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Der Detektiv – Der blinde Brahmane – 3. Kapitel

Walter Kabel
Der Detektiv
Kriminalerzählungen, Verlag moderner Lektüre GmbH, Berlin, 1920
Harald Harst gegen Cecil Warbatty
Des berühmten Liebhaberdetektivs Abenteuer im Orient
Der blinde Brahmane

3. Kapitel

Der falsche Warbatty

Als wir uns dem Haus näherten, tauchte ein alter Hindu auf, offenbar ein Gärtner, musterte uns scharf, bücklingte dann trotz unseres strolchmäßigen Aussehens sehr tief vor den weißen Sahibs und meldete uns dem Kapitän.

Anderson kam uns ganz aufgeregt entgegen, fragte sofort, was uns denn eigentlich widerfahren sei. Er habe schon Angst um unser Leben geschwitzt. Vorhin seien die beiden Lastträger, die die Schlangenkiste zu seinem Bungalow hätten bringen sollen, zu ihm gekommen und hätten erklärt, ein eingeborener Polizist wäre ihnen unterwegs entgegengetreten und hätte ihnen befohlen, in einen Hof einzubiegen. Hier hatte der Beamte sie verhaftet und ihren Karren samt der Kiste vier anderen Eingeborenen übergeben, die damit sofort von dannen eilten, während sie selbst den Polizisten zu der nächsten Polizeiwache begleiten mussten. In diesem Haus aber hatte er sie dann allein gelassen. Erst nach einer geraumen Weile war da in ihnen der Verdacht aufgestiegen, sie könnten Betrügern in die Hände geraten sein. Sie verließen daher den Flur der Polizeiwache wieder und begaben sich sofort zum Viktoria-Dock zurück, trafen hier jedoch auf dem Dampfer den Kapitän nicht mehr an und suchten ihn daher in seinem Bungalow auf.

»Sie können sich denken, verehrtester Master Harst, dass ich unter diesen Umständen sogleich die Polizei alarmierte«, fügte Anderson hinzu. »Man sucht jetzt überall nach der Schlangenkiste. Und ich – ich habe mich rein in Schweiß aufgelöst vor Sorge um Sie! Inspektor Greaper von der hiesigen Polizei meinte, ich telefonierte ihn an, dass natürlich dieser Halunke von Warbatty dahinter stecke. Ein wahres Glück, dass Sie lebendig vor mir stehen …«

Er hatte uns inzwischen auf die rund um das Haus laufende Veranda geführt. Hier lernte ich zum ersten Mal eine Punka kennen, jene großen, von der Decke herabhängenden Fächer, die dazu bestimmt sind, die Backofenglut Indiens etwas zu mildern. Unser Tisch auf der Veranda stand unter zwei Punkas, die von einem Diener, der unter der Veranda hockte, durch Ziehen an den Stricken dauernd in Bewegung gehalten wurden.

Ein anderer Diener brachte Eislimonade und kalte Speisen. Nachdem er verschwunden war, berichtete Harst leise unser Abenteuer. Anderson kam gar nicht zu Atem vor Ausrufen ungläubigen Staunens.

»Wie kann dieser Halunke von Warbatty nur gemerkt haben, dass die Kiste gerade Sie und Ihren Freund Schraut beherbergte?«, rief er nun. »Der Mensch steht wirklich mit dem Bösen im Bunde!«

Harst aß mit Behagen seine Ölsardinen und die Röstschnitten. »Hm, er hat eben gute Augen und einen hellen Kopf, Master Anderson«, meinte er. »Als die Kiste mit den vielen Luftlöcher auf dem Bollwerk mittels des Dampfkrans landete und Sie dann persönlich die beiden Lastträger herbeiriefen und zu Ihrem Haus beorderten, wird oder vielmehr muss Warbatty ganz in der Nähe gewesen sein. Die Luftlöcher werden seinen Verdacht erregt haben. Er ist eben schlauer als der Durchschnitt. Er wird sich gesagt haben, der Riesenkasten dürfte sich ganz gut dazu eignen, seine Freunde Harst und Schraut von Bord zu schmuggeln. Das Weitere war für ihn, der hier ja fraglos seine Helfershelfer hat, ein Leichtes.«

