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Der Fluch von Capistrano – Kapitel 7

Johnston McCulley
Der Fluch von Capistrano
New York. Frank A. Munsey Company. 1919
Ursprünglich in fünf Teilen in der All-Story Weekly ab der Ausgabe vom 9. August 1919 als Serie veröffentlicht.
Kapitel 7
Eine andere Art von Mensch

Don Carlos verlor keine Zeit, als er erneut auf die Veranda eilte. Da er zugehört hatte und daher wusste, was passiert war, versuchte er, den verlegenen Don Diego de la Vega zu besänftigen. Obwohl in seinem Herzen Bestürzung herrschte, schaffte er es, zu lächeln und den Vorfall auf die leichte Schulter zu nehmen.

»Frauen sind launisch und voller Fantasien, Señor«, sagte er. »Manchmal schimpfen sie über diejenigen, die sie in Wirklichkeit anbeten. Man kann nicht sagen, wie der Verstand einer Frau funktioniert, ja, sie kann es selbst nicht mit Überzeugung erklären.«

»Aber ich kann es kaum nachvollziehen«, keuchte Don Diego. »Ich benutze meine Worte mit Vorsicht. Ich habe nichts gesagt, was die Señorita beleidigen oder verärgern könnte.«

»Sie möchte umworben werden, nehme ich an, auf die übliche Art und Weise. Verzweifeln Sie nicht, Señor. Sowohl ihre Mutter als auch ich sind uns einig, dass Sie als ihr Gemahl ein passender Mann sind. Es ist üblich, dass ein Mädchen einen Mann bis zu einem gewissen Grad abwehrt und sich dann fügt. Das scheint die Kapitulation umso süßer zu machen. Vielleicht wird sie das nächste Mal, wenn Sie uns besuchen, zugänglicher sein. Da bin ich mir sicher.«

Daraufhin gab Don Diego Don Carlos Pulido die Hand, stieg auf sein Pferd und ritt langsam den Weg hinunter. Don Carlos drehte sich um, betrat sein Haus wieder und trat zu seiner Frau und Tochter, stand vor Letzteren mit den Händen auf den Hüften und betrachtete sie mit einer Art Kummer.

»Er ist der größte Fisch im ganzen Land!«, klagte Doña Catalina und betupfte ihre Augen mit einem zarten Tuch aus hauchdünner Spitze.

»Er hat Reichtum und Ansehen und könnte mein angeschlagenes Vermögen aufbessern, wenn er nur mein Schwiegersohn wäre«, erklärte Don Carlos, ohne den Blick vom Gesicht seiner Tochter abzuwenden.

»Er hat ein prächtiges Haus, daneben eine Hazienda, die besten Pferde in der Nähe von Reina de Los Angeles und ist der einzige Erbe seines wohlhabenden Vaters«, sagte Dona Catalina.

»Man flüstert von seinen Lippen in das Ohr seiner Exzellenz, des Gouverneurs, und ein Mann ist gemacht – oder nicht gemacht«, fügte Don Carlos hinzu.

»Er ist attraktiv …«

»Das gestehe ich Ihnen zu«, rief die Señorita Lolita aus, hob ihren hübschen Kopf und blickte sie tapfer an. »Das ist es, was mich wütend macht! Was könnte der Mann für ein Liebhaber sein, wenn er es wäre! Ist es etwas, das ein Mädchen stolz macht, wenn es sagt, dass der Mann, den sie heiratete, nie eine andere Frau ansah und sie deshalb nicht auswählte, nachdem er getanzt und geredet und in der Liebe mit anderen gespielt hatte?«

»Er zog dich allen anderen vor, sonst wäre er heute nicht ausgeritten«, sagte Don Carlos.

»Sicherlich muss ihn das ermüdet haben«, sagte das Mädchen. »Warum lässt er sich zum Gespött des Landes machen? Er ist ansehnlich, reich und talentiert. Er ist gesund und könnte all die anderen jungen Männer anführen. Aber er hat kaum genug Energie, sich selbst zu kleiden, das bezweifle ich nicht.«

»Das alles übersteigt meine Vorstellungskraft«, klagte die Dona Catalina. »Als ich ein Mädchen war, gab es so etwas nicht. Ein ehrenwerter Mann kommt und nimmt dich als Ehefrau …«

»Wäre er weniger ehrenhaft und mehr ein Mann, würde ich ihn vielleicht ein zweites Mal anschauen«, sagte die Señorita.

