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Die Saga der Blutgeschworenen – Band 1 – Nordnacht

Die Saga der Blutgeschworenen – Band 1

Nordnacht

Wer ein Faible für Wikinger und Fantasy an den Tag legt, für den ist NORDNACHT genau das Richtige, worauf man schon lange gewartet hat. NORDNACHT ist der erste Teil der Blutgeschworenen-Trilogie von John Gwynne. Der Auftakt der Reihe ist ein echter Paukenschlag. Stell dir vor, all die Kreaturen aus der nordischen Mythologie – gestaltwandelnde Berserker, Trolle, Riesen und Seeschlangen – würden neben wikingerähnlichen Heerscharen tatsächlich existieren, und du hast eine relativ gute Vorstellung davon, worauf du dich mit dieser Story einlässt. Wenn dir Worte wie Drengr und Holmgang etwas sagen oder dich allein der Gedanke an eine Schildmauer vor Spannung aufschreckt, dann hast du dich nicht geirrt: NORDNACHT ist etwas für dich.

Das Buch

John Gwynne
Die Saga der Blutgeschworenen – Band 1
Nordnacht
Originaltitel: The Shadow of the Gods (The Bloodsworn Saga 1)
Originalverlag: Orbit, Imprint von Little, Brown Book Group London, 2021
Fantasy, Paperback, Klappenbroschur, Blanvalet, München, Oktober 2021, 608 Seiten, 16 EUR, ISBN 9783734163081, Übersetzung von Wolfgang Thon

Synopsis:

The Witcher meets Vikings: Der Auftakt der neuen düsteren High-Fantasy-Trilogie mit nordischen Göttern!

Die Romane von John Gwynne sind nichts für schwache Nerven: In England und in den USA steht der Autor für ein intensives, brutales und viele tausend Seiten umspannendes Fantasy-Erlebnis, das auch zahlreiche deutsche Leser begeistert hat. Jetzt erscheint Gwynnes neue Saga, die ihm den Durchbruch beschert: In Nordnacht treten Leser*innen eine Reise in eine Fantasywelt an, die der skandinavischen Mythologie entlehnt ist: Unheimliche Wesen, die an Andrzej Sapkowskis Monster erinnern, bevölkern den Norden. Ausgerechnet drei sterbliche Menschen müssen in dieser grausamen Welt bestehen und der größten Bedrohung entgegentreten: den von den Toten wiederauferstandenen Göttern …

Leseprobe:

KAPITEL EINS

ORKA

Im Jahr 297 von Friðaröld, Zeitalter des Friedens

»Der Tod ist ein Teil des Lebens«, flüsterte Orka ihrem Sohn ins Ohr.

Obwohl Breca mit dem Eschenspeer in seiner kleinen verkrampf­ten Faust weit ausholte und auf das Rentier vor ihnen zielte, sah sie das Zögern in seinen Augen, bemerkte es an seinem verbissenen Kiefer.

Er ist zu weich für diese Welt des Schmerzes, dachte Orka. Sie wollte ihn schelten, doch eine Hand legte sich auf ihren Arm. Neben Brecas kleiner Faust war sie riesig und rau, im Gegensatz zu der weichen Haut des Jungen.

»Warte.« Thorkel stieß eine Atemwolke durch seinen geflochte­nen Bart. Er stand neben ihr, groß und fest wie ein Fels.

Orkas Wangenmuskeln arbeiteten, und ihr lag eine harte Zurecht­weisung auf der Zunge.

In dieser brutalen Welt braucht es deutliche Worte.

Aber sie blieb stumm.

Die Frühlingssonne sandte helle Tupfer durch die sanft schwanken­den Zweige in Richtung Boden und funkelte auf vereisten Schneefle­cken; der letzte Raureifkuss des Winters in diesem waldigen Bergland in eisiger Höhe. Ein Dutzend Rentiere äste auf einer Lichtung. Die Herde aus Kühen und Kälbern wurde von einem Bullen mit einem gewaltigen Geweih bewacht, während sie in Ruhe fraßen und Moos und Flechten von Bäumen und Felsbrocken kratzten.

