedeutete der Fußmarsch einen Abstieg zu einer dreißig Jahre entfernten Vergangenheit. Einer Vergangenheit, die er bislang nur in Therapiestunden und in seinen Albträumen aufgesucht hatte. Bis jetzt.

Die ultimative Konfrontation, dachte er und schaute sich verstohlen nach seiner Frau um. Noch in derselben Sekunde verspürte er einen Stich in der Brust. Marie sah bildschön aus, wie sie da im Sonnenschein spazierte. So schön, wie er seine mittlerweile verstorbene Mutter in Erinnerung hatte. Lachfältchen um die blauen Augen herum; fein gemeißelte Gesichtszüge, die von glattem blonden Haar eingerahmt wurden, das im grellen Mittagslicht beinahe durchscheinend wirkte.

Alles wiederholt sich.

Er ging schneller, auf der Flucht vor einer imaginären Stimme, die ihn aufforderte, doch noch einen Blick in die Augen seiner Frau zu werfen. In die Augen, die dieses sehr spezielle, warme Blau besaßen, das ihm zuvor nur am wolkenlosen Himmel Mallorcas begegnet war. Am wolkenlosen Himmel Mallorcas und … in Tobis Augen.

Alvar meinte, einen kalten Hauch wahrzunehmen, der ihn im Nacken streifte. Gänsehaut trat auf seine Unterarme. Er zog die Schultern enger an den Körper und versuchte, sich auf Schneider zu konzentrieren, der rasch zu ihm aufholte, ohne dabei in seinem Redeschwall zu stocken. Es ging um seine Arbeit im Büro, um den Alltagstrott, in dem er sich gefangen fühlte, und wie froh er doch darüber wäre, die nächsten Tage alle Fünfe gerade sein lassen zu können. Belangloses, ungefährliches Zeugs. »Wenn ich dran denke, welchef Wetter fie gerade in Deuffland haben, mach ich drei Kreuze, daff wir unf für FFpanien und die Balearen entffieden haben.«

Und die Spanier werden drei Kreuze machen, wenn sie uns wieder los sind, jede Wette! Alvar zitterte leicht. Schneider bemerkte es nicht, sondern plapperte einfach weiter von der heilenden Kraft der Sonne und vom positiven Einfluss, den die mediterrane Lebensweise auf den menschlichen Organismus ausübe. Das tat er, bis sich ihre Wege am Hotelempfang trennten. Dankenswerterweise hatte die Reisefirma Zimmer auf verschiedenen Etagen für sie gebucht.

Während Schneider und seine Frau mit ihren Koffern weiter zum hinteren Aufzug schlenderten, der für die Zimmer mit den höheren Nummern reserviert war, warteten Alvar und seine kleine Familie vor dem in der Nähe des Foyers. Alvar nutzte die Zeit, um seinen Blick durch die Eingangshalle schweifen zu lassen. Es war ein anderes Hotel als damals. Das Hotel, in dem er in den frühen Neunzigern mit seinen Eltern eingecheckt hatte, hatte drei Häuserzüge weiter gestanden und war längst abgerissen worden. An seiner Stelle hatte man ein Luxusresort errichtet. Kosten pro Nacht: dreihundert Euro. Frühstück nicht mitinbegriffen.

Doch auch, wenn es nicht dasselbe Hotel wie damals war, gab es Gemeinsamkeiten: Der rötliche Ton, in dem die Vorhänge und Teppiche gehalten waren, zum Beispiel. Nicht gerade ein mattes Orange, wie in dem Hotel, in dem er und seine Eltern vor dreißig Jahren untergekommen waren, aber auch weit entfernt von dem kräftigen Karmesinrot, wie es etwa in Horrorfilmen so häufig Verwendung fand. Es war ein verwaschenes, ein unwirkliches Rot, das in den Augen wehtat. Nahezu gleich war auch der Geruch, der in der Lobby vorherrschte. Es war dieser gesättigte, schwere Duft, leicht hölzern, wie er allen Gebäuden anzuhaften schien, die schon mehr als zwei oder drei Jahrzehnte auf dem Buckel hatten. Und dennoch besaß er seine ganz eigene, charakteristische Note. War irgendwie süßlich, als würden hinter den Tapeten versteckte Früchte langsam vor sich hinfaulen. Früchte oder … etwas gänzlich anderes.

Ihn schauderte. Der kalte Hauch, den er eben auf dem Weg zum Hotel wahrzunehmen geglaubt hatte, streifte ihn erneut. Mit starrer Miene blickte er sich nach Leon um, lächelte ihm zu. Es war ein angestrengtes Lächeln. In etwa so aufrichtig, wie der Händedruck, mit dem er sich gerade erst von Schneider verabschiedet hatte. Alles, was er wollte, war, sich zu vergewissern, dass der Junge noch da stand, wo er stehen sollte. Dicht bei ihm. Und dass es ihm gut ging, dass Leon unversehrt war. In der Psychologie bezeichneten sie das als Rückversicherung. Man besänftigte seine Angst, indem man sich davon überzeugte, dass alles in Ordnung war. Auch wenn es gar keinen Grund zu der Annahme gab, dass etwas nicht in Ordnung sein konnte.

Alvar hatte eine Menge über diese und jene Themen gelesen. Zu viel, wie ihm einmal ein Therapeut mitgeteilt hatte. Sie steigern sich da in etwas rein, Herr Schulte, hatte er gemeint, als sie sich in einer ihrer letzten Therapiestunden gegenübergesessen hatten. Manchmal hat es nicht unbedingt was mit Verdrängung zu tun, wenn man vergessen will und sich in Ablenkungen stürzt. Manchmal zeugt es schlicht von gesundem Menschenverstand. Sie aber wählen den entgegengesetzten Weg. Da Sie nicht loslassen können, wühlen Sie in ihren Problemen, wälzen sich förmlich darin, und suchen nach Erklärungen, wo es vielleicht gar keine gibt.

Das damals war Einbildung!, hätte Alvar ihn am liebsten angebrüllt. Kein schrecklicher Zufall oder ein mieser Trick. Ich hatte verdammt nochmal eine Psychose! Stattdessen hatte er den Therapeuten gewechselt. War von Pontius zu Pilatus gewandert, ohne dass einer der Seelenklempner ihm die erhoffte Diagnose hatte ausstellen wollen.

Tut uns leid, hatten sie unisono behauptet. Aber wir können anhand Ihres Auftretens und der Anamnese keinen Hinweis auf eine psychotische Persönlichkeitsstörung bei Ihnen feststellen. Dann hatten sie aufmunternd gelächelt, so als sollte er sich über diesen Fakt glücklich schätzen. Was er aber nicht im Geringsten tat. Denn wenn er nicht unter psychischen Problemen litt (oder zumindest gelitten hatte), musste das im Umkehrschluss bedeuten, dass sich damals alles so zugetragen hatte, wie es ihm seine Erinnerung weismachen wollte. Und das lag weit außerhalb dessen, was er bereit war, für sich als Realität zu akzeptieren.

Marie fiel auf, dass etwas mit ihm nicht stimmte. Sie wandte sich ihm zu und fasste nach seiner Hand. Manchmal erschreckte es ihn, wie gut sie in ihm lesen konnte. Er selbst war darin nicht einmal halb so geschickt. Trotz der achtzehn Jahre, die sie sich mittlerweile kannten – die letzten vierzehn davon hatten sie im Hafen der Ehe zugebracht -, hielt sie immer noch Geheimnisse für ihn parat. In ihm dagegen las sie wie in einem offenen Buch. Alvar fragte sich, ob das eines jener Mann-Frau-Dinge war, die auf Intuition beruhten, oder ob er schlicht über eine miserable Menschenkenntnis verfügte. Letzteres würde eventuell erklären, warum er – trotz anderer Ambitionen – nach seinem Journalistikstudium bei einem kleinen Lokalblatt hängengeblieben war und nie den Sprung zu den Großen geschafft hatte, den landesweit erscheinenden Tageszeitungen und Magazinen.

»Was hast du?«, fragte Marie leise.

»Nichts«, wiegelte er ab. »Nur der Stress. Erst das Packen, dann die Fahrt zum Flughafen und der Stau, der uns fast den Flieger gekostet hätte. Und«, er nickte rüber zu Schneider, der wild gestikulierend vor dem Fahrstuhl auf der anderen Seite der Treppe ausharrte, »jetzt auch noch er. Glaubst du, wir werden ihn je wieder los?«

»Keine Chance«, sagte Marie und lächelte zuckersüß. Sie legte ihm die Hand auf die Schulter. Ihre schlanken Finger begannen, ihn zart zu massieren.

Während sie darauf warteten, dass der Aufzug zu ihnen ins Erdgeschoss geruckelt kam, schweiften Alvars Gedanken abermals ab, zurück in eine Vergangenheit, die er bis zu jenem verhängnisvollen Tag im Sommer 1993 als unbeschwert und idyllisch erlebt hatte. Er war wieder elf und die Hand auf seiner Schulter gehörte nicht Marie, sondern seiner Mom, die …

 

II

    … ihn sanft von sich stößt. »Geh schon, mein Schatz.«

Mit großen Augen, in denen eine Abenteuerlust funkelt, wie sie nur Jungen in seinem Alter zu empfinden scheinen, schaut er sich nach ihr um. Er kann kaum fassen, was er da aus ihrem Mund gehört hat.

»Echt?«, fragt er, wartet aber nicht ab, bis sie es sich anders überlegen kann. Immerhin zieht sein Paps, der hinter ihr steht, eine Miene, als käme ihm der Hot Dog wieder hoch, den er eben noch an einem Imbissstand auf dem Weg zum Hotel verputzt hat. Davon gibt es eine ganze Menge auf der Carrer de Murillo, wie die Gasse von ihrem Hotel runter zum Strand heißt. Flaniermeile, nennt Mom sie. Sein Dad hat eine weniger freundliche Bezeichnung für das windschief verlaufende, gut fünfhundert Meter lange Stück asphaltierten Wegs. Bettelgasse.