»Nun«, gab Anderson lächelnd von sich, »dafür sitzt er jetzt aber auch bereits hinter Schloss und Riegel! Diese Überraschung habe ich mir absichtlich bis jetzt aufgespart, Master Harst!«

Harst ruckte zusammen, schaute den Kapitän fragend an und sagte schnell: »Wirklich verhaftet? Ich bezweifle dies.«

»Oh bitte! Inspektor Greaper läutete mich vor wenigen Minuten an und teilte mir mit, er habe Warbatty im Café India festnehmen lassen, nachdem der Steward Grüttner ihm bis dahin gefolgt war und dann einem der Straßenpolizisten sich anvertraut hatte. Warbatty leugnet natürlich, der vielgesuchte Verbrecher zu sein und behauptet, Thomas Simpson zu heißen und …«

In diesem Augenblick betrat ein Diener die Veranda und meldete den Inspektor Greaper.

Dieser, ein dürrer, quittengelber Engländer, dem man das Gallenleiden von Weitem ansah, beglückwünschte uns aufs Liebenswürdigste zu unserer Rettung. Man merkte, dass er vor Harsts Weltruf als Liebhaberdetektiv die größte Hochachtung hatte.

»Ihr Abenteuer mit Warbatty in Kairo stand in allen Zeitungen, Master Harst«, meinte er. »Es würde mir ein Vergnügen sein, zusammen mit Ihnen dieses Verbrechergenie unschädlich zu machen.«

»Nanu«, platzte Anderson heraus, »ich denke, Sie haben den Schurken schon in Eisen gelegt …«

Greaper zuckte bedauernd die Achseln. »Leider nein! Zu spät fiel mir ein, dass dem echten Warbatty der linke Zeigefinger fehlt. Der, den wir auf des Stewards Veranlassung verhafteten, hat alle zehn Finger und hat außerdem schon durch hiesige Geschäftsfreunde nachgewiesen, dass er wirklich Thomas Simpson heißt und Kaufmann in Colombo auf Ceylon ist und nur vorübergehend sich hier zu Handelszwecken aufhält.«

Harst hatte nach einer Zigarette gelangt. »Merkwürdig«, meinte er gelassen, »sehr merkwürdig! Ich hätte geschworen, dass der kleine Kerl im gelben Leinenanzug dort am Viktoria-Dock Warbatty sein müsste, zumal der Mensch noch links einen Zwirnhandschuh anhatte. Ich gebe zu: Mein alter Feind hat mich wieder einmal hineingelegt. Trotzdem, ich möchte diesen Simpson mir ansehen, Master Greaper. Oder haben Sie ihn bereits entlassen?«

»Nein. Er wartet in meinem Dienstzimmer auf der Polizeidirektion. Er will dort bleiben, bis Ihr Verschwinden so oder so aufgeklärt sei. Ich hatte nämlich gleich die Absicht, Master Harst, Sie ihm gegenüberzustellen, falls Sie noch lebten. Draußen steht mein Auto. Vielleicht brechen wir sofort auf. Ich möchte die Sache mit Simpson schleunigst in Ordnung bringen. Sonst beschwert er sich womöglich über seine Festnahme. Bisher nimmt er die Geschichte mehr von der scherzhaften Seite.«

Harst und ich – unsere Koffer befanden sich ja bereits im Haus – zogen uns schleunigst um und begleiteten den Kriminalinspektor dann zu der Polizeidirektion. So lernte ich nun auch die Prachtstraße Bombays, die Esplanade, mit ihren geradezu bezaubernden Parkanlagen kennen.

Das Auto hielt. Harst stieg zuerst aus. Es war nun halb sieben Uhr abends. Ringsum flutete der nach des Tages Hitze neu erwachte Verkehr der berühmten Hafenstadt in all seiner Eigenart, seinem Völkergewirr und seinen zahllosen, schreienden Straßenhändlern hin und her.

Harst blieb am Trittbrett mit der Hacke jedoch hängen und schlug lang auf das Pflaster hin. Ich sprang zu. Er richtete sich mit meiner Hilfe mit schmerzverzerrtem Gesicht auf, deutete auf seinen linken Fuß und rief Greaper zu, der noch vom Auto aus gefragt hatte, ob er sich verletzt habe.