»Du musst ihn mehr als ein zweites Mal anschauen«, setzte Don Carlos mit einer gewissen Autorität in seiner Art und Weise ein. »Du kannst eine so gute Chance nicht wegwerfen. Denke darüber nach, meine Tochter. Sei in einer freundlicheren Stimmung, wenn Don Diego dir wieder einen Besuch abstattet.«

Dann eilte er zum Innenhof, unter dem Vorwand, mit einem Diener sprechen zu wollen, in Wirklichkeit aber, um sich der Szenerie zu entziehen. Don Carlos hatte in seiner Jugend bewiesen, dass er ein mutiger Mann war. Nun war er auch ein weiser Mann, und deshalb wusste er es besser, sich nicht an einem Streit zwischen Frauen zu beteiligen.

Bald war die Stunde der Siesta gekommen. Die Señorita Lolita ging in den Innenhof und setzte sich auf eine kleine Bank in der Nähe des Brunnens. Ihr Vater döste auf der Veranda, ihre Mutter in ihrem Zimmer und die Bediensteten waren über den Platz verstreut und schliefen ebenfalls. Aber Señorita Lolita konnte nicht schlafen, denn ihr Geist war beschäftigt.

Natürlich kannte sie die Lebensumstände ihres Vaters, denn er konnte sie schon seit einiger Zeit nicht mehr verstecken. Sie wollte ihn in bester Verfassung wiedersehen. Sie wusste auch, wenn sie Don Diego de la Vega heiratete, war ihr Vater wohlauf. Denn ein Vega würde die Verwandten seiner Frau nur in den besten Umständen wissen wollen.

Sie rief eine Vision von Don Diegos hübschem Gesicht vor sich auf und fragte sich, wie es wohl wäre, wenn es mit Liebe und Leidenschaft beleuchtet wäre. Es war schade, dass der Mann so leblos war, sagte sie sich. Aber einen Mann zu heiraten, der vorschlug, ihr einen Diener zu schicken, um ihr an seiner Stelle ein Ständchen zu bringen!

Das Plätschern des Wassers im Brunnen wiegte sie in den Schlaf. Sie kauerte sich an einem Ende der Bank zusammen, die Wange auf eine winzige Hand gepolstert, das schwarze Haar zu Boden fallend.

Plötzlich wurde sie durch eine Berührung am Arm geweckt, richtete sich schnell auf und hätte geschrien, wenn nicht eine Hand gegen ihre Lippen gepresst worden wäre, um sie daran zu hindern.

Vor ihr stand ein Mann, dessen Körper in einen langen Umhang gehüllt und dessen Gesicht mit einer schwarzen Maske bedeckt war, sodass sie von seinen Zügen nichts sehen konnte außer seinen glitzernden Augen. Sie hatte gehört, wie Señor Zorro, der Wegelagerer, sie beschrieb, und sie ahnte, dass er es war. Ihr Herz hörte fast auf zu schlagen, so sehr fürchtete sie sich.

»Seien Sie still, und Ihnen wird kein Leid zugefügt, Señorita«, flüsterte der Mann heiser.

»Sie … Sie sind …«, fragte sie atemlos.

Er trat zurück, entfernte seinen Sombrero und verbeugte sich tief vor ihr.  »Sie haben es erraten, meine bezaubernde Señorita«, sagte er. «Ich bin bekannt als Señor Zorro, der Fluch von Capistrano.«

»Und Sie sind hier…«

»Ich will Ihnen nichts Böses, dieser Hazienda nichts Böses, Señorita. Ich bestrafe diejenigen, die ungerecht sind, und Ihr Vater ist das nicht. Ich bewundere ihn sehr. Eher würde ich diejenigen bestrafen, die ihm Böses antun, als ihn anzurühren.«

»Ich … Ich danke Ihnen, Señor.«

»Ich bin müde, und die Hazienda ist ein ausgezeichneter Ort zum Ausruhen«, sagte er. »Ich wusste auch, dass es die Stunde der Siesta ist, und dachte, alle würden schlafen. Es war eine Schande, Sie zu wecken, Señorita, aber ich hatte das Gefühl, dass ich Sie sprechen muss. Ihre Schönheit würde die Zunge eines Mannes in der Mitte zerteilen, sodass beide Enden frei wären, um Ihnen ein Loblied zu singen.«

Señorita Lolita hatte die Anmut, zu erröten.

»Ich wünschte, meine Schönheit würde andere Männer so beeinflussen«, sagte sie.

