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Hannikel – 9. Teil

Christian Friedrich Wittich
Hannikel
oder die Räuber- und Mörderbande, welche in Sulz am Neckar in Verhaft genommen und daselbst am 17. Juli 1787 justifiziert wurde
Verlag Jacob Friderich Heerbrandt, Tübingen, 1787

Die weiteren Diebstähle, welche Hannikel im Verhör zugab, berühre ich, um den Leser nicht zu ermüden, nur ganz kurz.

• Zu Strueth bei Lüzelstein half er im Mai 1777 mit seinen beiden Brüdern und 12 anderen Kameraden, den Juden Süßkind Kaan bei Nacht bestehlen, große Grausamkeiten an ihm und seiner ganzen Familie ausüben und ihm einen Schaden von 1070 fl. 49 kr. zufügen

• Zu Ibenhausen, Baron von Liebensteinischer Herrschaft brach er im Juni 1784 dem dortigen Schreiner Albrecht ein und entwendete ihm an Geld und Geldwert vor 167 fl. 37 kr.

• Zu Zaberfeld galt es auf gleiche Weise dem dortigen Schutz-Juden Salomon Jakob mit 66 fl. 37 kr.

• Zu Hechingen dem Juden Moises Bernheim mit 339 fl.

• Zu Plüderhausen, Schorndorfer Oberamt, dem Bauern Friedrich Kommel 83 fl. 57 kr.

• Eben dort der Witwe Katharina Biedlingmaierin 22 fl. 12 kr.

• Zu Neuweiler, Calwer Oberamt, fünf Bürgern zugleich 51 fl.

• Zu Aufhausen, Gräfl. Balderischer Herrschaft, dem dortigen Juden Löw 27 fl. 49 kr.

• Zu St. Christophsthal bei Freudenstadt dem Walker Jeremias Weikhardt 86 fl.

• Zu Herzogweiler aus einem Waschzuber vor 4 fl. 56 kr.

• Zu Untermusbach der Witwe Magdalena Hartmännin 28 fl. 36 kr.

• Zu Connweiler, Neuenburger Oberamt, dem Bauer Andreas Faut 55 fl.

• Zu Schielberg, Frauenalber Amt, der Witwe Agnes Reichertin 23 fl. 1 kr.

• Eben dort der Witwe Anna Maria Siegwartin 2 fl. 10 kr.

• Zu Heinßheim, einem Kondominial-Ort von dem deutschen Orden und dem Freiherrn von Rakeniz; dem Strauswirt Kasper Gilpert 150 fl. 47kt.

• Zu Emberg, bei Teinach, dem Bauer Michael Stoll 5 fl. 20 kr.

• Zu Aichhalden, bei Calw, einem Bauern 21 fl.

• Zu Bitsch in Lothringen von einer Tuchbleiche 3 St. Tuch

Am 29. Oktober 1783 brachen Hannikel, Bruder, Belliani und Calmani zu Calw in der dortigen Walk ein und entwendeten an verschiedenen Tuchsorten vor 83 fl. 42 kr.

Der dortige Walker, Jakob Friedrich Walter, verlor seinen Dienst darüber, der Argwohn fiel auf seine eigenen Söhne, und man verurteilte ihn zum Schadenersatz. Wie sehr muss es diesen an seiner Ehre so gewaltig angetasteten Mann freuen, dass seine Unschuld so überzeugend an den Tag kam.

Hannikels Anteil an diesem Diebstahl ist ihm durch Herrn Oberamtmann Schäfer in Sulz und durch die Beihilfe des Obervogtei-Amts zu Weidenburg mit 25 fl. 20 kr. wieder zu Händen geschafft worden.

Vor 14 Jahren bestürmte Hannikel mit 21 Kameraden zu Bliesbruck, nach Zweibrücken gehörig das Haus des dortigen Juden, Abraham Kahns und raubte demselben nach ausgeübten vielen Grausamkeiten nicht nur 800 f. an Bargeld, sondern auch 2120 fl. an verschiedenen Pretiosen, sodass der ganze Diebstahl 2920 fl. ausmachte.