»Sehnenzerrung mindestens. Ich bin für Tage ein Krüppel! Ein verwünschtes Pech!«

Wir mussten ihn in die Mitte nehmen und stützen. Er hüpfte mühsam in die Vorhalle, wo Greaper ihm dann einen Stuhl bringen ließ. Gleich darauf erschien der Inspektor mit Master Simpson.

Ich hatte Warbatty nun doch verschiedentlich, wenn auch verkleidet zumeist, aus nächster Nähe betrachten können. Auch ich hätte geschworen, dass dieser Simpson der uns harmlos und höflich begrüßt hatte, Warbatty sei. Aber er war es nicht.

Lachend hielt er nun Harst seine linke Hand hin. Und die hatte fünf echte Finger. Daran war nicht zu deuteln.

»Sie sehen, Master Harst, Sie haben sich durch eine entfernte Ähnlichkeit täuschen lassen«, meinte er. »Für mich ist es nicht gerade angenehm, mit einem mehrfachen Mörder verwechselt zu werden. Na – ein reines Gewissen – und so weiter.«

Harst entschuldigte sich bei Simpson. »Mit diesem Warbatty habe ich eben stets Pech! Und jetzt noch diese Fußverletzung. Master Greaper, bitte, lassen Sie mich im Auto wieder zu Anderson bringen und schicken Sie mir einen Arzt, den Sie empfehlen können. Ich will recht bald wieder ganz auf Deck sein. Sonst entwischt uns Freund Cecil auf Nimmerwiedersehen!«

Als wir vor Andersons Heim anlangten, mussten zwei Diener Harst ins Haus tragen. Unsere Gastzimmer waren schon bereit. Sie lagen nach Norden zu, wo der Garten noch ein Stück den Berg in Terrassen emporklomm.

Der Arzt kam. Nach der Untersuchung des Fußes, bei der Harst verschiedentlich vor Schmerzen zusammenzuckte, erklärte der Doktor sehr ernst, dass gerade die fehlende Schwellung auf eine Sehnenzerreißung hindeute. Er verordnete völlige Schonung des Fußes und Umschläge.

Es war zehn Uhr. Wir hatten auf der Veranda zu Abend gegessen; Harst in seinem Liegestuhl. Nun wurde er in sein Zimmer getragen. Dann kam Anderson nochmals und brachte uns Zigarren, Zigaretten, Likör und Backwerk, falls wir noch aufbleiben wollten als Herzstärkung. Er sagte Harst gute Nacht, drückte ihm mitfühlend die Hand.

Und da geschah das Unerwartete. Ich stand dicht dabei, hörte ganz deutlich, wie Harst dem liebenswürdigen Kapitän zuflüsterte: »Verehrtester Gastgeber, besorgen Sie uns bitte sofort zwei Leinenanzüge, wie Ihre Diener sie gebrauchen. Aber ganz unauffällig. Ebenso zwei Turbane. Auch Ihre Gattin darf nichts davon wissen.«

»Sofort? Das hat doch wohl bis nach Ihrer Wiederherstellung Zeit«, meinte Anderson ahnungslos.

Ich war nicht so ahnungslos! Nein ich kannte meinen Harst! Urplötzlich war mir ein Licht aufgegangen! Ich erinnerte mich an Palermo, an Harsts glänzend durchgeführte Sterbekomödie!

»Es hat höchstens noch eine Stunde Zeit«, erklärte er nun dem braven Kapitän. »Mein Fuß ist nämlich genau so gesund wie der Ihre, und ich habe für diese Nacht noch einen kleinen Ausflug zum Matahu-Tempel vor.«

Anderson blieb der Mund offen stehen.

»Ich hoffe nämlich, dass es mir gelungen ist, den echten Warbatty zu täuschen«, fuhr Harst fort. »Er wird ohne Frage in dieser oder einer der folgenden Nächte in der Überzeugung, ich könnte ihm nicht in die Quere kommen, seinen hiesigen Plan zur Ausführung bringen. Er dürfte deshalb auch mehr denn je überrascht sein, wenn der fußkranke Harst ihm eine Revolverkugel androht, falls er nicht …«

Der Kapitän konnte nun nicht länger an sich halten. »Nein, Sie sind wirklich ein glänzender Schauspieler«, unterbrach er Harst. »Wenn ich mir überlege …«

»Bitte leiser! Und niemand darf merken, dass die Sehnenzerreißung Schwindel ist – niemand!«