»Und tut sie das nicht? Liegt es daran, dass es der Señorita Lolita an Verehrern mangelt? Aber das kann doch nicht sein!«

»Ist es doch so, Señor. Es gibt nur wenige, die mutig genug sind, sich mit der Familie von Pulido zu verbünden, da sie bei den Mächten in Ungnade gefallen ist. Es gibt nur einen Bewerber«, fuhr sie fort. »Aber er scheint nicht viel Leben in sein Werben zu stecken.«

»Ha! Ein Nachzügler in der Liebe – und das in Ihrer Gegenwart? Was plagt den Mann? Ist er krank?«

»Er ist so wohlhabend, dass er denkt, er müsse nur darum bitten, und eine Jungfrau wird ihn heiraten.«

»Was für ein Schwachkopf! Das Umwerben gibt der Romantik die Würze«.

»Aber Sie, Señor! Jemand könnte Sie hier antreffen! Sie könnten gefangen genommen werden!«

»Und wollen Sie nicht, dass ein Wegelagerer gefangen genommen wird? Vielleicht würde es das Schicksal Ihres Vaters verbessern, wenn er mich fangen würde. Der Gouverneur ist sehr verärgert über meine Geschäfte, wie ich höre.«

»Sie sollten besser gehen«, sagte sie.

»In Ihrem Herzen spricht die Barmherzigkeit. Sie wissen, dass eine Gefangennahme meinen Tod bedeuten würde. Aber ich muss es riskieren und eine Weile bleiben.«

Er setzte sich auf die Bank, und Señorita Lolita ging so weit weg, wie sie konnte, und begann dann, sich zu erheben.

Aber Señor Zorro hatte das vorausgesehen. Er ergriff eine ihrer Hände. Bevor sie seine Absicht erraten konnte, beugte er sich vor, hob den unteren Teil seiner Maske an und presste seine Lippen auf seine rosa, feuchte Handfläche.

»Señor!«, rief sie und zuckte ihre Hand weg.

»Es war gewagt, doch ein Mann muss seine Gefühle ausdrücken«, sagte er. »Ich habe nicht mehr als Vergebung empfunden, hoffe ich.«

»Gehen Sie, Señor, sonst werde ich schreien!«

»Und mich hinrichten lassen?«

»Sie sind nur ein Dieb der Landstraße!«

»Und doch liebe ich das Leben wie jeder andere Mann.«

»Ich werde schreien, Señor! Es gibt eine Belohnung für Ihre Ergreifung.«

»Solch hübsche Hände würden mit Blutgeldern nicht umgehen.«

»Geht!«

»Ah, Señorita, Sie sind grausam. Ein Anblick von Ihnen lässt das Blut in den Adern eines Mannes pulsieren. Ein Mann würde gegen eine Horde kämpfen, wenn Ihre süßen Lippen es verlangen.«

»Señor!«

»Ein Mann würde zu Ihrer Verteidigung sterben, Señorita. Diese Anmut, diese frische Schönheit.«

»Zum letzten Mal, Señor! Ich werde schreien – und Ihr Schicksal liegt auf Ihrem eigenen Kopf!«

»Noch einmal Ihre Hand – und ich gehe.«

»Das darf nicht sein!«

»Dann sitze ich hier, bis sie kommen und mich holen. Ohne Zweifel werde ich nicht lange warten müssen. Ich verstehe, dass der große Sergeant Gonzales auf der Fährte ist und vielleicht eine Spur von mir entdeckt hat. Er wird Soldaten bei sich haben…«

»Señor, aus Liebe zu den Heiligen …«

»Ihre Hand.«

Sie drehte sich um und gab sie ihm. Noch einmal drückte er seine Lippen auf die Handfläche. Und dann fühlte sie, wie sie langsam gedreht wurde, und ihre Augen schauten tief in seine. Eine Erregung schien sie zu durchdringen. Sie merkte, dass er ihre Hand festhielt, und sie zog diese weg. Dann wandte sie sich ab und lief schnell über die Terrasse und ins Haus.

Ihr Herz klopfte ihr in der Brust, und sie stand hinter den Vorhängen an einem Fenster und sah zu. Señor Zorro ging langsam zum Brunnen und bückte sich, um zu trinken. Dann setzte er seinen Sombrero auf, schaute einmal zum Haus und schlich sich davon. Sie hörte in der Ferne die galoppierenden Hufe eines Pferdes verstummen.

»Ein Dieb, aber ein Mann!«, hauchte sie auf. »Wenn Don Diego nur halb so viel Schneid und Mut hätte!«

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