Überhaupt aber belaufen sich Hannikels eingestandene Diebstähle, die er an Produkten aller Art, an Geld, Gold, Silber, Kleinodien, Kleider, Weißzeug, Tuch, Fleisch, Brot, Käse, Bienen, Schafen, Gänsen und dergleichen beging, nach pflichtmäßiger Berechnung auf die große Summe von 41.614 fl. 41 kr.

Es ist sehr leicht zu vermuten, dass dies kaum der dritte Teil von all demjenigen ist, dessen sich der verderbliche Elende in seinem Leben schuldig gemacht hat.

Inzwischen erkennt man schon hieraus den großen Bösewicht zur Genüge und kann sehr leicht den Schluss auf die vielen Kränkungen und den enormen Schaden machen, den derselbe so viele Jahre hindurch von so mancher Seite her dem Publikum zufügte.

Er suchte Wollust darin, sich in dem sauren Schweiß seiner Mitmenschen zu baden, und lachte frech, wenn Witwen und Waisen über ihn seufzten. Wenn er durch seine Teufelslarven und barbarischen Traktamente die Leute dergestalt abängstigen und misshandeln konnte, dass sie noch im Leben zum Skelett wurden und zum frühen Grab hin wankten.

Doch ist dasjenige, was von Hannikels gottlosen Taten hier steht, noch lange nicht das ärgste. Frevelhafter noch und schauervoller ist der Mord, womit er und seine Gehilfen ihre schon an geschwärzten Seelen vollends dick mit Pech überzogen.

Die tragische Geschichte davon ist folgende:

Unter den Herzogl. Württembergischen Grenadiers-Cheval befand sich ein junger rüstiger, gutaussehender Mann von etlich und 30 Jahren. Sein Name war Christoph Pfister. Er war in voriger Zeit nicht nur mit den Zigeunern bekannt, sondern hatte auch ihre Lebensart erwählt und getrieben und nachher von ihnen den Gesellschaftsnamen Toni bekommen.

Die Reinhardt’sche Familie blieb ihm nicht fremd. Er ging bei derselben ein und aus. Einmal geschah es, dass er sich in die Mantua sterblich verliebte. Diese Mantua war von Geburt eine Zigeunerin des auf Lebenslang zu Hohentwiel auf der Festung sitzenden Erzbösewichts Leonhardts leibliche Tochter, Wenzels Beischläferin und also Hannikels Schwägerin.

Er entdeckte ihr seine Neigung und machte ihr Vorschläge zur Entführung. Sie willigte sogleich in seinen Rat, verlies ihren bisherigen Beihalter und 3 Kinder ohne Bedenken und war von nun an Tonis Gefährtin.

Dieser Vorgang war nun vor Wenzel kein Posse. Viele Jahre hatte er mit der Mantua hingelebt, Kinder mit ihr gezeugt und sie durch ihr schlaues einträgliches Wahrsagen und sonstige Diebereien sehr tauglich in seinen Kram gefunden.

Da sie sich nun auf einmal heimlich von ihm entfernte und ihm ihre 3 Kinder treulos sitzen ließ, so wurde er dermaßen aufgebracht, dass er mit auf den Boden stampfenden Füssen und geballten Fäusten dem Toni Rache drohte. Er ging in seiner Wut so weit, dass er ihm den Tod schwor und noch obendrein glaubte, er habe nach den Zigeunergesetzen ein Recht dazu.

Seit dieser Zeit waren Wenzel und Toni immer Todfeinde. Hannikel und die Übrigen vom Komplott bestärkten jenen in seinem Vorsatz. Toni erfuhr solches und ging seinen Gegnern aus dem Weg, wo er konnte. Er versah sich auch sogleich mit einem Pistol und Seitengewehr, um sich ihnen im nötigen Fall zur Gegenwehr stellen zu können.