Brecas Blick veränderte sich plötzlich, er holte tief Luft und hielt den Atem an, bevor er förmlich explodierte. Er drehte die Hüfte, und sein Arm schoss nach vorn. Das scharfe Eisen des Speers teilte zi­schend die Luft, und Stolz erfüllte Orkas Brust. Es war ein guter Wurf; schon in dem Augenblick, als sich Brecas Hand vom Speer löste, wusste sie, dass er sein Ziel treffen würde.

Doch im selben Herzschlag blickte das Rentier, auf das Breca sei­nen Speer schleuderte, von dem Stamm auf, an dem es Flechten ge­kaut hatte. Seine Ohren zuckten, und mit einem Satz sprang es vor­wärts. Der Rest der Herde reagierte sofort. Die Tiere setzten über Baumstämme hinweg und flüchteten tiefer in den Wald. Brecas Speer schlug in den Baumstamm und blieb mit zitterndem Schaft stecken. Einen Moment später hörte man das Krachen von Zweigen aus öst­licher Richtung, und eine Gestalt brach durch das Unterholz. Ein rie­siges Tier mit schieferfarbenem Fell und langen Krallen stürmte auf die Lichtung. Die Rentiere flohen in alle Richtungen, als das Raubtier zwischen sie sprang, ohne jedoch auch nur auf sie zu achten. Blut quoll aus einer Reihe von Wunden, Geifer schimmerte auf den langen Zähnen, und seine rote Zunge hing ihm aus dem Maul. Im nächsten Moment war es im dämmrigen Wald verschwunden.

»Was … Was war das?« Brecas fragender Blick wanderte zwischen Vater und Mutter hin und her.

»Ein Woelven.« Thorkel lief los, denn an Verstohlenheit war jetzt nicht mehr zu denken. Er drängte sich durch die Zweige des Di­ckichts auf die Lichtung, den schweren Speer in der Faust. Orka und Breca folgten ihm. Thorkel ging auf ein Knie, zog mit den Zähnen einen Handschuh aus, tauchte die Finger in das Blut des Wolfs und fuhr damit über seine Zungenspitze. Er spuckte aus, richtete sich auf und folgte der Blutspur zum Rand der Lichtung. Dort blieb er stehen und spähte in die Dunkelheit.

Breca ging zu seinem Speer, dessen Blatt bis zur Hälfte in den Stamm einer Kiefer eingedrungen war, und versuchte ihn herauszu­ziehen. Doch so sehr er sich auch anstrengte, die Waffe rührte sich nicht. Er blickte Orka an. Seine graugrünen Augen leuchteten in dem blassen schmutzigen Gesicht mit der geraden Nase und dem kräfti­gen Kinn, umrahmt von rabenschwarzem Haar. Er ähnelte so sehr seinem Vater und war so anders als sie — bis auf die Augen. Er hatte Orkas Augen.

»Ich hab ihn verfehlt.«

Orka packte den Schaft mit ihrer behandschuhten Rechten und zog den Speer heraus.

»Ja.« Sie gab Breca seinen Speer, der einen halben Arm kürzer war als ihrer und der von Thorkel.

»Das war nicht deine Schuld.« Thorkel stand immer noch am Rand der Lichtung und starrte in die Dämmerung. Ein dicker Zopf seines schwarzen, von grauen Strähnen durchzogenen Haares hing unter der Wollmütze heraus.

»Der Woelven hat sie erschreckt.«

»Warum hat er kein Rentier gerissen?«, fragte Breca, während er seinen Kurzspeer von Orka zurücknahm.

Thorkel hob die Hand und zeigte seine blutigen Fingerspitzen. »Er war verwundet und dachte nicht an sein Abendessen.«

»Wer kann einem Woelven so etwas antun?«, erkundigte sich Breca.

Die beiden Erwachsenen schwiegen.

Orka ging zum anderen Ende der Lichtung, den Speer stoßbereit, während sie das dunkle Loch in dem Dickicht untersuchte, aus dem der Wolf aufgetaucht war. Sie hielt inne und legte den Kopf schief. Ein schwaches Geräusch waberte wie Nebel durch den Wald.

Schreie.

Breca ging zu ihr, den Speer mit beiden Händen gepackt und in die Dunkelheit gerichtet.

»Thorkel«, sagte Orka gepresst und blickte über die Schulter zu ihrem Mann. Der starrte immer noch in die Richtung, in die der ver­letzte Wolf verschwunden war. Mit einem letzten Blick schüttelte er seine pelzbedeckten Schultern, drehte sich um und ging zu ihr.