Doch Namen bedeuten einem Jungen in Alvars Alter wenig. Alles, was ihn interessiert, sind die grellen Lichter der Verkaufsstände und die Buden; die Gerüche, die von Räucherstäbchen, dargebotenem Schnaps und dem schweren Parfum ausströmen, das die Frauen dort aufgetragen haben; die lockende Musik; vor allem aber reizen ihn die Spieler. Mysteriöse Fremde, die trickreich versuchen, einen hinters Licht zu führen. Man muss höllisch aufpassen, denn es geht um echtes Geld, nicht um irgendeinen Kinderkram, wie zuhause auf der Kirmes. Es kribbelt angenehm in seinem Bauch, wenn er nur daran denkt. Für Alvar ist die Gasse der reinste Abenteuerspielplatz. Exotisch, spannend und voller Gefahren, wie ihn sein Dad gleich während ihrer ersten Tour runter an den mallorquinischen Strand belehrt hat. Man müsse auf sich achtgeben. Es treibe sich dort draußen allerlei Gesindel rum.

Aber für seinen Vater ist immer alles gefährlich. Das muss an seinem Beruf liegen, denkt Alvar. Sein Paps dreht den Leuten Versicherungen an. Eine Welt ohne Gefahren, und er wäre arbeitslos. Deshalb gibt er wenig auf den besorgten Blick, den sein Vater erst ihm, dann seiner Mom zuwirft. Bevor sein Dad zu einem Räuspern ansetzen kann (das tut er immer, wenn er Alvar mit seinen Bedenken kommt), wirbelt Alvar herum und sprintet los. Weg von seinen Eltern und hinein in die Traube aus weißbesockten, Sandale tragenden Touristen und ein Abenteuer, von dem er seinen Klassenkameraden nach den Sommerferien in allen Einzelheiten berichten wird. Die werden Augen machen, ist er sich sicher. Besonders Basti, sein bester Kumpel. Der ist immer leicht zu beeindrucken. Ständig Feuer und Flamme. Egal, ob es um Horrorfilme geht, die Alvar verbotenerweise schaut, wenn seine Eltern abends aus sind und er sich heimlich ins Wohnzimmer schleicht, oder um Frauengeschichten. Nicht, dass die beiden sich besonders viele Frauengeschichten zu erzählen hätten. Alles, was sie über das andere Geschlecht wissen, haben sie aus den Unterwäschekatalogen in Erfahrung gebracht, die ihre Mütter herumliegen lassen. Keiner von ihnen hat je eine da oben ohne gesehen. Auch, wenn Basti felsenfest behauptet, Christin hätte ihm hinter dem Schulgebäude nach Unterrichtsschluss einmal ihre Möpse gezeigt. Basti ist nicht nur leicht zu beeindrucken – er ist auch das, was sein Vater gerne als Schwätzer bezeichnet. Außerdem ist Christin zwar in derselben Klasse wie Alvar und er, aber fast ein ganzes Jahr jünger und da oben flach wie ein Brett, was noch so ein Ausdruck ist, den sein Dad häufig benutzt. Ganz davon abgesehen, dass sie Basti leiden kann, wie einen eitrigen Pickel am Hintern, gäbe es bei ihr also sowieso nicht viel zu sehen.

Aber vielleicht werde ich etwas zu sehen bekommen, geht es Alvar durch den Kopf, während er sich im Slalom durch die Menge vorarbeitet. Etwas da oben.

Es ist später Abend. Die Sonne beginnt bereits unterzugehen, und der Himmel hat einen rosafarbenen Anstrich angenommen. Es ist die Zeit des Tages, in der die Erwachsenen sich in Schale werfen. Frauen tragen Schminke auf und ziehen sich sexy an, um anerkennende Blicke von Männern in Diskotheken und Bars zu ernten. Und Bars gibt es in der Nähe des Strands eine ganze Menge. Alvar bezweifelt zwar, dass sie ihn in eine reinlassen würden, aber sie üben eine beinahe magische Anziehungskraft auf ihn aus, und wer weiß?

Vielleicht sollte ich einfach … ?, überlegt er, als sein Blick auf eine Neonreklame trifft, auf der in grellen Buchstaben Casa Camacho zu lesen ist. Er kann kein Wort Spanisch und hat nicht die geringste Ahnung, was der Name bedeutet. Aber er weiß, für was er steht: Abenteuer.

Doch Alvar zögert. Ziemlich sicher würden sie ihn dort gleich wieder rauswerfen. Oder – schlimmer noch – die Polizei rufen, die unablässig in der Gasse patrouilliert. Die würden seine Personalien aufnehmen wollen und so herausfinden, dass er noch keinen Ausweis besitzt und erst dreizehn Jahre alt ist. Das Prozedere kennt er aus dem Fernsehen. Und von den Sendungen dort weiß er auch, dass sie ihn daraufhin zu seinen Eltern begleiten würden, und sein Paps wiederum würde …

Alvar kommt nicht dazu, den Gedanken zu Ende zu denken. Etwas abseits der Neonreklame, ein Stück weiter die Gasse runter, sieht er einen Mann an eine der Häuserfassaden gelehnt stehen, der ihn zu sich winkt.

Er sieht seltsam aus dieser Mann. Trägt schlapprige, weite Hosen und ein Leinenhemd mit hässlichen Flecken, die aussehen, als hätte jemand feuchte Asche darauf verrieben. Das Seltsamste an ihm ist aber sein Hut. Flach sitzt er ihm auf dem schmalen Schädel. Die Krempen sind nach innen gebogen. Es wirkt, als würde er ein Papierschiffchen auf dem Kopf tragen. Auf der linken Seite steckt auf Höhe des Ohrs eine Feder am Hut, die dem Fremden bogenförmig bis in den Nacken fällt.

»Na, Ssöhnchen? Lusst dein Glück zu verssuchen?«, spricht er Alvar an und seine S-Laute winden sich wie zischende Schlangen in die Gehörgänge des Jungen.

Alvar schüttelt den Kopf.

»Wass denn? Kein Mumm in den Knochen? Nicht Mal ein winzigess bissschen? Dabei bin ich ausser Form, mussst du wisssen. Und … Ich sspiele immer fair. Alless echt bei mir. Indianerehrenwort!«

Alvar bleibt bei seinem Kopfschütteln. Etwas an dem Kerl mit der rötlichen Feder am Hut macht ihm Angst. Er sieht blass aus. Zu blass. Kränklich beinahe. Als würde ein Virus in ihm wuchern, der auf Alvar überspringen könnte, sollte er sich dem Mann nähern.

»Oh, dass isst aber sschade! Macht den Mann mit der Hahnenfeder ja ganz traurig. Mh, aber Moment, da hab ich eine Idee! Wie wär`ss, wenn ich meinen Einssatz ein wenig erhöhe, Kleiner? Würde dich dass überzeugen, mit mir in meine Höhle zu versschwinden?« Er zeigt mit seinem Daumen zu einer Hütte ein paar Schritte weiter. Die Bretter der Hütte sind so verzogen wie der Nagel des Daumens, der in ihre Richtung weist. Dazu faulig grau – auch das haben sie mit dem Daumennagel gemeinsam. Das Ding ist nicht viel mehr, als ein windschiefes, winziges Kabuff. Schwer vorstellbar, dass mehr als eine Person Platz darin findet.

Mit ihm in seine Höhle verschwinden! Alvars Eingeweide rumoren bei dieser Vorstellung. Andererseits ist da das Versprechen nach Gefahr, nach Aufregendem. Bevor er mit seinen Eltern in den Flieger gestiegen ist, hat er Basti vorgeschwärmt, welche coolen Dinge er auf der Insel alles erleben wird, wo er hingehen und was er sich anschauen will. Eben noch hat er sich vorgestellt, wie es wohl wäre, eine der Bars zu betreten. Einen Ort, an dem harter Alkohol ausgeschenkt wird und die Frauen Oberteile mit tiefen Ausschnitten tragen. Spannend, sicher. Doch das hier … Das ist weit spannender! Und er …

»Du willsst ess doch, Bengel! Alsso: Wesshalb ess noch länger aufsschieben?« Der Mann mit der Hahnenfeder zwinkert schelmisch.

Einen kurzen Augenblick meint Alvar, dass er seine Gedanken gelesen haben muss, und er zuckt innerlich zusammen. Doch schon im nächsten setzt er seinen Fuß nach vorne. Der andere will folgen, aber ein letztes Mal zögert Alvar. Er denkt an die Warnungen seines Vaters, denkt an die Risiken … die er schließlich beiseiteschiebt. Der zweite Fuß tut es dem ersten gleich, und Alvar trottet hinter dem Mann mit der Hahnenfeder her, der ihm den Rücken zugekehrt hat und zur Hütte marschiert, wobei er auffällig ein Bein nachzieht.

Drinnen ist es zunächst so düster, dass Alvar glaubt, eine Dunkelkammer betreten zu haben. Als er sich nach der Tür umschaut, die er gerade erst durchschritten hat, und sich fragt, weshalb keine Sonne zu ihnen in den winzigen, höchstens vier mal vier Quadratmeter großen Raum fällt, findet er sie verschlossen vor.

Wie ist das möglich?, fragt er sich. Es geht kein Wind, nicht einmal ein Lüftchen weht. In der Hütte ist es so stickig, dass man meinen könnte, mit jedem Atemzug abgestandenen Sirup in seine Lungen zu befördern. Ein Trick, denkt er. Es muss sich um einen miesen, kleinen Trick handeln, den der Kerl bei allen Touristen aufführt, weil er geheimnisvoll rüberkommen will.

Als er sich wieder umdreht, sieht er sich einem Abstelltisch gegenüber, auf dem drei Pappbecher positioniert sind, so angeordnet, dass sie eine Pyramide bilden, deren Spitze auf ihn zeigt.

»Wie haben Sie das gemacht? So schnell, meine ich?«, fragt er verdattert, doch der Mann mit der Hahnenfeder, der sich auf der anderen Seite des Tischs in Stellung gebracht hat, lächelt nur müde.

»Willsst du quassseln, oder fangen wir endlich an?«

»Wir haben … haben noch gar keinen Einsatz ausgemacht«, stammelt Alvar, womit er indirekt sein Okay zu der ganzen Sache gibt. Von nun an gibt es kein Zurück mehr.