Sechseinhalb Jahre liefen vorbei und es blieb immer bei den leeren Drohungen, ohne dass dem Toni ein Haar gekrümmt worden wäre.

Mittlerweile entleidete ihm das Zigeunerleben. Er verließ solches und erwählte sich den Soldatenstand. In den letzten anderthalb Jahren war er Grenadier a Cheval bei Württemberg und man war sehr wohl mit seinen Diensten zufrieden.

Je und je bekam er Urlaub und alsdann ging er mit seiner Mantua aufs Land und hatte mit ihr Porcellain fail.

Auf einem solchen Marsch traf es sich einmal unversehens, dass er und Hannikels Stieftochter Ursula Geßlauerin eine einundzwanzigjährige muntere Dirne auf freiem Feld zusammenkamen. Ob es bloß Leichtsinn war, dass er sich mit ihr allzu genau bekannt machte, oder ob er glaubte, sich dadurch mit ihren Anverwandten wieder auszusöhnen, lässt sich nicht so gerade zu bestimmen. Wenigstens erreichte er diese Absicht nicht. Die Ursel schien sich zwar an ihn zu hängen und lief nachher manchmal einen halben, oft einen ganzen Tag mit ihm. Es war aber bloße Verstellung.

Nun geschah es, dass sie einmal miteinander auf dem Gaisbühlhof bei Reutlingen Herberge nahmen. Sie vertrieben sich die Zeit durch Zoten und Schwelgereien. Beim Weggehen verabredeten sie sich zu einer neuen Zusammenkunft am nahen Viehhäuslein auf den folgenden Tag gegen die Abenddämmerung hin. Toni gab der Ursel Wegweisung wo sie sich mittlerweile hinbegeben und aufhalten solle. Allein kaum waren sie einander aus den Augen, so lief sie mit schnellen Schritten ihren Leuten zu, deren sie etliche zu Untersulz, die anderen aber zu Holz-Sörlingen gelassen hatte.

Sie kam zuerst nach Untersulz und traf dort den Wenzel, Postel und Duli mit ihren Frauen und der Großmutter, der alten Greisin an.

»Und woher denn so schnell«, sagten diese zu ihr, »du hast dich ja ganz aus dem Atem gelaufen?«

»Ich komme soeben vom Gaisbühlhof«, erwiderte sie, »habe dort den Toni gesprochen, und auf morgen Abend wieder eine Zusammenkunft beim dortigen Viehhäuslein verabredet.« Sich zu den Mannsleuten hinwendend: »Eine erwünschte Gelegenheit für Euch. Da könnt ihr ihn haben, wann ihr wollt – und Schufte seid ihr alle, wenn ihr ihn diesmal nicht packt.«

Diese Nachricht, die ihnen Ursel mit fröhlichen Gebärden und lachender Stimme gab, machte in ihren Herzen nicht wenig Eindruck und Freude. Doch getrauten sie sich nicht, die Sache auf ihre eigene Faust auszuführen. Chef Hannikel sollte für sie entscheiden. Spornstreichs eilten sie zu ihm nach Holzgerlingen, um seine Meinung einzuholen. Kaum hatten sie ihre Sachen bei ihm angebracht, so war schon resolviert, von dieser guten Gelegenheit Gebrauch zu machen und dem Toni den schon längst gedrohten empfindlichen Streich zu versetzen.

»Eilt, Brüder«, rief Hannikel, »ich und Nottele begleiten euch! Lassen wir dieses Mal den Vogel aus der Hand, so kriegen wir ihn so bald nicht wieder.«

Sogleich steckten sie ihre Gewehre zu sich und machten sich marschfertig. Unterwegs beratschlagten sie sich lange, was sie auch mit dem verratenen Toni anfangen wollten. Einige votierten aufs Entzweischlagen von Arm und Bein, Hannikel hingegen erklärte sich für das Nasenabschneiden und Flügel vom Leib hauen. Alle aber waren darin miteinander einig, dass sie ihn, wenn er die Flucht ergreifen sollte, niederschießen wollten.