Weitere Schreie ertönten, schwach und weit entfernt.

Orka und Thorkel wechselten einen vielsagenden Blick.

»Asgrims Gehöft liegt in dieser Richtung«, sagte sie.

»Harek.« Breca meinte Asgrims Sohn. Sie hatten zusammen am Strand von Fellur gespielt, wenn Orka und Thorkel die Siedlung be­sucht hatten, um Vorräte einzutauschen.

Wieder drang ein schwacher Schrei zwischen den Bäumen hin­durch.

»Wir sollten nachsehen«, murmelte Thorkel. Orka brummte zu­stimmend.

Ihre Atemwolken umhüllten sie, als sie durch den Kiefernwald gin­gen. Der Boden war dicht mit Nadeln bedeckt. Es war Frühling, und in der Welt unten gab es die ersten Anzeichen neuen Lebens. Aber der Winter klammerte sich an die bewaldeten Hügel wie ein störri­scher alter Krieger, der seine Vergangenheit nicht loslassen wollte. Sie gingen hintereinander, Orka an der Spitze. Ihr Blick glitt stetig von dem Wolfspfad, dem sie folgten, zu den tiefen Schatten um sie herum. Alter, vereister Schnee knirschte unter ihren Füßen, als der Wald sich lichtete und sie auf einen Kamm traten. Nach Westen fie­len scharf steile Klippen ab, und Wolkenfetzen trieben am freien Himmel unter ihnen. Orka blickte hinunter. Dünne Rauchsäulen der Herdfeuer erhoben sich tief unten von Fellur. Das Fischerdorf lag am östlichen Rand eines tiefen blauschwarzen Fjords, dessen ruhiges Wasser in der blassen Frühlingssonne schimmerte. Möwen kreisten kreischend darüber.

»Orka«, sagte Thorkel. Sie blieb stehen und drehte sich um.

Thorkel entkorkte einen Wasserschlauch und gab ihn Breca, der trotz der Kälte rot im Gesicht war und schwitzte.

»Seine Beine sind nicht so lang wie deine.« Thorkel lächelte in seinen Bart. Die Narbe auf seiner Wange, die bis zum Kiefer reichte, verzerrte seinen Mund.

Orka blickte den Pfad zurück, dem sie folgten, und lauschte. Sie hatte jetzt schon eine Weile keine Schreie mehr gehört, also nickte sie Thorkel zu und griff nach ihrer eigenen Wasserflasche.

Sie setzten sich kurz auf einen Felsen und blickten über das grün­blaue Land, wie Götter, die auf dem Scheitelpunkt der Welt saßen. Im Süden mündete der Fjord von Fellur ins Meer. Dort erstreckte sich eine zerklüftete Küstenlinie nach Westen und nach Süden, durchsetzt und vernarbt von tiefen Fjorden und Meeresarmen. Eisengraue Wol­ken ballten sich über dem Meer zusammen und verhießen Schnee. Weit im Norden zog sich eine bewaldete, schneebedeckte Bergkette über das Land. Sie erstreckte sich über den ganzen Horizont von Osten nach Westen. Ab und zu schimmerten blanke Felswände, die uralten Wurzeln der Berge. Aus dieser Entfernung waren sie nur graue Flecken.

»Erzähl mir noch mal von der Schlange Snaka«, bat Breca, als sie alle auf die Berge blickten.

Orka sagte nichts, sondern hielt ihren Blick auf die welligen Gipfel gerichtet.

»Würde ich dir jetzt diese Sagengeschichte erzählen, kleiner Mann, würden dir Nase und Finger erfrieren. Und wenn du aufstehst, um weiterzugehen, würden deine Zehen wie Eis abbrechen«, erwi­derte Thorkel.

Breca sah ihn mit seinen graugrünen Augen nur an.