Das Lächeln des Kerls wird breiter. Er streckt seine zur Faust geballte Hand aus. Als er sie öffnet, befindet sich eine Perle darin. Natürlich keine echte. Alvar glaubt nicht eine Sekunde daran, dass die gläserne Kugel, die so groß wie eine Traube ist, und in allen erdenklichen Farben funkelt, viel Wert ist. Was er in der Hand des Hütchenspielers sieht, ist ein Fake, nichts als ein weiterer mieser Trick, so falsch wie alles andere im Innern der Hütte.

Falsch, wie das Licht, das die Perle erstrahlen lässt. Er schaut zur Decke auf, an der mit einem Mal bunte Lampen leuchten, wo zuvor fahle Finsternis geherrscht hat. Unmöglich, denkt er. Das ist einfach un …

»Wass ssetzt du?« Der Fremde streicht sich über die struppigen, wie Nadeln abstehenden Stoppeln an seinem Kinn. Die Frage scheint mehr ihm selbst zu gelten, als an Alvar gerichtet zu sein.

Dennoch greift Alvar in seine Jeans und befördert einen Fünfhundert-Peseten-Schein daraus hervor. Umgerechnet etwa fünf Mark. Viel Geld für einen Jungen in seinem Alter, aber er fürchtet, den Zorn des Mannes auf sich zu ziehen, sollte sein Einsatz deutlich niedriger ausfallen.

Lange, aschfahle Finger grapschen nach dem Schein. Es kommt zu einer flüchtigen Berührung – Fingerkuppe streicht über Fingerkuppe -, und Alvar hat kurz das Gefühl, als würden seine Knie unter ihm nachgeben. Nur für eine Millisekunde. Dann hat sich das Gefühl verflüchtigt, und der Schein befindet sich glattgestrichen auf dem Tisch.

Ihr Spiel beginnt.

Die Pappbecher rotieren wild über das Tischchen. Die Hände des Hütchenspielers scheinen überall und nirgendwo zu sein. Alvar gibt sich alle Mühe, sich von den umherwirbelnden Bechern nicht ablenken zu lassen und konzentriert sich allein auf die Perle, die mal hier, mal dort aufblitzt. Bald schon aber verliert er sie aus dem Blick. Die Hände des Hütchenspielers wandern immer schneller von einem Pappbecher zum nächsten. Sie fliegen jetzt beinahe. Alvars Augen beginnen zu brennen. Hinter dem rechten Augapfel nistet sich ein schmerzhaftes Stechen ein, als würde ihn dort eine Nadel piksen. Er spiele immer fair, hat ihm der Mann mit der Hahnenfeder versichert, und instinktiv weiß Alvar, dass es stimmt. Was er gesagt hat, ist wahr. Es gibt keinen Trick, keinen doppelten Boden. Hierbei nicht. Weder wird der Fremde die Glasperle in einem seiner Ärmel verschwinden lassen, noch befindet sich in dem Tisch eine verborgene Luke, die er mithilfe eines versteckten Pedals auslösen kann. Alless echt!

Und dennoch spürt Alvar, dass etwas nicht mit rechten Dingen zugeht. Das Wie versteht er nicht, aber er begreift, dass er betrogen wird, und Zorn steigt in ihm auf. Je länger er mit zu Schlitzen zusammengekniffenen Augen dem verwirrenden Spiel der schaurig blassen Hände zuschaut, desto stärker pocht in ihm der Impuls, mit dem Finger auf den Mann mit seiner albernen Mütze zu zeigen und zu brüllen: Betrüger! Dreckiger, verlogener Betrüger! Er wird laut genug schreien, dass jeder ihn draußen auf der Gasse hören muss. Jeder Tourist und …

Ein Auge! Unter einem der Pappbecher taucht ein Auge auf!

Alvar torkelt zurück, als hätte ihn eine kräftige Hand nach hinten geschubst, weg von dem Tisch und den darauf platzierten Bechern. Entsetzen zuckt über sein Gesicht. Eine Sekunde lang weiß er nicht, ob er schreien soll oder in lautes Schluchzen ausbrechen wird. Vielleicht ja beides? Das Auge schaut zu ihm auf … und starrt gleichzeitig durch ihn hindurch. Ins Nichts. Tot. Aus dem Leben gerissen. Fleischige Fetzen hängen an den Seiten herab. Schaurige Girlanden, deren Enden bis in die blutige Pfütze hinabreichen, die sich unterhalb des Auges gebildet hat. Ein süßlicher Geruch weht Alvar in die Nase. Schwer und widerlich. Sein Magen beginnt zu krampfen. Er schmeckt Gallensaft, der ihm den Rachen hinaufsteigt. Dann …

… ist es plötzlich verschwunden. Nicht einfach nur unter einem der anderen beiden Becher weggetaucht, mit denen der Hütchenspieler in der Luft jongliert, sondern schlicht nicht mehr da! Wo gerade noch das Auge zu Alvar hoch geglotzt hat, funkelt nun die Glasperle. Blaues und Rosa farbenes Licht bricht sich auf der Oberfläche. Ein wenig zu grell vielleicht, um von den matten Glühbirnen zu stammen, die über ihren Köpfen von der Decke baumeln. Dann ist auch die Perle verschwunden, und die Finger des Hütchenspielers vollführen ein letztes Mal ihr verwirrungsstiftendes Spiel, halten inne, ziehen sich zurück.

»Na, wo ist sie?«, will der Mann mit der Hahnenfeder von Alvar wissen, und von einem Sprachfehler ist nichts mehr zu hören.

Weg, wie das grässliche Auge, das mich mit seinem kalten, toten Blick unter dem Pappbecher ganz links angestarrt hat, denkt Alvar, während das Gesagte nur ganz allmählich zu ihm durchdringt. Er steht mit weit geöffnetem Mund da und hat zunächst keine Ahnung, wovon der Mann redet. »Was? Sie …« Weiter kommt er nicht, denn der Mann mit der Hahnenfeder bedeutet ihm per Fingerzeig, stillzusein.

»Wo … ist … sie?«, fragt er noch einmal, wobei er jedes Wort betont, als hätte er es bei Alvar mit einem Jungen zu tun, der nicht ganz richtig im Kopf ist. Sein Zeigefinger, der eben noch ausgestreckt an seinen Lippen geruht hat, rast auf die Pappbecher nieder, tippt sie der Reihe nach an. Wobei es tippen nicht ganz trifft. Vielmehr sticht er auf sie ein, so als hätte er vor, sie zu erdolchen.

»Ich …«

… hab keine Ahnung, liegt es Alvar auf der Zunge, doch er bringt es nicht über sich, es laut auszusprechen. Er ahnt, dass die Konsequenzen schrecklich sein werden, wenn er es tut. Er weiß nicht, weshalb, aber er weiß, dass es so ist. Ein unumstößliches Naturgesetz. Unablässig muss er an das Auge denken. Es lag da! Jeder Irrtum ausgeschlossen. Herausgeschält oder herausgerissen lag es da, und er hätte nur die Hand ausstrecken müssen, um es berühren zu können.

Was er eben nicht getan hat, tut er jetzt. Vorsichtig hebt er die Hand und deutet vage in Richtung des mittleren Pappbechers. »Der da«, sagt er und schluckt schwer.

»Der da?« Der Hütchenspieler zwinkert ihm zu.

Alvar zögert, dann nickt er. Der Kerl weiß es, echot es dumpf durch seinen dröhnenden Schädel. Er weiß, was ich gesehen habe!

Die rechte Hand des Fremden huscht über seine linke hinweg, die lose auf dem Pappbecher nahe der rechten Tischkante aufliegt. Er greift nach dem mittleren Becher, wobei er seine Finger so weit abspreizt, dass es aussieht, als würde sich eine Vogelspinne darauf niederlassen.

Es wird das Auge sein, das unter dem Becher zum Vorschein kommt!

Doch Alvar irrt sich. Als der Mann mit der Hahnenfeder den Pappbecher anhebt, ist nichts darunter, nur heiße, abgestandene Luft.

Alvar beginnt zu zittern. Die Anspannung fordert ihren Tribut. Seine Blase drückt. Nur mit größter Anstrengung kann er verhindern, sich in die Hose zu pinkeln.

»Tja, Pech gehabt, Kleiner«, sagte der Hütchenspieler und mustert Alvar eindringlich. Ihm scheint zu gefallen, was er sieht. Sein Grinsen wird so breit, dass es sein hageres Gesicht in zwei Hälften zu schneiden scheint. Behutsam stellt er den Pappbecher wieder auf seinen Platz zurück und wandert weiter zum nächsten Becher, um auch dessen Geheimnis zu lüften. Als er ihn hochnimmt, glaubt Alvar diesmal tatsächlich, das Auge sehen zu können. Leblos liegt es dort auf dem Tisch und schaut stumpf und anklagend zu ihm auf. Etwas, das dort nicht hingehört. Das nicht hier sein dürfte. Hier in dieser beängstigend engen Hütte. Weil es bis vor Kurzem – und das spürt er deutlich – noch in einer Augenhöhle gesessen hat, wo es mit Blut und Wärme versorgt worden ist. Wie es so starrt, kommt es ihm auf grässliche Weise vertraut vor. Er kennt dieses Auge, ist er sich plötzlich sicher, hat schon unzählige Male hineingesehen. Doch waren die Umstände immer gänzlich andere, so dass er nicht darauf kommt, zu wem es gehört. Gehört hat, korrigiert er sich.

Alvar sieht in das Auge, und das Auge glotzt zu ihm zurück … Allerdings nur für den Bruchteil einer Sekunde, dann ist es wieder weg und, wo es eben noch gewesen ist, funkelt stattdessen die falsche Perle im bunten Licht der Lampen über ihnen. Bis auch diese unter dem Pappbecher des Hütchenspielers verschwindet.

Ist das Auge nur eine optische Täuschung gewesen? Ein weiterer mieser Trick? Nein, Alvar könnte schwören, dass es da war. In Armeslänge hat es vor ihm auf dem Tisch gelegen! Er ist sich so sicher, wie bei seinem Geburtstag, der heute in genau drei Wochen ist.