Duli und Wenzel tauschten nun auch ihre Gewehre. Duli gab dem Wenzel seinen Hirschfänger und dieser dem Duli seinen Terzerol. Ein jeder unter ihnen schnitt sich auch noch einen dicken Prügel im Wald.

Ausgerüstet mit diesen mörderischen Waffen, rannten sie dem Ort entgegen, der ihnen zur Abkühlung ihrer Wut der tauglichste schien.

Der unglückliche Abend kam herbei, die blutige Szene sollte eröffnet werden.

Es war am 4. April vorigen Jahres zwischen 6 und 7 Uhr. Schon hatte sich die graue Dämmerung über die ganze Gegend gezogen. Die Mordsüchtigen erreichten noch vor dem Toni das Viehhäuslein am Gaisbühlhof. Die Weibsleute, die sie bei sich hatten, ließen sie im Wald zurück.

Nur die Ursel wurde von ihnen beordert, voran und dem Toni eine kurze Strecke entgegen zu gehen.

Hannikel, Wenzel und Nottele rutschten auf dem Bauch hinter das Häuslein hin, um, falls der Verratene schon da sein sollte, nicht von ihm bemerkt zu werden.

Duli, Postel und Bastardi nahmen ihren Weg seitwärts, um ihn in die Mitte zu bekommen.

Noch war der Unglückliche nicht angekommen; aber in weniger als einer halben viertel Stunde lief er mit ernster Miene und ganz langsamen Schritten den Fußweg herauf.

Ursel bewillkommte ihn mit einer erzwungenen Freundlichkeit. Toni hingegen erwiderte solche mit einem finsteren Gesicht und bitteren Vorwürfen, weil sie ihm nicht einen weiteren Weg entgegen gegangen war.

Noch ehe sie sich hierüber wieder vereinigt hatten, unterbrach sie Tonis Hund, der seine Ohren spitzte, mit den vorderen Füßen immer in die Höhe hüpfte und gewaltig zu bellen anfing.

In diesem Augenblick kam der Getäuschte aus seiner wollüstigen Betäubung zu sich und fing an, ein nahes Unglück zu wittern. Furcht und Schrecken bemeisterten sich seiner Seele. Er fragte die Ursel, sich rechts und links ängstlich umsehend, was das zu bedeuten hätte und ob jemand in der Nähe sei.

»Wer wird wohl auch da sein, lieber Toni«, antwortete sie, »du hast nichts zu besorgen.« Sie lockte dem Hund und versuchte ihn wieder ruhig und sicher zu machen.

Während diesem kurzen Gespräch waren Hannikel, Wenzel und Nottele diesen beiden auf allen vieren entgegengekrochen. Nun, da sie glaubten, dass ihnen Toni nicht mehr entkommen werde, sprangen sie vom Boden auf und pfeilschnell auf ihn los.

Kaum hatte ihn Hannikel erreicht, als er seinen Terzerol auf ihn abdrückte. Allein weder dieser noch des Tonis Pistol, womit er Hannikels Bewillkommung in der Geschwindigkeit erwidern wollte, gingen los.

Nun wollte sich der arme Toni durch Flucht retten. Allein wie der schüchterne Hase, wenn ihm viele gut abgerichtete Hunde nachsetzen, aller seiner Seitensprünge ungeachtet doch endlich eingeholt und überrumpelt wird, so ging es auch hier dem Entflohenen. Ehe er es sich versah, war Duli hinter ihm. Auch dieser hätte ihm durch einen Terzerolschuss auf immer Halt gemacht, wenn ihm sein Gewehr nicht versagt hätte. Er warf es daher unwillig auf die Seite, packte den Toni mit den Klauen eines Löwen beim Haarzopf und wollte ihn zu Boden reißen. Vielleicht hätte er ihn nicht übermannt, aber Hannikel, der nun auch herbeigeeilt war, gab dem Hilflosen mit einem beinahe armdickten Prügel einen zerschmetternden Streich vorn auf den Kopf, dass er halb ohnmächtig niedersank.