»Ach, du weißt genau, dass ich diesem Blick nichts abschlagen kann!« Thorkel stieß eine mächtige Atemwolke aus. »Also gut, dann die kurze Geschichte.« Er zog die nadelgebundene Wollmütze he­runter und kratzte sich am Kopf. »Alles, was du vor dir siehst, ist Vigrið, die Ebene der Schlacht. Das Land der zerstörten Reiche. Auf jedem Flecken dieses Landes, zwischen Meer und Bergen und noch hundert Wegstunden dahinter, haben die Götter gekämpft und sind gefallen. Snaka war der Vater von allen; einige sagen, er war der Größte unter ihnen.«

»Er war ganz sicher der Größte.« Brecas Stimme und seine großen Augen waren ernst.

»Erzähle ich die Geschichte oder du?« Thorkel hob eine dunkle Braue.

»Du, Vater.« Breca senkte den Kopf.

Thorkel brummte. »Natürlich war Snaka der Größte. Er war der Älteste und der Vater der Götter. Sie nannten ihn Ältester, und er war ungeheuer groß. Das wärst du auch, wenn du dich jeden Tag, seit die Erde geboren wurde, sattgefressen hättest. Aber seine Kin­der waren auch nicht zu verachten. Der Adler, der Bär, der Wolf, der Drache, und noch eine ganze Heerschar anderer. Familie kämpfte gegen Familie, bis Snaka von seinen Kindern getötet wurde und fiel. Sein Todessturz zerschmetterte die Welt, zertrümmerte ganze Rei­che, schleuderte sie hoch in den Himmel, und das Meer strömte he­rein. Diese Berge sind alles, was von ihm übrig ist. Seine Knochen sind jetzt von der Erde bedeckt, die er aufgewühlt hat.«

Breca pfiff durch die Zähne. »Das muss ein Anblick gewesen sein!«

»Ja, Junge, das muss es wohl. Wenn Götter in den Krieg ziehen, ist das keine Kleinigkeit. Die Welt wurde durch ihren Untergang zer­stört.«

»So ist es«, warf Orka ein. »Und durch Snakas Sturz wurde die Vaesen-Grube geöffnet, und die Kreaturen mit Reißzähnen und Klauen und dunkler Macht, die in der Unterwelt hausten, wurden in unser Land des Himmels und des Meeres gelassen.« Von ihrem Stand­ort aus sah die Welt rein und unverdorben aus, ein wunderschöner wilder Teppich, der sich in Gold, Grün und in Blautönen über die Landschaft erstreckte.

Aber Orka wusste, dass die Wahrheit eine blutgetränkte Saga war. Sie sah nach rechts und bemerkte auf dem Boden die Blutstropfen von dem verletzten Woelven. In ihrem Geist sah sie, wie die Tropfen sich vergrößerten, zu Pfützen wurden, während immer mehr Blut spritzte und geisterhafte Körper fielen, zerhackt und zerschmettert, Stimmen kreischten …

Es ist eine Welt aus Blut. Aus Zähnen und Klauen und scharfem Eisen. Ein kur­zes Leben und ein qualvoller Tod.

Plötzlich spürte sie eine Hand auf ihrer Schulter. Thorkel berührte sie über Brecas Kopf hinweg. Sie holte scharf Luft, blinzelte und at­mete dann bebend aus, verdrängte die Bilder.

»Das war ein guter Wurf«, sagte Thorkel und tippte mit seiner Wasserflasche gegen Brecas Speer, obwohl er Orka ansah.

»Aber ich habe ihn verfehlt«, murmelte Breca.

»Mein erster Wurf bei meiner ersten Jagd ging auch daneben«, antwortete Thorkel. »Und ich war elf Sommer, wohingegen du erst zehn bist. Und dein Wurf war besser als meiner. Der Woelven hat dir deine Beute geraubt, stimmt’s, Orka?« Er fuhr Breca mit seiner großen Hand durch das Haar.

»Es war ein guter Wurf.« Orka betrachtete die Wolken im Westen, die nähergekommen waren. Ein Westwind blies sie vor sich her, und sie schmeckte den Schnee in der Brise. Es war eine scharfe Kälte, die wie Frost in ihrer Brust knisterte. Sie schob den Korken in ihre Was­serflasche, stand auf und ging weiter.

»Erzähl mir mehr von Snaka!«, rief Breca ihr nach.

Orka blieb stehen. »Hast du deinen Freund Harek so schnell ver­gessen?«, fragte sie missbilligend.

Breca senkte den Blick, stand auf und folgte ihr.