»Wenn du mir nichts mehr zu sagen hast, solltest du jetzt besser die Beine in die Hand nehmen, Kleiner. Da draußen wartet noch mehr Kundschaft.« Der Mann mit der Hahnenfeder zeigt ihm ein Grinsen, das so schief ist, dass es wie eine diagonal verlaufende Wunde in dem dürren Gesicht schimmert. »Los doch, Junge.« Er winkt ihm, sich aus dem Staub zu machen. »Husch-Husch ab mit dir!«

Alvar, dessen Mund immer noch offensteht, sucht nach Luft in seinen Lungen. Sag`s ihm!, fordert eine von Panik getriebene Stimme in seinem Hinterkopf. Sag ihm, was du gesehen hast!

Doch er bringt weder die Spucke dafür auf, noch den Mut. Sein Brustkorb ist in sich zusammengefallen. Das ängstlich pochende Herz darin auf die Größe einer vertrockneten Pflaume geschrumpft. Mit einem Mal will er nur noch zurück ins Hotel, möchte seine Eltern um sich haben, sich an Tobi, ihren Hund, kuscheln. Alle Abenteuerlust ist hinfortgeschwemmt, ertränkt in Fluten aus nackter Angst und einem bis ins Mark reichenden Grauen.

Endlich gelingt es ihm, den Mund zu schließen. Er macht auf den Absätzen seiner Sneaker kehrt und will zum Ausgang der Hütte hasten, doch seine Füße wiegen plötzlich Tonnen. Es gelingt ihm kaum, sie vom Boden zu heben. Nur mühsam kommt er voran und muss mit Erschrecken feststellen, dass sich der Ausgang wie durch einen bösen Zauber in weiter Ferne von ihm befindet. Keine zwei Meter mehr, sondern mindestens zehn. Doch die Panik, die in ihm wütet, ist zu stark, um sich tiefergehende Gedanken darüber zu machen. Er kämpft sich vorwärts, legt Meter um Meter zurück. Die Anstrengung treibt ihm die Schweißperlen auf die Stirn, aber schließlich ist es geschafft. Alvar streckt sich nach dem Knauf der Tür, zerrt so fest daran, dass die Angeln erbeben, und reißt sie auf.

Bevor er nach draußen in die viel zu heiße mallorquinische Abendluft entwischt, kann er den Mann mit der Hahnenfeder hinter sich murmeln hören: »So sicher, wie dass sein Geburtstag in drei Wochen ist, meint der Bengel. Pah!«

 

III

Die Nacht brach mit dem lauten Geschrei der Feiernden von der Strandpromenade über sie herein. Schief gegrölte Evergreens erhoben sich in den Sternenhimmel, der so kalt funkelte, wie das Herz in Alvars Brust klopfte. Eine feine Schicht Schweiß hatte sich auf seiner Stirn gebildet. Klebrig genug, dass die Mücken, die ihn und Marie umschwirrten, auf ihr hängenbleiben und sterben würden, sollten sie versuchen, sich zwischen seinen Sorgenfalten niederzulassen. Doch die Viecher hatten Grips. Mehr jedenfalls, als er, wie ihm schien. Sie attackierten seinen Hals, surrten um Stellen hinter seinen Ohren. Immer knapp außerhalb der Gefahrenzone. Als wüssten sie nur zu gut, dass es ihm nur mit Mühe gelingen würde, sie dort zu erwischen. Er dagegen hatte sich aus freien Stücken zurück in die Höhle des Löwen begeben. Sich seiner Angst stellen? Alvar lachte bitter.

Den Tag über hatte er vor allem im Hotelzimmer verbracht und seinen düsteren Gedanken nachgehangen. Er hatte ferngeschaut und im Netz gesurft. Zerstreuung gesucht. Die ganze Zeit über hatte ihn der Gedanke nicht losgelassen, dass es ein Fehler gewesen war, mit seiner Familie herzukommen. Sowohl Leon als auch seine Frau waren in behüteten Verhältnissen aufgewachsen. Für sie existierte das Böse nur innerhalb von Nachrichten oder Horrorfilmen. Er aber wusste es besser. Die Welt liebte es, unverhofft die Zähne zu zeigen und zuzuschnappen, als wäre sie ein beißwütiger Pitbull, der sich über all die Jahre als Schoßhund ausgegeben hatte. Und besonders gerne fiel sie über die Naiven her, die nicht einmal ahnten, wie viel Beißkraft in ihr steckte. Er kam zu dem Schluss, dass es besser gewesen wäre, alleine herzukommen. Doch dazu war jetzt zu spät.

Alvar drehte sich zu Marie um, die selig neben ihm im Bett schlief. Wie wunderschön sie war! Ihre blonden Strähnen, die ihr wild in die Stirn fielen. Die zarte Stupsnase, deren Flügel sich leicht blähten, wenn sie Luft holte. Ihre Augen …

Er stockte, spürte sein Herz plötzlich schneller schlagen.

Augen. Das war sein Stichwort, nicht wahr?

Alvar strengte sich an, den Gedanken zu verscheuchen, doch er umflatterte ihn, wie die Mücken, deren Summen sich nervtötend in seinen Gehörgängen eingegraben hatte. Bilder tauchten aus dem Sumpf seines Unterbewusstseins auf, wurden an die Oberfläche gespült, wie Treibgut.

Der Hütchenspieler mit seiner bis tief in den Nacken fallenden Hahnenfeder. Sein an eine Fleischwunde erinnerndes Grinsen, das aufgeblitzt war, als Alvar auf den Pappbecher gedeutet hatte. Den mittleren, den falschen Becher.

Weil er es gewusst hat, dachte Alvar. Nicht, dass es der Falsche ist. Das natürlich auch. Aber er wusste noch etwas anderes. Nämlich, dass ich es gesehen habe. Das herausgerissene Auge.

Der tote Blick aus diesem Auge hatte ihm die folgenden Wochen durch seine Träumen begleitet. Der tote Blick und eine ausgeschabte Augenhöhle, in die er bei seiner Rückkehr ins Hotel geschaut hatte …

»Tobi«, flüsterte er in die Dunkelheit des Hotelzimmers. Der Name hallte von den Wänden wider, wie ein mehrfach verstärktes, dumpfes Echo. Alle anderen Geräusche rückten in den Hintergrund. Sogar das Grölen der Feiernden unten am Strand verblasste. Er wollte nicht daran denken, was mit Tobi passiert war. Aber nicht daran denken zu wollen war in etwa so, wie sich vorzunehmen, bohrenden Zahnschmerz nicht weiter zu beachten. Ein zum Scheitern verurteiltes Unterfangen. Und so starrte Alvar zur Decke hoch, verfolgte die Schatten, die über ihm dahinzogen, und dachte an jenen Abend vor dreißig Jahren zurück, der sein Leben für immer verändern sollte.

 

IV

Es ist kurz vor 20 Uhr, als er zittrig und schwach auf den Beinen im Hotel eintrifft. Seine Eltern haben sich bereits Sorgen gemacht. Alvar liest es in ihren Gesichtern. Und er liest noch mehr darin: Verärgerung. Die beiden sind stinksauer.

Dass er so lange wegbleibt, wäre so nicht abgemacht gewesen, lässt ihn sein Vater wissen. Seine Mom straft ihn, indem sie ihn ignoriert.) [Wahrscheinlich, weil Paps auch zornig auf sie ist. Immerhin war sie es, die Alvar erlaubt hat, alleine runter zur Promenade zu spazieren. Sie wären kurz davor gewesen, sich bei der Polizei zu melden, behauptet Paps und spricht von Hausarrest und Taschengeldentzug, wenn sie wieder in Deutschland sind.

Doch trotz des ganzen Ärgers, der über ihn hereinprasselt, ist Alvar heilfroh, bei seiner Familie zu sein. Die Erleichterung ist so groß, dass ihm mehrmals die Stimme zu brechen droht. Aber er schlägt sich tapfer und vermeidet es, in Schluchzen auszubrechen. Als das Verhör beendet ist – vorläufig jedenfalls – fragt er nach Tobi, ihrem Goldenredriver-Mischling. Der sei oben in ihrem Zimmer und schlafe friedlich in seinem Körbchen, teilt ihm seine Mutter mit, die ihre Stimme wiedergefunden zu haben scheint. Ohne ihnen die ganze Wahrheit erzählt zu haben (er hat es dabei belassen, dass er sich die Stände in der Gasse angeschaut und darüber die Zeit vergessen hat), lässt Alvar seine Eltern in der Lobby stehen und hetzt die Treppe nach oben. Unterwegs kommen ihm doch noch die Tränen, die er bislang erfolgreich zurückgehalten hat. Auch das Zittern setzt wieder ein. Er vergräbt die Hände in den Jeanstaschen und nimmt die letzten Stufen. In seinen Gedanken sieht er das Auge vor sich. Tot. Herausgerissen. Auf dem Treppenabsatz angekommen wird Alvar immer schneller. Er wetzt förmlich über den Flur.

Das Auge.

Der tote Blick daraus.

Er kennt es, ist sich sicher, schon hineingesehen zu haben.

Doch wo, verdammt?

Ist es ihm eben in der Hütte noch so vorgekommen, als würde er ewig bis zum Ausgang brauchen, vergeht nun gefühlt nicht mehr als ein Wimpernschlag, bis er die Entfernung zu ihrer Zimmertür zurückgelegt hat. Mit schwitzigen Fingern zwängt er den Schlüssel ins Schloss, den Paps ihm unten in der Lobby in die Hand gedrückt hat. Der Schlüssel lässt sich so geschmeidig drehen, als wäre er zuvor in Butter getunkt worden. In einer einzigen fließenden Bewegung drückt Alvar die Tür auf und schlüpft ins Innere.