Noch einmal glückte es ihm, in die Höhe zu kommen. Nun versetzte ihm aber Duli aufs Neue mit einem stuhlfußdicken gebähten Prügel zwei sehr harte Streiche auf die Rückwand des Kopfs, von welchen solcher einen zwei Zoll langen, sehr tiefen Sprung bekam und der Bedauernswürdige kraftlos hinter sich auf die Erde fiel. Das Entsetzen hatte ihm die Sprache genommen. Er war unfähig um Hilfe zu rufen, nur lange Seufzer zitterten seine enge Kehle herauf.

Kaum lag er auf dem Boden, als der dicke Hannikel mit dem einen Fuß über ihn hinüberstieg, sich mit all seiner Schwere unbeholfen auf ihn setzte, grimmig, wie die Rachsucht selbst, seine Hände hielt und nun mit der Stimme eines Teufels ausrief: »Hund entkomme, wenn du kannst! Allo, ihr Kameraden! Ein jeder unter euch versuche sein Heil!«

Wenzel, schon hierzu parat, holte mit seinem Hirschfänger weit aus und versetzte dem Ohnmächtigen drei unbarmherzige Hiebe über den Kopf, wodurch er ihm das Stirnbein an zwei verschiedenen Orten voneinander gehauen hatte.

Der so sehr misshandelte Toni wusste sich übermannt von seinen Feinden. Durchdrungen von den peinlichsten Schmerzen, nicht anders zu helfen, als dass er seine linke Hand, die ihm Hannikel wieder los ließ, über die Stirn hielt. Allein Wenzel, der Barbar, brachte ihm auch an derselben einen solchen schweren Hieb bei, dass durch denselben die Nerven ganz entzweigeschnitten wurden; so wie ihm eben derselbe auch den Kaumuskel wahrscheinlich zu gleicher Zeit gespalten hatte.

Hannikel, der noch immer auf Toni saß oder lag, hatte sich durch all dasjenige, was bisher Grausames an ihm verübt worden war, so gar nicht rühren lassen, dass er sich vielmehr an seinem blutigen Anblick weidete. Er hielt es vor Schande, der Menschlichste unter den Unmenschen zu sein. Er griff daher in die Tasche, zog sein Schnappmesser hervor, um seinen längst schon gefassten satanischen Vorsatz zu vollziehen, und schnitt dem schon so hart mitgenommenen und gepeinigten Toni die Nase samt deren halben Rückwand und die ganze Oberlippe weg.

Auch der Bösewicht Nottelen wollte zeigen, dass er nicht minder Unempfindlichkeit habe, denn er schlug dem Verratenen nicht nur das vordere Schienbein, sondern auch das Wadenbein und also den linken Fuß mit einem Prügel unterhalb rund ab, währenddessen, dass Bastardi ihm Streiche mit einem Stecken gab, und Dieterlen der 12-jährige erzböse Bube des Hannikels gleich darauf einen Hut voll Wasser, vermutlich aus einer nahen Mistpfütze ihm über seine Wunden hinuntergoss, welches ihm wie Toni nachgehend selbst noch sagte, die allerpeinlichsten Schmerzen verursachte.

Noch würde das schauervolle Schauspiel nicht beendet worden sein, hätte nicht Wenzel seinen Stock über den Gemarterten hingehalten und ernstliche Vorschläge zum Frieden gemacht. Die ruchlosen Mörder liefen nun auseinander.

Duli und Wenzel begaben sich mit noch einigen auf den Gaisbühlhof, wo sich die Mantua auch befand, ohne zu wissen, was sich in der Nähe mit ihrem Mann zugetragen habe.

Hannikel verweilte noch eine Zeitlang mit den Übrigen beim verunglückten Toni. Noch soll ihm dieser seine Hand zitternd hinaufgestreckt, mit seinen blutigen Augen erbärmlich angeblickt und aus seinem halben Mund mit lallender, aber doch noch, wie Hannikel selbst sagte, vernehmlicher Stimme um Verzeihung gebeten haben. Allein der Verstockte, anstatt sich solches nahegehen und Merkmale der Reue und der Versöhnlichkeit von sich blicken zu lassen, gab ihm noch etliche Rippenstöße mit den Füßen und lief auch davon.