Orka führte sie weiter, zurück in den Kiefernwald, wo die Geräu­sche so unheimlich gedämpft wurden. Die Welt um sie herum schien zu schrumpfen, die Schatten bewegten sich, und sie stiegen weiter in die Hügel hinauf. Als sie höher kamen, wurde die Welt um sie herum grau. Wolken verschleierten die Sonne, und ein kalter Wind zischte durch die Zweige der Bäume.

Orka benutzte ihren Speer als Stab, als der Untergrund steiler wurde und sie feuchte Steine hochklettern musste, die wie Stufen ne­ben einem schäumenden Bach emporführten. Eisiges Wasser spritzte hoch, tränkte ihre Wadenbinden und drang in ihre Stiefel. Eine Strähne ihres blonden Haars löste sich aus ihrem Zopf, und sie schob sie sich hinter das Ohr. Sie verlangsamte das Tempo, als sie an Brecas kürzere Beine dachte, obwohl ihr Blut kribbelte und ihre Muskeln summten. Wie immer, wenn sie Gefahr witterte.

»Wappne dich«, sagte Thorkel hinter ihr. Und dann roch Orka es auch.

Der metallische Geruch von Blut, der stechende Gestank von ent­leerten Gedärmen.

Der Ruch des Todes.

Das Gelände befand sich auf einem ebenen Plateau, das von Bäu­men gerodet worden war. Ein großes Blockhaus mit einem Grasdach tauchte vor ihnen auf, neben einer Handvoll von Außengebäuden. Sie schmiegten sich an eine Felswand. Ein Palisadenzaun umgab das Blockhaus und die Außengebäude. Die Palisaden waren größer als Orka.

Asgrims Gehöft.

Auf der östlichen Seite des Anwesens schlängelte sich ein Pfad den Hügel hinab, bis hinunter zur Siedlung Fellur und dem Fjord.

Orka machte ein paar Schritte und blieb dann stehen, den Speer gesenkt, als Breca und Thorkel das Plateau erreichten.

Die breiten Tore des Palisadenzaunes waren aufgestoßen worden, und ein Körper lag dazwischen auf dem Boden, die Gliedmaßen ver­dreht und unnatürlich regungslos. Ein Torflügel knarrte im Wind. Orka hörte, wie Breca zischend ausatmete.

Orka erkannte an den breiten Schultern und dem stahlgrauen Haar, dass es sich um Asgrim handelte.

Eine Schneeflocke senkte sich auf Orkas Wange, wie ein prickeln­der Kuss.

»Breca, bleib hinter mir«, befahl sie, als sie langsam weiterging. Krähen flatterten von Asgrims Leichnam hoch und flogen kreischend davon. Sie setzten sich auf die Wipfel der Bäume, und eine bezog Posten auf einem Torpfeiler und beobachtete sie.

Es schneite jetzt stärker, und der Wind trieb die Flocken über das Plateau.

Orka blickte auf Asgrim hinunter. Er trug eine Wolltunika, eine Hose und einen guten Fellmantel. Ein Reif aus dunklem Silber um­spannte seinen Oberarm. Sein Haar war grau, er war schlank und muskulös, was man durch die zerrissene Tunika sah. Einer seiner Stie­fel war ihm vom Fuß gefallen. Neben ihm lagen ein zerbrochener Speer und eine blutige Faustaxt. Er hatte ein Loch in der Brust, und das Blut hatte die wollene Tunika dunkel gefärbt.

Orka kniete sich hin, nahm die Axt, drückte sie Asgrim in die Hand und bog die bereits steif werdenden Finger darum.

»Reise mit einer Klinge in der Faust über die Seelenstraße«, flüs­terte sie.

Breca hinter ihr atmete schwer. Das war der erste tote Mensch, den er sah. Tote Tiere hatte er schon oft gesehen. Er hatte bereits mehr­fach beim Schlachten geholfen, für ihr Abendessen, kannte das Aus­nehmen und Häuten, das Tränken von Sehnen zum Nähen und Bin­den, das Gerben des Leders für die Stiefel, für ihre Gürtel und die Scheiden ihrer Scramasaxe. Aber einen toten Menschen zu sehen, brutal aus dem Leben gerissen, war etwas völlig anderes.

Jedenfalls beim ersten Mal.

