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Der Detektiv – Das Löschblatt von Amritsar – 3. Kapitel

Walter Kabel
Der Detektiv
Kriminalerzählungen, Verlag moderner Lektüre GmbH, Berlin, 1920
Harald Harst gegen Cecil Warbatty
Des berühmten Liebhaberdetektivs Abenteuer im Orient
Das Löschblatt von Amritsar

3. Kapitel

Als Gast Albströms

Ich lag noch eine Weile wach in dem wieder verdunkelten Abteil unter meinem Moskitonetz. Ich hatte genug Stoff zum Denken. Ganz besonders war es das merkwürdige Löschblatt, das mir nicht aus dem Sinn wollte. Harst hielt es für eine Kartenskizze. Diese Annahme erschien mir recht gewagt, denn ich hatte auf der beklecksten schwarzen Fläche nichts entdecken können, was an eine absichtlich hergestellte Zeichnung erinnerte. Ich schlief ein. In meinen Träumen spielten der Ermordete und Miss Lizabet Doogston eine große Rolle. Als ich erwachte, schimmerte das Tageslicht durch die Fenstervorhänge. Ich erhob mich, zog die Vorhänge zurück, schaute nach Harsts Bett hin.

Es war leer. Aber auf dem Kissen lag ein Blatt Papier. Darauf hatte mein Freund mit Bleistift geschrieben: Hole morgen Mittag 12 Uhr von der Post in Amritsar einen postlagernden Brief unter Chiffre M S 100 ab. Gruß – Wiedersehen – H.

Was bedeutete das? Das sah doch ganz so aus, als ob Harst den Zug verlassen hätte?

Sein Koffer war noch da. Nur sein Gummimantel fehlte. Ich sah nach der Uhr. Es war halb 10. Ich kleidete mich schnell an und suchte den Zugführer auf. Der Mann konnte mir auch nicht sagen, wo Harst geblieben.

»Der Zug hat inzwischen nicht mehr gehalten, Master«, meinte er. »Vielleicht sitzt Ihr Freund im Speisewagen.«

Dass dies nicht der Fall, hatte ich schon festgestellt. Wo also war Harst? Nichts gab mir darauf Antwort.

Ich fragte den Zugführer, ob Harst sich denn noch irgendwie um die Aufklärung des Mordes bemüht hätte.

»Nein, Master. Gar nicht! Leider …« Der Beamte tat ein wenig gekränkt.

Ich ging in recht schlechter Laune in den Speisewagen. Ich zuckte unwillkürlich leicht zusammen, als ich rechts am Fenster Miss Doogston nun bemerkte, die an ihrem Tischchen soeben ein Ei köpfte.

Miss Doogston … die Mörderin! … Mörderin? Unsinn! Harst hatte sicher niemals ernstlich gegen sie Verdacht gehegt. Das war nun meine feste Überzeugung. Leider hat er die vermaledeite Angewohnheit, mich niemals ganz in seine Schachzüge einzuweihen. Auch hier hatte er fraglos wieder mit mir so etwas Verstecken gespielt.

Sehr bald erschien dann auch der breitschultrige Riese von Chefingenieur. Inzwischen waren alle Plätze bis auf den zweiten Stuhl an meinem Tisch besetzt worden. Albström setzte sich also zu mir. Bald kamen wir ins Gespräch. Ich hatte auch in Kurzem das bestimmte Gefühl, dass er wüsste, wen er vor sich hatte – eben Harald Harsts Privatsekretär und Freund. Unsere Unterhaltung drehte sich in der Hauptsache um Amritsar. Ich gab zu, die Stadt nicht zu kennen. Er empfahl mir das Hotel Edward Albert-Hof, schilderte mir Amritsars Sehenswürdigkeiten, den heiligen Teich und auch den berühmten Darbar Sahib-Tempel, das größte Heiligtum der Sikh, jener Religionssekte, deren Bekenner gleichzeitig einen besonderen Volksstamm bilden. Albström gab sich Mühe, recht zwanglos zu erscheinen. Er war aber offenbar nicht daran gewöhnt, so ein wenig zu schauspielern. Nach einiger Zeit stellte er sich mir vor.

»Sie gestatten: Ingenieur Albström …«

Ich erhob mich gleichfalls halb und nannte meinen Namen – meinen richtigen Namen! Wir reisten diesmal nicht inkognito.

Albström spielte sehr schlecht den Überraschten. »Schraut? Schraut? Sie sind Ihrem Englisch nach Deutscher. Etwa der Privatsekretär des vielgenannten Amateurdetektivs Harald Harst?«

Ich nickte. »Ja, Master Albström. Ich bitte Sie aber, dies nicht gerade hier im Zug oder in Amritsar zu verbreiten. Wir, Harst und ich, haben allen Grund …«

»Ich weiß Bescheid«, unterbrach er mich leise und mit einem vertraulich sein sollenden Lächeln, das aber seltsam verzerrt aussah. »Sie verfolgen den Verbrecher Warbatty. Alle Zeitungen sind davon voll. Die Reporter behaupten – wenigstens las ich’s gestern in der Gwalior-Post –, dass Warbatty hier in Indien noch mehr von seinen frechen Streichen vorhabe. Sollte er etwa den neuesten in Amritsar planen? Sie sind doch dorthin unterwegs, Master Schraut?«

Oho – aushorchen wollte er mich! Das sollte ihm vorbeigelingen! Gewiss; er vermutete ja das richtige. Wir hofften Warbatty in Amritsar zu stellen. Aber wissen durfte das niemand! In Gwalior hatte Harst jedem, der es hören wollte, erzählt, er habe Warbattys Spur verloren und beabsichtige daher, zunächst sich das Pandschab-Gebiet anzusehen.