Das alles läuft zu glatt, warnt ihn eine Stimme in seinem Hinterkopf. Bevor er sie richtig zur Kenntnis nimmt, hat er sich schon auf die Knie geworfen und kriecht das letzte Stück hin zu Tobis Körbchen, das sich eingepfercht zwischen dem Nachtschränkchen und dem Doppelbett befindet, in dem seine Eltern schlafen. Im Dämmerlicht, das durch die Vorhänge in den Raum einfällt, ist Tobi nur als gräuliches Fellknäuel zu erkennen. Als Alvar sich vorbeugt, um die Stelle zu streicheln, die er für Tobis Hinterkopf hält, fällt ihm der strenge Geruch auf, der von dem Hund ausgeht. Dunkel erinnert er sich, einmal gelesen zu haben, dass Hunde diesen leicht säuerlichen Geruch als Reaktion auf großen Stress oder Angst fabrizieren. An Tobi hat er ihn bislang nie wahrgenommen und er fragt sich, was dem Hund in seiner Abwesenheit zugestoßen sein mag. In seinem Unterbewusstsein schrillen da bereits alle Alarmglocken, doch erst sehr viel später wird Alvar sich eingestehen, dass er es zu diesem Zeitpunkt wenn schon nicht gewusst, dann doch zumindest geahnt hat. Ein sicheres Zeichen dafür ist das immer stärker werdende Zittern seiner Hand, die sich auf Tobis Fell legt. Er beginnt den Goldenredriver hinter den schlaff herabhängenden Ohren zu kraulen.

Mit einem Jaulen, das so wehleidig klingt, dass sich Alvar dabei die Brust zusammenzieht, hebt Tobi den Kopf. Der Hund schaut zu Alvar auf, und das Herz des Jungen setzt für einen Schlag aus. Sein Mund öffnet sich, um Luft auszustoßen, die nicht vorhanden ist. Das Gefühl, zu ersticken, ergreift Besitz von ihm. Von einem Grauen gepackt, für das er auch sehr viel später noch keine Worte finden wird, starrt er in Tobis Augen und … realisiert, dass nur ein Auge zu ihm zurückstiert. Weil es ein zweites nicht gibt.

Tot.

Herausgerissen.

Ein Schrei entwindet sich seiner zugeschnürten Kehle.

 

V

Gleißender Sonnenschein weckte ihn am nächsten Morgen. Wie Messerspitzen fielen die Strahlen durch den Spalt, den die zugezogenen Vorhänge freiließen, ins Hotelzimmer ein und trafen sich auf einem Punkt mittig auf seiner Stirn.

Alvar stöhnte und schlug die Decke zurück. Er setzte sich auf. Den Schmerzen in seinem brummenden Schädel nach zu urteilen, würde es ein grauenvoller Tag werden. Benommen schaute er sich nach Marie um, die ihm den Rücken zugedreht hatte und den friedlichen Schlaf der Unwissenden schlief. Er hauchte ihr einen Kuss auf den Nacken und verzog sich dann unter die Dusche.

Heute würde es passieren, hatte er für sich entschieden. Heute würde er die Gasse aufsuchen, in der das Grauen von vor dreißig Jahren seinen Anfang genommen hatte. Er würde sich davon überzeugen, dass es dort nichts gab, vor dem man sich fürchten brauchte. Keine reale Gefahr. Konfrontationstherapie hatte man das in den psychiatrischen Kliniken genannt, in denen er in seiner Jugend behandelt worden war. Man stellte sich seinen Phobien, machte die Erfahrung, dass sie einem in Wahrheit nichts anhaben konnten, und speicherte diese Erkenntnis in seinem limbischen System ab. Wieder und wieder. So oft, bis das Unterbewusstsein kapiert hatte, dass jede Angst unbegründet war.

Eine Viertelstunde später saß er im Speisesaal des Hotels, vor sich ein Frühstück aus Spiegeleiern und gebratenem Speck, und lauschte Schneider, der ihn mit Tipps für einen erholsamen Schlaf auf die Nerven ging. Sein lispelnder Freund war schon seit fünf Uhr auf den Beinen, wie er Alvar nicht ohne Stolz anvertraute. Topfit und aufgeflafen. Alvar lächelte müde, nickte an den richtigen Stellen und verzichtete darauf, ihm mitzuteilen, dass er selbst alles andere als aufgeflafen war und er sein Frühstück für gewöhnlich in aller Ruhe zu sich zu nehmen pflegte. Weil er sich genötigt sah, etwas zu ihrem Gespräch beizutragen, wollte er von Schneider wissen, wie er den gestrigen Tag verbracht habe. Die Miene seines Gegenübers verfinsterte sich augenblicklich. »Ich … ähm … Ich weiff nicht, wie ich fagen foll …«, stotterte Schneider und blickte dabei bedröppelt auf seinen Teller, auf dem sich drei Scheiben käseüberbackener Toast stapelten. »Alfo, da war … war diefer Kerl und er wollte … Naja, wollte unbedingt, daff wir zu ihm in feine ffäbige Hütte kommen. Meine Frau hat ffofort abgewunken, aber ich … ich …« Er nahm einen Schluck von seinem Kaffee. Alvar fiel auf, dass die Hand, die die Tasse zum Mund führte, leicht zitterte.

»Ein Kerl?«, fragte er, plötzlich hellhörig geworden.

»Ja«, bestätigte Schneider. »Er hatte diesen feltfamen Frachfehler. Ich weiff, daff ich der Letzte bin, der fich darüber luftig machen ffolte, weil ich ffelber meine FFierigkeiten habe. Aber er hat das Ff auffgefprochen, wie ein scharfeff Ff. Daff … daff S, meine ich. Eff hat ffich angehört, alff würde er eine FFlange zu einem ffrechen.«

 

VI

»Ich gehe runter zur Promenade«, teilte Alvar seiner Familie wenig später mit, als er sie unten am Hotelpool antraf. Marie und Leon hockten in Badesachen am Rand und ließen die Füße lässig im Wasser baumeln.

»Zur Promenade?«, fragte seine Frau überrascht. Eigentlich hatten sie vorgehabt, sich in der Stadt umzuschauen. Palma del Mallorca. Marie, weil sie die Sehenswürdigkeiten von Palma besichtigen wollte; Leon, der mit Kultur noch weniger anfangen konnte, als Alvar in seinem Alter, weil er es auf eine Shoppingtour durch die Boutiquen abgesehen hatte.

»Ich werde mich beeilen«, versprach er. »Spätestens um zehn bin ich zurück. Der Bus in die Stadt fährt erst um zwanzig nach.«

»Was willst du allein am Strand?«, hakte Marie nach. »Wir wollten heute Abend zusammen gehen.«

»Ein wenig die Einsamkeit genießen«, brachte Alvar die Ausrede vor, die er sich zurechtgelegt hatte. »Nach dem Reisestress, brauche ich einfach ein paar Stunden für mich, um richtig anzukommen.«

Das klang gut. Nur nahm sie ihm seine Lüge natürlich nicht ab, wie der skeptische Blick verriet, mit dem sie ihn bedachte.

»Ich beeile mich«, versicherte er deshalb noch einmal. Er beugte sich zu ihr hinunter und küsste sie. An Leon gewandt sagte er: »Du hältst hier die Stellung, okay, Kollege?«

»Okay.« Leon lächelte.

Alvar zerzauste ihm das Haar. Dann ließ er die beiden am Pool zurück und machte sich auf den Weg.

 

VII

Sein Ziel war nicht die Strandpromenade. Auch nicht der Strand selbst, jener schmale Streifen unberührte Natur, der sich zwischen all den Hotelbauten und Imbissständen noch gehalten hatte. Alvar hatte vor, die Gasse aufzusuchen. Den Ort, an dem das Unheil des Sommers 1993 seinen Anfang genommen hatte. Dort würde er sich nach dem Schreckgespenst von damals umsehen. Dem Mann mit der Hahnenfeder. Er würde sich davon überzeugen, dass er gar nicht existierte, lediglich ein Hirngespinst war, und endgültig mit der Sache abschließen.

Obwohl er langsam ging, brauchte er keine zehn Minuten, um zum Eingang der verwinkelten Gasse zu gelangen. Von hier konnte er bereits die Rufe der Schausteller hören, das hektische Stimmengewirr, das ihm noch so vertraut war. Händler schrien, um ihre Waren an den Mann zu bringen. Gaukler krakelten und buhlten um die Aufmerksamkeit zahlkräftiger Kundschaft. Die Hände tief in den Taschen vergraben, schlenderte Alvar betont lässig an den ersten Ständen mit nachgemachter Markenkleidung vorbei. Viel Mühe hatten sich die Fälscher nicht gegeben. Er begegnete schlecht vernähten Gucci-Shirts und Adidas-Trainingsjacken, auf denen nur zwei, anstelle der obligatorischen drei Streifen prangten. Die Händler, die aus aller Herren Länder stammten, priesen Touristen in Badelatschen und mit tief in den roten Nacken geschobenen Sonnenhüten ihre gefälschten Dolce&Gabbana-Gürtel an oder zeigten stolz funkelnde Golduhren vor. Eine Breitling für unter hundert Euro; eine Audemars Piguet, für deren Original man einen fünfstelligen Betrag hingeblättert hätte, für nicht einmal achtzig.

Er kam an Kartenlegern und Ständen von Weissagern vorbei, die behaupteten, die Zukunft in den Handflächen ablesen zu können. Hinter einem Softeisstand stieß Alvar auf Fußballtrikots, die an Leinen hingen, welche von Hauseingang zu Hauseingang quer über die Gasse gespannt waren, und wurde mit einem Mal stutzig. Was seine Aufmerksamkeit erregte, war nicht der niedrige Preis von kaum fünfzehn Euro; es war das Alter der Trikots. Sie stammten aus den frühen Neunzigern. Er erkannte es an den aufgedruckten Sponsorenlogos. Opel, Teka, Sharp und weitere, die zuletzt vor dreißig Jahren neben dem Wappen der Topvereine geprangt hatten.

Irritiert blickte er sich um und sah durch die aufgereihten Trikots hindurch eine schlanke, gekrümmt dahinschreitende Gestalt. Großgewachsen war sie und sie zog ihr Bein nach. Alvars Herz machte einen Satz. Sein Puls beschleunigte. Mit wummerndem Schädel, in dem schlimme Kopfschmerzen aufzogen, verfolgte er, wie sich die Gestalt (eindeutig ein Mann, aber ohne Schlapphut. Auf seinem Kopf saß schief eine zerschlissene Käppi, und nirgends ragte eine Hahnenfeder hervor. Gott sei Dank keine Hahnenfeder!) zwischen mehreren Ständen mit billigem Trödel hindurch schleppte und ihre abnorme Größe durch ihren gebückten Gang zu verschleiern versuchte, wie um nicht aufzufallen.