In dieser erbärmlichen Lage blieb der verstümmelte Toni, ohne sich von der Stelle wegwälzen zu können, auf dem nassen und kalten Boden liegen, verblutete und fing an, mit dem Atem zu ringen. Die Nacht war nun völlig eingebrochen und keine Seele in der Nähe, die sein klägliches Gewinsel gehört hätte, und ihm zu Hilfe gekommen wäre. Er wollte sich etliche Male aufrichten, aber der linke Fuß war nicht mehr vom Platz zu bringen und die abgeschlagene linke Hand versagte ihm auch ihren Dienst. Er konnte sich nicht mehr mit derselben aufstützen. Er sank also in bleierner Ermattung wieder auf sein hartes Lager hin. Da seine Lebensgeister durch den starken Abgang des Blutes sehr geschwächt wurden, so wusste er lange nichts mehr von sich, bis der nach Mitternacht gefallene starke Reif tief in seine Wunden biss und ihn zum neuen Gefühl namenloser Schmerzen aus seiner Betäubung weckte.

Erst morgens um fünf Uhr fand man ihn und brachte ihn auf dem benachbarten Gaisbühlhof. Noch war er am Leben, war sich gegenwärtig, konnte seine Mörder mit Namen nennen und von seinen Umständen Nachricht geben.

Man machte sogleich bei einem Löbl. Magistrat in Reutlingen die erforderliche Anzeige von diesem tragischen Vorfall. Der sterbende Toni sollte auf dessen Befehl nach Reutlingen transportiert werden. Man legte ihn zwar noch lebend auf den Karren, allein seine Schmerzen nahmen zusehends überhand. Eine Todesschwäche folgte der anderen und er fing zu röcheln an. Ehe man noch die Tore der Stadt mit ihm erreichte, es war nachmittags um drei Uhr, sank sein Kopf hinter sich auf die rechte Schulter und Toni verschied.

Die Ärzte besichtigten nachgehend seine Wunden. Sie entdeckten außer den oben beschriebenen noch mehrere. Auch waren die meisten Finger und der rechte Fuß verletzt. Bei der Abnahme der Hirnschale fand man das harte und weichere Hirnhäutlein, auf welches die Hiebe hineindrangen, sowie auch das kristallene Häutlein im Auge tödlich entzündet, welches sehr wahrscheinlich die allerheftigsten Schmerzen erweckten und das unvermeidliche Lebensende des Verunglückten nach sich ziehen musste.

Tonis erbärmliches Schicksal war also entschieden. Aber nun sollte seiner Mörder das ihre sich auch entwickeln. Sie fingen an, unstet und flüchtig zu werden. Das Bild des Entleibten schwebte ihnen in seiner abgeschundenen Gestalt vor den Augen und der Gedanke, dass sie verraten werden könnten, bettete ihnen auf Dornen. Es reute sie nicht sowohl die Tat selbst als vielmehr ihre Unvorsichtigkeit, dass sie den Ermordeten nicht aus dem Weg geräumt und in eine Grube verscharrt hätten. Einige schlichen bei Nacht und Nebel aus dem Land hinaus der Schweiz zu; und die anderen versprachen, dahin nachzukommen. Sie rissen auch die Mantua mit Gewalt mit sich fort, ohne ihr etwas von ihrem Verfahren mit ihrem Mann zu entdecken. Schon donnerte Gottes Rache von Ferne hinter ihnen her.

Da Toni seine Mörder noch alle mit Namen angeben konnte, so wurden solche sogleich von einem Löbl. Magistrat in Reutlingen durch Steckbriefe allenthalben bekannt gemacht. Bald stand die an dem Herzoglichen Grenadier a Cheval Pfister verübte unerhörte Grausamkeit in allen öffentlichen Blättern und war das einzige Gespräch in den Schenken und auf der Gasse.