Ich schüttelte also den Kopf und erklärte, Warbatty sei uns vorläufig entwischt. »Es kann vielleicht Wochen dauern, bevor wir ihn wieder irgendwo aufstöbern. Jedenfalls reisen wir jetzt lediglich zu unserem Vergnügen.«

Ich fühlte das Misstrauen in Albströms Blick. Dieser Mann kam mir immer verdächtiger vor. Unser Gespräch lenkte wieder in harmlosere Bahnen ein. Als wir uns trennten, hatte ich ihm versprochen, ihn in Amritsar zu besuchen, wusste nun auch, dass er aus Stockholm gebürtig und seit zehn Jahren in Indien war.

Anderthalb Stunden später befand ich mich im Edward Albert-Hof, einem modernen Prachtbau. Bevor ich den Bahnhof in einer Rikscha verlassen hatte, musste ich mich noch dem Polizeiinspektor von Amritsar gegenüber legitimieren, der merkwürdigerweise nichts über Harsts Verbleib fragte, was mir sehr auffiel.

Nachdem ich im Hotel gebadet, gefrühstückt und die größte Tageshitze bis sechs Uhr nachmittags verschlafen hatte, fuhr ich zu dem heiligen Teich hinaus, in dessen Mitte sich der berühmte Tempel Darbar Sahib erhebt.

Amritsar heißt Teich der Unsterblichkeit. Nun, die wunderbare Schönheit des Darbar-Tempels mit seiner vergoldeten Kuppel wird Jahrhunderte überdauern und wirklich unsterblich bleiben. Der Teich ist im Jahre 1581 künstlich geschaffen worden, hat einen Umfang von 4000 Meter und bedeutet den Sikh dasselbe wie den Hindu der heilige Ganges: Ein Bad in der trüben Flut gibt Anwartschaft auf den fantastischen Sikh-Himmel.

In einem zierlichen Boot ruderte mich ein Sikhpriester zum Tempel hinüber. In der Haupthalle wird der Granth, das Religionsbuch der Sikh, in einem mit Diamanten verzierten Kästchen aufbewahrt, dessen Wert man auf sieben Millionen schätzt. Zum Schutz dieses Schreines sind besondere Vorsichtsmaßregeln getroffen. Jeder Fremde wird misstrauisch von einigen fünfzig Priesteraugen beobachtet. Trotzdem ist, wie mir ein Fremdenführer erzählte, schon zweimal der Versuch gemacht worden, den Schrein zu rauben. Über den Tempel und den heiligen Teich ließen sich Seiten schreiben. Jedenfalls machte das Heiligtum auf mich einen Eindruck wie bisher nichts in dem Zauberland Indien. Peterskirche in Rom, der Dom in Berlin, was bedeuten diese Bauwerke gegenüber der sinnverwirrenden Schönheit des ganz aus Marmor ausgeführten Darbar Sahib!

Nach einer Rundfahrt durch die Stadt kam ich gerade noch zum Abendessen ins Hotel zurück. In der Vorhalle erwartete mich Master Albström. Wir speisten zusammen an einem kleinen Tisch. Sehr bald rückte er dann mit seiner Einladung heraus: Er bat mich, in seinem Bungalow sein Gast zu sein.

»Ich bin Junggeselle, Master Schraut. Sie haben es bei mir weit behaglicher als hier im Hotel …«

Mein Argwohn gegen ihn wurde stärker. Sollte ich mich in sein Haus hineinwagen? Es kam mir vor, als beträte ich dann die Höhle des Löwen.

Trotzdem nahm ich dankend an. Ich ahnte, dass ich dort nicht lediglich Gast sein würde.

Es war zehn Uhr abends, als Albströms eleganter Ponywagen uns in das Europäer-Viertel brachte. Des Chefingenieurs geräumiger Bungalow lag inmitten eines hügeligen Parkes unweit eines Nebenflüsschens des Rawi (Amritsar liegt zwischen Rawi und Bias). Die Nacht war mondhell. Wir saßen noch eine Stunde auf der um das Haus herumlaufenden Veranda zum Flüsschen zu, dessen Wasser zwischen den Büschen hindurchschimmerte. Albström brachte das Gespräch sehr bald auf Harst, fragte, wo er sich nun aufhalte und meinte, er hege die größte Hochachtung vor meines Freundes genialen Fähigkeiten.

Ich erwiderte ihm, ich dürfe leider nicht über Harsts Verbleib sprechen; er müsse schon entschuldigen, ich sei ja nur dessen Privatsekretär und nicht befugt, ohne Harsts Einwilligung Aufschluss über Dinge zu geben, die dessen Person betrafen.