Er hat das S gesprochen, wie ein scharfes S. Es hat sich angehört, als würde eine Schlange zu einem sprechen. Während er die Verfolgung aufnahm, kamen ihm Schneiders Worte wieder in den Sinn. Wie viele Männer mit einem solchen Sprachfehler mochte es da draußen wohl geben? Nicht gerade wenige, schätzte Alvar, während er versuchte, den Fremden in seinen abgewetzten grauen Hosen und dem verblichenen Hemd nicht aus den Augen zu verlieren. Aber was besagte das schon? Die Wahrscheinlichkeit, zwei davon an ein und demselben Ort anzutreffen, nur dreißig Jahre zeitversetzt, durfte dennoch nicht allzu hoch ausfallen. Genug davon, wies er sich zurecht.

Die krumme Gestalt, der er nachjagte, schien zu spüren, dass sie verfolgt wurde. Sie zog das Tempo spürbar an, hetzte jetzt von Stand zu Stand und war plötzlich mehr Schatten, als real existierende Person aus Fleisch und Blut. Alvar setzte ihr nach, alle Vorsicht außer Acht lassend. Sein Atem ging gepresst. Der Schweiß floss ihm in Strömen über Stirn und Wangen. Immer öfter erhaschte er nur einen kurzen Blick auf den Flüchtigen, dann war der Mann in der schäbigen Aufmachung wieder hinter einer der zahlreichen Buden oder dem nächsten Hauseingang verschwunden.

Alvar warf den Kopf umher, fahndete mit wilden Blicken nach ihm. Dabei fiel ihm auf, dass sich etwas verändert hatte. Nicht äußerlich. Die Umgebung war dieselbe. Ein Durcheinander aus Ständen, Händlern, die ihre Ware feilboten, und ziellos umherirrenden Touristen. Es waren die Gerüche, die anders waren. Irgendwie üppiger. Fruchtig und schwer, beinahe herb.

Wie damals, wollte ihm sein Verstand einreden, doch er schob diesen Gedanken und weitere, die ihm auf dem Fuß folgen wollten, brüsk beiseite. Nein, es war nicht wie damals. Nicht die Gasse. Nicht ihre Stände und Buden. Er war nicht wie damals. Kein kleiner Junge mehr, der sich vor Fremden in Acht nehmen musste.

Und trotzdem pocht dir das Herz bis zum Hals!

Ein Brennen hatte Einzug in seine Oberschenkel gehalten, dennoch beschleunigte Alvar seine Schritte, rannte kopflos durch die Gasse, bis er deren Ende fast erreicht hatte und sich eingestehen musste, dass er den Kerl aus den Augen verloren hatte. Die Hände auf die Knie gestützt entließ Alvar, völlig außer Atem, einen Fluch in den mallorquinischen Himmel. Konnte er sich den Fremden nur eingebildet haben? War der Mann mit der schiefsitzenden Käppi letztlich nichts anderes gewesen, als ein herbeiphantasiertes Trugbild?

Gerade wollte er kehrtmachen, da erblickte er ihn erneut. An den Eingang einer mickrigen Hütte gelehnt stand er da, die Beine überkreuz und den Oberkörper gerade durchgedrückt. Die selbstbewusste Haltung eines Mannes, der sich seiner Sache sicher war.

Der Kerl hob langsam den Arm. Ebenso langsam – fast hypnotisch – streckte er seinen Zeigefinger aus und deutete auf Alvar. Jeder Zweifel, der bis dato noch in ihm existiert hatte, fiel von Alvar ab. Es handelte sich bei dem Fremden um den Hütchenspieler. Dem Ursprung allen Übels. Bedächtig drehte das Schreckgespenst von einst das Handgelenk, so dass die Handfläche nach oben zeigte, und krümmte den Finger zu einer Geste, die besagte, dass Alvar herkommen solle. Her zu ihm.

Einige Sekunden lang stand Alvar wie festgefroren an seinem Fleck, unfähig etwas anderes zu tun, als schnaubend zu atmen und rüber zu dem Fremden zu starren. Das Blut zirkulierte heiß in seinen Venen. Schweiß benetzte sein Gesicht. Ein feuchtes, stickiges Tuch, dass sich um Wangen, Kinn und Augenpartie gelegt hatte. In seinem Kopf rasten die Gedanken.

»Komm sschon, Bengel!«, kicherte der Mann, der am Eingang zur Hütte lehnte. »Na loss doch!«

Die Hütte, dachte Alvar. Sie war eben noch nicht hier. Sie wäre mir aufgefallen, als ich mich umgesehen habe. Wie kann das sein? Das ist …

Der Hütchenspieler hob den Kopf. Das Gesicht blieb im Schatten verborgen, aber er erkannte, dass der Mann grinste. Ein weißer Strich blitzte wie die Sichel einer Klinge von einem Ende des Unterkiefers bis zum anderen. » … Wahnssinn, nicht wahr? Dass isst ess«, sprach der Hütchenspieler die Worte aus, die Alvar, hätte er es denn versucht, im Halse stecken geblieben wären.

»Ein neuess Sspiel?«, fragte der Hütchenspieler. »Wie ssieht`ss auss?«

Als Alvar nicht reagierte, lachte er lauthals. Ein düsteres Lachen. Es schien aus einem Mienenschacht an die Oberfläche zu quellen. Schwarz wie Kohlestaub. Wieder krümmte sich sein Zeigefinger, um Alvar zu sich zu rufen, und mit wachsendem Entsetzen begriff Alvar, dass er sich der Aufforderung diesmal nicht würde widersetzen können. Wie an Schnüren gezogen, setzte er sich in Bewegung. Als würden seine Muskeln einem fremden Willen folgen. Dem des Hütchenspielers, der nun den Kopf schief legte. Ungeduld spiegelte sich in seinen schemenhaft hervortretenden, ausgezehrten Gesichtszügen. Er schien es kaum erwarten zu können, ihr Spiel von damals fortzusetzen.

Was wird diesmal der Einsatz sein?, fragte sich Alvar, der verkrampft einen Schritt nach dem anderen machte, bis er nahe genug an die Hütte herangetreten war, um das Gesicht des Mannes deutlich erkennen zu können. Spitzes Kinn, verkniffene Mundwinkel. Keine Falten. Weder um die düsteren Augen, noch auf der Stirn. Er ist um keinen Tag gealtert, dachte Alver. Dann fiel ihm das Muttermal auf. Dunkel schimmerte es über der rechten Augenbraue. Kaum größer als ein Cent-Stück und doch verriet es ihm, mit wem er es eigentlich zu tun hatte: nicht mit dem Hütchenspieler von damals. Nicht mit dem Mann mit der Hahnenfeder. Der hatte kein Muttermal besessen. Es war dessen Sohn, der ihn zum Spielen aufforderte. Die Gemeinsamkeiten in den Gesichtszügen – die hageren Wangen; der schmale Mund; Augen, die auffällig eng beieinandersaßen – ließen keinen anderen Schluss zu.

Der Nachkomme des Hütchenspielers wandte sich um, so dass er Alvar den buckligen Rücken zeigte. Er ließ das Vordach aus Wellblech hinter sich und tauchte in das Innere der Hütte ein. Alvar folgte ihm, wie ein Soldat seinem General. Wie ferngesteuert und außer Stande, sich dagegen zu wehren, verschmolz er mit der Düsternis, die hinter dem Eingang waberte.

Mitten in der Düsternis ein helles Schimmern. Es ging von Lampen aus, die an der Decke des kahlen Raums montiert waren. Wo gerade noch undurchdringliche Schwärze geherrscht hatte, blendete ihn plötzlich gleißende Helligkeit. In der Falle, durchzuckte es seinen Verstand. Doch zum Umkehren war es jetzt zu spät. Die Tür war ins Schloss gefallen und er ahnte, dass er sie nicht wieder aufbekommen würde, egal wie vehement er es auch versuchte. Außerdem … Seine Beine. Noch immer gehorchten sie ihm nicht.

Stechender Schmerz zwischen seinen Schläfen.

Die Lampen durchleuchteten ihn. Ihr grell buntes Licht fiel röntgenstrahlengleich direkt in seinen Schädel ein. Giftiges Violett. Feuriges Orange. Ein Rot, wie von Rost zerfressen. Er hielt sich die Augen zu, presste die Fäuste aufs Gesicht. Der Schmerz wurde unerträglich. Schreie entwichen seinem Mund. Schrill hörte er sie in seinen Ohren widerhallen. Sie brachen den Bann. Als elektrisierendes Kribbeln kehrte das Gefühl in seine Schenkel zurück. Von seinen unsichtbaren Fesseln befreit, wirbelte Alvar herum und stürmte blindlings auf die Tür zu. Doch er kam nicht weit. Der Läufer, der in der Hütte auslag, hatte sich unter seinen Sohlen in etwas Schlammiges verwandelt. Mit jedem Schritt, den er machte, sank er tiefer darin ein. Er glaubte, Säfte zu spüren, die in das Leder seiner Schuhe einsickerten. Fleischsäfte.

Ich trampel auf einem Leichnam herum, wurde ihm voller Entsetzen bewusst. Wenn ich nach unten schaue, werde ich Innereien und blutige Fetzen sehen!

Dann tu`ss doch!, tönte die Stimme des Hütchenspielers in seinem Verstand. Das S ein einziger, in die Länge gezogener Zischlaut. Ssieh nach und überzeug dich!

Als Alvar hektisch den Kopf schüttelte, ließ der Nachkomme des Mannes mit der Hahnenfeder hinter ihm ein dreckiges Lachen erklingen. Alvars Schreie wurden zu einem Kreischen. Es geht ihm nicht um die Fortsetzung des damaligen Spiels, schoss es ihm durch den Kopf. Es geht um eine Abrechnung! Schulden, die noch zu begleichen sind.