Inzwischen war hierbei niemand aufmerksamer als Herr Oberamtmann Schäfer in Sulz.

Während seiner ganzen siebenjährigen Amtsführung war überhaupt die Ausrottung und Abtreibung des dem Publiko an Leib, Leben und Gütern so schändlichen Gauner-, Zigeuner- und anderen Diebgesindels mit dem besten Erfolg einer der vorzüglichsten Gegenstände seiner Bemühungen, wovon er nicht nur ihm anvertraute Oberamt sondern vielmehr die Ruhe und Sicherheit des ganzen Landes zum Augenmerk hatte. Er wandte deswegen auch nun alles an, um diese verruchte Mörderbande auszukundschaften und ihrer habhaft zu werden.

Es fand sich hierzu ein halb gebahnter Weg. Ein benachbarter braver Mann sagte ihm, dass sich der Zigeuner Matthes Reinhardt und sein Bruder Hanß Jerg, denen ihre bisherige schlechte Lebensart entleidet zu sein scheine, hätten verlauten lassen, dass, wenn man ihnen den benötigten Unterhalt vor die Zukunft geben würde, sie die ihnen wohlbekannte Missetäter gewiss ausspionieren und vor deren Arretierung beinahe gutsprechen wollten.

Herr Oberamtmann Schäfer machte hierüber die untertänigste Anfrage bei der höchsten Behörde und erhielt Befehl, von diesem Vorschlag Gebrauch und mit Matthes und Hanß Jerg sogleich einige Versuche zu machen.

Diese beiden Zigeuner waren, nachdem man ihnen hinlängliche Belohnung versprochen hatte, ihrer gegebenen Parole getreu. Der Erstere schickte nicht nur etliche von seinen Leuten zur Aufsuchung der Mörder über den Rhein, sondern führte auch acht Tage darauf den vom 17. auf den 18.  Mai vorigen Jahres in der Gegend von Nagold veranstalteten Streif selbst an, wobei in einem Wald nahe des Ebershardt durch dessen Beihilfe die Frankenhaußen Käther, Hannikels Beischläferin mit ihren Töchtern Ursula, Mariane, Legarde und Justine, Dostels Weib, nächtlicher Weile aufgehoben, nach Nagold gebracht, sodann aber auf höchsten Bescheid zur Inquisition nach Sulz ausgeliefert wurden.

Herr Oberamtmann Schäfer veranstaltete nachgehend noch mehrere Streife. Er hatte Leute bei sich von ausgezeichneter Herzhaftigkeit. Im Notfall würde immer ein Mann vor drei gestanden sein. Es glückte ihm auch mit denselben in der Gegend von Hohen-Staufen, 27 Personen einzufangen, welche dem Oberamt Göppingen übergeben wurden.

Als er nun in Begriff war, noch mehrere Versuche von der Art vorzunehmen, erhielt er von dem Kriminaltribunal D. Bawier zu Chur in Graubünden drei Zuschriften nacheinander, worin ihm derselbe nicht nur Nachricht gab, »das am 3. August vorigen Jahres eine sehr verdächtige Zigeunerbande zu Zizers in Verhaft genommen worden war, unter denselben vier von den Mördern des Grenadier a Cheva Pfisters wirklich befänden und dass man erbötig sei,  solche auf Verlangen an Württemberg auszuliefern.«

Herr Oberamtmann Schäfer machte bei der höchsten Behörde ungesäumt die untertänigste Anzeige hievon. Das freiwillige Anerbieten des Tribunals wurde gnädigst angenommen und diebhöchste Ordre dahin erteilt, dass er sich mit der erforderlichen Mannschaft schleunigst nach Chur begeben, die Mörderbande dort übernehmen und sie wohlverwahrt nach Sulz liefern solle, damit die Rechte der heiligen Justiz an ihr vollzogen werden konnten.

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