Albström schwieg eine Weile. Über unseren Köpfen hing eine elektrische Lampe in Form einer chinesischen Laterne, deren farbiges Licht kaum bis zum Holzgeländer der Veranda reichte. Dass Harst und ich bei unserem Kampf gegen Warbatty dauernd in Lebensgefahr schwebten, ist bekannt. Auch nun, wo Harst sich von mir getrennt hatte, ließ ich in nichts jene Vorsicht außer Acht, die mir inzwischen zur zweiten Natur geworden war. Auge, Ohr und Verstand lagen sozusagen beständig auf der Lauer, ganz besonders hier in Albströms Haus.

Plötzlich vernahm ich irgendwoher ein wimmerndes Schluchzen. Ich lauschte gespannt. Eine Frau weinte in fassungslosem Schmerz. Gerade bei der feierlichen nächtlichen Stille ringsum wirkte dieses Weinen seltsam nervenaufreizend und peinigend. Ich schaute zu Albström hinüber. Mir schien, dass er sehr rot und verlegen geworden. Nun sprang er auf.

»Entschuldigen Sie, Master Schraut«, hastete er hervor. Er wollte die Veranda verlassen.

Da – ein gellender Schrei aus einer Frauenkehle! Und gerade über uns war er erklungen.

Albström taumelte zurück, umfasste krampfhaft die Lehne eines Korbsessels, stierte zum Glasdach der Veranda empor. Dann raffte er sich auf, stotterte: »Es … kann … nur … einer Dienerin etwas zugestoßen sein …«

Er eilte ins Haus, wo ich ihn die Treppe hinaufstürmen hörte. Er musste die Stufen mit bangen Sätzen hinaufgeeilt sein.

Ich hatte mich noch nicht von meinem Schreck über diesen furchtbaren Schrei erholt, als dicht vor mir an einem der eisernen Pfeiler, die das Dach trugen, eine menschliche Gestalt hinabglitt; ein zerlumpter, bärtiger Hindu mit schmierigem Turban.

Im Nu hatte ich den Revolver in der Hand, hob den bewaffneten Arm.

Der Hindu jedoch, der nun halb nach außen an der Brüstung hing, flüsterte mir zu, flüsterte in tadellosem Deutsch: »Schieß hinter mir her, schlage Lärm! Auf Wiedersehen!«

Er ließ sich in den Garten hinabfallen.

Harst – Harst! Es wurde mir schwer, die Erstarrung sofort wieder abzuschütteln. Dann brüllte ich aufspringend: »Halt! Steh oder ich schieße!«

Harst verschwand dem Flüsschen zu in den Gartenwegen. Und ich feuerte dreimal in die Luft, brüllte abermals: »Master Albström – hierher! Ein Dieb – ein Dieb!«

Zwei eingeborene Diener eilten herbei. Gleich darauf kam der Ingenieur zurück. Wir durchsuchten den Park, fanden natürlich nichts.

Der gute Albström erzählte mir, ein Eingeborener habe versucht, oben in ein Zimmer einzusteigen.

»Schade, dass ich vorbeigeschossen habe!«, meinte ich. »Sehr schade. Der Halunke war aber flink wie ein Wiesel!«

Albström war nun recht zerstreut. Ich merkte, auch er glaubte nicht recht an einen Dieb und zermarterte sich nun den Kopf, wer dieser Hindu wohl gewesen sein könnte. Bald darauf ging ich auf mein Zimmer und sagte Albström, der mich begleitet hatte, gute Nacht.

Als ich dann meinen Koffer öffnete, um mein Nachtzeug herauszunehmen, lag obenauf ein neuer Zettel von Harsts Hand – eilig gekritzelt, nur auf einem Stück von einer Zeitung: Unternimm nichts allein! H.

Harst war also hier im Zimmer gewesen! Und abermals hatte ich nun zu viel Stoff zum Denken, um sofort einschlafen zu können. Meine Gedanken waren ein Stockwerk höher bei der Frau, die vorhin so gellend aufgeschrien hatte. Eine Dienerin? Niemals! Ich ahnte, wer es war: Miss Doogston! Denn ich hatte ja am Nachmittag mich ganz unauffällig nach ihrem Verbleib erkundigt und leicht herausgebracht, dass sie am Bahnhof von einem Mietauto erwartet worden und ungehindert von der Polizei davongefahren war. Wohin, das wusste niemand.

Ungehindert! Das war mir gleich aufgefallen. Ungehindert, obwohl doch Harst sie dem Zugführer gegenüber verdächtigt hatte.

Wie ich mir dies nun alles in Ruhe klar machte, lichtete sich das Dunkel etwas. Ich durchschaute die Ereignisse: Harst war im Einverständnis mit dem Zugführer aus dem Zug scheinbar verschwunden und hatte dem Beamten fraglos genaue Anweisungen gegeben, darunter auch die, dass Miss Doogston nicht belästigt werden sollte.

Dass ich in diesem Punkt richtig kombiniert hatte, bestätigte Harst mir sehr bald.

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