Er stapfte weiter, ohne dem Ausgang auch nur einen Millimeter näherzukommen. Doch woher wollte er überhaupt wissen, wo sich der Ausgang befand? Die Wahrheit war: er konnte die Richtung höchstens erahnen. In seinem Kopf herrschte heilloses Durcheinander. Schwindel, der ihn heftig wie ein einsetzendes Gewitter überkommen hatte, sorgte dafür, dass links oder rechts, oben oder unten keine Bedeutung mehr hatten.

Während er ziellos umhertaumelte, blieb ihm von der einen auf die andere Sekunde die Luft weg. Er hechelte, rang um jeden Atemzug, und beförderte doch nichts anderes in seine Lungenflügel als schwere, ätherische Dämpfe, die von irgendwo aus der Hütte aufstiegen.

Panik befiel ihn.

»Lass mich gehn!«, krächzte er. Doch als Antwort erhielt er nichts, außer gehässigem Kichern.

Alvar begann, in wilder Verzweiflung um sich zu schlagen. Er warf die Arme in die Höhe, fuchtelte aufgebracht mit den Händen umher. Seine Finger hätten durch Luft streifen sollen, fuhren jedoch durch dichten Qualm, der sich um ihn herum zusammenzog und in dem er Umrisse auszumachen glaubte. Groteske Schemen, die ihrerseits die Arme nach ihm ausgestreckt hielten und aus weit aufgerissenen Mäulern heraus schallend lachten.

Bleib doch noch ein Weilchen, schienen sie ihn durch ihr Johlen hindurch aufzufordern. Wir spielen lustige Spiele hier! Ganz viele lusstige SSpiele!

So sehr er auch versuchte, die Augen vor ihren grässlichen Grimassen zu verschließen, so wenig Erfolg hatte er damit. Seine Lider waren starr, waren wie einbetoniert. Gefühllos. Unbeweglich. Dicht an dicht drängten sich die Schemen um ihn herum. Widerliche Fratzen, die keiften und ihm Rauchwolken entgegenspien. Sie kicherten böse, verhöhnten ihn in seiner Angst. Mit jedem Herzschlag kamen sie näher. Rauchige Finger, die an seinem Gesicht vorbei wischten. Mäuler, die ihre Zähne bleckten, bis sie allein aus einem scharfgezackten Gebiss zu bestehen schienen. Er spürte ihren fauligen Atem auf den Wangen und nahm den Geruch wahr, der von ihnen ausging. Schmeckte es. Den Tod. Die Leichensäfte, die aus ihnen herausströmten.

Ihr Lachen steigerte sich zu wildem Gegacker. Es bohrte sich ihm in die Gehörgänge. Nagte daran. Spitzer Schmerz. Er glaubte, wahnsinnig zu werden. Nein, er war längst wahnsinnig! Jeder Irrtum ausgeschlossen. Die Hütte war kein physischer Ort, wurde Alvar klar. Sie war Sinnbild. Für den Irrsinn, für alle Seelenpein, die der Mensch ertragen konnte. Für …

Ein Klatschen ertönte. Hallte von den Wänden wider, die in dem einen Augenblick auf ihn zu rückten und sich im nächsten schon wieder unendlich weit von ihm entfernt hatten. Drei kurze, kräftige Schläge, die wie Peitschenhiebe knallten. Der Nachkomme applaudierte ihm, begriff Alvar und hörte, wie sich das Lachen des Schreckgespensts in das der Schemen mischte, deren Gesichter keine Zweifingerbreit mehr von seinem eigenen entfernt waren. Er erkannte Einzelheiten. Tiefe Runzeln zeigten sich auf ihrer Haut, erschaffen von Rauchschlieren, die wie vom Wind verwehte Dünen über ihre Fratzen wanderten. Sie besaßen hohle Wange und Lippen, die sich jetzt kräuselten, wobei zarte Rauchfähnchen von den Mundwinkeln aufstiegen. Sie hatten vor ihn küssen, auch das begriff Alvar, und die düstere Wolke aus Entsetzen, die sich in seinem Kopf breitgemacht hatte, schwoll an, bis sie schmerzhaft gegen seinen Schädelknochen drückte.

Alvar wollte sich ihren schmatzenden Mäulern entziehen, deren Küssen, die nach Verwesung und Wahnsinn schmecken würden. Er warf den Kopf wie eine Katze umher, die sich eine Maus geschnappt hat und ihr das Genick brechen will. Doch die Schemen hielten ihn fest. Im Genick konnte er ihre Klauen spüren. Seltsam fleischlos und doch von einer Kraft beseelt, die jeden Widerstand ad absurdum führte. Es blieb ihm nichts anderes, als sich auf die Lippen zu beißen, damit sich sein Mund nicht zu dem Schrei öffnete, den seine Lungen mit aller Gewalt aus ihm herausdrücken wollten. Ihnen den Einlass verwehren. Erst da erkannte er, dass sie nur ein Auge besaßen. Nur das linke. Ihre rechte Augenhöhle klaffte so leer, wie die Mäuler, die sich in diesem Moment auf seinem Gesicht niederließen.

»Weiter!«, hörte er den Nachkommen des Mannes mit der Hahnenfeder noch krakeelen – eine Aufforderung, die ihm zu gelten schien, nicht den Wesen aus Rauch –, dann …

 

VIII

Als er wieder zu sich kam, funkelten über ihm am Himmel die ersten Sterne. Die Nacht war hereingebrochen. Alvar stöhnte und wälzte sich auf die Seite. Er lag auf blankem Asphalt, stellte er fest. Die Schmerzen in seinem Rücken überschritten jedes erträgliche Maß. Kaum besser erging es seinen Rippen. Orientierungslos blinzelte er gegen den Schleier vor seinen Augen an. Staub und Schweiß hatten verwaschene Schlieren vor seinen Pupillen erschaffen. Wo zur Hölle bin ich? Benommen ließ er den Kopf kreisen. Neuerliche Schmerzspitzen jagten durch seinen Körper. Diesmal vom Nacken ausgehend, der so steif war, dass man hätte meinen können, er wäre in der Zeit, die Alvar hier gelegen hatte, versteinert.

Was er von seiner Umgebung sah, irritierte ihn. Es war paradox: Sie kam ihm fremd und gleichzeitig erschreckend vertraut vor. Er befand sich in der Gasse, die runter zum Strand führte. So viel stand außer Frage. Aber die Gasse war nahezu verwaist. Bis auf eine Handvoll Kneipen, hinter deren Fenstern er menschliche Silhouetten ausmachen konnte, gab es hier nichts. Keine Händler, keine Schausteller. Dabei waren sie eben doch noch da, überlegte er, ohne zu realisieren, dass dieses eben an die zwölf Stunden zurückliegen musste. Er stieß sich an der rissigen Fassade hinter ihm ab und kam schwankend auf die Beine. Mit dem ersten unbeholfenen Schritt brach die Erinnerung über ihn herein. Wie eine Sturmflut schwappte sie über ihn hinweg. Brachial. Erdrückend. Eine Naturgewalt, der er nichts entgegenzusetzen hatte. Alvar geriet ins Taumeln, stolperte unsicher vorwärts. Aus den Fenstern der umliegenden Häuser schienen ihn Leute zu beobachten. Verschwommene Schatten, die immer dann Schutz hinter den Vorhängen suchten, wenn seine fahrigen Blicke in ihre Richtung zuckten.

Keine Leute, ging es ihm durch den schmerzenden Schädel. Es sind die Wesen, die der Rauch hervorgebracht hat! Geister, aus ätherischen Ölen heraus geboren.

Er griff in seine Hosentasche und friemelte sein Handy hervor. Oder das, was davon,  nach seinem Sturz, noch übrig geblieben war. Diagonal durch die Hülle verlief ein tiefer Riss. Das Display war zersplittert. In diesem Zustand würde es ihm keine große Hilfe sein.

Marie, dachte er verzweifelt. Ich muss ihr irgendwie mitteilen, dass alles okay bei mir ist!

Alles Okay? Wirklich … ? In seinem Hinterkopf konnte er den Mann mit der Hahnenfeder lauthals lachen hören. Den Hütchenspieler von damals, den Vater allen Übels. Ein an den Nerven zerrender, schriller Laut, wie von einer schiefgestimmten Klaviersaite erzeugt. Um sein Geschnatter zum Verstummen zu bringen, presste Alvar die Arme fest gegen die pochenden Rippen. Der Schmerz war unerträglich. Er trieb ihm die Tränen in die Augen. Kurzfristig verschwamm seine Sicht. Dann lichtete sich der Schleier vor seinen Augen wieder, und er machte auf der anderen Straßenseite ein Pärchen aus. Unscheinbare Leute. Er, ein Kerl mit leichtem Übergewicht, in den Vierzigern; sie, sein weibliches Pendant, wenn auch einige Jahre jünger. Als sie ihn in seinem Zustand erblickten, beschleunigten sie ihre Schritte und ergriffen die Flucht vor ihm.

Alvar hetzte hinter ihnen her und sprach sie an, doch der Mann winkte ab, murmelte einige Brocken auf Spanisch und schlang den Arm enger um seine Begleitung.

»A Phone!«, rief Alvar ihnen nach. »I must call my wife. She`s in worry!«

She`s in worry … Sagte man das so? Wahrscheinlich nicht. Aber sein Kopf fühlte sich matt an, der Verstand darin wie gelähmt, und letztlich spielte es keine Rolle. Das Pärchen war längst um die nächste Biegung verschwunden.

Alvar trat den Rückzug an. Humpelnd setzte er über den Asphalt der wie leergefegten Gasse hinweg, bis er es nach einer gefühlten Ewigkeit endlich bis zu ihrem Ende geschafft hatte. Mehrmals stolperte er unterwegs, wobei er zwei Mal so schlimm stürzte, dass er sich das Kinn auf der Straße anschlug. Er verließ die Gasse als lädiertes, blutiges Bündel, halb bewusstlos und voller zuckender Krämpfe in Beinen und den Eingeweiden. Keine seiner Blessuren aber war so quälend, wie die Frage danach, was er seiner Frau erzählen sollte.