Zudem hatte Breca diesen Mann gekannt. Er hatte den Lebens­funken in ihm gesehen.

Orka ließ ihrem Sohn einen Moment Zeit, als er mit großen Augen dastand und die Leiche anstarrte. Er atmete schnell und unregel­mäßig.

Der Boden um Asgrim war aufgewühlt und das Gras platt getreten. Undeutliche Stiefelabdrücke. Ein paar Schritte entfernt hatte Blut das Gras getränkt. Spuren auf dem Boden führten von der Stelle fort, als hätte sich jemand weggeschleppt.

Also hat Asgrim jemanden niedergestreckt.

»War er das, der geschrien hat?« Breca starrte immer noch Asgrims Leiche an.

»Nein.« Orka betrachtete die Wunde in Asgrims Brust. Es war ein Stich ins Herz, also war der Tod schnell eingetreten. Und das war auch gut so, denn seine Leiche war bereits von Aasvögeln angefressen worden. Die Krähen hatten seine Augen und Lippen in blutig klaf­fende Wunden verwandelt. Orka berührte Asgrims Gesicht und öff­nete den Kiefer, um in seinen Mund zu sehen. Sie sah nur das Zahn­fleisch und blutige Löcher und runzelte finster die Stirn.

»Wo sind seine Zähne?«, flüsterte Breca.

»Das müssen Tennur gewesen sein«, gab Orka zurück. »Sie lie­ben die Zähne von Menschen mehr, als ein Eichhörnchen Nüsse liebt.« Sie sah sich um und suchte die Baumgrenze und die schrof­fen Klippen nach einem Anzeichen von den kleinen zweibeinigen Kreaturen ab. Einzeln waren sie lästig, im Rudel jedoch konnten sie mit ihren spitzen Fingern und rasiermesserscharfen Zähnen tödlich sein.

Thorkel ging um Orka herum und trat vorsichtig durch das Tor in die Umfriedung. Er schwenkte den Speer in einem weiten Bogen, während er sich suchend umsah. Dann blieb er stehen und blickte zu dem knarrenden Tor hoch.

Orka trat über Asgrim hinweg und folgte Thorkel in das Gehöft.

Eine Leiche war an das Tor genagelt, mit weit gespreizten Armen und schlaff herunterhängendem Kopf.

Idrun, Asgrims Ehefrau.

Sie war nicht so schnell gestorben wie ihr Gemahl.

Man hatte ihr den Bauch aufgeschlitzt, und ihre Eingeweide la­gen in einem Haufen vor ihr auf dem Boden, verdreht wie Kletter­pflanzen an einer alten Eiche. Sie dampften noch, als der Schnee auf die schimmernden Gedärme fiel. Ihr Gesicht war eine Grimasse des Schmerzes.

Sie hat geschrien.

»Wer macht so etwas?«, murmelte Thorkel.

»Vaesen?«, meinte Orka.

Thorkel deutete auf tief eingeritzte, kantige und gerade Runen auf dem Tor. »Eine Schutzrune.«

Orka schüttelte den Kopf. Diese Runen würden alle Vaesen bis auf die Mächtigsten zurückhalten. Sie warf einen Blick zurück auf Asgrim und die Wunde in seiner Brust. Zudem benutzten Vaesen nur selten Waffen, weil die Natur sie bereits mit dem Handwerkszeug für Tod und Gemetzel ausgestattet hatte. Sie sah die dunklen Flecken im Gras, geronnenes Blut.

Und Blut war auch auf Asgrims Faustaxt. Es waren andere hier, verwundet, aber wenn sie gefallen sind, wurden sie von hier weggeschafft.

»Waren das Menschen?«, murmelte Thorkel.

Orka zuckte mit den Schultern und dachte nach.

»Alles Lügen«, murmelte sie schließlich. »Sie nennen das das Zeit­alter des Friedens, weil der uralte Krieg vorbei ist und die Götter tot sind, aber wenn das Frieden ist …«

Sie blickte zum Himmel mit seinen dunklen, schweren Wolken hoch. Es schneite jetzt stärker. Dann musterte sie wieder die Leichen. »Das ist das Zeitalter von Sturm und Mord …«

»Wo ist Harek?«, fragte Breca plötzlich.


NORDNACHT erscheint am 18. Oktober 2021 im Verlag Blanvalet.