Die Option, bei der Wahrheit zu bleiben, verwarf er sofort wieder. Er würde es schlicht nicht über sich bringen. Und überhaupt: Was war die Wahrheit? Was war mit ihm in der Hütte passiert?

Nein, die Unfallversion würde es werden, beschloss er. Irgendwo auf dem Weg zum Strand habe er sich so übel auf die Schnauze gelegt, dass er Sterne gesehen hätte. Die übrigen Touristen mussten ihn für einen Besoffenen im Straßengraben gehalten haben. Davon gab es in der Nähe des Strands schließlich einige. Weshalb auch niemand einen Notarzt gerufen habe. Marie würde darauf bestehen, mit ihm in die Ambulanz zu fahren, vermutete er, aber das nahm er in Kauf.

Besser, den Rest der Nacht in einem Wartezimmer verbringen, als zu riskieren, dass die eigene Frau einen für geisteskrank hält, dachte Alvar und humpelte weiter, das letzte Stück die Straße hinauf. Die beiden Türme des Hotels tauchten am Horizont auf. Ihre Lichter ein funkelndes Versprechen nach Sicherheit. Hinter einem der Fenster würde Marie sitzen, sich Sorgen machen und höchstwahrscheinlich alle zwei Minuten einen Blick auf ihr Handy werfen, in der Hoffnung, dass er sich bei ihr gemeldet hatte. Eine quälende Vorstellung, die ihn trotz seiner Schmerzen dazu anhielt, schneller zu gehen.

Seine Schenkel brannten wie in siedendes Öl eingelegt, als er es völlig außer Atem endlich zum Eingang des Hotels schaffte. Stolpernd platzte er durch die Türen. Der Pförtner, der hinter der Empfangstheke hockte und in eine Illustrierte vertieft war, schaute ihn über seine Brillengläser hinweg verdutzt an. Alvar hielt sich nicht damit auf, dem Mann eine Erklärung für seinen miserablen Zustand zu liefern, sondern hetzte durch die Lobby weiter zu den Aufzügen.

Schwindel. Das Gefühl, jeden Moment in einem Abgrund zu versinken. Alvar zwang sich zu ruhigen, gleichmäßigen Atemzügen. Zehn an der Zahl. Eine Methode zum Überwinden von Panikattacken, die ihm ein Kinderpsychologe einst beigebracht hatte. Diesmal jedoch verfehlte sie ihre Wirkung. Mit jedem Atemzug fühlte er sich nur noch nervöser.

Während er darauf wartete, dass der Aufzug zu ihm nach unten gerattert kam, gab er sich alle Mühe, seine Erlebnisse in der Gasse als Einbildung abzutun. Als etwas, dass sein wirrer Verstand erschaffen hatte, um der in ihm tobenden Panik ein Gesicht zu verleihen. Er hatte eine Angstattacke gehabt, war ausgetickt. Irgendein psychologischer Trick musste dahinterstecken. Ein Therapeut würde ihm erklären können, was in der Hütte mit ihm passiert war. Und er würde ihm verraten, warum die Gestalten, die aus dem Rauch zu ihm herübergeschwebt waren, nichts Übersinnliches an sich hatten, sondern lediglich Ausdruck seiner überforderten Psyche gewesen sein mussten.

Bullshit, dachte Alvar. Was du dir da einzureden versuchst, ist nichts als gequirlte Scheiße. Und das weißt du auch!

Die Kabinentüren öffneten sich. Eine Gruppe junger Leute strömte aus dem Aufzug. Sie scherzten ausgelassen. Als sie ihn bemerkten, verstummte ihr Gelächter jedoch so abrupt, als hätten sie sich an einem ihrer dümmlichen Witze verschluckt.

Alvar zwängte sich durch sie hindurch in die Kabine und drückte die Taste für den zweiten Stock. Die Türen schlossen sich mit deutlich vernehmbaren Seufzen. Allein auf engem Raum. Allein mit seinen Ängsten. Schon nahm er eine Schlinge um den Hals wahr, die ihm die Luft abdrückte. Durchhalten! Endlich setzte sich der Fahrstuhl in Bewegung.

Stille. Das leichte Ruckeln der Kabine. Alvar ließ sich erschöpft gegen die rückwärtige Wand sinken. Die Beleuchtung erschien ihm unnatürlich grell, so dass die Versuchung groß war, die Augen zu schließen. Doch das verbot er sich. Denn dann kämen sie und würden wieder über ihn herfallen: die Schemen, die in der Hütte des Hütchenspielers aus dem Rauch aufgestiegen waren. Sie würden durch die Gitterstäbe brechen, hinter die sein Verstand sie weggesperrt hatte, und in die Wirklichkeit überschwappen. Wie grässlich entstellte Wasserleichen, die von der Flut an Land gespült wurden. Nein, besser er ließ die Augen geöffnet.

Der Fahrstuhl erreichte sein Ziel. Die Türen glitten auf. Alvar stieß sich von der Wand ab und hastete auf den Flur. Keine zehn Schritte und er sah Schneider aus einem Nebengang auftauchen. Der Rentner wirkte außer sich, völlig fertig mit den Nerven. »Wo warst du denn?«, wollte er von Alvar wissen.

Noch bevor Alvar zu einer Antwort ansetzen konnte, trat Schneider so dicht an ihn heran, dass sie Stirn an Stirn standen und er den abgestandenen Atem des Mannes auf dem Gesicht spüren konnte. Schneider griff nach Alvars Handgelenken. »Er ist wieder da!«, raunte er und drückte fest genug zu, um Alvar aufstöhnen zu lassen. »Dein Junge! Er ist zurück. Aber … aber Marie, sie war ganz außer …«

»Mein Junge?«, fuhr Alvar dazwischen. »Wo ist er gewesen?«

Doch Schneider redete einfach weiter, Mund und Augen weit aufgerissen, die Ader an seiner Stirn bedrohlich angeschwollen. » … sich! Mittlerweile hat sie sich beruhigt. Ein Kleinwenig jedenfalls. Sie schläft in Leons Zimmer. Euer Junge ist bei ihr, und …«

Alvar riss sich aus der Umklammerung des Kerls los. Er packte Schneiders Schultern und schüttelte ihn. »Wo ist Leon gewesen?«

»Ich … Ich …« Schneiders rechtes Augenlid zuckte nervös, wie von einem plötzlichen Schlaganfall heimgesucht. »Natürlich, war ich nicht dabei, aber … als … Naja, als er mir im Hotel in die Arme gelaufen ist, da …« Er druckste, schien nicht recht mit der Sprache rausrücken zu wollen.

»Sag schon!«, verlangte Alvar. Er spürte, wie Schneider Anstalten machte, von ihm loszukommen, und bohrte die Finger tiefer in das schlaffe Fleisch seiner Oberarme.

»In der Gasse, die runter zum Strand führt«, platzte es aus Schneider heraus. »Er wollte nachschauen, wo du bleibst, und … und dich holen.«

Da zerbrach etwas in Alvar. Ging unwiederbringlich zu Bruch. Als hätte die Information, die ihm gerade zugetragen worden war, ein tönernes Gefäß in seinem Innern zersplittern lassen.

Er gab Schneiders Arme frei und stürmte los, rannte über den Flur. Seine Schritte waren schwankend. Insgeheim rechnete er damit, im Boden steckenzubleiben und zu versinken, wie er in der Hütte des Hütchenspielers versunken war. In Schlamm, der (kein Schlamm gewesen ist, sondern faulendes Fleisch! Innereien, die in Verwesungssäften geschwommen sind!) kein Fortkommen mehr ermöglicht hatte, egal, wie sehr er sich auch angestrengt hatte.

Doch nichts dergleichen passierte. Alvar taumelte, er wankte wie auf zwei Promille, aber er versank nicht. Vor ihm erschien Zimmer 218. Das Zimmer, das sie für Leon gebucht hatten. Er kramte die Schlüsselkarte aus dem Portmonee, hielt sie vor das Schloss und wartete das Klacken des sich öffnenden Riegels ab. Dann stürzte er mit der Schulter voran ins Zimmer, wo ihn Dunkelheit empfing. Nur schwach konnte er Umrisse ausmachen. Da den kleinen Glastisch, mit dem Stuhl davor. Dort den Kleiderschrank. Getrieben von einer Angst, die mit nichts zu vergleichen war, was er in seinem Leben bislang an Angst verspürt hatte, trat er auf den Umriss zu, den er als Bett identifizierte. Und da lagen sie. Seine Frau, sein Sohn. Aneinandergeschmiegt und friedlich schlafend. Nur, dass der Frieden täuschte. Alvar spürte es so deutlich, wie er die drückende Hitze wahrnahm, die sich über den Tag hinweg im Zimmer angestaut hatte. Während er sich dem Bett näherte, musste er daran denken, was Schneider gesagt hatte: In der Gasse, die runter zum Strand führt. Er wollte nachschauen, wo du bleibst, und dich holen … Etwas daran kam ihm falsch vor. Verkehrt, so als habe Schneider sich bei den Formulierungen eines anderen bedient und sie als seine eigenen ausgegeben.

Alvar kam drauf, was es war, als er die Hand ausstreckte, um eine Strähne aus Maries Stirn zurückzustreichen. Was war mit seinem Sprachfehler? Warum konnte Schneider auf einmal das S perfekt aussprechen, wo er zuvor doch solche Schwierigkeiten damit gehabt hatte? In dem Moment erwischte Alvar die Strähne. Mit Zeige- und Mittelfinger schob er sie sanft hinter Maries Ohr, so dass er einen Blick auf ihr Gesicht werfen konnte. Die Mundpartie, die er so oft mit Küssen bedeckt hatte. Die weiche Wange. Und darüber …

Ein Schrei stieg in ihm auf, ohne dass er in der Lage gewesen wäre, ihn aus seiner zugeschnürten Kehle hervorzupressen. Dort, wo ihr Auge hätte sitzen sollen – blau und so rein, wie der mallorquinische Himmel – starrte er in ein blutiges, schwarzes Nichts. Eine ausgeschabte Höhle, so finster, wie der Abgrund, der sich in seinem Herzen auftat. Alles wiederholt sich, dachte er dumpf, während sich der Schrei letztlich doch noch aus ihm hervorwandt.